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Theodor Mügge: Afraja - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleAfraja
authorTheodor Mügge
year1854
firstpub1854
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie
addressFrankfurt a. M.
titleAfraja
pages553
created20090427
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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1.

Es sind jetzt mehr als hundert Jahre vorübergegangen, als an einem trüben Märzmorgen ein großes Schiff durch diese wunderbaren Felsengewinde steuerte. Das Schiff war eine Nordlandsyacht der stärksten Art, wie sie noch heut vom äußersten Kap herunter aller Orten nach Bergen fahren, zweimal jeden Sommer den Kaufleuten dort ihre Fische und ihren Thran bringen, und vollgepackt den ungeheuren Bauch voll Lebens- und Leibesnahrung und Bedarf, zu den meerumrauschten Klippen zurückkehren. Aus der Mitte des Schiffes ragte der stumpfe Mast auf; vorn lief der Schnabel zu merkwürdiger Höhe, hinten stand ein hohes Kajütenhaus, wo an starken Pfosten und Eisenringen die Ecke des gewaltigen, vierkantigen Segels befestigt war, unter dessen Druck die Yacht rauschend durch die Wogen schnitt. Als der Tag höher heraufstieg, lichteten sich die kalten Nebel und endlich lief ein matter, schnell sterbender Sonnenglanz über die hohen Fjelder und die Gletscher, welche diese krönten. Aus den Meeresfluthen stiegen wunderbare narbige Felslager auf, seltsam anzuschauen, nackt und zackig, an denen die Fluth sich brach und weiß aufschäumte. Windstöße stürzten von den Felsen nieder, oder kamen plötzlich aus dem Innern der Fjorde, wo Nacht und Nebel noch rangen. Sie hoben die Spitzen der Wellen ab und zerstäubten diese in Regenschauern, während die Yacht schwerfällig tief zur Seite geneigt, unter den Schlägen zitterte, die sie unaufhörlich empfing.

Am Steuer dieses plumpen Fahrzeuges stand ein junger Mann, der mit seinen hellen blauen Augen die Riffe und Klippen beobachtete, durch welche das Schiff in zahllosen Wendungen sich fortbewegte. Seine nervigen Hände lagen fest auf dem Ruder, sein starker Körper war leicht daran gelehnt und mit der Miene der Unbesorgtheit und froher Erwartung leitete er das große Fahrzeug mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß es schien, dies gehorche ihm auf Wink und Wort, weil es seine Meisterschaft demüthig anerkenne. Von Zeit zu Zeit forschte der junge Steuermann in die Ferne hinaus und sein starkknochiges, kühngeschnittenes Gesicht, das in frischen Farben prangte, wurde freudig angeregt. Alle seine Muskeln schienen sich zu spannen. Er strich das 5 langflatternde Haar unter den schwarzen Glanzhut zurück, lachte wohlgefällig die Klippen und Riffe wie alte gute Bekannte an und begann dann ein Lied zu singen. Als er eben den fünften oder sechsten Vers vollendet hatte, öffnete sich die Kajütenthür, aus der ein anderer Bewohner der Yacht hervortrat. Wenige Jahre älter, als der am Steuer, war er doch ein ganz von ihm verschiedenes Wesen. Statt der dunkeln Fischerjacke und des Südwesters trug er einen langen, vielbeknöpften Rock. Sein Haar war nach hinten gekämmt und mit einem Bande gebunden; schlank und groß von Wuchs, sah er aus, wie ein Mann, der Weltleben, Sitte und Formen kennt und zu der bevorrechteten Kaste gehört, die, was die Erde trägt und hegt, als wohlerworbenes Eigenthum für sich in Anspruch nimmt. So war es auch in der That. Es war der junge Herr von Marstrand, der Sprößling eines edlen Hauses, dessen Besitzthum so ziemlich verthan war, nachdem Großvater und Vater arge Wirthschaft getrieben und unmäßigen Aufwand am Hofe Christians des Sechsten in Kopenhagen geführt hatten. Sein Vater, der Kammerherr, starb in Schulden und hier fuhr nun sein Sohn, der Kammerjunker und Gardelieutenant, nach manchem schlimmen Tage durch das wilde Polarmeer auf der Yacht eines Kaufmannes, der tief in den Klippen an den Grenzen Finnmarkens wohnte, und dessen Erbe, Björnarne Helgestad, dort am Steuer stand. Das Schiff war von Trondhjem ausgefahren in der frühen Jahreszeit, um Salz und Lebensbedarf auf die Lofoden zu bringen, wo der große Fischfang im vollen Gange war, und hatte den jungen Baron als Passagier mitgenommen, der in seiner Tasche einen Schenkungsbrief des Königs trug, welcher auf einen weiten Landstrich lautete, tief in die unermeßliche Wüste reichend, die den Norden Europa's ausmacht, wo Niemand Herr ist und Niemand Knecht.

