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Adrienne

Carl Sternheim: Adrienne - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Sternheim
titleAdrienne
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Carl Sternheim

Adrienne

Eine Erzählung

 

»Sauver la plastique!«

 

1

Adrienne war irgendeine von irgendwoher nach irgendwohin.

Nur das hatte sie bis zum achtzehnten Jahr begriffen, sonst war sie, vom Geschnatter des Weltalls zugedeckt, geradeausgesaust.

Das stürmische Mitinnesein entzückte sie. Glücklich war sie, dazuzugehören, wußte sie auch nicht, zu was. Doch daß es strotzte, säftetreibend bunt war, machte ihr diebischen Spaß.

Manchmal fuhr ein Punkt in ihr Dasein; der kam jeden Monat an gleichen Tagen, bremste ihren Braus zu dunklerer Wahrnehmung, aus der sie mit Umwelt, die ihr ein Nebel blieb, abrechnete.

Sonst stoffwechselte sie begeistert, pürschte sich an Mannigfaltigkeit, die immer saftiger wurde, kannte keine Nuance des Schmeckens, Tastens, Fühlens, blieb von jedem Reiz bis zu süßen Bewußtlosigkeiten verführt. Dann stand der blaßblonde Schopf, standen die straffen Brüste – sie schien dem Schöpfer brausendes Hurra!

Ihres Lebens laut herausgelachter Jubel blieb, daß es sich vom Morgen zur Nacht stets reizender um sie ereignete, das Ganze himmlische Wollust war.

Ihr Gepäck war ihre gute Laune, die immer da war, mit der sie bezahlte; ein entzücktes Lächeln, das überall für bare Münze genommen wurde.

Von Kindheit an hatte sie gewußt, man kam leichter lustig als ernst durch die Welt, erinnerte sich, in Lebensanfängen auf Bänken der Eisenbahnen, nackten Dielen der Dampfschiffzwischendecke, wenn alle Bälger brüllten, die Umgebung immer angelacht zu haben, die ihr Süßes ins Mäulchen gesteckt, Hoppereiter gemacht hatte.

Stets hatte man sie ein Stück ins Leben weitermitgenommen, ihre blaue Heiterkeit, bei der sie blanke Zähne zeigte, von ihr gewollt, sie mit Vorwürfen und Sorgen, die ihr nicht standen, verschont.

Namen der Völker, Städte, Flüsse, Meere, Gebirge, die sie durchflogen hatte, kannte sie nicht. Manchmal fiel ihr »Rumänien« ein, wo sie irgendwie und wann geboren war. Ihr Wortschatz von kaum hundert Worten war eine Art Französisch, in das Brocken englisch, jiddisch und Negerlaute gemengt waren.

Auf Dinge, die sie nicht rund im Bild fand, ließ sie sich nicht ein, hielt die Linie einfältigen Seins, bäumte gegen Zerstreutheit in sich und überall.

Auch einen Gott hatte sie sich aus begegneten Gottformen zurechtgemacht, einen drolligen Fetisch, den sie nicht ernstnahm, als Veranlasser großen Theaters aber schätzte.

Paris, wo sie gestern angekommen war, leuchtete ihr ein. Auch der Name der Stadt hatte gehaftet; sie griff über alles Gewesene, als sie, die an ihr Unterkommen am nächsten Tag nie gedacht hatte, ein himmelnahes Stübchen auf Montmartre für eine Woche nahm.

Staunte sie über ihre heftige Willensäußerung, war sie schnell wieder in animalischem Glück, als sie eine Wolke, ein Stückchen Himmelblau durchs Fenster als alte Freunde begrüßt hatte, fand, sie paßte prachtvoll in den Raum, in dem bis auf das schlanke schmale Bett harmonisch sich alles zu ihr verhielt.

In das sie eine warme Mulde drückte, wo es ihr, schlief sie nicht, schneite es draußen, bis zu Freudentränen kannibalisch wohl war.

Sie spürte phantastische Kraft, fauchte Atem so heiß in den Raum, daß seine Erstarrung in teilnehmendes Schwitzen kam.

