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Adam Bede - Erster Band

George Eliot: Adam Bede - Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
projectidea1003d2
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Zweiter Abschnitt

Die Predigt

Kurz vor sieben Uhr zeigte sich eine ungewöhnliche Bewegung in dem Dörfchen Hayslope, und in der ganzen Länge seiner kleinen Straße, von dem Wirtshause zum Donnithorne-Wappen bis zur Thüre des Kirchhofs, standen die Einwohner vor ihren Häusern, augenscheinlich nicht bloß um in der Abendsonne herumzulungern. Das Wirtshaus lag am Eingang des Dorfes; das Schild hatte in Wind und Wetter schon manches Jahr gelitten und die Abzeichen der alten Familie Donnithorne waren kaum noch zu erkennen; aber der kleine Hof mit Ackergerät und Getreideschobern neben dem Wirtshause deutete an, daß auch Landwirtschaft da getrieben wurde, und gab den Reisenden im voraus die Hoffnung auf gute Verpflegung für Mensch und Tier. Meister Casson, der Wirt, stand schon eine Zeit lang in der Thür, wiegte sich, die Hände in den Hosentaschen, auf den Absätzen hin und her und blickte unverwandt nach der Gemeindewiese mit dem Ahornbaum, wohin er einige bedächtig aussehende Männer und Frauen hatte gehen sehen.

Meister Casson gehörte durchaus nicht zu den gewöhnlich aussehenden Menschen, und seine Person verdient eine nähere Beschreibung. Sein Gesicht schien aus zwei Kreisen zu bestehen, die ungefähr in demselben Größenverhältnis zu einander standen wie die Erde und der Mond, so nämlich, daß der untere Kreis nach einer ungefähren Schätzung dreizehnmal größer war als der obere, welcher demnach als der bloße Trabant von jenem erschien. Aber damit hörte auch die Ähnlichkeit auf, denn Meister Casson war durchaus kein melancholischer Gesell, und sein Kopf keine »gefleckte Scheibe«, wie Milton respektwidrig den Mond genannt hat; im Gegenteil, kein Kopf und Gesicht konnte glatter und gesunder aussehen, und der Ausdruck, der hauptsächlich in einem Paar runder und derber Backen lag – die kleinen Unterbrechungen von Nase und Augen waren nicht der Rede wert – sprach von Zufriedenheit und Behagen, gemildert durch ein gewisses Bewußtsein persönlicher Würde, das sich fast immer in Haltung und Benehmen kundgab. Dieses würdevolle Bewußtsein konnte indes bei einem Manne, der fünfzehn Jahre lang Kellermeister auf dem Schlosse gewesen war und in seiner jetzigen hohen Stellung natürlich oft mit Leuten niederen Standes in Berührung kam, schwerlich für übertrieben gelten. Wie er unbeschadet dieser Würde seine Neugierde befriedigen und nach der Gemeindewiese gehen könnte, hatte Meister Casson in den letzten fünf Minuten bei sich hin und her überlegt, und indem er seine Hände aus den Hosentaschen nahm und die Daumen zwischen Weste und Rock steckte, den Kopf auf die eine Seite neigte und sich das Ansehen hochnäsigster Gleichgiltigkeit gegen alles um ihn her gab, hatte er die Schwierigkeit schon teilweise gelöst, als seine Gedanken durch die Ankunft des Reiters, den wir vorhin unsern Freund Adam betrachten sahen und der nun vor dem Wirtshause anhielt, wieder davon abgelenkt wurden.

»Nehmt dem Pferd die Zügel ab, Hausknecht, und gebt ihm zu trinken,« sagte der Reisende, indem er abstieg. »Aber sagen Sie, Herr Wirt, was geht hier in Ihrem Dörfchen vor? Alle Welt ist ja auf den Beinen.«

»Es giebt eine Methodistenpredigt, Herr; wie ich höre, wird ein junges Mädchen auf der Gemeindewiese predigen,« erwiderte Casson mit möglichst feiner Stimme und liebenswürdigem Tone. »Wollen Sie so freundlich sein hereinzutreten und etwas genießen?«

»Nein, ich muß heute noch nach Rosseter; ich brauche nur etwas für mein Pferd. Aber, was sagt denn Ihr Pastor dazu, daß ihm eine Frauensperson so gerade unter der Nase predigt?«

»Pastor Irwine wohnt nicht hier im Dorfe, Herr; er wohnt in Broxton, da hinter dem Hügel. Unsere Pfarrwohnung ist ganz verfallen, da kann kein anständiger Mensch drin wohnen. Er kommt Sonntags Nachmittags zur Predigt hergeritten und stellt sein Pferd bei mir in den Stall. Es ist ein kleiner grauer Hengst, Herr, und er hält große Stücke drauf. Er kehrt immer bei mir ein, Herr, all' die Zeit schon, wo ich die Wirtschaft hier geführt habe. Ich bin nicht aus dieser Gegend, das hören Sie mir wohl an der Sprache an. Die Leute hier herum sprechen ganz kurios, und ein gebildeter Mensch kann es oft schwer verstehen. Ich bin unter gebildeten Leuten aufgewachsen und habe mir die Sprache von Kindesbeinen angewöhnt. Wie glauben Sie z. B., daß die Leute hier sagen für: »Was habt'r g'sagt?« – wie wir gebildeten Leute sprechen. Ja, man sollt's nicht glauben: »Was hobt'r g'seit?« sagen sie. Es ist der Dijelekt, nennt man das, was sie hier sprechen. Der alte Herr Donnithore nannte es immer so; »der Dijelekt«, sagte er.«

Der Fremde lächelte. »Ja, ja, das kenne ich schon. Aber habt Ihr denn so viele Methodisten hier herum, unter dieser ländlichen Bevölkerung? Ich hätte gedacht, es gäbe hier kaum einen einzigen; es sind doch fast alles Bauern hier und mit denen können die Methodisten so recht nichts anfangen.«

»Na, es giebt hier doch auch manche Handwerker. Da ist z. B. Meister Burge, der den Holzhof da drüben hat; der hat viel Bauerei an der Hand, und dann sind die Steinbrüche nicht weit, und so giebt's hier allerlei Beschäftigung für Handwerker. In Treddleston, dem Marktflecken ungefähr eine Stunde von hier, wo Sie wohl durchgekommen sind, ist ein gutes Häufchen Methodisten; von daher sind wohl ein paar Dutzend auf der Gemeindewiese. Und von denen haben's die Leute hier; aber in ganz Hayslope giebt's eigentlich nur zwei; das ist Will Maskery, der Stellmacher, und Seth Bede, ein junger Zimmergeselle.«

