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Bjørnstjerne Bjørnson: Absaloms Haar - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleMeisternovellen nordischer Autoren
titleAbsaloms Haar
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080505
projectid23680b2e
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V.

Am Tage darauf fand die Trauung statt.

Und in der darauffolgenden Nacht, als sie ihren unveränderlich gesunden Schlaf schlief, lag er übersättigt, vernichtet, in tiefem Schmerz über sein verlorenes Paradies da. Er konnte nicht schlafen; er lag da und schaute auf eine Wiese, die keinen Frühling hatte und folglich auch keine Blumen. Er durchlebte noch einmal alle Ereignisse des Tages bis zur letzten Umarmung. Dies würde ein Zusammenleben ohne Spiel, ohne Anmut werden. Sie war von anderem Glauben als er – eine Realistin vom reinsten Wasser, eine höhnende Skeptikerin, ja im Grunde ihres Herzens eine Zynikerin.

Ihr regelmäßiger Atem, ihre regelrechten Züge, ihr schwellender Körper schienen ihm zuzurufen: »Hopsa, mein Junge! Wir wollen uns noch tausend Jahre lang amüsieren! Schlaf jetzt nur; du hast es nötig, wenn du es mit mir aufnehmen willst . . .«

Am folgenden Tage war ihre Ehe das Gespräch der Stadt, des ganzen Landes.

»Genau so wie seine Mutter!« sagten die Leute. Sie war aller Hoffnung; es stand ihr frei, die höchste Stellung im Lande einzunehmen – bums, da lag sie in der wahnsinnigsten Ehe. In der wahnsinnigsten? Nein, die des Sohnes ist denn doch noch wahnsinniger.

Und dann ging es los!

Die Menschheit trägt ein unbewußtes Gesetz in sich, das ihr unter dem Einfluß der Sensation befiehlt, einen Mann höher emporzuheben, als sie es selber wünscht, und unter dem Einfluß einer entgegengesetzten Sensation ihr befiehlt, ihn noch tiefer hinabzustürzen. Die meisten Menschen sehen auch nicht mit eigenen Augen, und unter ungewöhnlichen Verhältnissen wird ihnen noch ein Vergrößerungs- oder ein Verkleinerungsglas aufgezwungen, das sie sehr lächerlich macht.

Rafael Kaas ein schöner Mann? Ach ja, aber zu groß, zu blond, der Ausdruck nicht genügend gesammelt, der ganze Mensch zu unruhig. Reich – der? Ihm gehört ja nicht das Material, aus dem das Wohnhaus aufgeführt ist! Die Ersparnisse sind längst verbraucht, die Zinsen reichen nicht aus, sie haben längst angefangen, vom Kapital zu zehren. Und das Zementlager – wer, zum Teufel auch, wird sich mit ihm auf ein so großes Unternehmen einlassen? Man redet von seiner Begabung, ja, von seinem Genie; ist er aber auch wirklich begabt? Ist es nicht vielmehr etwas Angelerntes? Die Geschichte mit der Fabrik, der er die Hälfte der Betriebskosten ersparte – war das nicht ganz einfach eine Wiederholung von dem, was er schon früher getan, und das war schließlich auch wohl nur eine Wiederholung von dem, was er anderwärts gesehen halte. Genau so verhielt es sich mit den zahlreichen Winken, die er erteilt hatte – eine Frucht gesammelter Erfahrungen; denn das mußte man ihm lassen, Erfahrungen besaß er mehr als die meisten. Und das Geniale? Ja, reden konnte er, aber darauf beschränkte sich auch wohl die ganze Genialität. Die Aufsätze, die er geschrieben hatte – wie zum Beispiel neulich über die Verwendung bei Elektrizität beim Backen und beim Gerben –, konnte man das eigentlich eine Erfindung nennen? Laßt uns erst einmal sehen, was er jetzt erfindet, wo er in die Heimat zurückgekehrt ist und die Erfindungen anderer nicht steht und liest oder durch den Verkehr mit Fachleuten Ideen erhält!

Rafael Kaas fühlte den Umschwung in der Stimmung; zuerst merkte er ihn an dem Verhalten der Damen, sie waren plötzlich wie weggeweht bis auf einige wenige, die eine Ehe wie die seine nicht für voll ansahen und ihn nicht aufgeben wollten. Auch die Familie zog sich zum Teil zurück. Jetzt war er kein Repräsentant der »echten Ravnschen« mehr. In bezug auf Temperament und Humor vielleicht, aber der Fehler an ihm war ja gerade, daß er ein zusammengeflickter Charakter war.

Der Umschwung war gewaltig. Das merkte er an allen und an allem. Er war aber Mann genug und besaß Trotz genug, um sich dadurch zu starker Arbeit anspornen zu lassen, und sie besaß mehr davon. Er empfand das erhebende Gefühl, seine Pflicht getan zu haben, solange diese erste Zeit der Spannung anhielt, die ihn tüchtig machte.

An dem Tage, als er sich verheiratete – vom frühen Morgen an bis zu dem Moment, wo er hinging, um den Akt zu vollziehen, schrieb er an seine Mutter. Schrieb einen eigentümlich feierlichen Brief vor dem Angesichte des Allwissenden, den Notschrei eines geängstigten Herzens in großer Gefahr. Es hinge jetzt von ihr ab, ob sie sie zu sich nehmen und das Leben sich so gestalten lassen wolle, wie es jetzt nur noch möglich war: Angelika ihr Geschäftsführer, Haushalter, Chef, er seinen Studien und Versuchen gewidmet und sie beider Ratgeberin und treue Mutter.

Es war ihm, als hinge die ganze Zukunft von diesem Brief und von der Antwort ab, und dementsprechend schrieb er. Niemals hatte er sich selber geschildert wie in diesem Brief, niemals hatte er so mit sich selber abgerechnet. Die Summe der Erlebnisse dieser Tage, die Reife, die er in schlaflos durchkämpften Nächten gewonnen hatte – hier war sie! Ehrlicher konnte er sich nicht geben.

Es quälte ihn, daß er nicht sogleich eine Antwort erhielt, obwohl er einsah, welch ein Schlag dieser Brief für sie sein mußte. Er fühlte, daß er anfänglich alle ihre Träume auslöschen würde, wie die seinen ausgelöscht waren. Aber er vertraute ihrer zähen Fähigkeit, sich wieder aufzurichten: er hatte nie eine annähernd so große gekannt. Und er vertraute auf die langen Wurzeln, die ihr bei allem, was sie unternahm, Kraft verliehen. Auch in diesem Falle würde sie Kraft aus den tiefsten Tiefen ihres Zusammenlebens schöpfen und ihren Entschluß danach richten.

Folglich ließ er ihr Zeit trotz Angelikas Unruhe, die kaum zu zügeln war; sie fing sogar an zu höhnen. Aber es lag etwas Heiliges über seiner Erwartung; die Versuche prallten ab.

Als er auch am dritten Tage keine Antwort erhielt, telegraphierte er. Nur die Worte: »Mutter, antworte mir!« Niemals hatte der Telegraph etwas befördert, das schwerer von verhaltenem Weinen war. Er konnte nicht nach Hause zurückkehren: er ging zur Stadt hinaus und blieb allein bis zum Abend; da mußte die Antwort wohl da sein. Sie war da:

»Mein geliebter Sohn, Du bist stets willkommen, am meisten, wenn Du unglücklich bist.«

Das Wort »Du« war unterstrichen.

Er ward leichenblaß, ließ das Telegramm fallen und ging auf sein Zimmer. Dort ließ Angelika ihn eine Weile in Ruhe, kam dann aber herein und zündete die Lampe an. Er sah, daß sie sehr erregt war, und daß sie ihn von Zeit zu Zeit hastig anblickte.

»Weißt du was. Rafael, du solltest lieber gleich zu deiner Mutter reisen. Es wäre doch arg, wenn unsere Zukunft – und auch die ihre! – durch Klatsch und andere Gemeinheiten ruiniert werden sollte!«

Er war zu unglücklich, um sich zu ärgern.

Sie hat ja keinen Respekt vor niemand und vor nichts, dachte er, weshalb sich da aufregen, weil sie es nicht für seine Mutter oder für sein eigenes Verhältnis zu seiner Mutter hatte?

Wie roh aber erschien ihm Angelika, die dort über einer trüben Lampe stand und ihrem Unmut die Zügel schießen ließ! Ihr Mund konnte gar zu leicht einen rohen Zug annehmen, ihr kleiner Kopf konnte zuweilen aus den starken Schultern hervorlugen mit etwas Wurmartigem, und ihr dickes Handgelenk ...

»Nun ja,« sagte sie, »wenn man die Sache bei Licht betrachtet, ist das abscheuliche Helleberg wohl nicht wert, daß man sich danach sehnt.«

»Jetzt ist sie unzufrieden mit sich selber,« dachte er, »da muß sie sich austoben. Sie beruhigt sich nicht, ehe ein Zusammenstoß und eine Entladung stattgefunden hat, aber die Freude werd' ich ihr nicht machen.«

»Nach allem, was die Leute reden, und nach allem, was geschehen ist –«

Das zündete nicht.

»Wie habe ich nur glauben können, daß die da imstande sei, mit Mutter zu verkehren?«

Er erhob sich und begann im Zimmer auf und nieder zu gehen.