Nach zwei Tagen stand fest: sie wollte bleiben! Unbedingt nicht fort von hier! Ruhe, die plötzlich um sie war, schien ihr als die bisher gehetzte Rastlosigkeit, natürlicher. Den neuen Schwung zu lernen, hörte sie gespannt in sich hinein.

Sie schwang in neuen Takten, gellender Jazzband war durch Lied im Volkston mit Muttertod, Vaterland, Eiapopeia getauscht. In innerem Brand schmolz sie, schnellte den Leib zu der in ihr summenden Musik.

Die Wirtin, die sie schweißtriefend, mit überkippten Blicken singend fand, rief, sie sei verrückt; worauf Adrienne der Alten an den Hals flog, brüllend, sie ahnte nicht, wie irrsinnig schön das Leben sei, und in Paris wisse sie es, Adrienne, allein.

Worauf die Alte sie eine Puschel nannte, mitten auf den Mund küßte. Worauf das aus Rand und Band geratene Mädchen unter die Bettdecke zurücksprang, andächtig mit sich selbst, was zu geschehen habe, zu beraten.

 

2

Sie noch maß sich an keinem Weib, das sie gekannt hatte; wie sie sich nie mit einer anderen verglichen hatte, wollte sie jetzt erst recht von keiner verführt sein. Wußte sich an ihrem eigenen erlauchten Anfang, ungewiß, doch entschlossen; wollte, da sie das eigene Leben in Gang setzte, keinen Weg der anderen gehen, nicht einen fremden Schritt mehr machen.

Dieser nie geahnte Wille, der sie vergewaltigte, befahl, auf größter Hut nur so sacht aus sich herauszutreten, daß immer der Platz, auf dem sie im bunten Menschengewühl stünde, sichtbar bliebe.

Sie spürte auch, sie hatte vorerst kein Ziel, würde nicht blind mehr auf ein Beliebiges zustürzen, aber, wie sie es an großen Schiffsankern gesehen, von Zeit zu Zeit in bodenlose Tiefen, Gründe und Wurzel zu fassen, niedertauchen.

Und wie ins Meer breitete sie prüfend das sich spreizende Fleisch in alle Teile der nachgebenden Kissen, entspannte Muskel und Nerve, bis sie ein einziger heißer Teig war, der sich, in neue Formen geknetet zu werden, sehnte.

Zum erstenmal fühlte sie sich dem wesentlichen Walten nah, das wie sie selbst bisher stumm doch pulsierender Mittelpunkt gewesen war, dessen Mutterduft und Mutterblut sie plötzlich wie das an übervollen Eutern hängende Kind mit aufgetanen Sinnen in Strömen einzog.

Als sie angestauter Kräfte sicher war, schaltete sie vorsichtig den ersten Gang so ein, daß er auf kurzem Spaziergang durchs Quartier ihr fest in der Faust blieb. Maß Schritt für Schritt ihres Schreitens veränderte Art, daß kein blinder Flug mehr, doch bewußte Inbesitznahme der Stätten, an die sie trat, und die sie einnahm, war. Fühlte den Druck des verschobenen Gewichts, der ihren Leib um eine Ecke setzte, ihn einem Zusammenprall ausweichen, die andere Seite der Straße gewinnen, greller Sonne üblen Gerüchen entrinnen ließ. Ermüdete sie, holte sie, an eine Wand gelehnt, leicht frische Luft, bis der verlorene Atem wieder da war.

Auf weiteren Ausflügen führte sie so geregelten Wechsel ihrer an die rasende Straße fortgeworfenen Hingabe, aus der Atmosphäre dafür gewonnenen Antriebs ein, daß ewiges Gleichgewicht in sie kam, die Art zu gehen ihr der erste oberste selbsterfaßte Begriff wurde, aus dem sie endlich für das übrige Leben ein Vorbild hatte, das noch einer Notwendigkeit, die sie nicht zu nennen wußte, zu entbehren schien.

Die erste Freude, die ihrer jungen geistigen Eitelkeit schmeichelte, war, das französische Zeitwort, in zwei Formen seiner Vergangenheit, bestätigte, was sie erfunden hatte, unterschied, ob etwas für alle Welt schon immer da war, oder neu in der Zeit und für den einzelnen geschah. Daß »il etait« ganz etwas anderes sagte als »il fut«.

