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Adam Bede - Erster Band

George Eliot: Adam Bede - Erster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
projectidea1003d2
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Vorwort

Der nachstehende Roman hat im Original einen der bedeutendsten Erfolge gehabt, welche die englische Roman-Litteratur in diesem Jahrhundert der Bulwer, Dickens und Thackeray kennt. In dem einen Jahre, seitdem er erschienen, sind sieben Auflagen nötig geworden. Ein solcher Erfolg würde an sich zur Einführung beim deutschen Publikum berechtigen. Der innere Wert stellt diese Berechtigung vollends außer Zweifel.

Wenn nicht die erweiterte Anwendung von Bezeichnungen, die in ihrer Ursprünglichkeit scharf charakteristisch sind und daher nur ein kleines Gebiet umfassen, immer ihre Bedenken hätte, so könnte man versucht sein, diesen Roman eine englische Dorfgeschichte zu nennen. Anlage und Untergrund des darin gezeichneten Gemäldes sind durchaus im Charakter der Dorfgeschichten, und der knappe Rahmen, in welchem es gehalten ist, entspricht demselben ebenfalls. Auf dem Grunde und unter den Bedingungen ländlichen Lebens bewegt sich die Erzählung, nur für einen kurzen Augenblick verläßt die Geschichte das abgelegene Kirchspiel, in welchem sie sich vollzieht, und die Schilderung dörflicher Zustände nimmt einen großen Raum ein. Aber nach Seiten der psychologischen Entwicklung geht der vorliegende Roman so weit über die Art der Dorfgeschichten hinaus, daß diese Bezeichnung nicht als erschöpfend geltend kann und nur in einer Beziehung einen annähernden Maßstab für die richtige Würdigung an die Hand giebt.

Die ländlichen Verhältnisse nämlich, an sich klein und unbedeutend, gewinnen Fülle und Interesse nur durch die genaue Schilderung des einzelnen. In dieser liebevollen Detailmalerei leistet der Roman »Adam Bede« bewunderungswürdiges; an Frische und Durchsichtigkeit der Darstellung braucht er keinen Vergleich zu scheuen; die Scenerie und die Personen stehen in lebensvoller Unmittelbarkeit vor unsern Augen.

Mit gleichem Scharfblick erfaßt das Künstlerauge der Verfasserin – denn es ist das Werk einer Frau, womit wir es zu thun haben – die psychologischen Vorgänge und mit gleicher Wahrheit und Treue stellt sie dieselben dar. In die innerste Werkstatt der Seele blickt sie wie wenige; die kleinen Kunstgriffe, mit denen menschliche Schwäche sich selber täuscht, weiß sie aufzudecken und den Irrgängen genußsüchtiger Eitelkeit nachzugehen; für tüchtigen Menschenverstand und gesunden Humor hat sie den frisch empfänglichsten Sinn und dem Mittelschlag sanfterer Gemüter wird sie gerecht; die harten Kämpfe, in denen ein starker Charakter sich läutert, sind ihr vertraut, und für eine Natur, die ohne Kampf nichts ist als aufopfernde Hingebung, hat sie das liebevollste Verständnis.

Die künstlerische Komposition endlich wird gewiß vor der Strenge unserer ästhetischen Kritik bestehen; die Grundsätze, welche Goethe und Schiller über den Charakter epischer Dichtung und die Bedeutung der retardierenden Momente für dieselbe aufgestellt haben, müssen der Verfasserin von Natur eigen sein oder durch Studium eigen geworden sein; wer ihren Roman mit Beziehung auf dieselben liest, wird die Übereinstimmung ihrer Praxis mit jener Theorie nicht verkennen.

Die Einsicht in diese Vorzüge des Romans, auf die ich hier einleitend aufmerksam mache, ist mir, wie ich hinzufügen muß, erst bei der eingehenden Beschäftigung, die eine Übersetzung mit sich bringt, aufgegangen und hat sich je länger je mehr gesteigert und verstärkt. Mein Lob soll daher niemanden bestechen, nur gegen vorschnelles Urteil abmahnen.

Eine möglichst durchgängige Begleitung des Textes mit erläuternden Anmerkungen habe ich als störend unterlassen. Der Unterschied zwischen der Stellung unserer freien deutschen Bauern und der der Pächter in England tritt in dem Roman selbst klar genug hervor. Das methodistische Element, welches in demselben eine so große Rolle spielt, wird der deutsche Leser zur Erleichterung des Verständnisses als im wesentlichen gleichbedeutend mit Pietismus im guten Sinne auffassen dürfen.

In der Übersetzung hat ein großer Reiz des Originals – der häufige Gebrauch des provinziellen Dialekts (der Grafschaft Northumberland) – verschwinden müssen, weil mit einer entsprechenden Übertragung des Sprachlichen auch die Geschichte selbst in eine deutsche Provinz verlegt wäre. Bei diesem notwendigen Opfer möchte ich andere um so lieber vermieden haben, als uns Deutschen, die wir so viel aus fremden Litteraturen übersetzen, eine Besserung in dieser Beziehung dringend not thut: die schülerhaften, von Unkenntnis des Englischen strotzenden, Form und Geist der eigenen deutschen Sprache mißhandelnden Übersetzungen, von denen die glänzenden Schriften von Dickens, die ergreifenden Schilderungen von Currer Bell und die von feinster Poesie angehauchten Seelengemälde Thackeray's sich haben heimsuchen lassen müssen, sind eben so viele – ich weiß nicht, ob schwerere internationale oder ästhetische Sünden.

Julius Frese.

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