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Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
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Viertes Buch

Siebenundzwanzigster Abschnitt.

Eine Krisis.

Es war in der zweiten Hälfte August, fast drei Wochen nach dem Geburtstagsfeste. Die Weizenernte hatte in der nördlichen Grafschaft, wo unsre Geschichte spielt, bereits begonnen, drohte aber durch schwere Regengüsse unterbrochen zu werden, welche weithin Überschwemmungen und vielen Schaden anrichteten. In Broxton und Hayslope, wo das Land etwas höher lag und die Bäche in den Thälern das Wasser rasch abführten, hatte man nicht so zu leiden, und da die Pächter und Bauern dort keineswegs zu den Ausnahmen gehörten und etwa auf das allgemeine Beste mehr gesehen hätten als auf den eigenen Vorteil, so waren sie begreiflicherweise über das rasche Steigen der Kornpreise nicht sehr niedergeschlagen, so lange sie selbst Hoffnung hatten, ihre Ernte gut hereinzubringen; und ab und zu belebten sonnige Tage und trockene Winde diese Hoffnung.

Der achtzehnte August war so ein Tag, wo gegen die vorhergegangene Trübheit der Sonnenschein um so heller aussah. Mächtige Wolkenmassen jagten am Himmel vorüber, und die große Hügelreihe hinter dem Schloß erschien wie belebt von ihren laufenden Schatten; jetzt verbarg sich die Sonne einen Augenblick und dann schien sie wieder warm hervor wie neubelebte Freude; der Wind zauste die grünen Blätter an Hecken und Bäumen; auf den Bauerhöfen klappten die Thüren auf und zu, in den Obstgärten fielen die Äpfel herunter, und den Pferden, die an den Feldwegen entlang und auf der Gemeindewiese lose weideten, wehten die Mähnen ins Gesicht. Ein lustiger Tag für die Kinder, die herumliefen und schrieen, ob sie vielleicht mit ihren Stimmchen den Wind überschreien könnten; und auch die Erwachsenen waren in guter Stimmung, da sie auf noch schönere Tage hofften, sobald sich der Wind gelegt hätte. Wenn nur das Korn nicht schon so reif war, daß es der Wind aus den Ähren blies und als unzeitigen Samen umherstreute!

Und doch ein Tag, wo nagender Schmerz den Menschen befallen konnte! Denn wenn es wahr ist, daß die Natur in gewissen Augenblicken für den einen besonders zu sorgen scheint, muß es da nicht auch wahr sein, daß sie sich um einen andern gar nicht bekümmert und ihn so gut wie vergißt? Keine Stunde, die nicht Freude und Verzweiflung brächte, – kein schöner Morgen, der dem Elend nicht neue Plage, dem Genius und der Liebe nicht neue Kraft zuführte! Wir sind unser so viele und unser Los ist so verschieden; kein Wunder deshalb, daß die Stimmung der Natur oft in so schneidendem Gegensatze steht mit großen Entscheidungen in unserm Leben. Wir sind Kinder einer großen Familie und als solche müssen wir uns daran gewöhnen, daß man aus unsern Schrammen und Wunden nicht zu viel macht, müssen uns genügen lassen an geringer Pflege und Zärtlichkeit und einander um so mehr beistehen.

Es gab heute viel zu thun für Adam; in der letzten Zeit hatte er überhaupt fast doppelte Arbeit gehabt, da er noch immer Werkführer bei Jonathan Burge war, bis sich ein genügender Nachfolger für ihn fände, und Jonathan beeilte seine Wahl nicht grade. Aber er hatte seine vermehrte Arbeit munter gethan, weil seine Hoffnungen auf Hetty wieder aufblühten. So oft sie ihn seit dem Geburtstag gesehen hatte, schien sie sich zu bemühen, nur noch freundlicher gegen ihn zu sein, und ihm andeuten zu wollen, daß sie ihm sein Schweigen und seine Kälte beim Tanzen vergeben habe. Das Medaillon hatte er nie wieder gegen sie erwähnt; er war zu glücklich, wenn sie ihn anlächelte, noch glücklicher, weil er eine schüchterne Zurückhaltung an ihr bemerkte, in der er den Keim weiblicher Zärtlichkeit und größeren Ernstes zu sehen glaubte.

