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Johann Wolfgang von Goethe: Achilleis - Kapitel 1
Quellenangabe
type
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleAchilleis
publisherbtb
seriesSämtliche Werke
volume6.1
printrun1. Auflage
year2006
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Johann Wolfgang von Goethe

Achilleis

Erster Gesang

Hoch zu Flammen entbrannte die mächtige Lohe noch einmal,
Strebend gegen den Himmel, und Ilios Mauern erschienen
Rot, durch die finstere Nacht; der aufgeschichteten Waldung
Ungeheures Gerüst, zusammenstürzend, erregte
Mächtige Glut zuletzt. Da senkten sich Hektors Gebeine
Nieder, und Asche lag der edelste Troer am Boden.

Nun erhob sich Achilleus vom Sitz vor seinem Gezelte,
Wo er die Stunden durchwachte, die nächtlichen, schaute der Flammen
Fernes, schreckliches Spiel und des wechselnden Feuers Bewegung,
Ohne die Augen zu wenden von Pergamos rötlicher Veste.
Tief im Herzen empfand er den Haß noch gegen den Toten,
Der ihm den Freund erschlug und der nun bestattet dahin sank.

Aber als nun die Wut nachließ des fressenden Feuers
Allgemach, und zugleich mit Rosenfingern die Göttin
Schmückete Land und Meer, daß der Flammen Schrecknisse bleichten,
Wandte sich, tief bewegt und sanft, der große Pelide
Gegen Antilochos hin und sprach die gewichtigen Worte:
So wird kommen der Tag, da bald von Ilios Trümmern
Rauch und Qualm sich erhebt, von thrakischen Lüften getrieben,
Idas langes Gebirg und Gargaros Höhe verdunkelt;
Aber ich werd' ihn nicht sehen! die Völkerweckerin Eos
Fand mich Patroklos' Gebein zusammenlesend, sie findet
Hektors Brüder anjetzt in gleichem frommem Geschäfte,
Und dich mag sie auch bald, mein trauter Antilochos, finden,
Daß du den leichten Rest des Freundes jammernd bestattest.
Soll dies also nun sein, wie mir es die Götter entbieten;
Sei es! Gedenken wir nun des Nötigen, was noch zu tun ist.
Denn mich soll, vereint mit meinem Freunde Patroklos,
Ehren ein herrlicher Hügel, am hohen Gestade des Meeres
Aufgerichtet, den Völkern und künftigen Zeiten ein Denkmal.
Fleißig haben mir schon die rüstigen Myrmidonen
Rings umgraben den Raum, die Erde warfen sie einwärts,
Gleichsam schützenden Wall aufführend gegen des Feindes
Andrang. Also umgrenzten den weiten Raum sie geschäftig.
Aber wachsen soll mir das Werk! Ich eile die Scharen
Aufzurufen, die mir noch Erde mit Erde zu häufen
Willig sind, und so vielleicht befördr' ich die Hälfte;
Euer sei die Vollendung, wenn bald mich die Urne gefaßt hat.

Also sprach er und ging, und schritt durch die Reihe der Zelte
Winkend jenem und diesem und rufend andre zusammen.
Alle sogleich nun erregt ergriffen das starke Geräte,
Schaufel und Hacke mit Lust, daß der Klang des Erzes ertönte,
Auch den gewaltigen Pfahl, den steinbewegenden Hebel.
Und so zogen sie fort, gedrängt aus dem Lager ergossen,
Aufwärts den sanften Pfad, und schweigend eilte die Menge.
Wie wenn zum Überfall gerüstet nächtlich die Auswahl
Stille ziehet des Heers, mit leisen Tritten die Reihe
Wandelt und jeder die Schritte mißt, und jeder den Atem
Anhält, in feindliche Stadt, die schlechtbewachte, zu dringen:
Also zogen auch sie, und aller tätige Stille
Ehrte das ernste Geschäft und ihres Königes Schmerzen.

Als sie aber den Rücken des wellenbespületen Hügels
Bald erreichten und nun des Meeres Weite sich auftat,
Blickte freundlich Eos sie an, aus der heiligen Frühe
Fernem Nebelgewölk, und jedem erquickte das Herz sie.
Alle stürzten sogleich dem Graben zu, gierig der Arbeit,
Rissen in Schollen auf den lange betretenen Boden,
Warfen schaufelnd ihn fort, ihn trugen andre mit Körben
Aufwärts. In Helm und Schild einfüllen sah man die einen,
Und der Zipfel des Kleids war anderen statt des Gefäßes.

Itzt eröffneten heftig des Himmels Pforten die Horen,
Und das wilde Gespann des Helios brausend erhub sich's.
Rasch erleuchtet' er gleich die frommen Äthiopen,
Welche die äußersten wohnen von allen Völkern der Erde.
Schüttlend bald die glühenden Locken, entstieg er des Ida
Wäldern, um klagenden Troern, um rüst'gen Achaiern zu leuchten.