Es war kein allzufreundlicher Blick, mit dem Johann von Marstrand die öden Felsen und das schäumige Meer betrachtete, als er heraustrat. Die nassen Nebel flogen so wild über ihn hin und schlugen in Tropfen an Gesicht und Kleider nieder, daß er schauderte und den letzten Knopf seines Kleides fest zuknöpfte; dann nickte er seinem Reisegefährten am Steuer zu, der ihm den Morgengruß entgegenrief und einige Worte lachend hinzufügte, die der Wind verschlang, ehe sie das Ohr erreichten.

6 Nun, sagte der Steuermann mit einem stolzen fragenden Blick, als der Junker näher herankam, was sagst du jetzt zu dem Lande? Ist es nicht prächtig hier? Sieh dort, da liegt das Vorgebirge Kunnen, gerade darüber hin läuft der Polarkreis; sieh mehr links, dort siehst du tief in den Grimmfjord und kannst die ungeheuren Jökuln erblicken, die in Eispyramiden weit hinab fast bis in's Meer laufen. Wenn Morgensonnenschein darauf funkelt, sind sie ganz wie geschmolzenes Silber anzuschauen. Dort geht's in den Salten hinein; von Saltström hast du gewiß gehört? Und hier jenseits der niedern Felsen wirst du bald den Westfjord entdecken. Den Westfjord! Hörst du, Mann, den großen Fjord mit seinen Fischen. Hurrah! Was sagst du? Hast du je so Schönes gesehen?!

Närrischer Björnarne! rief Johann spöttisch lachend, thust du doch, als wären wir im Begriff, in's Paradies einzufahren. Als wären diese traurigen schneebedeckten Felsen von Mandelbäumen umblüht; dies eisige stürmische Meer von Zephiren umfächelt und die elendigen thranigen Fischschaaren darin ambraduftend und aus Gold gemacht. Er wandte das Gesicht dem Süden zu und fuhr mit einem leisen Seufzer fort: Kein Baum, kein Strauch, keine Blume, kein grünendes Blatt, kein Vogel und kein Halm, der im Winde wogt. Nichts als Schrecken, nichts als Nacht, Nebel, Sturm, Fels und wüthende See. – Wenn es dir so wenig hier gefällt, erwiderte Björnarne verdrießlich, so hättest du bleiben sollen, wo du warst.

Der Junker sah zu dem Steuermann auf und in seinem Blick lag die Antwort, die er leise vor sich hinmurmelte: Wenn ich nicht müßte, flüsterte er zwischen den Zähnen, wenn ich nicht fest entschlossen wäre, mein Glück in diesen Einöden zu suchen, verflucht sollte das Brett sein, das mich hierher getragen hat!

Sein melancholisches Schweigen und die Art, wie er die Hände über seine Stirn deckte, rührten den trotzigen Björnarne. Du mußt dir keine zu trüben Gedanken machen, sagte er, es ist bei alledem hier so schlimm nicht, wie du meinst. Wenn der Sommer kommt, reift die Gerste auch in Tromsöe; Blumen blühen in den Gärten, Johannisbeeren und Brombeeren wachsen herrlich in allen Spalten und Gehängen und auf den Fjeldern steht die Moltebeere viele Meilen weit wie Purpur und Scharlach. Du mußt das Land nur kennen und lieben lernen, 7 wo du wohnen willst. Ich möchte es mit keinem in der Welt vertauschen, denn es gibt kein schöneres, kein besseres auf Erden.

Beleidigt von dem Lächeln des Dänen, fuhr er stolzer fort: Was prahlt Ihr denn mit Euren Bäumen und Ebenen? Habt Ihr solche Felsen, solche Fjorde, solch Meer mit unzählbaren Geschöpfen? Könnt Ihr Bären jagen und Rennthiere? Habt Ihr einen Fischfang wie diesen, wo Zug auf Zug, Millionen Thiere aus den Fluthen gezogen werden; wo zwanzig tausend Menschen Monate lang ein lustiges Leben auf den Wellen führen?

Nein, guter Björnarne, das haben wir freilich Alles nicht, erwiderte Johann von Marstrand mit dem Ausdruck der Geringschätzung.

Du wirst es sehen, rief der Normann freudig. Die Nebel fallen und wenn du hören könntest, würdest du schon jetzt in dem Rauschen der Wellen den fremden Ton verstehen, der über den Westfjord dringt. Dort liegt Ostvaagöen vor uns; hier steht das alte Weib von Salten und drüben der Greis mit dem weißen Kopf. Jetzt siehst du seinen Hut! Da steigen die Spitzen von Hindöen auf, dort glänzen die Gletscher von Tjellöen zwischen den Zinken und Zacken und nun kommt die Sonne, gib acht, merk' auf!

