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Addy der Rifleman

Max Felde: Addy der Rifleman - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Felde
titleAddy der Rifleman
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
printrunVierundzwanzigste Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180706
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Das Singende Maul.

Der Jäger nahm seine Flinte unter den Arm und stieg gedankenvoll waldeinwärts, hinauf in die Berge.

Schon senkten sich die Schatten des Abends nieder und unter den weitverästelten Waldriesen wurde es rasch dunkel.

Bald aber stieg der Mond auf und goß sein Silberlicht über die Blätterwölbungen der Baumkronen, die, leise im Luftzuge erzitternd und hin und her schwankend, die Lichtwellen weiter trugen und die Finsternis unten in ein fahles Zwielicht wandelten.

Der Jäger erstieg raschen Schrittes mehrere Höhen, überquerte einige Täler und gelangte endlich gegen Mitternacht auf eine von wildragenden Zinken und Zacken umsäumte Einsattelung, die er überschritt, und bog gleich darauf zwischen die düsteren Schatten eines mächtigen Felsenwirrsals ein.

Hier kam er nur mühsam kletternd vorwärts, aber bald ebnete sich das Terrain und weitete sich zu einem Becken, das auf der einen Seite von einer fast senkrechten Steinwand umzogen war.

Dorthin lenkte Addy seine Schritte und stand endlich vor dem Eingang einer Felsenhöhle, aus deren Tiefen der schwache Schimmer eines Feuers ihm entgegenleuchtete.

Plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, tauchte eine schattenhafte Gestalt neben ihm auf.

»Seid Ihr es, Webster?« fragte der Jäger.

» Yes!« entgegnete eine sonore Stimme.

»Die beiden anderen, sind sie schon zurück?«

»Der Kanadier seit Einbruch der Nacht, Murphy kam vor einer Stunde.«

»Und sie wußten Neues zu melden?«

»Nichts. – Sie haben beide den ganzen Tag auf den Höhen umhergelegen, konnten aber keine Rothaut entdecken.«

»Nun, dann laßt uns für heute der Ruhe pflegen,« versetzte Addy, »um morgen unserem Ziel wieder ein Stück näher zu kommen. Wie lange habt Ihr noch die Wache?«

»Noch eine Stunde, dann kommt der Kanadier an die Reihe.«

»Sagt ihm, daß mit dem frühesten geweckt werden muß; ich möchte jedenfalls noch vor dem Morgengrauen weiter.«

Der andere antwortete zustimmend.

Der Jäger trat in die Felsenhöhle ein und näherte sich der Feuerstelle. Unmittelbar hinter ihr lagen auf der platten Erde, unter den Kopf ein Bündel ausgerauftes Moos geschoben, die Büchse in Greifweite neben sich, zwei laut schnarchende Männer.

Auf jede Bequemlichkeit verzichtend, ließ auch Addy sich neben ihnen auf den steinigen Boden nieder und lag schon nach wenigen Minuten ebenfalls in tiefem Schlummer.

*

Als der Jäger am anderen Morgen die schlaftrunkenen Augen aufschlug, fuhr dem sonst so kaltblütigen Manne ein gewaltiger Schreck in die Glieder.

Unwillkürlich faßte er mit der einen Hand an das Messer im Gürtel, mit der anderen nach der Büchse.

In dem matten Schimmer, den die Glut des niedergebrannten Feuers über die nächste Umgebung verbreitete, sah Addy die kauernde Gestalt eines Indianers neben sich, die aber, als der Jäger schnell in eine kampfbereite Stellung sich zurückzog, unbeweglich hocken blieb.

Inzwischen aber hatte Addy die dunkle Gestalt an seiner Seite schärfer ins Auge genommen und nun entfuhr ein Ausruf des Erstaunens und der Freude seinen Lippen: »Du hier, Oneida?« rief er und fügte schnell hinzu: »Eigentlich soll ich mich darüber nicht wundern; nach deinem auffallenden Schweigen gestern hätte ich mir sagen können, was in deinem Kopfe umging, und daß du kommen würdest.«

Mühsam stieg Addy auf in das Felsenwirrsal.

»Ja, ›Flinker Biber‹ kommen,« versetzte der rote Mann trocken; »er gestern wenig sprechen, weil nachdenken, wo weißen Freund treffen – jetzt da sein.«

Dies ist wieder einmal ein erstaunlicher Beweis deiner Findigkeit und im übrigen schön von dir gehandelt; es zeigt, daß du ein guter und treuer Freund bist – ich werde dir das nie vergessen.«

»›Flinker Biber‹ sich sehr freuen, wenn Addy immer an roten Freund denken.«

»Ja, das werde ich, wahrhaftig und stetig. – Aber, mein Lieber,« fügte der Jäger hinzu, indem er den Blick nachdenklich auf die glimmenden Reste des Feuers heftete, »da du jetzt hier bist, muß ich mich fragen, was dein Kommen bedeuten soll, und da muß ich mir sagen, daß du mir ohne Zweifel deine Dienste anbieten willst, und das steht wieder auf einem ganz anderen Blatte geschrieben.«

»Was will weißer Freund damit sagen?«

»Einfach, daß ich dein Anerbieten, obgleich es mir von größtem Werte sein würde, nicht annehmen darf.«

»Warum nicht annehmen? – Addy suchen Singendes Maul und seine Squaw.«

»Allerdings, die beiden suche ich, und wenn ich mir jetzt sage, daß du gekommen bist, um mir dabei zu helfen, so wäre es vielleicht besser gewesen, ich hätte dir das überhaupt verschwiegen.«

»Warum schweigen, statt reden? – ›Flinker Biber‹ weißem Freunde sehr gerne helfen.«

»Unter anderen Umständen könnte mir das nur recht und zugleich schmeichelhaft sein.«

»Besser, Addy nehmen Umstände wie sie sind, nicht wie sein können – Addy suchen Singendes Maul – suchen sehr leicht, finden aber sehr schwer; ›Flinker Biber‹ besser finden.«

»Davon will ich kein Jota bestreiten, denn daß deine Spürnase ihresgleichen kaum haben dürfte, das hast du eben jetzt wieder durch dein Kommen bewiesen. Aber, mein roter Freund, du bedenkst nicht, daß wir das Singende Maul und seine Squaw in den Dörfern der Huronen zu suchen haben.«

»Wenn Huronen Singendes Maul wegnehmen, dann nur bei Huronen finden.«

»Alles deutete darauf hin, daß die Thayendanegeasleute die beiden hinwegführten, aber eben darum wünsche ich, daß du dich wieder nach Hause begibst.«

»Warum weißer Freund ›Flinken Biber‹ nicht mitnehmen?«

»Weil eine Fahrt nach den Huronendörfern für dich die allergrößten Bedenken hat. Wir werden, da wir im ganzen nur vier Mann sind, auf unserer Suche selbstverständlich so vorsichtig und klug als irgend möglich sein, aber es könnte immerhin der Fall eintreten, daß wir den Huronen auf den Busch klopfen müssen, und das kann zu artigen Zusammenstößen führen. Was aber werden die Huendas über die Oneidas sagen, wenn sie einen ihrer Krieger bei mir sehen?«

»›Flinker Biber‹ sehr klug sein, keine Büchse sprechen.«

»Das sagst du. Unvorhergesehene Umstände können aber den Gang der Dinge ganz anders bestimmen, als du und ich es wünschen. Und dann vergiß nicht, daß du auch auf deinen eigenen Stamm, auf die Oneidas, die mit aller Welt Frieden halten wollen, Rücksichten zu nehmen schuldig bist. Was wird euer Sachem dazu sagen, wenn er eines Tages vernehmen muß, daß du in feindlicher Absicht in die Dörfer der Huronen eingedrungen bist und, je nachdem, den Frieden zwischen den beiden Nationen empfindlich gestört hast? Das wird er dir gewaltig verübeln; deine eigenen Stammesbrüder werden dich verleugnen und man würde dich ausstoßen aus deinem Volke.«

Der Häuptling sah eine Weile sinnend vor sich hin und sagte dann: »Addy vergessen Mataga – ›Flinker Biber‹ Mataga nicht vergessen.«

»Kommst du schon wieder mit dieser alten Geschichte,« versetzte der Jäger und lachte laut auf. – »War es nicht Menschen- und Christenpflicht, daß ich damals deine alte Mutter den Krallen jener Bestie entzog? Hast du nicht den kleinen Dienst, den ich nur durch den bloßen Zufall zu erweisen vermochte, inzwischen durch ungezählte Freundschaftsbeweise wett gemacht?«

Der Indianer antwortete durch eine Geste der Ungeduld, bemeisterte sich aber rasch und sah dann eine Weile stumm vor sich hin. Plötzlich zuckte er leise auf, krempelte hastig den Aermel seines Jagdhemdes empor, langte nach der rechten Hand des Jägers und entblößte auch diesem den Vorderarm.

