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Addrich im Moos

Heinrich Zschokke: Addrich im Moos - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Dritter Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleAddrich im Moos
pages3-266
created20030605
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1825
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1.
An Herrn Doktor Heinrich Schmutziger,
Stabsarzt und Mitglied des Sanitätsrats zu Aarau.

Du wünschest Dir, mein geliebter Hyppokrates, keinen besseren noch schlimmeren Kranken, als mich; und ich mir keinen schlimmeren und besseren Leser, als Dich. Darum wähle ich Dich, kraft der Machtvollkommenheit und des monarchischen Prinzips, welches Dichtern, wie Staatsmännern, über alles geht, zum alleinigen Stellvertreter der gesamten lesenden Welt und übergebe Dir dies unschuldige Märchen als Neujahrsgabe.

Was ich Dir übergebe, ist nur ein Versuch, der sich durchaus nichts anderes vorgesetzt hat, als den löblichen Zweck der schönen Schwätzerin Scheherezade am Bett des Sultans in tausend und einer Nacht. Da ich mit Wahrheit versichern kann, beim Träumen von »Addrich im Moos« selbst mehreremal eingeschlafen zu sein, so darfst Du das Märchen Deinen Kranken als Somniferum oder Einschläferungsmittel getrost verordnen.

Daß ich dabei auf Dich, als meinen Hauptleser, besondere Rücksicht genommen habe, bedarf keiner Beteuerung, denn wem mehr als Dir, Du menschenfreundlicher Heiland so vieler Schmerzenleidenden, Du treuer Vater der Armen, Du, der Du immer in den Vorderreihen derer zu finden bist, die das Gute und Gemeinnützige befördern, wem mehr als Dir wäre oft ein erquickendes Schlummerstündchen zu gönnen, in welchem Dir Dein Engel erscheint und Dich stärkt?

Bloß Dir zu größerer Bequemlichkeit wählte ich den Schauplatz der Erzählungen aus Deinen Umgebungen. Wer kennt besser als Du Stadt und Vorstadt unseres lieben Aarau? Die einsame hochgelegene Hütte auf der Bampf habe ich Dir schon mit dem Finger gezeigt. Das Schloß Rued – alles im Umkreise weniger Stunden – sahst Du selbst.

Zum Überflusse will ich Dir beides näher beschreiben, denn nichts schläfert mehr ein, als wenn jemand das recht breit erzählt, was man schon weiß. Gleichviel, wo ich beginne; ich fange mit dem Schlosse Rued an, welches in unserm Aargau, drei Stunden vom Aarstrome, rechts demselben, im Schoße des niedern Gebirges gelegen ist. Es erhebt sich dort, leicht zugänglich, auf einer milden Anhöhe, die unmittelbar an eine der Bergreihen lehnt, welche, aus Sandfelsen bestehend, die sogenannte ebene Schweiz durchziehen, und ihre Thäler gegen den zackigen Jura ausmünden.

Vor alten Zeiten war dieses Schloß der Stammsitz eines ritterlichen Geschlechtes, welches von ihm den Namen trug; es kam dann an die im Aargau vielbegütert gewesenen Herren von Büttikon, bis das Land mit Eroberung der Grafschaft Lenzburg, zu der es gezählt wurde, an Bern kam. Bei jener Eroberung, im Jahre 1415, soll die alte Burg Rued verödet gewesen sein. Darauf ging sie als Eigentum an die edeln Meyen von Bern über, deren Enkel sie noch heute, wiewohl in veränderter Gestalt, bewohnen. Das Schloß gleicht heute mehr einem großen, bescheidenen Landhause, als einer mittelalterlichen Burg. Ebenso stand es auch schon in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, doch damals besaß der einzige Eigentümer noch größere Rechte über die umliegenden Ortschaften, als zu unserer Zeit. Aus den Fenstern der hochgelegenen Wohnung übersah er einen Teil seiner herrschaftlichen Besitzungen, Höfe und Ortschaften, die an den Hügeln und in den stillen Gründen des Ruederthales anmutig umherlagen. Wie seine Nachfolger, und vermutlich auch wie seine Vorfahren, verlebte er den größten Teil des Jahres in diesem freundlichen Erdenwinkel, der zwar nicht, wie andere Schweizerlandschaften, durch überwältigende Naturwunder die Seele mit Erstaunen, Entzücken oder Entsetzen fesselt, aber dennoch das Gemüt durch einfache, ich möchte sagen, gemütliche Lieblichkeit und durch das Trauliche, Heimatliche seiner Thalkrümmungen und seiner dicht bewaldeten Berge und hinter Fruchtbäumen verschämt versteckten Wohnungen gewinnt.

Gewöhnlich erschien der Oberherr schon vor Beginn der schönen Jahreszeit in seinem Schlosse, um sowohl erforderliche Anordnungen für die landwirtschaftlichen Arbeiten zu treffen, als auch sich nebenbei noch an der Schnepfenjagd zu erfreuen. So war es auch im Jahre 1653, aber über alles Erwarten früh, schon im rauhen Februar, geschehen. Die Landleute, denen bei der winterlichen Einsamkeit in ihren noch verschneiten Hütten das Unbedeutendste zum unerschöpflichen Stoff der Unterhaltung wurde, wunderten sich allerdings, ihren Oberherrn früher als die Störche, mit Petri Stuhlfeier Einzug halten zu sehen. Die Gescheiteren schüttelten bedenklich den Kopf und gaben zu verstehen, daß ihn bloßer Schnepfendreck, wie sie sagten, nicht so vorzeitig von den Spieltischen der Vettern und Basen zu Bern weggelockt haben möge; dahinter liege eine Katze versteckt. Man hatte schon manche sonderbare Gerüchte vernommen, und das Betragen des Oberherrn schien gewisse Mutmaßungen eher zu bekräftigen, als zu widerlegen. Er zeigte sich nämlich gegen die Bauern, wiewohl er immer ein wohlwollender und gerechter Herr gewesen war, weit leutseliger und freundlicher als in früheren Jahren; nannte jeden beim Namen; fragte den einen um sein Wohlbefinden, den andern nach Weib und Kindern; lobte ihr gehorsames Betragen gegen die Obrigkeit und pries daneben die Vortrefflichkeit der väterlichen Regierung von Bern. Im Schlosse selbst war er einsilbiger, nachdenklicher, verschlossener als sonst; schrieb viele Briefe, oft in der Nacht; und man sah Boten zu ihm kommen, die niemand kannte, und andere, die er eiligst abschickte. Man wußte, freilich durch unzusammenhängende Gerüchte, daß es in einigen Gegenden der Schweiz unruhig, daß Entlebuch im Aufstand, die Stadt Luzern sogar von den wilden Bauern berannt sei. Hiermit setzte man die geheimnisvolle Thätigkeit des Oberherrn in Verbindung. Man hätte gern mehr erfahren. Er jedoch äußerte gegen seine ihm unterthänigen Leute und selbst gegen die vertrautesten Diener nichts von allem, was er vernehmen mochte. Als Staatsmann wußte er wohl, der Blinde sei zum eigenen Belieben besser zu führen, als der Sehende.