»Das junge Mädchen, welches predigt, ist also wohl aus Treddleston?«

»Doch nicht, Herr; sie ist aus Stonyshire, beinahe zehn Stunden Weges. Aber sie ist hier zum Besuch bei Pachter Poyser auf dem Pachthof – da links hinüber, wo Sie die Scheunen sehen und die großen Wallnußbäume. Sie ist Poysers Frau ihre Nichte, und die werden nicht schlecht böse mit ihr sein, daß sie sich so zum Narren macht. Aber ich habe mir sagen lassen, wenn diese Methodisten es mal in den Kopf kriegen, da ist gar kein Halten mehr, und viele werden reinweg verrückt vor lauter Frömmigkeit. Dies junge Mädchen freilich sieht ganz still und ordentlich aus, wie ich höre; selbst gesehen habe ich sie noch nicht.«

»Nun, ich wollte, ich hätte Zeit, sie mir anzusehen, aber ich muß weiter. Ich bin so schon die letzte Viertelstunde von meinem Wege abgeritten, um mir das Schloß da im Thale anzusehen. Es gehört Herrn Donnithorne, nicht wahr?«

»Ja, mein Herr, es ist der Edelhof der Familie Donnithorne. Schönes Eichenholz, nicht wahr? Ich muß das wissen; ich bin da fünfzehn Jahre lang Kellermeister gewesen. Kaptän Donnithorne ist der Anerbe, der Enkel des jetzigen Herrn Donnithorne. Wenn die Heuernte ist, wird er großjährig, da wird's hoch hergehen. Zu dem Gute gehört das ganze Land hier herum, all die schönen Ländereien.«

»Nun, eine hübsche Besitzung ist es, das muß wahr sein,« sagte der Reisende, indem er wieder zu Pferde stieg, »und hübsche Leute trifft man hier auch. Noch vor 'ner halben Stunde, ehe ich den Hügel heraufkam, traf ich einen so hübschen jungen Burschen, wie ich nur je einen gesehen habe; es war ein Zimmergesell, groß und breitschultrig, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen, und einen Gang hatte er wie ein Soldat; solche Leute können wir gegen die Franzosen brauchen.«

»Das war gewiß Adam Bede, Herr, Matthis Bede sein Sohn, den kennt hier jedermann. Das ist ein sehr gescheiter, fleißiger Bursch und mächtig stark. Auf Ehr' und Seligkeit, Herr – entschuldigen Sie den Ausdruck – der marschiert Ihnen den Tag seine zwölf, fünfzehn Stunden, und heben kann er ein paar hundert Pfund wie gar nichts. Die vornehmen Herrschaften halten große Stücke auf ihn; Kaptän Donnithorne und Pastor Irwine thun immer als ob wunders was an ihm wäre. Aber er trägt den Kopf ein wenig hoch und 's ist nicht gut Kirschenessen mit ihm.«

»Nun, guten Abend, Herr Wirt; ich muß weiter.«

»Gehorsamer Diener, Herr; glückliche Reise.«

Der Reisende ritt in scharfem Schritt durch das Dorf, aber als er an die Gemeindewiese kam, fesselte ihn die Schönheit des Blicks zu seiner Rechten, der eigentümliche Gegensatz zwischen den Gruppen der Bauern vor ihren Häusern und dem Häuflein Methodisten am Ahornbaum, und vielleicht in noch höherem Grade die Neugier, das junge Mädchen zu sehen; seine Eile, die ihn noch soeben vorwärts getrieben, ließ nach und er hielt sein Pferd an.

Die Gemeindewiese lag am Ende des Dorfes und von ihr aus verzweigte sich die große Straße in zwei Richtungen, eine den Hügel hinan bei der Kirche vorbei, die andere in sanfter Windung das Thal hinab. Auf der Seite der Wiese nach der Kirche zu standen einzelne strohbedeckte Hütten bis nahe an die Kirchhofsthür, aber gegenüber, nach Nordwesten hin, hemmte nichts den freien Blick auf sanft welliges Wiesenland und das waldige Thal und die dunkeln Massen ferner Hügel. Die reiche gesegnete, von Höhenzügen durchschnittene Gegend der Grafschaft Loamshire, zu welcher Hayslope gehört, stößt an einen wilden Grenzstrich von Stonyshire, unter dessen kahlen Hügeln sie daliegt wie eine hübsche blühende Schwester in den Armen ihres großen, derben, wettergebräunten Bruders, und in einem Ritt von zwei bis drei Stunden konnte der Reisende aus einer öden baumlosen, nur von Reihen grauer Felsen durchschnittenen Gegend den Schauplatz unserer Geschichte erreichen, wo sein Weg bald unter dem Laubdach von Wäldern, bald über schwellende Hügel sich hinzog, die mit Hecken und langem Wiesengras und dickem Korn besetzt waren, und wo ihm bei jeder Wendung des Weges bald ein schöner alter Landsitz, im Thale versteckt oder einen Abhang krönend, bald ein Bauerhof mit seinen langen Scheunen und den goldgelben Getreideschobern rings umher, bald endlich ein grauer Kirchturm aufstieß, der aus einem hübschen Wirrsal von Bäumen und Strohdächern und dunkelroten Ziegeln hervorblickte. Genau ein solches Bild wie dieses letzte war die Dorfkirche von Hayslope unserm Reisenden erschienen, als er den sanften Abhang nach dem anmutigen Berglande hinauf zu reiten begann, und von seinem Standorte neben der Gemeindewiese hatte er nun fast alle andern charakteristischen Merkmale dieses hübschen Landstriches vor sich. Hoch hinauf gegen den Horizont waren mächtige Massen von kegelförmigen Hügeln gelagert, wie Riesendämme, welche dieses Land des Kornes und Grases gegen die scharfen und beißenden Nordwinde schützen sollten; nicht fern genug, um in purpurnes Geheimnis verhüllt zu sein, sondern mit einem trüben grünlichen Hauch bezogen, in welchem die weidenden Schafe noch zu erkennen waren. Unmittelbar darunter weilte das Auge auf einer vorgeschobenen Reihe waldiger Abhänge mit hellen Flecken von Weideland oder gefurchtem Acker dazwischen, an denen das Grün des Laubes noch nicht einförmig dunkel war wie im hohen Sommer, sondern wo die warmen Töne des jungen Eichenlaubes noch mit dem zarteren Grün der Esche und Linde wechselten. Dann endlich kam das Thal, wo das Gehölz dichter wurde, als wäre es von den Höhen herabgerollt und hätte sich enger geschart, um das stattliche Haus besser schützen zu können, das mit seinen Zinnen bis zum Gipfel der Bäume hinanstieg und den zarten blauen Rauch seines Herdes über ihre Kronen hinwegschickte. Gewiß zog sich auch eine große Fläche Parkland vor diesem Hause hin und es spiegelte sich in einem offenen Teiche, aber der hügelige Wiesenabhang vor dem Dorfe verdeckte unserm Reisenden diesen Anblick. Statt dessen sah er einen andern ebenso lieblichen Vordergrund: das Licht der untergehenden Sonne lag in schrägen Streifen wie durchsichtiges Gold zwischen den sanft gebogenen Halmen des Federgrases und dem hohen roten Klee und den weißen Dolden der Schierlingpflanzen an den dichtbelaubten Hecken.