Letzte Gewißheit gab ihr der blauweiße Kachelofen im Zimmer, der, nachdem man ein einziges Bündel Astholz in ihm entzündet, ihn luftdicht verschlossen hatte, aus einem Minimum Brennstoff seine porzellanenen Wände nicht nur, doch den Raum so mächtig wie sie es durch vielfach größere Heizkörper niemals gesehen hatte, erhitzte.

Er wurde das vollkommene Gleichnis, das sie nachmachen wollte: Wie er, mußte sie, technisch zur Wärmeerzeugung gefrillt, das eingefeuerte Material nicht nur zu eigener, zureichender Erwärmung, darüber hinaus zur Verbreitung warmer Behaglichkeit benutzen, daß Mitmenschen, in ihren Dunstkreis zu treten, angelockt würden.

Sie begriff, ihre naive Lustigkeit von je war nichts anderes gewesen, doch wollte sie von nun an bewußt, in kühler Zeit mit glühenden Kräften und Backen ein Leben und Wärme verbreitendes Öfchen sein.

Sie behandelte sich wie ihn. Erwachte sie morgens, räumte sie Schlacken des gestrigen Tages gründlich aus sich heraus, paßte auf, daß kein Brocken unverbrannter Asche, der sie später quälen konnte, liegen blieb, kein Rest unverdauten Geschehens in ihr war.

Dann nahm sie am offenen Fenster neutrale Schlucke Luft mit großen Atemzügen, Wind ohne Zutat neuer Wahrnehmung durch sich lassend; bereitete als Anfangsszene des ersten Aktes am neuen Tag die Schale Milchschokolade, die sie mit weißem Brot schlürfend und stippend genoß, worauf sie ins Bett zurückkroch, sich für den ersten Gedanken behaglich wärmend und Zeit lassend. Der brachte die Feststellung, sie hätte kein Geld und keine Möglichkeit, es schnell zu verdienen. Wogegen feststand, die Wirtin werde eher verhungern, als es ihr in nächster Zeit am Nötigen fehlen lassen. Diese Gewißheit machte keinen Eindruck als den des Selbstverständlichen auf Adrienne, wozu sie sicher war, im richtigen Augenblick den Gentleman, das distinguierte Frauenzimmer zu treffen, die ihr großmütig Hilfe boten. Doch wollte sie die Begegnung nicht, ehe sie ihr zu wirklich Wichtigem dienen konnte, weil sie das unnötige Echauffement unwiderruflich satt hatte, der Gelassenheit größere Wollust schon in ihr tobte.

Nach tiefen, die ganze Muskulatur durchpflügenden Rumpf- und Kniebeugen zog sie sich vor dem Spiegel an, wobei ihr knapper, gutgewogener, straffgetragener Körper ihr Spaß machte. Sie ihrer Kleidungsstücke erbärmliche Dürftigkeit mit dem schmunzelnden Bemerken feststellte, sie dienten vorläufig zu nichts Besonderem. Vor ihrer Erneuerung müßte die Stellung, die mehr Aufwandes bedürfte, da sein. Strümpfe und Schuh, die sichtbar waren, schienen nicht übel.

Hafersuppe, Rührei, ein Apfel, die ihr ausgezeichnet schmeckten, waren die zweimalige tägliche Mahlzeit, nach der sie duftig wie ein Säugling roch, nicht schwitzte, gut wie der geliebte Ofen zog.

So blieb ihre Beziehung zu Mann und Weib: Schnell gab sie den kleinen Finger, einen Händedruck, bisweilen einen Kuß. Nahm auch einen. Ließ zärtliche Worte, verliebte Beschwörung gelten, nur mußte dies als spürbarer Ruck, nicht als Allegorie, geölter Blitz aus Filmen kommen.

Bei solchen Gelegenheiten brauchte sie eine Verkleinerungsform von sich, lachte nicht – kicherte, sprach nicht, lispelte, sah schielend beiseite; war ein Wesen, das nicht ans Licht trat.

Erst, wenn das Stichwort, Gebärde, die durchgriff, kam, richtete sie sich zu sich selbst auf, gab ihrer Stimme Klang, dem Auftritt Wucht. Dann klirrten Worte und Taten, die eigentliche Adrienne schwirrte an.