2.
Der Meistersänger.

Zu der Zeit, welche man heutigen Tages die gute, alte Zeit nennt, las man in den Dörfern weder Zeitungen, noch erleichterten zahllose Kunststraßen und wohlunterhaltene Verbindungswege den Verkehr zwischen Städten, Dörfern und abgelegenen Thälern. Die Leute im Ruederthal mußten sich also an verworrenen Gerüchten, wie sie ihnen der Zufall brachte, und welche mehr Neugier weckten, als stillten, über das genügen lassen, was im Schweizerlande vorging.

An einem Märztage stand, weil der Oberherr abwesend war, des Abends das Gesinde des Schlosses, selbst der Verwalter, müßig auf dem Platz vor der Pforte und besprach die altgewordenen Neuigkeiten von Aufruhr, Schlachten und Hinrichtungen. Man war darin ziemlich einig, daß die Regierungen durch das Verbot der fremden Scheidemünze und durch Herabsetzung der einheimischen Batzen auf die Hälfte des bisherigen Wertes den Unfrieden selber gestiftet hätten.

Das Gespräch wurde durch das plötzliche Erscheinen eines Mannes beendet, der mit hastigen Schritten daher eilte und ohne Zweifel wichtige Geschäfte beim Oberherrn auszurichten hatte. Da man von ihm etwas zu erfahren hoffen konnte, so bewegte sich jeder vom Platze ihm unwillkürlich, doch langsamen Schrittes entgegen, um die Neugier nicht zu sehr bloß zu stellen. Der kleine, runde, freundliche Mann, der jährlich einige male ins Schloß zu kommen pflegte und bei der Herrschaft nicht übel angeschrieben stand, war ihnen allen gar wohl bekannt. Es war nämlich der Meistersänger und Spielmann Heinrich Wirri von Aarau. Er zog den breitkrempigen, hochgespitzten Rundhut gar höflich vom Krauskopf, grüßte den Verwalter, nickte den Knechten links und rechts und erkundigte sich nach dem Oberherrn.

»Er ist hinaus, um sich ein wenig zu ergehen, nachdem er den ganzen Tag geschrieben,« sagte der Verwalter; »doch lange bleibt er selten aus. Beliebt's, Meister Wirri, so tretet indessen ins Schloß; Ihr werdet nicht verschmähen, Euch mit einem Abendtrünklein zu erfrischen, zieht Ihr's aber hier am Tischchen unterm blauen Himmel vor, so soll auch hier für Euch gesorgt werden.«

Der Meistersinger verbeugte sich mit dankbarer Freundlichkeit, warf den kurzen, schwarzen Mantel über die Schulter zurück und ließ sich auf der hölzernen Bank im Hofe nieder, wodurch er zu verstehen gab, der Trunk im Freien werde ihm besser zusagen. Bei der ansehnlichen Fülle seiner Leibesglieder hatte ihn das Ersteigen des Schloßberges und der lauwarme Hauch des Föhnwindes im Übermaß in Schweiß gebracht. Während er, Stirn und Wangen trocknend, die Rückkehr des gastfreien Verwalters erwartete, reihten sich Knechte und Bauernknaben in einem Halbkreise um ihn, und betrachteten das gelbe Wamms, die grauen Hosen und roten Strümpfe stumm, doch mit einer Aufmerksamkeit, als könnten sie schon daraus den gegenwärtigen Stand der Welthändel erraten. Der Verwalter kam endlich; ihm folgte ein Knecht mit gefüllter Weinflasche nebst Brot und Emmenthaler Käse auf glänzenden Zinntellern.

Der Meistersänger verneigte sich abermals und nahm von dem Brote, während der Verwalter das dunkelgrüne Trinkglas füllte. Den Emmenthaler jedoch schob der Meister höflich zurück und sagte zum Verwalter: »Käse ist am Morgen Gold, am Mittag Silber, am Abend Blei. Ich kenne die Regel und erstatte unterthänigen Dank. Nun aber vor allen Dingen beliebet mir von Euerm werten Wohlbefinden Nachricht zu geben, Herr Freund, und wie es bei Euch hier zu Lande steht und geht.«

»Die Frage sollte ich vielmehr an Euch richten,« antwortete der Verwalter mit sauersüßem, einem Lächeln ähnlichen Verziehen seiner derben Gesichtszüge, indem er sich neben den Gast auf die Bank setzte, die langen Beine ausstreckte und mit vorgebogenem Leibe die Hände auf die Kniee stemmte; »denn wir – Gott sei Dank – leben hierorts gar wohl und friedlich. Aber es will verlauten, es sei nicht gleichermaßen überall, Meister Wirri, man spricht von Lärmen in Entlebuch und dergleichen.«

»Allerdings, allerdings!« erwiderte der Meister. »Ich möchte kein Hemd in dieser Wäsche haben. Der Teufel hat sein Ei mitten im Winter ausgebrütet, und nun ist das ganze Luzernergebiet in hellem Aufruhr gegen die Obrigkeit; das Emmenthal steckt auch das Banner der Rebellion auf und hier im Aargau stinkt's nicht minder nach Brand. Ich traue den Bauern nicht mehr über den Weg. Sobald sie sich tief bücken, haben sie den Teufel im Rücken. Wenn man hier fegen wollte, würde man auch finden, was hinterm Ofen liegt!«

