Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Aëlita - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGraf Alexei N. Tolstoi
titleAëlita
publisherUrania-Verlag
year1929
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectidaeb07a95
Schließen

Navigation:

Eine seltsame Annonce.

Um vier Uhr nachmittags erschien in Petersburg, auf dem Prospekt der Morgenröte, eine seltsame Annonce – ein kleines Blatt graues Papier, mit Nägeln an die abgebröckelte Mauer eines leerstehenden Hauses angeschlagen. Der Korrespondent einer amerikanischen Zeitung, Archibald Skiles, sah im Vorbeigehen eine junge Frau in einem reinlichen Kattunkleid barfuß vor der Annonce stehen, sie las sie, die Lippen bewegend. Das müde, liebe Gesicht der Frau drückte keinerlei Erstaunen aus, die Augen blickten heiter, gleichgültig, ein wenig verrückt. Sie strich sich eine Strähne des gewellten Haares hinter das Ohr, hob den Korb mit Gemüse vom Trottoir auf und ging über die Straße.

Die Annonce verdiente Beachtung. Skiles las sie mit großem Interesse, trat näher heran, fuhr sich mit der Hand über die Augen und las noch einmal. »Twenty three«, versetzte er schließlich, was offenbar besagen sollte: »Hol' mich der Teufel mit allen meinen Knochen.«

Die Annonce lautete:

»Ingenieur M. S. Lossj fordert diejenigen, die mit ihm am 18. August auf den Mars fliegen wollen, auf, bei ihm zwecks persönlicher Besprechung zwischen 6 und 8 Uhr abends vorzusprechen. Shdanow-Kai Nr. 11, im Hofe.«

Mit gewöhnlichem Tintenstift war die Aufforderung geschrieben, auf den Mars zu fliegen. Skiles griff sich unwillkürlich an den Puls – er war normal. Er blickte auf seine Uhr: 5 Uhr 10 Minuten; der Zeiger des kleinen roten Zifferblatts zeigte auf den 14. August.

Skiles war in dieser verrückten Stadt mit ruhigem Mut auf alles gefaßt. Aber diese an die abgebröckelte Mauer angenagelte Annonce wirkte auf ihn im hohen Grade schmerzlich. Durch den menschenleeren Prospekt der Morgenröte wehte der Wind. Die vielstöckigen Häuser mit den teils eingeschlagenen, teils mit Brettern vernagelten Fenstern schienen unbewohnt, kein Kopf sah heraus. Die junge Frau hatte ihren Korb wieder aufs Trottoir gestellt und blickte von der andern Straßenseite zu Skiles herüber. Ihr liebes Gesicht war ruhig und müde.

Skiles zitterten die Backenknochen. Er holte einen alten Briefumschlag aus der Tasche und notierte sich die Adresse. Um diese Zeit blieb vor der Annonce ein großgewachsener, breitschultriger Mann ohne Mütze stehen, der Kleidung nach zu schließen ein Soldat; er trug eine Hemdbluse ohne Gürtel und Wickelgamaschen. Seine Hände steckten träge in den Taschen. Während er die Annonce las, spannten sich die Muskeln in seinem Nacken.

»Nicht schlecht – auf den Mars!« sagte er vergnügt und wandte sein sonnengebräuntes, sorgloses Gesicht Skiles zu. Quer über seine Schläfe zog sich eine weiße Narbe. Seine graubraunen Augen blickten träge, und in ihrer Tiefe blitzten, genau wie in den Augen der jungen Frau, verhaltene Funken. Skiles hatte diese eigentümlichen Funken in den russischen Augen schon längst bemerkt und sie sogar in einem seiner Artikel erwähnt: »... Dieses Fehlen jeder Bestimmtheit, dieser ewige Wechsel zwischen Spott und wahnsinniger Entschlossenheit und schließlich dieser unbegreifliche Ausdruck von Überlegenheit wirken auf einen ungewohnten Menschen äußerst schmerzvoll.«

»Mit ihm fliegen – sehr einfach«, sagte der Soldat gutmütig lächelnd und musterte mit einem schnellen Blick Skiles von Kopf bis zu den Füßen. Plötzlich kniff er seine Augen zusammen, und das Lächeln verschwand von seinem Gesicht. Er sah aufmerksam über die Straße auf die junge Frau, die noch immer unbeweglich neben dem Korb stand. Er nickte ihr zu und sagte:

»Mascha, was stehst du da?« Sie zwinkerte schnell mit den Augen. »Geh lieber heim.« Sie bewegte ihre staubigen, kleinen Füße, und man sah, wie sie aufseufzte und den Kopf senkte. »Geh, geh, ich komme gleich nach.«

Die Frau hob ihren Korb auf und ging. Der Soldat sagte:

»Ich bin als verwundet entlassen. Gehe herum, lese die Ladenschilder, es ist so furchtbar langweilig.«

»Gedenken Sie sich auf diese Annonce zu melden?« fragte Skiles.

»Ich will unbedingt hin.«

»Es ist aber Unsinn – fünfzig Millionen Kilometer durch den luftleeren Raum zu fliegen ...«

»Weit ist es allerdings.«

»Es ist ein Schwindel oder Wahnsinn.«

»Alles ist möglich.«

Skiles kniff die Augen zusammen, musterte den Soldaten, errötete vor Zorn und ging mit sicheren, großen Schritten in die Richtung zur Newa. Er setzte sich auf eine Bank auf der Promenade, steckte die Hand in die Tasche, in der er als alter Raucher und vielbeschäftigter Mensch den Tabak offen liegen hatte, stopfte sich mit einer einzigen Bewegung des Daumens die Pfeife, zündete sie an und streckte die Beine vor sich aus.

Die alten Linden rauschten. Die Luft war feucht und warm. Auf einem Sandhaufen saß, ganz allein in den Anlagen, offenbar schon seit langem ein kleiner Junge in schmutzigem Hemd, ohne Hose. Der Wind bewegte ab und zu seine hellen, weichen Haare. Er hielt in der Hand eine Schnur, an deren Ende eine alte, zerzauste Krähe festgebunden war. Sie saß unzufrieden und böse da und blickte wie der Junge Skiles an.

Plötzlich – es war nur der Bruchteil einer Sekunde – glitt ein Wölkchen über sein Bewußtsein hinweg, so seltsam schwindelte ihm der Kopf: sieht er dies alles nicht im Traum? ... Der Junge, die Krähe, die leeren Häuser, die leeren Straßen, die sonderbaren Blicke der Passanten und diese mit Nägeln angeschlagene Annonce – jemand fordert auf, aus dieser Stadt in die leeren Sternenräume zu fliegen.

Skiles zog den starken Rauch tief in die Lunge ein. Er lächelte. Dann entfaltete er den Stadtplan von Petersburg und suchte, mit dem Mundstück der Pfeife über das Papier fahrend, den Shdanow-Kai.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.