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Afraja König von Lappland

Theodor Mügge: Afraja König von Lappland - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorTheodor Mügge
titleAfraja König von Lappland
publisherOtto Maier Verlag
illustratorEberhard Binder-Staßfurt
isbn3473395293
year1979
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090223
projectidbb9f0bdf
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Erstes Kapitel

Der Eintritt in eine neue Welt

Hoch nach dem Norden Europas sollt ihr mir dieses Mal folgen. – Welche Welt des Schreckens und des Schweigens liegt hier verborgen! Unter welchen Schauern erzittert das Herz des einsamen Wanderers, wenn er durch diese öden Fjorde Bezeichnung für tiefe und steile Schluchten an Festlands- oder Inselküsten Skandinaviens. und Sunde irrt, wo sich das Meer zwischen düsteren, schneegekrönten Felsen in ungangbare Klüfte und Höhlen verliert. Welch banges Staunen begleitet ihn, wenn sein Schiff durch diese Unermeßlichkeit von Klippen, gigantischen Blöcken und schwarzen granitenen Mauern dahingleitet, die einen mehrere hundert Meilen langen, furchtbaren Felsgürtel um die Küsten Norwegens schlingen.

Zwar sind auch jene schrecklichen Einöden von menschlichen Wesen bewohnt, doch nur spärlich sind sie darüber ausgestreut. Auf Felsen und über Sümpfe müssen sie umherziehen, ewig wandernd mit dem wandernden Renntier, das sie nährt. Nur in Buchten und Spalten am Meeresufer können sie einsam und getrennt wohnen und den Fischen nachstellen, unter tausend Ängsten und Mühen. Dort am Ufer wohnt auch der Kaufmann und der Fischer von nordländischem Geschlecht, und neben ihnen haben sich Quäner Quäner nennt man die Finnen in Norwegen. und Lappen angesiedelt. Über ihnen aber auf den schneeigen Alpen treibt der Waldlappe seine Milchkühe mit zackigen Geweihen, und wenn er den Wolf und den Bär jagt, donnert der Knall seiner Büchse aus den düsteren Meeresbuchten wider. Und immer wilder und einsamer wird es, je weiter das Schiff nordwärts dringt. Auf viele Meilen kein Haus, kein Feuerplatz, kein Segel, das uns entgegeneilt, kein Boot mit Angeln und Netzen. Seehunde wälzen sich spielend vor dem Schiffe her, der Walfisch spritzt seinen Wasserstrahl in die Lüfte; Möwenschwärme stürzen aufziehende Heringsscharen. Taucher und Alken springen schreiend von den Klippen; über die schaumigen Wogen flattert der Eidervogel, und hoch oben in den reinen scharfen Lüften umkreist ein Adlerpaar sein Felsennest. –

Es sind nun mehr als zweihundert Jahre vorübergegangen, als an einem trüben Märzmorgen ein großes Fahrzeug durch diese wunderbaren Felsengewinde steuerte. Das Schiff war eine Nordlandsjacht der stärksten Art, wie sie noch heute vom äußersten Kap herunter nach Bergen fahren, dorthin ihre Fische und ihren Tran bringen und nach der Heimat, vollgepackt mit allem möglichen Lebensbedarf, zurückkehren. Aus der Mitte des Fahrzeugs ragte der stumpfe Mast auf; vorn lief der Bug zu merkwürdiger Höhe, hinten stand ein Kajütenhaus, wo an starken Pfosten und Eisenringen die Ecke des gewaltigen Segels befestigt war, unter dessen Druck die Jacht rauschend die Wogen durchschnitt. Als der Tag höher heraufstieg, lichteten sich die kalten Nebel und endlich lief ein matter, schnell wieder ersterbender Sonnenglanz über die hohen Gletscher. Windstöße stürzten von den Felsen nieder, hoben die Spitzen der Wellen ab und zerstäubten diese in Regenschauern, während die Jacht schwerfällig zur Seite geneigt unter den Schlägen zitterte, die sie unaufhörlich empfing.