»Ei, ei,« rief der Verwalter, »wir leben hierorts, glaubt mir, wie die unwissenden Heiden; kein Wort ist uns von allen Vorfällen bekannt. Hat's wirklich blutige Köpfe gegeben?«

»Mehr als zum Heilwerden gut sind, Herr Freund,« antwortete der Spielmann von Aarau. »Ich wollte Euch nicht geraten haben, dort auf dem Roß des Landvogts zu reiten, oder in den Schuhen des Schuldenboten zu wandern, wenn Ihr nicht Lust hättet, früher an der Himmelspforte zu stehen, als man sonst mit Roß und Schuhen dahin gelangt. Alle Dörfer sind befestigt, Wege und Stege besetzt, alle Reisenden festgehalten, alle Briefe erbrochen. Niemand weiß mehr, wer Koch oder Kellner ist. Seit die Emmenthaler den Gehorsam aufgekündigt haben, wette ich für unser gesamtes Bernergebiet keine hohle Nuß mehr.«

»Also auch die Emmenthaler? Wer hätte das von Leuten gedacht, die sonst so gehorsam waren!« seufzte der Verwalter.

»Es ist keine Katze so glatt, sie hat ihre Krallen,« versetzte der Erzähler. »Der Rat von Bern z. B. schickte den Herrn Venner Frisching von Trachselwald, das Volk zu Treu und Frieden zu ermahnen. Die Bauern stellen sich ihm gegenüber gar unterwürfig und freundlich. Aber der Fuchs grüßt nur den Zaun, wenn er in den Garten will. Indessen die Emmenthaler dem Herrn Venner Bücklinge machten mit der Nase bis auf die Erde, beschwören sie in derselben Stunde zu Hutwyl einen Bund gegen meine gnädigen Herren von Bern, Leib und Leben daran zu setzen, um ihre alten Freiheiten, wie sie es nennen, wieder zu bekommen. Da habt Ihr's. Das Luzerner Volk hat den Handel angefangen, aus alten verfaulen Kisten und Gemeindsladen Freiheitsbriefe zusammengelesen. Die Emmenthaler ahmen ihnen nach und wollen es auch besser haben. Ungleiche Schüsseln machen scheele Augen. Nun gehet alles durcheinander.«

»Mir steht der Verstand still,« rief der Verwalter. »Wie konnte der böse Geist so plötzlich in die Gergesenersäue fahren?«

»Ei nun, Ihr wißts ja, Herr Freund,« entgegnete der Spielmann, »im Winter hat der Bauer allzeit blauen Montag, und müßige Köpfe haben seltsame Gedanken. Da wird in Wirtshäusern viel ausgeheckt, was fliegen kann, sobald es den Schnabel aufsperrt.«

»Was sagen aber meine gnädigen Herren von Bern und Luzern?« fragte der Verwalter. »Schaun doch nicht müßig zu, bis ihnen der Bauer über den Kopf wächst? Wäre ich Meister, das wäre mir anders. Warum nicht Truppen versammelt und drein geschlagen mit der Schärfe des Schwertes? Nur rechten Ernst gezeigt: der Bauer trotzt allweg, wenn man ihm höflich begegnet; aber ihm übers Maul gefahren, sagt er: Gehorsamer Diener! und macht die Faust im Sack.«

»Ja, ja, Herr Freund, Ihr möget nicht ganz Unrecht haben,« antwortete Wirri lachend, »es verdirbt mancher gute Rat, den der Schultheiß nicht hat, im Sack des gemeinen Mannes. Aber, Herr Freund, der stärkste ist Zwingherr, und mit böswilligen Hunden ist schlecht jagen. Meine gnädigen Herren haben im Lande Kriegsvolk aufbieten wollen. Was geschieht? Der Bauer ist wohl da, der Soldat aber nicht zu Hause. Da heißts: Wir ziehen nicht gegen unsere eigenen Landsleute! Andere sagen, Zahlt uns zuvor die Reisegelder aus. So schallts überall zurück, und deshalb haben die Herren von Luzern vierhundert Mann aus den kleinen Kantonen in die Stadt ziehen müssen, um des eigenen Lebens sicher zu sein. Es ist vorbei und ist böse, Füchse mit Füchsen zu fangen. Die Bauern wollen nicht gegen die Emmenthaler ins Feld. Was sagt ihr nun, Herr Freund?«

Der Verwalter verzog bedenklich die Miene und räusperte sich. Die Knechte, welche bisher stumm und still zugehört hatten, schienen bei den letzten Worten des Aarauers um einen Zoll gewachsen zu sein, sahen sich links und rechts mit bedeutsamen Blicken an, und nickten einander zu.

»Man muß der Rädelsführer der Rebellen habhaft werden!« schrie der Verwalter, indem er dazu sein strengstes Amtsgesicht machte.

»Richtig!« erwiderte der Meistersänger. »Will man die Treppe reinigen, fängt man von oben, nicht von unten an. Aber den Stier, wenn er wütet, kann man nicht beim Horn packen.«

Die Umstehenden lachten, Der Verwalter warf einen finstern Blick auf das Gesinde und rief: »Was habt Ihr Maulaffen feil! Packt Euch; es ist für Euch da nichts zu horchen!«

»Hm!« sagte ein struppiger Kerl, hämisch-lächelnd. »Ich meine, der Platz ist breit genug für Euch und uns.« Die andern schwiegen und bewegten sich nicht von der Stelle.