Hätte der Reisende sich etwas im Sattel gedreht und ostwärts über das Weideland und den Holzhof bei Meister Burges Hause hinweg nach den grünen Kornfeldern und Wallnußbäumen des Pachthofes hingeblickt, so hätte er noch andere landschaftliche Schönheiten sehen können; aber offenbar interessierte er sich mehr für die lebenden Gruppen dicht vor ihm. Jedes Alter war da vertreten, von dem greisen Vater Taft in seinem braunen wollenen Käppchen, der beinahe doppelt gekrümmt war, aber zähe genug schien, auf seinen kurzen Stock gelehnt sich noch eine gute Weile auf den Beinen zu halten, bis hinab zu den kleinen Kindern, deren Gesichtchen aus gesteppten leinenen Kapuzen hervorsahen. Ab und zu trat noch ein neuer Ankömmling heran, etwa ein Arbeiter vom Felde, der nach genossenem Abendbrot herbeischlenderte, um auf das ungewöhnliche Schauspiel mit blödem Auge hinzustieren, – sehr bereit zu hören, wenn einer ihm etwa die Sache erklären wollte, aber durchaus nicht so aufgeregt, um selbst zu fragen. Alle jedoch hüteten sich wohl, den Methodisten auf der Wiese selbst zu nahe zu kommen und sich so mit der wartenden Zuhörerschaft zu vermengen, denn nicht einer von ihnen hätte es auf sich sitzen lassen, daß er hergekommen sei, um die »Frauensperson« predigen zu hören; jeder wollte nur »sehen, was es gäbe.« Die Männer waren hauptsächlich bei der Schmiede versammelt. Aber nicht etwa in einem Haufen; Landleute stehen nie dicht gedrängt wie ein Bienenschwarm; was Flüstern ist, wissen sie nicht und leise Töne scheinen sie beinahe so wenig zu kennen wie eine Kuh oder ein Hirsch. Ein rechter Bauersmann dreht dem wohl den Rücken, mit dem er spricht, wirft ihm über die Schulter eine Frage zu, als wolle er vor der Antwort davonrennen, und tritt wohl ein oder zwei Schritt zurück, wenn das Gespräch am anziehendsten ist. So stand auch die Gruppe vor der Schmiede durchaus nicht dicht und verdeckte nicht den Schmied selbst, der, seine schwarzen sehnigen Arme über einander geschlagen, an den Thürpfosten sich lehnte und gelegentlich ein lautes Lachen ausprustete über seine eigenen Witze, in merklicher Überhebung gegen die Spöttereien des Borsten-Ben, der für den Abend auf die Freuden des Bierhauses verzichtet hatte, um sich das Leben draußen anzusehen. Aber beide Witzbolde wiederum wurden mit gleicher Verachtung behandelt von Meister Josua Rann. Meister Ranns ledernes Schurzfell und sein verbissener Grimm stellen es außer Zweifel, daß er der Dorfschuster ist, und wenn er das Kinn und den Bauch vorschiebt und die Daumen um einander dreht, so ist das eine etwas feinere Andeutung, daß er daneben auch die Würde des Küsters bekleidet. Der alte Josua ist in einem Zustande, daß er vor Ärger gelinde kocht, aber er hat bis jetzt nur seine Lippen geöffnet, um in einer tiefen schnarrenden Baßstimme zu brummen: »Sihon, König der Ammoniter, – denn seine Güte währet ewiglich« – und »Og, König von Basan – denn seine Güte währet ewiglich« – lauter Anführungen, die wenig mit der vorliegenden Sache zu thun zu haben scheinen, aber bei genauerer Prüfung sich doch als sehr zutreffend herausstellen. Meister Rann verteidigte nämlich in seinem Innern die Würde der Staatskirche gegen einen solchen empörenden Einbruch des Methodismus, und da diese Würde eng verknüpft war mit seiner eigenen wohlklingenden Beteiligung an der Liturgie, so führte ihn seine Beweisführung ganz natürlich auf einen Vers aus dem Psalm, der am letzten Sonntag Nachmittag in der Kirche gelesen war.

Die Weiber waren von ihrer stärkeren Neugierde bis hart an den Rand der Gemeindewiese gelockt worden, wo sie die Quäkertracht und das absonderliche Benehmen der Methodistinnen noch genauer beobachten konnten. Unter dem Ahornbaum war ein kleiner Karren, den der Stellmacher hergegeben hatte, als Kanzel aufgestellt, und rings herum standen ein paar Bänke und Stühle. Einige Mitglieder der kleinen methodistischen Gemeinde saßen schon still da, die Augen geschlossen, wie versunken in Gebet oder Betrachtung. Andere standen umher und hielten ihre Blicke auf die Bauern mit einem Ausdruck tiefer Betrübnis gerichtet, der die muntere Tochter des Schmieds, Lieschen Cranage, so sehr belustigte, daß sie verwundert fragte, warum die Leute da solche Gesichter schnitten. Schmieds Lieschen war besonders der Gegenstand tiefsten Mitleids für die Methodistinnen; da sie nämlich ihr Haar zurückgekämmt unter der Mütze trug, so zeigte sie einen Schmuck, auf den sie viel stolzer war als auf ihre roten Backen, ein Paar große runde Ohrringe mit unechten Granaten, – ein Schmuck, den nicht bloß die Methodistinnen verachteten, sondern den auch ihre Kousine, Timothys Lieschen, mit echt verwandtschaftlicher Freundlichkeit schon oft verwünscht hatte.

Timothys Lieschen, obgleich sie unter ihren Bekannten ihren Mädchennamen behalten hatte, war schon viele Jahre die Frau unseres Bekannten, des Zimmergesellen Hans, und erfreute sich einer hübschen Reihe jener Schmucksachen, auf welche die Mutter der Gracchen so stolz war; es genüge davon das starke Kind zu erwähnen, das sie in ihren Armen wiegte, und den derben fünfjährigen Jungen mit den Kniehosen und roten Beinen, der am Halse eine verrostete Milchkanne als Trommel trug und ein wahrer Schrecken war für des Schmieds kleinen Hund. Dieser olivenfarbene Junge, Lieschens Ben genannt, hatte sich ohne jede falsche Bescheidenheit über die Gruppe von Kindern und Frauen hinausgewagt und ging naseweis mitten unter den Methodisten umher, indem er ihnen mit weit offenem Munde ins Gesicht sah und auf seiner Milchkanne mit einem Stock Musik machte. Als aber eine von den ältern Methodistinnen ihn bei der Schulter faßte und ihm ernstliche Vorstellungen machte, schlug Ben erst kräftig aus, rannte dann davon und suchte Schutz hinter seines Vaters Beinen.