Aber die Horen indes, zum Äther strebend, erreichten
Zeus Kronions heiliges Haus, das sie ewig begrüßen.
Und sie traten hinein, da begegnete ihnen Hephaistos
Eilig, hinkend und sprach auffordernde Worte zu ihnen:
Trügliche! Glücklichen schnelle, den Harrenden langsame! hört mich!
Diesen Saal erbaut' ich, dem Willen des Vaters gehorsam,
Nach dem göttlichen Maß des herrlichsten Musengesanges;
Sparte nicht Gold und Silber, noch Erz, und bleiches Metall nicht;
Und so wie ich's vollendet, vollkommen stehet das Werk noch,
Ungekränkt von der Zeit. Denn hier ergreift es der Rost nicht,
Noch erreicht es der Staub, des irdischen Wandrers Gefährte.
Alles hab' ich getan was irgend schaffende Kunst kann.
Unerschütterlich ruht die hohe Decke des Hauses,
Und zum Schritte ladet der glatte Boden den Fuß ein.
Jedem Herrscher folget sein Thron, wohin er gebietet,
Wie dem Jäger der Hund, und goldene wandelnde Knaben
Schuf ich, welche Kronion, den kommenden, unterstützen,
Wie ich mir eherne Mädchen erschuf. Doch alles ist leblos!
Euch allein ist gegeben, den Charitinnen und euch nur,
Über das tote Gebild des Lebens Reize zu streuen.
Auf denn! sparet mir nichts und gießt aus dem heiligen Salbhorn,
Liebreiz herrlich umher, damit ich mich freue des Werkes,
Und die Götter entzückt so fort mich preisen wie Anfangs.
Und sie lächelten sanft, die beweglichen, nickten dem Alten
Freundlich, und gossen umher verschwenderisch Leben und Licht aus,
Daß kein Mensch es ertrüg' und daß es die Götter entzückte.

Also gegen die Schwelle bewegte sich eilig Hephaistos,
Auf die Arbeit gesinnt, denn diese nur regte das Herz ihm.
Da begegnet' ihm Here, von Pallas Athene begleitet,
Sprechend wechselndes Wort; und als den Sohn sie erblickte,
Hielt sie ihn an sogleich und sprach, die göttliche Here:
Sohn, du mangelst nun bald des selbstgefälligen Ruhmes,
Daß du Waffen bereitest, vom Tode zu schützen die Menschen,
Alle Kunst erschöpfend, wie diese dich bittet und jene
Göttin; denn nah ist der Tag, da zeitig der große Pelide
Sinken wird in den Staub, der Sterblichen Grenze bezeichnend.
Schutz nicht ist ihm dein Helm, noch der Harnisch, auch nicht des Schildes
Umfang, wenn ihn bestreiten die finsteren Keren des Todes.

Aber der künstliche Gott Hephaistos sagte dagegen:
Warum spottest du mein, o Mutter, daß ich geschäftig
Mich der Thetis bewies und jene Waffen verfertigt'?
Käme doch gleiches nicht vom Amboß irdischer Männer;
Ja, mit meinem Gerät verfertigte selbst sie ein Gott nicht,
Angegossen dem Leib, wie Flügel den Helden erhebend,
Undurchdringlich und reich, ein Wunder staunendem Anblick.
Denn was ein Gott den Menschen verleiht, ist segnende Gabe,
Nicht wie ein Feindes-Geschenk, das nur zum Verderben bewahrt wird.
Und mir wäre gewiß Patroklos glücklich und siegreich
Wiedergekehrt, wofern nicht Phöbos den Helm von dem Haupt ihm
Schlug, und den Harnisch trennte, so daß der Entblößte dahin sank.
Aber soll es denn sein, und fordert den Menschen das Schicksal,
Schützte die Waffe nicht, die göttlichste, schützte die Aegis
Selbst nicht, die Göttern allein die traurigen Tage davon scheucht.
Doch was kümmert es mich! Wer Waffen schmiedet, bereitet
Krieg und muß davon der Zither Klang nicht erwarten.
Also sprach er und ging und murrte, die Göttinnen lachten.

Unterdessen betraten den Saal die übrigen Götter.
Artemis kam, die frühe, schon freudig des siegenden Pfeiles,
Der den stärksten Hirsch ihr erlegt an den Quellen des Ida.
Auch mit Iris Hermeias, dazu die erhabene Leto,
Ewig der Here verhaßt, ihr ähnlich, milderes Wesens.
Phöbos folgt ihr, des Sehns erfreut sich die göttliche Mutter.
Ares schreitet mächtig heran, behende, der Krieger,
Keinem freundlich, und nur bezähmt ihn Kypris die holde.
Spät kam Aphrodite herbei, die äugelnde Göttin,
Die von Liebenden sich in Morgenstunden so ungern
Trennet. Reizend ermattet, als hätte die Nacht ihr zur Ruhe
Nicht genüget, so senkte sie sich in die Arme des Thrones.

Und es leuchtete sanft die Hallen her, Wehen des Äthers
Drang aus den Weiten hervor, Kronions Nähe verkündend.
Gleich nun trat er heran, aus dem hohen Gemach, zur Versammlung,
Unterstützt durch Hephaistos' Gebild. So gleitet' er herrlich
Bis zum goldenen Thron, dem künstlichen, saß, und die andern
Stehenden neigten sich ihm, und setzten sich, jeder gesondert.
Munter eilten sogleich die schenkbefliss'nen, gewandten
Jugendgötter hervor, die Charitinnen und Hebe,
Spendeten rings umher des reichen, ambrosischen Gischtes,
Voll, nicht überfließend, Genuß den Uranionen.
Nur zu Kronion trat Ganymed, mit dem Ernste des ersten
Jünglingsblickes im kindlichen Aug', und es freute der Gott sich,
Also genossen sie still die Fülle der Seligkeit alle.

Aber Thetis erschien, die göttliche, traurendes Blickes,
Vollgestaltet und groß, die lieblichste Tochter des Nereus,
Und zu Here sogleich gewendet sprach sie das Wort aus:
Göttin, nicht weggekehrt empfange mich! Lerne gerecht sein!
Denn ich schwör' es bei jenen, die, unten im Tartarus wohnend,
Sitzen um Kronos umher und über der stygischen Quelle,
Späte Rächer dereinst des falsch gesprochenen Schwures:
Nicht her bin ich gekommen, damit ich hemme des Sohnes
Nur zu gewisses Geschick, und den traurigen Tag ihm entferne;
Nein, mich treibet herauf aus des Meeres Purpurbehausung
Unbezwinglicher Schmerz, ob in der olympischen Höhe
Irgend ich lindern möchte die jammervolle Beängstung.
Denn mich rufet der Sohn nicht mehr an, er stehet am Ufer,
Mein vergessend, und nur des Freundes sehnlich gedenkend,
Der nun vor ihm hinab in des Aïs dunkle Behausung
Stieg, und dem er sich nach selbst hin zu den Schatten bestrebet.
Ja, ich mag ihn nicht sehn, nicht sprechen. Hülf' es, einander
Unvermeidliche Not zusammen jammernd zu klagen?