Meister Wirri fuhr indessen fort: »Man kennt die Rädelsführer alle aufs Haar; das sind aber Bursche wie Esaus Hand und Jakobs Stimme. Ich selbst kenne den Rebellen Christen Schybi aus dem Entlebuch, der macht Euch den besten General zu Schanden; ich glaube, er hat beim Schwedenkönig gedient. Die Luzerner Gesandten hat er beim Kragen genommen und eingetürmt, die Hauptpässe an der Emme und Gislikon stark besetzt, und die Hauptstadt mit bewaffnetem Volk belagert.«

»Bewahre uns Gott!« sagte der Verwalter erschrocken. »Ists schon dahin gekommen? Nun, Ihr guten Leute, was steht Ihr doch? Ich mags nicht leiden, setzt Euch aufs Bauholz hierneben. Stehen macht müde Beine.«

Die Schloßknechte, an die er die Worte richtete, schienen ihnen nicht zu hören, sondern hielten die Blicke mit großer Aufmerksamkeit auf den Mund des Berichterstatters geheftet, den der Wein, welchen er von Zeit zu Zeit behaglich hinunterschlürfte, immer redseliger machte

»Der Schybi,« fuhr er fort, »macht alles zittern, aber er hat auch einen Kopf so groß wie der aufgehende Vollmond. Als ihn Herr Schultheiß Dulliker von Luzern beim Lärmen in Wollhausen etwas rauh anfuhr, sagte er, daß es alle hörten: Ihre Gnaden, Herr Schultheiß! Das Rathaus von Luzern, wo uns Hauptmann Krebsinger anschnaufen durfte, liegt fünfthalb Stunden von Wollhausen. Vergesset das nicht; wir verlangen, was Recht ist, und wollt Ihr das Rechte nicht, so macht Euch aufs Linke gefaßt . . . Und wie er das sagte, schlug er an seinen Degengriff.«

»Schlimm, schlimm, sehr schlimm!« sagte der Verwalter und zog die breiten, eckigen Schultern in die Höhe. »Was nützt des Schultheißen Zorn? Was meines hochgeachteten Herrn Venners Güte?«

»Ihr habt allerdings recht, Herr Freund,« erwiderte der gesprächige Meister. »Da sind Hopfen und Malz verloren; Emmenthal trägt Nesseln, wie Entlebuch. Wißt Ihr, wer die Emmenthaler kommandiert? Das ist Klaus Leuenberg, der reiche Bauer von Schönholz; ein grimmiger und frecher Gesell. Habt acht! Dies Jahr wird Blut säen und Köpfe mähen: man spricht schon von Nasen- und Ohren-Abschneiden. – Was obrigkeitlich ist, das ist geflohen: kein Schaffner mehr im Kornhaus; kein Weibel mehr im Amthaus. Ist die Katze nicht zu Haus, tanzen die Mäuse über Tisch und Bank, wie Ihr wohl denken könnt.«

Hier wurde das Gespräch unterbrochen, als einer der Knechte zu den andern sagte: »Dort kommt der Junker vom Berg herab.« Alle zerstreuten sich langsam und nach verschiedenen Seiten. Der Verwalter verließ die Bank und wandelte nachdenkend auf dem Platz umher, indem er von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelte. Meister Wirri leerte eilfertig sein letztes Glas, und ging dem Oberherrn entgegen.

3.
Die Botschaft.

Es war ein stattlicher, wohlgewachsener Mann in den Vierzigen, mit dem Ausdruck edelmütigen Wohlwollens in dem angenehmen Gesichtszügen; schlicht, doch nicht ohne Sorgfalt im Äußern. Etwas Schweres, fast Steifes in Haltung und Bewegung verlieh ihm eine gewisse Würde, und die stete Ruhe des Gesichtes, welche dem Mangel innerer Reizbarkeit ihre Entstehung zu verdanken schien, konnte ebenso gut für Wirkung der Herrschaft gelten, welche er über seine Gefühle erlangt hatte. Während er nachlässig die Hand an sein rotes Barett legte, des Spielmanns Gruße zu erwidern, sagte er zu demselben: »Willkommen, Meister Heini, was bringst Du mir gutes von Aarau?«

»Ich verhoffe, Junker Oberherr, wenigstens keine Hiobspost, wiewohl heutzutage das Gute so selten wird, wie fettes Gras um Weihnachten. Vor allen Dingen läßt sich mein Herr Schultheiß Hagenbuch allergehorsamst empfehlen und übersendet dies Briefchen – das zweite hier hat mir der wohlehrwürdige Dekan Rüsperli für Euch anvertraut, als er von meiner Reise nach Rued vernahm.«

Der Junker öffnete lässig das Schreiben des Schultheißen und durchlief es mit den Augen. Nach einer Weile murmelte er für sich wiederholend die Worte: »Durchpaß, aber keine Besatzung? Hm! . . .« sann dann eine Weile nach, indem er die Hände, worin er die empfangenen Papiere hielt, auf den Rücken legte, ging gemächlich ein paar Schritte vor, ein paar zurück, und sagte darauf: »Ich verstehe nicht, was Aarau will? Der Schultheiß Hagenbuch, der in der Feder nicht stark ist, verweist mich an Deine Zunge. Begleite mich also ein wenig; der Abend ist ruhig und warm. Erzähle mir!«

Er ging, bei diesen Worten sich vom Schloßplatz entfernend, langsam wieder den Weg. welchen er gekommen war, und dessen sandiges Geleise sich bald in der Dämmerung schwarzer Tannen verlor, nach dem Berge zurück. Wirri wandelte ihm schweigend zur Seite, die Befehle des Junkers erwartend.

»Erzähle mir also ausführlich den heutigen Beschluß der Aarauer, denn des Schultheißen Hagenbuch Worte sind ebenso kurz als unverständlich. Es ist Dir bekannt, Heini, daß der um sich greifende Aufruhr des Landes den Rat von Bern zu strengen und kriegerischen Maßregeln gezwungen hat. Zwar ist der Aargau noch ruhig. aber seine Gesinnung ist unzuverlässig. Darum wird dieser Tage das Kriegsvolk von Mühlhausen, Basel und Schaffhausen einrücken, Die Züricher stehen mit achttausend Mann zum Aufbruch bereit.«

