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Addy der Rifleman

Max Felde: Addy der Rifleman - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Felde
titleAddy der Rifleman
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
printrunVierundzwanzigste Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ernste Besorgnisse.

General Herckheimer war in seine ebenerdig gelegene, einfach, doch wohnlich ausgestattete Arbeitsstube getreten, noch immer ein Lächeln auf den Lippen, denn das kleine Erlebnis mit den Buben hatte seiner kernhaften Soldatennatur vielen Spaß gemacht.

Er durchmaß geraume Weile mit langen Schritten das Gemach, langte dann seine Lieblingspfeife von einem Nagel an der Wand, füllte sie mit Tabak und entzündete den Inhalt.

Die Türe öffnete sich. Binche, die Haushälterin, trat ein; sie brachte den Postbeutel.

Mit fast fieberhafter Ungeduld machte sich der General über denselben her, öffnete nacheinander etwa ein halbes Dutzend Briefe, durchflog ihren Inhalt ... unmutig schob er ein Schreiben nach dem andern von sich.

Mit umwölkter Stirne trat er an das Fenster und starrte, mächtige Rauchwolken vor sich herblasend, gedankenvoll hinaus in die Landschaft, auf die saftig grünen Wiesen, auf die wogenden reifenden Getreidefelder; hier und dort ragte der Giebel eines Farmhauses hervor aus wohlgepflegten Obstbaumgruppen; bläuliche Rauchwölkchen ringelten sich von den Dächern empor zum klaren Himmel; weit im Hintergrunde ein Saum herrlicher, dichtbestandener Wälder.

Ein tiefer Seufzer entstieg der Brust des sinnenden Mannes. Von allen Seiten dräuten die Wetterwolken des Krieges, und hier vor seinen Augen ein liebliches Bild des Friedens, das Ergebnis jahrzehntelangen Ringens, der schwer errungene Besitzstand redlich arbeitender, nie ermüdender deutscher Bauern.

Und er kannte und liebte diese fleißigen deutschen Ansiedler, und er kannte ihre Geschichte.

Es war schon über ein halbes Jahrhundert her, im Juli des Jahres 1722, als sich eine kleine Anzahl Pfälzer Familien erstmals in dieser ehemaligen Wildnis einfanden. Die um den Mohawk wohnenden Indianer zeigten sich auf Vermittelung der englischen Regierung geneigt, einen vierundzwanzig englische Meilen langen Landstrich abzutreten, ohne daß sie eine Gegenleistung forderten, weil sie, wie sie sagten, für ihre Bedürfnisse ohnehin Grund und Boden in Hülle und Fülle besäßen. Die Pfälzer besannen sich nicht lange und griffen sofort mit beiden Händen zu; sie baten an maßgebender Stelle, dieses Land vermessen und unter sich verteilen zu dürfen. Der englische Gouverneur Bournet, der die Deutschen, ihre Energie und Leistungsfähigkeit kannte, genehmigte die Bitte und verfügte, daß jede Person, gleichviel ob Mann, Frau oder Kind, hundert Acker erhalten solle. Nach dem darüber ausgestellten Bournetsfieldpatent machten davon vorläufig neununddreißig Familien Gebrauch. Diese kamen dadurch mit einem Schlage in ein verhältnismäßig sehr reiches Besitztum; denn rechnete man auf jede Häuslichkeit fünf Personen, und oft waren es deren noch mehr, dann hatten die Einwanderer also ohne jede Schwierigkeit je den Besitz von fünfhundert Acker erlangt, wozu auch noch die Benützung der bewaldeten Höhen kam, von denen das Tal überall umschlossen war.

Rüstig gingen die neugebackenen Grundbesitzer an die Arbeit und verwandelten das Mohawktal durch ihren Fleiß bald in einen blühenden Garten, in dem überall fröhliches Gedeihen, Zufriedenheit und Auskommen, ja binnen kurzer Zeit sogar Wohlstand und Ueberfluß herrschte. Der Haupterwerbszweig der Ansiedler war und blieb der Landbau. Viele aber betrieben in der ruhigeren Jahreszeit daneben her mit den umwohnenden Indianern noch einen einträglichen Handel, denen sie gegen wertvolles Pelzwerk Schießwaffen, Pulver und Blei und sonstige Bedürfnisse abließen.

