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Bjørnstjerne Bjørnson: Absaloms Haar - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleMeisternovellen nordischer Autoren
titleAbsaloms Haar
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080505
projectid23680b2e
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IV.

Gleich einem Schiff mit hohen Masten, festlich, flaggengeschmückt, kam er nach Kristiania. Seine Liebe war Musik an Bord. Die zahlreiche Verwandtschaft stand längst zum Empfang bereit. Die vielen Ingenieure der Familie waren à jour mit allem, was er geschrieben, hatten Sorge getragen, daß es bekannt geworden war. Eine Reihe der größten technischen Unternehmungen im ganzen Lande befanden sich in ihren Händen, und dies erleichterte die Verbindungen nach allen Seiten hin. Man hatte wieder ein Genie in der Familie, das heißt, wieder jemand, mit dem man Staat machen konnte: Rafael ging aus einer Gesellschaft in die andere, von einer Vorstellung zur andern, und wo er oder seine Mutter sich zeigten, waren sie von einem Hofstaat umgeben. Dieser ward hauptsächlich aus den Damen der Familie gebildet, mehr noch als von den Herren, so daß die beiden kaum eine Woche in der Stadt verweilt hatten, als sich schon alle darüber einig waren, daß dies eine förmliche Sensation geben würde. Es gibt Menschen, die nicht für so etwas geschaffen sind: sie gleichen rußigen Kesseln ohne Klang oder eigensinnigen Kindern, die nicht wollen, oder alten, mürrischen Hunden, die knurren. Er aber war so durch und durch harmlos – die erste Bedingung! – so ein Prachtjunge mit unverwüstlicher Laune. Und er besaß das äußere Ansehen: er maß seine drei Ellen, war nach der neuesten Mode gekleidet. In seinen großen, lebhaften Augen wehten Festwimpel, seine Stirn umstrahlte ein elektrischer Glanz: er hatte große Übung, anderen klarzumachen, was ihn selber begeisterte, und er war schön, wenn er das tat. Er war ein vollendeter Weltmann, der auf den kosmopolitischen Diners, welche die Spezialität der Familie waren, mehrere Sprachen fließend sprach. Er war Besitzer eines der wenigen wirklichen Güter in Norwegen und verfügte, wie man erzählte, außerdem noch über ein bedeutendes Vermögen. Nur die Hälfte von alledem würde genügt haben, um sämtliche Glocken in Bewegung zu setzen. Zuerst ward er von der Familie, dann von der Gesellschaft und schließlich von der Stadt gefeiert. Vierzehn Tage lang war er der allgemeine Held. Man muß die kritischen, phantasielosen Eingeborenen des Kristianiaer Tales kennen, die einander im täglichen Leben aus reinem Mangel an Nahrungsmitteln auffressen; man muß sie gesehen haben, wie sie knochentrockene, sonderbare Bibelerklärungen verschlingen, um einen Begriff davon zu haben, wozu sie sich versteigen können, wenn sie hin und wieder einmal ein wirkliches Thema erhalten. Bei einem Sturm wallt nichts gefährlicher auf als Wüstensand; keine Sensation kann sich mit der Kristianias messen. Als es bekannt wurde, daß zwei Sachverständige aus der Familie und ein angesehener Geologe und Bergmeister zusammen mit Rafael auf Helleberg gewesen waren und seine Angaben in bezug auf das Zementlager bestätigt gefunden hatten, ward er zwanzigmal am Tage bestürmt und in den Wirbel hineingezogen. Das greift an! Er war aber stets aufgelegt wie ein Klavier und so wenig lecker, daß er zwischen dem Feinsten und Schmackhaftesten auch kleine Nägel und Tauenden hinunterschlucken konnte. In jeder Beziehung hielt der junge Brausekopf Maß, so daß er sich bei Tag und Nacht in einem Rundtanz bewegte, der jedem andern, nur ihm nicht, den Atem geraubt hätte. Der herrliche Monat auf Helleberg hat ihm gut getan. Er ward auch von lustigen Abenteuern heimgesucht, so eigentümlich und so kühner Art, daß man sein Leben hätte zum Pfand setzen können, daß so etwas in Kristiania unmöglich sei. .Aber große Dürre macht Durst! Ihm war zumute wie einem Jungen, der sich Mund, Nase, Stirn und Hände mit eingemachten Früchten eingeschmiert hat. So sind den Damen die Kinder am liebsten; da sind sie das Süßeste auf der ganzen Welt. Eine hohe, mit reifen, roten Beeren bedeckte Eberesche, die von tausend Staren umkreist wird – ein solches Leben herrschte rings um ihn her. Es fehlte jetzt nur noch, daß man einen Gott in ihm sah, und auch das sollte noch kommen.

