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Abschied von München

Oskar Panizza: Abschied von München - Kapitel 1
Quellenangabe
booktitleVerlags-Magazin (J. Schabelitz) in Zürich 1897
titleAbschied von München
sendermacska@MailAndNews.com
created20010228
authorOskar Panizza
typenarrative
firstpub1897
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Oskar Panizza

Abschied von München

Ein Handschlag

»Seit es denkende Menschen gibt, waren Verfolgung, Ketten und Kerker ihr Erbstück, und Sokrates hat sogar den Kerker geadelt. Beynahe ist der Menschenfreund bey Durchlesung so-häufiger Unfälle, zu der harten Vermuthung genöthigt, ob nicht solche der Tugend mit Recht widerfahren. Warum, möchte er rufen, zieht sie sich nicht in sich selbst zurück? Warum hebt sie ihr Haupt empor? Warum drängt sie sich unter diese Klasse von Leuten, in eine so ungleiche Gesellschaft? Sie sollen wissen, daß solchen Menschen ihre zu heterogene Gestalt ein Scheusal sey, und sein müsse.«

A. Weishaupt, Verfolgung der Illuminaten in Bayern. Frankfurt 1786

Meine lieben Münchner!

Ich gehe jetzt von Euch. Wir sind lange beisammen gewesen. Und wie das so geht: man erwirbt sich diese und jene Freunde. Und ich habe deren viele erworben. Ich kann nicht jedem einzelnen Adieu sagen. Und wenn man nicht jedem einzelnen das sagen kann, was man doch allen sagen möchte, dann läßt man heutzutage ’was drucken, setzt es in die Zeitung und dergleichen. Man inseriert eine Annonce und schüttet sein Herz aus. Setzt Euch her zu mir! Wir wollen ein bißchen Konzil halten; ein süß-vertrauliches, liebes Konzil. Ihr habt sowieso noch nie ein Konzil in Euren Mauern gehabt. Nördlicher als Trient hat sich der heilige Geist nicht heraufgewagt. Und doch hättet Ihr es verdient, Ihr, die Ihr wiederholentlich ›die katholische Kirche für Deutschland gerettet‹, habt. Friert es den italienischen heiligen Geist bei Euch? Oder erinnert er sich an das Wort des Eobanus Hessus: »Der Deutschen Geist gefällt den Romanisten nit fast wohl!« Mein Gott! Das käme gerade so heraus, als ob Ihr, die ›Retter der katholischen Kirche‹, deutschen Geist hättet und der spiritus romanus sich nicht zu Euch herauf traute. Diese Schmach sei ferne von Euch! – Ich will aber thun, was in meinen Kräften steht, und, was Euer geistiger Nährvater in Rom bei Euch versäumt, nachholen. Setzt Euch her zu mir! Wir wollen ein bißchen Konzil halten. Ihr sollt nicht lediglich mit Alkohol und Biersuden in der geistigen Geschichte Europas stehen. Ihr sollt Euer Konzil haben. Lauschet! Wir wollen Deutsch reden.

Wo fang ich nun an? Traun, Eure Vergangenheit ist groß und gewaltig. Und Ihr habt Ursache, Euch deshalb in die Brust zu werfen. Einer Salzstätte mit Brückenzoll über die Isar verdankt Ihr Eure Entstehung? Nun, attisches Salz habt Ihr damals gewiß nicht gehandelt. Und wenn man Euch betrachtet, muß man jenen Recht geben, die sagen, es sei Viehsalz gewesen. Doch das macht nichts. Es ist Euch wohl bekommen. Noch heute besteht Eure Stadt aus zwei Drittel Metzgern. Die Fleischer-Innung ist bei Euch die vornehmste. Den halben Süden Deutschlands nebst der Schweiz verseht Ihr mit Euren vortrefflichen Rostbeefs. Und Eure Schlachthäuser sind mustergültig.

Aber wehe, wer Euch mit Euren Fleischermessern mit andern Dingen, als mit Rostbeefs und Kuttelfleck in die Quere kommt! Wehe, wer Euch zumutet, Gedanken zu verdauen! Ihr zerhackt und zermetzgert ihn in der entsetzlichsten Weise. Schon Eure Schimpfnamen ›Düng'selchter‹, ›Dickg'selchter Hanswurst‹ u. a. sind alle der Metzger-Innung entnommen. Bluttriefend muß derjenige von Euch sich zurückziehen, der die frevelhafte Zumutung an Eure Gehirnchen gestellt hatte. Und Eure Rache ist komplett.