Am Steuer des Schiffes stand ein junger Mann, der mit seinen hellen blauen Augen die Riffe und Klippen beobachtete, durch welche sich die Jacht hindurchwand. Seine nervigen Hände lagen fest auf dem Ruder, und mit der Miene der Unbesorgtheit und frohen Erwartung leitete er das große Fahrzeug mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß es, gleichsam seinen Meister anerkennend, ihm auf Wort und Wink zu gehorchen schien. Von Zeit zu Zeit forschte der junge Steuermann in die Ferne hinaus, wobei sein kühngeschnittenes Gesicht, um das die langen Haare unter dem schwarzen Glanzhut flatterten, den Ausdruck freudiger Erwartung zeigte. Dieses frohe Gefühl schien ihn endlich zu einem munteren Liedchen zu begeistern, doch wurde er in dieser Beschäftigung bald wieder durch das öffnen der Kajütentür gestört, aus deren Rahmen ein andrer Bewohner der Jacht hervortrat. Nur wenige Jahre älter als der Steuermann, zeigte sich der neue Ankömmling doch ganz verschieden in seinem Wesen und Äußeren von diesem. Statt der dunklen Fischerjacke und des Südwesters trug er einen feinen, vielknöpfigen Rock. Sein Haar war nach hinten gekämmt und mit einem Band gebunden; schlank und groß von Wuchs, sah er aus wie ein Mann, dem feinere Form und Weltsitte zur Gewohnheit geworden sind.

Das war der junge Herr Henrik von Sture, der Sprößling eines edlen Hauses, dessen Besitztum von den Vorfahren so ziemlich am Hof zu Kopenhagen verpraßt worden war. Sein Vater, Kammerherr des Königs Christian VI., starb in Schulden, und hier fuhr nun sein Sohn, der Kammerjunker und Gardeoffizier, nach manchem bösen Tag durch das wilde Polarmeer auf der Jacht eines Kaufmanns, der tief in den Klippen an den Grenzen Finmarkens wohnte, und dessen Sohn und Erbe, Gustav Helgestad, dort am Steuer stand. Das Schiff war von Trondheim ausgefahren, um Salz und Lebensbedarf auf die Lofoten Inselgruppe bei Norwegen nördlich vom Polarkreis. zu bringen, wo der große Fischfang im vollen Gange war, und hatte den jungen Baron als Passagier mitgenommen. Dieser trug in seiner Tasche einen Schenkungsbrief des Königs über einen weiten Landstrich, tief in die unermeßliche Wüste reichend, die den Norden Europas ausmacht, wo niemand Herr ist und niemand Knecht.

Es war ein ziemlich trüber Blick, mit dem Henrik von Sture die nackten Felsen und das brandende Meer betrachtete, als er hinaustrat. Die nassen Nebel flogen so wild über ihn hin und schlugen in Tropfen an Gesicht und Kleider nieder, daß er schaudernd seinen Rock fest zuknöpfte; dann nickte er seinem Reisegefährten am Steuer zu, der ihm den Morgengruß entgegenrief, und dann, als der Junker näher herankam, munter plauderte.

»Nun«, sagte er mit einem stolzen, fragenden Blick, »was sagst du nun, ist es nicht prächtig hierzulande? Sieh dort links, da siehst du tief in den Grimmfjord und kannst die ungeheuern Jökuln Jökul ist die norwegische Bezeichnung für Gletscher. erblicken, die in Eispyramiden weit hinab fast bis ins Meer laufen. Wenn Morgensonnenschein darauf funkelt, sind sie ganz wie geschmolzenes Silber anzuschauen. Dort geht's in den Salten hinein, und hier, jenseits der niederen Felsen, wirst du bald den Vestfjord entdecken. Den Vestfjord! Hörst du, Mann, den großen Fjord mit seinen Fischen. Hurra! Was sagst du? Hast du je so Schönes gesehen?«

»Närrischer Gustav!« rief Henrik spöttisch lächelnd, »tust du doch, als führen wir gradezu ins Paradies hinein, als wären diese traurigen, schneebedeckten Felsen von Mandelbäumen umblüht, dieses eisige, stürmische Meer von lauen Südwinden umfächelt, während ich in Wirklichkeit nichts als Schrecken, nichts als Nacht, Nebel, Sturm, Fels und wütende See erblicke!«

»Wenn es dir so wenig hier gefällt«, erwiderte Gustav, »so hättest du bleiben sollen, wo du warst!«

Im nächsten Augenblick reute den jungen Steuermann sein trotziges Wort, denn aus dem melancholischen Schweigen des Junkers und der Art, wie er die Hände über seine Stirn deckte, konnte man wohl ermessen, wie schwer ihm der Entschluß geworden war, sein Glück in diesen Einöden zu suchen.