Eines Tages, als er mehrere Fabriken besichtigte, gab er hier einen Wink und dort einen andern (er besaß eine reiche Erfahrung und hatte einen schnellen Blick), und jeder Wink war kostbar. Endlich in einer Fabrik, ähnlich wie die in Frankreich, der er die halbe Triebkraft erspart hatte, erwähnte er einen ähnlichen Plan; er zeigte auf dem Fleck, wie sich das machen ließe. Bald sprach man überall hiervon, die Gerüchte schwollen an wie die See bei mehrtätigen westlichen Winden. Das neue Genie, das nur einige zwanzig Jahre zählte, mußte das Wunder des Landes werden. Bald ward es reine Modesache, daß jeder Industrielle ihn aufforderte, seine Fabrik zu besichtigen, und als erst in diesen Kreisen festgestellt war, daß man einen Gott unter sich habe, ward Ernst aus der Sache, denn die Begeisterung dieser Kreise besitzt den genügenden Nachdruck. Auf diesen großen Augenblick hatten die Damen gewartet, um sich mit einem Satz vom ersten Grad der Vernunft bis zum fünften Grad der Torheit aufzuschwingen. Wie ein Sonnenstrahl auf blankem Metall, so tanzten ihre Augen Cancan auf ihm. Er selber achtete nicht sonderlich auf Grad oder Temperatur; dazu war er zu gutmütig in seiner liebenswürdigen Glückseligkeit, auch zu gleichgültig.

Ein starkes Moment bei diesem Treiben bildete das Temperament der Familie, denn das war dem seinen so ähnlich. Er war durch und durch ein Ravn, vielleicht mit einem Körnchen Kaas untermengt. Er war, was sie einen »echten Ravn« nannten, frei von allen Schattierungen; er schien ihnen aus der Urwerkstatt der Familie hervorgegangen zu sein, aus ihrer ursprünglichen Grundkraft. Der physische Zuschuß hatte die Fähigkeiten vielleicht üppiger gedeihen lassen; die Fähigkeiten selber beanspruchte die Familie für sich. Durch Hans Ravn hatte Rafael Geschmack am Verkehr mit der Familie bekommen; jetzt fühlte er das! Bei jedem Wort, das er äußerte, war das verständnisvolle Lachen da; es sprühte förmlich Funken um ihn her. Wo er vom allgemeinen Geschmack, von Vorurteilen, von hergebrachter Moral abwich, da wichen auch sie ab; wohin sein jugendliches Verständnis neigte, da fand er das ihre zu Beifall versammelt, ja, es kam ihm aus weiter Ferne entgegen, es wußte, wohin er wollte. Weil er seinem Alter und seiner Natur nach jung war und weit mehr konnte als die Jugend sonst, paßte er sowohl in die Gesellschaft der Jungen als auch in die der Alten – ach, wie wohl er sich in Norwegen fühlte!

Seine Mutter begleitete ihn überallhin. Ihr Leben war ihnen ja einstmals als das Sinnloseste erschienen, was man sich nur denken konnte; daraus aber hatte sie das Größte gemacht. Vor einem solchen Ziel, vor einem so beharrlichen Willen hatten sie Ehrfurcht, und die erwies man ihr in den zierlichsten Toiletten; mit ihrem diskreten Wesen und ihrem Anstand ward sie von einer Gesellschaft zur andern, von einem Ausflug zum andern geführt, bis es ihr zuviel wurde.

Es ging auch zu weit, es verletzte ihren Takt, sie fürchtete sich. Aber der Festzug ging weiter ohne sie wie eine Reihe Wagen, die ihren Weg fortsetzten, obwohl sie abgefallen war. Die Augen folgten der Staubwolke noch lange, und sie hörte den Widerhall des Getöses.

Helene – wo, zum Kuckuck, war denn Helene geblieben? War auch sie verschwunden? Keineswegs! Rafael war so fest überzeugt, sie bei sich zu haben wie eine goldene Uhr, die er dicht am Herzen trug. Schon am ersten Tage nach seiner Ankunft in der Stadt hatte er ihr einen Brief geschrieben; lang war er nicht, dazu hatte er keine Zeit, aber er war ganz wie er selber. Er erhielt sofort eine Antwort. Die Wirtin ihrer Pension brachte sie ihm persönlich: er war so erfreut darüber, daß die Wirtin, die den Poststempel gesehen hatte und die eine Verwandte des Propstes war, den ganzen Zusammenhang erriet, was ihn sehr amüsierte.