Der wachsende Wohlstand zog in der Folge noch manche andere deutsche Emigrantengruppe an, die sich entweder im Tale selbst oder in den Nachbargebieten festsetzte. Allgemach war dadurch ein förmlicher Gürtel von Ansiedelungen entstanden, der einerseits die weiter östlich gelegenen holländisch-englischen Niederlassungen umsäumte, westlich aber weit hinein mitten in das Indianergebiet sich erstreckte.

Die Willfährigkeit der englischen Regierung war natürlich nicht ohne Eigennutz, ihr lag vielmehr ein wohlberechneter Plan zu Grunde: Die Deutschen, die jetzt gut zwei Drittel der Tallinie von Little Falls und German Flats (dem heutigen Herkimer, benannt nach General Herckheimer) bis Frankfurt inne hatten, sollten für die eigenen, englischen Niederlassungen gegen das etwaige Andringen der Franzosen, mit denen sich die Briten in die Herrschaft über den damaligen amerikanischen Norden noch teilten, ebenso gegen die Indianer einen starken Schutzwall bilden.

Und in der Tat, dauernde Ruhe und behagliches Gedeihen sollte diesen ersten Ansiedlern nicht beschieden sein.

Inzwischen hatten nämlich die englischen Gouverneure die guten Beziehungen zu den Rothäuten arg vernachlässigt, und die fünf indianischen Nationen (die Huronen, Onondagas, Cayugas, Senecas und Oneidas), welche damals die äußersten nördlichen und westlichen Breiten des Staates New York bewohnten, zeigten in der Folge eine bedenkliche Hinneigung zu den Franzosen, die ihre wilden Nachbarn und Bundesgenossen weitaus besser als die Briten zu behandeln wußten. Dazu kam noch das Bestreben der Engländer, den Handel, welchen die am St. Lorenz befindlichen französischen Stationen den Mohawk abwärts mit Albany lebhaft betrieben, nach Möglichkeit zu schmälern.

Dieses Rivalisieren der beiden Mächte führte schon 1744 zum Kriege und gipfelte in dem Bemühen, die fünf indianischen Stämme für sich zu gewinnen. Dadurch kam es allgemach dazu, daß die Rothäute bald von der einen, bald von der anderen Seite bestimmt wurden, den Kriegspfad zu betreten, und als das Kriegsbeil einmal ausgegraben war, kamen die grausamen Instinkte der Wilden bald zum vollen Ausbruch. Die Indianer kannten nur zu gut die Wohlhabenheit und den prächtigen Viehstand der Bewohner des Mohawktales; dieses reizte ihre Beutegier, und in der Folge mußte mehr als einer der Deutschen nicht nur seine Kühe, sondern auch seine Kopfhaut lassen. Mit der Zeit stiegen die Kriegswirren, und mit ihnen war die Unsicherheit im ganzen Tal so groß geworden, daß die weit auseinander liegenden Blockhäuser befestigt oder mindestens mit Schußlöchern versehen werden mußten. Der bisher friedlich und nur der Bestellung seiner Aecker und Felder lebende Bauer war nun auch zum Kriegsmanne geworden und ging und stand von da an nur noch mit der Büchse über der Schulter hinter seinem Pfluge. Erst als die Pläne der Franzosen im Jahre 1759 endgültig zunichte gemacht wurden und England die Alleinherrschaft zufiel, da gab es für einige Zeit wieder Ruhe.

Jetzt war das englische Interesse das allein maßgebende und die Bauern von Tryon County, welche die einstige Landschenkung nicht vergessen hatten, ordneten sich willig den neuen Verhältnissen unter. Die Verwaltung des mittlerweile neuernannten Gouverneurs Sir Wm. Johnson, der durch kluge Maßnahmen nach und nach auch die Indianer zur Vernunft zu bringen und für sich zu gewinnen wußte, war eine gute und trug viel dazu bei, wieder geordnete Zustände herbeizuführen.

