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Heinrich Hansjakob: Afra - Kapitel 1
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authorHeinrich Hansjakob
booktitleWaldleute. Ausgewählte Erzählungen
titleAfra
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1.

Auf wunderschöner Waldeshöhe, ringsum bewacht von den düstern Bergkuppen des oberen Kinzigtals, steht eine Kultur-Oase mitten im Waldmeer, der Fohrengrund genannt. Auf ihr erhebt sich zauberhaft eine einsame, malerische Hütte. Sie gehörte vor fünfzig Jahren einem Kleinbauern, dem auf den grünen Matten um die Hütte das Gras wuchs, um damit zwei Kühlein und ein »junges Stück« zu füttern, und der auf den mageren Aeckerlein unter derselben die Kartoffeln und das Korn pflanzte für seinen und seiner Familie Unterhalt.

Der Wald ob der Kutte war sein und gab ihm die Mittel an die Hand, Bargeld zu bekommen, um sich und die Seinen kleiden, Steuer und Umlage zahlen und an Sonn- und Feiertagen drunten im Tal bisweilen einen Schoppen trinken zu können. Einmal im Jahre trieb er auch ein Stück Vieh zu Markt und brachte so »ein Geld« heim.

Er stammte aus dem Tal drunten, hatte in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts mit seinem Weib die wunderbare Hütte erheiratet und ward fortan nach seinem Vornamen genannt »der Fohrengrund-Xaveri«.

Es waren ihm und seinem Weib, der Franziska, im stillen Laufe der Zeit zwei Meidle groß geworden. Sie hießen mit gar schönen und passenden Namen Afra und Maria Eva.

Die Meidle im Kinzigtale, namentlich um Hasle rum, wo im Dorfe Mühlenbach Sankt Afra Patronin ist, tragen nicht ungern den Namen dieser Heiligen. Sie war bekanntlich in ihrer Jugend eine Sünderin der Art, wie Frauen sündigen, und später, allerdings noch in ihrer Blütezeit, eine Märtyrin und heilige Gottes.

Ihre Schutzkinder im Kinzigtal, die »Oferle«, sind meist lustige, lebensfrohe Meidle, denen später auch ein Martyrium blüht, das Martyrium der Mühen, der Sorgen, der Kümmernisse und der Heimsuchungen, wie es auf dieser armen Erde kaum einem Sterblichen erspart bleibt.

Afer und Afra sind überhaupt alle Menschen: jung – fröhlich, leichten Sinnes und gar oft gottvergessen, im späteren Alter aber Märtyrer in irgend einer Art.

So ging's auch der Afra im Fohrengrund. Ihr Martyrium muß Mitleid bei jedem erregen, der davon erfährt.

Und auch Eva ist stets ein rechter und echter Name für Wibervölker, unter denen gar selten eine lebt, die keine Eva ist mit all' den Fehlern der Stammutter, und was sie Gutes haben und genießen, diese Wibervölker, ihr Ansehen in der Welt und ihre spärlichen Tugenden, verdanken sie Maria, der zweiten Eva, der Mutter des Erlösers.

Maria ist also der schönste und passendste Frauenname.

Drum haben in Anbetracht all' dessen die Väter und Mütter der vergangenen Jahrhunderte so gerne, wie das Landvolk es jetzt noch tut, ihre Töchter Maria Eva genannt.

Die Afra und die Mariev im Fohrengrund hatten einsame Tage auf ihrer Waldhöhe. Im Winter besonders, wo die Föhren und die Tannen ringsum unter der Schneelast ächzten und der Schnee so gewaltig auf der Erde lag, daß sie nicht einmal an Sonntagen hinabkamen in die Dorfkirche – im Winter hatten sie keine Spinnstuben-Abende und konnten nirgends hin mit ihren Spinnrädern »z' Liacht goh«.

Zwar lag zehn Minuten von ihrer Hütte weg eine andere im Walde; aber die Leute dort und selbst ihre Tochter waren scheue, unnachbarliche Menschen, die am liebsten allein blieben. Und eine halbe Stunde weiter oben in einer Waldecke standen die »Waldhäusle«; aber dort gab's lauter Buben, denn die Meidle waren fort im Dienst.

Buben gehören zwar auch in die Spinnstuben, aber da in den Waldhäuslen keine Meidle waren, hatten die des Xaveri keine Ausrede, um mit dem Spinnrad zu Buben zu kommen.

So saßen denn zur Winterszeit des Fohrengrund-Xaveris Weib und ihre Meidle allein beim Spinnen.