»Ah!« dachte er immer wieder und wieder, »sie ist erst siebzehn; noch kurze Zeit, und sie wird ernst genug sein. Und ihre Tante sagt ja immer, wie geschickt sie bei der Arbeit ist. Sie wird gewiß eine Frau, mit der die Mutter schon zufrieden sein kann.« Allerdings hatte er sie seit dem Geburtstage nur zweimal zu Hause getroffen; einen Sonntag, wo er aus der Kirche nach dem Pachthof gehen wollte, war Hetty mit einigen von der Dienerschaft nach dem Schloß gegangen, beinahe als wolle sie dem Gärtner Craig Hoffnung machen. »Sie fängt mir an, sich ein bißchen zu viel an das vornehme Bedientenvolk zu halten,« bemerkte Frau Poyser; »ich für mein Teil habe auf vornehmer Leute Bedienten nie zu viel gegeben; sie sind fast alle wie feinen Damen ihre Schoßhündchen: taugen weder zum Bellen noch zum Einschlachten, sondern sind bloß zum Ansehen.« Und an einem andern Abend hieß es, sie sei nach Treddleston, um etwas einzukaufen, obgleich er sie nachher auf dem Rückwege nach Hause zu seiner großen Überraschung ganz abseits von dem Wege nach Treddleston traf. Aber als er eilig auf sie zuging, war sie außerordentlich freundlich, und als er sie bis an das Hofthor begleitet hatte, bat sie ihn, nochmal mit herein zu kommen. Sie sei von Treddleston auf dem Rückwege etwas weiter in die Felder gegangen, sagte sie, weil sie noch nicht habe hineingehen mögen; es sei so hübsch draußen, und die Tante habe immer so viel zu reden, wenn sie mal ausgehen wolle. »Bitte, kommt doch ja mit herein!« sagte sie, als er ihr am Thore zum Abschied die Hand geben wollte, und der Bitte konnte er nicht widerstehen. Er ging mit hinein, und Frau Poyser begnügte sich mit der kurzen Bemerkung, Hetty sei etwas länger ausgeblieben, als sie erwartet habe, während Hetty, die beim Zusammentreffen mit ihm niedergeschlagen ausgesehen hatte, nunmehr lächelte und plauderte und jedermann mit ungewöhnlicher Schnelligkeit bediente.

Seitdem hatte er sie nicht wieder gesehen; aber morgen wollte er sich eine freie Stunde machen und Poysers besuchen. Heute, wußte er, ging Hetty auf das Schloß, um bei der Kammerfrau zu nähen; deshalb wollte er heute Abend so viel als möglich abmachen, um morgen Abend frei zu sein.