Als aber dieser Gouverneur das Zeitliche segnete und das Gouvernement an seinen Sohn, den Obersten John Johnson, einen leidenschaftlichen und fanatischen Royalisten, überging, da mehrten sich schon wieder die Mißgriffe. Er begann nach einem System zu regieren, das den freiheitliebenden Bauern nicht gefallen konnte, und bald hatte die Unzufriedenheit gegen zahlreich eingetretene Bedrückungen nicht nur im Mohawktal, sondern auch in allen angrenzenden Distrikten breiten Fuß gefaßt. Die Bauern beriefen zwar einige Kongresse ein, faßten Resolutionen, baten und verhandelten, doch es blieb alles beim alten. Als dann aus Süd und Ost die Wogen der nahenden Revolution, welche nichts geringeres als die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten erstrebte, bereits auch hier im Mohawktal fühlbar zu werden begannen, da machten die Mehrzahl der Farmer aus ihrer Gesinnung, daß sie der englischen Regierung mehr als gram waren, kein Hehl mehr. Das wußte Oberst Johnson und gedachte, den Bauern die Köpfe so bald als möglich zurecht zu setzen, hatte er doch gegenüber den verhältnismäßig wenigen Ansiedlern leichtes Spiel, da die englische Regierung bereits mit aller Macht rüstete, die in den südlichen Kolonien bereits offen zum Ausdruck gelangte Rebellion mit einem Schlage niederzuwerfen. Schon war eine große Flotte unter Admiral Howe mit 40 000 Mann gelandet worden, die in drei Abteilungen in das Innere vordrang: General Clinton in die südlichen Provinzen, Howe in Pennsylvanien, General Bourgoyne in die nördlich und westlich vom Hudson liegenden Distrikte. Bereits hieß es entlang dem Mohawktal, Johnson fühle durch den Vormarsch Bourgoynes Rückhalt genug, und würde seine Kolonnen gar nicht erst abwarten, vielmehr mit verbündeten Indianern demnächst schon über die Niederlassungen hereinbrechen; sicher war, daß er mit einzelnen im Tal wohnhaften Anhängern der englischen Sache heimliche Beziehungen unterhielt. Es wetterleuchtete also schon wieder, und besorgt sah der Bauer nach seinem Schießeisen und dem Munitionsbeutel.

Aber die bedrohten Ansiedler hatten sich aus den vorangegangenen Kriegswirren auch manche gute Lehre gezogen. Die oft weit voneinander wohnenden Farmer hatten nämlich längst aus sich heraus einen Sicherheitsausschuß gebildet, und der blieb schon auf die ersten bedenklichen Nachrichten hin nicht untätig. Um Haus und Hof zu schützen bestand lange schon die Absicht, nötigenfalls auch als geschlossene Truppe dem Feinde entgegentreten zu können, und so organisierte man die vorhandenen Streitkräfte in vier Bataillone zu je zweihundert Mann, deren jedes durch einen Oberst kommandiert wurde; die ganze Streitmacht aber unterstellte man dem kriegserprobten General Nikolaus Herckheimer. Er, der einfache, schlichte Mann, wurde schon während des französischen Krieges im Jahre 1758 in der Miliz von Schenectady infolge seiner Tapferkeit zum Leutnant ernannt und verteidigte dann ein und ein halbes Jahr lang das später nach ihm benannte Fort Herkimer gegen die Indianer und Franzosen. 1775 wurde er auf den Vorschlag des Sicherheitsausschusses vom Konvent des Staates New York zum Oberst des ersten Milizbataillons und schon ein Jahr darauf zum Brigadegeneral sämtlicher Milizen des Mohawktals ernannt.

Das alles gab ihm, dem Mann, der jetzt mit umwölkter Stirne aus dem Fenster seiner Arbeitsstube hinausblickte, viel zu denken. Er fühlte nur zu gut den Ernst der Lage und schwere Sorgen bedrückten sein Herz.

Plötzlich wurde er aus seinem Sinnen aufgeschreckt. Heftiges Hundegebell ließ sich vernehmen, gleich darauf klang der Hufschlag eines Pferdes.