Aber Helenes Brief war ausweichend; sie kannte ihn offenbar nicht genügend, um sich rückhaltlos hinzugeben.

Er hatte keine Zeit zu dem Versuch, sie durch Briefe zum Reden zu bringen. Er kam in der Nacht heim, er erwachte spät am Tage, und dann waren schon die Freunde da und warteten auf ihn. In die Pension kehrte er nicht eher zurück, als bis er sich zu Tisch umkleiden mußte; indes hielt der Wagen schon vor der Tür, denn er kam stets im allerletzten Augenblick nach Hause. Wann sollte er schreiben? Bald war es überstanden, und dann ging es Heim, zu Helene!

Die Zementangelegenheit hielt ihn länger zurück, als er vermutet hatte. Seine Mutter machte nämlich Schwierigkeiten; nicht, daß sie sich der Gründung der Aktiengesellschaft widersetzt hätte, aber sie hatte so viele Bedenken, sie wollte das Ganze gern noch hinausschieben. Er hatte gar keine Zeit, sie zu überreden: auch ärgerte er sich über sie. Er überließ der Wirtin die Sache.

Diese war eine eigentümliche Persönlichkeit, die die Angelegenheiten ihrer Mieter und einen ganzen Haufen Kinder ohne eine Spur von Anstrengung regierte. Sie war Witwe, einige der Kinder waren fast zwanzig Jahre alt; sie selber aber schien nicht älter als dreißig zu sein. Groß, kräftig gebaut, dunkel, mit großen Augen, die wie Kohlen glühten, sicher, schnell entschlossen in allen Fragen, Antworten, Bewegungen. Wie einem Offizier mit langjähriger Übung im Kommandieren mußte man ihr unwillkürlich glauben, ihr unbedingt gehorchen. Man überließ sich ohne langes Nachdenken ihrem kurzen, natürlichen Geschick, alles zu ordnen. Und gefällig, ja aufopfernd war sie gegen diejenigen, die sie gern hatte – das waren nun aber freilich bei weitem nicht alle. Die Unvorbehaltenheit war eine Grundlage, die sie noch einmal so zuverlässig machte.

Sie hatte sich Frau Kaas' von vornherein angenommen, in erster Linie sie amüsiert. Angelika Nagel bediente sich beim Sprechen des modernen Kristianiaer Jargons; die ausgetretenen Schuhe der Sprache, in denen die Müßiggänger der Großstädte dahinschlürfen, waren erst ganz kürzlich Modesache in Kristiania geworden.

Dies alles war neu und charakteristisch für das rücksichtslose Sichgehenlassen – die natürliche Reaktion, die auf die Prüderie gefolgt war, über die Frau Kaas seinerzeit sich hinweggesetzt hatte. Deswegen amüsierte der Typus sie, sie studierte ihn. Auch nahm ihr Angelika Nagel alle praktischen Beschwerden ab, und das tat sie spielend. So zum Beispiel diese Zementangelegenheit. Auf ihre scheinbar unbedachte Art platzte sie damit heraus, was dieser oder jener darüber gesagt hatte, und das merkte Frau Kaas sich.

Bald brachte Angelika es dahin, daß es eine Notwendigkeit wurde, mit Rafael zu reden, und da er schwer zu treffen war, blieb sie des Nachts auf und erwartete ihn.

Das erstemal, als sie ihm die Tür öffnete, ward er ganz verlegen, und als er hörte, was sie von ihm wollte, verwandelte sich seine Verlegenheit in Dankbarkeit. Das zweitemal raubte er ihr einen Kuß, sie lachte und lief hinein, ohne mit ihm zu reden; das hatte er dafür! Doch er hatte die feste Fülle ihres Körpers gefühlt und sich an dessen Wollust versengt. Sie aber verschwand ganz aus seinem Gesichtskreis; selbst am Tage sah er sie nicht mehr, obwohl er es darauf anlegte. Ganz unerwartet aber begegnete sie ihm wieder an der Haustür; sie hatte ihm etwas Notwendiges zu sagen. Da kam es zu einem Kampf zwischen ihnen, der wiederum damit endete, daß sie ihm entschlüpfte und verschwand. Er flüsterte ihr nach, so laut er es wagen durfte: »Dann reise ich ab.«

Noch während er sich auskleidete, glitt sie lautlos zu ihm hinein.