Heftig wandte Here sich um, und fürchterlich blickend
Sprach sie, voller Verdruß, zur Traurigen kränkende Worte:
Gleisnerin, unerforschte, dem Meer gleich, das dich erzeugt hat!
Trauen soll ich? und gar mit freundlichem Blick dich empfangen?
Dich, die tausendfach mich gekränkt, wie sonst, so vor kurzem,
Die mir die edelsten Krieger zum Tod befördert, um ihres
Sohns unerträglichem Sinn, dem unvernünft'gen, zu schmeicheln.
Glaubst du, ich kenne dich nicht und denke nicht jenes Beginnens,
Da dir als Bräutigam schon Kronion herrlich hinabstieg,
Mich, die Gattin und Schwester, verließ, und die Tochter des Nereus
Himmelskönigin hoffte zu sein, entzündet von Hochmut?
Doch wohl kehrt' er zurück, der Göttliche, von des Titanen
Weiser Sage geschreckt, der aus dem verdammlichen Bette
Ihm den gefährlichsten Sohn verkündet. Prometheus verstand es!
Denn von dir und dem sterblichen Mann ist entsprungen ein Untier,
An der Chimära statt und des erdeverwüstenden Drachens.
Hätt' ein Gott ihn gezeugt, wer sicherte Göttern den Äther?
Und wie jener die Welt, verwüstete dieser den Himmel.
Und doch seh' ich dich nie herannahn, daß nicht, erheitert,
Dir der Kronide winkt und leicht an der Wange dir streichelt;
Ja, daß er alles bewilligt, der schreckliche, mich zu verkürzen.
Unbefriedigte Lust welkt nie in dem Busen des Mannes!

Und die Tochter versetzte des wahrhaft sprechenden Nereus:
Grausame! welcherlei Rede versendest du! Pfeile des Hasses!
Nicht verschonst du der Mutter Schmerz, den schrecklichsten aller,
Die das nahe Geschick des Sohnes, bekümmert, umher klagt.
Wohl erfuhrest du nicht wie dieser Jammer im Busen
Wütet des sterblichen Weibes, so wie der unsterblichen Göttin.
Denn, von Kronion gezeugt, umwohnen dich herrliche Söhne,
Ewig rüstig und jung, und du erfreust dich der hohen.
Doch du jammertest selbst, in ängstliche Klagen ergossen,
Jenes Tags, da Kronion, erzürnt, den treuen Hephaistos,
Deinetwegen, hinab auf Lemnos Boden geschleudert;
Und der Herrliche lag, an dem Fuße verletzt, wie ein Erdsohn.
Damals schrieest du laut zu den Nymphen der schattigen Insel,
Riefest den Päan herbei und wartetest selber des Schadens.
Ja, noch jetzt betrübt dich der Fehl des hinkenden Sohnes.
Eilt er geschäftig umher, wohlwollend, daß der den Göttern
Reiche des köstlichen Tranks, und trägt er die goldene Schale
Schwankend, ernstlich besorgt, damit er nicht etwa vergieße,
Und unendlich Gelächter entsteht von den seligen Göttern:
Immer zeigst du allein dich ernst und nimmst dich des Sohns an.
Und ich suchte mir nicht des Jammers gesellige Lindrung
Heute, da mir der Tod des herrlichen, einz'gen bevorsteht?
Denn mir hat es zu fest der graue Vater verkündet,
Nereus, der wahre Mund, des Künftigen göttlicher Forscher,
Jenes Tages als ihr, versammelt, ihr ewigen Götter,
Mir das erzwungene Fest, des sterblichen Mannes Umarmung,
In des Pelions Wäldern, herniedersteigend, gefeiert.
Damals kündete gleich der Greis mir den herrlichen Sohn an,
Vorzuziehen dem Vater, denn also wollt' es das Schicksal;
Doch er verkündet zugleich der traurigen Tage Verkürzung.
Also wälzten sich mir die eilenden Jahre vorüber,
Unaufhaltsam, den Sohn zur schwarzen Pforte des Aïs
Drängend. Was half mir die Kunst und die List? was die läuternde Flamme?
Was das weibliche Kleid? Den Edelsten rissen zum Kriege
Unbegrenzte Begier nach Ruhm und die Bande des Schicksals.
Traurige Tage hat er verlebt, sie gehen zu Ende
Gleich. Mir ist sie bekannt des hohen Geschickes Bedingung.
Ewig bleibt ihm gesicherter Ruhm, doch die Waffen der Keren
Drohen ihm nah und gewiß, ihn rettete selbst nicht Kronion.
Also sprach sie und ging und setzte sich Leto zur Seite,
Die ein mütterlich Herz vor den übrigen Uranionen
Hegt im Busen, und dort genoß sie die Fülle des Schmerzens.