Der General hörte, wie dann draußen vor der Haustüre eine sonore Männerstimme nach ihm sich erkundigte, worauf Binche erschien und den Obristleutnant Jakob Klock, Kommandanten der ersten Milizkompanie, meldete.

Der General ging seinem Gaste bis auf den Hausflur entgegen, wo sich die Herren freundlich begrüßten, dann in das Zimmer traten und dort Platz nahmen.

»Ist der Oneida schon bei Euch gewesen?« war des Obristleutnants erste Frage.

»Ein Oneida? – ich weiß von nichts.«

»Es hieß, Addy wäre heute mit Tagesanbruch von einer größeren Jagdstreife zurückgekehrt und hätte eine Rothaut mitgebracht, die nach Euch verlange, wichtige Meldungen zu überbringen.«

»Das träfe sich gut. Es ist noch keine halbe Stunde her, daß ich nach Addy schickte ... Dann wird er wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen und den Läufer mitbringen.«

»Das wäre mir lieb. Meine Zeit ist karg bemessen, und doch litt es mich auf diese Nachricht hin nicht länger zu Hause; ich wollte hören, was sich zugetragen hat. Was gibt es sonst Neues? Habt Ihr gute Nachrichten erhalten?«

»Schlecht, sehr schlecht steht es. Von Norden her lauter Hiobsposten. Vom Süden nur Absagen.«

»Wir können also auf keine Truppen rechnen?«

»Es ist nicht entfernt daran zu denken. Es wird mir unter dem üblichen billigen Ausdruck des tiefsten Bedauerns mitgeteilt, daß Washington zur Zeit keinen einzigen Mann, geschweige größere Truppenmassen entbehren könne. Es scheint, daß man im Kongresse neuerdings wieder mit schweren Sorgen zu kämpfen hat.«

»Das alte Lied, die alte Leier.«

»Und dennoch kann man den Leuten keinen Vorwurf machen. Der Kongreß meint es gut und redlich, er läßt es an Anstrengungen nicht fehlen; aber die Uneinigkeit des Südens gibt ihm noch immer mächtig zu schaffen. Die Partei der Loyalisten, die von der Losreißung der Kolonien nichts wissen will, bereitet immer wieder neue, fast unüberwindliche Schwierigkeiten; die Gelder fließen nicht.«

»Und doch hieß es erst vor wenigen Monden, daß jetzt Geld genug vorhanden wäre.«

»Allerdings. Aber, Ihr wißt, Papiergeld, das von dem Kongresse selbst herausgegeben wurde. Es ist ebenso bezeichnend als beklagenswert, daß diesem Gelde selbst von den Republikanern wenig oder kein Vertrauen entgegengebracht wird, so daß es jetzt schon nahezu entwertet ist.«

»Aber man hat doch damals, als die Briten bei Princeton geschlagen wurden, wirklich große Mittel flüssig machen können!«

»Man hat jene Mittel in der Begeisterung über die damalige plötzliche Opferfreudigkeit weit überschätzt. Ihr vergeßt, daß die Errichtung einer Nationalarmee von 88 Bataillonen Riesensummen verschlungen hat. Ich befürchte, es steht jetzt wieder bereits so schlimm, daß es Washington schwer werden wird, diese kaum errichtete Armee auf den Beinen zu erhalten.«

»Das wäre ein Unglück, ein großes Unglück!«

»Und es scheint leider nicht anders. Hier liegt ein Brief des Generals Schuyler, ein Schreiben, das eine einzige große Klage gegen den selbstsüchtigen Geist einzelner Staaten und gegen den verhängnisvollen Geldmangel bildet. Schuyler hat Berichte, daß es Washington bereits so gut wie an allem mangelt, daß ein ordentliches Paar Schuhe in seinem Lager bereits eine Seltenheit ist.«

»Dann wäre unsere Sache ja fast gar so gut wie verloren; dann ständen wir angesichts der englischen Truppenmassen unmittelbar vor dem Zusammenbruch!«

»Das fürchte ich nicht. Der Wagen ist schlecht geschmiert, aber er fährt doch. Washington wirft die Flinte so leicht nicht ins Korn; er ist zähe, er wird aushalten; er hat sich bisher trotz aller Schwierigkeiten noch immer zu halten gewußt.«