»Du mußt dir keine zu trüben Gedanken machen«, fuhr deshalb Gustav freundlich fort. »Wenn der Sommer kommt, reift die Gerste auch in Tromsö; Blumen blühen in den Gärten, und auf den Fjelden Öde Bergflächen, welche die Hauptmasse des skandinavischen Gebirges bilden. steht die Moosbeere viele Meilen weit wie Purpur und Scharlach. Du mußt das Land nur kennen und lieben lernen, wo du wohnen willst. Ich möchte es mit keinem in der Welt vertauschen, denn es gibt kein schöneres, kein besseres auf Erden.«

Er sprach noch, da brach die Sonne siegreich durch die dichten Wolkenschichten und glänzte wie mit einem Zauberschlag über zahllose Felsen, Buchten, Klippen und Inseln. Der Vestfjord tat sich auf vor den erstaunten Blicken des dänischen Junkers und zeigte Land und Meer in ihrer ganzen wunderbaren Pracht und Herrlichkeit. Auf der einen Seite lag die Küste Norwegens mit schneegekrönten Scheiteln; Salten daran hingelagert mit seinen Felsennadeln, die unerklimmbar glatt in den Himmel steigen, mit seinen Gletschern, seinen Schluchten und Abgründen, halb in Nacht gehüllt. Auf der andern Seite, durch den Vestfjord sechs Meilen breit getrennt, zog eine Kette von düsteren Eilanden weit in den Ozean hinaus und bildete einen granitenen Wall, an dem die fürchterlichen Wogen des Weltmeeres seit Jahrtausenden zerschellen. Unzählige senkrechte Spitzen ragten aus dem Inselgewirr auf, alle schwarz, verwittert und zerrissen; ihre Häupter waren in langflatternde Wolkenschleier gehüllt, und aus den schimmernden Schneelagern sahen die blauen Wunderaugen der Jökuln auf die schäumenden Fluten des Fjords herab.

»Siehst du nun, wie schön es ist?« rief Gustav voll freudigen Stolzes. »Das sind die Lofoten! Auf zwanzig Meilen kannst du über Land und Meer blicken! Sieh, wie die Brandung in Silbersäulen an allen Klippen aufspringt, und nun schau ihn an, diesen ungeheuern Kreis von Felsen, die noch niemand gemessen hat, auf denen keines Menschen Fuß haften kann, wo nur der Adler hinaufsteigt, der Seerabe, der Falk und die Möwe. Und oben ist der Himmel blau und ruhig, die Luft ist so frisch und scharf und weckt alle Kräfte. Ist es nicht schön hier, ist es nicht erhaben und unermeßlich?«

»Ja, es ist schön, unendlich schön!« sagte Henrik Sture, hingerissen von der wunderbaren Majestät dieser Natur.

»Und nun schau dort die vielen schwarzen Punkte auf den Wellen«, fiel Gustav ein. »Das sind die Boote der Fischer. Dreitausend Boote mit zwanzigtausend wackeren Männern, und in der Bucht von Vagöe Ost- und West-Vagöe sind zwei Inseln der Lofoten. erkennst du schon die Wimpel und Masten der Jachten, die Eigentum der Kaufleute sind. Wir werden meinen Vater dort finden, er hat für zwanzig Boote zu sorgen. Sicher wird er dir gefallen und dir gern dienen, so weit er es vermag.«

»Ich habe, wie du weißt, einen Brief an ihn vom Gouverneur General Münter in Trondheim,« sagte der Junker.

»Pah, du bist uns willkommen, wie du bist«, versetzte Gustav; »am Lyngenfjord, wo unser Haus steht, fragt man wenig nach dem Schreiben deines Generals. Was mir an dir gefällt, Henrik Sture, ist, daß du ein Wort zu sprechen weißt, und daß dein Arm schnell zur Hilfe bereit ist, wo es not tut, das liebt man bei uns und darum will ich dein Freund sein.« Er nahm die Hand vom Steuer, und sie nach dem Junker ausstreckend, faßte er dessen Rechte mit derbem Druck; doch auch dieser erwiderte den Gruß mit gleicher Stärke. Verlassen in einer fremden Welt, tat ihm die rauhe Herzlichkeit seines neuen Freundes viel wohler, als die höflichen Worte der Teilnahme, die er vordem so oft gehört hatte.