Ernst nun wandte Kronion und mild sein göttliches Antlitz
Gegen die Klagende hin, und väterlich also begann er:
Tochter, sollt' ich von dir der Lästerung heftige Worte
Jemals im Ohre vernehmen! wie sie ein Titan wohl im Unmut
Ausstößt gegen die Götter, die hoch den Olympos beherrschen.
Selber sprichst du dem Sohn das Leben ab, töricht verzweifelnd;
Hoffnung bleibt mit dem Leben vermählt, die schmeichelnde Göttin,
Angenehm vor vielen, die als getreue Dämonen
Mit den sterblichen Menschen die wechselnden Tage durchwallen.
Ihr verschließt sich nicht der Olymp, ja selber des Aïs
Grause Wohnung eröffnet sich ihr, und das eherne Schicksal
Lächelt, wenn sie sich ihm, die Holde, schmeichlerisch andrängt.
Gab doch die undurchdringliche Nacht Admetos' Gemahlin
Meinem Sohne zurück, dem unbezwingbaren? Stieg nicht
Protesilaos herauf die traurende Gattin umfangend?
Und erweichte sich nicht Persephone, als sie dort unten
Hörte des Orpheus Gesang und unbezwingliche Sehnsucht?
Ward nicht Asklepios' Kraft von meinem Strahle gebändigt,
Der, verwegen genug, die Toten dem Leben zurückgab?
Selbst für den Toten hofft der Lebende. Willst du verzweifeln,
Da der Lebendige noch das Licht der Sonne genießet?
Nicht ist fest umzäunt die Grenze des Lebens; ein Gott treibt,
Ja, es treibet der Mensch sie zurück die Keren des Todes.
Darum lass' mir nicht sinken den Mut! bewahre vor Frevel
Deine Lippen und schleuß dem feindlichen Spotte dein Ohr zu.
Oft begrub schon der Kranke den Arzt, der das Leben ihm kürzlich
Abgesprochen, genesen und froh der beleuchtenden Sonne.
Dränget nicht oft Poseidon den Kiel des Schiffes gewaltig
Nach der verderblichen Syrt' und spaltet Planken und Ribben?
Gleich entsinket das Ruder der Hand, und des berstenden Schiffes
Trümmer, von Männern gefaßt, zerstreuet der Gott in den Wogen.
Alle will er verderben, doch rettet manchen der Dämon.
So auch weiß, mich dünkt, kein Gott noch der Göttinnen erste,
Wem von Ilios Feld Rückkehr nach Hause bestimmt sei.

Also sprach er und schwieg; da riß die göttliche Here
Schnell vom Sitze sich auf und stand, wie ein Berg in dem Meer steht,
Dessen erhabene Gipfel des Äthers Wetter umleuchten.
Zürnend sprach sie und hoch, die Einzige, würdiges Wesens:
Schrecklicher, wankend Gesinnter! was sollen die täuschenden Worte?
Sprächest du mich zu reizen etwa? und dich zu ergötzen,
Wenn ich zürne, mir so vor den Himmlischen Schmach zu bereiten?
Denn ich glaube wohl kaum, daß ernstlich das Wort dir bedacht sei.
Ilios fällt! du schwurst es mir selbst, und die Winke des Schicksals
Deuten alle dahin, so mag denn auch fallen Achilleus!
Er, der beste der Griechen, der würdige Liebling der Götter.
Denn wer im Wege steht dem Geschick, das dem endlichen Ziele
Furchtbar zueilt, stürzt in den Staub, ihn zerstampfen die Rosse,
Ihn zerquetschet das Rad des ehernen, heiligen Wagens.
Also acht' ich es nicht, wie viel du auch Zweifel erregest,
Jene vielleicht zu erquicken, die weich sich den Schmerzen dahingibt.
Aber dies sag' ich dir doch und nimm dir solches zu Herzen:
Willkür bleibet ewig verhaßt den Göttern und Menschen,
Wenn sie in Taten sich zeigt, auch nur in Worten sich kund gibt.
Denn so hoch wir auch stehn, so ist der ewigen Götter
Ewigste Themis allein, und diese muß dauren und walten,
Wenn dein Reich dereinst, so spät es auch sei, der Titanen
Übermächtiger Kraft, der lange gebändigten, weichet.

Aber unbewegt und heiter versetzte Kronion:
Weise sprichst du, nicht handelst du so, denn es bleibet verwerflich,
Auf der Erd' und im Himmel, wenn sich der Genosse des Herrschers
Zu den Widersachern gesellt, geschäh' es in Taten,
Oder Worten; das Wort ist nahenden Taten ein Herold.
Also bedeut' ich dir dieses, beliebt's, Unruhige, dir noch
Heute des Kronos Reich, da unten waltend, zu teilen;
Steig' entschlossen hinab, erharre den Tag der Titanen,
Der, mich dünkt, noch weit vom Lichte des Äthers entfernt ist.
Aber euch anderen sag' ich es an, noch drängt nicht Verderben
Unaufhaltsam heran, die Mauern Trojas zu stürzen.
Auf denn! wer Troja beschützt, beschütze zugleich den Achilleus,
Und den übrigen steht, mich dünkt, ein trauriges Werk vor,
Wenn sie den trefflichsten Mann der begünstigten Danaer töten.
Also sprechend erhub er vom Thron sich nach seinen Gemächern.
Und von dem Sitze bewegt entfernten sich Leto und Thetis
In die Tiefe der Hallen; des einsamen Wechselgespräches
Traurige Wonne begehrend, und keiner folgte den beiden.
Nun zu Ares gekehrt rief aus die erhabene Here:
Sohn! was sinnest nun du, deß ungebändigte Willkür
Diesen und jenen begünstigt, den einen bald und den andern
Mit dem wechselnden Glück der schrecklichen Waffen erfreuet.
Dir liegt nimmer das Ziel im Sinn, wohin es gesteckt sei,
Augenblickliche Kraft nur und Wut und unendlicher Jammer.
Also denk' ich, du werdest nun bald, in der Mitte der Troer,
Selbst den Achilleus bekämpfen, der endlich seinem Geschick naht,
Und nicht unwert ist von Götterhänden zu fallen.