»Hat Mutter das gefühlt? Sie waren ja doch so gute Freunde! Damals ahnte ich nichts. Woher kommt es, daß Mutters Instinkte stets feiner sind? Hab' ich die meinen verdorben?«

Als Angelika nach einer Weile wieder zu ihm hereinkam, sah er sehr unglücklich aus; das rührte sie. Und da war sie so gut, so natürlich, so erfinderisch um ihn besorgt. Und dann später ging ein so frischer Hauch von ihrem Lebensmut aus, daß er sich neu belebt fühlte und bei sich dachte: »Hätte Mutter sich nur überwinden können, den Versuch zu machen, so wäre es vielleicht doch gegangen! Es ist so viel Tüchtiges und Gutes in dieser sonderbaren Frau!«

Er ging zu den Kindern hinein; vom ersten Tage an waren sie gute Freunde miteinander gewesen. Sie hatten Not gelitten in der großen Pension und bei einer Mutter, die nur selten bei ihnen war und sich nicht gern anders mit ihnen abgab, als wenn sie sie als Kleidungsstücke betrachtete, die geflickt werben, als Münder, die gestopft werden, als Fehler, die geprügelt werden mußten. In Rafaels Natur lag jenes Ursprüngliche, für das kindliche Unschuld eine Wonne ist, und er empfand das Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden. Das fühlen die Kinder gleich. Ihr waren sie beschwerlich, ihr waren sie im Wege – jetzt mehr denn je. Um es kurz zu sagen: ihr war Rafael alles.

Dies war der Zauber, der ihr eigen war und der sich stets erneute, es mochte vorgefallen sein, was da wollte. Ihre Zärtlichkeit, ihre Hingebung waren ohne Grenzen. Sie war ganz eigener Art. Sie legte sich kontant in ihrer Person aus, in ihrer blitzschnellen Erfindungsgabe, wo es galt, ihm etwas Gutes zu verschaffen, das in ihren Kräften lag – und selbst darüber hinaus. Sie kennzeichnete sich in ihrer Aufopferungsfähigkeit bei Tag und Nacht, sobald Hilfe nötig war, in einer Dienstwilligkeit, wie sie nur eine so gesunde, starke Natur zu leisten vermag. Aber in Worten tat sie diese Hingebung nicht kund, kaum in Blicken. Es war viel, daß sie es damals tat, als sie den Kampf um seinen Besitz kämpfte, aber damit hatte es auch ein Ende.

Hätte sie sich nur beherrschen können – und wäre es auch nur ein paar Wochen hintereinander gewesen – hätte sie sich von ihrer nie versagenden Liebe leiten lassen, so hätte er in diesem heftigen Unwetter aus seiner Ehe das retten können, was die Mutter trotz aller Widerwärtigkeiten aus der ihren gerettet hatte.

Weshalb geschah dies nicht? Weil die Eifersucht, die sie in ihm angefacht und die ihn ihr in die Arme getrieben hatte, umschlug. Kaum waren sie verheiratet, als sie eifersüchtig wurde.

War das zu verwundern? Eine ältere Frau – sie mag die stärkste Persönlichkeit sein, breit angelegt –, wenn sie einen jungen Mann gewinnt, der en vogue ist, ihn auf die Weise gewinnt, wie sie den ihren gewonnen hatte, wird in einer ewigen Unruhe leben, daß ihn ihr jemand nehmen könne. Sie hatte ihn ja selber genommen. Wenn wir sagen, daß sie fast auf jeden Menschen eifersüchtig war, der zu ihnen kam, Mann oder Frau, jung oder alt, ferner auf alle, mit denen er sonst zusammenkam, so ist das eine Übertreibung; aber diese Übertreibung stellt das Verhältnis in ein grelles Licht – ungefähr so war es. Sie duldete nicht, daß sonst jemand für ihn existierte. Kam in der Unterhaltung mit irgend jemand eine Stimmung auf, so mußte sie sie stören; sie duldete es nicht, unbeteiligt zu sein. Ihre Miene ward starr, ihr rechter Fuß fing an, sich krampfhaft zu bewegen, und nützte das nicht, so warf sie mürrische Bemerkungen, spitze Worte dazwischen – einerlei, wo es sein mochte.

Wurde irgend etwas Gutes von ihm gesagt, und hatte es den Anschein, als wolle es bei ihm zünden, so blies sie es aus – buchstäblich! Es war nämlich ihre Manier, zu blasen, die Achseln zu zucken, den Kopf in den Nacken zu werfen, mit dem Fuß zu wippen. Anfänglich glaubte er, sie wisse etwas Unvorteilhaftes von allen denen, auf die sie blies, und er bewunderte ihre Kenntnis, die sich auf das halbe Norwegen erstreckte. Er glaubte überhaupt an ihre Wahrheitsliebe wie an wenige Dinge. Er hielt sie für unbegrenzt, wie so vieles andere bei ihr unbegrenzt war. Sie sagte ja das Allerzynischste geradeheraus und verstellte sich in keiner Weise. Allmählich aber ging es ihm auf, daß sie gerade das sagte, was ihr paßte, was ihr in der Stimmung einfiel, in der sie sich eben befand. Sie hatte nicht mehr Respekt vor der Wahrheit wie vor allem andern.

Eines Tages, als sie zu Tisch gingen – er kam spät nach Hause und war hungrig –, freute er sich, als vor ihm Austern standen.

»Austern!« rief er, »und zu dieser Jahreszeit! Die müssen teuer gewesen sein!«

»Gott bewahre, ich hab' sie von der alten Frau – sie wollte, daß ich sie für dich kaufen sollte; ich hab' sie beinah geschenkt bekommen.«

»Das ist ja hübsch! Also bist du auch hinaus gewesen?«

»Ja, und ich habe dich gesehen; du gingst mit Emma Ravn, ich sah es wohl!«

Er hörte es ihrem Ton gleich an, daß er das nicht durfte, sagte aber trotzdem: »Ja, ist sie nicht reizend? So frisch, so unverdorben ...«

»Die? – Der ist schon, ehe sie sich verheiratete, die Frucht abgetrieben worden.«

»Emma – Emma Ravn?!«

»Ja, mit wem es war, weiß ich nicht.«

»Aber, Angelika, ich bitte dich, das kann ich wirklich nicht glauben!« sagte er ganz feierlich.

»Damit kannst du es ja ganz nach Belieben halten. Ich habe ihrer Mutter ja selber dabei geholfen; es geschah in der Pension! Da kannst du wohl begreifen, daß ich meiner Sache sicher bin.«

Es kam ihm nicht in den Sinn zu glauben, daß ein Mensch so weit gehen könne, sich dergleichen selber aufzubürden. Emmas Augen, klar wie das Wasser eines Quells, auf dessen Boden man die Steine zählen kann, sahen ihn jetzt aus der Ferne so rein und unschuldig an. Er begriff nicht, daß solche Augen lügen konnten. Ihm war ganz ekelhaft zumute, er konnte nicht essen, er erhob sich vom Tisch. Die ganze Welt war ja ein großer Betrug, das Reinste unrein! Jahrelang machte er, wenn er Emma oder ihrer Mutter mit dem ehrwürdigen weißen Haar begegnete, einen Umweg, um sie zu meiden. Er liebte seine Verwandten herzlich, ihre Schwächen lagen allen offen, aber auch ihre Tüchtigkeit und Ehrlichkeit. Diese eine Geschichte untergrub sein Vertrauen, erschütterte sein Selbstvertrauen, zerstörte viel in ihm, und dann machte sie ihn ärmer. Wie konnte er zu irgend etwas zu gebrauchen sein, da er sich stets und überall zum Narren halten ließ?

An der ganzen Geschichte war kein wahres Wort.

Rafaels Treuherzigkeit war Angelika gegenüber so machtlos wie ein Kind, das sich in den Klauen eines Adlers befindet. Aber das währte nicht lange.

Denn glücklicherweise war sie auch hierin ohne Ausdauer und Berechnung. Sie wußte den einen Tag nicht mehr, was sie am vorhergehenden gesagt hatte, denn jeder Tag hatte seine Sorge, und sie redete frisch von der Leber weg, wie es ihr gerade am besten paßte. Er hingegen hatte ein vorzügliches Gedächtnis, und sein mathematisches Talent ordnete die Beweise gegen sie. Ihre Begabung lag mehr in der Gewandtheit und Schnelligkeit als in irgend etwas anderem, war ohne Erziehung, ohne Zusammenhang und ward an allen möglichen Punkten von der Leidenschaft durchgesägt. Deswegen konnte er ihre Verteidigung jederzeit vernichten. Jedesmal aber, wenn das geschah, zeigte es sich so deutlich, daß sie wieder aus Eifersucht gesündigt hatte; und das schmeichelte seiner Eitelkeit, veranlaßte ihn, die Sache nicht ernsthaft genug aufzufassen, sie nicht weiter zu verfolgen.

Vielleicht hatte er auch mehr entdeckt. Die Eifersucht war nämlich nur die Form, die ihre Unruhe annahm; die Unruhe selber hatte ihre Ursache in verschiedenen Gründen, in der Erregung der Nervenknoten.