Bei beiden Männern wurde eine völlig gleiche Tättowierung sichtbar, die in rohen Zügen die Gestalt eines Katzentieres vorstellte.

Ernst, fast feierlich zeigte der rote Mann auf die beiden Male und sagte: »Hier Puma, dort Puma – hier Blut von weißem und rotem Mann zusammenfließen und dort Blut von weißem und rotem Mann zusammenfließen – beide Arme ein Arm, beide Männer ein Mann. – ›Flinker Biber‹ lieben sein Volk sehr, aber er vergessen nicht die Pflicht der Freundschaft.«

Der Jäger wollte entgegnen, doch der Häuptling erhob sich und wandte sich hinweg, als dulde er keine Widerrede, als wolle er damit sagen, sein Mitgehen sei beschlossene Sache, es sei unwiderruflich.

Auch Addy stand jetzt auf und sie traten beide nebeneinander hinaus vor die Höhle.

Der Tag begann bereits zu grauen und die drei Rangers, markige, kräftige Gestalten, erwarteten wenige Schritte vor dem Eingang marschbereit ihren Führer.

Der »Flinke Biber« aber schien in der Tat die Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Jäger als abgeschlossen zu betrachten. Er warf einen raschen Blick auf die nächste Umgebung, zeigte auf die jenseits des Beckens liegenden Felsenerhebungen und winkte dem Jäger, ihm dahin zu folgen.

Dort angelangt, erstiegen sie den höchsten Punkt und hatten nun weithin über das Land den prächtigsten Ausblick.

»Hier Mohawk,« begann der Oneida, südöstlich weisend, wo die aufgehende Sonne mittlerweile den ganzen Horizont mit brennend roten Strahlenbündeln übertaucht hatte und fuhr gleich darauf mit dem Finger nach Norden herum: »Dort kleine Berge, hinter ihnen große Berge – dort hinter den großen Bergen Huronendörfer!« Er zeigte dann auf einige in dieser Richtung liegende Talgelände und erklärte weiter: »Dort Addy in den Wäldern liegen; dort warten, bis sehen, daß Huronen Kriegspfad betreten.«

Der Jäger nickte mit dem Haupte, zum Zeichen, daß dies seine Absicht sei.

»Das gut, das sehr gut,« erklärte der »Flinke Biber«. »Addy dort liegen bleiben, bis Inschen an ihm vorüber gehen. Dann mit weißen Männern Huronendörfer beschleichen.«

Wieder nickte der Jäger mit dem Haupte.

»Das gut,« fuhr der rote Mann in seinen Erklärungen fort. »Aber dort,« er zeigte westlich, wo ein großer Gürtel von Seen in nördlicher Richtung gegen das Wohngebiet der Huronen sich hinzog: »dort großes Wasser, dort viele Wasser, dort viel besser gehen, dort keine Späher; dort Weg sehr gut – dort Mokassin keine Fährte lassen.«

»Da hast du recht,« versetzte der Jäger sichtlich angenehm überrascht, »im Wasser hinterläßt der menschliche Fuß allerdings keine Eindrücke. Und es scheint sogar,« fuhr er fort, nachdem er mit einem langen forschenden Blick das Seengebiet einer Prüfung unterzogen hatte, »daß der Weg über die Seen ziemlich dicht heran an die Dörfer der Huronen führt.«

»Er führen sehr gut, Wasser bis an die Hütten reichen. Dort Berge, viele Berge, hohe Berge; dort besser im Walde liegen, bis rote Krieger Dörfer verlassen; dann ihren Wigwam beschleichen.«

»Ihr roten Leute seid doch die geborenen Schlauköpfe und du weißt in diesem Falle obendrein mit dem Nützlichen das Angenehme zu verbinden.«

»Weg über Wasser besser, viel besser!«

»Jedenfalls bequemer, als das ganze Gebirge abzustiefeln. Was du vorschlägst, leuchtet ein; es würde sich nur fragen, wo wir ein geeignetes Fahrzeug herbekommen.«

»O, Kanoes genug. ›Flinker Biber‹ besorgen.«

»Wolltest du das, dann allerdings würde ich mich nicht lange besinnen und deine Hilfe hierfür in Anspruch nehmen.«

»Hugh!« erwiderte kurz der rote Mann und wandte sich sogleich dem nordwestlichen Berghange zu, um von dort nach einem engen Tal niederzusteigen, aus dem streckenweise der schmale weiße Silberstreifen eines ziemlich bedeutenden Wasserlaufes empor leuchtete.

Addy gab den Rangers ein Zeichen und alsbald folgten die vier Weißen.

Schon nach einer halben Stunde langten sie auf der Talsohle an, traten in einen dichten Wald ein und nach einer nochmaligen, kaum viertelstündigen Wanderung vernahmen sie Wasserrauschen.

Der »Flinke Biber«, der bislang schweigend und mit weit ausgreifenden Schritten vorangeeilt war, verlangsamte jetzt seinen Lauf und ließ den Jäger an sich herankommen. »Was Addy lieber?« fragte er. »Weg bis an das große Wasser durch Wald weit, aber gut. Weg auf Wasser schlecht, aber kurz.«

»Ich bin allemal für die Kürze,« entgegnete der Jäger, »vorausgesetzt in diesem Falle, daß dein Wasserweg einigermaßen fahrbar ist, und daß wir nicht Gefahr laufen, elendiglich zu ersaufen.«

»Wasser schlecht, aber sehr schnell – kommen und sehen,« versetzte der Oneida und eilte wieder vorwärts.

Nach wenigen Minuten standen sie am Ufer eines dreißig bis vierzig Meter breiten Flusses, der mit reißender Schnelligkeit gurgelnd und brausend zu Tal jagte.

»Nun, die Sache sieht wenig einladend aus. Aber ich kenne dich als guten Steuermann; du wirst uns sicher führen.«

»›Flinker Biber‹ führen, ›Flinker Biber‹ gut führen.«

Auch die drei Rangers, alle drei Männer von Kühnheit, wagemutig und entschlossen geworden in den endlosen Kriegen, waren mit der Wasserfahrt einverstanden. Sie halfen sofort auch wacker mit, als der »Flinke Biber« und der Jäger daran gingen, zahlreich kreuz und quer umherliegende Baumstämme an das Ufer des Flusses zu rollen und zum Teil auf das erforderliche Maß zu kürzen, um daraus einen Floß zusammenzustellen.

Bald lagen die erforderlichen Stämme nebeneinander gereiht. Sie wurden dann durch natürliche Taue, welche die Männer den hier üppig wuchernden Schlinggewächsen entnahmen, zweckentsprechend untereinander verbunden.

Der »Flinke Biber« fertigte am hinteren Schmalteil des Fahrzeugs aus demselben Material mit geübter Hand eine mächtige Schlinge und steckte in dieselbe einen schaufelartig zum Steuerruder geformten, teils natürlich gebildeten, teils mit dem Beile zugehauenen Baumstamm.

Darauf wurde das nunmehr fertige Floß vollends zu Wasser geschoben und von den vier Weißen bestiegen; der Indianer stand bereits am Steuer.

Einen letzten Stoß gegen das Ufer, das Fahrzeug geriet ins Schwanken und schoß dann, von der Kraft der Fluten erfaßt, dahin auf den brausenden und schäumenden Wassern.

Diese Fahrt, hier in der Einsamkeit der unberührten Wildnis, war herrlich, aber nicht ungefährlich.

Wie eine grüne Laube wölbte sich von beiden Seiten nach der Mitte des Flusses die Fülle des üppigen Urwaldes und verbreitete an den schmalen Stellen ein zauberisches Halbdunkel.

Zwischen den mächtigen Baumstämmen ragten riesige Farne auf; allerlei Schlingpflanzen kletterten bis in das entlegenste Geäste der Bäume, von wo sie oftmals bis auf die Oberfläche des Wassers überhingen.

Aber einzelne der Waldriesen waren durch Altersschwäche oder irgend welche elementare Ereignisse auch zu Fall gekommen. Sie hatten sich in ihrem Sturze quer in den Fluß gelegt, wodurch sich manche nicht ungefährliche Stromschnelle bildete, so daß es bei der pfeilschnellen Fahrt der vollen Aufmerksamkeit und der ganzen Geschicklichkeit und Kraft des Steuermanns bedurfte, diesen Hindernissen immer noch im rechten Augenblick auszuweichen.

So jagten sie wohl eine halbe Stunde talab und erst allmählich veränderte sich das Bild. Die Ufer wurden höher, die Vegetation trat zurück, dafür zeigten sich aber jetzt im Flußbette unzählige Klippen, durch die tosend und brandend das Wasser sich seinen Weg bahnte, eine Menge gurgelnder Strudel und Sturzwogen bildend.

Wie aus Erz gegossen stand der Häuptling am Steuer, das Auge prüfend und messend voraus gerichtet.