Indes die Unterhaltung zwischen beiden Freunden vertraulich fortging, verfolgte die Jacht eilends ihren Weg und näherte sich rasch den Fischplätzen auf der anderen Seite des Fjords. Die kleinen schwarzen Punkte, die auf den Wellen schwammen, wurden nach und nach größer und zeigten sich endlich als große sechsrudrige Boote, in denen eine emsige Tätigkeit herrschte. Tausendstimmiges Geschrei drang über die brausenden Wogen, unaufhörlich wurden Netze und Angeln gehoben und wieder versenkt, blitzschnell eilten die Jollen nach dem Strand und wieder in die See hinaus, und dies alles vereinte sich zu einem so farbigen Bild, daß es seinen Eindruck auf den Fremdling nicht verfehlte, der nach und nach ein fast unwiderstehliches Verlangen fühlte, sich in dies bunte Gewühl zu stürzen. Sein gewecktes warmes Interesse ließ ihn vergessen, daß trotz des Sonnenscheins eiskalte Luftströme über das Meer fegten, und daß hier in der Polarzone binnen weniger Minuten der wildeste Wintersturm hereinbrechen und Boote und Menschen vernichten konnte. Jetzt sah er nur das frohe Schauspiel, sah die flatternden bunten Fahnen, die bewimpelten Häuser und Hütten am Strand, und jauchzend wie ein echter Nordlandfischer stimmte er in die allgemeine Lust ein, als er die Netze heben sah, wo in jeder Masche ein Kabeljau steckte. Er schwenkte seinen Hut, wie sie es alle taten, als die Jacht, welche auf ihrem Bug den Namen: »die schöne Ilda von Örenäes« trug, zwischen den Fischern hinfuhr, umringt von hundert Booten, die ihr freudiges Willkommen zuriefen, um die Klippen bog und dem Hafenplatz in der Bucht zusteuerte, wo sie zwischen einer Anzahl größerer und kleinerer Jachten, Briggs und Schoner Anker warf.

Gustav hatte jetzt alle Hände voll zu tun, so daß sein Passagier sich für längere Zeit selbst überlassen blieb. Der Junker benutzte diese Frist, um vom Hinterdeck des Schiffes aus das Treiben des Fischfanges in seinen Einzelheiten zu beobachten.

Am Ausgang der Bucht, rund um ein nacktes Felseneiland, ging es am lebhaftesten zu. Fünf- bis sechshundert Boote, mit drei- bis viertausend Fischern besetzt, waren hier mit dem Fang des Kabeljaus beschäftigt. Unaufhörlich warfen sie die Stellnetze aus und zogen andere unter lautem Gesang und Freudenruf herauf, denn alle waren überschwer an Fischen und mußten behutsam gehoben und die Gefangenen ausgemascht werden, damit die Fäden nicht rissen. An vielen anderen Orten wurden ungeheure Taue, an welchen mehr als tausend Angeln saßen, ins Wasser gelassen, denn damals war der Fang mit der Angel noch mehr üblich, als es jetzt der Fall ist. Dann eilten die Fischer mit ihren gefüllten Booten in die Bucht, aus der viele rote Steinklippen aufragten. Dorthin wurden die Fische gebracht, von bluttriefenden Händen gepackt und auf die Ausweidetische geschleudert. Scharfe Messer rissen ihren Leib auf, ein Griff der Finger nahm ihnen die Eingeweide, ein zweiter Schnitt, und der Kopf flog in eine Tonne, die tranige Leber in eine andere, und in der nächsten Minute hing, was einen Augenblick früher ein lebendes Geschöpf gewesen war, zerspalten und schwankend auf der Trockenstange. Mit ungeheurer Geschwindigkeit verrichteten die Männer ihr mörderisches Geschäft; gierig suchten sie nach den größten und stärksten Opfern, übten an ihnen ihr Henkeramt mit doppelter Lust und spotteten der Leiden und heftigen Schläge der unglücklichen stummen Verdammten. Sture fühlte bald einen Widerwillen gegen diese Schlächterei. Er wandte seine Augen davon ab und sagte vor sich hin: »Es ist ein entsetzliches, feiges Morden, ich mag es nicht länger ansehen. Deshalb also ziehen zwanzigtausend Menschen auf diese nackten Klippen, darum jauchzen und jubeln sie wie besessen, und trotzen den Stürmen des Polarmeeres? Welch rohes, fürchterliches Volk! Doch nein«, setzte er sogleich hinzu, »in Einem tue ich ihnen Unrecht; sicher würden sie diese unwirtlichen Klippen meiden und in ihren vier Wänden daheim bleiben, wenn die Not sie nicht hierher zwänge. Und ist es denn bei mir selbst anders? Auch mich drängt der Kampf ums Dasein, der Trieb der Selbsterhaltung in diese Welt voll Eis und Schnee!« sprach er leiser. »Aber Fische mag ich nicht fangen, verwünscht sei dies blutige Geschäft!«