Am nächsten Morgen, noch ehe er ganz wach war, brachte ihm der Briefträger eine Postanweisung auf einen Geldbrief mit fünfzehntausend Franken. Er glaubte, hier müsse eine Namensverwechslung vorliegen oder es sei ein Auftrag, den er ausführen solle. Nein, der Brief war von dem französischen Fabrikbesitzer, dessen Betriebskosten er auf die Hälfte reduziert hatte; er erlaube sich, ihm diese Summe als bescheidenes Honorar zu senden; bisher sei ihm das nicht möglich gewesen. Es solle aber nicht hierbei bleiben. Er sähe Rafaels Quittung mit Spannung entgegen, denn er sei der Adresse des Empfängers nicht ganz sicher.

Rafael kam mit Blitzesschnelle aus dem Bett. Allen erzählte er es, lief zu seiner Mutter hinab und wieder herauf. Kaum aber war er allein, als ihn dies Übermaß in Glück und Sieg mit Angst erfüllte. Jetzt mußte es ein Ende haben! Jetzt wollte er nach Hause! Gewissensbisse hatte er nicht die Spur gehabt, auch keine Sehnsucht bis jetzt! Und nun plötzlich überkam es ihn so unsagbar! Rein und hoch stand sie dort auf dem Hügel! Das Gefühl steigerte sich bis zur Angst; er mußte sofort reisen, sonst ging es ihm schlecht.

Die aufrichtige Freude der Mutter betäubte seine Angst. Sie kam zu ihm hinauf, als sie hörte, daß er sich eingeschlossen habe, und sie sprachen traulich miteinander. Schließlich auch über ihre pekuniären Verhältnisse. Sie wohnten in der Pension, weil ihre Mittel es ihnen nicht mehr erlaubten, im Hotel zu wohnen. Das Gut brachte es nicht ein, ehe man nicht mit dem Wald rechnen konnte, und ihr Kapital war nicht mehr unberührt, trotz der Bestimmung in dem Testament ihres Vaters. Jetzt willigte sie ein, ihn die Sache mit der Aktiengesellschaft ordnen zu lassen. Und zu dem Zweck fuhr er dann in die Stadt, wo sich sein Hofstaat bald um ihn scharte.

Aber das viele Geld, das hierzu erforderlich war, ließ sich nicht so an einem Tage zusammenbringen, es zog sich in die Länge. Er ward ungeduldig, er wollte und mußte reisen, und das Ende von der Sache war denn schließlich, daß die Mutter ihren Vetter, den Expeditionschef, mit der Gründung der Aktiengesellschaft beauftragte, während sie sich zur Abreise anschickten.

Sie machten Abschiedsbesuche und sandten Karten mit Danksagungen und Grüßen aus. Alles war bereit, der Tag selber kam – da erhielt Rafael im Bett einen Brief vom Propst. Ein anonymer Brief aus Kristiania, schrieb der Propst, habe ihn darauf aufmerksam gemacht, welch ein Leben Rafael in der Stadt führe. Darauf habe er sich selber Auskunft verschafft, und die Folge davon sei, daß er seine Tochter heute noch eine Reise ins Ausland antreten lasse. Weiter stand nichts im Brief.

Aber Rafael begriff, was zwischen Vater und Tochter vorgegangen war. Er zog sich hastig an und stürmte zur Mutter hinab. Sein Zorn über die elenden Menschen, die seine Zukunft zerstört hatten – wer konnte es nur einmal sein? –, vermischte sich mit seiner Verzweiflung; nur sie allein liebte er ja; alle die anderen konnten sich seinetwegen zum Teufel scheren. Er fühlte sich auch gekränkt, daß ihn der Propst oder sonst jemand so behandeln konnte – ihn verabschieden wie einen Diener, ohne mit ihm zu reden, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich zu rechtfertigen. Die Mutter las den Brief ganz ruhig. Dann hörte sie ihn an – ebenfalls ganz ruhig. Und als er hierüber noch mehr in Wut geriet, brach sie in ein schallendes Gelächter aus.

Es war nicht die Gewohnheit dieser beiden, einen Zwist in Worten auszufechten. Diesmal aber fuhr es ihm durch den Sinn, daß sie ihn nicht der Zementangelegenheit wegen zur Reise in die Stadt veranlaßt hatte, sondern um ihn von Helene abzulenken. Und das sagte er ihr. Ja, er fügte hinzu: »Jetzt ergeht es mir, wie es dem Vater erging. Und das ist deine Schuld – dies auch.« Damit stürzte er hinaus.

Bald darauf reiste Frau Kaas ab.

Am Abend desselben Tages reiste auch er, aber nach Frankreich.