Sie hatte nämlich eine Vergangenheit, und sie hatte Schulden. Beides hatte sie bestritten, und nun lebte sie in steter Angst, daß ihm jemand die Augen öffnen könne. Denn falls es einen Spürsinn gab, so ward er jetzt gegen sie in Tätigkeit gesetzt, das fühlte sie. Es kam nur darauf an, was er erfuhr, das heißt, mit wem er zusammenkam. Die anonymen Briefe übersah sie, weil er es tat, aber es gab böse Menschen genug, die eine Anspielung machen konnten.

Sie sah, daß auch Rafael seine zahlreichen Freunde aus früheren Zeiten mied, sie begriff den Grund nicht; es geschah aber, weil auch er fühlte, daß sie mehr von ihr wußten, als ihm zu wissen gut war. Sie sah, daß er allerlei Vorwände ersann, um sich nicht öffentlich mit ihr zu zeigen; auch das deutete sie verkehrt; sie begriff nämlich überhaupt nicht, daß er auf seine Weise genau so bange war wie sie in bezug auf das, was die Leute sagten. Sie glaubte, er suche andere Frauen auf. Wenn auch der Verkehr zu nichts Weiterem führte, so konnte man ihm doch etwas erzählen. Deswegen die eifrige Jagd auf fast jeden, mit dem er sprach; hatten sie sie verdächtigt, so mußten sie wieder verdächtigt werden!

Sie hatte Schulden, und das ließ sich nur dadurch verbergen, daß sie sie vermehrte. Das tat sie, und zwar mit einer Kühnheit, die einer besseren Sache wert gewesen wäre. Sie führte ein flottes Haus, stets offen und stets mit gut besetztem Tisch; sonst könne er sich daheim nicht wohlfühlen, sagte sie, glaubte es wohl auch. Sie selber mußte eine der elegantesten Damen der Stadt sein, das erforderte ihr täglicher Kampf, der darauf hinausging, ihn festzuhalten. Selbstverständlich bekam sie alles »für nichts« oder »für einen wahren Spottpreis«. Stets war da jemand, »der es ihr so gut wie geschenkt hatte.«

Er wußte selber nicht, wieviel Geld er beschaffte – vielleicht, weil sie ihn von dem einen zum andern jagte. Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, ins Ausland zu gehen; aber mit einer Frau, die nur ihrer Muttersprache mächtig war, und mit einer großen Familie? Hier in der Heimat – das merkte er bald – hatte er keine Stellung mehr; man schenkte ihm kein Vertrauen mehr; er wagte nicht, etwas Größeres anzufangen, oder er wollte warten, bis er einen entscheidenden Entschluß faßte. Inzwischen nahm er, was sich ihm bot, und es waren oft Arbeiten untergeordneter Art. Aus Überdruß und um genügend zu beschaffen, kam er dazu, sich mit mittelmäßigen Leistungen zu begnügen, schnell über eine Sache hinweg zu huschen.

Und stets ging er davon aus, daß es ja nur »vorläufig« sei. Sein wissenschaftlicher Trieb, sein Erfindungstalent konnte, wo er eine so schwere Last zu schleppen hatte, keinen hohen Flug nehmen. Aber das würde schon kommen. Er besaß die verschwenderische Phantasie der Jugend in bezug auf Zeit und Kräfte; deswegen sah er es lange selber nicht, wie ihn der große Haushalt und die große Familie tiefer und tiefer hinabzog.

Hätte er nur Frieden gehabt, dachte er, so würde er es alles überwunden haben und noch weit mehr. Er fühlte, daß er Kräfte hatte.

Aber Frieden hatte er niemals. Jetzt kommen wir nämlich zu dem Schlimmsten oder eigentlich zu der Summe des Vorhergehenden. Die ewige Unruhe, die sie erfüllte, fand ihren Ausdruck in einem ewigen Kampf. Teils besaß sie keine Selbstbeherrschung. Eine Laune, ein Verdacht, eine Spannung mußte über irgendeinen Beliebigen ausgelassen werden; sie erfaßte die geringste Gelegenheit. Zum Teil, und zwar hauptsächlich war es diese eine, ihr ganzes Leben beherrschende Angst, die sie von dem zurückhielt, was ihr am meisten hätte angelegen sein sollen – dem Hause Frieden zu geben. Sie ließ ihre Wirtschaft gehen, wie es eben gehen wollte; sie vernachlässigte die Kinder; ihre überflüssigen Kräfte ließ sie unablässig an ihm aus; ihre Eifersucht, ihre Furcht, ihre Schulden zehrten an seinem fruchtbaren Geist, trübten seine gute Laune, vernichteten seine Freude am Schönen, seinen Schaffensdrang. Er hatte namentlich eine große Idee, auf die er wieder und wieder zurückkam, ohne sie bewältigen zu können. Der Kampf hatte eines Tages auf dem Hügel oberhalb Helleberg begonnen, er hatte den ganzen Sommer gewährt. Es war ganz wunderbar; aber eines Tages, als er bei einer langweiligen Arbeit saß und Helleberg und Helene im Frühlingssonnenschein vor seiner Seele standen, stellte sich die Idee plötzlich wieder ein, hoheitsvoll, lächelnd – und er machte sich darüber her! Da flehte er seine Frau an: »Laß mich jetzt, bitte, nur einen Monat in Frieden: hier ist Geld! Ich bin mit einer Arbeit beschäftigt, ich will und muß Frieden haben! In einem Monat kann ich so weit sein, daß ich mir klar darüber bin, ob es sich verlohnt, damit fortzufahren. Vielleicht kann diese eine Idee uns alle versorgen.«

Dies letztere war etwas, was sie verstand. Und nun ließ sie ihm Ruhe. Er hatte ein Kontor in der Stadt, nahm aber des Abends oft seine Papiere mit nach Hause, denn es kam wohl vor, daß er plötzlich, während er ruhig dasaß oder lag, wieder mitten in der Arbeit war. Sie ließ ihm eine gute Pflege angedeihen, ja, sie setzte sich des Nachmittags, wenn er schlief, auf die Treppe, um jedes Geräusch fernzuhalten. Dies währte vierzehn – sage vierzehn Tage. Da geschah es, daß er einen Spaziergang machte und sie zwischen seinen Papieren kramte und dort zwischen Zeichnungen und Berechnungen und Briefen wirklich zufällig einmal etwas fand. Es waren folgende, von seiner Hand geschriebene Zeilen:

»Mehr von der Mutter als von der Liebhaberin in ihr, mehr von der Fürsorge der Liebe als von deren Genuß. Üppig in ihrem Gefühl, würde sie es nicht in einem Tag mit dir erschöpfen, sondern es mütterlich auf dein ganzes Leben verteilen. Statt des Wasserfalls – ein schiffbarer Fluß. Ihre Liebe war Hingebung, niemals ein Aufgehen darin. Du warst ein Wesen für dich, wie auch sie eines für sich war: zusammen würden wir mächtiger geworden sein, als zwei Liebende es zu sein pflegen...«

Es stand noch mehr geschrieben: Angelika aber konnte nicht mehr lesen, so wild ward sie. Hatte er selber dies Gelübde erfunden oder es nur abgeschrieben?

Kein Wort war durchstrichen oder verbessert: also hatte er es wohl abgeschrieben. Jedenfalls legte es Zeugnis davon ab, wo seine Gedanken sich bewegten.

Rafael kam still nach Hause, ging direkt auf sein Zimmer, zündete Licht an, ehe er noch sein Überzeug abgelegt hatte. Und stehend schrieb er ein paar Formeln nieder, schlug in einem Buch nach, setzte sich rittlings über einen Stuhl und machte eine schnelle Berechnung.

Da kam sie, beugte sich bis dicht an sein Antlitz herab und sagte in gedämpftem Ton: »Du bist ein netter Junge! Nun weiß ich doch, womit du dich beschäftigst. Sieh da! Da sind deine geheimen Gedanken – bei dem Frauenzimmer!«

»Frauenzimmer!« fuhr er auf. Der Zorn, daß er gestört wurde, daß sie zwischen seinen Papieren gekramt hatte, daß sie gerade dies gefunden, und nun das Schimpfwort in ihrem rohen Munde, gegen das Feinste, Edelste gerichtet, das er kannte, und vor allem dieser ganz unvermutete Überfall ließen ihn die Besinnung völlig verlieren:

»Was wagst du? Wen meinst du?«

»Ach, stell dich nur nicht so an, mein Junge! Glaubst du etwa, ich wüßte nicht, daß dies auf die gehen soll, die sich deines Gutes angenommen hat, um dich dadurch zu kapern?«

Sie sagte dies in höhnischem Ton. Dann fuhr sie fort: »Dies Tugendmuster, das schon als Kind ein Verhältnis mit einem alten Manne hatte!«

Im selben Augenblick fühlte sie sich bei der Kehle ergriffen und hintenüber aufs Sofa geschleudert, ohne daß die Hand sie freigegeben hätte. Sie konnte nicht atmen, sie erblickte sein Gesicht über dem ihren, tödlicher Haß war darin zu lesen. Eine Stärke, eine Wildheit, von der sie keine Ahnung hatte, die sie anstarrte, voller Wollust darüber, ihr den Garaus machen zu können; nach wildem Kampf sanken ihre Arme matt herab, und mit ihnen ihr Wille, nur die Augen waren weit geöffnet von Entsetzen und Neugier ... Würde er es wagen? Ja, er wagte es! Es ward ihr schwarz vor den Augen, ihre Glieder fingen an zu zittern, zu zittern ...