Und während er sprach, brach das leuchtende Gestirn siegreich durch die dichten Wolkenschichten und glänzte wie mit einem Zauberschlage über zahllose, unermeßliche Felsen, Buchten, Klippen und Inseln. Der Westfjord that sich auf vor den erstaunten Blicken des dänischen Junkers und zeigte Land und Meer in ihrer ganzen wunderbaren Pracht und Herrlichkeit. Auf der einen Seite lag die Küste Norwegens mit schneegekrönten Scheiteln. Salten daran hingelagert mit seinen Felsennadeln, die unersteiglichglatt in den Himmel steigen, mit seinen Gletschern, seinen Schluchten und Abgründen, halb in Nacht gehüllt. Auf der anderen Seite, durch den Westfjord sechs Meilen breit getrennt, zog eine Kette von düstern Eilanden weit in den Ocean hinaus, ein Gürtel von Weltrippen, entblößt und nackt, ein granitner Wall, an dem die fürchterlichen Wogen des Weltmeers seit Jahrtausenden zerschmettern. Unzählige senkrechte Spitzen ragten aus dem Inselgewirre auf, alle schwarz, verwettert, zerrissen bis in die innersten Eingeweide. Ihre kühnen Häupter waren in langflatternde Wolkenschleier gehüllt, und aus den glänzenden Lagern des Schnees sahen die blauen Wunderaugen der Jökuln auf die schäumenden Fluthen des Fjord, der mit 8 tausend weißen Zähnen in die Buge der Yacht biß, sie schüttelte und tief in den Abgrund zog.

Siehst du nun, wie schön es ist?! rief Björnarne jauchzend. Das sind die Lofoden! Auf zwanzig Meilen kannst du über Land und Meer blicken und was du siehst, ist herrlich und allmächtig. Sieh den Greis von Vaagöen, wie er in Gold strahlt. Sieh, wie die Alte von Salten ihm aus ihrem schwarzrothen Mantel zunickt. Einst waren es zwei Riesen, Kinder der Nacht, ein Liebespaar, das hier in Fels verzaubert nun ewig stehen muß. Sieh, wie die Brandung in Silbersäulen an allen Klippen aufspringt und nun sieh ihn an, diesen ungeheuren Kreis von Felsen, die noch Niemand gemessen hat, auf denen keines Menschen Fuß haften kann, wo der Adler nur hinaufsteigt, der Seerabe, der Falk und die Möve. Sieh diese Wellen, wie sie hinaufspringen möchten, wie sie in den Hexenkesseln sich bäumen und ihren Schaum hoch emporschleudern. Wölfe sind es im Lammkleide, höre, wie sie hungrig heulen. Sieh die rothkämmigen Skarfe dort auf den Klippen; sieh die Meergänse in die grünen Seestreifen schießen und die schreienden Möven- und Geierschaaren, die ihnen folgen. Dort ziehen Häringsschwärme, sie wittern ihre Beute. Und oben ist der Himmel blau und ruhig, die Luft ist so frisch und scharf und weckt alle Kräfte. Ist es nicht schön hier, ist es nicht das Erhabenste, was ein Menschenauge sehen kann?

Ja, es ist schön, unendlich, unerschöpflich schön! sagte Johann Marstrand, hingerissen von der wunderbaren Größe und Wildheit dieser Natur.

Aber das Schönste von Allem kennst du noch nicht, fiel Björnarne ein. Siehst du dort die vielen schwarzen Punkte auf den Wellen? Das sind die Boote der Fischer. Drei tausend Boote, zwanzig tausend wackerer Männer und in der Bucht von Vaagöen erkennst du schon die Wimpel und Masten der Yachten, die das Salz bringen für den Salzfisch, und andere, die den Kaufleuten gehören. Sie sind gefüllt mit Lebensbedürfnissen aller Art. Wir werden meinen Vater dort finden, er hat für zwanzig Boote zu sorgen. Sicher wird er dir gefallen und dir gerne dienen wie er kann.

Ich habe, wie du weißt, einen Brief an ihn von dem Kommandanten General Münte in Trondhjem, sagte der Reisende.

9 Du würdest auch ohne den geschriebenen Zettel willkommen sein, versetzte Björnarne lachend. Am Lyngenfjord, wo unser Haus steht, fragt man wenig nach deinem General. Du kommst mit mir, denn du gefällst mir, Johann Marstrand. Du bist ein fixer Bursch, weißt ein Wort zu sprechen und wo es gilt, ist dein Arm auch bereit zur Hülfe; das liebt man bei uns und darum will ich dein Freund sein. Er nahm die Hand vom Steuer, streckte sie freundlich aus und quetschte die Finger des jungen Edelmannes fest in der seinen zusammen; aber auch dieser erwiederte den Gruß mit gleicher Stärke. Verlassen in einer fremden Welt, that ihm die rauhe Herzlichkeit seines neuen Freundes viel wohler, als die höflichen Worte der Theilnahme, welche er so oft gehört hatte. Er wußte, daß Björnarne keine Lüge sagen konnte, daß er ihn wirklich liebgewonnen, und er war gewiß, in allen Nöthen auf ihn zählen zu können. Für seine Zukunft war dies von großem Werthe.