Unter den Arbeiten, die Adam zu beaufsichtigen hatte, war ein kleiner Umbau auf dem Vorwerk in der Nähe des Schlosses, welches bisher der alte Satchel bewirtschaftet hatte, aber jetzt, wie es hieß, von dem alten Herrn an einen schmucken Mann in Stulpenstiefeln verpachtet werden sollte, der kürzlich die Ländereien zu Pferde in Augenschein genommen hatte. Daß der alte Herr eine Reparatur vornahm, ließ sich freilich nur aus dem Wunsche, einen neuen Pächter zu bekommen, erklären; obschon die Sonnabend-Gesellschaft bei Casson bei ihrer Pfeife Tabak darin übereingekommen war, kein verständiger Mensch könne das Vorwerk nehmen, wenn er nicht noch etwas Ackerland dazu bekäme. Wie dem aber auch sein mochte, der Umbau war befohlen, sollte in möglichster Eile ausgeführt werden, und Adam betrieb ihn für Meister Burge mit gewohntem Eifer. Indes hatte er heute anderswo zu thun gehabt und war daher erst spät am Nachmittag auf das Vorwerk gekommen, und da hatte er gefunden, daß ein altes Dachwerk, welches er noch zu retten gehofft hatte, mit dem Einsturz drohe. Es mußte ganz niedergerissen werden, wenn aus dem Teile des Gebäudes etwas werden sollte, und sofort entwarf Adam im Kopfe einen Plan, das Ganze umzubauen, die schönsten Ställe für Kühe und Kälber darin anzulegen und noch einen Schuppen für Ackergerät dabei und zwar alles ohne große Auslagen für Baumaterialien. Als die Arbeitsleute fort waren, setzte er sich hin, nahm sein Taschenbuch heraus und entwarf einen kleinen Riß und den Kostenanschlag; morgen früh wollte er diese Meister Burge vorlegen, damit er die Einwilligung des alten Herrn einhole. Seine Sache gut zu machen, wenn es auch die kleinste Arbeit galt, war für Adam immer eine rechte Freude, und als er so auf einem Bauklotze, sein kleines Büchelchen auf einem Zeichenbrett vor sich, da saß, begleitete er seine Arbeit ab und zu mit einem leisen Pfeifen und neigte den Kopf mit einem fast unmerklichen Lächeln der Befriedigung seitwärts – mit einem stolzen Lächeln, wenn man will, denn wie er tüchtige Arbeit gern hatte, so sagte er sich auch gern: »das habe ich gemacht.« Und von dieser Schwäche sind, glaube ich, nur die frei, die nie eine eigene Arbeit aufzuweisen haben. Es war fast sieben Uhr, als er fertig war und seine Jacke wieder angezogen hatte, und indem er sich noch einmal rings umsah, bemerkte er, daß Seth, der heute hier mitgearbeitet hatte, seinen Korb mit dem Handwerkszeuge habe stehen lassen. »Hat der Junge sein Handwerkszeug vergessen!« dachte Adam, »und muß doch morgen in der Werkstatt arbeiten. Hat man je so 'nen konfusen Kerl gesehen! Er würde seinen Kopf wo stehen lassen, wenn er lose säße. Aber 's ist gut, daß ich den Korb gesehen habe; ich will ihn mit nach Hause nehmen.«

Das Vorwerk lag an einem Ende des Parks, ungefähr zehn Minuten von der Abtei entfernt. Adam war auf seinem Ponny hingeritten und wollte es nun auf dem Heimwege in den Stall stellen. Im Stall traf er den Gärtner, der sich das neue Pferd ansah, auf welchem der Kapitän übermorgen wegreiten wollte, und da der Gärtner ihm lang und breit erzählte, wie die ganze Dienerschaft sich am Hofthore aufstellen wollte, um dem jungen Herrn beim Wegreiten eine glückliche Reise zu wünschen, so war es bereits nahe an Sonnenuntergang, als Adam in den Park kam und mit dem Korbe über der Schulter dahinschritt; die Sonne sandte ihre purpurnen Strahlen am Boden hin zwischen den großen, alten Eichenstämmen entlang und gab jedem nackten Fleckchen Erde einen flüchtigen Glanz, daß es aussah, als lägen ebenso viele Edelsteine im Grase zerstreut. Der Wind hatte sich jetzt gelegt, und es ging nur eben ein Luftzug, der die zarten Blätter bewegte. Wer den ganzen Tag zu Hause gesessen hätte, wäre jetzt gewiß gern spazieren gegangen, aber Adam hatte schon frische Luft genug gehabt und verlangte daher rasch nach Hause; es fiel ihm ein, er könne seinen Weg bedeutend abkürzen, wenn er quer durch den Wildpark und das Wäldchen ginge, wo er in vielen Jahren nicht gewesen war. Mit großen Schritten eilte er durch den Park zwischen dem Gebüsch hin; die prächtig wechselnde Beleuchtung fesselte ihn nicht, kaum daß er dran dachte, und doch empfand er sie in der ruhigen, glücklichen Träumerei, die sich in seine rastlosen Gedanken an die Arbeit des Tages mischte. Wie hätte er sie auch nicht empfinden sollen? Die Tiere des Waldes selbst empfanden die Schönheit der Scene und gingen leiser und scheuer als sonst.