»Du kleiner Galgenstrick,« sagte Hans mit väterlichem Stolze; »wenn du den Stock nicht ruhen lassen kannst, so nehm' ich ihn dir weg. Was soll das heißen, daß du die Leute schlägst?«

»Heda, Hans, gieb mir den Jungen,« rief der Schmied; »ich will ihn anbinden und beschlagen wie ein Pferd. Nun, Meister Casson,« fuhr er fort, als er den Wirt herankommen sah, »wie geht's Euch heut Abend? Kommt Ihr auch, um mitzustöhnen? Wer die Methodisten anhört, soll ja immer anfangen zu stöhnen, als wär's ihm im Leibe nicht recht. Ich denke heut Abend so laut zu stöhnen, wie Eure Kuh neulich Abend; dann meint die Frauensperson gewiß, ich sei auf dem rechten Wege.«

»Ich möchte Euch doch raten, den Unsinn zu lassen,« erwiderte Casson mit einiger Würde; »Poyser nähme es sehr übel, wenn die leibliche Nichte seiner Frau nicht mit aller Achtung behandelt würde, so wenig er es auch leiden mag, daß sie sich selbst ans Predigen giebt.«

»Ja wohl,« fiel Borsten-Ben ein, »und hübsch ist sie auch; ich habe gar nichts dagegen, daß die hübschen Weiber predigen; die bekehren mich gewiß weit eher als die häßlichen Männer. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn ich noch heut Abend unter die Methodisten ginge und um ihre hübsche Pastorin freite wie Seth Bede.«

»Nun, Seth will wohl ein bißchen zu hoch hinaus,« sagte der Wirt. »Die Verwandten des Mädchens würden nicht wenig unzufrieden sein, wenn sie sich mit einem gewöhnlichen Zimmermann einließe.«

»Pah!« rief Ben verächtlich; »was geht das die Verwandten an? Nicht so viel. Poyser seine Frau mag ihre Nase so hoch tragen wie sie will und vergessen, wo sie herstammt, aber diese Dina Morris, das weiß ich bestimmt, ist so arm wie Hiob, sie arbeitet in einer Fabrik und ist froh, wenn sie das Leben hat. Ein tüchtiger junger Zimmermann und noch dazu Methodist wie Seth wäre keine schlechte Partie für sie. Poysers selbst machen ja ein Aufhebens von Adam Bede, als wenn er ihr eigener Neffe wäre.«

»Was du wieder red'st!« sagte Meister Josua; »Adam und Seth, das ist zweierlei; die beiden gehen nicht über einen Leisten!«

»Mag sein,« erwiderte Borsten-Ben verächtlich, »aber Seth ist mein Mann und wär' er zehnmal Methodist. Ich bin ganz weg in den Seth; all die Zeit, daß wir zusammen arbeiten, neck' ich ihn in einem fort und er trägt's so geduldig wie ein Lamm. Und Kourage hat er auch und das Herz auf dem rechten Fleck. Als wir mal nachts übers Feld kamen und der alte Weidenbaum wie Feuer leuchtete und wir alle glaubten, es wär'n Gespenst, da ging Seth ohne weiteres drauf zu, wie ein Konstabler auf einen Dieb. Wahrhaftig, seht, da kommt er gerade aus dem Stellmacher seinem Hause, und der Stellmacher selbst auch, und der sieht so weichmütig aus, als könne er keinen Nagel auf den Kopf schlagen, weil er ihm nicht weh thun möchte. Und mein' Seel! da ist die hübsche Pastorin auch, ihren Hut in der Hand. Da muß ich etwas näher herangehen.«

Einige von den Leuten folgten Bens Führung, und auch der Reisende ritt auf die Gemeindewiese vor, als Dina mit schnellen Schritten vor ihren Gefährten her auf den Karren unter dem Ahornbaum zuschritt. Neben Seths hoher Gestalt sah sie klein aus, aber als sie den Karren bestiegen hatte und nun keine Vergleichung mehr möglich war, erschien sie über Mittelgröße, obgleich sie in Wirklichkeit nur das gewöhnliche Frauenmaß hatte – eine Täuschung, die sich aus ihrer schlanken Figur und dem einfachen Umriß ihres schwarzen Kleides erklärte. Der Fremde war überrascht, als er sie herankommen und den Karren besteigen sah – überrascht nicht sowohl durch die weibliche Zartheit ihrer Erscheinung als durch den völligen Mangel an Selbstbewußtsein in ihrer Haltung. Er war darauf gefaßt gewesen, sie würde mit gemessenem Schritt und sittsam prüdem Ausdruck auftreten; er hatte ganz sicher gemeint, auf ihrem Gesicht würde das Lächeln selbstbewußter Heiligkeit schweben oder vorwurfsvolle Bitterkeit lasten. Er kannte bloß zwei Arten von Methodisten – Schwärmer und Sauertöpfe. Aber Dina ging so ruhig, als ginge sie zu Markte, und schien von ihrer äußeren Erscheinung so wenig ein Bewußtsein zu haben wie ein kleiner Junge; da war keine Spur von Erröten, von Zaghaftigkeit, die etwa hätte sagen sollen: »ich weiß, ihr haltet mich für ein hübsches Mädchen und glaubt, ich sei zum Predigen zu jung;« sie schlug nicht die Augenlider auf oder nieder, preßte nicht die Lippen zusammen, machte nichts mit ihren Armen, als wollte sie etwa sagen: »aber für eine Heilige müßt ihr mich doch halten.« Sie hatte kein Buch in ihren bloßen Händen, sondern ließ sie herunterhängen und hielt sie leicht verschlungen vor sich, als sie auf der einfachen Kanzel stand und ihre grauen Augen auf die Leute richtete. Nichts Scharfes in den Augen; sie schienen eher Liebe auszuströmen als Beobachtungen zu sammeln; sie hatten den feuchten Blick, welcher sagt, daß die Seele voll von dem ist, was sie geben will, und nicht unter äußeren Einflüssen steht. Sie stand links gegen die untergehende Sonne gewandt, vor deren Strahlen die laubigen Zweige des Baumes sie schützten, aber in dieser milden Beleuchtung schien ihre zarte Gesichtsfarbe eine stille Lebhaftigkeit anzunehmen wie Blumen am Abend. Ihr Gesicht war klein, ein hübsches Eirund von einer gleichförmigen durchsichtigen Weiße; Wange und Kinn sanft geschwungen, der Mund voll und fest, die Nase fein, die Stirn niedrig und gerade, ihr Haar rötlich blond und glatt anliegend. Sie trug das Haar scharf nach hinten gekämmt unter einer schlichten Quäkermütze; nur über der Stirn sah es einige Finger breit hervor. Die Augenbrauen, von derselben Farbe wie das Haar, waren völlig grade und fest gezeichnet; die Wimpern nicht eben dunkler, aber lang und reich; nichts Entstelltes, nichts Unfertiges war an ihr. Es war eins von den Gesichtern, die uns vorkommen wie weiße Blüten, deren reine Blätter mit einem Duft von Farbe eben nur angehaucht sind. Die Augen waren nicht besonders schön, außer im Ausdruck; sie blickten so einfach, so treu, so ernst und liebevoll; kein leichter Spott, kein bittrer Hohn, der nicht vor ihrem Glanze hätte schwinden müssen. Josua Rann räusperte sich mit einer Gründlichkeit, als wolle er im Innern mit allen alten Vorurteilen aufräumen; der Schmidt lüftete sein rußgeschwärztes Käppchen und kratzte sich den Kopf, und Borsten-Ben konnte sich nicht genug verwundern, wie Seth es nur wagen möge, um eine solche Schönheit zu freien.