»Der Mann ist zu bewundern; der Schwierigkeiten wegen, die sich ihm entgegenstellen, doppelt zu bewundern!«

»Er ist ganz der Mann, wie wir ihn unter diesen mißlichen Umständen brauchen, und er soll auch uns hier oben am Mohawk als leuchtendes Vorbild dienen. Kann man uns keine Unterstützung leihen, so müssen wir uns eben, so gut es geht, selber zu helfen suchen.«

»Das ist leichter gesagt, als getan.«

»Und doch, es wird, es muß gehen. Unsere Miliz ist klein beisammen, aber gut. Wohin man kommt, überall Begeisterung für die große Sache, alles voll Kampfesmut.«

»Daran fehlt es allerdings nicht, aber – Ihr versteht mich – es gehört auch Pulver auf die Pfanne.«

»Wir werden mit den vorhandenen Mitteln gut haushalten; wir werden uns durchbeißen, so gut wir uns durchzubeißen vermögen. An Opferfreudigkeit hat es in schweren Zeiten entlang dem Mohawk noch nie gefehlt. Das Notwendigste wird sicher beschafft werden. Vergeßt nicht: die Begeisterung tut viel, die Sorge um Haus und Hof tut alles.«

»Möchtet Ihr recht behalten. Will nur wünschen, daß Ihr kein Wort zu viel gesagt habt.«

»Ich bin kein Prophet, weit davon entfernt; aber ich bin erfüllt von dem, wovon ein Führer erfüllt sein muß: vom Vertrauen zu seinen Leuten. Wir verfügen über etwas, das uns die Menge zum guten Teil ersetzt, wir verfügen über einen kernigen deutschen Menschenschlag. Unsere Farmer sind ganze Männer, sie sind mutig und zäh; sie sind gute Schützen und von jung auf mit der Waffe wohlvertraut. Es sind ja nur eine Handvoll Leute, aber ich hoffe, es wird sich Großes mit ihnen ausführen lassen. Wenn wir nicht durch die Uebermacht der britischen Söldnerheere einfach erdrückt werden, dann ist mir nicht bange, dann sollen die Englishmen einen harten Stein in dem Bissen vorfinden, der ihnen das Verschlucken sauer macht. Wer, wie unsere Bauern, mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch so vielem Ungemach getrotzt hat, die werden, denke ich, auch dem neuesten Gewittersturm zu trotzen wissen und ihn überdauern.«

In diesem Augenblick schlugen wieder die Hunde an. Kurze Zeit darauf erdröhnten wuchtige Schritte im Hausflur.

Schnell erhob sich der General, selber die Zimmertüre zu öffnen.

Ein robust gebauter, hoher Dreißiger mit dunkelgebräunten, verwitterten Gesichtszügen erschien im Rahmen des Einganges. Auf seinem Kopfe saß schiefgerückt ein breitrandiger, verschossener Filzhut; der Oberkörper war bekleidet mit einem fransenbesetzten Jagdwams; die Beine steckten in ledernen Kniehosen und hohen Leggings; an der Seite trug er eine Jagdtasche und ein Pulverhorn.

»Gott zum Gruß!« sagte der Mann schlicht und einfach und streckte dem General die derbknochige Rechte entgegen, die dieser erfaßte und kräftig schüttelte. »War unnötig, daß Ihr mich habt rufen lassen; wäre ganz von selbst gekommen.«

»Da muß es wohl etwas Wichtiges sein, Addy –« entgegnete der General, im Begriffe, eine darauf sich beziehende Frage zu stellen. Er führte diese Absicht aber nicht aus, denn ein großer, im schönsten Ebenmaß gebauter Indianer betrat mit stummem Gruß das Zimmer.

»Ah, noch ein Besuch – hier haben wir ja auch den Oneida? ... Bereits habe ich von eurem gemeinsamen Eintreffen vernommen.«

»Ganz recht – hier bringe ich Euch den ›Flinken Biber‹, einen noch jungen Häuptling, aber schon hoch angesehen im Rate seines Stammes.«

Der General war zu dem Indianer getreten und auch der Obristleutnant hatte sich erhoben, den roten Mann zu begrüßen, der die wenigen schmeichelhaften Worte, welche die beiden Offiziere an ihn richteten, mit würdiger Gelassenheit, doch mit Höflichkeit entgegennahm.