Bald kehrten seine Gedanken zu dem zurück, was ihm der Gärtner über Arthur gesagt hatte und er malte sich dessen Abreise aus und was sich bis zur Rückkehr alles ändern könne; dann wanderten seine Gedanken liebevoll zurück zu den alten Scenen kindlicher Gemeinschaft und weilten auf Arthurs guten Eigenschaften, auf die Adam stolz war, wie jeder auf die Vorzüge eines höhergestellten Mannes stolz ist, der ihm Ehre erweist. Eine Natur wie Adam, so liebebedürftig und so ehrerbietig gegen andere, ist um glücklich zu sein, sehr auf das angewiesen, was sie von andern glauben und denken darf. Und seine Ideale lagen nicht in der Vergangenheit; er wußte zu wenig von dem Leben geschichtlicher Helden; die Wesen, an denen er mit liebender Bewunderung hängen konnte, mußte er sich unter denen suchen, die im Bereich seines Verkehrs waren. Diese angenehmen Gedanken an Arthur gaben seinem strengen, rauhen Gesichte einen milderen Ausdruck als gewöhnlich; sie waren vielleicht der Grund, weshalb er an der alten, grünen Pforte des Wäldchens still stand und seinen Gyp, der ihm immer dicht auf den Fersen folgte, streichelte und ihm ein freundliches Wort sagte.

Nun schritt er auf dem breiten, gewundenen Pfade durch das Wäldchen rüstig weiter. Welch stattliche Buchen! Ein schöner Baum war Adams größte Freude; wie das Auge des Schiffers zur See am schärfsten blickt, so fühlte er sich bei Bäumen mehr zu Hause als bei andern Dingen. Mit all ihren Fehlern und Knorren, allen Krümmungen und Winkeln ihrer Zweige behielt er sie im Gedächtnis wie ein Maler, und oft hatte er die Höhe und den kubischen Inhalt eines Stammes aufs Haar richtig geschätzt, wenn er sich nur daneben stellte und ihn sich ansah. Kein Wunder deshalb, daß er trotz seiner Eile einen Augenblick stehen blieb, um eine merkwürdige, große Buche zu betrachten, die er an einer Wendung des Weges vor sich hatte stehen sehen und die er sich nun genauer darauf ansah, ob es nicht zwei zusammengewachsene Bäume seien oder wirklich bloß einer. Sein ganzes Leben lang erinnerte er sich an diesen Augenblick, wo er die Buche ruhig betrachtete, wie sich einer des letzten Blickes auf die Heimat seiner Jugend erinnert, ehe der Weg sich wandte und er sie nicht mehr sah. Die Buche stand an der letzten Biegung des Weges, wo das Wäldchen nach Osten in einen Laubengang überging, und als Adam von dem Baume zurücktrat, um seinen Weg fortzusetzen, fielen seine Blicke auf zwei Gestalten ungefähr zwanzig Schritte vor ihm.

Er blieb stehen, regungslos wie eine Bildsäule und wurde fast eben so blaß. Die beiden Gestalten standen einander gegenüber, die Hände verschlungen wie zum Abschied, und grade als sie sich zum Kusse neigten, kam Gyp aus dem Gebüsche hervor und fing bei ihrem Anblick laut an zu bellen. Erschreckt fuhren sie auseinander; die eine eilte durch das Pförtchen aus dem Wäldchen hinaus; die andere wandte sich um und ging langsam, fast schlendernd, auf Adam zu, der noch immer blaß und wie angewurzelt dastand, den Stock, an welchem er den Korb über der Schulter trug, fester packte und auf die herannahende Gestalt mit Blicken hinsah, die von Entsetzen rasch in Wut übergingen.

Arthur Donnithorne war rot im Gesicht und sah aufgeregt aus; um über ein gewisses unbehagliches Gefühl besser wegzukommen, hatte er heute bei Tische etwas mehr Wein getrunken als gewöhnlich, und in der angenehmen Stimmung nahm er diese unerwünschte Begegnung mit Adam leichter, als er sonst gethan haben würde. Am Ende, dachte er, sei es noch gut, daß grade Adam ihn mit Hetty zusammen gesehen habe; er war ja ein verständiger Mensch und schwatzte es gewiß nicht aus unter den Leuten. Arthur fühlte sich ganz sicher, er werde die Geschichte mit einem Scherz abmachen und ihm was vorschwatzen können, und so schlenderte er denn mit ausgesuchtester Gleichgültigkeit auf ihn zu; auf sein gerötetes Gesicht, seinen Gesellschaftsanzug mit dem feinen Leinen, seine weißen wohlgeschmückten Hände, die er halb in die Westentaschen steckte, schien die wunderbare Abendbeleuchtung, welche die hellen Wolken hoch oben am Himmel auf die Spitzen der Bäume zu seinen Häupten herniedergossen.