Während nun beide vertrauliche Worte wechselten, durchschnitt das Schiff den Fjord und näherte sich rasch Ostvaagöen und den Fischplätzen. Die kleinen schwarzen Punkte, welche auf den Wellen schwammen, wurden nach und nach größer, vermehrten sich in immer wachsender Menge und zeigten sich endlich deutlich, als große sechsrudrige Boote, in welchen eine emsige Thätigkeit herrschte. Die Gestalten der Fischer in mancherlei Bewegung, wie sie Netze und Angeln hoben; die Sonnenblitze, welche ihre in Meerwasser und Fett getränkten Lederkappen und Wämser überzitterten; die hin und herfahrenden Jollen, endlich das tausendstimmige Geschrei, das über die brausenden Wogen drang, Alles vereinte sich zu einem vielbelebten Bilde, dessen thatkräftiges Leben auch Marstrand's Empfindungen immer höher anregten. Er fühlte ein Verlangen, sich in dies buntfarbige Gewühl zu stürzen; eine innere Wärme ließ ihn vergessen, daß, trotz des Sonnenscheins, eiskalte Luftströme über die Tinden von Salten stürzend, das Meer fegten, und daß hier in der Polarzone binnen wenigen Minuten der wildeste Wintersturm hereinbrechen und mit seinen Schrecken Land und See einhüllen konnte. Für jetzt sah er allein das frohe Fischergewühl, das diese Schrecken verspottete. Er sah die flatternden bunten Fahnen, die bewimpelten Häuser und Hütten auf Klippen und am Strande errichtet, und es war ihm, als würde ein Frühlingsfest hier gefeiert, als 10 trompetete und geigte es von den Felsenzinken des Greises von Vaagöen dazu. Darum jauchzte er und schrie vor Lust, wie ein echter Nordlandsfischer, als er die Netze heben sah, wo in jeder Masche ein ringelnder Kabeljau steckte. Er schwenkte seine Kappe, wie es alle thaten, als die Yacht zwischen den Fischern hinfuhr und umringt von hundert Booten, die ihr freudiges Willkommen zuriefen, um die Klippen bog und dem Hafenplatz in der Bucht zusteuerte, wo eine Anzahl größere und kleinere Yachten, Briggs und Schooner, Anker geworfen hatten. Es dauerte einige Zeit, ehe der passende Platz in der Reihe gefunden und eingenommen wurde, endlich aber rollten die Taue durch die Klüsen und die schöne Ilda von Oerenäes straffte sich an den langen Seilen und schüttelte langsam die Tropfen ab, welche an ihren Bugen und Bollwerken hingen.

Björnarne hatte alle Hände voll zu thun, es währte daher lange, ehe er sich um seinen Passagier bekümmern konnte, der vom Hinterdeck das Treiben des Fischfangs beobachtete, der in allen seinen Einzelheiten ihm dicht vor Augen lag. Am Ausgange der Bucht rund um ein nacktes Felseneiland, Skraaven genannt, ging es am lebhaftesten zu. Fünf bis sechshundert Boote, mit drei bis viertausend Fischern besetzt, waren hier mit dem Fang des Kabeljaus beschäftigt. Unaufhörlich warfen sie die Stellnetze aus und zogen andere herauf, unter lautem Gesang und Freudenruf, denn alle waren überschwer an Fischen, und mußten behutsam gehoben, und die Gefangenen ausgemascht werden, damit die Fäden nicht rissen. An vielen anderen Orten wurde ungeheure Taue, an welchen mehr als tausend Angeln saßen, in's Wasser geringt, denn damals war der Fang mit der Angel noch mehr üblich, als es jetzt der Fall ist. Dann eilten die Fischer mit ihren gefüllten Booten in die Bucht, aus welcher viele rothe Steinklippen aufragten, die besetzt mit Stangengerüsten und Tischen zum Ausweiden der Thiere, auch niedere enge Hütten trugen, in denen die müden Männer Schutz vor dem Wetter und nothdürftige Ruhe fanden. Aus den Booten wurden die Fische auf die Klippen gebracht, dort von bluttriefenden Händen gepackt und auf die Tische geschleudert. Scharfe Messer rissen ihren Leib auf, ein Griff der Finger nahm ihnen die Eingeweide, ein zweiter Schnitt und der Kopf flog in eine Tonne, die thranige Leber in eine andere. Die übrige Theile flossen einem eklen Haufen 11 von Blut und Gedärm zu, der sich am Rande der Klippe aufhäufte, und in der nächsten Minute hing, was einen Augenblick früher ein lebendes Geschöpf war, zerspalten und schwankend auf der Trockenstange. Mit ungeheurer Geschwindigkeit verrichteten die Männer ihr mörderisches Geschäft. Die Lust des Tödtens glänzte aus ihren Augen. Sie hielten die blutigen Messer zwischen den Zähnen, während ihre Hände in dem Bauch der sterbenden Thiere wühlten, und bissen entzückt in die fetttriefenden Lebern, wenn diese ihnen besonders weiß und lecker erschienen. Mit nackten Armen und weit offener, rauher Brust, ganz von spritzendem Blute bedeckt, sahen sie wie Kannibalen aus, welche ein schreckliches Siegesfest feiern. Gierig suchten sie nach den größten und stärksten Opfern, übten an ihnen ihr Henkeramt mit doppelter Lust und spotteten der Leiden und heftigen Schläge der stummen unglücklichen Verdammten. Marstrand fühlte bald einen Widerwillen vor diesem eintönigen Hinschlachten. Er wandte sein Auge davon ab und sagte vor sich hin: Es ist ein entsetzliches, feiges Morden, ich mag es nicht länger ansehen. Darum also ziehen zwanzig tausend Menschen auf diese nackten Klippen, darum jauchzen und jubeln sie wie besessen und trotzen den Stürmen des Polarmeeres? Welch rohes fürchterliches Volk, welch Abstreifen aller menschlichen Empfindungen! Doch nein, fuhr er fort, die Meisten würden zu Haus bleiben, wenn bittere Noth sie nicht herbeidrängte. Und drängt mich nicht auch die Noth bis in dies Land voll Eis und Felsen? sprach er leiser. Aber Fische mag ich nicht fangen, verdammt sei dies schmutzige, blutige Geschäft! Ein Pestgestank weht von den Fischbänken her, und diese Haufen von Eingeweiden, diese Thrantonnen und Lebern, diese blutigen Köpfe, diese wildschreienden Vogelschwärme, welche ihren Theil an der Beute fordern, diese schmutzigen, nassen, fettigen, klebrigen Menschenhaufen dazu: Eines ist ekelhafter, entsetzlicher als das Andere. – Björnarne schlug ihn auf die Schulter und rief mit seiner kräftigen Stimme: Du mußt hier nicht so viel nachsinnen, Freund Johann, du mußt frisch umherschauen und lustig sein, denn hier ist Jeder lustig. Das ganze Jahr über freut sich Alt und Jung auf den Fischfang in Lofoden, und kein Mann in ganz Nordland vermiethet sich ohne die Bedingung, daß er den Zug nach den Inseln mitmacht. Wie gefällt er dir? – Aus der Ferne besser wie in der Nähe, erwiderte Marstrand lächelnd.