Aber Ares versetzte darauf, mit Adel und Ehrfurcht:
Mutter, dieses gebiete mir nicht: denn solches zu enden
Ziemte nimmer dem Gott. Es mögen die sterblichen Menschen
Unter einander sich töten, so wie sie des Sieges Begier treibt.
Mein ist sie aufzuregen, aus ferner friedlicher Wohnung,
Wo sie unbedrängt die herrlichen Tage genießen,
Sich um die Gaben der Ceres, der Nährerin, emsig bemühend.
Aber ich mahne sie auf, von Ossa begleitet; der fernen
Schlachten Getümmel erklingt vor ihren Ohren, es sauset
Schon der Sturm des Gefechts um sie her, und erregt die Gemüter
Grenzenlos; nichts hält sie zurück, und in mutigem Drange
Schreiten sie lechzend heran, der Todesgefahren begierig.
Also zieh' ich nun hin, den Sohn der lieblichen Eos,
Memnon, aufzurufen und Äthiopische Völker.
Auch das Amazonengeschlecht, dem Männer verhaßt sind.
Also sprach er und wandte sich ab; doch Kypris, die holde,
Faßt' ihn und sah ihm ins Aug' und sprach mit herrlichem Lächeln:
Wilder, stürmst du so fort! die letzten Völker der Erde
Aufzufordern zum Kampf, der um ein Weib hier gekämpft wird.
Tu' es, ich halte dich nicht! Denn um die schönste der Frauen
Ist es ein werterer Kampf als je um der Güter Besitztum.
Aber errege mir nicht die Äthiopischen Völker,
Die den Göttern so oft die frömmsten Feste bekränzen,
Reines Lebens, ich gab die schönsten Gaben den Guten,
Ewigen Liebesgenuß und unendlicher Kinder Umgebung.
Aber sei mir gepriesen, wenn du unweibliche Scharen
Wilder Amazonen zum Todeskampfe heranführst;
Denn mir sind sie verhaßt, die rohen, welche der Männer
Süße Gemeinschaft fliehn und Pferdebändigerinnen
Jeden reinlichen Reiz, den Schmuck der Weiber entbehren.
Also sprach sie und sah dem Eilenden nach; doch behende
Wandte die Augen sie ab, des Phöbos Wege zu spähen,
Der sich von dem Olympos zur blühenden Erde herabließ,
Dann das Meer durchschritt, die Inseln alle vermeidend,
Nach dem Thymbräischen Tal hineilete, wo ihm ein Tempel
Ernst und würdig stand, von Trojas Völkern umflossen,
Als es Friede noch war, wo alles der Feste begehret.
Aber nun stand er leer und ohne Feier und Wettkampf.
Dort erblickt' ihn die kluge, gewandte Kypris, die Göttin,
Ihm zu begegnen gesinnt, denn mancherlei wälzt' sie im Busen.
Und zu Here sprach die ernste Pallas Athene:
Göttin! du zürnest mir nicht. Ich steige jetzo hernieder,
Jenem zur Seite zu treten, den bald nun das Schicksal ereilet.
Solch ein schönes Leben verdient nicht zu enden in Unmut.
Gern gesteh' ich es dir, vor allen Helden der Vorzeit,
Wie auch der Gegenwart, lag stets mir Achilleus am Herzen;
Ja, ich hätte mich ihm verbunden in Lieb' und Umarmung,
Könnten Tritogeneien die Werke der Kypris geziemen;
Aber wie er den Freund mit gewaltiger Neigung umfaßt hat,
Also halt' ich auch ihn; und so wie er jenen bejammert,
Werd' ich, wenn er nun fällt, den Sterblichen klagen, die Göttin.
Ach! daß schon so frühe das schöne Bildnis der Erde
Fehlen soll! die breit und weit am Gemeinen sich freuet.
Daß der schöne Leib, das herrliche Lebensgebäude,
Fressender Flamme soll dahingegeben zerstieben.
Ach! und daß er sich nicht, der edle Jüngling, zum Manne
Bilden soll. Ein fürstlicher Mann ist so nötig auf Erden.
Daß die jüngere Wut, des wilden Zerstörens Begierde
Sich als mächtiger Sinn, als schaffender, endlich beweise,
Der die Ordnung bestimmt nach welcher sich Tausende richten.
Nicht mehr gleicht der Vollendete dann dem stürmenden Ares,
Dem die Schlacht nur genügt, die männertötende! Nein, er
Gleicht dem Kroniden selbst, von dem ausgehet die Wohlfahrt.
Städte zerstört er nicht mehr, er baut sie; fernem Gestade
Führt er den Überfluß der Bürger zu; Küsten und Syrten
Wimmeln von neuem Volk, des Raums und der Nahrung begierig.
Dieser aber baut sich sein Grab. Nicht kann oder soll ich
Meinen Liebling zurück von der Pforte des Aïs geleiten,
Die er schon forschend umgeht und sucht, dem Freunde zu folgen,
Die ihm, so nahe sie klafft, noch nächtliche Dunkel umhüllen.
Also sprach sie und blickte schrecklich hinaus in den weiten
Äther. Schrecklich blicket ein Gott da wo Sterbliche weinen.

Aber Here versetzte, der Freundin die Schulter berührend:
Tochter, ich teile mit dir die Schmerzen die dich ergreifen;
Denn wir denken ja gleich in vielem, so auch in diesem,
Daß ich vermeide des Mannes Umarmung, du sie verabscheust.
Aber desto geehrter ist stets uns der Würdige. Vielen
Frauen ist ein Weichling erwünscht, wie Anchises der blonde,
Oder Endymion gar, der nur als Schläfer geliebt ward.
Aber fasse dich nun, Kronions würdige Tochter,
Steige hinab zum Peliden und fülle mit göttlichem Leben
Seinen Busen, damit er vor allen sterblichen Menschen
Heute der glücklichste sei, des künftigen Ruhmes gedenkend,
Und ihm der Stunde Hand die Fülle des Ewigen reiche.