Noch immer stand Adam ohne Regung und heftete seine Blicke auf ihn. Jetzt verstand er alles – das Medaillon und was ihm sonst noch unklar gewesen war; ein schreckliches, grelles Licht zeigte ihm die verborgene Schrift, welche seiner ganzen Vergangenheit eine andere Bedeutung gab. Hätte er nur eine Muskel bewegt, er wäre unfehlbar auf Arthur losgesprungen wie ein Tiger, aber in dem Streit der Empfindungen, welche die Ewigkeit dieser Augenblicke erfüllten, hatte er sich das Wort gegeben, seine Leidenschaft zu beherrschen und nur zu sagen, was recht sei. Wie von einer unsichtbaren Kraft versteinert, stand er da, aber die Kraft war sein eigner starker Wille.

»Nun, Adam,« sagte Arthur, »Ihr habt Euch wohl die hübschen, alten Buchen angesehen? Ja, da darf die Axt nicht dran; dies ist ein heiliger Hain. Ich holte die hübsche, kleine Hetty ein, als ich grade hier in mein Nest, die Einsiedelei, wollte. Sie sollte nicht so spät nach Hause gehen. Darum begleitete ich sie ans Pförtchen und bat sie zum Lohne um einen Kuß. Aber jetzt muß ich wieder zurück, dieser Weg ist so schändlich feucht. Guten Abend, Adam; auf Wiedersehen morgen; ich muß Euch doch Adieu sagen.«

Arthur war mit der Rolle, die er selbst spielte, viel zu beschäftigt, um den Ausdruck in Adams Gesicht deutlich wahrzunehmen. Er sah ihm nicht grade in die Augen, sondern warf nachlässige Blicke auf die Bäume umher und hob dann einen Fuß in die Höhe und betrachtete sich die Sohle seines Stiefels. Er hütete sich wohl noch mehr zu sagen; er glaubte, dem ehrlichen Adam grade Sand genug in die Augen gestreut zu haben, und bei den letzten Worten, die er sprach, ging er schon weiter.

»Halt, Herr!« sagte Adam hart und bestimmt, ohne sich umzuwenden; »ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.«

Überrascht blieb Arthur stehen. Auf schreckhafte Menschen wirkt ein Wechsel im Ton stärker als unvorhergesehene Worte. Noch mehr überraschte es Arthur, daß Adam sich gar nicht bewegte, sondern mit dem Rücken gegen ihn stehen blieb, als verlange er von ihm, dem jungen Herrn, er solle zurückkommen. Was sollte das bedeuten? Wollte er gar die Geschichte ernsthaft nehmen, der verwünschte Mensch? Arthur fühlte, wie ihm der Zorn aufstieg. Die Neigung zum Patronisieren hat stets auch ihre bedenkliche Seite, und in der Verwirrung von Angst und Gereiztheit überkam ihm das Gefühl, wem er so viel Gunst bezeigt habe wie Adam, der sei gar nicht in der Lage, sein Benehmen zu tadeln. Und doch fühlte er sich in Adams Gewalt, wie jeder, der sich im Unrecht weiß, sich von dem beherrschen läßt, auf dessen gute Meinung ihm was ankommt. Trotz seines Stolzes und Ärgers kam es daher fast ebenso bittend wie böse heraus, als er sagte:

»Was soll das heißen, Adam?«

»Das soll heißen, Herr,« erwiderte Adam, ebenso barsch wie vorher, aber noch immer ohne sich umzuwenden, »das soll heißen, Herr, daß Sie mich mit Ihren leichten Worten nicht täuschen. Es ist heute nicht das erstemal, daß Sie Hetty Sorrel im Park getroffen haben, noch auch das erstemal, daß Sie sie geküßt haben.«