»Du hast meinen Apfel genommen, du!« ertönte eine Kinderstimme im Nebenzimmer, eine schwache, lispelnde. Aus dem unschuldigsten Frieden, den die Welt kennt, drang dies zu ihnen herein. Und das war ihre Rettung!

Er stürzte zum Hause hinaus. Und als ihn das wieder verließ, was ihm gleichsam von hinten alle Macht geraubt und ihn geritten hatte, wie ein Reiter sein Pferd reitet, da war er eigentlich nicht entsetzt. Dazu war das Gefühl der Befriedigung, daß sie endlich einmal seine Macht gefühlt hatte, viel zu groß.

Nach und nach aber schlug es um. Den Fall gesetzt, er hätte sie getötet und müßte nun lebenslänglich dafür ins Zuchthaus ...

War diese Möglichkeit in sein Leben hineingerückt? Konnte ihm dies häufiger passieren?

»Nein, nein, nein!« antwortete eine Stimme in ihm. »Nein, nein, nein!« – Merkwürdig, er empfand Mitleid mit Angelika! Wie unglücklich muß sie sich fühlen, um so schlecht zu werden, um so schlecht über ganz unschuldige Menschen zu denken! Und wie traurig muß es um sie bestellt sein, wenn sie so gegen ihn sein konnte, den sie über alles in der Welt liebte, ja, der der einzige war, für den sie lebte. Ein langes, langes Rechenexempel folgte nun – mit seiner Schuld, mit ihrer Schuld, mit anderer Schuld – und das kühlte ihn ab, das beruhigte ihn. Er war nach Verlauf von ein paar Stunden imstande, nach Hause zu gehen, um sie in Tränen aufgelöst auf seinem Bett zu finden, bereit, ihm sofort beide Arme um den Hals zu schlingen. Er beugte sich herab, bat sie tausendmal um Verzeihung mit Worten, Küssen und Umarmungen.

Mit dieser Szene aber war die Idee davongeflogen! Jene erhabene Stille der Geburtsstunde war verletzt: er sah sie später nur noch auf der Flucht. Ja, bald widerstand es ihm, sie zu verfolgen: er schloß diese ganze Gedankenreihe ab und machte sich wieder an den Broterwerb: es bot sich ihm gerade etwas, das Angelika aufgestöbert hatte.

Wieder hinein in die nimmer endende Arbeit: jetzt endlich fing es an, ihn zu erbosen – der Zorn des Staatspferdes, das zum Lasttier gebraucht wird. Dies trug dazu bei, die häuslichen Szenen zu verschlimmern. Seit jenem Auftritt hatten die Zusammenstöße überhaupt kein Ende mehr. Auch bedurfte es keiner Worte mehr, um sie hervorzurufen: eine Bewegung, eine Miene, ja ein Schweigen ihrerseits, wenn er etwas sagte, genügten, um die heftigsten Streitigkeiten hervorzurufen. Früher hatten sie sich in Gegenwart anderer geschämt: jetzt war es ihnen einerlei, ob sie allein waren oder nicht. Bald stand er in bezug auf die Brutalität der Worte und die Unbedeutendheit des Anlasses zum Streit nicht im geringsten hinter ihr zurück: er war ihr eher überlegen. Bald warf er die schönsten Gaben des Lebens zu Boden, trat sie mit Füßen. Seine müßige Phantasie und Schaffenskraft beschäftigte sich jetzt hiermit.

Seine Sehnsucht, seine Qual wetteiferten mit seiner Leidenschaftlichkeit. Bald hatte das eine, bald das andere Gefühl einen Vorsprung. Die Form der Verzweiflung war stets dieselbe: daß dies ihm begegnen konnte ... Wenn er entfloh? Deswegen entging er seinem Schicksal nicht. Anfänglich hatte ihn das Verhältnis bei seinem Gewissen gepackt, dann waren ihm die Kinder lieb geworden, und das Beispiel seiner Mutter sagte ihm: »Halt aus, halt aus!« Die allgemeine Prophezeiung der Leute, daß sich diese Ehe ebenso schnell wieder lösen würde, wie sie geschlossen war, wollte er Lügen strafen. Auch kannte er Angelika jetzt zu gut, um nicht zu wissen, daß er von ihr keine Scheidung erreichen würde, bis sie ihm nicht mit dem Gesetz in der Hand das Fell gänzlich über die Ohren gezogen hatte. Er würde nicht freikommen.

Anfänglich handelte es sich um Ehre und Pflicht. Die Ehre, die Pflicht galt dem Kinde, das kommen sollte – und das nicht kam.

Hier hatte er eine gewaltige Anklage zu erheben. Mitten im Trauerspiel aber war es gar lustig, daß die Anklage mit großer Gewandtheit gegen ihn gewendet wurde. Sie hatte ihre Fähigkeit, Kinder in die Welt zu setzen, hinreichend bewiesen; er aber hatte die seine nicht bewiesen! Hatte sie sich geirrt, so war die Schuld an ihm! – Er wagte schließlich nicht mehr, die Sache zu erwähnen, denn dann ward ihm sein flottes Junggesellenleben vorgeworfen – das allein war schuld daran, daß sie keine Kinder bekam!

Je länger dieser Zustand währte, je bekannter die Sache wurde, um so unbegreiflicher war es den meisten, daß die Ehe nicht aufgelöst wurde. Auch er grübelte in schlaflosen Nächten darüber nach. Aber es ist nun einmal eine bekannte Tatsache, daß jemand, der sich zu tausendfachen kleinen Empörungen hinreißen läßt, nicht imstande ist, seine Kraft auf eine entscheidende zu konzentrieren. Auch der endlose Streit bindet, indem er unsere Kräfte aufreibt.

Seine Fähigkeiten verringerten sich. Das nach jeder Richtung hin angreifende Zusammenleben und die angestrengte Arbeit daneben bewirkten, daß er nicht mehr zu bewältigen vermochte, als für die Erfordernisse des Lebens nötig war; Eingebung und Wille kamen ihm allmählich abhanden.

Ein eigener Zustand entwickelte sich: er hatte Halluzinationen, sah Gesichte. Er sah sich selber, seinen Vater, seine Mutter – alle Bilder waren von drohender Art. Wenn er schlief, hatte er die entsetzlichsten Träume: seine brachliegende Phantasie, sein müßiger Schaffensdrang rächten sich. Alles ermattete ihn.

Voller Bewunderung sah er ihre robuste Gesundheit: sie besaß den Körper und die Instinkte eines Raubtiers. Aber zuweilen – ihre Kämpfe, ihre Versöhnung führten ja alle Offenbarungen mit sich – konnte er sie auch in ihrem Schmerz sehen. Sie klagte nicht, sie sagte kein Wort – so etwas brachte sie nicht fertig – aber zuweilen weinte sie und gab sich ihrer Verzweiflung hin, wie es nur die größte Verzweiflung kann. Ihre Natur war gewaltig und ihr Liebeskampf war ohne Glauben. Selbst wenn sie am häßlichsten wurde, lag die Schönheit der Lebensfülle darin; das Ringen dieser wilden Persönlichkeit mit dem Schicksal warf oft einen tragischen Lichtschimmer.

Eines Tages begegnete er seinem Verwandten, dem Expeditionschef. Sie pflegten einander zu meiden, heute aber redete er ihn an.

»Du, Rafael,« sagte der kleine Mann in nervöser Erregung, »ich war auf dem Wege zu dir.«

»Ach, was gibt's denn?«

»Ja, siehst du, du scheinst eine Ahnung zu haben. Es handelt sich um einen Brief von deiner Mutter.«

»Von Mutter!«

Sie halten diese ganze Zeit hindurch, seit dem Telegramm, keine Silbe miteinander ausgetauscht.

»Ein langer, großer Brief an dich. Sie hat aber eine Bedingung gestellt.«

»Hm, hm, eine Bedingung?«

»Ja, ereifere dich nur nicht; es ist nichts Schlimmes. Du sollst nur aus der Stadt fortgehen, wohin du Lust hast, nur damit du Ruhe hast. Und dort sollst du den Brief lesen.«

»Du weißt, was er enthält?«

»Ich weiß, was er enthält. Ich trete dafür ein.«

Was er damit sagen wollte oder weswegen er so erregt war, begriff Rafael nicht. Aber es steckte ihn an; hätte er Geld dazu gehabt und wäre er heute frei gewesen, so würde er sofort gereist sein. Aber er hatte kein Geld, nicht mehr, als er notwendigerweise heute abend zu dem Fest haben mußte. Die Billette trug er in der Tasche. Er halte Angelika versprochen, mit ihr dahin zu gehen, und das wollte er halten, denn das Versprechen war während einer großen Versöhnungsszene gegeben. Ein weißes Seidenkleid war das Ölblatt dieser friedlichen Tage gewesen.

Sie war auch auffallend schön, als sie am Abend an seinem Arm hoheitsvoll, majestätisch in den Saal der Loge trat. Sie fühlte die Stimmung; mit sicherer Überlegenheit steuerte sie dahin, wo sie erfreuen, oder dahin, wo sie ärgern wollte.