12 Du bist kein Normann, sagte Björnarne, sonst würdest du so nicht sprechen, aber warte, bald wirst du anders urtheilen. Ich bin so froh, als gehörten mir alle Fische im Westfjord. Meine Schwester Ilda ist mit meinem Vater gekommen. Siehst du dort das Boot? Darin sitzen sie. Er zog Marstrand mit sich fort, und eben lief das Boot an Bord, wo eine Strickleiter ausgeworfen war, an der die Wellen es hoch emporschaukelten. Ein starker Mann im blauen Fischerrock, einen Lederkragen über die Schulter geworfen, hob ein Mädchen vor sich auf die Bank, deren dunkelblondes Haar in breiten Flechten unter einem glanzgestreiften Fischerhut hervorsah. Greif nach der Leiter, Ilda, rief der Alte. Im nächsten Augenblick stand das Mädchen auf der Staffel und bedächtig emporklimmend streckte sie ihrem Bruder, oben angelangt, beide Hände entgegen. Wunderst dich nicht mich zu sehen, Björnarne? rief sie ihm freundlich zu.

Gottes Friede mit dir, Ilda! antwortete er zärtlich. Hast eine glückliche Reise gehabt?

Eine gute, glückliche Reise, Björnarne; mag deine Reise auch so gewesen sein.

Alles gut, Ilda. Und der Fang ist in vollem Gange?

Wunderbar gut, Björnarne. Alle Gerüste hängen voll. Gestern war ein Tag, wie er selten vorkommt; alte Leute sagen es. Fette große Fische, daß die Netze rissen. Es ist eine Lust, Björnarne, ich kann nicht satt werden am Sehen und Hören. Vaters Yachten sind gefüllt, alle Tonnen voll Leberthran, der Fisch ist unermeßlich fett. Wird ein gutes Jahr werden, Björnarne, gute Fahrt nach Bergen, volle Yachten. Hier sah sie sich um und ihr lachendes Gesicht wurde plötzlich ernsthafter, als ihr Blick auf dem fremden Mann haftete. Es war ein großes starkes Mädchen, von dem festen Knochenbau des echt normannischen Geschlechts. Sie sah ihrem Bruder ähnlich. Es waren dieselben wohlgestalteten Züge, dieselbe breite Stirn und hellblitzende Augen darunter, aber Alles war so fest geprägt und so voll gebildet, daß der Mangel weicher weiblicher Form ein verwöhntes Auge leicht beleidigen konnte. So war es mit Johann Marstrand. Er konnte ein Lächeln des Spottes kaum unterdrücken, als er sie ansah und sich erinnerte, mit welcher Ruhmredigkeit Björnarne ihm diese Schwester gepriesen hatte, deren Reize zu Ehren sogar die Yacht den 13 Namen der schönen Ilda von Oerenäes annehmen mußte. Eine Schönheit unter dem neun und sechzigsten Grade nördlicher Breite bei Walfischen, Kabeljauen und Rennthieren geboren, kann allerdings ein wenig von unserm Geschmack abweichen, sagte er sich leise, doch diese hier, in ihren rindsledernen Schuhen, ihren grünen rothbesetzten Friesröcken, ihrer Pelzjacke und Lederschürze, die weißen wollenen Handschuhe über die groben Finger gezogen, sieht doch gar zu bärenhaft polarmäßig aus. – Während er dies mit sich selbst abmachte, hatte Björnarne seiner Schwester etwas zugeflüstert und dann sagte er laut: Ich habe einen Freund mitgebracht, Ilda, der bei uns wohnen will. Johann Marstrand heißt er, hier steht er. Gib ihm die Hand, Schwester.