Pallas eilig schmückte den Fuß mit den goldenen Sohlen,
Die durch den weiten Raum des Himmels und über das Meer sie
Tragen, schritt so hinaus und durchstrich die ätherischen Räume,
So wie die untere Luft, und auf die Skamandrische Höhe
Senkte sie schnell sich hinab, ans weitgesehene Grabmal
Aesyetes. Nicht blickte sie erst nach der Veste der Stadt hin,
Nicht in das ruhige Feld, daß zwischen des heiligen Xanthos
Immer fließendem Schmuck und des Simois steinigem breitem
Trockenem Bette, hinab nach dem kiesigen Ufer sich strecket.
Nicht durchlief ihr Blick die Reihen der Schiffe, der Zelte,
Spähete nicht im Gewimmel herum des geschäftigen Lagers;
Meerwärts wandte die Göttliche sich, der Sigeische Hügel
Füllt' ihr das Auge, sie sah den rüstigen Peleionen
Seinem geschäftigen Volke der Myrmidonen gebietend.

Gleich der beweglichen Schar Ameisen, deren Geschäfte
Tief im Walde der eilende Tritt des Jägers gestöret,
Ihren Haufen zerstreuend, wie lang er und sorglich getürmt war.
Schnell die gesellige Menge, zu tausend Scharen zerstoben,
Wimmelt sie hin und her, und einzelne Tausende wimmeln,
Jede das Nächste fassend und sich nach der Mitte bestrebend,
Hin nach dem alten Gebäude des labyrinthischen Kegels.
Also die Myrmidonen, sie häuften Erde mit Erde,
Rings von außen den Wall auftürmend, also erwuchs er
Höher, augenblicks, hinauf in beschriebenem Kreise.

Aber Achilleus stand im Grunde des Bechers, umgeben
Rings von dem stürzenden Wall, der um ihn ein Denkmal emporstieg.
Hinter ihn trat Athene, nicht fern, des Antilochos Bildung
Hüllte die Göttin ein, nicht ganz, denn herrlicher schien er.
Bald nun zurückgewandt, erblickte den Freund der Pelide
Freudig, ging ihm entgegen und sprach, die Hand ihm ergreifend:
Trauter, kommst du mir auch das ernste Geschäft zu befördern,
Das der Jünglinge Fleiß mir nah und näher vollbringet?
Sieh! wie rings der Damm sich erhebt und schon nach der Mitte
Sich der rollende Schutt, den Kreis verengend, herandrängt.
Solches mag die Menge vollenden, doch dir sei empfohlen
In der Mitte das Dach, den Schirm der Urne, zu bauen.
Hier! zwei Platten sondert' ich aus, beim Graben gefundne
Ungeheure; gewiß der Erderschüttrer Poseidon
Riß vom hohen Gebirge sie los und schleuderte hierher
Sie, an des Meeres Rand, mit Kies und Erde sie deckend.
Diese bereiteten stelle sie auf, an einander sie lehnend
Baue das feste Gezelt! darunter möge die Urne
Stehen, heimlich verwahrt, fern bis ans Ende der Tage.
Fülle die Lücke sodann des tiefen Raumes mit Erde,
Immer weiter heran, bis daß der vollendete Kegel,
Auf sich selber gestützt, den künftigen Menschen ein Mal sei.
Also sprach er, und Zeus' klaräugige Tochter Athene
Hielt ihm die Hände noch fest, die schrecklichen, denen im Streite
Ungern nahet ein Mann, und wenn er der trefflichste wäre.
Diese drückt sie geschlossen mit göttlicher freundlicher Stärke,
Wiederholend, und sprach die holden erfreuenden Worte:
Lieber, was du gebeutst, vollendet künftig der deinen
Letzter, sei es nun ich, sei auch es ein andrer, wer weiß es.
Aber laß uns sogleich, aus diesem drängenden Kreise
Steigend hinauf, des Walles erhabenen Rücken umschreiten.
Dorten zeigt sich das Meer und das Land und die Inseln der Ferne.
Also sprach sie und regte sein Herz und hob, an der Hand ihn
Führend, leicht ihn hinauf, und also wandelten beide
Um den erhabenen Rand des immer wachsenden Dammes.

Aber die Göttin begann, die blauen glänzenden Augen
Gegen das Meer gewendet, versuchende freundliche Worte:
Welche Segel sind dies, die zahlreich, hinter einander,
Streben dem Ufer zu, in weite Reihe gedehnet?
Diese nahen, mich dünkt, so bald nicht der heiligen Erde,
Denn vom Strande der Wind weht morgendlich ihnen entgegen.

Irret der Blick mich nicht, versetzte der große Pelide,
Trüget mich nicht das Bild der bunten Schiffe, so sind es
Kühne, Phönikische Männer, begierig mancherlei Reichtums.
Aus den Inseln führen sie her willkommene Nahrung,
Zu dem Achaiischen Heer, das lange vermißte die Zufuhr.
Wein und getrocknete Frucht und Herden blökendes Viehes.
Ja, sie sollen gelandet, mich dünkt, die Völker erquicken,
Ehe die drängende Schlacht die neugestärkten heranruft.

Wahrlich! versetzte darauf die bläulich blickende Göttin:
Keinesweges irrte der Mann, der hier an der Küste
Sich die Warte zu schaffen die Seinigen sämtlich erregte,
Künftig ins hohe Meer nach kommenden Schiffen zu spähen,
Oder ein Feuer zu zünden, der Steuernden nächtliches Zeichen.
Denn der weiteste Raum eröffnet hier sich den Augen,
Nimmer leer; ein Schiff begegnet strebenden Schiffen,
Oder folgt. Fürwahr! ein Mann von Okeanos' Strömen
Kommend, und körniges Gold des hintersten Phasis im hohlen
Schiffe führend, begierig nach Tausch, das Meer zu durchstreifen,
Immer würd' er gesehn, wohin er sich wendete. Schifft' er
Durch die salzige Flut des breiten Hellespontos
Nach des Kroniden Wieg' und nach dem Strömen Ägyptos,
Die Tritonische Syrte zu sehen verlangend, vielleicht auch
An dem Ende der Erde die niedersteigenden Rosse
Helios' zu begrüßen und dann nach Hause zu kehren,
Reich mit Waren beladen, wie manche Küste geboten,
Dieser würde gesehn so hinwärts also auch herwärts.
Selbst auch wohnet, mich deucht, dort hinten zu, wo sich die Nacht nie
Trennt von der heiligen Erde, der ewigen Nebel verdrossen,
Mancher entschlossene Mann, auf Abenteuer begierig,
Und er wagt sich ins offene Meer; nach dem fröhlichen Tag zu.
Steuernd gelangt er hieher, und zeigt den Hügel von ferne
Seinen Gesellen und fragt, was hier das Zeichen bedeute.