Er war nicht sicher. Er mochte sich überhaupt nicht gern öffentlich mit ihr zeigen, und in der letzten Zeit hatte sie gerade mit Vorliebe öffentliche Orte gewählt, um Szenen zu machen. Auch war er in nervöser Erregung über den Brief seiner Mutter. Kurz ehe er auf das Fest gegangen war, hatte er an zwei Stellen versucht, sich Geld zu leihen, und hatte an beiden Stellen Entschuldigungen und kein Geld erhalten. Das hatte ihn tief gedemütigt. Dieser sein unruhiger Zustand bewirkte, daß er (wie dies bei nervösen Leuten oft der Fall ist) lebhaft und ausgelassen wurde, ja, sich vorzüglich amüsierte. Und gleichsam, als sollte ihm das alte Glück heute abend wieder ein wenig lächeln, begegnete er seinem Freund und Vetter aus dem Ausland, Hans Ravn – ihm und seiner jungen bayerischen Frau; sie waren ganz kürzlich in der Hauptstadt angelangt. Alle drei waren entzückt über das Zusammentreffen.

»Weißt du wohl noch,« sagte Hans Ravn, ihn beiseite nehmend, »wie oft du mir Geld geliehen hast, Rafael? Jetzt bin ich obenauf. Ich habe eine reiche Frau, die nebenbei das entzückendste Menschenkind ist. – Ach, du sollst sie nur kennen!«

»Und schön ist sie auch!«

»Ja, schön ist sie auch ... und lustig! Ich bin, so wie du mich hier siehst, der glücklichste Mann in ganz Norwegen.«

Rafaels Augen füllten sich mit Tränen. Der Freund legte ihm die Hände auf die hohen Schultern.

»Bist du denn nicht glücklich, Rafael?«

»Nicht ganz so glücklich wie du, Hans!«

Er verließ ihn, um mit jemand zu reden, kehrte dann zu ihm zurück.

»Du sagtest vorhin, Hans, ich hätte dir oft Geld geliehen ...«

»Brauchst du Geld? Willst du etwas haben, Rafael? Lieber Freund, sag nur, wieviel?«

»Kannst du zweihundert Kronen entbehren?«

»Da sind sie!«

»Nein, nein, nicht hier! Laß uns hinausgehen!« flüsterte Rafael.

»Ja, komm, dann trinken wir eine Flasche Champagner zur Feier des Wiedersehens. – Nein, ohne unsere Frauen«, fügte er hinzu, als Rafael dahin blickte, wo die beiden Damen standen und sich unterhielten.

»Ohne unsere Frauen!« lachte Rafael: er verstand den Vetter und wollte jetzt seine Freiheit in vollen Zügen genießen.

Heiter, laut redend, kehrten sie in den Saal zurück. Rafael forderte die junge Frau Ravn zum Tanz auf: ihre Schönheit, frische Heiterkeit und besonders ihr unverhohlenes Entzücken über die Familie ihres Gatten nahmen ihn mit Sturm für sie ein. Auch den folgenden Tanz tanzten sie zusammen und unterhielten sich hinterher lachend und scherzend.

Später am Abend, als man zu Tische gehen wollte, suchten die beiden Freunde ihre Frauen auf: sie wollten zusammensitzen. Rafael sah schon aus der Ferne, daß Angelikas Antlitz eine Gewitterwolke war. Eine maßlose Wut erfaßte ihn: unschuldiger war er niemals angeklagt worden. Und dann, daß er auch niemals mehr eine ungetrübte Freude haben konnte! Er beschränkte sich aber darauf, ihr zuzuflüstern: »Ich bitte dich, Angelika, nimm dich doch zusammen vor den Leuten.«

Aber das war durchaus nicht ihre Absicht. Er hatte sie vor aller Augen sitzen lassen – sie wollte ihre Rache haben. Hans Ravns und besonders seiner Gattin Lustigkeit war ihr unerträglich: sie hieb mit Worten um sich – einmal, zweimal, dreimal: Hans Ravns Züge wurden immer verwunderter. Das Unwetter wäre vielleicht vorübergegangen, denn Rafael parierte die Hiebe geschickt, ja, er verwandelte sie in Scherz, so daß die Gesellschaft in eine lustige Stimmung hineingeriet, und da gleitet alles spurlos ab.

Aber sie griff zu etwas anderem. Wie bereits erwähnt, hatte sie allerlei aufreizende Mienen, Gesten und Bewegungen, die nur er verstand. Damit fing sie an. Sie verhöhnte auf diese Weise alles, was die anderen sagten, und besonders das, was er sagte. Er konnte nicht umhin, sie anzusehen, und jedesmal erhielt er einen höhnenden Blick, bis er mitten in all der Heiterkeit und mit der ganzen Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit, die man in so etwas hineinlegen kann, ihr ein grobes norwegisches Schimpfwort zurief. Die junge Ausländerin mit den lustigen Augen wiederholte das schreckliche Wort und fragte: »Was ist denn das?« Das war so unwiderstehlich komisch, daß auch Angelika lachen mußte, und alle glaubten, jetzt sei die Situation endgültig gerettet.

Nein, es war, als sitze der leibhaftige Satan mit am Tisch. Sie ließ nicht nach. Die Unterhaltung wurde wieder lebhaft, und als sie ihren Höhepunkt erreicht hatte, machte sie eine höhnische Geste, das verspottend, worüber die anderen lachten – und diesmal verstanden es alle. Man ward verlegen, Rafael sah sie wütend an, da wiederholte sie ihr Manöver.

»Was fällt dir denn ein, du Junge?« sagte sie.

Jetzt gab Rafael heftige Antworten; er ließ ihr nichts mehr hingehen, gab ihr harte, böse Antworten; jetzt war er schlimmer als sie.

»Aber, mein Gott, Rafael,« sagte endlich der gute, friedfertige Hans Ravn, »wie du dich nur einmal verändert hast!«

Die guten, freundlichen Augen sahen Rafael mit einem Ausdruck an, den er nicht wieder vergessen konnte; er ward sehr bleich. »Ja, ich kann es nicht mehr aushalten!« rief die junge Frau Ravn, in Tränen ausbrechend, sie erhob sich; ihr Mann eilte zu ihr hinüber und führte sie hinaus.

Rafael blieb mit Angelika zurück; die Zunächstsitzenden sahen zu ihnen hin und flüsterten zusammen. Beschämt, wutentbrannt blickte er Angelika an – die lachte. Es flammte ihm rot vor den Augen, er empfand eine wilde Begier, sie vor aller Augen zu erdrosseln. Ja, die Versuchung war so stark in ihm, daß er glaubte, man müsse es ihm ansehen können. »Ist Ihnen nicht wohl, Kaas?« hörte er jemand neben sich fragen. Er konnte sich später nicht entsinnen, wer es war oder ob er geantwortet hatte, auch nicht, wie er hinauskam. Aber noch auf der Straße dachte er mit der größten Wollust daran, wie herrlich es sein müsse, sie zu erwürgen – ihr Gesicht wieder so blau, sie mit herabsinkenden Armen, mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen zu sehen. Denn das stand fest, einmal würde er es doch tun! Sein Leben endete im Zuchthaus, das war ebenso sicher wie das Ingenieurtalent, das er besessen und verraten hatte.

Eine Viertelstunde später stand er im Observatorium und schaute zum Himmel empor, nach Sternen suchend. Aber da waren keine. Er fühlte, wie ihm die Kleider vor Schweiß am Leibe festklebten, und doch durchschauerte es ihn eisig. »Das ist die Zukunft, die deiner harrt,« dachte er, »sie macht deine Glieder schon erstarren.«

Da rang sich plötzlich eine neue Kraft los, die unter all dem Alten lag, und ergriff das Kommando: »Du sollst nicht wieder zu ihr zurückkehren. Jetzt hat die Sache ein Ende; jetzt halte ich es nicht mehr aus!«

Was war das nur einmal? Was für eine Stimme war das? Sie klang wirklich, als käme sie von außen. War es die Stimme seines Vaters? Eine Männerstimme war es; sie machte ihn klar und ruhig. Er kehrte um, ging, ohne sich zu besinnen, ohne Angst zu empfinden, nach dem ersten besten Hotel. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. Und dann schlief er drei Stunden lang ganz fest, zum erstenmal seit langer Zeit, ungestört und ohne zu träumen. Dann erhob er sich.

Am nächsten Vormittag saß er in dem kleinen Glaspavillon der Ejdsvolder Station; das Briefpaket der Mutter lag offen vor ihm; es war ein ganzer Haufen Papiere, jetzt waren sie durchlesen.

Graukalt unter dem Herbstnebel lag die Gegend vor ihm; die Hügel waren noch nicht sichtbar. Das Pochen und Hämmern in den Werkstätten zur Rechten, vermischt mit dem Rascheln der Fuhrwerke, die über die Brücke rollten; von links her die Signalpfeife eines Zuges; das Tassengeklirr da drinnen im Restaurant – Bilder und Laute, die gleich Blasen die Eindrücke umgaben, wie das Wasser um die kochenden Eier aufsprudelt ...