Aber wie aus Erz gegossen stand der Häuptling am Steuer, das feurige Auge prüfend und messend voraus gerichtet, jetzt eine wohlberechnete leichte Schwenkung des Fahrzeuges vollführend, dann wieder das mehr als einfache Steuerruder mit gewaltigem Ruck herumwerfend, um die Gefahr des Augenblicks zu überwinden.

Endlich wurden die Ufer wieder etwas niedriger, traten weiter und weiter zurück und die Wasser zogen jetzt in ruhigeren Bahnen.

Die Männer erhoben sich auf den schwanken Planken, an die sie sich während der rasend schnellen Fahrt angeklammert hielten und schüttelten sich lachend das Wasser aus den Kleidern, das oft, kleinen Sturzseen gleich, über sie hereingebrochen war.

Der Wald schwand zu beiden Seiten und in nicht allzu großer Ferne wurde die grauneblichte Fläche eines großen Sees sichtbar.

Der »Flinke Biber« steuerte das langsam treibende Floß an einen von überhängendem Buschwerk bedeckten Ufereinschnitt, wo die Männer an das Land sprangen.

»Das nennt man eine Fahrt!« rief der Kanadier, sichtlich froh, daß er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. »Wette, daß wir in der einen Stunde einen vollen Tagesmarsch hinter uns gebracht haben.«

»Wenn marschieren,« erklärte der »Flinke Biber«, »dann ganze Zeit brauchen vom Morgen bis zum Abend.«

»Und willst du uns sagen, wo wir jetzt sind?« fragte Addy.

»Hier Oneidagebiet, hier sicher, nichts fürchten; aber besser, wenn Oneida weiße Krieger nicht sehen.«

»Wenn du das für geraten hältst, dann werden wir uns selbstverständlich möglichst unsichtbar machen.«

»Bleiben im Busch, gehen nicht an See; ›Flinker Biber‹ Kanoe holen.«

»Wann gedenkst du mit dem Fahrzeug wieder hier zu sein?«

»›Flinker Biber‹ sehr eilen, aber nicht vor Abend wiederkehren; erst wenn Nacht, dann kommen; dann gleich weiterfahren.«

Der Indianer wandte sich zum Weggehen, kehrte aber nochmals um und reichte dem Jäger seinen Bogen und ein Bündel Pfeile dar, womit er sich zu diesem Zuge wohl nicht ohne Absicht statt der Flinte bewaffnet hatte.

»Hier nehmen!« sagte er, »›Flinker Biber‹ wissen, Addy mit Büchse besser schießen, aber Wild auch mit Pfeil treffen. Wenn Hunger, am Flusse viele Vögel, im Wasser viele Fische, im Walde Hirsch; Büchse nicht sprechen lassen.«

Addy nahm die Schußwaffe dankend entgegen, worauf der Indianer in den Büschen verschwand.

»Ein guter Kerl, diese Rothaut,« meinte Webster, dem Ansehen nach der kräftigste unter den drei Grenzern. »Wir werden, soll uns gelingen, was wir vorhaben, gut tun, wenn wir uns den Burschen warm halten.«

»Ja, es ist ein prächtiger Mensch,« bestätigte der Jäger, und er schilderte den Genossen mehrere Züge aus seinem eigenen und dem Leben des roten Mannes, die dazu führten, eine dauernde, aufrichtige und wahre Freundschaft zwischen ihm und dem Oneida anzubahnen. Er verschwieg ihnen auch nicht sein Bedenken, daß die aufopferungsvolle Teilnahme an ihrem Vorhaben für den Indianer schlimme Folgen haben könne, worüber die etwas rauher angelegten und durch das Kriegshandwerk hart gewordenen Rangers freilich viel nüchterner und darum auch praktischer dachten.

Die Sonne wandte sich allgemach dem Zenith zu und die Männer empfanden das Bedürfnis für eine Magenstärkung zu sorgen.

Eingedenk der Mahnung des »Flinken Bibers« bediente sich Addy des Bogens und der Pfeile, um mit sicherem Schusse mehrere feiste Enten und einige andere genießbare Wasservögel zu erlegen, die dann von Murphy, der für heute die Aufgabe des Kochs zu übernehmen hatte, an niedrig gehaltenem Feuer kunstgerecht am Spieße gebraten wurden. Nach eingenommener Mahlzeit wurden für den Rest des Tages die Wachen eingeteilt. Da die kommende Nacht voraussichtlich geopfert werden mußte, ermahnte Addy die wachefreien Männer, der Ruhe zu pflegen.

Als es endlich Abend und dunkel geworden war, stellte sich der »Flinke Biber« wieder ein. Er verständigte Addy, der gerade die Wache hielt, daß es jetzt Zeit sei, ihm zu folgen.

Schnell wurden die Schläfer geweckt, die Reste der Mahlzeit zusammengepackt und das bereitliegende Boot bestiegen.

Es war ein geräumiges, aus Birkenrinde gefügtes, mit vier Schaufelrudern versehenes indianisches Kanoe.

Addy und die drei Rangers setzten sich auf die Ruderbänke, während der »Flinke Biber« wieder am Steuer Platz nahm.

Mit kräftigem Durchzug legten sich die vier Männer in die Riemen, während der Indianer ein fünftes Ruder mit etwas breiterem Blatt als Steuer handhabte.

Der Häuptling hatte schon zuvor sämtliche Ruderblätter mit Leinwandfetzen umwickelt und fast geräuschlos glitt daher das Fahrzeug den Fluß hinab bis zur Mündung, wo es sofort quer über den See nördlichen Kurs nahm.

Das Boot war, trotzdem es sich als sehr stabil erwies, ungemein leicht gebaut und hatte einen guten Fortgang.

Gleichwohl war Mitternacht längst vorüber, als endlich über dem Bug die gespenstischen Schatten des nördlichen Seeufers auftauchten.

Hier steuerte der »Flinke Biber« in einen schmalen Wasserlauf, verfolgte denselben noch eine kleine Strecke und ließ dann das Boot ans Ufer laufen.

»Weiße Männer viel rudern, weiße Männer gut rudern,« erklärte er. »Hier ruhen; wenn Tag kommen, wieder rudern.«

»Du hast bisher so viele Vorsicht beobachtet und du wolltest jetzt, da wir dem Huronengebiet mit jedem Ruderschlage näher kommen, morgen am hellen Tage weiter?« fragte einigermaßen erstaunt Addy.

»Oneidakrieger ›Flinken Biber‹ nicht mehr sehen, Huronendörfer noch sehr weit.«

»Und andere, den Weißen feindlich gesinnte rote Leute kämen uns hier nicht in die Quere?«

»Hier nirgends Inschen, hier ohne Gefahr bei Tag fahren. Wenn Huronendörfer nahe, dann wieder bei Nacht rudern.«

Addy, der die Gegend hier oben an den Seen zwar ziemlich genau kannte, aber über die derzeitigen Niederlassungen der Indianer, die ihre Wohnungen gar oft verlegten, natürlich nicht orientiert war, mußte sich mit dieser Erklärung wohl oder übel zufrieden geben. Uebrigens fühlte er sich keineswegs irgendwie beunruhigt, hatte er doch oft genug Gelegenheit gehabt, die Vorsichtigkeit seines roten Freundes kennen zu lernen.

Auch die Rangers brachten nach allem, was sie über das Freundschaftsverhältnis zwischen dem Jäger und dem roten Manne gehört hatten, seiner Führung volles Vertrauen entgegen. Zudem forderte er jetzt zu einer Rast auf und das war ihnen nach der anstrengenden und ungewohnten Ruderarbeit nur willkommen.

Nachdem der Indianer sich auch noch erboten hatte, für die nächsten Stunden die Wache zu übernehmen, suchte sich jeder einen Ruheplatz.

Bald nach Tagesanbruch weckte der »Flinke Biber« und neugekräftigt stieg man ins Boot.

Man verfolgte den schmalen und trägen Wasserlauf mehrere Stunden weit und endlich hatte man ihn hinter sich.

Vor den Blicken der Männer tat sich wieder eine weite Seefläche auf, die zwar nur etwa zwei Kilometer breit, ihrer Länge nach aber gar nicht zu übersehen war.

Die Ufer, die dicht bedeckt mit allerlei Farnen, Gräsern und moosüberwuchertem Steingeröll waren, darüber sich mächtige Weißeichen und herrliche Ulmen wölbten, boten ein überaus malerisches Bild dar. Ueber den Baumwipfeln zogen große Raubvögel, nach Beute spähend, ihre weiten Kreise; auf dem glatten Wasserspiegel aber trieben Tausende und aber Tausende Taucher der mannigfaltigsten Arten ihr Spiel. Große Entenscharen schwammen schlummernd umher, den Kopf nach rückwärts zwischen die Flügel gesteckt, darunter die farbenprächtige Wald- und die blendend weiße Schneeente. Entlang dem Ufer, im seichten Gewässer stand regungslos der langhalsige blaue Reiher – das Ganze ein Bild des beschaulichsten, stillen Dahinlebens.