Die erste, glänzende Leistung, mit der Ihr nach dieser Richtung in der Geschichte steht, sind die Jahre 1519 – 1521, als durch die Reformation an Euch die ungeheuerliche Zumutung herantrat, zu denken – ermesset! – ohne den Papst, Euren geistigen Nährvater in Rom, in religiösen Dingen zu denken – erstarrt! und Eure Seele zu untersuchen – schaudert! – Wie habt Ihr damals aufs Rad geflochten und Eure Messerchen spielen lassen? Dutzendweis ersäuftet Ihr die Lutherischen in der Isar. Und hundertweis schlepptet Ihr von den Wegen nach Augsburg und den protestantischen Centren die Wanderer und Reisenden herein, berocht sie, ob es Geistes-Menschen waren, und warft sie dann in den Kerker oder in den Fluss. Ja, gegen das geistiger geartete Regensburg schlosset Ihr Euch sogar hermetisch ab – so groß war Eure Furcht vor dem Geist! -und ließet nicht einmal protestantisches Gemüse, protestantische Äpfel und protestantische Gelbe-Rüben herein. Und zu den Hinrichtungen und Ersäufungen erschienen Eure Fürsten und nickten wohlwollend Beifall und Eure Prinzeßchen patschten in die Hände. O Ihr süßen, herzigen Geschöpfe, auch in Euren Adern rollt das Münchner Metzgerblut! Aber man nennt uns doch Isar-Athen?

Ja, man nennt Euch ›Isar-Athen‹! Das ist aber das Resultat einer Geistesverwirrung. Immer hat es nämlich unter Euch einzelne geisteskranke Fürsten gegeben, die, wie das so geht, wenn der Geist wandert, sich über den durchschnittlichen Metzgerhorizont ihrer Umgebung erhoben, und weil Ihr von einer Salzstößlerei herstammt, meinten: sie seien in Attika oder in Arkadien geboren. Sie ließen nun Marmorblöcke eröffnen und bauten statt Schlachthäuser ›Ruhmeshallen‹ denkt Euch! – statt Metzger-Gesellen-Hauser ›Feldherrnhallen‹ – fallt um! – Glyptotheken und Pinakotheken und stellten dahinein – Euch zum Vorbild die Marmorgeschöpfe eines entschwundenen hochgeistigen Geschlechts – weicher Wahnsinn! – und über Eure Stadt erhob sich in zwanzigfacher Lebensgröße das hochgemute Bronze-Bild einer vornehmen Frau mit griechischem Kopfbau – Euch Breitschädlern und Stirngedrückten gegenüber! – und Euer König hoffte, Eure Weiber würden sich an diesem Standbild versehen und Kinder mit noblen Schädel-Indices gebären?! – das Euch! – Merkt Ihr nun, wo’s dem Manne fehlte?! – Daher stammt Euer Ruf vom ›Isar-Athen‹.

»Aber wir sind doch sonst auch noch berühmt. Wir brauen doch auch Bier!«

Ja, Ihr braut auch Bier. Und so glücklich-naiv waret Ihr in diesem Metier, dass Ihr meintet, weil Ihr Alkohol versandtet, Ihr versehet die Welt mit Geist. Während es doch nur Sprit war. Faktisch war es auch nur eine Art Rache an dem Geist der Welt, die Ihr da nahmt. Denn so gedieh bei Euch, den Denkscheuen, dieses Gebräu im Hinblick auf seine Fähigkeit, bei den Trinkern das Denken zu unterdrücken, dass Ihr es den Geistesmenschen, die außer Eurem Weichbild gedeihen, zuschicktet und sie vergiftetet und – dumm machtet, und so wiederum, wie bei der Reformation, zu Eurer Rache kamt.