Das Mädchen ließ ihre hellen Augen mißtrauisch prüfend über den Fremden gleiten, doch folgte sie dem Gebot ihres Bruders, reichte ihre Hand hin und sagte mit ihrer starkklingenden Stimme: Sei willkommen im Lande, Herr. Gottes Friede soll mit dir sein.

Vielen Dank, Jungfrau Ilda, erwiederte Marstrand höflich, dein Wunsch ist der schönste, den es geben kann.

Sie wendete sich zu ihrem Vater, dem Björnarne aufs Deck half und ihm die Hände herzlich schüttelte. Bist wieder da, Junge? rief der Kaufmann aus den Fjorden. Bist willkommen! Kommst zu rechter Zeit, wenn Alles gut am Bord ist.

Alles gut und recht, Vater, versetzte der Sohn. Fehlt nichts; nicht ein Nagel, nicht eine Hand voll Salz.

Der Alte nickte beifällig und stieß einen eigenthümlichen Kehlton aus, eine Art Grunzen, das häufig in Norwegen als Zeichen der Zufriedenheit gehört wird, und wie ein langgedehntes: Nuh! klingt.

Nuh, wiederholte er dann nochmals, bist ein fixer Bursch, Björnarne; hast eine gute Hand, in der eine Sache gedeiht. Ist's nicht so?

Denke ja, Vater, rief Björnarne lachend, und denke, komme gerade zur richtigen Zeit mit meinem Salz und Speck.

Der Kaufmann wendete sich halb zu Marstrand hin und betrachtete ihn mit einem messenden schlauen Blick. Die Lederfarbe seines langen harten Gesichts schien sich brauner zu färben und die tiefen Falten an der Stirnwurzel über der mächtig breiten Nase zogen sich dichter zusammen. Wollen sehen, Björnarne, sagte er, aber hast da 14 einen Passagier mitgebracht. Ist Einer, der sich das Ding in der Nähe ansehen will. Ist's nicht so?

Glaube ja, Vater.

Nuh! grunzte der Alte wieder, und um seinen Mund zuckte ein Lachen, das sich schnell verlor. Er ging auf Marstrand zu und streckte seine rauhe Faust aus. Seid willkommen, Herr, auf Lofoden, sagte er, bringt feines Wetter mit. Hätten es früher brauchen können; ist aber auch so gut. Kommt gerade recht, um das Ende eines wunderbar glücklichen Fanges zu sehen.

Mein bestes Glück mag es sein, Sie hier zu finden, erwiederte Marstrand, da ich Ihres Rathes und Ihrer Hülfe bedürftig bin. Ich komme in eine mir gänzlich fremde Welt, mein Glück darin zu suchen.

Kann's mir denken, fiel der Kaufmann ein, habe die Vögel oft schon so pfeifen gehört. Singen alle dasselbe Lied, wenn sie aus Dänemark herüber fliegen und schicken uns jährlich mehr als Einen, der da meint, es wachse Gold auf den lappischen Fjellen, brauche nur zuzufassen, um es einzustecken. Ist aber nichts damit, werdet es inne werden. Weiche Hände und schmale Füße passen so wenig hierher, wie die lispelnde Sprache von Kopenhagen. Ist's nicht so? Er schielte den Fremden an, und nickte spöttisch dabei.

Ich habe einen Brief von Trondhjem mitgebracht, erwiederte Marstrand, der Ihnen Näheres über mich sagen wird.

Nuh, rief der Alte, gönne Jedem sein Glück. Ist ein offenes Wort von Niels Helgestad gesprochen, Herr. Weiß, wie es steht, wenn die Glückmacher in's Land kommen. Freiwillig kommt Keiner, ist die letzte Hülfe; habe aber Manchen untergehen sehen, weil er's nicht ertragen konnte.

Der Blick, den er bei seinen letzten Worten auf den jungen Dänen warf, war mit einem Anflug von Warnung und Mitleid gemischt, den Marstrand wohl verstand. Dann nahm Niels Helgestad das Schreiben, brach es auf und lehnte sich lesend an das Bollwerk, indem er von Zeit zu Zeit bald nach seinem Gast am Bord, bald nach den Fischplätzen hinübersah und die voll ankommenden Boote zu zählen schien. Endlich knüllte er das Papier zusammen und steckte es in die tiefe Tasche seines Rockes. Weiß jetzt Alles was Ihr wollt, sagte er, hab's gewußt auch ohne die Buchstaben, und was ein Mann 15 thun kann, seinem Mitmenschen zu helfen, soll redlich geschehen. Was denkt Ihr jetzt anzufangen, Herr Marstrand?

Ich denke, versetzte dieser, dem Amtmann in Tromsöe meinen Schenkungsbrief vorzulegen und das Land aufzusuchen, das die Gnade des Königs mir bewilligt hat.

Hat gut bewilligen, der Herr in Kopenhagen, fiel der Alte ein. Aber was denkt Ihr weiter zu thun, wenn der Amtmann gesagt hat: Da drüben liegen die Fjellen, geht hin und sucht's Euch!

Dann, sagte Marstrand verlegen, dann – es wird sich der fruchtbarste Boden wohl herausfinden lassen.