»Ein süßes Ding von einem Mädchen,« sagte der Fremde zu sich selbst, »aber gewiß, zum Predigen hat Natur sie nie bestimmt.«

Vermutlich dachte er wie viele andere, die Natur spekuliere auf Bühneneffekte, und mit der wohl überlegten Absicht, Kunst und Menschenkenntnis zu fördern, staffiere sie ihre Leute so aus, daß ein Verkennen unmöglich werde. Aber Dina begann zu sprechen.

»Geliebte Freunde,« sagte sie mit klarer, aber nicht lauter Stimme, »laßt uns beten um den Segen Gottes.«

Sie schloß ihre Augen, senkte den Kopf ein wenig und fuhr in demselben gedämpften Tone fort, als sei der, zu dem sie spreche, ganz nahe bei ihr:

»Herr, der du die Sünder erlösest! Ein armes sündenbeladenes Weib ging zum Brunnen, Wasser zu schöpfen, da fand sie dich am Brunnen sitzen. Sie kannte dich nicht, sie hatte dich nicht gesucht, es war Nacht in ihrer Seele, ihr Wandel war sträflich. Aber du sprachest zu ihr, du unterwiesest sie, du zeigtest ihr, daß ihr Leben offen vor dir lag, und doch warst du bereit, ihr den Segen zu geben, den sie nie gesucht hatte! Jesus! Du bist mitten unter uns und kennest uns alle; sind hier einige, die jenem armen Weibe gleichen, ist es Nacht in ihrem Herzen, ihr Wandel sträflich, sind sie nicht herausgekommen, dich zu suchen, nicht begierig nach deiner Unterweisung – thue mit ihnen nach deiner freien Gnade, wie du sie jenem Weibe erwiesen. Sprich zu ihnen, Herr; öffne ihre Ohren der Botschaft, die ich ihnen bringe; führe ihre Sünden ihnen zu Gemüt und mache sie durstig nach der Erlösung, die du bereit bist zu geben.«

»Herr! Du bist noch immer mit deinen Erwählten; sie sehen dich, wenn sie des Nachts wachen, und das Herz brennt ihnen, wenn du mit ihnen auf dem Wege redest. Und du bist denen nahe, die dich nicht gekannt haben: öffne ihre Augen, daß sie dich sehen mögen – dich sehen, wie du über sie weinst und sprichst: »Ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr möchtet Leben haben« – dich sehen wie du am Kreuze hängst und ausrufst: »Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun« – dich sehen, wie du wiederkommen wirst in deiner Herrlichkeit, sie zu richten am jüngsten Tage! Amen.«

Dina öffnete ihre Augen wieder, hielt inne und blickte auf den Haufen der Bauern, die sich zu ihrer Rechten etwas näher herangedrängt hatten.

»Geliebte Freunde!« begann sie und erhob die Stimme ein wenig, »ihr alle seid zur Kirche gewesen und müßt, meine ich, den Geistlichen die Worte haben lesen hören: »Der Geist des Herrn ist bei mir, derhalben er mich gesalbet hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen.« Jesus Christus ist es, der diese Worte gesprochen hat; er sei gekommen, sagt er, den Armen das Evangelium zu verkündigen. Ich weiß nicht, ob ihr jemals viel über diese Worte nachgedacht habt, aber ich will euch erzählen, wann und wie ich sie zuerst gehört habe. Es war grade an einem solchen Abend wie der heutige, als ich noch ein kleines Mädchen war und meine Tante, die mich auferzogen hat, mich mitnahm, um einen frommen Mann im Freien predigen zu hören, grade wie wir jetzt hier versammelt sind. Ich erinnere mich seines Gesichtes noch gut: er war ein sehr alter Mann und hatte sehr langes weißes Haar, seine Stimme war sehr sanft und schön, wie keine andere Stimme, die ich je vorher gehört. Ich war ein kleines Mädchen und wußte noch von nichts, und dieser alte Mann schien mir so durchaus verschieden von allem, was ich bisher gesehen hatte, daß ich glaubte, er sei wohl vom Himmel heruntergekommen, um uns zu predigen, und ich sagte: »Tante, geht er diese Nacht wieder in den Himmel, wie der Mann auf dem Bilde in der Bibel?«

»Dieser Mann Gottes war Herr Wesley, der sein Lebelang that, was der Herr Christus that – den Armen das Evangelium zu verkündigen – und vor acht Jahren ist er zur ewigen Ruhe eingegangen. In späteren Jahren habe ich mehr von ihm gelernt, aber damals war ich ein thörichtes, gedankenloses Kind und aus seiner Predigt behielt ich nur eins. Er sagte uns, Evangelium bedeute frohe Botschaft. Das Evangelium aber, wie ihr wißt, ist das, was uns die Bibel von Gott erzählt.

»Und nun, meine Freunde, denkt nach! Jesus Christus kam wirklich vom Himmel herab, wie ich, ein thörichtes Kind, von Herrn Wesley glaubte, und weshalb er herabkam, war: den Armen frohe Botschaft von Gott zu bringen. Nun, ihr und ich, geliebte Freunde, wir sind arm. Wir sind aufgewachsen in armen Hütten und sind groß geworden bei Gerstenbrot und grober Speise und sind nicht viel zur Schule gegangen, haben auch keine Bücher gelesen und wissen nicht viel von der Welt, außer was grade nahe bei uns vorgeht. Wir sind so recht die Art Leute, die nach froher Botschaft verlangen. Denn wenn es jemandem wohl geht, so liegt ihm nicht viel daran, Neues aus der Ferne zu hören; wenn aber ein armer Mann oder eine arme Frau in Not sind und schwer arbeiten müssen um das tägliche Brot, dann lesen sie gern in einem Briefe, daß sie einen Freund haben, der ihnen helfen will. Gewiß, etwas von Gott wissen wir alle schon, auch ohne das Evangelium, ohne die gute Botschaft, die unser Erlöser uns gebracht hat. Denn wir wissen, alle Dinge kommen von Gott; sagt ihr nicht fast täglich: »will's Gott, so geschieht das und das,« oder »will's Gott, so haben wir bald Heuernte« –? Wir wissen recht gut, wir sind allesamt in Gottes Hand; wir haben uns nicht selbst zur Welt gebracht, wir können uns nicht am Leben erhalten, wenn wir liegen und schlafen; das Tageslicht und der Wind und das Korn und die Kühe, die uns Milch geben – alles, was wir haben, kommt von Gott dem Herrn. Und unsre Seelen gab er uns und pflanzte Liebe zwischen Eltern und Kindern und Mann und Frau. Aber ist das alles, was wir von Gott zu wissen verlangen? Wir sehen, er ist groß und mächtig und kann thun, was er will; wir sind verloren, als kämpften wir in großen Wassern, wenn wir über ihn nachzudenken versuchen.