Von dem Augenblick an, wo seine Mutter wußte, daß Angelika nicht guter Hoffnung sei, begann sie, alles über sie zu sammeln, dessen sie nur habhaft werden konnte. Mit Hilfe der überall zugegenen, stets beharrlichen Familie war dies in einer Ausdehnung und bis in Details hinein geschehen, wie es kein Untersuchungsrichter hätte besser machen können. Hier lagen nun Briefe, Erklärungen, Zeugenaussagen, die die Betreffenden sich zu beschwören bereit erklärten; ferner Originalbriefe von Angelikas Hand, unbesonnene Briefe, wie diese leidenschaftliche Natur sie trotz all ihrer Berechnung fertig brachte, oder auch sehr berechnende Briefe, die andere aus einer andern Periode und mit anderer Berechnung strikte widerlegten. Diese Dokumente waren nur Belege zu einer scharfen Darlegung von der Mutter Hand. Sie also hatte den Spürsinn der anderen geleitet und das Gefundene wieder zu einem Ganzen zusammengefügt. Mit mathematischer Genauigkeit war hier geordnet, was man beweisen konnte und was man nicht beweisen konnte, was aber anzunehmen war. Keine Bemerkung war hinzugefügt, kein direktes Wort an ihn.

Der Teil dieser Aufklärungen, der sich auf ihre Vergangenheit bezog, hat nichts mit dieser Sache zu tun. Der Teil, der das Verhältnis zu Rafael betraf, begann mit der Beweisführung, daß die anonymen Briefe, die seine Verlobung mit Helene verhindert hatten, von Angelika geschrieben waren. Man kann sich vorstellen, welch einen überwältigenden, demütigenden Eindruck diese Entdeckung auf Rafael ausübte! Wer war er, daß man ihn am Seile herumzerren und abrichten konnte wie ein gefangenes Tier? Wie konnte ihn das, was schlecht in ihm war, und das, was gut in ihm war, auf einen solchen Abweg führen! Gleich einem willenlosen Toren hatte er sich treiben lassen; er hatte weder gesehen, gehört, noch gedacht, bis er sich fern von allem befand, was sein, fern von allem, was ihm teuer war.

Er saß hier jetzt wieder schweißtriefend wie in der verflossenen Nacht; ihn fror entsetzlich, deswegen lief er auf sein Zimmer hinauf, packte die Papiere zusammen, schloß sie in seinen Koffer und stürzte selber von dannen, die Landstraße entlang. Die Leute standen still und starrten dem langen Menschen nach.

Er aber wiederholte, während er lief: »Wer bist du, mein Junge, wer bist du?« Bald fragte er die Berge danach, es gab deren hier gar viele, schließlich auch die Bäume. Ja, die Wolke, die dahinsegelte, fragte er: »Wer bin ich? – Kannst du es mir nicht sagen?« Der nasse, gelbliche Grasabhang, halb verwelkt lag er da und reizte ihn, der leere Kartoffelacker, das Stoppelfeld, das gefallene Laub.

Der, der du bist, darfst du nicht sein; das, was du kannst, darfst du nicht tun; das, was du werden solltest, erreichst du nie!

Wie du – so auch deine Mutter vor dir. Auf einen Abweg. Und dein Vater auch. Vielleicht auch ihr Vater und ihre Mutter vor ihnen, wer weiß? Dies ist der Zweig einer großen Familie, die niemals erreicht, wozu sie erschaffen ward. Irgend etwas leitet jeden von uns vom Wege ab, abgeleitet aber werden wir alle. Weshalb ist es so? Wir haben doch größere Ziele als die meisten anderen. Die anderen aber fahren die ebene Landstraße dahin bis zu der Tür, die in das Haus ihres Glückes führt – wir verirren uns von der Landstraße in den Wald hinein; bin ich denn jetzt nicht selber dort? Fort von der Landstraße, in den Wald hinein, als gehorchte ich einem innern Gesetz? Mitten in den Wald hinein?« Er schaute sich um zwischen Ebereschen und Birken und anderm entfärbten Laubwald. Naß standen die Bäume rings um ihn her, als warteten sie auf seinen Kummer. »Ja, ja, der Wald will mich hier hängen sehen, wie Absalom an seinem langen Haar.«

Kaum hatte er dies alle Bild hervorgeholt, als er seinen Lauf hemmte, als hielte ihn eine feste Hand zurück. Diesem Gedanken durfte er nicht entfliehen, er mußte ihn bis auf die Neige ausdenken! Je tiefer er da hineinkam, desto klarer ward es ihm: Absaloms Geschichte war seine eigene Geschichte!

Mit der Empörung fängt es an – damit fängt naturgemäß das an, was uns vom Hauptwege forttreibt, was uns in die Leidenschaften und in ihre Zufälligkeiten hineintreibt. Das ist ganz klar. Dann wachsen die Leidenschaften uns über den Kopf. Der Zufall reißt der Anlage die Macht aus der Hand ... Aber David lehnte sich ebenfalls auf! Weshalb blieb David nicht an seinem Haar hängen? Es war doch mindestens ebenso lang wie das Absaloms. Ja, kurz davor war David ebenfalls. Mehr als einmal. Noch in seinem hohen Alter. Aber die zentrale Macht war zu stark in David. Die Energie in ihm war und blieb zu mächtig; sie bezwang die aufrührerischen Kräfte, sie konnten ihn nicht tief genug in die Leidenschaften hineinziehen. Es wurden nur Ferienausflüge, die seinem Leben Poesie verliehen. Die Bestimmung vermochten sie nicht zu erschüttern. Ja, sie war zu stark in David, daß er die aufrührerischen Kräfte in sich aufnahm und aus ihnen Nahrung sog. Und doch war er kurz vor dem Verderben – mehr als einmal.

»Das ist es ja, was ich elender, verdammter Waschlappen nicht kann. Deswegen bleibe ich hängen. Bald ist der Mann mit dem Speer da!«

Jetzt stürzte Rafael mit wilden Sprüngen in den dichtesten Wald hinein; er wollte wohl dem Mann mit dem Speer entfliehen. Er war unten in einem Tal zwischen zwei großen Hügeln, die tiefe Schatten warfen. Ach, wie ihn dürstete! Er hemmte den Lauf und schaute um sich. Wie konnte er etwas zu trinken bekommen? Ja, da hörte er das Murmeln eines Baches, er folgte dem Laut. Ganz in der Nähe befand sich eine Lichtung. Statt an den Bach hinabzugehen, stürzte er auf die Lichtung zu, die ihn mit unwiderstehlicher Macht zog. Die Sonne war durch die Wolken gebrochen und beschien die Baumwipfel, unter denen tiefer Schatten herrschte. Sah er etwas? Ja, es war ihm, als erblicke er sich selber – nicht vor ihm in der Lichtung, sondern im Dickicht, im Schatten, unter einem Baum. Dort hing er an seinem Haar! Hing dort und baumelte, lang, aber in dem Samtanzug aus der Kinderzeit und mit den enganschließenden Beinkleidern. Er drehte sich an seinem Haar herum, wie es damals gewesen, rot, lockig. Etwas weiter hin aber sah er deutlich noch eine Gestalt; es war seine Mutter, stolz, stattlich, als drehe sie sich nach einer Melodie. Ja, daß sich Gott erbarm, noch ein wenig weiter hing sein Vater, breit und schwer, an seinem spärlichen, dünnen Nackenhaar, mit verzerrtem, jämmerlichem Gesicht wie auf dem Sterbebett.

Es war im Grunde kein Jammer um die beiden – sie waren so alt! Um ihn aber war es ein großer Jammer, denn er war noch jung. Und dann war er niemals glücklich gewesen, nicht einmal in seiner Kindheit. Es war etwas nicht ganz heil in ihm, das ihn verstimmt oder das ihn eingeschüchtert oder ihm die Sicherheit geraubt hatte, so daß er sich stets in einer Spannung befand. Niemals war er irgendwo in erster Linie mit dabei gewesen, so in stillem, natürlichem Frieden! Stets hatte sich irgend etwas hindernd dazwischen gestellt. Nur mit einer einzigen Ausnähme – die Begegnung mit Helene!

Es war ihm, als sitze er mit ihr im Boot auf der Bucht; es schimmerte in der Luft, es flötete im Walde, und er war oben auf dem Hügel mit ihr und bei der Tannenpflanzung; sie erklärte ihm, daß es auf die Fürsorge ankomme, wenn sie gedeihen solle ...

Er ging dicht an den Bach hinab, um zu trinken; er beugte sich herab, über das Wasser. Dabei erblickte er sein eigenes Gesicht; wie ging das nun einmal zu? Ja, da eben schien die Sonne – natürlich!

Er sah sein eigenes Gesicht ... Du großer Gott, es sah aus wie das seines Vaters!

Im letzten Jahre hatte er große Ähnlichkeit mit seinem Vater bekommen, das hatte man allgemein gesagt. Er sah deutlich die Miene der Mutter, als sie es bemerkte. Aber du großer Gott, hatte er denn nicht schon graues Haar? – Ja, in Unmenge! So viel, daß sein Haar nicht mehr rötlich war, sondern einen ganz grauen Schein hatte! Das hatte ihm niemand gesagt! Hatte er so viel gelitten? Und so wenig Gewicht hatte er darauf gelegt, als Hans Ravn zu ihm sagte: »Wie du dich aber verändert hast, Rafael!« Bei diesem ewigen Kampf, in dem er lebte, hatte er sich wohl davon entwöhnt, sich selber zu beachten. Worte und Handlungen waren ja nicht mehr auf die Wagschale gelegt. Natürlich hatte er sich überhaupt davon entwöhnt, Beobachtungen anzustellen. Wäre der Bach ein wenig tiefer gewesen, so hätte er sich hineingleiten lassen ...