Fruchtbarer Boden! schrie der Kaufmann lachend. Der heilige Olaf erleuchte Euch, Herr! Wer hat Euch eingebildet, Ihr werdet hier Fruchtbarkeit finden? Geht nach Haus, wenn Ihr Korn bauen wollt. Damit ist's nichts, fuhr er ruhiger fort, als er Marstrand's Beschämung sah, Ihr kennt die Wüste nicht, die dort hinter den Felsen liegt. Dennoch aber kann eines klugen Mannes Auge den Punkt wohl merken, wo Euer Gnadenbrief Waizen mit goldnen Aehren aus dem Stein treibt.

Musternd betrachtete er den Gast einen Augenblick und fragte dann: Bringt Ihr Geld mit in's Land?

Ich bin nicht ganz ohne Mittel, erwiederte dieser.

Viel wird's nicht sein, sagte Helgestad, denn hättet Ihr Geld, so säßet Ihr ruhig zu Haus und spieltet, tanztet, verpraßtet es in Festen und Lustbarkeiten. Weiß wie es große Herren machen, die keine Arbeit kennen, den arbeitenden Mann aber verachten und verspotten.

Herr Helgestad, rief Marstrand erröthend, ich bin nicht hier, um Das von Ihnen zu hören.

Nuh, sagte der Kaufmann ruhig, sehe, daß ich den Nagel auf den Kopf getroffen habe, würde Euch sonst nicht beißen das Wort. Aber gerade heraus: Wie viel Geld habt Ihr?

Tausend Species und etwas drüber, erwiederte der junge Edelmann unwillig zögernd.

Ist für den Anfang genug, fuhr Helgestad überlegend fort, wenn's nämlich damit seine Richtigkeit hat.

Er betrachtete Marstrand mit einem so mißtrauisch schlauen Lächeln, daß dieser unmuthig sagte: Ich hoffe nicht, daß Sie glauben können, ich lüge und maße mir einen Geldbesitz an, den ich nicht habe.

16 Will's glauben, versetzte Helgestad, würde aber auch die Lüge zu nichts helfen. Haben der Beispiele manche von jungen Herren, die da kamen, um reich zu werden. Sprachen den Leuten vor von ihren Gütern zu Haus und vornehmen Verwandten; schworen auf Ehre und Gewissen und machten Schulden darauf. Waren Männer, die jedem den Degen durch den Leib stoßen wollten, der irgend an ihrem Wort zweifelte, liefen aber zuletzt doch davon, wie Schelme und Schurken, und war Alles Lug und Trug, was sie dachten und sagten. Wollen Sie jetzt meinen Rath hören, Herr Marstrand?

Sehr gerne, erwiederte dieser.

Wer hier wohnen und Geld erwerben will, sprach der Kaufmann bedächtig, indem er sich auf den Rand des Bollwerks zurechtsetzte, der muß Handel treiben, sonst wird's nichts mit ihm. Handel, Herr, das ist die Sache. Von Ihrem Gnadenbrief wollen wir später herausbringen, wie er am besten dazu paßt; jetzt aber kommt es darauf an, den ersten guten Wurf zu thun, und dazu ist die richtige Stunde eben da. Wer wollte hier leben, wenn das Meer nicht wäre mit seinen Fischen? Die Fische, Herr Marstrand, die thun es. Lofoden, das ist der Schatz für uns Alle und der ist unerschöpflich. In jedem Jahre zur Märzzeit schwimmen die dummen Thiere, die Kabeljaue, in ungeheuren Schwärmen in den Westfjord hinein, um zu laichen, und wie viele auch immer gefangen und aufgezehrt werden, sie kommen doch von neuem und werden niemals weniger. Wir kommen aber auch. Vom Nordkap bis Trondhjem hinab kommt, wer kommen kann, zwanzig tausend Menschen und mehr, nur des Fisches wegen. Wissen Sie, wie viel wir in diesem Jahr binnen vier Wochen gefangen haben? Mehr als fünfzehn Millionen. Alle Gerüste hängen voll bis zum Brechen; alle Yachten liegen voll Salzfisch und voll Lebern. Der Thran wird billig werden, Herr Marstrand, der Fisch ist für einen halben Species die Vaage zu haben: das sind acht und vierzig gute Pfund. Ein wahres Glück aber ist es, fuhr er dann mit seinem spöttischen Grinsen fort, daß es katholische Christen in der Welt gibt: in Portugal, Italien, Spanien, Deutschland und wie die Ländern weiter heißen. Wir essen das gedörrte und getrocknete Zeug, das wie Holz schmeckt und wie versteinertes Holz aussieht, fast niemals; doch im Süden bei dem katholischen Volke ist es die 17 Fastenspeise für Arme und Reiche, und je billiger sie ist, je mehr wird sie gekauft.

Ich verstehe von solchem Handel gar nichts, sagte Marstrand, und kann mich schwerlich darauf einlassen, mit Fischen zu speculiren. Wer wird mir diese auch verkaufen, wenn der Gewinn so bedeutend ist? fügte er hinzu, als er sah, daß das Gesicht des Kaufmanns sich verfinsterte.