»Aber vielleicht kommen Zweifel in eure Herzen, wie dieser: Kann Gott sich viel kümmern um uns arme Leute? Vielleicht hat er die Welt nur gemacht für die Großen und die Klugen und die Reichen? Es kostet ihn nicht viel, uns das bißchen Speise und Kleidung zu geben; aber wie wissen wir denn, daß er sich mehr um uns kümmert als wir um das Gewürm im Garten, wenn wir nur unsre Rüben und Zwiebeln ernten? Wird Gott für uns sorgen, wenn wir sterben? und wird er uns erquicken, wenn wir gebrechlich und krank sind? Vielleicht auch zürnt er mit uns; denn sonst, warum käme der Mehltau und die schlechten Ernten und das Fieber und all die mancherlei Plage und Not? Denn unser Leben ist voll Trübsal, und wenn Gott uns Gutes schickt, so scheint er uns Böses auch zu schicken. Wie ist das? wie steht's damit?

»Ach, geliebte Freunde, wir sind bös in Not um gute Botschaft von Gott, und wenn wir die nicht haben, was will alle andere gute Botschaft bedeuten? Denn alles andere hat sein Ende, und wenn wir sterben, lassen wir das all dahinten. Gott aber bleibt, wenn alles andere dahin ist. Was sollen wir thun, wenn er nicht unser Freund ist?«

Dann erzählte ihnen Dina, wie die gute Botschaft in die Welt gekommen sei, und wie Gott seine Liebe zu den Armen offenbar gemacht habe in dem Leben Jesu, erzählte ihnen von der Niedrigkeit dieses Lebens und von den Liebeswerken, an denen es so reich ist.

»Ihr seht also, geliebte Freunde,« fuhr sie fort, »daß Jesus fast die ganze Zeit seines Lebens damit zubrachte, den Armen Gutes zu thun; er predigte zu ihnen und machte arme Handwerker zu seinen Freunden und unterwies sie und machte sich viel mit ihnen zu schaffen. Nicht zwar, daß er den Reichen kein Gutes erwiesen hätte, denn er war voll Liebe für alle Menschen; nur erkannte er, daß die Armen seiner Hülfe mehr bedurften. So heilte er die Lahmen und die Kranken und die Blinden und that Wunder, die Hungrigen zu speisen, »denn mich jammert des Volkes« sagte er, und er war sehr freundlich mit den kleinen Kindern und tröstete die, so ihre Freunde verloren hatten, und sprach sehr liebevoll den armen Sündern zu, die ihre Sünden aufrichtig bereuten.

»O, würdet ihr solchen Mann nicht lieben, wenn ihr ihn sähet, wenn er hier in diesem Dorfe wäre? Was für ein gütiges Herz muß er haben! Was für ein Freund würde er sein, zu ihm zu gehen in der Not! Wie lieblich müßte es sein, von ihm sich unterweisen zu lassen!

»Nun, geliebte Freunde, wer war dieser Mann? War er nur ein guter Mann, ein sehr guter Mann und nichts weiter, wie etwa unser lieber Herr Wesley, der von uns genommen ist? . .  Er war der Sohn Gottes – »in des Vaters Bilde,« sagt die Schrift; das will sagen: grade wie Gott, der Anfang und Ende aller Dinge ist – der Gott, von dem wir etwas wissen möchten. All die Liebe also, die Jesus den Armen erwies, ist dieselbe Liebe, die Gott für uns hat. Wir können verstehen, was Jesus fühlte, weil er in einem Leibe kam wie der unsrige, und Worte sprach, wie wir zu einander sprechen. Früher fürchteten wir uns, zu denken was Gott sei – der Gott, der die Welt und den Himmel und den Donner und den Blitz gemacht hat. Wir konnten ihn niemals sehen, wir konnten nur die Dinge sehen, die er gemacht hat, und einige von diesen Dingen waren so furchtbar, daß wir wohl mit Zittern an ihn denken mochten. Aber unser geliebter Erlöser hat uns, was Gott ist, in einer Weise gezeigt, wie arme unwissende Leute es verstehen können; er hat uns gezeigt, was Gottes Herz ist, was er für uns empfindet.

»Aber laßt uns etwas genauer zusehen, warum Jesus auf Erden kam. Ein andermal hat er gesagt: »ich bin gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist,« und wiederum: »Ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.«

»Die Verlorenen! Die Sünder . . . ach, geliebte Freunde, geht das auf euch und mich?«

Durch den Zauber von Dinas weicher heller Stimme, die so reich moduliert war wie ein schönes Instrument, war der Reisende wider Willen gefesselt. Wie eine altbekannte Melodie uns mit neuem Gefühl ergreift, wenn sie von einer reinen Knabenstimme ertönt, so schienen ihm die einfachen Sachen, die sie sagte, wie ganz neu; die ruhige Tiefe der Überzeugung, mit der sie sprach, schien in sich selbst ein Beweis für die Wahrheit ihrer Botschaft. Er sah, daß sie ihre Zuhörer vollständig gefesselt hielt. Die Bauern aus dem Dorfe hatten sich näher an sie herangedrängt, und auf allen Gesichtern sah man nur die ernsteste Aufmerksamkeit. Sie sprach langsam, obschon ganz fließend; nach einer Frage oder vor einem Übergange hielt sie oft inne. Ihre Haltung war immer dieselbe, sie rührte kein Glied; die Wirkung ihrer Rede beruhte lediglich auf dem Wechsel ihrer Stimme, und die Frage: »wird Gott für uns sorgen, wenn wir sterben?« sprach sie in solch einem Tone klagender Mahnung, daß manchen der Verhärtesten die Thränen in die Augen kamen. Nicht mehr zweifelte der Fremde, wie er zuerst gethan, daß sie die Aufmerksamkeit ihrer einfachen Zuhörer fesseln könne, aber noch fragte er sich im Stillen, ob sie die Kraft haben würde, jene heftigeren Erregungen zu bewirken, welche ihren Beruf als Methodisten-Predigerin notwendig beglaubigen mußten; da kam sie an die Worte: »die Verlorenen, die Sünder!« und nun trat in Stimme und Vortrag eine große Veränderung ein. Vor diesem Ausruf hatte sie eine lange Pause gemacht, und während derselben schien sie, wie das Spiel ihrer Züge verriet, von heftigen Gedanken bewegt. Ihr blasses Gesicht wurde noch blässer; die Ringe unter ihren Augen vertieften sich, wie wenn Thränen sich sammeln ohne zu fließen, und die milden lieben Augen nahmen einen Ausdruck erschütternden Mitleids an, als sähe sie plötzlich über den Häuptern ihrer Zuhörer einen Engel der Zerstörung lauern. Ihre Stimme wurde tief und bedeckt, aber noch immer blieben Arme und Hände ruhig. Sie hatte nicht das Geringste von der gewöhnlichen Art religiöser Schwärmer; sie predigte nicht wie sie's von andern gehört hatte, sondern sprach unmittelbar aus eigenster Empfindung, unter der Eingebung ihres eigenen einfachen Glaubens.