»Hilf Himmel!« rief der Meistersänger. »So sei Gott dem armen Lande gnädig. Ein Krieg ist schneller angefacht als abgemacht. Es war unserem Volke nur zu wohl, darum schlägt's gegen seinen Herrn nach hinten aus, wie ein mutwilliges Füllen. Aber freilich, es müssen starke Beine sein, die gute Tage tragen sollen . . . Der Überreiter von Bern kam schon gestern in Aarau an. Diesen Morgen nun wurde die ganze ehrsame Bürgerschaft aufs Rathaus entboten. Da hat der Herr Schultheiß Hagenbuch angezeigt, daß ein Schreiben von unseren gnädigen Herren angekommen sei, worin ihrer Gnaden Wille und Meinung wäre, fünfhundert Mann von Basel und Mühlhausen in unsere Stadt zu legen, mit dem Befehle, man solle ihnen Speise und Trank um den rechten Preis zukommen lassen. Die sollten bei uns in der Stadt verbleiben, bis die Bauern bezwungen sein würden.«

»Die Sache ist einfach,« unterbrach ihn der Junker, »die Schaffhausener werden ebenso die Stadt Brugg besetzen, um aller Pässe über die Aar Meister zu bleiben und die Grafschaft Lenzburg von den Ämtern Biberstein und Schenkenberg zu trennen. Wurde die Bürgerschaft bald einig?«

»Ja, Junker Oberherr, wenn wir alle nur einen Kopf hätten, so brauchten wir nur einen Hut. Die Bürger begehrten Bedenkzeit, gingen in die Kirche und berieten mit einander. Hieronymus Kasthofer beantragte: man müsse unseren gnädigen Herren zu Bern willfahren. Eine Kriegsbesatzung gereiche der Stadt selber zum Schutz gegen die Anfechtungen des Landvolks. Dem widersprach aber Antoni Hunziker aus aller Kraft. Er meinte, Soldaten bringen nicht immer Sieg, aber immer Krieg. Der Kriegsknecht im Haus, mache dem Frieden Garaus. Die Bürger könnten ihre Thore besser hüten, als Fremdlinge. Wolle Bern mit dem Landvolk streiten, so solle Aarau nicht die Haare dazu geben. Man müsse keine Partei nehmen, denn die Bauern grenzen an den Stadtbann, Bern aber läge vierzehn Stunden davon. So ungefähr redete Anton Hunziker, und nun gab's Lärmen für und wider, bis Samuel Schmutziger aus der Vorstadt aufstand. Ihr kennt vermutlich den Biedermann, Junker Oberherr, er ist der guten Sache Freund und niemandes Feind. Die ganze Bürgerschaft hält ihn in Ehren, denn er ist aller Welt Helfer, und verlangt dafür erst die Zahlung im Himmel.«

»Gut, gut!« rief der Junker. »Nenne mir seinen Rat, so kann ich ihn auch loben.«

»Ei nun, er meinte: Rechtthun gehe über Klugthun. Freien Durchzug müsse man den Hilfsvölkern von Bern gegen jeden Feind gestatten: ob aber die Stadt verpflichtet sei, Besatzung aufzunehmen, darüber müsse man sich die Freiheiten von Aarau vorlesen lassen. Diese Meinung wurde durch Handaufheben angenommen und ein Ausschuß von fünfzehn Mann trug dieselbe den Räten und Bürgern vor. Dabei ist's einstweilen verblieben.«

»Das ist etwas und nichts,« sagte Junker Mey. »Es muß anderswo durch. Wenn sich Bern gegen rebellische Unterthanen zur Wehr setzen will, sollen die Aarauer ihren Herren und Oberen keineswegs die Hände binden. Ich werde selbst zur Stadt gehen, und hilft Güte nicht, wird's Ernst gelten.«

»Junker Oberherr, haltet zu Gnaden! Das Sprüchlein sagt: Allzuscharf schneidet nicht. Geht gemach! Schultheiß Dulliker von Luzern sagte auch: Man kommt mit einer Hand voll Gewalt weiter, als mit einem Sack voll Recht. Aber ich dachte, als ich ihn vor sechs Wochen in bleichem Schrecken aus Wollhausen wegreiten sah: wenn man die Weidenrute zu stark dreht, bricht der Knebel.«

»Warst Du beim Auftritt im Entlebuch, wo die Rebellion ihren Anfang nahm?«

»Allerdings, Junker Oberherr, ich kam dazu ohne Wissen, ohne Sünde, wie der Blinde zu der schönen Braut. Euch ist besser als mir bekannt, wie gar ungesalzen und ungeschmalzen die Abgeordneten der Entlebucher abgespeist worden sind, da sie wegen der herabgesetzten Batzen mit flehentlicher Vorstellung nach Luzern gekommen waren und gebeten hatten, man solle entweder den Wert des Geldes wieder erhöhen, oder Landeserzeugnisse, wie sie dem Bauer im Felde wachsen, als Bezahlung annehmen. Auch wißt Ihr gar wohl, wie der bittere Bescheid, den die Abgeordneten ins Entlebuch heimbrachten, böses Blut machte, und wie die Leute bei ihrem Verlust in Verzweiflung gerieten. Der Bauer verliert lieber seine rote Nase, als seinen roten Kreuzer. Ihr wißt, wie darauf die hochobrigkeitlichen Schuldenboten mit Schimpf und Schanden, die Hände auf den Rücken gebunden, die Ohren mit Holzklammern, das Maul mit Weidenkörben geklemmt, aus den Dörfern gejagt wurden, wo sie Geld eintreiben wollten. Ihr wisset ferner . . .«

»Alles, Heini, alles!« unterbrach ihn der Oberherr. »Beschreibe mir nur, was Du mit eigenen Augen sahest.«

»Ei nun, da ich, bei rauhem Winterwetter mit zwei müden Beinen von Willisau kommend, den stillen Weg hinabschlich in den Thalgrund, worin Wollhausen liegt, war's im Dorfe noch totenstill. In der Herberge allein ging's lebendig Trepp' auf und ab und wurde gesotten und gebraten, denn der Herr Schultheiß von Luzern, der Herr Plebanus, welcher vordem Pfarrer im Entlebuch gewesen, und andere Herren wohnten in derselben Herberge. Ich freute mich auf ein gutes Abendessen: da wurde mir aber bald durch keine kleine Angst die Eßlust vertrieben. Es sammelten sich nach und nach Menschen von allerlei Gestalt vor dem Wirtshause; sie kamen wie herbeigeschneit und führten unter gewaltigem Lärmen ruchlose Reden gegen die hochobrigkeitliche Gesandtschaft. Der Herr Schultheiß, ein freundlicher und sonst wohlbedächtiger Herr, auch recht ehrwürdig im Thun und Lassen, hatte den Mut, vor die Hausthür zu treten, und wollte reden, aber das hieß Holz ins Feuer legen. Wenns hagelt, zieht die Schnecke die Hörner ein. Er machte sich wieder zurück, und man hörte darauf Steine gegen die Thür werfen. Ich wünschte mich weg ins Pfefferland, denn es heißt: mitgefangen, mitgehangen, und es kann in einem Augenblicke so viel reißen, was ein Jahr nicht aufflickt.«