In diesem Augenblick wurde sein Gedankengang durch einen leichten Schlag unterbrochen, den er auf seiner Schulter fühlte. Er drehte sich schnell um und fand sich Gustav Helgestad gegenüber, der ihm mit kräftiger Stimme zurief: »Bist du schon wieder trübe gestimmt? Ich begreife das nicht bei dem lustigen Schauspiel ringsumher. Ich selbst bin so froh, als gehörten mir alle Fische im Vestfjord. Meine Schwester Ilda ist mit meinem Vater gekommen. Schau, dort in dem Boot sitzen sie.« Er zog Henrik Sture mit sich fort, denn eben lief das Boot an die Schiffsseite heran, an der eine Strickleiter hinabhing. Ein starker Mann im blauen, grobtuchenen Rock war einem Mädchen mit reichen, dunkelblonden Haarflechten behilflich, das Boot zu verlassen.

»Greif nach der Leiter, Ilda«, rief der Alte.

Im nächsten Augenblick stand das Mädchen auf der untersten Sprosse und langsam, aber sicher emporklimmend, streckte sie dem Bruder die Hand entgegen, der ihr vollends auf das Verdeck hinaufhalf. »Nun, da hast du mich«, rief sie ihm freundlich zu, »freust dich nicht, mich auch am Vestfjord zu finden, Gustav?«

»Nun, halb und halb hatte ich darauf gerechnet, daß der Vater dich mitbringen würde«, antwortete er zärtlich. »Gottes Friede sei mit dir, Ilda! Hast eine glückliche Reise gehabt?«

»Eine gute – und du auch, Bruder?«

»Alles gut und recht, Ilda. Wie ich sehe, ist der Fang in vollem Gange?«

»Er ist wunderbar reich, Gustav. Alle Gerüste hängen voll. Gestern war ein Tag, wie er selten vorkommt; alle Leute sagen es. Fette, große Fische, daß die Netze rissen; es ist eine Lust, Gustav, ich kann mich nicht satt sehen.« Hier sah sie sich um, und den Fremden erblickend, wurde ihr lachendes Gesicht plötzlich ernsthafter. Es war ein großes, starkes Mädchen, der echte Typus des Nordlandes, und sah ihrem Bruder sehr ähnlich; beide zeigten die gleichen wohlgestalteten Züge, die gleiche feste, breite Stirn und hellblitzende Augen darunter. Henrik Sture konnte ein Lächeln gutmütigen Spottes kaum unterdrücken, als er die Jungfrau in ihrer derben Kleidung ansah und sich erinnerte, mit welcher Ruhmredigkeit Gustav ihm diese Schwester gepriesen hatte, deren Schönheit zu Ehren sogar die Jacht den Namen der »schönen Ilda von Örenäes« annehmen mußte.

»Eine nordische Schönheit, geboren unter Walfischen, Kabeljauen und Renntieren, kann allerdings ein wenig von unserem Geschmack abweichen«, sagte er sich leise, »doch diese hier in ihren rindsledernen Schuhen, in ihrer Pelzjacke und Lederschürze, die weißen wollenen Handschuhe über die starken, wenn auch wohlgebildeten Finger gezogen, sieht doch gar zu bärenhaft, polarmäßig aus.«

Während dieses Selbstgespräches hatte Gustav seiner Schwester etwas zugeflüstert, nun sagte er laut: »Ich habe einen Freund mitgebracht, Ilda, der bei uns wohnen will. Hier steht Henrik Sture. Reich ihm die Hand, Schwester.«

Einen ernst prüfenden Blick aus den hellen Augen ließ das Mädchen über den Fremdling gleiten, ehe sie der Aufforderung des Bruders folgte und die Hand bot; dann aber fügte sie dem stummen Gruß mit gelassener Freundlichkeit die Worte hinzu: »Sei willkommen hier zu Lande, Herr. Gottes Friede soll mit dir sein.«

»Vielen Dank für den schönen Wunsch, Jungfrau Ilda«, erwiderte Henrik Sture, höflich das Haupt neigend.