Das Glück muß man zu fassen verstehen, das thut's, erwiderte Helgestad. Könnt eben jetzt den Fisch billig kaufen. Jeder läßt etwas von dem reichen Fange ab, wenn er baar Geld sieht. Kennt das Land nicht, Herr, wißt nicht, was Sitte und Gebrauch ist. Ist alles Tauschhandel hier, Geld ist selten. Der Fischer, der Normann und Quäner, wie der Lappe, Alle borgen vom Kaufmann, der das ganze Jahr über gibt, was sie brauchen; liefern ihm dafür, was in ihre Netze läuft. Der Kaufmann borgt aber auch von den Handelsherren in Bergen, schickt diesen die Yachten voll Stockfisch, Salzfisch und Thran. Alle die Menschen hier, die Sie fischen sehen, stehen im Dienste der Kaufleute und Eigenthümer an der Küste und haben ihre Conto's im Creditbuche. Jeder Fisch wird bezahlt und abgerechnet, so wie er auf der Stange hängt; kommt er dann nach Bergen, ist er dreimal so viel werth, oder auch sechsmal so viel, wie es kommt – verstanden, Herr? In Jahren, wie dies aber, wo Ueberfluß ist, verkauft man auch gern auf dem Platz frisch weg; überläßt andern Leuten einen Antheil an der Speculation. Kann sein, daß sie mächtig gut ausschlägt.

Marstrand stand zögernd und bedenklich. Nuh, sagte der Alte, Jeder muß thun, wie's ihm um's Herz ist. Handel ist ungewiß, wer nichts davon hofft, muß es lassen.

Da der Fang so reichlich ausgefallen ist, erwiderte Marstrand, wird, wie ich meine, kein großer Gewinn zu erwerben sein in diesem Jahre. Alle Aufträge können leicht befriedigt werden, die Magazine werden überfüllt und die Preise müssen sinken.

Helgestad ließ zum ersten Male sein Auge wohlgefällig auf dem jungen Abenteurer ruhen. Habt einen Blick für den Handel, Herr, erwiederte er dann, findet sich selten bei Eures Gleichen; kennt aber die Sache nicht, die ganz anders kommen kann, wie Ihr denkt. Haben heute den heiligen Gertrudentag, ist nicht gut, wenn die Sonne da 18 scheint. Kommt wildes Wetter danach; ist ein richtiger, erprobter Satz. Nun seht, die Fische dort auf den Klippen an den Gerüsten bleiben so bis zum Monat Juni hängen, während wir Alle nach Haus fahren, Thran pressen und den nach Bergen liefern. Ist das die erste Fahrt in jedem Jahr. Im Junimonat aber kommen die Yachten wieder, wollen den Fang dann einladen, wird jedoch Mancher es bereuen, daß er seine Stangen nicht höher baute. Ist ein sorglos leichtsinniges Volk, das Fischervolk, denkt nicht an das, was kommen kann, scheut Arbeit und Mühe. Bis im April und Mai hinein fallen Schneewehen, begraben oft Gerüste und Fische. Wenn dann die Männer anfahren und zugreifen wollen, finden sie faulendes Fleisch und Würmer. Müssen in See werfen, was Geld bringen sollte; kommen in Noth und Kummer und aus dem gesegneten Fang wird ein schlechter. Kann so werden, Herr Marstrand, ist manchmal so gewesen.

Ein listiges Lachen spielte um seinen Mund und in Marstrand's Herz kam plötzlich eine Art Verlangen und Vertrauen zu der Fischspeculation. Er sah nach den beiden Kindern des Rathgebers hin, die Alles mit angehört, aber kein Wort dazu gesagt hatten. Das große Mädchen stand dicht bei ihm und heftete ihre stolzen Augen musternd, doch gleichgültig auf seine Gestalt; Björnarne aber nickte ihm leicht zu und machte eine erstaunte Geberde über seines Vaters offene Rede.

Gut, sagte der junge Mann, ich will. Ich verstehe nichts von dem Handel, aber ich baue auf Ihre Theilnahme, die den Kauf für mich betreiben wird, wie ich denke.

Will's thun, Herr, versetzte Helgestad und faßte schüttelnd seine Hand. Ist also abgemacht zwischen uns und Mannes Wort, ein Wort, wie es in Norwegen Sitte ist. Wurde mir heute eine hübsche Zahl von Vaage angeboten, schlug es ab, habe genug mit dem, was Gott mir bescheert hat; will jetzt danach sehen und denke einen guten Handel zu machen. Ohi Boot! rief er über das Bollwerk der Yacht hinaus. Halt dich fertig, Ole, leg' an, mein Junge. Ihr Herr, bleibt am Bord mit den Kindern, bis ich wieder komme. Trag' auf, Björnarne, was du hast; decke den Tisch, Ilda. Ein frisches Gericht Fische schicke ich her oder bringe es mit.

19 Mit diesen Worten stieg er an der Leiter hinunter und sicher war er in der besten Laune, denn er grinzte von unten ein Paar Male herauf und schrie seiner Tochter zu, genau nachzusehen, was Björnarne aus Trondhjem an hübschen Dingen für sie mitgebracht habe.

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