Arthur war in ängstlicher Ungewißheit, wie weit Adam aus wirklicher Kenntnis spreche und wie weit er etwa bloß vermute, und diese Ungewißheit reizte ihn nur noch mehr und verdarb ihm eine kluge Entgegnung. Er nahm einen hohen, scharfen Ton an und sagte:

»Nun, und was dann?!«

»Was dann?! – nun, statt zu handeln wie der rechtschaffene, ehrenhafte Mann, für den wir Sie alle hielten, haben Sie gehandelt wie ein selbstsüchtiger, leichtsinniger Schurke. Sie wissen so gut wie ich, wohin es führt, wenn ein so vornehmer Herr ein junges Mädchen wie Hetty küßt und schön mit ihr thut und ihr Geschenke giebt, die sie sich scheut vor andern Leuten sehen zu lassen. Und ich sage nochmal, Sie handeln wie ein selbstsüchtiger, leichtsinniger Schurke, obschon es mir ins Herz schneidet, das sagen zu müssen, und ich mir lieber meine rechte Hand hätte abhauen lassen.«

»Ich muß Euch sagen, Adam,« erwiderte Arthur und suchte seinen Ärger zu zügeln und wieder den nachlässigeren Ton anzunehmen, »Ihr seid nicht nur verteufelt unverschämt, sondern Ihr sprecht auch Unsinn. Ein hübsches Mädchen ist nicht so 'n Narr wie Ihr, daß sie meinte, wenn ein Mann von Stande ihre Schönheit bewundert und ihr etwas Aufmerksamkeit erweist, so denke er sich was dabei. Jeder Mann hat gern so 'ne kleine Liebelei mit 'nem hübschen Mädchen, und jedes hübsche Mädchen hat's auch gern. Je größer der Abstand zwischen ihnen, desto weniger schadet's; um so weniger wird sie sich Hoffnungen machen.«

»Ich weiß nicht, was Sie unter Liebelei verstehen,« erwiderte Adam; »wenn es aber heißen soll, daß man gegen ein Mädchen thut, als liebte man sie, und sie dabei doch nicht liebt, dann sage ich, das thut kein ehrlicher Mann, und was nicht ehrlich ist, daraus kommt Unheil. Ich bin kein Narr und Sie sind kein Narr, und Sie sind klüger, als Ihre Worte zeigen. Sie wissen recht gut: wenn das bekannt würde, was Sie mit Hetty vorgehabt haben, so verlöre sie ihren Ruf, und Schande und Kummer käme über sie und ihre Verwandten. Und bei dem Küssen und Schenken haben Sie sich weiter nichts gedacht?! Das glaubt Ihnen kein Mensch, und daß sie sich keine Hoffnung gemacht habe, davon seien Sie mir auch still. Ich sage Ihnen, Sie haben ihr das Herz mit dem Gedanken an Sie so erfüllt, daß es ihr leicht das ganze Leben vergiftet, und sie wird nie einen andern lieben, der ein guter Ehemann für sie wäre.«

Bei diesen Worten Adams hatte sich Arthur sehr erleichtert gefühlt; er erkannte, daß Adam von dem was vorgefallen war, nichts Bestimmtes, wußte und daß der Schaden dieser unseligen Begegnung von heute Abend noch wieder gut zu machen sei. Adam ließ sich wohl noch täuschen! Und so hatte denn der aufrichtige Arthur sich in eine Lage gebracht, wo seine einzige Hoffnung war, mit Erfolg – zu lügen. Diese Hoffnung besänftigte seinen Zorn etwas.