Sobald sich aber das Boot einer Gruppe dieser Wasserbewohner näherte, erhob sich alsbald ein schriller Warnungsruf. Die Taucher verschwanden im Wasser, die aufgeschreckten Enten stimmten ein ohrenbetäubendes Geschnatter an und nun zeigte sich erst recht der Reichtum des tierischen Lebens. Sofort erhoben sich unzählige Flügelpaare zu wilder Flucht und rauschten auf ihren farbenprächtigen Fittichen weiter hinaus in den See oder dem schützenden Walde zu.

Es war klar, daß an den Ufern dieses Sees dauernd keine Menschen weilten, denn sonst hätte sich hier das tierische Leben und Treiben nicht in dieser fast überreichen Weise und idyllischen Ursprünglichkeit erhalten.

Gleichwohl steuerte der »Flinke Biber« ziemlich dicht am östlichen Ufer, wohl in der Absicht, wenn sich dennoch eine Gefahr zeigen sollte, rasch in einer kleinen Bucht oder hinter überhängendem Buschwerk zu verschwinden.

Unter diesen Umständen, die gar viel Neues und Interessantes beobachten ließen und mitunter auch die Kraft des Bogens und des Pfeiles zu erproben Gelegenheit boten, schwand die Zeit den Ruderern rasch dahin und schon kurz nach Mittag gelangten sie an ein Wirrsal von Felseninseln, die, reichlich mit Humuserde bedeckt, einen üppigen Pflanzenwuchs aufwiesen. Aus den Rissen und Nischen der Felsenwände ragten reichbelaubte Bäume empor, die mit einem dichten Gehänge von allerlei Schlingpflanzen überzogen waren, das über die Felsenmauern hinweg oft bis in das Wasser niederhing. Ueberall wucherten üppige Blätterbüschel der seltsamsten Formen und Farben, wechselnd von mattem Grau bis zum brennendsten Rot; dazwischen sahen neugierig unzählige buntfarbige Blüten hervor.

Der »Flinke Biber« steuerte mitten hinein in dieses Inselchaos und legte, um den Rudernden wieder einige Erholung zu gönnen, an einer geschützten und leicht zugänglichen Stelle eines der kleinen Eilande an.

»Hier gut, hier sicher, hier bleiben bis Abend, dann wieder weiter fahren; Huronendörfer nicht mehr weit, dort hinter den Bergen,« erklärte er.

In der Tat erhoben sich zur rechten Seite des Sees, nur noch wenige Meilen entfernt, einige ansehnliche bewaldete Höhen und dahinter sollte also das erstrebte Ziel liegen.

Man suchte und fand bald eine munter sprudelnde Quelle, zog den Mundvorrat und die auf der Herfahrt ergatterte Jagdbeute hervor und suchte sich, den Umständen angemessen, bestmöglich einzurichten. Auch der »Flinke Biber« langte, als das Mahl bereitet war, wacker zu, zog sich aber bald in das Kanoe zurück, um, unterstützt von dem Jäger, sich der teilweise sehr nötig gewordenen Ausbesserung der Umwickelung der Ruderblätter zu widmen.

»Nun bald wissen, ob Singendes Maul und seine Squaw noch Skalp haben,« sagte der rote Mann, indem er an einem der Riemen emsig wand und schnürte.

»Ich hoffe, daß es so ist,« versetzte Addy. »Ich hoffe auch, daß ihre Befreiung gelingt.«

»Wenn klug sein, dann müssen gelingen.«

»Wie wir zu Werke gehen werden, das wollen wir von den Umständen abhängig machen. Zunächst bin ich dafür, daß wir uns jedenfalls in der kommenden Nacht noch an Ort und Stelle, das heißt auf den bestmöglichen Beobachtungsposten begeben, wenn du nicht etwa ein stichhaltiges Bedenken dagegen geltend zu machen hast.«

»›Flinker Biber‹ weißen Freund heute abend noch führen; er nichts einwenden – heute noch an das Dorf schleichen; keine Zeit verlieren.«

»Dann aber, wenn wir so weit sind, wirst du die Freundlichkeit haben und uns unserem Schicksal überlassen.«

»Erst an den Bergen sein, dann darüber weiter reden.«

»Du willst mir schon wieder unter den Händen hindurchwischen, aber ich will dir sagen, daß es mein voller Ernst ist; du wirst dann umkehren; ich werde dann keinen Einwand mehr gelten lassen.«

»Ja, ›Flinker Biber‹ zurückkehren, über das Wasser zurück; aber jetzt noch nicht wissen wann; erst wenn Huronendörfer sehen.«

Der rote Mann sagte das mit einer solchen Bestimmtheit und Entschiedenheit, daß der Jäger, in der Befürchtung den Freund zu verstimmen, bei seiner Forderung vorläufig doch nicht mehr verweilen mochte.

Sie besprachen dann bei ihrer Arbeit noch manches. Darüber verging der Rest des Nachmittags, bis es endlich dunkelte. Sie weckten nun die Rangers, die sich inzwischen aufs Ohr gelegt hatten, man stieg ins Boot und mit neuen Kräften ging es weiter.

Obwohl das Fahrzeug völlig geräuschlos zwischen den Eilanden dahinglitt, kamen sie jetzt verhältnismäßig nur langsam vorwärts, denn der »Flinke Biber« beobachtete nunmehr die größte Vorsicht, nützte jeden Schatten und sondierte, ehe er eine der Inseln umsteuerte, zuvor genauestens jede Krümmung. Erst nach zweistündiger Fahrt hatten sie die kleinen Eilande hinter sich und ruderten von da an im offenen See entlang dem östlichen Ufer. Allgemach erschienen die dunklen Silhouetten der Berge, die sie zu erreichen hatten, höher und höher. Endlich bog das Boot in einen schmalen Wasserlauf von ziemlich starker Strömung ein. Noch einige hundert Schritte harter Arbeit dann steuerte der »Flinke Biber« an das Ufer.

Die vier Weißen sprangen an das Land und sahen nach ihren Waffen.

Der Indianer zog das Boot in einen kleinen Ufereinschnitt unter überhängendes Gesträuch und verwahrte unweit davon unter dichtem Gestrüpp die Ruder.

»Jetzt ›Flinkem Biber‹ folgen,« flüsterte dieser und trat hinab an das Ufer; die Weißen folgten seiner Aufforderung.

Um keine Fährte zu hinterlassen, gingen sie wohl eine Viertelstunde lang im seichten, ziemlich stark strömenden Uferwasser flußauf und bogen dann waldein in das Bett eines kleinen Bergbächleins, das sie noch eine ziemliche Strecke weit, fortgesetzt im Wasser stapfend, verfolgten.

Endlich stieg das Erdreich erheblich an und jetzt trat der »Flinke Biber« aufs Trockene.

Unmittelbar vor den Männern erhob sich ein einzelner kegelförmiger und reichbewaldeter Berg, den sie, durch dick und dünn ihren Weg bahnend, bis zur Spitze hinanstiegen.

Als sie den höchsten Punkt erreicht hatten und jenseits nach einem Lebenszeichen ausspähten, lag das ganze vorliegende Gelände still und dunkel.

»Das gut, wenn kein Feuer,« meinte der »Flinke Biber«. »Vielleicht Krieger Dorf schon verlassen, vielleicht schon auf dem Kriegspfade.«

Man verteilte die Wachen und legte sich dann zur Ruhe.

Am anderen Morgen, als kaum die erste Dämmerung sich zeigte, waren die Männer schon munter und spähten neugierig hinab in die Tiefe.

Ihre Erwartung wurde aber auf eine harte Probe gestellt, denn der ganze Talgrund bis weit hinaus in den See lag überdeckt von dichtem Nebel.

Erst als der glühend rote Sonnenball im Osten emporstieg, begannen die weißlichen Schleier sich zu zerteilen und zogen in langgestreckten Schwaden höhenwärts, wo sie allmählich zerflossen.

Jetzt tat sich vor den Augen der Männer eine ziemlich beträchtliche, von Busch und Wald besetzte Niederung auf, die, vom See her ansteigend, sich allmählich zu einem immer schmäler werdenden Talausläufer gestaltete und sich als enges Tal zwischen den östlichen Bergen verlor.

Unweit des Seeufers wurde eine große Anzahl Indianerhütten sichtbar, unter denen aber kaum die Hälfte als bewohnt gelten konnte. Der größere Teil derselben befand sich unleugbar in einem höchst verwahrlosten Zustande. An vielen hingen von den Wänden die Fetzen nieder; sie waren von Wind und Wetter größtenteils schief gelegt, manche schon ganz zusammengebrochen. Man konnte sehen, der langjährige Krieg und der große Menschenverlust hatten den Huronen schon übel mitgespielt.

Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten die Männer das Indianerdorf.

Ein leiser Ausruf entfuhr Addy und er wies mit dem Finger nach der Mitte des Dorfes, wo von einem durch seinen Umfang sich auszeichnenden Wigwam ein fast zwanzig Meter hoher, mit grellen Farben bemalter Pfahl sich erhob.