Aber nun war sie in einem neuen Strome von Empfindungen. Ihre Haltung wurde unruhiger, ihre Sprache schneller und belebter, als sie den Leuten ihre Schuld ans Herz zu legen suchte, ihre trotzige Verstocktheit, ihren Ungehorsam gegen Gott, – als sie sich verbreitete über die Abscheulichkeit der Sünde, die Heiligkeit des Höchsten und die Leiden des Erlösers, durch die ihnen ein Weg zur Rettung geöffnet sei. Endlich schien es, als sei es ihr in dem heißen Verlangen, die Verirrten wieder zu sammeln, nicht genug, ihre Zuhörer im ganzen anzureden. Sie wandte sich bald an den einen, bald an den andern, beschwor sie mit Thränen, sich zu Gott zu wenden, so lange es noch Zeit sei, schilderte ihnen den trostlosen Zustand ihrer Seelen, die in Sünden verloren von der schalen Kost dieser elenden Welt lebten und sich weit von Gott ihrem Vater entfernt hätten, und schilderte ihnen dagegen die Liebe des Erlösers, welcher warte und harre, daß sie zu ihm kämen.

Ihre methodistischen Brüder hatten schon mit manchem Seufzer und Schluchzen geantwortet, aber ein Bauernkopf fängt nicht so leicht Feuer, und etwas allgemeine Angst, die bald wieder verfliegen konnte, war bis jetzt die einzige Wirkung, welche Dinas Predigt bei den Bauern hervorgebracht hatte. Doch blieben sie alle am Platz, nur die Kinder gingen fort und der alte Vater Taft, der vor Taubheit vieles nicht verstehen konnte. Borsten-Ben war es nicht ganz geheuer zu Mute, und er wünschte beinahe, er hätte Dina gar nicht angehört; er glaubte, ihre Worte würden ihn verfolgen wie ein Geist. Und doch konnte er es nicht lassen, sie anzusehen und anzuhören, obschon er jeden Augenblick fürchtete, sie würde ihre Blicke auf ihn heften und ihre Worte an ihn richten. Den Zimmermann Hans, der gerade seine Frau abgelöst hatte und sein Jüngstes im Arm hielt, hatte sie schon angeredet, und der große weichmütige Mann hatte sich ein paar Thränen mit der Faust aus dem Gesicht gewischt und sich den Entschluß klar zu machen gesucht, er wolle sich bessern, weniger ins Wirtshaus gehen und sich Sonntags reinlicher halten.

Grade vor ihm stand Schmieds Lieschen, die von Beginn der Predigt an eine ungewöhnliche Ruhe und Aufmerksamkeit gezeigt hatte. Nicht etwa weil der Inhalt sie sofort gefesselt hätte; vielmehr verlor sie sich in Verwunderung und Nachsinnen, was für Vergnügen und Genuß das Leben einem Mädchen bieten könne, die eine Haube trage wie Dina; dann verzweifelte sie an der Lösung dieses Rätsels und legte sich darauf, Dina's Augen, Nase, Mund und Haar zu studieren und sich klar zu machen, was besser sei, solch ein blasses Gesicht wie das, oder dicke rote Backen und runde schwarze Augen wie ihre eigenen. Aber allmählich teilte sich ihr die allgemeine ernste Aufmerksamkeit mit, und sie achtete auf Dina´s Worte. Die sanfteren Klänge, das liebevolle Zureden rührten sie nicht, aber bei den stärkeren Mahnungen wurde ihr angst und bang. Das arme Lieschen hatte immer für einen kleinen Nichtsnutz gegolten und sie wußte das; wenn es wirklich nötig war, sehr gut zu sein, dann, fühlte sie, war sie sicher übel dran. Beim Gottesdienst konnte sie sich in der Bibel nicht zurechtfinden, und wenn sie dem Pastor ihren Knix machte, hatte sie oft gekichert, und zu diesen kirchlichen Anstößigkeiten kamen noch einige entsprechende moralische Mängel: Lieschen nämlich gehörte unstreitig zu den unordentlichen und unsaubern Mädchen, mit denen man allenfalls wagen kann, »´n Ei, ´nen Apfel oder ´ne Nuß« zu essen. Alles dessen war sie sich im allgemeinen bewußt und bisher hatte sie sich nicht besonders darüber geschämt. Aber jetzt wurde es ihr grade im Sinne, als faßte sie der Konstabler beim Kragen und brächte sie wegen irgend eines unbestimmten Vergehens vor den Richter. In ihrem erschreckten Gemüt hatte sie den Eindruck, daß der liebe Gott, den sie sich immer recht weit entfernt vorgestellt hatte, ihr sehr nahe sei und daß der Herr Jesus sie ganz scharf ansehe, obgleich sie ihn nicht sehen könne. Denn Dina hatte jenen Glauben an sichtbare Erscheinungen Christi, der unter den Methodisten verbreitet ist, und verstand ihn auch ihren Zuhörern unwiderstehlich einzuflößen; sie gab ihnen das Gefühl, daß er leibhaftig unter ihnen sei und sich jeden Augenblick in einer Weise zeigen könne, die ihnen Entsetzen und Reue ins Herz jage.

»Seht!« rief sie aus und wandte ihre Augen nach links auf einen Punkt über den Häuptern der Leute, »seht, wie der Gesegnete des Herrn dort steht und weint und seine Arme nach euch ausstreckt. Höret, wie er sagt: »Wie oft habe ich euch versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!« Und ihr habt nicht gewollt,« wiederholte sie in einem Tone vorwurfsvoller Klage, indem sie wieder die Leute anblickte. »Sehet die Nägelmale an seinen geliebten Händen und Füßen. Eure Sünden sind es, die sie gemacht haben! Ach, wie blaß und kümmerlich er aussieht! Er hat den bittern Kampf im Garten Gethsemane bestanden, wo seine Seele betrübt war bis in den Tod und sein Schweiß war wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde. Sie haben ihn angespieen und mit Fäusten geschlagen, sie haben ihn gegeißelt und verspottet, auf seine wunden Schultern haben sie ihm das schwere Kreuz gelegt und ihn dann an das Kreuz genagelt. Ach, welch bittres Leiden! Seine Lippen verschmachten vor Durst und noch immer verspotten sie ihn in seinem schweren Todeskampfe; aber mit diesen verschmachtenden Lippen betet er für sie: »Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.« Dann kam ein Schrecken über ihn wie eine große Finsternis, und er empfand, was Sünder empfinden, wenn sie für immer von Gottes Angesicht verwiesen werden. Das war der letzte Tropfen in dem Leidenskelche. »Mein Gott, mein Gott,« rief er aus, »warum hast du mich verlassen?«

»All dieses trug er für euch! für euch, und ihr denkt nie an ihn; für euch, und ihr kehrt ihm den Rücken, ihr bekümmert euch nicht darum, was er für euch gelitten. Und doch wird er nicht müde, für euch zu wirken: er ist von den Toten auferstanden, er bittet für euch zur rechten Hand Gottes: »Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.« Und hier auf der Erde ist er auch, er ist unter uns, er ist da nahe bei euch, ich sehe die Wunden seines Leibes und seinen Blick voll Liebe.«

Hier wandte sich Dina an Schmieds Lieschen, deren hübsches junges Gesicht und eitles Wesen ihr Mitleid einflößte.