»Nun, Adam,« sagte er in dem Tone einer freundlichen Konzession, »Ihr habt vielleicht nicht Unrecht. Vielleicht bin ich ein bißchen zu weit gegangen, daß ich gegen das kleine Ding so aufmerksam gewesen bin und ihr ab und zu einen Kuß geraubt habe. Ihr seid so ein ernsthafter, ruhiger Mensch, Ihr könnt die Versuchung zu solcher Spielerei nicht begreifen. Nicht um alles in der Welt möchte ich der kleinen Hetty und den guten Poysers Kummer oder Verlegenheit bereiten. Aber Ihr nehmt die Sache wohl zu ernsthaft, scheint mir. Ich gehe jetzt fort, wißt Ihr, und solche Mißgriffe können daher nicht mehr vorkommen. Also guten Abend« – hier wandte sich Arthur zum Gehen – »und nichts mehr davon. Bald wird die ganze Geschichte vergessen sein.«

»Nein, bei Gott!« brach Adam mit einer Wut, die er nicht länger beherrschen konnte, heraus, warf seinen Korb von den Schultern und schritt auf Arthur los, bis er ihm grade gegenüber stand. Seine ganze Eifersucht und das Gefühl der persönlichen Beleidigung, die er bisher niederzuhalten versucht hatte, schnellten nun empor und überwältigten ihn. Wer von uns hätte je in den ersten Augenblicken eines empfindlichen Schmerzes glauben können, daß der Mitmensch, durch den uns die Wunde geschlagen wurde, uns nicht habe verletzen wollen?! In unserer angebornen Empörung gegen den Schmerz werden wir wieder zu Kindern und wollen ein bestimmtes Ziel für unsere Rache. Adam empfand in diesem Augenblicke nur, daß ihm Hetty geraubt sei, verräterisch geraubt durch den Mann, zu dem er alles Vertrauen gehabt, und als er nun Arthur dicht gegenüberstand, leuchteten ihm die Augen wild im Kopf, seine Lippen waren blaß, seine Hände krampfhaft geballt und an die Stelle des harten Tons, in welchem er sich bisher bemüht hatte, nur eine gerechte Entrüstung auszudrücken, trat eine tiefe erregte Stimme, unter der der ganze Mann zu beben schien, während er sprach.

»Nein, es wird nicht bald vergessen sein, daß Sie zwischen Hetty und mich getreten sind, während sie mich vielleicht geliebt hätte – es wird nicht bald vergessen sein, daß Sie mich meines Glücks beraubt haben, während ich Sie für meinen besten Freund und einen edlen Menschen hielt, dem ich stolz war zu dienen. Und Sie haben sie geküßt und sich nichts dabei gedacht? Ich habe sie nie geküßt in meinem ganzen Leben, aber Jahre lang habe ich schwer gearbeitet, damit ich sie einst küssen dürfte. Und Sie nehmen das so leichtfertig! Sie halten es für nichts, Dinge zu thun, die andern schaden, wenn Sie nur Ihr Spiel haben, bei dem Sie sich nichts denken. Ich verwerfe Ihre Gunst und Freundlichkeit, denn Sie sind nicht der, für den ich Sie hielt. Ich werde Sie nie mehr für meinen Freund halten. Ich wollte lieber, Sie handelten als mein Feind und schlügen sich mit mir hier auf der Stelle – es ist der einzige Ersatz, den Sie mir geben können.«

Von einer Wut, die keinen andern Ausweg zu finden wußte, wie besessen, warf der arme Adam Rock und Mütze ab und sah in seiner leidenschaftlichen Verblendung die Veränderung nicht, die bei seinen Worten über Arthur gekommen war. Arthurs Lippen waren jetzt so blaß wie Adams; sein Herz schlug heftig. Die Entdeckung, daß Adam Hetty liebe, war ein solcher Schlag für ihn, daß er in dem Augenblick sich selbst in dem Lichte der Entrüstung seines Gegners sah und Adams Schmerz nicht nur als eine Folge, sondern als einen Teil seiner Schuld betrachtete. Die Worte des Hasses und der Verachtung, die ersten in seinem Leben, die er je gehört, waren wie brennende Pfeile, deren Narben sich nie würden verwischen lassen. Jeder Schutz von Selbstentschuldigung, der selten ganz schwindet, so lange uns andere noch achten, verließ ihn sofort, und Auge in Auge stand er nun dem ersten großen, unwiderruflichen Übel gegenüber, das er je verschuldet. Er war erst einundzwanzig Jahre alt und noch vor drei Monaten – nein, vor viel kürzerer Zeit hatte er den stolzen Gedanken gehabt, nie solle ihm jemand einen gerechten Vorwurf machen können. Hätte er Zeit gehabt, so würde er jetzt vielleicht sich beeilt haben, ein Wort der Versöhnung zu sprechen, aber Adam hatte kaum Rock und Mütze abgeworfen, als er bemerkte, daß Arthur blaß und ohne Regung dastand und seine Hände noch immer in der Westentasche hielt.