»Addy Totem wieder erkennen,« versetzte der »Flinke Biber« beifällig. »Totem zeigen viele Hirsche – das Wigwam des Thayendanegeas!«

»Und der Bogen an dem Wappenpfahle fehlt!«

»Addy gutes Auge, Addy Falkenauge. Wenn Bogen und Pfeile an Totem hängen, dann Thayendanegeas in seinem Wigwam; wenn nicht hängen, dann fort über den See oder über die Berge.«

»Das Glück scheint uns gleich am ersten Tage günstig. Wenn der Häuptling fort ist, darf man billig annehmen, daß er auch den größten Teil seiner Krieger mitgenommen hat.«

»Das gleich sehen, das gleich sehen,« versetzte der »Flinke Biber«.

Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten die Männer das Dorf.

Einige Hunde schlichen schnüffelnd zwischen den Hütten umher; seitlich der letzteren weideten auf nahem Wiesengrunde einige Ponies.

Nach und nach wurde es auch in einigen Wigwams lebendig.

Kleine dünne Rauchwölkchen kräuselten aus den Rauchlöchern empor. Einige in buntfarbige Kittel gekleidete alte Weiber wurden sichtbar, kenntlich an ihrer gebückten Haltung und an ihrem watscheligen Gange.

Sie wandelten alle nach einem das Dorf durchschneidenden Rinnsal, Wasser zu schöpfen.

Fast eine Stunde verging, bis endlich zwischen den Hütten auch einige Krieger sichtbar wurden. Sie alle trugen das sogenannte, schon von weitem kenntliche Blanket der Engländer, die bei den Huendas beliebte blauweiße wollene Decke, togaartig um die Schulter geschlungen, und beschränkten sich darauf, zwischen den Wigwams auf und ab zu wandeln oder da und dort vor den Hütten sich auf die Erde zu lagern.

Bald galt es bei den oben auf der Lauer liegenden Männern als eine ausgemachte Sache, daß nur eine geringe Anzahl Krieger im Dorfe anwesend sei.

Sobald Addy und der »Flinke Biber« das erkannt hatten, gingen sie daran, einen Kriegsplan zu entwerfen, woran sich auch die drei Rangers, insbesondere der temperamentvolle Kanadier, beteiligten, der angesichts der schwachen Insassenschaft des Dorfes, die zudem wahrscheinlich nur aus älteren oder gar invaliden Kriegern bestand, vorschlug, sofort niederzusteigen und dasselbe kurzweg im Sturm zu nehmen.

Er stieß aber damit sowohl bei Addy als dem »Flinken Biber« auf entschiedenen Widerstand, zumal der letztere es sich trotz aller Einwendungen des Jägers auch jetzt nicht nehmen ließ, bei der beabsichtigten Befreiung der Gefangenen persönlich mitzuwirken.

So wurde denn der Niederstieg zum Dorfe auf die Zeit nach Einbruch der Dunkelheit verlegt und jedem einzelnen die zufallende Aufgabe möglichst genau vorgezeichnet.

Alle empfingen die bestimmte Weisung, daß man sich, ob man nun die Gesuchten gefunden habe oder nicht, nach vollbrachter Tat zu dem Kanoe jenseits des Berges zurückziehen und dort zusammentreffen werde, worauf dessen Lage durch den »Flinken Biber« von der Höhe aus nochmals genauestens gekennzeichnet wurde.

In der Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, erschien der Tag den in ihrem Versteck untätig liegenden Männern recht lang. Sie beschränkten sich darauf, die Vorgänge unten im Dorfe weiter zu beobachten, wodurch sich die Annahme vom Morgen her aber nur immer wieder bestätigte.

Endlich ging der Tag zur Neige; die Sonne tauchte jenseits des Sees hinab über den Horizont und in der Niederung wurde es rasch dunkel.

Addy gab das Zeichen und vorsichtig stiegen sie in der Finsternis des Waldes an der Berglehne nieder.

Auch die Rangers waren tüchtige Beschleicher; durch die jahrelange Kriegführung gegen die Rothäute hatten sie sich längst so geübt, daß sie den beiden anderen an Vorsicht und Gewandtheit nichts nachgaben. Geräuschlos glitten die Männer dahin; nur ab und zu raschelte ein aufgeschrecktes Kleintier durch die Farne, Gräser und Büsche.

Unten angekommen, wandten sie sich geradeswegs gegen das Dorf.

Bald tauchten die grauweißen Wigwams gespenstisch aus der Dunkelheit vor ihnen auf; da und dort stammten noch die Hüttenfeuer und ließen die Umrisse der im Innern sich bewegenden oder kauernden Gestalten als scharfe dunkle Silhouetten auf der Zeltleinwand erscheinen.

Etwa hundert Schritte noch vom Dorfe entfernt wurde Halt gemacht.

Der »Flinke Biber« hatte sich trotz der energischen Einsprache des Jägers den Versuch ausbedungen, das Versteck der Gefangenen auszukundschaften und zunächst allein in das Dorf zu schleichen. Erst nach seiner Rückkehr sollte, je nach den Beobachtungen, die er gemacht hatte, zu dem entscheidenden Schlage geschritten werden.

Beweglich gleich einer Schlange schlich der »Flinke Biber« gegen das Dorf und verschwand geräuschlos zwischen den Hütten.

Wohl eine Stunde verging und sie deuchte den wartenden Männern eine Ewigkeit.

Im Dorfe blieb es zwar ruhig, nichts verriet, daß der Oneida auf ein Hindernis gestoßen sei.

Gleichwohl bangten sie für ihn, lauschten mit angehaltenem Atem auf das geringste Geräusch, jeden Augenblick bereit, ihm auf das verabredete Zeichen zu Hilfe zu eilen.

Endlich tauchte ein Schatten hinter dem nächstgelegenen Zelte auf und langsam und vorsichtig nahte der Häuptling wieder dem Verstecke.

»Es sein gut so,« flüsterte er, – »›Flinker Biber‹ weiße Squaw sehen, Singendes Maul hören; er blasen; aber er blasen nicht lustig, er blasen sehr traurig. – ›Flinker Biber‹ weiße Squaw befreien, Addy das Singende Maul aus dem Dorfe holen.«

»Und zwar jetzt gleich, so meinst du doch?«

»Ja, jetzt gleich holen, nicht warten; jetzt im Dorf Feuer löschen, dann ganz dunkel; später Sonne der Nacht, dann nicht so dunkel.«

»Dann also los!« flüsterte der Jäger den Rangers zu. »Es bleibt bei dem verabredeten Plane – frische Fische, gute Fische – wir wollen keine Zeit verlieren!«

Sofort erhoben sich der Kanadier und Webster und schlichen rechter Hand in die Büsche.

»Das gut so,« flüsterte der »Flinke Biber«, hörte noch ein Weilchen den beiden nach und drückte sich dann dicht an den Jäger heran, dem er hurtig einige Leinwandfetzen um die Lederschuhe wand und daran festschnürte.

»So besser,« sagte er. »Im Dorfe alte Krieger, schlecht hören, aber so besser.«

Dann zog er ein Bündel hervor und entfaltete daraus einen blauweißen Blanket, den er dem Jäger um die Schultern warf.

»Das ›Flinker Biber‹ roten Kriegern wegstehlen, das für Addy sehr gut; wenn Singendes Maul haben, dann Huronen Blanket wieder erhalten.«

Dann nahm er dem Jäger auch noch den Filzhut vom Haupte und reichte ihn Murphy dar. Mit schnellem Griffe erfaßte er Addys ziemlich lange Haare, wand sie geschickt in die Höhe und band sie auf dem Hinterkopfe zu einem Knoten, so daß dieser einer Skalplocke glich. Der Oneida raufte sich flink eine der Adlerfedern vom eigenen Kopfe und steckte sie in des Jägers aufgebundenen Haarschopf.

So ausgestattet, konnte der Jäger in der Dunkelheit sehr wohl für einen Huronen gehalten werden.

Addy mußte lächeln, aber er sah wohl ein, daß ihm diese Metamorphose unter Umständen sehr zu statten kommen könne, und er drückte seinem roten Freunde dankbar die Hand.

Schweigend hielten die drei Männer: Murphy, der die Aufgabe hatte, hier zu verbleiben, im kritischen Fall einzugreifen und vor allem einen etwaigen Rückzug zu decken – Addy und der »Flinke Biber« jeden Augenblick bereit aufzubrechen.

Da hörte man im Dorfe einen Hund heftig anschlagen, worauf sofort noch einige andere ziemlich heisere Köter zu bellen anfingen.

In der Richtung, in welcher der Kanadier und Webster verschwunden waren, wurde Pferdegetrappel vernehmbar, wilde Rufe folgten.

Diese beiden Weißen hatten sich plangemäß über die seitlich der Hütten auf der Weide befindlichen Ponies hergemacht und trieben dieselben zu Berge.