»Welcher Ursache verdanke ich die Ehre des Besuches?« fragte der General, indem er Stühle anbot, Addy zugleich einen stummen Wink gebend, Pfeifen und Tabak umherzureichen, die in einem kleinen Wandschränkchen bereitstanden.

»Trafen uns draußen im Walde, wo unsere Wege oftmals kreuzen; diesmal jedoch nicht, wie mir scheinen will, aus bloßem blindem Zufall,« berichtete der Jäger, nachdem er dem Wunsche des Generals willfahrt und den Inhalt der eigenen Pfeife in Brand gesetzt hatte.

»Ihr seid auf der Jagd gewesen? Ihr hattet Glück?«

»Nicht der Rede wert und auch mein roter Freund hat seine Kugel noch im Laufe. Er war diesmal auf einer ganz anderen Fährte.«

»Ihr erregt unser Interesse; laßt hören!«

»Nun, alle Welt weiß, daß wir einer bösen Zeit entgegengehen, daß die Englishmen Ernst machen. Bereits soll ein großer Heerhaufe im Norden gerüstet stehen, um hereinzubrechen über unsere Fluren und Felder.«

»Die Wetterwolken ballen sich allerdings immer dichter; doch man muß sich sagen, daß der Weg von der kanadischen Grenze bis herab zum Mohawk reichlich weit ist.«

»Er ist weit, zugegeben; aber das Unglück, sagt man, schreitet schnell. Eine Frage: Weiß man schon von den Plänen der Briten, weiß man, welchen Weg Bourgoyne nehmen wird?«

»Sicheres ist nicht bekannt; doch will mir scheinen, daß sein Vormarsch zunächst den östlichen Hudsondistrikten gilt; eine unmittelbare Gefahr wäre für das Mohawktal dann also noch nicht vorhanden.«

»Und dennoch will mich bedünken, daß es hohe Zeit ist, auch hier allenthalben nach dem Rechten zu sehen. Wenn die britischen Heerhaufen auch noch ziemlich weit weg sind, der Oneida hier kann Euch sagen, daß die Arme der englischen Generale bereits hereinreichen in die benachbarten Wälder.«

Die beiden Offiziere fuhren erschrocken auf und sahen betroffen und fragend auf den Indianer.

Dieser saß still und gelassen auf seinem Stuhle, seine Glutaugen dem Inhalt seiner Pfeife zugewendet, den er soeben entzündete. Mächtig paffend erhob er das scharfgeschnittene Angesicht, dicht umwallt von langsträhnigen schwarzen Haaren. Oben auf dem Scheitel waren sie zu einem bänderdurchflochtenen Schopf zusammengebunden, aus dem die drei Häuptlingsfedern steil emporragten. Das wilde Aussehen des Mannes wurde noch gehoben durch ein vorn offenes, mit allerlei seltsamen Figuren besticktes Jagdhemd aus Büffelleder; seine Beine steckten in langen, reich mit Fransen verzierten Pantalons; im Gürtel trug er das Jagdmesser und den Tomahawk; über seinen Knieen lag die Büchse.

»Addy, mein weißer Bruder, sehr richtig sprechen,« versetzte, jedes Wort wägend und betonend, langsam der Häuptling. »Ueberall weiße Sendlinge auf den Wegen zu den Feuern der fünf Nationen.«

»Was wünschen die weißen Männer? Kann und will der Häuptling der Oneidas das sagen?« fragte der General. »Ich setze voraus, daß seine Zunge nicht etwa durch irgendwelche Versprechungen oder Rücksichten gebunden ist.«

Der Oneida machte auf die letztere Bemerkung eine abwehrende, fast verächtliche Gebärde und entgegnete: »Wenn mit weißen Freunden am Mohawk sprechen, dann Oneidazunge nie gebunden.«

»Das erkenne ich namens der weißen Männer vom Mohawk lebhaft und dankbar an. Unsere Krieger haben, wie das der Häuptling der Oneidas wissen muß, die Freundschaft der Krieger seines Stammes von jeher zu schätzen gewußt und werden sie auch fürderhin in Ehren halten. Die Oneidas hingegen wissen, daß sie gegebenen Falles auch auf die Freundschaftsdienste der Mohawkkrieger rechnen können.«

Der Häuptling nickte befriedigt mit dem federgeschmückten Haupte.