Es war eines Winterabends um den Dreikönigstag des Jahres 1860. Der angezündete Holzspan stand auf einem Stock in der Mitte der Stube und erleuchtete diese matt. Um den mit Wasser gefüllten Kübel, in welchen des Spans verbrannte Reste zischend fielen, saßen die Wibervölker und spannen, während der Xaveri auf der Ofenbank seine Pfeife rauchte. Da fing die Afra also zu reden an:

»Meinet ou Muatter, i han gestert, wo i ous der Vesper heim bei (bin), a schös Liad g'lehret. Im Löchle beim Löchlebaur sin Meidle gsei, ousm Tös, vom Reiblisberg, vom Fräulisberg und ousm Dachsloch. Die sind alle bei oanander gsei und hant Liader g'sunge. Und eine, 's Töse Ammrei, die im Untertal dienet hot, hot a ganz neu's Liad g'sunge und des hau i g'lehret.« Die oberen Kinzigtäler reden mehr schwäbisch, wie hier die Afra, die unteren alemannisch. Ich lasse in dieser Erzählung absichtlich die Leute abwechselnd Dialekt und hochdeutsch reden.

»Loset (höret), Muatter, i will des Liad singe.«

»'s ist mir nit singerig ums Herz,« meinte die Alte, »aber wenn's ein schönes, christliches Lied ist, kannst du's singen, du kommst dann selbst einmal auf andere Gedanken.«

»'s ist ein ganz fromm's Lied, Mutter,« fiel die Mariev ein, »d' Afra hat mir's gestern abend noch vorg'sunge in der Kammer droben.«

»Also sing's,« sprach spöttisch der Xaveri, seine Pfeife einen Augenblick aus dem Mund nehmend; »deine Mutter hat noch nie gesungen, so lang ich sie hab', heringegen kann sie um so besser schelten. Wenn sie singen könnt', wie schelten, wär' sie die größte Sängerin auf der Welt.«

»Halt dei Moul, Alter,« keifte die Franziska, »wenn du a Frau hättest, die nit schimpfet, du hättest schon lang kein ganz Hemd mehr am Leib.«

»Sing, Oferle, sing!« lachte der Xaveri, »sonst geht der Teufel wieder los, wie am letzten Märkt, wo i z' Schilte gsei bei und a Räuschle heimtrage hau.«

Jetzt fiel die Afra ein und sang:

Am Montag, da fängt die Woche wieder an,
Da wollen's wir den lieben Gott im Herzen han.

»Des war recht,« fuhr die Mutter dazwischen, »wenn du einmal anfingest, Gott im Herzen zu han, aber du hast immer andere Dinge drin, nichtsnutzige. Sing weiter!«

Am Dienstag ist dem heiligen Antonius sein' Bitt',
O heiliger Antonius, verlaß uns doch nit!

»Du kommst mir grad' recht mit der Bitt'!« schrie jetzt die alte Franziska. »Jetzt weiß i, warum du das Lied so schnell 'könnt hast. Dein Kerle, der Wilderer, heißt Toni, und du betest jedenfalls zum heiligen Antonius, daß er dir den Toni lasse. Ich hab' jetzt schon g'nug singen g'hört. Hör' auf! Wenn i an die G'schicht denk', steigt mir Gift und Gall in den Kopf!« »Aber du bist heut doch nicht recht aufeinander, Alte,« lachte wieder der Xaveri von der Ofenbank her.

»Halt dei Moul, Alter, und geh' ins Bett, dei Pfeif' ist ausg'raucht. Du verdirbst die Meidle immer und bist ihre Stütze gegen mich, 's war' g'scheiter, du tatst dei'm Weib helfen, statt den Kindern.«

»Und du,« gab der Xaveri mit Humor zurück, »du solltest dich als die fromme Person, die du sein willst, schämen, den heiligen Antonius und den Toni aus dem Hirschgrund zusammenzustellen.«

»Doch, ihr Meidle, laßt 's Singen bleiben heut' abend und für immer. D' Mutter versteht kein G'spaß und kein Ernst. D' Uhr zeigt schon acht vorbei, der Span ist am Abbrennen und mein Pfeifle am Ausgehen. I will noch mit der Latern umzünden im Stall, dann geh'n wir alle zur Ruh.«

»Du kannst allerdings schlafen wie ein Dachs,« bemerkte das Weib, ihr Spinnrad vom Licht wegtragend und in eine Ecke beim Ofen stellend. »Aber ich kann nit schlafen vor lauter Gram über die Ofer mit ihrem Kerle.«

»Guat Nacht, schlofet g'sund.« sprachen die Meidle und gingen schweigend und schüchtern zur Stube hinaus und ohne Licht durch den finstern Hausgang die hölzerne Treppe hinauf in ihre Kammer.

Der Xaveri klopfte seinen hölzernen Pfeifenkopf aus und sprach trocken und ruhig: »Ich will jetzt schlafen wie ein Dachs, und du wachst, Alte, und machst Kalender.«

»Und du machst dann die Jahrmärkt dazu: denn du weißt am besten, wenn d' Jahrmarkt sind z' Schilte drunte und z' Alpirsbach drobe,« keifte sein Weib.