Sie wendete sich zu ihrem Vater, dem Gustav soeben herzlich die Hände schüttelte. »Bist wieder da, Junge?« rief der Kaufmann aus den Fjorden. »Nun, bist willkommen! Alles recht an Bord?«

»Alles recht, Vater«, versetzte der Sohn selbstbewußt, »wirst zufrieden sein.«

Der Alte nickte beifällig.

»Nuh«, schmunzelte er, diesen Ausdruck des Wohlbehagens gebrauchend, den man so oft in Norwegen hört, »bist ein fixer Bursch, Gustav, und hast eine gedeihliche Hand. Ist's nicht so? Aber sieh da –«, der Kaufmann unterbrach sich und wendete das lange, lederfarbene, harte Gesicht halb zu Sture hin, indem er ihn mit einem messenden, schlauen Blick betrachtete. »Hast einen Passagier mitgebracht, Gustav. Ist jemand, der sich die Gegend hier ansehen, oder wohl gar bei uns bleiben will. Ist's nicht so?«

»Ich glaube ja, Vater.«

»Nuh«, grunzte der Alte wieder, und um seinen Mund zuckte ein Lachen, das sich schnell verlor. Er ging auf Sture zu und streckte seine rauhe Faust aus. »Seid willkommen auf den Lofoten, Herr«, sprach er, »bringt gutes Wetter mit. Hätten's schon früher brauchen können; ist aber auch so gut. Kommt gerade zum Schluß eines wunderbar glücklichen Fanges zurecht, wie er lange Jahre nicht gewesen.«

»Ich preise mich vor allem glücklich, daß ich Sie hier finde«, entgegnete Sture verbindlich, »da ich Ihres Rates und Ihrer Hilfe bedürftig bin. Ich komme hierher, mein Glück zu suchen, und habe einen Brief von Trondheim mitgebracht, der Ihnen Näheres über mich sagen wird.«

»Nuh«, rief der Alte, »gönne jedem sein Glück. Konnte mir schon denken, was Ihr im Sinne habt. Seid nicht der erste, der von Dänemark herübergeflogen kommt und meint, es wachse Gold auf den lappischen Fjelden, brauche nur zuzufassen, um es einzustecken. Ist aber nichts damit, werdet es inne werden. Weiche Hände und Füße passen wenig hierher, und habe manchen untergehen sehen, der die harte Arbeit nicht vertragen konnte.«

Der Blick, den er bei seinen letzten Worten auf den jungen Dänen warf, war mit einem Anflug von Warnung und Mitleid gemischt, den Sture wohl verstand. Dann nahm Niels Helgestad das Schreiben, brach es auf und lehnte sich lesend an das Bollwerk, indem er von Zeit zu Zeit bald nach seinem Gast an Bord, bald nach den Fischplätzen hinübersah. Endlich ballte er das Papier zusammen und dasselbe einsteckend sagte er:

»Weiß jetzt alles, was Ihr wollt; hab's schon ohne den beschriebenen Zettel gewußt. Was ein Mann tun kann, seinem Mitmenschen zu helfen, soll redlich geschehen. Was denkt Ihr jetzt anzufangen, Herr Sture?«

»Ich möchte wohl vor allem dem Amtmann in Tromsö meinen Schenkungsbrief vorlegen, um dann das Land aufzusuchen, welches mir die Gnade des Königs bewilligt hat.«

»Ganz schön«, versetzte der Alte spottend. »Wenn nun aber der Amtmann wirklich gesagt hat: Dort drüben liegen die Fjelden, Herr Sture; belieben Sie hinzugehen und sich nach Wunsch auszusuchen! – Was gedenken Sie dann weiter zu tun?«

»Nun«, sagte Sture verlegen, »ich meine, den fruchtbarsten Boden herauszufinden, dürfte nicht zu schwer sein.«