Jetzt wurde es im Dorfe lebendig; auch dort erschollen laute Rufe.

»Das guter Spaß,« sagte still lachend der sonst so ernste Häuptling. »Addy das gut machen. Hören wie Huendas auf Pferdediebe schimpfen?«

Die Verwünschungsrufe im Dorfe wurden lauter, die Bewegung, die das Dorf ergriffen hatte, immer lebhafter.

Jetzt hörte man in der Richtung, in der das Pferdegetrappel nur noch von fernher vernehmlich war, flüchtige Tritte eilen – dann knallte ziemlich weit oben im Talgelände ein Schuß.

»Jetzt dürfte es an der Zeit sein,« flüsterte der Jäger dem »Flinken Biber« zu.

»Hugh!« erwiderte dieser leise und erhob sich.

Entschlossen huschten die beiden nach dem Dorfe, der Häuptling übernahm die Führung. Auch er hatte sich inzwischen ein Blanket übergeworfen und mußte in der herrschenden Dunkelheit unbedingt für einen Huronen gehalten werden. In diesem Bewußtsein ging er keck und frei auf das Ziel los; der Jäger folgte.

Wenn es eines gab, das die beiden mit Bedenken erfüllte, so war es, daß nach und nach an verschiedenen Punkten des Dorfes Kienfackeln entzündet wurden; doch drangen die beiden mutig weiter vor, war es ihnen bis jetzt doch noch immer gelungen, dem Fackellichte auszuweichen.

So waren sie verhältnismäßig rasch bis in die Mitte des Dorfes gelangt, wo der Häuptling im Schatten einer fast zusammengebrochenen Hütte stehen blieb und auf einen nur wenige Schritte von ihm befindlichen, innen erleuchteten Wigwam deutete.

»Dort weiße Squaw,« flüsterte er dem Jäger ins Ohr. »›Flinker Biber‹ sehen, wie mit Indianersquaw Maisbrot bereiten; ›Flinker Biber‹ weiße Squaw holen; vorher zeigen, wo Singendes Maul.«

Der Jäger nickte mit dem Kopfe zum Zeichen seines Einverständnisses, und rasch eilten die beiden weiter.

Da, als sie eben an der Hütte vorüber wollten, welche der Häuptling als den Aufenthaltsort der weißen Frau bezeichnet hatte, wurde plötzlich der Vorhang des Zeltes zurückgeschlagen und eine alte, schon bejahrte Indianerin, einen brennenden Kienspan in der Rechten hochhaltend, trat vor den Eingang.

Der »Flinke Biber« ging keck an ihr vorüber und sie ließ ihn ungehindert vorbei. Dem Jäger, der dicht hinter ihm herging, war die Gefahr, erkannt zu werden, sofort zum Bewußtsein gekommen, und er versuchte sich schnell noch seitwärts zu wenden, aber es war bereits zu spät. Das Unglück wollte es, daß die Alte in diesem Augenblick den brennenden Span hoch emporhielt, so daß sie dem Jäger unmittelbar in das Gesicht leuchtete. Sie fuhr betroffen zurück und brach sofort in ein kreischendes Geschrei aus. Zum Glück hatte sie in ihrem Schreck auch die Leuchte fallen lassen, die Addy sogleich mit dem Fuße zertrat, während seine rechte Hand blitzschnell die Gurgel des Weibes erfaßte. Mit einem Ruck hob er die Frau auf seine Arme empor und verschwand mit ihr im Eingang der Hütte.

Sofort war auch der »Flinke Biber« zur Stelle, der dem Weibe mit einem Erdklumpen, wie er ihn mit einem raschen Handgriffe schnell vor der Hütte aufraffte, energisch den Mund verstopfte.

»Nun Squaw, nicht mehr schreien,« flüsterte er nach kurzer, aber emsiger Arbeit, »jetzt hinlegen und binden.«

Schnell legte Addy das Weib auf den Boden nieder.

»Tut mir recht leid, verehrteste Madame,« sagte er dabei, »daß ich Sie so hart anfassen mußte, aber die Umstände entschuldigen den Menschen; seien Sie übrigens unbesorgt, es geht Ihnen nicht ans Leben.«

Der »Flinke Biber« hatte sich bereits niedergebeugt, um der Frau mit einem Lederriemen die Arme an den Leib und dann die Füße zusammen zu schnüren, während der Jäger sich nach dem Feuerherd wandte und an der Glut desselben einen der vorhandenen Späne entzündete.

Als die Leuchte einigen Schein verbreitete, gewahrte er im Hintergrunde des Zeltes, bis in die Lippen erbleicht, Binche kauern. In ihren Augen, die starr auf den Jäger gerichtet blieben, lag ein seltsames Gemisch von ungläubigem Staunen und Entsetzen.

»Erkennt Ihr mich nicht?« fragte Addy leise.

Jetzt ging ein Leuchten in dem erdfahlen und eingefallenen Gesicht der Gefangenen auf, aber noch immer sprachlos, streckte sie ihm nur ihre beiden Hände entgegen.

»Seid guten Muts,« ermunterte der Jäger, »nur noch einige Minuten und Ihr seid frei. Wir gehen jetzt, den Franzl zu holen. Der Oneida hier wird zu Euch zurückkehren und ihm sollt Ihr Euch ohne jedes Bedenken anvertrauen. Inzwischen verhaltet Euch mäuschenstille und – es kann alles davon abhängen – paßt mir ja gut hier auf die Alte auf!«

Er reichte Binche eines seiner Messer dar, womit sie sich sofort die Fußfesseln zerschnitt, dann stand sie rasch auf, kauerte sich neben die Indianerin und hielt in ihrem Eifer der ohnehin gebundenen Frau mit bedrohlicher Gebärde das Messer an die Gurgel.

Der »Flinke Biber« hatte der Alten vorsichtshalber schnell noch einen aufgerafften Zeuglappen in den Mund gestopft; er war fertig und erhob sich.

Der Jäger nickte Binche nochmals ermutigend zu und löschte den Span.

Die beiden lauschten eine kleine Weile, dann schlug der Häuptling den Vorhang am Eingang des Zeltes sachte zurück und sie traten ins Freie.

Draußen vor der Hütte war es still und dunkel. In der Ferne hörte man Hundegebell und ab und zu eine Büchse knallen. Offenbar war die ganze Dorfinsassenschaft aufgebrochen und hinter den vermeintlichen Pferdedieben her. Selbst die Weiber schienen die Hütten verlassen und sich zur Beobachtung des Vorganges außerhalb des Dorfes begeben zu haben. Man hörte auf der Bergseite in der Entfernung von einigen hundert Schritten eine Menge hellklingender Stimmen wirr durcheinander schreien; im Dorfe selbst aber war, außer der gebunden liegenden Frau, eine Squaw bisher nicht zu sehen gewesen.

So gelangten die beiden ungehindert an einer Reihe weiterer Hütten vorbei, bis der Häuptling plötzlich stehen blieb und auf einen innen erleuchteten Wigwam deutete. Der matte, durch die Leinwandhülle nach außen dringende Schimmer war stark genug, die schattenhafte Silhouette eines vor dem Eingang stehenden Kriegers erkennen zu lassen.

Dieser Mann stand, auf die Mündung seiner Büchse gestützt, und hatte augenscheinlich seine ganze Aufmerksamkeit dem in der Ferne sich abspielenden Vorgange zugewendet.

Addy legte dem »Flinken Biber« zum Zeichen, daß er verstanden habe, einen Augenblick die Hand auf die Schulter und schlich dann geräuschlos wie eine Katze um eine noch dazwischen liegende Hütte herum, so zwar, daß er nur wenige Schritte hinter dem Huronen zu stehen kam.

Plötzlich schnellte der Jäger wie aus dem Rohre geschossen, mit einem gewaltigen Sprunge aus der Dunkelheit hervor und erfaßte den roten Mann im Genick.

Der Widerstand des roten Mannes wurde schwächer und hörte zuletzt ganz auf.

Ein Ruck, ein Stoß und er hatte ihn zu Boden geworfen.

Der »Flinke Biber« ließ in diesem Augenblicke einen gurgelnden, Beifall ausdrückenden Laut vernehmen und verschwand.

Die Überrumpelung des Huronen war aber keineswegs als eine schon vollständige zu betrachten.

Der Indianer war zwar durch die Wucht des Angriffes, die ihn plötzlich aus dem Gleichgewichte brachte, wie ein Mehlsack zu Boden geschlagen, sammelte sich aber schnell und wehrte sich nun gewaltig.

Addy dagegen glaubte bereits gewonnenes Spiel zu haben, nahm infolgedessen die Sache etwas zu leicht und sah sich jetzt mit einemmal einem an Kraft ebenbürtigen Gegner gegenüber; zudem war der ihm ungewohnte Blanket, in den sich der rote Mann mit beiden Händen eingekrallt hielt, ungemein hinderlich.