Feindselig schlosset Ihr Euch immer ab gegen alles, was Geist bedeutete. Es war Eure einzige Feindschaft, diese aber unerbittlich. Sonst wart Ihr gut, o herzensgut, Ihr seid ein weiches, zerfließendes Geschlecht, süß und duftig wie das Schmalz zu Euren Nudeln, eine schmalzgute Menschensorte, aber wehe, wer Euch mit Geist entgegentritt, da werdet Ihr unbarmherzig. Schon Ende des vorigen Jahrhunderts erregte Kant Eure namenlose Wut. – Sie waren wohl heftige Wolffianer, diese Münchner, oder entschiedene Berkeleyaner! – O Gott, beileibe nicht! – Nein, sie waren gar nichts; sie mieden Philosophie wie Wasser (damit ist alles gesagt) – nein, Ihr gerietet außer Euch vor Wut, dass überhaupt so ein Mensch es wagte, über die höchsten Dinge zu philosophieren – Geist zu haben. Und so thatet Ihr denn das Fürchterliche, und: am Hofe Eures Fürsten (Karl Theodor) erhielten die Hunde den Namen Kant [Häußer, Geschichte der rheinischen Pfalz. Bd. II, S. 9701]. So rächtet Ihr Euch an einem Mann, dessen Werke Ihr nicht verstandet.

Und wie habt ihr an Schubart gehandelt? Der junge Brausekopf war zu Euch gekommen, und hatte sich da und dort als Musiker und Schriftsteller anstellig gezeigt. Er war wieder einer von der geistigen Sorte. Staatsrat von Lori – es hat immer auch aufgeklärte unter Euch gegeben – wollte die junge Kraft für München festhalten. Und es handelte sich um eine Anstellung für Schubart. Da erfuhr man, dass er Protestant sei, in Ludwigsburg eine Parodie auf die christliche Liturgie verfaßt habe und ›an keinen heiligen Geist glaube‹. – Jetzt war's aus? – O nein! Es erfolgte der gemessene Befehl: Schubart kann bleiben und erhält eine Anstellung, wenn er katholisch wird. Aber der kecke Schwabe war zu frisch, es ekelte ihn der Prozessionen, wenn er ihnen begegnete, und der junge Gotteslästerer ging nach dem nahen Augsburg, wo er die erste deutsche Zeitung gründete.

Ja, ja – ›wenn er katholisch wird‹ – das war immer Eure Kondition und Präsumption. Euer Herz-Jesu-Fleisch, Eure Milch Mariä und die sekreten Haarbüschel der Jungfrau aus der Michelskirche, und die Schweiß- und Bluts-Tropfen und all das stinkige Windelzeug, und all die Papp-Mahlzeiten Eurer Hostien, und die Knochen- und Uterus-Litaneien – wenn man die mitmachte, wenn man da anbetete, wenn man hier zu Kreuze kroch, dann war man bei Euch salviert, dann war man lieb Kind, dann durfte man an Eurem Tischlein sitzen, dann durfte man von Eurem Biersüpplein essen, dann durfte man mit Euren Weiblein im Bettlein schlafen, dann durfte man alles thun. Aber wehe, wer Kantianer war oder sonst sich mit geistigen Dingen beschäftigte!

Da war um jene selbe Zeit, Ende des vorigen Jahrhunderts, eine Sekte bei Euch, ›Illuminaten‹ hießen sie ›Moderne‹ würde man heute sagen – die unternahmen die Elefantenarbeit, – Euch zu illuminieren denkt Euch! – Euch ein Licht aufzustecken – hört! Eure Gehirnchen nach der geistigen Richtung zu bilden – erwägt [wenn Ihr könnt]! – Aber Ihr habt ihnen schon heimgeleuchtet. Einem einzigen Mann, der das Beten zu den Blutstropfen Christi gerügt hatte, hingt Ihr zweiundvierzig Anklagen an den Hals. Hunderte von hervorragenden Männern konnten sich nur retten, indem sie sich mit den schmutzigen Greueln Eurer Gebärhaus-Religion befleckten und mit einem sauve qui, peut! an die ›Brüste Mariä‹ warfen. Es galt als ein Kriminal-Verbrechen, von der damals im Gange befindlichen, französischen Revolution nur auf irgendeine Art günstig zu reden. Und jeder neu eintretende Staatsdiener mußte einen Revers unterschreiben, kein Kantianer zu sein und sich mit nichts geistig zu beschäftigen, was außerhalb des Gebäraktes der heiligen Jungfrau gelegen sei.