»Fruchtbarer Boden!« schrie der Kaufmann lachend. »Der Himmel segne Euch, Herr! Wer hat Euch hier von fruchtbarem Boden etwas vorgefabelt? Gedenkt Ihr, hier Scheunen zu bauen und Weizen und Gerste einzuernten? Nein, damit ist's nichts«, fuhr er ruhiger fort, als er die Beschämung seines Gastes sah, »Ihr kennt die Wüste nicht, die hinter den Felsen dort liegt. Dennoch aber kann eines klugen Mannes Auge mit Hilfe Eures Gnadenbriefes ein Stück Erde herausfinden, das seine silbernen Früchte trägt.«

Musternd betrachtete er den Fremdling eine kleine Weile, dann sagte er in fragendem Tone: »Bringt Ihr Geld mit ins Land?«

»Ich bin nicht ganz ohne Mittel«, entgegnete der Junker.

»Nuh«, sagte der Kaufmann trocken, »viel wird's nicht sein, denn hättet Ihr Geld, so säßet Ihr ruhig zu Haus und tätet Euch gleich Euren Standesgenossen gütlich. Also gerade heraus: Wieviel Geld habt Ihr mitgebracht?«

»Tausend Species Ein Speciestaler gleich vier und eine halbe Mark. und etwas darüber«, versetzte der junge Edelmann errötend und unwillig zögernd.

»Tausend Species«, wiederholte Niels Helgestad und setzte nach kurzem Überlegen hinzu:

»Das wäre für den Anfang genug, wenn Ihr auf meinen Rat hören wollt, Herr Sture.«

»Nichts Lieberes kann mir begegnen, als Eures Rates teilhaftig zu werden«, erwiderte dieser.

»Wer hier leben und Geld erwerben will«, sprach der Kaufmann bedächtig, indem er sich auf dem Rand des Bollwerkes zurechtsetzte, »der muß Handel treiben, sonst wird's nichts mit ihm. Mit Ihrem Gnadenbrief hat es Zeit, jetzt aber kommt es darauf an, den ersten guten Wurf zu tun, und dazu ist die richtige Stunde eben da. Wer wollte hier leben, wenn nicht das Meer wäre mit seinen Fischen? Das Meer aber ist unerschöpflich, Herr Sture. In jedem Jahr zur Märzzeit schwimmen die Kabeljaue in den Vestfjord hinein, um zu laichen, und wie viele auch immer gefangen und aufgezehrt werden, sie kommen doch wieder, und was die Hauptsache ist, werden niemals weniger. Wissen Sie, wieviel in diesem Jahr binnen vier Wochen gefangen worden sind? Mehr als fünfzehn Millionen. Alle Gerüste hängen zum Brechen voll; alle Jachten liegen voll Salzfische und voll Lebern. Der Tran wird billig werden, Herr Sture, der Fisch ist für einen halben Species die Vog zu haben; eine Vog aber sind volle sechsunddreißig Pfund. Was sagen Sie dazu?«

»Ich verstehe vom Fischhandel nichts«, sagte Sture, »und kann mich deshalb schwerlich darauf einlassen. Wer wird mir diese auch verkaufen, wenn der Gewinn daran so bedeutend ist?« setzte er hinzu, als er bemerkte, wie sich das Gesicht des Kaufmanns bei seinen ersten Worten verfinsterte.

»Ihr redet allerdings, wie Ihr's versteht«, versetzte dieser. »Wißt aber, daß eben jetzt der Fisch billig zu kaufen ist, denn ein jeder läßt etwas von dem reichen Fang ab, wenn er bar Geld sieht. Kennt das Land nicht, Herr, wißt nicht, was Sitte und Brauch ist. Ist alles Tauschhandel hier, Geld ist selten. Der Fischer, der Nordmann und Quäner wie der Lappe, alle borgen vom Kaufmann, der das ganze Jahr über gibt, was sie brauchen. Sie liefern ihm dafür, was in ihre Netze läuft. Der Kaufmann borgt aber auch von den Handelsherren in Bergen, schickt diesen die Jachten voll Stockfisch, Salzfisch und Tran. Alle die Menschen hier, die Sie fischen sehen, stehen im Dienst und im Schuldbuch der Kaufleute an der Küste. Jeder Fisch wird bezahlt und abgerechnet, sowie er auf der Stange hängt; kommt er dann nach Bergen, ist er dreimal soviel wert, oder sechsmal soviel, wie es kommt – verstanden, Herr?«