»Jo, jo,« lachte der Xaveri, »die mach' ich dir gern. Geh' jetzt nur in d' Stubekammer, Alte, i komm gleich nach, i will nur noch mit der Latern durchs Häusle laufe.«

Als der Xaveri zurückkam von seiner Feuerschau und in die Schlafkammer trat, fing sein Weib wieder an: »Und i leid's halt nit mit dem Wilderer!«

»Und i leid's ou nit,« gab der Mann ruhig zur Antwort, damit sein Weib endlich schweigen möchte.

»Wenn du's nit leid'st, dann mußt dem Meidle au nit helfe,« kreischte die Alte.

»Ich helf' ihm ou nimmer von morgen an, Alte, aber jetzt guat Nacht,« schloß der Xaveri und legte sich auf seinen Laubsack.

»Jo, du hilfst mir bis morgen früh, und dann steckst dir bei Pfeif' an und gohscht in Wald und haltst 's Moul.«

Der Xaveri gab keine Antwort mehr, denn er wußte, daß sein Weib, wie alle Weiber, das letzte Wort haben müsse.

Nach kaum zwei Minuten schnarchte Papa Xaveri den Schlaf des Gerechten, während sein Weib noch pustete und nestete, bald lauter, bald stiller vor sich hinmurmelnd.

Die Meidle fanden ihre Kammer vom Mondlicht beleuchtet, das mild und kalt durch die kleinen Schiebfensterchen guckte.

»Mach' ou's Schieberle zu,« sagte die Mariev zur Afra, deren Lager dem Fenster zunächst stand.

»Ich will aber z'erst noch nousgucke,« meinte die Afra, »ob der Toni nit um den Weg isch.«

»I glaub, daß er im Wald isch, i hau in der Stube drunten schieße g'höret, und wenn d' Muatter nit a bißele taub wär' und der Vater nit alle Fenster mit Moos verstopft hätt', hätten beide es höre müsse,« antwortete die Mariev, welche wie üblich ihrer Schwester beistand in der Hoffnung auf Gegendienst, wenn sie einmal einen »Kerle« hätte.

Die Afra streckte den Kopf zum Schiebfensterle hinaus und schaute scharf, aber sie merkte nichts davon, wie wunderbare Nacht es draußen war. Der Mond stand in vollem Glanze und in seiner ganzen stillen Majestät über der Schneefläche im Fohrengrund, und es glitzerte über dem Schnee wie Millionen zuckender Sternlein. Die Föhren und die Tannen rings um die Oase neigten im Nachtwind leise, wie betende Riesenelfen, ihre schneeigen Wipfel, und wie ewige Ruhe lag's über der ganzen Natur, selten unterbrochen vom Ruf eines Käuzchens oder dem Bellen eines Fuchses.

»Dort drunten, wo der große Loche Markstein. steht, sitzt eine schwarze Gestalt,« flüsterte die Afra, den Kopf aus der Fensteröffnung ziehend. »Das könnt' der Toni sein, denn wenn's Vollmond ist, geht er gern in Wald, und der Schuß vorhin kam sicher von ihm.«

Jetzt guckte die Mariev und glaubte auch, er sei's. »Los (höre), Oferle,« rief sie, »er singt. Aber wir wollen jetzt ins Bett, er könnt' uns merken und kommen und dann die Mutter doch was hören.«

Sie schloß schnell das Fensterle.

Der Toni aber, der schon einen Rehbock erlegt und ihn beim Lochen hingeworfen hatte, um auszuruhen, ehe er seine Beute weiter trug, sang vergnügt und furchtlos das Lied, das er angefangen:

Abends, wenn die Sternlein spielen,
Bei dem hellen Mondenschein
Muß ich durch den Wald hin stiegeln
Und zum Anstand fertig sein.

Muß noch auf dem Wechsel stehen,
Wo das Wildbret tut hergehen;
Muß mich allda finden ein
Und zum Anstand fertig sein.

Will es mir zu dunkel werden,
Such' ich mir ein' Bauershütt',
Leg' mich nieder auf die Erden,
Habe Ruh', doch schlaf ich nit.

Ruhe, wo man liebt und lebet,
Wo man Treuheit sieht und übt
Und um meine Liebe bittet,
Nimm mein Herz, ich schlafe nit.

Wenn der Tag sich wieder zeiget,
Zieh' ich wieder hin ins Feld,
Wo das Wildbret vor mir schleichet
Und sich scheu und flüchtig stellt.

Da empfind't mein Herz Vergnügen,
Wenn ich kann das Wild betrügen,
Daß mir's in die Arme fällt,
Ob es gleich sich flüchtig stellt.

Er wußte, im Fohrengrund sei er sicher zu dieser Stund', drum sang er ziemlich laut sein Lied. Dann erhob er sich, band dem Rehbock die Läufe zusammen, hing ihn über die Schultern und verschwand im Wald bergab.

Während die Meidle in der Hütte schlafen und der Toni auf dem Heimweg ist, will ich anfangen was zu erzählen.

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