»Weiße Mohawkkrieger tapfer und gute Krieger; die Oneidakrieger sehr gut wissen: weiße Krieger vom Mohawk wahre und gute Freunde.«

»Da der Häuptling der Oneidas dies anerkennt, darf man wohl auch dessen sicher sein, daß die weißen Sendlinge an den Feuern seines Stammes das nicht gefunden haben, was sie suchten?«

»Nicht finden.«

»Und darf man wissen, worin ihre Wünsche bestanden?«

»Die Bleichgesichter sind gekommen, die Oneidas zu beschwatzen, daß sie Kriegstanz beginnen, daß Oneidakrieger weiße Skalpe holen an den Ufern des Mohawk.«

»Da haben wir die Bescherung!« platzte der Obristleutnant voller Entrüstung los. »Es ist schmachvoll! Statt ritterlich Mann gegen Mann zu kämpfen, scheuen sich die Briten nicht, ihr weites Gewissen ganz offen zu zeigen, verschmähen es nicht, die wildesten Instinkte der roten Leute zu entfesseln und auf die weißen Ansiedler loszulassen.«

»Ruhig Blut!« mahnte der General. »Eure Entrüstung ist ganz am Platze, doch Ihr werdet zugeben, daß sie uns nicht viel nützen kann; wir müssen uns vielmehr mit den Tatsachen abfinden und von Stund an selbst der schlimmsten Gefahr kalten Blutes ins Auge sehen. – Was sagte ›Rotjacke‹, der Sachem der Oneidas, zu diesem Ansinnen?«

Der »Flinke Biber« richtete den Blick seiner dunkeln Augen auf den Fragesteller, fast vorwurfsvoll.

»Kann der Häuptling der Mohawkkrieger sich die Antwort nicht selber geben? Haben weiße Krieger vom Mohawk schon einmal gesehen, daß der Büffel in einen räudigen Präriehund sich wandelt? – Nie werden weiße Krieger erleben, daß aus einem Oneida ein Hurone wird!«

»Der Häuptling der Oneidas scheint nur sehr schlechte Botschaften für uns bereit zu haben. Soll das, was er soeben gesagt hat, etwa heißen, daß die Huronen der englischen Verführung bereits erlegen sind?«

Der »Flinke Biber« vollführte mit Kopf und Händen eine bejahende Gebärde, und Addy, der Jäger, sagte ergänzend: »Die Huronen sind räudige Hunde, sie sehen nur auf ihren Vorteil; sie sind zwar tapfere Krieger, aber sie folgen ohne Skrupel dem, der ihnen einen größeren Sündenlohn verspricht.«

»Und wie steht es mit den Senecas, den Cayugas und Onondagas? Weiß der Häuptling der Oneidas zu sagen, ob auch diese drei Nationen den britischen Sendlingen ein offenes Ohr entgegengebracht haben?«

Der Oneida zuckte die Achseln und entgegnete: »Der ›Flinke Biber‹ das nicht wissen. Er wird gehen, sich zu erkundigen.«

»Kann sich der Häuptling an den Feuern der Brüderstämme ohne weiteres einfinden? Hat das, nachdem die Oneidas den weißen Sendlingen eine Absage erteilt haben, nicht seine Bedenken?«

»Der ›Flinke Biber‹ wird und muß gehen; die Onondagas, Senecas und Cayugas werden ihn nicht sehen.«

»Ich verstehe. Der Häuptling der Oneidas wird die Dörfer umschleichen. Er hat auf ganz dieselbe Weise wohl auch die Huronen belauscht?«

Der »Flinke Biber« nickte stolz und selbstbewußt mit dem Kopfe und sagte dann: »›Rotjacke‹ ist klug und vorsichtig. Er nicht nur die weißen Sendlinge der britischen Häuptlinge nach Hause schicken, er auch die besten Krieger als Späher entsenden. Die Oneidas müssen wissen, was die Nachbarvölker beginnen werden.«