»Wie nun weiter, Heini? Drang der Pöbel ins Haus?«

»Nein, ein dichter, kalter Regenschauer drang plötzlich den Bauern durch die braunen Wämmser und löschte glücklich das Feuer, als es schon bei ihnen oben zum Dache hinaus wollte. Sie stoben mit Geschrei aus einander, wie Gänse, wenn der junge Hund mit ihnen spielen möchte. Dann bliebs ruhig.«

»Und das war alles?«

»Mit nichten, Junker Oberherr! Nach dem Vorspiel kommt das Nachspiel. Andern Morgens war bei der Herberge eine große weiße Fahne aufgepflanzt. Weiß ist die Farbe der Unschuld, aber der Kaminfeger trägt Sonntags auch wohl ein Hemd, so weiß wie Schnee. Die Leute sammelten sich wieder zu Tausenden; sie strömten aus allen Dörfern zusammen, zwischen den Köpfen konnte kein Apfel zu Boden fallen. Um zehn Uhr wurde die Fahne abgenommen; damit zog alles hinaus ins freie Feld. Ich sang in meinem Herzen te Deum laudamus, hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Plötzlich ertönte eine Musik wunderbarer Art. Wir laufen an's Fenster, und siehe da, ein langer, unübersehbarer Zug von Menschen kommt daher, alle mit Kolben, Musketen, Spießen und Morgensternen bewaffnet. Voran gingen drei Junggesellen in alter Tracht, welcher die drei Eidgenossen vorstellten. Darauf folgten siebenhundert Bewaffnete, je drei und drei. Dann erschienen drei Fahnen neben einander, und abermals schritten diesen bei tausend bewaffnete Bauern nach, je drei Mann hoch, in bester Ordnung.«

»Wohin zog das Volk?«

»Ich vermute, nach einer Kirche, denn nach Verlauf einer Stunde erschienen drei Abgeordnete der Landleute und beriefen die hochobrigkeitliche Gesandtschaft dahin. Da ich dort nicht predigen hören mochte, blieb ich daheim, und vernahm, die Bauern hätten den Herren eine lange Schrift vorgelesen, voller Ach und Weh, über zu schweres Ohmgeld, über den hohen Geldzins, über die Bußgelder der Landvögte, über den Wollhauser Zoll, über Unkosten wegen der Schuldenboten, über den Salzhandel der Obrigkeit und dergleichen mehr.«

»Nun, ich hoffe, das wird jetzt abgethan sein,« sagte Junker Mey, »denn die Stadt Luzern hat starke Besatzung, die Kantone rüsten, die Rebellen sind erschrocken und unterhandeln von neuem; die Luzerner Regierung ist geneigt, den Landleuten in allen gerechten und billigen Forderungen nachzugeben.«

»Wahrhaftig, Junker Oberherr! Haben die Bauern Forderungen gethan, die zum Teil billig waren, so wundert's mich fast, warum die Obrigkeit von Luzern nicht anfangs die demütigen Klagen aufnahm und erst billig zu werden anfing, als der Hund die Zähne wies. Man soll nicht warten, bis der Brei beim Kochen überläuft, das Fett läuft mit.«

»Es ist dort im Anfange allerdings etwas gefehlt worden,« sagte der Junker. »Die Herren von Luzern leugnen es selbst nicht ganz. Sie haben uns damit im Lande böses Spiel gemacht.«

»Das haben sie. Unsere Bauern sehen's den Entlebuchern ab, und wer durch einen Fluß gewatet ist, hat den anderen den Weg gezeigt.«

»Die Rebellen haben es in blinder Tollheit leider zu weit getrieben,« sagte der Junker kopfschüttelnd. »Es giebt Zeiten und Umstände, in deren widerwärtigem Zusammengreifen die Ehre des Regenten höher stehen muß, als das heiligste Recht, denn die Ehre des Regenten ist sein Leben und höchstes Recht selbst, dem Alles weichen muß. Luzern darf der Ehre willen nicht mehr, was es vielleicht aus Friedensliebe thun möchte. Es ist vom Unterthan zu schwer beleidigt, fürchte ich.«

»Junker Oberherr, es heißt, man muß nicht alle Prügel auflesen, die einem nachgeworfen sind. Wer Vorsicht vergaß, muß Nachsicht gebrauchen; die Obrigkeit geht einen festen Schritt und kann doch stolpern.«

Hier ertönte plötzlich eine starke Mannsstimme: »Wahrhaft und zierlich geredet, mein Herr!«

4.
Der Schwede.

Der Spielmann von Aarau fuhr erschrocken zusammen; der Junker wandte sich gelassen, um den unbekannten Redner zu sehen. Wo auf der Berghöhe der Wald am dichtesten geworden, erschien mit großen Schritten hinter ihnen ein Reisender, der Wirris letzte Worte vernommen haben mochte, die seinen Beifall erworben zu haben schienen. Es war ein schöner, blühender Mann von etwa dreißig Jahren, mit schlankem, kräftigen Gliederbau. Die Kriegstracht nach Art der Schweden, der weite, sammetverbrämte Rock mit kurzen Schößen, Kragen und Ärmel mit schwarzer Stickerei verziert; das scharlachrote Leibchen, mit Goldtressen geschmückt, die kurzen, weiten Hosen, auf den Nähten mit seidenen Schnüren besetzt; der Hut mit breitem Rande, von welchem ein niederhängender weißer Federbusch wehte, einfach aufgekrämpt; Knebel und Zwickelbart an Kinn und Oberlippe – Alles das gab ihm ein heidenartiges und doch gefälliges Ansehen. Er trug den Säbel, der am breiten Riemen von der Schulter hing, im Arm und hielt spielend in der Hand einige Schneeglöckchen und blaßgelbe Primeln, die ersten Kinder des Lenzes, welche er unterwegs gefunden oder von einer Schönen zum Geschenk erhalten hatte.