Von Frankreich aus schrieb er dem Propst einen eindringlichen Brief mit der Bitte, Helene sofort nach Hause kommen zu lassen; sie wollten sich dann gleich verheiraten. Was der Propst auch von seinem Leben in Kristiania gehört haben möge, das habe nicht das geringste mit seinen Gefühlen für Helene zu tun. Sie – und nur sie allein – besäße die Macht, ihn zu fesseln. Der ihre werde er nun fürs ganze Leben sein.

Der Propst antwortete ihm nicht.

Nach einem Monat schrieb er abermals einen Brief. Darin gestand er zu, daß er sich nicht richtig benommen habe. Er habe sich die Sache nicht überlegt. Es sei eine Fortsetzung von so vielem andern gewesen, die Umstände hätten ihn zu sehr in die Irre geführt. Aber, schwur er, jetzt solle das ein Ende haben; er wolle zeigen, daß er des Vertrauens wert sei. Ja, er habe es gezeigt, seit er Kristiania verließ. Der Propst solle nun doch versöhnlich sein; dies sei ja eine Verbannung für ihn, denn ohne Helene könne er nicht nach Helleberg zurückkehren. Alles, was ihm dort lieb war, sei durch ihre Nähe eingeweiht worden; alles, was dort zu tun war, sei mit ihr geplant worden. Ja, dadurch auch sein Leben. Er trauere und er sehne sich, so daß es ihm eine Unmöglichkeit sei, zu arbeiten, obwohl er das brennende Bedürfnis nach Arbeit empfinde.

Diesmal erhielt er eine Antwort, freilich eine kurze. Sie lautete dahin, daß nur eine längere Prüfungszeit sie von dem Ernst seiner Vorsätze zu überzeugen vermöge.

Also nicht nach Hause, nicht arbeiten! Jedenfalls nicht so, daß es sich verlohnte. Er kannte seine Mutter genügend, um zu wissen, daß jetzt auch die Zementangelegenheit ruhte, mochte die Aktiengesellschaft gebildet sein oder nicht. Zum Überfluß überzeugte er sich davon.

Er hatte seiner Mutter längst geschrieben und sie herzlich um Verzeihung gebeten für das, was er gesagt hatte; sie wisse ja, daß es nur Heftigkeit sei; sie wisse, wie sehr er sie liebe, wenn er auch leider in dem, was ihm teuer sei und bleibe, uneinig mit ihr war.

Sie antwortete ihm schön und ausführlich, ohne nur mit einer Silbe das zu erwähnen, was geschehen war, ohne Helenes Namen zu nennen. Sie erzählte allerlei, unter anderem auch, welcher Ansicht der Propst in bezug auf das Gut sei. Hieraus schloß er, daß sie und der Propst einig waren wie ehedem. Vielleicht war der Grund, weswegen der Propst die Sache hinausschob, der, daß er fühlte, Frau Kaas interessiere sich nicht dafür.

Der Herbst nahte heran; bei all dieser Ungewißheit fühlte er sich einsam, sehnte sich nach seinen neuen Freunden in Kristiania. Dies schrieb er ihnen und daß er heimkehren werde. Doch wolle er sich eine Weile in Kopenhagen aufhalten.

In Kopenhagen traf er Angelika Nagel wieder, sie befand sich in der Gesellschaft einiger seiner Studienkameraden aus Kristiania. Sie war außerordentlich munter, strahlend von Schönheit und Gesundheit und mit jener flotten Ungeniertheit, welche der Jugend den Kopf verdreht. Er hatte während dieser ganzen Zeit alles Dahingehörige verbannt und kam ohne das Bedürfnis, es zu erneuern. Hier aber ward er zum erstenmal in seinem Leben eifersüchtig. Es war dies ein ganz neues Gefühl, und er war nicht darauf vorbereitet, dem zu widerstehen. Es überkam ihn, sobald er sie nur in Gesellschaft eines der Kameraden sah. Sie hatte ein eigenartiges, frisches, derbes Wesen, das seine Lust zu heller Flamme entzündete.

Jetzt eröffnete sich ihrem Zusammenleben ein neuer Abschnitt, geteilt zwischen rasender Eifersucht und rasender Hingebung. Dies führte, als sie abreiste, zu einem Briefwechsel ganz eigener Art, und dieser Briefwechsel zog ihn nach sich.

An Bord des Dampfers hörte er eine Unterhaltung zwischen einem Kellner und der Stewardeß. »Sie saß des Nachts auf und erwartete ihn, bis es so kam, wie sie es haben wollte. Und nun hat sie ihn ganz in den Fingern.« Möglich, daß ihn diese Unterhaltung nicht anging, aber es war ja auch ebensogut möglich, daß die Stewardeß in Kristiania in der Pension gedient hatte; er kannte sie nicht.