Ein fürchterliches Ringen entstand, und obwohl Addy sich oben erhielt, so blieb es doch lange genug unentschieden, ob er seinen Gegner ohne Waffengewalt überwinden würde.

Endlich gelang es ihm, des Gegners Gurgel zu umfassen; der Widerstand des roten Mannes wurde schwächer und hörte zuletzt ganz auf.

Aber Addy traute dem Huronen nicht; mit dem ganzen Rest seiner Kraft ihn umfassend, schleppte er ihn durch den Eingang der Hütte.

»Ja, was is denn dös,« platzte hier eine Stimme in heller Verwunderung los, »ah – da schaut's her!«

Eine auf der Erde ausgestreckt daliegende Gestalt wollte sich jählings erheben, hatte aber in der Ueberraschung wohl nicht bedacht, daß sie gefesselt war, und sank ebenso schnell auf die unter ihr liegende Matte zurück.

Addy hatte die Lage der Dinge sofort übersehen und warf dem Sprecher, ohne den Huronen loszulassen, sein Messer zu.

Franzl, denn er war es, krümmte und wand sich einigemal gar mächtig auf dem Boden hin und her, schob sich auf diese Weise bis an das Messer heran, erfaßte es und säbelte dann sofort an den Armen und den Füßen die Fesseln durch.

»Helft mir den Roten da binden!« heischte der Jäger.

Das ließ sich Franzl nicht zweimal sagen.

Schnell nahm er die durchschnittenen Bastleinen auf, die er selbst um die Glieder getragen hatte, verknüpfte sie kunstgerecht, und in kürzester Zeit lag der Hurone, dem die Besinnung bislang nicht wiedergekehrt war, gebunden da.

»Nehmt dem Mann den Pulverbeutel!« gebot der Jäger, indem er einer seiner Taschen einen Leinwandknäuel entnahm und dann dem Indianer denselben in den Mund stopfte. »Draußen vor der Hütte findet Ihr seine Flinte – Euer Weib ist, wenn nichts dazwischen kam, bereits gerettet.«

Franzl wollte des Jägers Hände erfassen und sich in Dankesbezeigungen ergehen, Addy schnitt ihm aber das Wort ab. »Schweigt! – jetzt nicht; wir haben keine Zeit zu versäumen; folgt mir!«

Franzl versicherte sich, wie ihm geheißen, des Pulverbeutels und nahm draußen vor der Hütte die Flinte des roten Mannes an sich.

Unterdessen hatte der Jäger einige der Kienspäne, die auf dem Feuerherde umherlagen, sich beigesteckt und trat, den Eingang des Vorhangs sorgsam schließend, ebenfalls ins Freie.

Unweit ragte die Silhouette des Totem, das er schon in dem Verstecke am Berge oben beobachtet hatte, in die Dunkelheit der Nacht hinein; dahin lenkte er seine Schritte.

Es stand, wie er alsbald wahrnahm, nur wenige Armlängen entfernt von dem Eingang des Häuptlingszeltes.

Dort angelangt, legte er sein Ohr an die leinene Umhüllung, horchte eine Weile, aber kein Geräusch, keine Atemzüge ließen sich innen vernehmen.

Entschlossen lüftete er den Eingang und betrat, gefolgt von Franzl, den Raum.

Addy zog sofort Stahl und Schwamm hervor, schlug Feuer, entzündete Zunder und Kienspan und entfachte den letzteren durch kräftiges Umherschwingen zur Flamme.

Bald verbreitete der brennende Span so viel Licht, daß der Jäger die nächste Umgebung zu erkennen vermochte.

An den Wänden hingen verschiedene Jagdtrophäen, etliche Beile, Messer und sonstige indianische Gebrauchsgegenstände – er leuchtete in alle Ecken, konnte aber das, was er suchte, zu seinem sichtlichen Verdrusse nicht entdecken. Kopfschüttelnd warf er den brennenden Kienspan zur Erde und zertrat ihn.

»Kommt, kommt schnell –« gebot er seinem Begleiter.

Sie verließen die Hütte und betraten einen vor derselben liegenden, ziemlich geräumigen Platz. Jenseits desselben wurden die ungewissen, immerhin aber erkennbaren Umrisse eines großen, mindestens fünfzehn Meter im Durchschnitt messenden Zeltes sichtbar.

Addy erkannte in demselben den Medizinwigwam, und ein leiser Jubelruf kam über des Jägers Lippen.

Schnell hatte er den freien Platz, der ihn von dieser Hütte noch trennte, durchmessen, suchte nicht lange nach dem Eingange, sondern zog sein Messer, und schon im nächsten Augenblick war die Wandung des Zeltes durchschnitten; wußte er doch, daß dieser von den Indianern als geheiligt betrachtete Raum nur einer beschränkten Anzahl Krieger zugänglich und der Eingang daher stets sorgfältig verschlossen war.

Die beiden schlüpften durch das Loch hindurch, und auch hier entbrannte der Jäger sofort einen Kienspan.

Waren die Wände selbst des Häuptlingszeltes fast ärmlich erschienen, hier waren sie überreich mit Pelzwerk behangen und auch der Boden mit zum Teil sehr kostbaren Tierfellen bedeckt. In der Mitte befand sich ein schreiend rot angestrichenes, tischartiges Brettergerüst, bedeckt mit einer förmlichen Ausstellung getrockneter und über Stäbchen gespannter, blau, grün und rot bemalter Skalpe. Aus der Mitte des Gerüstes ragte bis zur Zeltdecke der Medizinpfahl empor und an ihm hing neben anderen Kriegstrophäen des Jägers silberverzierte Büchse.

Als Addy seine schmerzlich vermißte Waffe erblickte, konnte er wieder kaum einen Jubelruf unterdrücken. Er übergab Franzl rasch den brennenden Span, sprang einer Katze gleich mitten auf den Tisch, daß die Stäbe mit den Skalpen geräuschvoll durcheinander fielen, und hob die Büchse von dem Holznagel.

Obwohl Zeit und Umstände wenig dazu angetan waren, unterwarf er die glücklich wiedererlangte Waffe sofort einer kurzen Untersuchung, nickte befriedigt und sprang zur Erde.

»Nun aber fort, ehe uns die ganze rote Brut im Nacken ist,« flüsterte der Jäger Franzl zu, und wie die Füchse krochen die beiden zurück durch das Loch, schlichen einer Reihe Wigwams entlang und hatten das Dorf endlich im Rücken.

Addy hatte sich klugerweise entgegengesetzt dem Schauplatz der Tätigkeit der beiden Rangers, also seewärts gewandt und mußte sich dort verhältnismäßig sicher fühlen, denn nun ging es über das hier offene Gelände beflügelten Fußes der verabredeten Stelle zu, in einem Geschwindschritte, daß Franzl, dessen Glieder durch die wochenlang getragenen Fesseln einigermaßen steif waren, dem Jäger kaum zu folgen vermochte.

Sie erreichten nach längerem Laufe waldigen Grund und vernahmen endlich, nachdem sie auch hier noch eine ziemliche Strecke vorgedrungen waren, von fernher leises Wasserrauschen.

Addy hielt an, legte beide Hände an den Mund und ließ wie damals, als er bei seinem Besuche des Oneidadorfes vom Walde her die Aufmerksamkeit seines roten Freundes erregte, dreimal hintereinander den Schrei eines Vogels ertönen.

Sofort fand der Ruf sein Echo und nun pirschten die beiden in der durch diese Antwort gekennzeichneten Richtung weiter, bis sie endlich am Flußufer und an dem von überhängenden Büschen wohlverdeckten Kanoe standen. In demselben befanden sich bereits Murphy, Binche und der »Flinke Biber«, und sofort sprang auch Franzl in das Boot und feierte mit seinem jungen Weibe ein stilles, freudiges Wiedersehen.

Kaum hatte dann auch Addy in dem Fahrzeuge Platz genommen, als von fernher oben am Flusse das mit den Rangern verabredete Zeichen erklang, worauf der Jäger in kleinen Zeitabständen Antwort gab.

Erwartungsvoll sah man den beiden entgegen und machte unterdessen das Boot klar; der »Flinke Biber« saß bereits am Steuer.

Endlich raschelte es im nahen Ufergebüsche; keuchend langten die beiden an und waren mit einem Satze im Boote.

»Los!« rief fast atemlos der Kanadier und Webster, völlig sprachlos, fuchtelte verzweifelt mit den Armen.

»Was ist's?« fragte hastig der Jäger.

»Wir haben die roten Hunde so lange als möglich an der Nase herumgeführt, aber jetzt ist die ganze Meute uns dicht auf den Fersen.«

Erschöpft sanken die beiden auf ihre Ruderbänke, und sofort legten sich Addy und Murphy in die Riemen.