Er sprang auf und ging weiter, schnell, schneller. Bald diesen, bald jenen sah er im Walde hängen. Er wagte nicht mehr, sich umzusehen. War es denn so wunderlich, daß auch noch andere als er und seine Familie von dem Hauptwege abbogen und die Abwege und die Bäume des Waldes bevölkerten. Er war ungerecht gegen sich und seine Eltern gewesen; sie waren nicht allein, sie befanden sich in einer sehr zahlreichen Gesellschaft. Was hat ein unfertiges Volk denn anders zu bedeuten, als daß Dinge, die nicht dazu bestimmt sind, die Herrschaft ergreifen?

Mehr als die Hälfte kommen nicht vorwärts, mehr als die Hälfte der Kräfte werden vergeudet.

Hier auf diesen Waldungen, zwischen diesen Hügeln, einer neben dem andern parallel laufend, gleichsam ausgeschnitten, geordnet wie die Orgelpfeifen, war auch Henrik Wergeland umhergestürmt. Auch er kurz davor – kurz davor!

Weiß Gott, es war kein Wunder, daß die Ravns sich hier versammelten; hier hingen viele, hier!

Ha, ha, das mußte er seiner Mutter schreiben! Das war etwas, worüber er ihr schreiben mußte, die sie das leztemal von ihm gegangen war, die ihn verließ, als er sich am unglücklichsten fühlte, weil es für sie die Hauptsache war, daß ihre heilige Person unverletzt, ihr Trotz aufrecht, ihre beleidigte Miene hoheitsvoll blieb, daß ihre Verschmähtheit gerächt wurde ... ach, welch langes Haar! Ach, wie fest die Mutter hängt! Sie hat ihr Haar nicht beschnitten!

Jetzt aber soll es ihr heimgezahlt werden, jetzt. So weit zurück, wie er sich erinnern konnte, wollte er greifen; er wollte ihr endlich einmal den Spiegel vorhalten! Jetzt besaß er die Macht dazu und das Recht!

Sein Entdeckertalent hatte so lange unter übelriechenden Sägespänen von dem ewigen Sägen bei Tag und bei Nacht verborgen gelegen. Jetzt erwachte es in diesem einen Punkt – und nun sollte die Mutter es fühlen ...

Die Leute sahen den langen Mann aus dem Walde herausstürzen, über Zäune und Gräben springen, stets aufwärts strebend, den Fußpfad hinauf. Dort oben auf dem höchsten Punkt, dort wollte er an die Mutter schreiben ...

Er kehrte erst nach dem Bahnhofshotel zurück, als es bereits dunkelte – saß da, mit Kot bespritzt, entsetzlich erschöpft. Er sei hungrig wie ein Wolf, sagte er, aber er aß fast nichts. Dahingegen trank er unmäßig. Dann erhob er sich; er wolle ein paar Tage hierbleiben und schlafen, sagte er.

Man glaubte, es sei ein Scherz, aber er schlief ununterbrochen bis zum nächsten Mittag; dann weckte man ihn, er aß ein wenig, trank abermals viel; er hatte stark transpiriert. Dann schlief er wieder ein. Noch einen Tag und eine Nacht auf gleiche Weise, dann erwachte er am Morgen und befand sich allein. War nicht ein Arzt bei ihm gewesen, und hatte der nicht gesagt, es sei gut, daß er schlafe? Es war ihm, als habe er von Zeit zu Zeit das Geräusch von Stimmen gehört. Eins aber stand fest, jetzt fühlte er sich gesund; er hatte nur einen wahren Heißhunger und einen brennenden Durst, und als er sich aufrichtete, war ihm schwindlig. Aber das ward besser, nachdem er etwas von den Speisen gegessen hatte, die im Zimmer standen. Er trank aus der Waschkanne – die Wasserflasche war leer –, ging ein paarmal vor dem geöffneten Fenster auf und nieder. Es war sehr kalt, deswegen schloß er es wieder. Gerade als er sich umwandte, um sich umzukleiden, fiel ihm ein, daß er seiner Mutter einen schrecklichen Brief geschrieben haben mußte! Wie lange war das her? Hatte er sehr lange geschlafen? Und war er nicht ganz grau geworden?

Er trat an den Spiegel, vergaß aber das graue Haar über sein Aussehen! Mager, schlaff, schmutzig, gleichsam erloschen ... Der Brief, der Brief! Du großer Gott, der Brief! Der würde die Mutter töten! Hier war Unglück genug, mehr durfte nicht kommen! Er kleidete sich mit einer Hast an, als könne er dadurch den Brief wieder einholen; er sah nach der Uhr, die stand. Den Fall gesetzt, daß der Zug bald da war, er mußte noch mit! Und von dem Zug muß er direkt auf den Dampfer und heim, heim nach Helleberg! Vor allen Dingen aber der Mutter ein Telegramm senden; er schrieb es auf: »Kehre dich nicht an den Brief, Mutter, heute abend komme ich und verlasse Dich nie wieder!« – So. jetzt brauchte er nur noch einen Schlips umzubinden, dann die Uhr – ja, es war doch wohl Morgen? – Dann einpacken, dann hinab und bezahlen, essen, ein Billett nehmen, das Telegramm abschicken; zuerst aber – nein, alles mußte auf einmal geschehen; der Zug war da, er hielt nur noch wenige Minuten.

Nur mit genauer Not kam er noch mit; das Telegramm ward einem andern zur Besorgung übergeben. Aber er saß kaum im Coupé, wo er allein war, als ihn der Gedanke an den Brief, an den Brief peinigte, so daß er nicht stillsitzen konnte. Diese entsetzliche Zergliederung seiner Mutter, Strophe auf Strophe – jetzt ward es ihm klar – er fühlte sich zurückversetzt in die Stimmung, die ihn zwischen den Hügeln in den Waldungen bei Ejdsvold verfolgt hatte. Auch auf dieser Seile des Tunnels war die Landschaft wie dort. Du großer Gott, dieser entsetzliche Brief kam ja gar nicht aus dem Innersten seines Herzens, sonst hatte ihn der Gedanke daran nicht so gequält.

Welches Recht hatte er, seiner Mutter oder sonst jemand einen Vorwurf daraus zu machen, daß das Zufällige, das, was nur in der Peripherie lag, bestimmend über sein Leben geworden war?

Konnte das Telegramm früh genug kommen, so daß sie nicht zu verzweifelt wurde? Würde seine Ankunft sie nicht vom Hause forttreiben?

Ihr so etwas zu schreiben! Ihr, die keinen andern Gedanken gehabt hatte, als die Tatsachen zu sammeln und festzustellen, die ihm zur Befreiung dienen konnten! Die Undankbarkeit mußte ihr zu groß erscheinen. Sie hatte etwas unbeholfen Verschlossenes, das Katastrophen herbeiführte; sie mochte sich nicht erschließen, daher die Sprengungen. Auf welchen Einfall mochte sie jetzt nicht gekommen sein, wenn ihr statt des Dankes dieser schreckliche Überfall zuteil ward? Vielleicht würde sie dann meinen, das Leben sei nicht wert, gelebt zu werden! Sie, die der Ansicht war, daß der Tod so leicht sei! Es durchschauerte ihn.

»Mutter tut aber nichts sofort,« dachte er dann, »sie erwägt erst. Die Wurzeln in ihr fassen tief; wenn es den Anschein hat, als folge sie einer plötzlichen Eingebung, so hat das seinen Grund darin, daß sie sich oft mit dem Gedanken beschäftigt hat. Hierbei ist das aber nicht der Fall; dies überlegt sie.« Er sah sie in ihrer Seelennot umherwandern, den Schal stramm um die Schultern gezogen; er sah sie mit festem Blick in sein Leben hineinstarren und in das ihre, bis ihr beide unwiederbringlich verloren schienen; er sah sie umhergehen und grübeln, wie sie sich am besten verbergen könne, so daß nicht mehr Qualen daraus entstanden.

Wie er sie liebte! Diese Zeit hatte ihm eine Tarnkappe aufgesetzt; jetzt war sie entfernt.

Er saß auf dem Verdeck des Dampfers, der ihn heimwärts führte. Ein milder, sanfter Regen fiel jetzt, richtiges Sommerwetter war geworden; gegen Abend klärte es sich auf. Er kam sicher bei klarem Wetter, bei Vollmond nach Helleberg; da würde es wieder kühler werden.

Er sprach mit niemand und hatte auch für nichts um sich her Auge. Er sah seine Mutter in dem dünnen Schal, das war seine einzige Gesellschaft. Nur sie, nur sie, nur sie! Wenn das Telegramm sie nun noch mehr erschreckt hatte! Sein Anblick mochte ihr ja jetzt vielleicht das Schrecklichste von allem sein. Ein so vernichtendes Urteil über ihr ganzes Leben zu lesen, und zwar von ihm – sie war nicht danach angetan, daß sich so etwas dadurch auslöschen ließ, daß er sie um Verzeihung bat und zu ihr kam. Im Gegenteil, das würde das Schlimmste beschleunigen.

Natürlich würde er das tun. Abermals brach der helle Schweiß aus. Er mußte mehr Überzeug anziehen.