Und mit heiterem Blick erwiderte froh der Pelide:
Weislich sagst du mir das, des weisesten Vaters Erzeugter!
Nicht allein bedenkend was jetzt dir das Auge berühret,
Sondern das Künftige schauend, und heiligen Sehern vergleichbar.
Gerne hör' ich dich an, die holden Reden erzeugen
Neue Wonne der Brust, die schon so lang ich entbehre.
Wohl wird mancher daher die blaue Woge durchschneiden,
Schauen das herrliche Mal und zu den Ruderern sprechen:
Hier liegt keineswegs der Achaier geringster bestattet,
Denen zurück den Weg der Moiren Strenge versagt hat;
Denn nicht wenige trugen den türmenden Hügel zusammen.

Nein! so redet er nicht, versetzte heftig die Göttin:
Sehet! ruft er entzückt, von fern den Gipfel erblickend,
Dort ist das herrliche Mal des einzigen großen Peliden,
Den so frühe der Erde der Moiren Willkür entrissen.
Denn das sag' ich dir an, ein wahrheitsliebender Seher,
Dem jetzt augenblicks das Künftige Götter enthüllen:
Weit von Okeanos' Strom, wo die Rosse Helios' herführt,
Über den Scheitel sie lenkend, bis hin wo er Abends hinabsteigt,
Ja, so weit nur der Tag und die Nacht reicht, siehe, verbreitet
Sich dein herrlicher Ruhm, und alle Völker verehren
Deine treffende Wahl des kurzen rühmlichen Lebens.
Köstliches hast du erwählt. Wer jung die Erde verlassen,
Wandelt auch ewig jung im Reiche Persephoneias,
Ewig erscheint er jung den Künftigen, ewig ersehnet.
Stirbt mein Vater dereinst, der graue reisige Nestor,
Wer beklagt ihn alsdann? und selbst von dem Auge des Sohnes
Wälzet die Träne sich kaum, die gelinde. Völlig vollendet
Liegt der ruhende Greis, der Sterblichen herrliches Muster.
Aber der Jüngling fallend erregt unendliche Sehnsucht
Allen künftigen auf, und jedem stirbt er aufs Neue,
Der die rühmliche Tat mit rühmlichen Taten gekrönt wünscht.

Gleich versetzte darauf einstimmende Reden Achilleus:
Ja, so schätzt der Mensch das Leben, als heiliges Kleinod,
Daß er jenen am meisten verehrt, der es trotzig verschmähet.
Manche Tugenden gibt's der hohen verständigen Weisheit,
Manche der Treu' und der Pflicht und der alles umfassenden Liebe;
Aber keine wird so verehrt von sämtlichen Menschen
Als der festere Sinn, der, statt dem Tode zu weichen,
Selbst der Keren Gewalt zum Streite mutig heranruft.
Auch ehrwürdig sogar erscheinet künft'gen Geschlechtern
Jener, der nahe bedrängt von Schand' und Jammer, entschlossen
Selber die Schärfe des Erzes zum zarten Leibe gewendet.
Wider Willen folgt ihm der Ruhm; aus der Hand der Verzweiflung
Nimmt er den herrlichen Kranz des unverwelklichen Siegers.

Also sprach er, doch ihm erwiderte Pallas Athene:
Schickliches hast du gesprochen, denn so begegnet's den Menschen.
Selbst den geringsten erhebt der Todesgefahren Verachtung.
Herrlich steht in der Schlacht ein Knecht an des Königes Seite.
Selbst des häuslichen Weibes Ruhm verbreitet die Erde.
Immer noch wird Alkestis, die stille Gattin, genennet
Unter den Helden, die sich für ihren Admetos dahingab.
Aber Keinem steht ein herrlicher größeres Los vor,
Als dem, welcher im Streit unzähliger Männer der erste
Ohne Frage gilt, die hier, Achaiischer Abkunft
Oder heimische Phrygen, unendliche Kämpfe durchstreiten.
Mnemosyne wird eh' mit ihren herrlichen Töchtern
Jener Schlachten vergessen, der ersten göttlichen Kämpfe,
Die dem Kroniden das Reich befestigten, wo sich die Erde,
Wo sich Himmel und Meer bewegten in flammendem Anteil,
Eh' die Erinn'rung verlöschen der argonautischen Kühnheit,
Und Herkulischer Kraft nicht mehr die Erde gedenken,
Als daß dieses Gefild und diese Küste nicht sollten
Künden hinfort zehnjährigen Kampf und die Gipfel der Taten
Und dir war es bestimmt, in diesem herrlichen Kriege,
Der ganz Hellas erregt und seine rüstigen Streiter
Über das Meer getrieben, so wie die letzten Barbaren,
Bundesgenossen der Troer, hieher zum Kampfe gefordert,
Immer der erste genannt zu sein, als Führer der Völker.
Wo sich nun künftig der Kranz der ruhigen Männer versammelt
Und den Sänger vernimmt, in sicherem Hafen gelandet,
Ruhend auf gehauenem Stein von der Arbeit des Ruders
Und vom schrecklichen Kampf mit unbezwinglichen Wellen;
Auch am heiligen Fest um den herrlichen Tempel gelagert
Zeus des Olympiers, oder des fernetreffenden Phöbos,
Wenn der rühmliche Preis den glücklichen Siegern erteilt ward,
Immer wird dein Name zuerst von den Lippen des Sängers
Fließen, wenn er voran des Gottes preisend erwähnte.
Allen erhebst du das Herz, als gegenwärtig, und allen
Tapfern verschwindet der Ruhm sich auf dich Einen vereinend.