Es ist eigentümlich mit solchen Verhältnissen wie das zwischen ihm und Angelika – die Betreffenden sind in dem guten Glauben, daß sie unsichtbar gewesen sind! Bisher hatte – so glaubte er – kein Mensch das geringste davon gewußt. Nur der bloße Verdacht, daß das Gegenteil der Fall sein könnte, machte jetzt alles widerlich. Die Pension, Angelika, die Briefe – pfui, zum Kuckuck! Um keinen Preis der Welt wollte er das Verhältnis fortsetzen. Hatte Angelika das Netz ausgeworfen und ihn eingefangen wie einen großen, dummen Fisch? Der Gedanke war ihm nicht im entferntesten gekommen, das Ganze hatte bei ihm keine Rolle gespielt, bis er sie jetzt in Kopenhagen traf. Vielleicht war auch das ein schlau erdachter Plan!

Nichts kränkt die Eitelkeit und das Eroberungsgefühl eines Mannes tiefer als die Entdeckung, daß er dort, wo er Sieger zu sein glaubte, nur der eingefangene Sklave gewesen ist.

Rafael trieb sich den größten Teil der Nacht auf Deck umher und ging, in Kristiania angelangt, in ein Hotel. Von dort wollte er am folgenden Tage direkt nach Helleberg reisen; jetzt sollte die Sache biegen oder brechen! Dies – und alles Ähnliche – mußte für immer ein Ende haben, das führte nur zu Unglück. Und war er erst einmal zu Hause und erfuhr, wo Helene war, so würde sich das übrige schon finden.

Vom Hotel aus ging er in Angelika Nagels Pension, um zu sagen, daß einige Koffer, die dort noch standen, sofort ins Hotel geschafft werden sollten; er wolle am Nachmittag abreisen.

Er hatte zu Mittag gegessen und begab sich auf sein Zimmer, um zu packen, als sie dort stand. Elegant, schön und so unglücklich, wie er nie zuvor jemand gesehen hatte. War er wirklich nicht bei ihr eingekehrt? Wollte er sofort abreisen? Sie weinte mit einer so wilden Verzweiflung, daß er, der auf alles vorbereitet war – nur nicht darauf, sie so trostlos zu sehen –, unschlüssig dastand und ausweichende Antworten gab. Ihr Verhältnis, sagte er, habe ja keine andere Bedeutung als ein zufälliges Zusammentreffen gehabt; das wüßten sie beide. Folglich habe sie ja auch wissen müssen, daß es früher oder später ein Ende haben werde. Und nun sei die Zeit gekommen.

Nein, entgegnete sie, es habe mehr zu bedeuten; sie habe niemals jemand gekannt, den sie so geliebt habe wie ihn; das habe sie ihm auch bewiesen. Denn sie sei zu ihm gekommen, um ihm zu sagen, daß sie guter Hoffnung sei; sie sei so verzweifelt darüber, wie nur ein Mensch sein könne – dies bedeute ihren und ihrer Kinder Ruin. Niemals habe sie sich so etwas Entsetzliches vorgestellt, aber ihre wahnsinnige Liebe habe sie mit fortgerissen – und nun liege sie da, wie sie sich selber gebettet habe.

Rafael konnte nicht antworten, weil er nicht imstande war, zu denken. Er sah ihren Nacken und ihren Rücken und ihr krampfhaftes Zucken; er sah ihren kleinen Fuß unter dem Kleid hervorgucken, ihren kräftigen Arm in dem strammen Ärmel. Das Gesicht barg sie in den Händen und weinte und schluchzte und schrie.

Und doch, das erste Gefühl, dessen er sich bewußt ward, war kein Mitleid mit der da vor ihm. Er dachte an Helene, an den Propst, an seine Mutter. Was würden die jetzt sagen?

Als fühlte sie, wo seine Gedanken weilten, blickte sie jetzt auf. »Willst du mich wirklich verlassen?« Wie verzweifelt ihr Antlitz war, diese starke Frau erschien ihm schwächer als ein Kind.

Er stand aufrecht vor ihr, den geöffneten Koffer neben sich, todunglücklich, auch er. »Was soll es nützen, daß ich hierbleibe?« erwiderte er sanft. Ihr Blick bohrte sich forschend in den seinen; klarer und klarer wurden ihre Augen, sie nahmen einen entschlossenen Ausdruck an, dann glänzten sie, dann blitzten sie, ihr Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln; sie wuchs von Sekunde zu Sekunde, bis sie in die Höhe sprang: »Du mußt dich mit mir verheiraten, wenn du ein Mann von Ehre bist!«

»Ich – mich verheiraten – mit dir!« rief er, erst entsetzt, dann ebenfalls höhnisch.