Und so habt Ihr es im großen Ganzen bis heute gehalten. Als in diesem Jahrhundert wieder einmal einer Eurer Könige ein bißchen ›geisteskrank‹ werden mußte, um euch ein wenig auf die Geistesspur zu helfen, und Max II. eine deutsche Dichterschule gründete, für Euch! – und norddeutsche Professoren berief – da Ihr keine Geschichtsschreiber produziertet! – und eine protestantische Prinzessin ehelichte, da war es bei Euch aus, das war für Euch zu viel. Offen bekanntet Ihr von der Kanzel herab, die Ehe mit einer Protestantin sei Konkubinat. Und der König, der solche Ehe einginge, sei ein Ketzer. Ihr machtet damals ernstlich Miene, den bairischen Thron gegen die päpstliche Tiara auszuspielen. Leopold von Ranke scheute sich, in einer solchen Stadt eine Professur unter glänzenden Bedingungen und aus der Freundschafts-Hand Eures Königs anzunehmen. Er kannte den mariologischen Untergrund, auf dem Eure Stadt ruhte, die mephitischen, römischen Malaria-Dünste, die aus Euren Fundamenten aufstiegen, wogegen auch die beste Kanalisation nicht hilft, und das Grundwasser Eurer Seele, das aus der römischen Kloake gespeist wurde. Und als Sybel dann an Rankes Stelle annahm, warft Ihr Ihn richtig hinaus, wie Ihr Schubart hinausgeworfen hattet, weil er ›Geschichte in deutschem Geist gelehrt hatte‹. Und als dann Max II. starb, hieß es allgemein, Ihr hättet ihn vergiftet. Und als später wieder einer Eurer Könige ›geisteskrank‹ werden mußte, um Euch neuerdings auf die Gedankenspur zu helfen, und Ludwig II. seinen Richard Wagner berief, da ging aufs neue bei Euch die Hetze los. Wagner war nur Komponist, kein Historiker. Aber seine verminderten Septakkorde waren Euch viel zu sächsisch, sein Profil viel zu protestantisch, seine Stirn viel zu keck und frei, und seine lebhaften Gestikulationen erinnerten viel zu sehr an 1848. Und so warft Ihr ihn hinaus, wie Ihr den Schubart und den Sybel und den Ranke und den Aventin und die Argula von Grumbach und den Schelling und den Cornelius hinausgeworfen habt, und Max Joseph I. und Max 11. und Kaulbach und Lutz und Döllinger und alle andern Protestanten-Freundlichen gerne hinausgeworfen hättet. Denn vor allem, was Geist hat, habt Ihr ein unüberwindliches Grauen.

»Aber inzwischen haben wir uns doch gebessert!?«

»Inzwischen habt Ihr Euch doch gebessert?« Das kann ich nicht gerade sagen. Ihr habt Euch ein bißchen gebessert, weil Ihr nichts andres konntet, weil Katholik zu sein eine Schande, ein Brandmal, eine historische Monstruosität geworden war. Weil katholisch sein so viel hieß, wie dumm sein. Deswegen habt Ihr Euch ein bißchen gebessert. Das heißt: scheinbar! Ihr habt von Büchner und Voltaire gerade so viel gelesen, dass Ihr zu der Erkenntnis gekommen seid: direkt ausrotten, verbrennen oder in der Isar ersäufen kann man heute die Protestanten nicht mehr wie in den Jahren 1519 – 1521. Aber noch heute werft Ihr in direkter Umgebung Münchens wenigstens protestantische Leichen auf den Schindanger oder grabt sie wie in Tirol auf offenem Felde ein [Evang. Sonntagsblatt aus Baiern. 1895 No. 44). Noch heute verkündet Euer Erzbischof jedes Jahr von der Kanzel, die Ehen mit Protestanten seien noch immer, wie zur Zeit der Vermählung Max' II. mit der protestantischen Prinzessin Maria von Preußen, Konkubinate. Und solche Ehemänner und Ehefrauen würden weder in der Beichte absolviert, noch in der Sterbestunde getröstet. Noch heute lehren Eure Schulmänner in der Schule, Luther sei ein ›Schuft‹, seine Ehefrau Katharina von Bora eine ›Hure‹ gewesen, und werden vor Gericht freigesprochen. Noch im Jahre 1854 begrüßtet Ihr neben Köln – welche Schande! das Dogma der unbefleckten Empfängnis Mariä mit offenkundigem Frohlocken, nanntet es eine Panacee gegen preußische Gedanken, nordische Kriegsführung und Kantsche Philosophie. und noch heute ist der Schwur auf dieses Dogma, auf diesen sexuellen Konzeptions-Akt, die Bedingung für die Großmeisterschaft Eures höchsten Ordenskapitels, deren Inhaber der König sein muß – der Empfängnis-Akt der Maria sonach die Grundlage der bairischen Verfassung. – Und nur ein einziger Eurer Prinzen – einer muß immer ›geisteskrank‹ sein – hat sich dieser wüsten Unterschrift geweigert.