Drauf mit ernstem Blick versetzte lebhaft Achilleus:
Dieses redest du bieder und wohl, ein verständiger Jüngling.
Denn zwar reizt es den Mann zu sehn die drängende Menge
Seinetwegen versammelt, im Leben, gierig des Schauens,
Und so freut es ihn auch den holden Sänger zu denken,
Der des Gesanges Kranz mit seinem Namen verflechtet;
Aber reizender ist's sich nahverwandter Gesinnung
Edeler Männer zu freun, im Leben so auch im Tode.
Denn mir ward auf der Erde nichts köstlichers jemals gegeben,
Als wenn mir Ajax die Hand, der Telamonier, schüttelt,
Abends, nach geendigter Schlacht und gewaltiger Mühe,
Sich des Sieges erfreuend und niedergemordeter Feinde.
Wahrlich, das kurze Leben, es wäre dem Menschen zu gönnen
Daß er es froh vollbrächte, vom Morgen bis an den Abend
Unter der Halle sitzend und Speise die Fülle genießend,
Auch dazu den stärkenden Wein, den Sorgenbezwinger,
Wenn der Sänger indes Vergangnes und Künftiges brächte.
Aber ihm ward so wohl nicht jenes Tages beschieden,
Da Kronion erzürnt dem klugen Japetiden,
Und Pandorens Gebild Hephaistos dem König geschaffen;
Damals war beschlossen der unvermeidliche Jammer
Allen sterblichen Menschen, die je die Erde bewohnen.
Denen Helios nur zu trüglichen Hoffnungen leuchtet,
Trügend selbst durch himmlischen Glanz und erquickende Strahlen.
Denn im Busen des Menschen ist stets des unendlichen Haders
Quelle zu fließen geneigt, des ruhigsten Hauses Verderber.
Neid und Herrschsucht und Wunsch des unbedingten Besitzes
Weit verteileten Guts, der Herden, so wie des Weibes,
Die ihm göttlich scheinend gefährlichen Jammer ins Haus bringt.
Und wo rastet der Mensch von Müh' und gewaltigem Streben,
Der die Meere befährt im hohlen Schiffe? die Erde,
Kräftigen Stieren folgend, mit schicklicher Furche durchziehet?
Überall sind Gefahren ihm nah, und Tyche, der Moiren
Älteste, reget den Boden der Erde so gut als das Meer auf.
Also sag' ich dir dies: der Glücklichste denke zum Streite
Immer gerüstet zu sein, und jeder gleiche dem Krieger,
Der von Helios' Blick zu scheiden immer bereit ist.

Lächelnd versetzte darauf die Göttin Pallas Athene:
Laß dies alles uns nun beseitigen! Jegliche Rede,
Wie sie auch weise sei, der erdegeborenen Menschen,
Löset die Rätsel nicht der undurchdringlichen Zukunft.
Darum gedenk' ich besser des Zwecks, warum ich gekommen,
Dich zu fragen, ob du vielleicht mir irgend gebötest,
Dir sogleich zu besorgen das Nötige, wie auch den Deinen.

Und mit heiterem Ernst versetzte der große Pelide:
Wohl erinnerst du mich, der weisere, was es bedürfe.
Mich zwar reizet der Hunger nicht mehr, noch der Durst, noch ein anders
Erdegebornes Verlangen, zur Feier fröhlicher Stunden;
Aber diesen ist nicht, den treu arbeitenden Männern,
In der Mühe selbst der Mühe Labung gegeben.
Forderst du auf der Deinigen Kraft, so mußt du sie stärken
Mit den Gaben der Ceres, die alles Nährende spendet.
Darum eile hinab, mein Freund, und sende des Brotes
Und des Weines genug, damit wir fördern die Arbeit.
Und am Abende soll der Geruch willkommenen Fleisches
Euch entgegendampfen, das erst geschlachtet dahin fiel.
Also sprach er laut; die Seinen hörten die Worte,
Lächelnd unter einander, erquickt vom Schweiße der Arbeit.

Aber hinab stieg Pallas, die göttliche, fliegenden Schrittes
Und erreichte sogleich der Myrmidonen Gezelte,
Unten am Fuße des Hügels, die rechte Seite des Lagers
Treu bewachend; es fiel dies Los dem hohen Achilleus.
Gleich erregte die Göttin die stets vorsichtigen Männer,
Welche die goldene Frucht der Erde reichlich bewahrend
Sie dem streitenden Mann zu reichen immer bereit sind.
Diese nun rief sie an und sprach die gebietenden Worte:
Auf! was säumet ihr nun des Brotes willkommene Nahrung
Und des Weines hinauf den Schwerbemühten zu bringen!
Die nicht heut am Gezelt in frohem Geschwätze versammelt
Sitzen, das Feuer schürend sich tägliche Nahrung bereiten.
Auf, ihr Faulen, schaffet sogleich den tätigen Männern
Was der Magen bedarf; denn allzuoft nur verkürzt ihr
Streitendem Volke den schuldigen Lohn verheißener Nahrung.
Aber, mich dünkt, euch soll des Herrschenden Zorn noch ereilen,
Der den Krieger nicht her um euretwillen geführt hat.
Also sprach sie, und jene gehorchten, verdrossenes Herzens
Eilend, und schafften die Fülle heraus, die Mäuler beladend.








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