»Wie!« rief er, »wollen Sie sich nicht mit mir schlagen wie ein Mann? Sie wissen wohl, so lange Sie so stehen, schlage ich nicht.«

»Geht, Adam, geht!« sagte Arthur, »ich will mich nicht mit Euch schlagen.«

»Nein,« erwiderte Adam bitter, »Sie wollen sich nicht mit mir schlagen; in Ihren Augen bin ich nur ein gemeiner Mann, den Sie beleidigen können, ohne ihm Rede zu stehen.«

»Ich habe Euch nie beleidigen wollen,« sagte Arthur, dem wieder der Ärger aufstieg; »ich wußte nicht, daß Ihr Hetty liebtet.«

»Aber Sie haben ihre Liebe für sich geraubt,« rief Adam. »Sie sind ein Mensch ohne Treue und Glauben; ich werde Ihnen nie wieder ein Wort glauben.«

»Geht fort, sag' ich Euch,« erwiderte Arthur zornig, »oder wir werden es beide bereuen.«

»Nein,« sagte Adam mit krampfhafter Stimme, »nein! Ich schwöre, ich gehe nicht fort, als bis ich mich mit Ihnen geschlagen habe. Wollen Sie noch mehr hören? Ich sage Ihnen, Sie sind ein Feigling und ein Schurke, und ich verachte Sie.«

Arthurs Gesicht färbte sich wieder; im Nu ballte er die rechte Hand, und mit einem Schlage wie ein Blitz traf er Adam, daß er zurücktaumelte. Sein Blut raste jetzt ebenso wie Adams, und die Empfindungen vergessend, die sie eben noch erfüllt hatten, kämpften die beiden Männer mit der natürlichen Wut von Panthern, während das Zwielicht unter den Bäumen immer dunkler wurde. Der vornehme Herr mit der feinen Hand war dem Handwerker in allem gewachsen außer an Kraft, und durch seine Geschicklichkeit im Parieren gelang es ihm nur, den Kampf einigermaßen zu verlängern. Aber unter Unbewaffneten ist der Sieg dem Starken gewiß, wenn der Starke nicht zu ungeschickt ist, und einem wohlgeführten Schlage Adams mußte Arthur erliegen, wie dünner Stahl zerbricht unter einem eisernen Hammer. Der Schlag ließ nicht lange auf sich warten, und Arthur stürzte nieder, mit dem Kopfe tief in einen Busch, so daß Adam zunächst nur den dunkeln Leib sehen konnte.

Er stand da in dem trüben Zwielichte und wartete, daß Arthur aufstände. Den Schlag, zu dem er alle Kraft seiner Nerven und Muskeln zusammengenommen hatte, den hatte er nun gegeben, und was nutzte es ihm? Was half ihm sein Kämpfen? Nur seine Leidenschaft hatte er befriedigt, nur seine Rache gekühlt, aber Hetty nicht gerettet, das Vergangene nicht wieder gut gemacht – da war es noch, vor ihm, grade wie es gewesen, und es ekelte ihn vor der Thorheit seiner eigenen Wut.

Aber warum stand Arthur nicht auf? Ganz regungslos lag er da, und die Zeit schien Adam so lang . . . Großer Gott! wenn der Schlag zu stark gewesen! Adam schauderte bei dem Gedanken an seine eigene Kraft und von Furcht überwältigt kniete er neben Arthur nieder und richtete ihm den Kopf in die Höhe. Kein Zeichen von Leben; Augen und Mund fest geschlossen. Das Entsetzen, welches Adam überlief, bewältigte ihn so, daß er es selbst für Wirklichkeit hielt. Er hatte keine andre Empfindung, als daß auf Arthurs Gesicht der Tod sei und er hülflos daneben; er bewegte sich nicht, sondern lag auf den Knieen – ein Bild der Verzweiflung hinstarrend auf ein Bild des Todes.

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