Als er neben den beiden Spaziergängern stand, verbeugte er sich leicht und sagte: »Günstige Herren! Es ist meines Geschäftes nicht, Euch im Gespräch zu stören, obgleich Euer Wort meinem Ohre wohlthat, und ich vor eitel Lust nicht umhin konnte, Euch meine Bewunderung zu zollen.«

Der Oberherr und der Meistersänger staunten eine Weile den höflichen Fremdling an, der sie mit schwarzen, blitzenden Augen freundlich betrachtete und bei seinem Lächeln die Reihe von Perlen gleichen Zähnen sehen ließ. »Ihr seid gütig, Herr!« sagte der Oberherr. »Wohin des Weges?«

»Gen Kulm hinab, wohin, allem Anschein nach, auch Eure Schritte zielen,« antwortete der Fremde. »Wenn Ihr's mir vergönnt, werde ich die Ehre haben, eine Weile Euer Begleiter zu sein. Ihr sprachet, wie mich dünkt, von des gemeinsamen Vaterlandes Freiheit und Wohlstand; gestattet, daß ich Euer Zuhörer sein dürfe, und glaubet, daß auch ich einer von denen sei, welche für das edle Kleinod Alles wagen und dransetzen.«

Der Junker, dem die letzte Äußerung verdächtig klingen mochte, musterte den Mann von der Seite, während er den Weg langsam mit ihm fortsetzte.

»Herr,« sagte der Spielmann von Aarau zu dem Fremden, »Ihr habt läuten hören, wißt aber gewiß nicht, in welchem Dorfe? Doch das ist gleichviel! Ihr seid also ein Schweizer? Eure seinen Redensarten scheinen aus einem andern Lande gebürtig.«

»Ihr habt einen scharfen Blick,« erwiderte der Fremde mit verbindlichem Lächeln. »In der That habe ich fast länger im Auslande gelebt, als zwischen den Bergen meiner Heimat. Nachdem ich die Hochschule besucht hatte, ging ich in die Lehre des Kriegsgottes, und mußte mich in vieler Herren Länder herumtummeln.«

»Nun ja,« sagte Wirri, »viel Land, viel Bräuch'! Jetzt aber wird's Euch beim schlechten Habermuß, den man zu Hause kocht, nicht sonderlich gefallen. Jedoch vom geringen Tisch ist am sichersten essen; bei Soldatenbrot sitzt allezeit der Tod.«

»Und ohne Zweifel habt Ihr im Kriege reiche Beute erworben?« fügte Junker Mey hinzu. »Die bringt nirgends so viel Lust und Ehre, als in der Heimat.«

»Mit Eurer Gunst, meine Herren!« versetzte der Kriegsmann, »Ich kann nicht gleicher Meinung sein. Zwar hat der furchtbare Schlachtengott Mars für treu geleistete Dienste sich mir nicht undankbar erwiesen, jedennoch würde ich heute aufsatteln und hinziehen, wo man die Trommel statt der Betglocke rührt, und lieber auf dem Wahlplatze alles mit Ehren verlieren, als hier auf der Bärenhaut mit Leib und Seele verdorren.«

»Das ist die Sprache des Soldaten!« entgegnete der Oberherr. »Doch sollte Euch, falls Ihr ein Schweizer seid, das teure Vaterland über alles gelten.«

Der Fremde verzog den Mund ein wenig und sagte: »Des Herrn Bemerkung würde allerdings gegründet sein, so ich die Ehre hätte, Edelherr in einer regierenden Stadt zu heißen. Die übrigen armen Städtchen, wie Euch zweifelsohne nicht unbekannt ist, müssen sich mit den magern Brosamen ihrer Freiheiten und Rechte begnügen lassen, und das Landvolk wird gefüttert, gleich der Schafherde, seiner Milch und Wolle wegen.«

Der Oberherr warf abermals einen argwöhnischen Seitenblick auf den Mann, doch schien es ihm nicht unzweckmäßig, ihn weiter auszuforschen und dessen Namen, Stand und Wohnort zu erfahren. Er verbarg also eine rege werdende Empfindlichkeit und sagte mit gewohnter Unbefangenheit: »Mich dünkt, Ihr urteilet fast zu hart, denn wenn Ihr den Wohlstand in unsern Dörfern sähet, und den Ackerbau des ganzes Landes, würdet Ihr, hoffe ich, der väterlichen Gesinnung unserer Regierungen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

»Der gedeihliche Wohlstand des Landes,« erwiderte der Unbekannte, »ist wohl schwerlich den Regierungen zu danken, sondern dem Fleiß und Schweiß des Volkes. Mir ist nicht bekannt, was die Obrigkeit hinzuthut, wohl aber, was sie davon nimmt. Alles mit einem Male zu nehmen, wäre thöricht, denn so nichts mehr verbliebe, hieße es nicht unbillig, den Bach verlangen, und doch die Brunnquellen abgraben. Lasset Euch nicht befremden, daß ich in dieser Materie etwas hartnäckig bin, denn ich habe das Lehrgeld bezahlt. Oder saget an, was gilt hier ein Ehrenmann, wenn er nicht das Ratsherrn-Barettlein ansprechen darf? Ohne Ruhm zu melden, hat mich, wie Ihr mich hier sehet, der große Kriegsheld, der unvergeßliche Feldmarschall Torstenson, wie sein eigenes Kind gehalten; der Fürst von Siebenbürgen, der berühmte Ragoczi, behandelte mich wie seines Gleichen, und oftmals habe ich mit Prinzen zu Tafel gesessen. Hier meint sich jedes Jünkerlein mehr, und schaut von oben auf unsereins herab, als auf seinen angebornen Knecht, und erwartet, man solle ihm den Hof machen. Ich habe andere Majestäten gesehen. Ha! Ha!«

»Vermutlich hat man Eure Dienste nicht gekannt,« sagte der Oberherr mit feinem, kaum merklichem Lächeln. »Ihr habt sie allzu bescheiden verschwiegen.«

»Mit Eurer Gunst, Herr!« versetzte der Kriegsmann. »Es stände mir nicht zu, mit Verdiensten zu prahlen. wenn ich sie mir erworben hätte; aber es steht auch keinem Stadtjunker zu, mich hochmütig anzublasen, wenn ich ihm die Schuhe nicht putze. Würde man aber nicht außerdem noch gesetzmäßiger Weise ausgeplündert, könnte man allenfalls über den Spaß lachen.«

»Wie versteht Ihr das Ausplündern?« fragte der Oberherr etwas ernster.