Die Angst zwang ihn in die Gedanken hinein, die ihr gefielen, er mußte in das Entsetzliche hinein ... Sich ausmalen, welchen Tod seine Mutter wählen werde! Er sprang auf, er wandte sich hierhin, dahin, er hätte gern die Arme um jemand geschlungen und geschrien, aber er wußte ja, daß es unmöglich war, sich davon zu befreien. Er mußte sehen, wie sie im Zimmer umherging und die Gewehre musterte, bis sie den Gedanken aufgab, eins davon zu benützen. Dann fing sie an, sich der tiefsten Verstecke des Waldes zu entsinnen; wo waren die alle? Er rief sie sich eins nach dem andern ins Gedächtnis. Nein, keins derselben würde sie wählen, denn sie würde sich so verstecken, daß sie nie wieder zu finden war. Die Zementlager! Dort fiel das Ufer steil ab, dort war die See tief. Er mußte sich an dem rauchgeschwärzten Tauwerk festhalten, um nicht zu fallen; er rang nach Befreiung! Dort aber schwamm sie schaukelnd in der plätschernden Brandung. Lag das Gesicht höher als der Körper oder lag der Körper noch eine Weile höher als das Gesicht?

Allmählich ward er von diesen entsetzlichen Gedanken befreit, indem die Leute an ihn herantraten und ihn fragten, ob er krank sei. Man gab ihm etwas Heißes, Starkes zu trinken, und nun machte das Schiff eine Biegung, und alles ringsumher war ihm bekannt. Sie fuhren dort vorüber, wo der Weg nach Helleberg führte, denn sie mußten erst nach der Stadt und dann mit einem Boot zurück. Jetzt handelte es sich nur darum, ob ihm ein Boot entgegengeschickt war. Darin lag der ganze Beweis. Dann lebte sie, dann würde sie ihn empfangen. War aber kein Boot da, so bedeutete das statt dessen eine Botschaft aus dem Abgrunde.

Und es war kein Boot da.

Einen Augenblick verließ ihn die Besinnung, er empfand nur ein Rummeln in einem leeren Raum. Dann aber arbeitete er sich hindurch wie aus einem finstern Gang; er wollte nach Helleberg; er wollte sehen, was geschehen war; er wollte wissen und suchen.

Jetzt dunkelte es bereits, aber er kam vom Schiff herunter und fuhr wie im Halbschlaf umher, nach einem Boot suchend; er konnte kaum sprechen, ließ aber nicht nach, bis er ein Boot aufgetrieben und Mannschaft zusammengebracht hatte. Er selber setzte sich ans Steuer und ließ sie aus Leibeskräften rudern. In der Dämmerung erkannte er jeden Felsvorsprung; sie sollten sich nur auf ihn verlassen und rudern, ohne um sich zu schauen. Bald befanden sie sich zwischen den Werdern. Jetzt war es nicht so wie ehedem, daß diese ihm entgegenkamen, nein, sie lagen alle da und stießen ihn von sich. Wenn kein Boot gesandt war, so hatte das seinen Grund darin, daß er hier nichts mehr zu tun hatte, weil er sein Anrecht an den Ort verscherzt hatte.

»Rudert nur zu, Leute!« rief er. Dann plötzlich stieg abermals jene Kraft in ihm auf, die da lag und auf die äußerste Probe wartete.

»Wo bleibst du nur einmal, Junge? Ich verzweifle an dir! So komm doch endlich einmal aus dir heraus!« So tönte abermals eine Stimme von außen her. Die Stimme eines Mannes! War es die seines Vaters?

Mochte es die Stimme seines Vaters sein oder nicht – hier auf dem väterlichen Grund wollte er sich aufraffen, wollte gegen das Schicksal ankämpfen.

In der äußersten Bedrängnis eines Menschen findet ein Ausgleich statt zwischen dem, was er gefehlt hat, und dem, was er kann; gerade als das Boot an den Werdern und an der Landzunge vorübergeglitten war und in die Bucht einlenken wollte, richtete er sich in seiner ganzen Höhe auf. Die Ruderer sahen ihn verwundert an; er hatte die Steuerpinne mit in die Höhe gerissen und sah aus, als solle er einem Feind begegnen...Oder hörte er etwas? Waren es Ruderschläge? Ja, nun hörten auch sie es. Wo sich die Bucht verengert, bei der Einfahrt, kam ihnen ein Boot entgegen; es sauste über den Wasserspiegel dahin.

»Ist das Boot aus Helleberg?« rief Rafael; seine Stimme zitterte.

»Ja«, tönte es aus der Finsternis zurück; es war die Stimme des Verwalters. »Ist das Rafael?«

»Ja. Weshalb kamt ihr nicht früher?«

»Das Telegramm ist eben erst gekommen.« Er setzte sich, er sagte kein Wort, er fühlte sich plötzlich nicht imstande dazu. Das Boot wendete und folgte ihnen; Rafael hätte seins fast auf Grund getrieben – er vergaß, daß er am Steuer saß.

Bald hatten sie die enge Einfahrt hinter sich, dann bogen sie um die letzte Landzunge, und dort, dort lag Helleberg vor ihm in einem Meer von Licht. Vom Keller bis zur Bodenluke, in jedem Fenster strahlte und leuchtete es, ja selbst im Stall und im Viehhaus – und jetzt in diesem Augenblick flammte eine mächtige Lohe von der Spitze des Hügels herab.

So empfing seine Mutter ihn! Er schluchzte; die Ruderer hörten es, und sie sahen, daß es heller um sie her ward; da wandten sie sich um. So überrascht waren sie bei dem Anblick, daß sie zu rudern vergaßen. »Nein, ihr müßt euch beeilen, damit ich nach Hause komme.« Mit Mühe brachte er die Worte heraus.

Er hatte alle seine Qualen vergessen, als er aus dem Boot ans Ufer sprang. Auch dachte er sich nichts dabei, daß ihm seine Mutter nicht entgegenkam, daß er sie nicht auf dem Altan stehen sah. Er stürmte nur die Treppe hinauf und öffnete die Tür...Die Lichter an den Fenstern erhellten das Gemach nicht, im Gegenteil, sie waren beschattet, so daß hier drinnen Dämmerung herrschte. Aber seine Augen kamen aus dem Halbdunkel da draußen; er sah sich nach ihr um und hörte nur ein Schluchzen, das aus dem innersten Winkel drang – und dort saß sie auch zusammengekauert in der Sofaecke, die Beine unter sich gezogen wie in alten Zeiten, wenn sie sich fürchtete. Sie streckte auch die Arme nicht aus; sie war ganz, ganz eingeschüchtert – er aber beugte sich über sie, er kniete nieder, er lehnte sein Gesicht gegen ihre Wange und weinte mit ihr. Fein, dünn, mager war sie geworden; ach, man hätte sie wegblasen können! Sie ließ sich von ihm in die Höhe heben wie ein Kind und an seiner Brust streicheln, liebkosen, küssen – ach, wie körperlos sie geworden war! Und diese Augen, deren er endlich habhaft wurde, sahen ihn durch Tränen aus großen Höhlen an, aber so unschuldig, wie die Vögel aus ihrem Nest herausgucken. Über ihre breite Stirn hatte sie ein langes, seltenes Tuch turbanartig geschlungen, die Enden fielen hinten herab – sie wollte verbergen, wie dünn ihr Haar geworden war; er lächelte, denn darin erkannte er sie wieder! Vergeistigter, schöner in ihrer Körperlosigkeit als je zuvor; das innerste Ich trat hier ohne Gewandung an den Tag.

Ihre zarten, zarten Hände strichen über sein Haar, und nun sah sie ihm in die Augen. »Rafael, mein Rafael!« – sie schlang den Arm um ihn und zog ihn wieder an ihre Brust. »Willkommen!« Sie flüsterte es. Bald aber hob sie den Kopf empor, saß frei und aufrecht da. Sie wollte sprechen. Er kam ihr zuvor.

»Verzeih den Brief!« flüsterte er, und seine Augen waren ein Flehen, ebenso seine Stimme, seine Hände, die ihren Kopf umschlossen.

»Ich sah deine große Seelennot«, lautete die ebenfalls geflüsterte Antwort, denn hierüber durfte nicht laut gesprochen werden. »Und da war nichts mehr zu verzeihen«, fügte sie hinzu.

Abermals hatte sie ihren Kopf an den seinen geschmiegt. »Und dann war es ja die lautere Wahrheit, Rafael!« flüsterte sie wieder.

»Sie muß schwere Tage und Nächte durchgemacht haben«, dachte er, »um das sagen zu können.«

»Mutter, Mutter! Welch eine entsetzliche Zeit!«

Ihre kleine Hand suchte die seine; sie war kalt; sie ruhte in der seinen wie ein Ei, das im Nest vergessen ist. Er wärmte sie und nahm auch die andere.

»War die Illumination nicht schön?« fragte sie, und nun glich ihr Gesicht dem eines Kindes. Er rückte den Schirm, der die Lichter verdeckte, ein wenig zur Seite, er mußte sie besser sehen. Er dachte, als er den Freudenschimmer auf ihrem Gesicht sah: »Wenn ihr das Leben noch so schön erscheint, so werden wir noch viele Tage miteinander verleben.«

»Hättest du mir das von Absalom – das Bild, das du sahest, als du die Geschichte von David hörtest, Rafael – hättest du mir das nur früher gesagt...« Sie hielt inne, und es zuckte um ihren Mund.

»Wie konnte ich es dir sagen, Mutter – verstand ich es doch bisher selber nicht!«

Sie lächelte.

»Die Illumination, ja, die sollte mein Verständnis bedeuten. Sie sollte dir gleichsam entgegenstrahlen. Begriffst du das nicht?«

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