Szenen gab es, in denen sie nicht, wie sich verhalten, wußte, doch blieb ihr Argwohn so zart, daß sie im letzten Augenblick noch richtig begriff, nie falschen Weg einschlug.

Allem trüben Ereignis, jeder Lüge, bog sie so kraß ein Paroli, daß ihre Umgebung sie achtete, sie auf neuer Ebene, die Geltung hatte, der sie zum Leben bedurfte.

 

3

So vorbereitet, stellte sie sich auf alles Begegnete ein, schmeckte, welche Anlässe ihr taugten, welche unverdaulich waren. Mied der Hauptstraßen mörderisches Pathos, machte lieber Umwege, als sich an ihrer Person zu vergreifen, dem ersten besten Buben im bunten Gewühl Gelegenheit zu geben.

Tobte Welt zur Börse, ins Geschäft, Frauenheere nachmittags vom Schneider zur Modistin, zum Geliebten zum Tee, standen Wagenburgen alle hundert Schritt gegen andere, verriegelten den Verkehr, wartete Adrienne zu Haus der massenhaften Hast Verschnaufen ab.

Wich Aufläufen, deren lüsterne Schwüle sie haßte, aus, nahm zu jeder Sache weitesten Abstand. Wo sie spürte, sie konnte sich am Gegenüber nicht bereichern, zog sie sich strikt und weit zurück.

Manchmal war sie großmütiger, gab blutarmen Bekannten von ihrem Feuer, stellte aber, kam dauernd kein Gegenstrom, den Kontakt ab. Wußte, beleben zu können, mußte man selbst gut geheizt sein.

Sie verehrte den wölbigen Leib, in dem die Lebensmähler garkochten spürte, über das täglich Verzehrte müßte sie Vorrat in sich häufen. Hatte sie aber tagsüber noch so emsig gesammelt, war von dem aus purer Lebendigkeit Gewonnenen um Mitternacht nicht das Geringste mehr da, so daß ein höherer Hunger beim Einschlafen in ihr blieb, sie nie lebenssatt wurde. Selten kam der füllige Bissen, der über des Schlingens und Wiederausscheidens Lust das Glück gewonnenen Gewichtes gab. Sie begriff, in des Lebens Einerlei würde sie nur langsam schwerer ihrer selbst werden.

Andere Zukost, durch die gewichtigere Personen fett wurden, die ihr so wenig wie ihrer mageren Umgebung zur Verfügung stand, mußte es geben. Bestimmt lebten Personen größeren Auftritts aus Überflüssen, die Adrienne inbrünstig für sich verlangte.

Sie legte sich auf die Lauer, hörte vielen ihre inneren Bestände ab, doch blieb der Erfolg gering. Überall wollte und wußte Welt nur Gleiches, hatte keine Neigung, ihre Fragen nach gestern und morgen, tausend üppige Neugierden zu beantworten. Stieß ihr aus einer Maryland nur stinkenden Qualm ins Gesicht; vom geistigen Tagesumsatz blieb keine Krume. Ohne Bedürfnis zur Verdichtung lebten Zeitgenossen selbstflüchtig atmosphärisch.

Aalglatt entschlüpfte einer dem anderen. Von keinem Lebendigen kam Wahrheit und Wirklichkeit, Lösung eines Rätsels. Riesiger Geiz der Welt herrschte aus allgemeiner Armut und Anspruchslosigkeit so allgemein natürlich, daß Adrienne, die Zeit stand ihrem Heißhunger nach liebendem Verweilen und Verschwenden todfeindlich eisig gegenüber, merkte.

Ein Zufall brachte sie eines Morgens, als sie, die Treppe eines Monumentalbaues hinaufgestürmt, durch ein Drehkreuz in einen Saal, von dessen Wänden Bildflächen ihre hungrigen Blicke fingen, gelangt war, weiter.

Tumult und Trubel überfielen sie im Gegensatz zu langer Wochen blutarmem Grau. Minutenlang war sie ein Farbenrausch, ein Dutzend Regenbogen spannte sich in ihre Horizonte aus lauter Grün, Rot, Gelb und Blau tobte sie des Lebens erster unendlicher Überfluß an.








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