»Und hat der Häuptling der Oneidas beobachten können, wie weit die Vorbereitungen der Huronen gediehen sind, um den Kriegspfad zu betreten?«

»Huronenkrieger wachsam und klug. Aber das Auge der Oneidas durchdringt die Wände der Wigwams und die dichtesten Büsche. Der ›Flinke Biber‹ sehen ganze Tonnen Feuerwasser, er sehen ganze Tonnen Pulver. Das genug. Nicht wissen, wann Kriegspfad betreten. Aber wenn Feuerwasser trinken, dann bald die Wälder durchheulen werden.«

Der General wußte genug, und es wäre wohl auch als zudringlich und unhöflich erschienen, noch weitere Fragen an die Rothaut zu richten. Er zwirbelte eine Weile gedankenvoll an seinem Schnurrbart und sagte dann: »Nun, dann ist es allerdings hohe Zeit, daß auch wir nach unseren Pulvertonnen sehen. Es beunruhigt mich, daß die Munitionssendung aus Albany noch nicht angekündigt ist.«

»Sollte sie der Sicherheit wegen nicht den Weg über das Schenectadytal nehmen?« fragte der Obristleutnant. »Ihr selbst habt das angeordnet.«

»Der Umweg ist groß, das wohl. Der Transport könnte aber gleichwohl schon da sein. Es müssen ungesäumt einige verläßliche berittene Boten auf den Weg.«

»Diese Sache erscheint mir überaus wichtig,« warf Addy ein. »Man muß so schnell wie möglich vorwärts machen. Zudem wird es gut sein, die Boten zu ermächtigen, auf allen Stationen die kräftigsten Gäule zu requirieren. General, wollt Ihr mich damit betrauen?«

»Das wäre das beste, man könnte dann wohl am ruhigsten sein,« meinte Herckheimer. »Aber,« fügte er nach einigem Zögern und Sinnen hinzu, »für dich habe ich bereits nicht minder Wichtiges – bist du von Stund an frei? – oder hast du etwas vor?«

»Allerdings hatte ich etwas vor. Es sind erst heute einige Pelzhändler aus Albany eingetroffen. Die fürchten den Krieg und wollen, ehe das Wetter losbricht, daß ich sie hinüberführe nach dem Ontario.«

»Das träfe sich nicht übel. Gerade dahin wollte ich dich senden. Wenn die Briten bereits in den Wäldern der Rothäute herumschleichen, dann fürchte ich, daß uns die eine oder andere englische Kolonne bereits näher steht, als uns lieb ist. Wir wollen uns daher auf die gewöhnlichen Nachrichtenquellen nicht mehr allein verlassen, du sollst dich vielmehr selbst einmal umsehen im Norden. Du nimmst also außer deinen Pelzhändlern auch einige Grenzer mit; wählst selbst verläßliche, erfahrene Leute. Durch die kannst du mir, je nachdem es nötig wird, Nachrichten senden.«

Da reckte sich der Oneidahäuptling von seinem Stuhl und wandte sich Addy zu: »Wenn es meinem weißen Bruder gefällt, dann mit ihm gehen; ›Flinker Biber‹ sich nach den Dörfern der Onondagas begeben. Das fast derselbe Weg.«

»Natürlich, Oneida, dann gehen wir eine gute Strecke zusammen. Deine Spürnase, die jedes Bleichgesicht auf drei Meilen riecht, kann uns nur hochwillkommen sein.«

Der Indianer nahm die Schmeichelei gelassen hin. Der General lächelte.

»Nun, dann macht euch nur ungesäumt auf den Weg,« meinte der letztere. »Wir aber, Obristleutnant, wollen sogleich alle Kommandanten zu einer Besprechung zusammenrufen, um talauf und talab dafür zu sorgen, daß auf das erste Alarmzeichen jeder Mann auf dem Posten ist, daß bis dahin die Haubitzen bereit stehen und die Futter- und Munitionsbeutel ausreichend gefüllt sind.«

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