Jetzt nahmen ihre Augen einen bösen Ausdruck an, sie steckte den Kopf vor, ihre ganze Person sammelte sich zum Angriff gleich einer Tigerkatze. Dann aber schlug sie mit männlicher Faust auf den Tisch. »Ja, das sollst du, hol mich der Teufel!« flüsterte sie. An ihm vorüber und ans Fenster. Was wollte sie nur?

Es öffnen, alles zum Fenster hinausschreien – er hörte nicht deutlich, was. Sich ganz zum Fenster hinauslehnen und noch einmal schreien ... Dann schloß sie das Fenster, wandte sich zu ihm, drohend, triumphierend.

Er stand leichenblaß da – nicht, daß er sich fürchtete oder einschüchtern ließ, sondern weil es ihm plötzlich klar ward, daß er hier den Feind seines Lebens vor sich halte. Und dann erhob er sich zum Kampf.

Sie sah das sofort, sie fühlte seine Kraft, ehe er sich rührte. Hier war etwas im Auge, in der Haltung, was sie niemals bezwingen würde. Eine Kraft im Ausdruck, im ganzen Wesen, mit der man sich nicht gern auf einen Kampf einließ. Hatte er sie bisher niemals gesehen, so hatte auch sie ihn bis zu diesem Augenblick nicht gesehen.

Doch um so wilder liebte sie ihn! Sie freute sich, daß er sich nicht an ihre Bewegungen kehrte, sondern sich umwandte, um das letzte Stück in den Koffer zu legen und ihn zu schließen. Da kam sie dicht an ihn heran – in tiefer Zerknirschung, in Reue und Elend, wie er es größer niemals gesehen hatte, sei es im Leben oder in der Kunst. Das Antlitz schreckerstarrt, die Augen wie festgenagelt, der ganze Mensch regungslos, nur Träne auf Träne ohne Laut, ohne Hauch. Sie wollte, mußte, würde ihn besitzen, sie zog ihn in sich hinein, wie der Meeresstrudel zieht. Es war eine Liebe, die auf Leben und Tod kämpft mit allen ihren Äußerungen, den rasenden wie den verzweifelten. Das begriff er jetzt.

Aber er legte das letzte Stück in den Koffer und schloß ihn. Dann machte er ein paar Schritte durch das Zimmer, als sei er allein, sagte darauf, sie müsse doch selber einsehen, daß dies ganz unmöglich sei.

»Glaubst du nicht,« erwiderte sie leise, »daß ich imstande wäre, dir alle Beschwerden abzunehmen, so daß du für dich arbeiten könntest? Hast du nicht gesehen, daß ich mit deiner Mutter umzugehen weiß?« Er antwortete nicht, mußte aber zugeben, daß dies der Fall war. Sie wartete eine Weile, dann fuhr sie fort: »Und was Helleberg betrifft – ich kenne das Gut ja; der Propst ist ein Verwandter von mir, ich bin schon dort gewesen. Das wäre etwas für mich – die Leitung des Ganzen – meinst du nicht auch? – Und die Zementgruben,« fügte sie hinzu, »ich habe ein Talent fürs Geschäft; das würde ich dir abnehmen.«

Sie sagte das gedämpft, kurz. Sie lispelte ein wenig, was ihr etwas Hilfloses verlieh.

»Reise auf alle Fälle nicht heute mehr – überlege es dir!« sagte sie und weinte nun wieder so bitterlich. Es war ihm, als müsse er zu ihr hin und sie trösten.

Sie kam ihm entgegen, sie schlang die Arme um ihn und preßte ihn an sich in ihrer Verzweiflung und ihrer Begier. »Reise nicht, ach, reise nicht!«

Sie fühlte, daß er wärmer ward. »Niemals«, flüsterte sie, »habe ich mich, seit ich Witwe bin, einem andern hingegeben – und da wirst du selber begreifen –« sie lehnte den Kopf gegen seine Schulter und schluchzte, schluchzte.

»Es kommt mir so unerwartet«, sagte er. »Ich kann nicht –«

»So laß dir Zeit«, flüsterte sie, ihm einen glühenden Kuß gebend. »Ach, Rafael«, sie umwand ihn, sie umgab ihn mit Feuer.

Es klopfte, sie fuhren auseinander. Es war der Mann, der das Gepäck holen wollte.