»Armes Kind! armes Kind! Er richtet seine Bitten auch an dich und du willst ihn nicht hören. An Ohrringe denkst du und schöne Kleider und Mützen, aber an den Erlöser denkst du nimmer, der für dich gestorben ist, um deine teure Seele zu retten. Dereinst werden deine Wangen eingefallen sein, dein Haar ergraut, dein kleiner Leib mager und kraftlos! Dann wirst du anfangen zu fühlen, daß deine Seele nicht gerettet ist; dann wirst du vor Gott stehen müssen, gekleidet in deine Sünden, deine bösen Launen und eitlen Gedanken. Und Jesus, der jetzt bereit ist, dir zu helfen, wird dir dann nicht helfen; du willst ihn nicht zum Erlöser haben, – so wird er dein Richter sein. Jetzt blickt er mit Liebe und Erbarmen dich an und spricht: »Komm zu mir, daß du Leben haben mögest;« dann aber wird er sich von dir abwenden und sagen: »Weiche von mir in die ewige Verdammnis!«

Des armen Lieschens weitgeöffnete Augen begannen sich mit Thränen zu füllen, ihre großen roten Wangen und Lippen wurden ganz blaß, und sie verzerrte das Gesicht wie ein kleines Kind, das weinen will.

»Ach, du armes verblendetes Kind!« fuhr Dina fort, »wenn es dir nun ginge, wie einst einer Dienerin des Herrn in den Tagen ihrer Eitelkeit! Sie dachte stets nur an ihre Spitzenhauben und gab alles Geld dafür aus; sie dachte nicht daran, wie sie ein reines Herz bekäme und den rechten Geist; ihr ganzer Wunsch war nur, bessere Spitzen zu haben als andere Mädchen. Und eines Tags, als sie sich eine neue Haube aufsetzte und in den Spiegel blickte, da sah sie ein blutendes Antlitz mit einer Dornenkrone auf dem Haupte. Und das Antlitz« – hier zeigte Dina auf einen Punkt dicht vor Lieschen – dasselbe Antlitz blickt jetzt dich an. O leg' sie ab, diese weltlichen Thorheiten! Wirf sie weit von dir, als wären es stechende Nattern. Es sind stechende Nattern für dich, sie vergiften dir die Seele, sie zerren dich hinunter in einen finstern bodenlosen Abgrund, wo du sinken wirst immer tiefer und tiefer und tiefer, immer weiter von Gott und seinem Lichte.«

Länger konnte es Lieschen nicht aushalten: ein großer Schrecken kam über sie, sie riß sich die Ohrringe aus und warf sie laut schluchzend vor sich nieder. Ihrem Vater erschien diese Wirkung auf seine störrige Tochter wie ein wahres Wunder, er bekam Angst, daß es »auch über ihn herginge,« und machte sich schleunigst weg, um sich bei seinem Ambos wieder zu erholen. »Hufeisen müssen die Leute doch haben, mag die predigen, was sie will; dafür kann mir der Teufel nichts anhaben,« so brummte er in sich hinein.

Aber nun fing Dina an, von den Freuden zu erzählen, die auf den reuigen Sünder warten und in ihrer einfachen Art, den Frieden Gottes und die Fülle der Liebe zu schildern, die in gläubigen Herzen wohnt, – wie das Gefühl dieser Liebe Armut zu Reichtum verkehrt und die Seele stillt, daß kein störendes Verlangen sie quälen, keine Furcht sie schrecken kann; wie zuletzt selbst die Versuchung zur Sünde erlischt und ein Himmel auf Erden ist, weil keine Wolke zwischen der Seele steht und Gott dem Herrn, ihrer ewigen Sonne.

»Liebe Freunde,« sagte sie zum Schluß, »Brüder und Schwestern, die ich liebe als solche, für die mein Herr gestorben ist, glaubet mir, ich weiß, was diese große Seligkeit ist, und weil ich es weiß, so möchte ich, daß auch ihr derselben teilhaftig würdet. Ich bin arm wie ihr; ich lebe von meiner Hände Arbeit, aber kein Reicher und Vornehmer kann so glücklich sein wie ich, wenn er nicht die Liebe Gottes im Herzen trägt. Denket doch, was das heißt – nichts zu hassen als die Sünde; voll Liebe zu sein zu jeder Kreatur; vor nichts sich zu fürchten; die Gewißheit zu haben, daß alles sich zum Guten wenden muß; kein Leiden zu fühlen, weil es unsres Vaters Wille ist; zu wissen, daß nichts – nein, nichts, und wenn die Erde in Feuer aufginge oder die Wasser über uns kämen und uns ertränkten – nichts uns scheiden kann von Gott, der uns liebt und unsre Seelen mit Friede und Freude füllt, weil wir gewiß sind, daß, was er will, heilig ist und gerecht und gut.

»Liebe Freunde, kommt und werdet dieser Seligkeit teilhaftig; sie wird euch geboten, sie ist die frohe Botschaft, die Jesus den Armen zu verkündigen kam. Sie ist nicht wie die Schätze dieser Welt, daß, je mehr der eine hat, der andere desto weniger bekäme. Gott ist ohne Ende, seine Liebe ohne Ende –

»Sie strömt so weit die Schöpfung reicht.
Und Fülle ist bereit,
Genug für all' und jedermann,
Genug in Ewigkeit.«

Dina hatte eine volle Stunde gesprochen, und das rötliche Licht des scheidenden Tages schien ihren Schlußworten einen feierlichen Nachdruck zu geben. Der Fremde, den der Verlauf ihrer Rede gefesselt hatte, als sähe er ein Drama sich abwickeln – denn in jeder wahren Beredsamkeit, welche das innere Gefühlsleben des Redenden aufdeckt, ist ein Zauber – der Fremde wandte jetzt sein Pferd und ritt weiter, während Dina sagte: »laßt uns etwas singen, liebe Freunde!« und als er den Abhang hinunterritt, drangen noch die Stimmen der methodistischen Gemeinde an sein Ohr, die mit jener seltsamen Mischung von Erhebung und Trauer, wie sie geistlichem Gesänge eigen ist, sich hoben und senkten.

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