Ihr Euch gebessert? O geht mir, Ihr Sensualisten, die Ihr immer in den Geburtsteilen Eurer Maria wühlt und stundenlang ein und dieselbe sexuelle Phrase litaneit, bis dem Zuhörer Übelkeit ankommt. Ihr süße Metzgersorte, die Ihr das Herz-Jesu-Fleisch und die Brüste Eurer unbefleckten Jungfrau mit derselben Eleganz der Kundschaft vorschneidet, wie Eure Fleischer die ›Ripperln‹ und ›Karbonadeln‹. Durch Strafgesetz sind Unsittlichkeiten und Obscönitäten, auf Erregung der Geschlechtslust berechnete Worte und Vorträge, verboten. Aber Ihr holt es in Eurer Kirche nach, und mit Euren vor dem Strafrichter sicheren Litaneien stopft Ihr Euch durch stundenlange Uebung mit geschlechtlichen Erregungen toll und voll. O geht mir, mit Eurer Haut-gout-Religion, Ihr rotes, unbeflecktes, himbeersaftiges Geschlecht! Noch diesen Sommer grubt Ihr einen Haufen stinkiger Knochen aus – ich glaube Modestus hießen sie – und stelltet sie unter Assistenz Eures Fürsten an einem andern Orte auf, damit sie dort Wunder thun sollten.

Und wie war es 1870? Ich will davon schweigen, dass Ihr damals, während Eure Söhne und Brüder mit den Waffen ins Feld hinauszogen, in Euren Landeskirchen für den Sieg der Franzosen betetet (siehe den Bericht des Dekanats Sulzbach an seine vorgesetzte Konsistorial-Behörde München) – aber dann, als die Entscheidung auf der irdischen Wahlstatt gefallen, und einige Eurer besten Söhne sich anschickten, für Euch den Sieg auch auf der geistigen Wahlstatt zu erfechten, als der profunde Gelehrte Döllinger, der schneidige Professor Friedrich, der elegante Johannes Huber einen letzten Versuch machten, Euch von den Nesselhaken des römischen Stuhls loszulösen, Euch aus dem Schmutz der römischen Kloake herauszuziehen, habt Ihr da nicht wieder für den Sieg des Feindes gebetet und Roms Sache gegen Deutschland zu der Eurigen gemacht, diese Heroen, Döllinger und die andern, vor Eurer Nase beschimpfen und exkommunizieren lassen? Habt Ihr endlich nicht Eure Altkatholiken zu Boden geworfen und zu Religionsgenossen zweiter Klasse gemacht? So groß war auch wieder in diesem Fall Eure Furcht vor den Geistesmenschen!

Ihr beschert Euch, dass Ihr ›Vasallen‹ seid? – Mein Gott, ›Vasallen‹! – Vasallen des Königs von Preußen zu sein, das ist nicht das Schlimmste, was Euch passieren kann. Aber dass Ihr in geistiger Hinsicht der ganzen übrigen Welt Vasallen geworden seid, das dünkt mich doch das Bedenklichere in Eurer Lage. Meint Ihr nicht? Oder nennt mir einen Mann aus den letzten Jahrhunderten, der aus Eurer Mitte heraus, und ohne von Euch kujoniert und hinausgeworfen zu sein, das Gesetz seines Geistes der übrigen Welt imponiert hätte! Nur einen! – Aber keinen Bierbrauer.