Sture stand zögernd und bedenklich. »Da der Fang so reich ausgefallen ist«, erwiderte er endlich, »könnte, denke ich, kein übermäßiger Gewinn bei der Spekulation erzielt werden. Man vermag in Bergen alle eingehenden Bestellungen leicht zu erledigen; trotzdem werden bei dem Überfluß alle Magazine überfüllt bleiben, wodurch naturgemäß die Preise sinken müssen.«

Zum ersten Mal seit ihrer Bekanntschaft ließ der Kaufmann einen wohlgefälligen Blick über die Gestalt des jungen Edelmannes laufen. »Hätte diese Einsicht für ein Handelsgeschäft nicht vermutet«, sprach er kopfnickend, »ist etwas Seltenes bei Euresgleichen, Herr; kennt aber dennoch die Sache nicht, kann ganz anders kommen, als Ihr es wähnt. Haben heute den heiligen Gertrudentag, ist nicht gut, wenn die Sonne da scheint. Kommt wildes Wetter danach, so sicher, wie die Ebbe nach der Flut kommt. Nun seht, die Fische dort auf den Klippen an den Gerüsten bleiben so bis zum Monat Juni hängen, während wir alle nach Haus fahren, Tran pressen und ihn nach Bergen liefern. Kommen dann die Jachten im Junimonat von dort zurück, so geht es gleich hierher, um den Fang einzuladen: doch mancher findet dabei statt des erhofften Gewinnes nur bittere Täuschung, und mancher wird es bereuen, daß er seine Stangen nicht höher baute. Ist ein sorgloses leichtsinniges Volk, das Fischervolk, denkt nicht an das, was kommen kann, scheut Arbeit und Mühe. Bis in den Mai hinein sind wir hier vor Schneewehen nicht sicher, die oft Gerüste und Fische unter sich begraben, wenn die Stangen sich nicht widerstandsfähig genug erweisen. Fahren dann die Fischer an und wollen ihr Eigentum bergen, so finden sie nur Würmer und faulendes Fleisch. Müssen den geträumten Gewinn in die See werfen, und kommen dann selbst in Not und Kummer. Ist öfter schon so gewesen, Herr Sture, und kann auch wieder so werden.«

Ein listiges Lachen spielte um seinen Mund, und in das Herz des dänischen Junkers kam ein plötzliches Verlangen und Vertrauen zu dem Fischhandel. Er sah nach den beiden Kindern des Kaufmanns hinüber, die in der Nähe standen und jedes Wort der Unterhaltung vernommen haben mußten. Das Mädchen schaute ihn mit einem gleichgültigen Blick an, der nicht erkennen ließ, ob sie ein Interesse an der Verhandlung nehme oder nicht; Gustav dagegen nickte ihm aufmunternd zu, und auf seinem Antlitz war der Ausdruck eines gewissen Erstaunens sichtbar, das er über die vertrauliche und offene Rede seines Vaters zu empfinden schien.

Eine ihm selbst unerklärliche plötzliche Entschlossenheit kam über Henrik Sture, obwohl er wußte, daß sein letztes Eigentum auf dem Spiel stand. »Gut«, sagte er, »ich will den Handel wagen; freilich hege ich dabei die Hoffnung, daß Sie mir bei Abschluß des Kaufes behilflich sind.«

»Dürft auf Niels Helgestad rechnen«, versetzte dieser und faßte fest des Junkers Hand. »Ist also abgemacht zwischen uns, und Mannes Wort ein Wort, wie es in Norwegen Sitte ist. Wurde mir heute von verschiedenen Seiten ein großes Quantum Fische angeboten, schlug es aber ab, da ich genug an dem habe, was meine eigenen Boote fingen. Nun jedoch will ich mich danach umsehen, und denke einen guten Handel zu machen. Ole«, rief er über das Bollwerk der Jacht hinaus, »halte dich bereit mit dem Boot, und leg an, mein Junge. Ihr, Herr, bleibt an Bord bei meinen Kindern, bis ich zurückkomme, und du Gustav, trag auf, was du in der Schiffskammer hast. Ilda wird dir zur Hand gehen, und ich selbst sende sogleich ein Gericht frischer Fische.«

Mit diesen Worten stieg er die Leiter hinunter, und als das Boot abstieß, konnte man an der Miene des Insassen erkennen, in welch guter Laune er war.

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