»Wie jedermann,« antwortete der Fremde. »Denn ob Ihr durch Umhertreiber und Räuber oder durch ein Münzmandat die Hälfte Eurer wohlerworbenen Barschaft davonfliegen sehet, Ihr werdet eins wie das andere nicht zu den ehrlichen Gebräuchen rechnen. Ich habe allein bei zweitausend Gulden durch den landesväterlichen Streich eingebüßt. Zuerst überschwemmte man das Land, wie Ihr wisset, mit dem schäbigen Kupfergelde, und nachdem die Herren in den Städten ihre Beutel von Unflat gesäubert und das Silber einkassiert hatten, verfügten sie, der Batzen sei um einen halben Teil minder wert, als wofür sie ihn ausgegeben hatten. Das Volk war geprellt, und die Städter lachten dazu in's Fäustchen. Der Großtürk macht's gnädiger als die christliche Obrigkeit.«

Bei diesen Worten stand der Oberherr still, maß mit scharfem Blick den Sprecher und sagte: »Wer Ihr auch sein möget, Euch gebühret nicht, in solchem Tone von der landesherrlichen Gewalt zu reden. Wie heißet Ihr? Woher seid Ihr?«

Der Fremde, durch die rauhe Anrede des Oberherrn mehr in Verwunderung gesetzt, als überrascht, erwiderte: »Mit Eurer Gunst, welcher Floh sticht Euch? Ich sollte jene Frage vielmehr an Euch richten. daß ich wisse, ob ich zur Antwort verpflichtet sei.«

»Ich bin der Junker Mey, Oberherr von Rued.«

»Also um Eure eigene Hoheit handelt es sich! Nun denn, ich habe andere Majestäten gesehen, und nie gehört, daß Ihr mein Oberherr seid. Ziehet's Euch nicht zu Gemüt. Je nachdem der Mann, danach brät't man die Wurst, gilt hier, und damit genug. Gehabt Euch wohl!«

»Bleibt stehen!« donnerte ihm der Oberherr zu.

Der Fremde kehrte wieder um, trat hart vor den Junker hin, betrachtete ihn eine Weile, indem Blitze aus seinen großen, schwarzen Augen schossen und sagte: »Trüget Ihr eine Klinge, so würde es mich gelüsten, Euch zu lehren, wie Ihr mit Ehrenleuten umzugehen habt, die nur auf dem Schlachtfelde ihr Avancement gemacht haben. Ich und mein Degen wiegen so schwer als Ihr mit Eurer ganzen Oberherrlichkeit; daß Ihr's wisset! Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß Ihr Gelegenheit finden sollt, mich kennen zu lernen, wenn's Euch daran gelegen ist.«

Der Oberherr behielt bei diesen hochfahrenden Reden unverändert die angenommene gebieterische Haltung und rief: »Ich befehle, Ihr bleibet, oder . . .«

»Sagt an, was liegt hinter oder?« entgegnete der Kriegsmann mit stolzem Lächeln. »Ich habe die Oder mit dem Feldmarschall Torstenson zweimal passiert und bei Euch geschieht's zum dritten Male. Obwohl Ihr Eurer Zwei seid, wäre es Euch übel geraten, mich zu belästigen. Das kleine, dicke Männlein an Eurer Seite da bisse beim ersten Nasenstüber ins Gras.«

»Nichts für ungut,« sagte Meister Wirri, indem er etwas bestürzt einige Schritte rückwärts machte, »wer keine Hand hat, kann keine Faust machen. Ich will keine Erbsen mit Euch lesen; also laßt mich in Frieden, jedoch vergeßt nicht, daß kleine Leute auch große Schatten werfen können.«

»Wißt Ihr nichts besseres, so sage ich Euch Lebewohl!« sprach der kecke Tischgenoß des Fürsten Ragoczi, wandte sich, ging mit raschem Schritte davon und verschwand bald hinter den Tannen.

Der Oberherr stand eine Weile unschlüssig da, als wollte er ihm nacheilen. Endlich aber nahm er mit dem Meistersänger den Rückzug zum Schlosse, indem er sagte: »Der freche Bursch wird in der Welt zu finden sein. Verdoppele Deinen Schritt, Meister Heini, daß wir das Schloß erreichen. Ich werde ihm meinen Jäger nachschicken und ihn im ersten Dorfe verhaften lassen. Der Prahler soll es büßen.«

»Das denke ich eben auch,« erwiderte der Spielmann von Aarau, »dann wird er anders pfeifen. Es sind schon manche krumme Hölzchen gerade geworden. Fürwahr, mich freut's schon, diesen stolzen Fant noch heute in Handschellen eingebracht zu sehen. Vier Wochen krumm geschlossen, bei Wasser und Brot im Turm zu sitzen, verdient er der unverschämten Worte willen, die er gegen die hohe Landesobrigkeit und gegen Euch ausgestoßen hat.«

Der Meistersänger, welcher während dieses Redens kurzatmig geworden war, schwieg endlich ganz, um dem Oberherrn nachzukommen, der scharfen Schrittes den Bergweg hinanstieg.

Als sie auf dem Platze angekommen waren, ließ der Oberherr einige Leute zusammenrufen, die er auf der Stelle entsandte; empfahl seinem Verwalter den Meister Wirri zur guten Bewirtung und entfernte sich darauf nach seinem Zimmer.

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