Und so habt Ihr jede freie geistige Bewegung bei Euch erstickt. Kommt eine neue Litteratur, eine Litteratur, die, wie in jüngster Zeit, auf die feinsten Fühlfäden in der menschlichen Natur spekuliert, trampelt Ihr mit Euren derben, bairischen eisenbeschlagenen Gebirgsschuhen auf ihr herum. Kommt ein neues Theater und bittet Euch um das feinste Lauschen Eurer Seele, reißt Ihr die Mäuler auf und speit Gift und Galle auf das, was, wie Ihr wohl wißt, hundertfach über Euch und Euren trübäugigen Katholizismus erhaben ist. Gerade jetzt ist es wieder ein junger schneidiger Held, ein Theaterdirektor, der es unternommen, Euch Geist zu reichen – was denn sonst? – und ein Protestant hat Euch ein wunderschönes Haus gebaut, um Euch die geistigen Früchte in goldener Schale zu bieten, und wieder erfaßt Euch jenes furchtbare Grauen vor dem Geistigen, wie zur Zeit Luthers, der Illuminaten, Max II. und Richard Wagners, und wieder erhebt Ihr Eure eisenbeschlagenen Stiefel und mit katholischer Wut tretet Ihr den jungen Mann zu Boden, belegt ihn mit Tiernamen und schickt Euch an, ihn hinauszuwerfen. Vor hundert Jahren nanntet Ihr Kant ›Hund‹ – Eure Hunde ›Kante- -heute nennen Eure Witzblätter und Staatsanwälte die ›Modernen‹ ›Schweine‹. Ist das die Art, wie Ihr Euer Vasallentum dokumentiert, indem Ihr Eure geistigen Lehnsherrn mit Tiernamen bezeichnet?

Merkt Ihr denn nicht, dass Ihr mit Eurem Katholizismus langsam, seit einem halben Jahrhundert sicher, von allem geistigen Einfluß, aller Politik, von aller Weitherrschaft ausgeschlossen seid, in die Klasse der romanischen Völker gerückt seid? Und ahnt Ihr nicht, dass es Euer spezifisch katholischer Geisteszustand ist, der das bewirkt hat? Eure Herz-Jesu-Anbetung, Euer Milch-Maria-Enthusiasmus, Eure Knochen-Fleisch-Milch-Haare- und Geburtsteile-Religion? Und doch habt Ihr noch nicht genug! Seid noch nicht satt! Immer mehr Knochen, immer mehr Messen, immer mehr Fegfeuer-Schrecken, immer mehr Jesuiten-Missionen und Redemptoristen-Niederlassungen. Haben sie nicht vielmehr Euch das Mark aus den Knochen geraubt? Und Euch und den Wienern, Euren Geistesverwandten, gelehrt, bei Königgrätz und Kissingen die Waffen wegzuwerfen?!

Und jetzt? Statt aus der Vergangenheit zu lernen, statt einzig den Weg zu kennen und frei zu machen, der Euch noch retten kann, und welches der Weg ist, den Gustav Adolf kam, statt Eure Thore weit und Eure Herzen offen für den protestantischen Geist zu halten, verbarrikadiert Ihr Euch hinter mittelalterlichen Gefühlen und versperrt Euch hinter altertümlichen Rathaustürmen. kaum dass ein frischer, nordischer Gedanke, oder ein preußischer General über Eure Grenze kommt, schreit Ihr: Ach unsere Reservatrechte! Ach unsere Marienmilch! Ach unsere Briefmarken! Ach unser angestammtes Fürstenhaus! Unsere Herz-Jesu-Andachten! Unsere normalspurigen Eisenbahnen! Unsere heiligen Knochen! Unsere Windel-Verehrung! Unser Alt-Oetting und Ander! Unser heiliger Vater in Rom! Unser unveräußerliches Recht auf geistige Versumpfung! – Wir wollen keine Preußen sein! Wir wollen Baiern sein! Bajuwaren! – Bajuvaii! - und schreit und lamentiert über Vasallentum. Vasallen? – Vasallen des Königs von Preußen? Ihr seid keine Vasallen des Königs von Preußen! Ihr seid Vasallen von Rom. Das ist Euer Vasallentum!

Damit wären wir in der Euch so lieben Stadt angelangt, in der Stadt, in der alle Konzile beginnen und schließen. Auch mein Konzil ist zu Ende. Ueberlegt Euch, was Ihr davon haltet. Vielleicht kommt einmal einer nach mir, der wiederum mit Euch Konzil abhält, aber weniger konziliant verfährt.

Adieu, meine lieben Münchner!








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