In diesem Augenblick wurden in der Richtung, aus der die beiden Grenzer herbeigelaufen kamen, das Geräusch flüchtiger Tritte und menschliche Rufe laut, und gleich darauf stürzten etwa ein Dutzend dunkle Gestalten aus dem Walde hervor, die, als sie das eben abfahrende Boot erspähten, in ein wildes Geheul ausbrachen. Sofort sandten sie den Bootsinsassen einige Schüsse nach, ja einige der Wilden stürzten sich ins Wasser.

Aber das Fahrzeug war bereits einige Ruderlängen vom Ufer entfernt und sein Bug hatte die Strömung schon gewonnen. Noch einen Ruderschlag, dann ließen Addy und Murphy treiben, nahmen die Büchsen auf und feuerten ebenfalls.

Die Wilden verstummten nun zwar, aber man hörte es an dem Rascheln im Ufergebüsche und an dem klatschenden Geräusche im Wasser, daß sie dem Boote am Ufer und im Flusse folgten.

Unterdessen hatten sich auch der Kanadier und Webster ruderfertig gemacht, und nun legten sich auf die Aufforderung des »Flinken Biber« acht kräftige Arme in die Riemen.

Schon nach einigen lang und machtvoll durchgezogenen Ruderschlägen hatte sich die Entfernung zwischen dem Boote und den Verfolgern so erheblich vergrößert, daß man sich fürs erste vor weiterer Belästigung sicher fühlte.

Aber merkwürdigerweise, so sehr auch das Boot unter dem Druck der vier Riemen flußab flog, es hatte, jeder der vier Ruderer fühlte das, dennoch einen auffallend schweren Fortgang.

Auch der »Flinke Biber« schien es zu empfinden. Balancierend schob er sich auf dem schmalen Steuersitze immer höher, bis er auf demselben aufrecht stand, und spähte mit seinen Glutaugen entlang den Bordwänden.

Jetzt mußte er etwas entdeckt haben, denn mit Gedankenschnelle warf er Addy, der ihm als Schlagmann zunächst saß, den Steuerriemen zu, sprang zwischen den Riemenleuten hindurch und über die Ruderbänke hinweg nach dem Bug so ungestüm, daß das Boot dadurch bedenklich ins Schwanken geriet.

Dort hatte das scharfe Auge des Oneida trotz der Dunkelheit eine neben der Bugspitze auf dem Bord liegende Hand erspäht, die in diesem Augenblicke verschwand.

Aber der »Flinke Biber« war nicht geneigt, sich mit dieser Beobachtung zufrieden zu geben. In der nächsten Sekunde schon hatte er sein Messer gezogen, erfaßte es mit den Zähnen und verschwand in dem hochaufschäumenden Wasser.

Binche, über die der rote Mann hinweggesprungen war, erschrak heftig und kreischte laut auf.

»Ruhig Blut,« mahnte der Jäger. »Der Oneida muß irgend etwas entdeckt haben; er weiß, was er tut.«

Da tauchte der Kopf des Häuptlings, kenntlich an seinem Federschmucke, dicht neben dem dahintreibenden Boote auf, und gleich darauf wurde, etwa eine halbe Bootslänge voraus, ein zweites menschliches Haupt sichtbar.

Sofort tauchte der »Flinke Biber« wieder unter, zwei – drei Sekunden vergingen, da ließ sich ein gurgelnder Schrei vernehmen und auch der andere Kopf war jetzt von der Oberfläche des Wassers verschwunden.

»Entsetzlich!« schrie Binche.

»Was sein muß, muß sein,« beruhigte der Jäger, »und für ihn sorgt nicht, er ist in seinem Element; er taucht und schwimmt wie ein Fisch; man nennt ihn nicht umsonst den ›Flinken Biber‹.«

Noch einmal ließ sich ein Geräusch vernehmen, jetzt eine kleine Strecke hinter dem Boote. Es war, als ob eine suchende Hand plätschernd auf das Wasser schlage, dann wurde es still.

Mit angehaltenem Atem hatten auch die übrigen Bootsinsassen den Vorgang verfolgt und die Ruderer die Riemen schleppen lassen.

Plötzlich fuhr Franzl, der ganz vorn im Boot saß, mit einer Verwünschung vom Sitze auf. »Kruzitürk'n,« schimpfte er, »merkt's ös nix? Das Malefizschinakl is ja voll Wossa!«

Nun erst wurden auch die anderen gewahr, daß sie bereits über die Knöchel im Wasser standen, und Franzl, der in seinem Bereich sofort die Bootwand untersuchte, stellte fest, daß vorn, nahe dem Kiel, das Wasser über fingersdick einströme.

»Hat also doch noch so ein Schlingel das Boot erreicht und am Ende gar angebohrt,« knurrte der Jäger und kroch zwischen den anderen hindurch schleunigst nach vorne. »Sorgt vor allem, daß die Büchsen und die Pulverhörner trocken bleiben,« mahnte er, nahm den Hut vom Kopfe und versuchte mit diesem das Leck zu verstopfen. Aber bei dem vielleicht allzu kräftigen Bemühen, den Filz in das Loch zu zwängen, gab die offenbar von außen her mit einem scharfen Instrumente bearbeitete, ohnehin dünne Rindenwand nach und ein weiteres Stück brach aus, so daß das Wasser jetzt armsdick in das Boot strömte.

»Es nützt nichts,« entschied der Jäger alsbald, »wir müssen wohl oder übel ans Ufer,« und war flink wieder hinten am Steuer.

Sofort legten sich die beiden mittleren Back- und Steuerbordriemen ins Wasser, und das immer schwerer werdende Fahrzeug trieb langsam, die Strömung träge durchschneidend, ans linke Ufer.

Es war aber auch die höchste Zeit, daß es daselbst anlangte; das Wasser war in der letzten halben Minute im Boote bis an die Ruderbänke emporgestiegen. Und kaum waren die letzten Insassen auf dem Trockenen, da neigte sich der Bug des Fahrzeuges, füllte sich vollends und legte sich auf den Grund.

In diesem Augenblick tauchte der »Flinke Biber« aus dem Wasser auf. Er schien von der inzwischen eingetretenen Katastrophe keineswegs überrascht.

»›Flinker Biber‹ gleich merken, daß roter Mann an Kanu hängen; er Messer nehmen, er Kanu anbohren,« flüsterte er, schüttelte sich sachte das Wasser vom Leibe und winkte jedem einzelnen, etwas weiter in das Ufergebüsch zurück zu treten.

»Was aber nun?« fragte leise der Jäger, als sie sich, so gut es ging, verborgen hatten. »Sollen wir das Ding herausfischen und den Schaden wieder gut machen? Ich fürchte, die Huronen werden uns dazu keine Zeit lassen.«

»Kanu nicht holen,« entschied der »Flinke Biber«.

»Warum das?« fragte der Kanadier.

»Huronen gleich da sein – Huronen angebohrtes Kanu nicht finden.«

»Aber, wertes Menschenkind,« versetzte der Kanadier, »die Huronen suchen nicht das Kanoe, die suchen uns – und wo bleiben wir?«

»Huronen weiße Krieger hier nicht suchen, hier sicher,« entgegnete der »Flinke Biber«. »Huronen weiße Krieger dort suchen,« und deutete mit der Hand hinaus auf den See.

Wie zur Bestätigung dessen wurde das Geräusch von Ruderschlägen vernehmbar. Oben auf dem Flusse tauchte ein Boot auf und glitt keine vierzig Schritte von der kleinen Menschengruppe entfernt pfeilschnell die Strömung hinab; wenige Minuten später folgte ein zweites Fahrzeug.

»Sehen, wie ›Flinker Biber‹ recht haben,« flüsterte der Häuptling, als die beiden Boote im Dunkel der Nacht verschwunden waren. »Jetzt suchen und können lange suchen; der rote Mann, welcher Kanu anbohren, nicht mehr sprechen.«

»Da bleibt uns nichts übrig,« bemerkte der Jäger recht mißmutig, »als daß wir unseren Heimweg über die Berge nehmen.«

Man sah das Zutreffende dieser Bemerkung wohl ein, jeder einzelne aber erwog im stillen, daß das gegenüber der viel bequemeren und weniger gefahrvollen Seefahrt nur eine wenig verlockende Aussicht war, und der lebhafte Kanadier gab dem endlich auch ziemlich drastischen Ausdruck.

»Ja, sonst Weg über Wasser besser,« meinte der »Flinke Biber«, »aber jetzt Weg über Berge besser. Huronen jetzt sehr eifrig Bleichgesichter suchen; Huronen ganzen See absuchen; wenn Kanu nicht finden, dann auch an Ufer gehen und suchen.«

»Das dürfte nur zu wahr sein,« entschied der Jäger, »und da uns nichts anderes übrig bleibt, tun wir klug, wenn wir die Zeit, die unsere Verfolger auf dem See zubringen, möglichst nützen; wir müssen trachten, bis zur Entdeckung unserer Fährte eine möglichst große Strecke hinter uns zu bringen.«

»Hugh!« erwiderte der rote Mann und schlug sich, gefolgt von den anderen, sogleich in die Büsche.

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