»Nein,« entgegnete Rafael, indem er errötete, »ich will bis morgen bleiben.«

Der Diener ging; sie sprang auf ihn zu, dankte ihm, jubelte, küßte ihn. Ach, wie sie strahlte vor Stärke, vor Glück und Sieg. Sie war ein junges Mädchen von einigen zwanzig Jahren. Oder vielmehr ein junger Mann. Denn es war auch etwas Männliches in der Art und Weise, wie sie sich jetzt entfernte.

Kaum aber war der Glanz, das Feuer zur Tür hinaus, als seine Stimmung augenblicklich fiel.

Wenige Minuten später lag er auf dem Sofa wie in einem Grabe. Er hatte ein Gefühl, als könne er sich nicht wieder erheben.

Was würde nun aus seinem Leben werden? Denn über dem Leben liegt ein Traum, der die Seele desselben ist. Und wenn der Traum verflogen ist, gleicht das Leben einer Leiche.

Das war es, was die große Angst zu bedeuten gehabt hatte. Bis hierher hatten alle Ravns das Raubtier in ihm verfolgt. Jetzt sollte es nicht länger spielen und tändeln, jetzt würde es die Krallen allen Ernstes in ihn schlagen, ihn zu Boden werfen, sein frisches Blut schlürfen. Das hatte sie, die eben gegangen war, ihm bewiesen.

Ebenso sicher aber war es, daß, falls er sie verließ, sie mitsamt ihren Kindern ruiniert sein würde. Und dann könnte ihn niemand mehr für einen Mann von Ehre halten – am allerwenigsten er selber.

Noch ganz kürzlich in Frankreich, als er mit einer größeren Arbeit, die unablässig in ihm dämmerte, nicht zustande kommen konnte, mußte er oftmals denken: »Du hast das Leben zu leicht genommen; wer das tut, ist nicht mehr fähig, Großes zu vollbringen.«

Vielleicht, wenn er nun hier seine Schuldigkeit tat, seine Schuld gegen sie, gegen sich selber und gegen andere, mit allen ihren Folgen ruhig auf sich nahm und sie trug wie ein Mann – vielleicht, daß es ihm dann gelingen würde, seine ganze Kraft zu entfalten!

Das hatte seine Mutter getan, und sie kam ans Ziel!

Aber mit dem Gedanken an die Mutter kam der Gedanke an Helene, kam sein Traum. Der zog jetzt fort von ihm wie die Zugvögel im Herbst. Er lag wieder da und hatte ein Gefühl, als könne er sich nie mehr erheben.

Aus dem Strudel, in dem er sich während des letzten Sommers bewegt hatte, erinnerte er sich zweier Menschen, zu denen er Zutrauen gefaßt hatte. Es war ein jung vermähltes Paar. Bei denen saß Rafael am Abend. Er setzte ihnen das Ganze ehrlich auseinander, denn er war nun einmal ehrlich. Der maßgebende Prüfstein ist, ob jemand alles, was ihn selber betrifft, erzählen kann. Und das konnte er.

Sie hörten ihn voller Entsetzen an. Aber ihr Rat war höchst sonderbarer Art: er solle abwarten und sehen, ob sie auch wirklich guter Hoffnung sei.

Dies erregte seinen Widerwillen; hier war kein Zweifel möglich, denn aufrichtig war sie. – Sie könne sich ja aber irren; sie müsse sich untersuchen lassen. Auch dieser Vorschlag empörte ihn: aber er ging darauf ein, daß auch sie kommen und mit ihnen reden solle; sie war mit ihnen bekannt.

Am nächsten Tage ging sie zu ihnen. Ihr sagten sie beide, was sie Rafael nicht gut hatten sagen können, daß sie ihn ruinieren werde. Ein so hochbegabter Jüngling wie Rafael Kaas, dem die ganze Welt offen stand, dürfe sich doch nicht in einem Alter von einigen zwanzig Jahren eine ältere Frau und eine ganze Schar Kinder aufladen! Er sei keineswegs reich, das wisse sie ja aus seinem eigenen Munde; sein Leben werde sich zu dem eines Lasttiers gestalten, und zwar, noch bevor er gelernt habe, Lasten zu ziehen. Werde er gezwungen, das tägliche Brot für so viele Menschen zu verdienen, so müsse er das Unmöglichste auf sich nehmen und infolgedessen mittelmäßig werden. Darunter würden beide leiden, würden sich enttäuscht fühlen, unglücklich werden. Er dürfe nicht so hart für einen Leichtsinn büßen, für den sie zehnmal so verantwortlich sei wie er. Was wohl die Leute dazu sagen würden? Er, der so beliebt, so gefeiert sei, auf den man so viele Hoffnungen gesetzt habe? Man würde über sie herfallen wie die Krähen, sie in Stücke zerhacken. Man würde das Schlimmste von ihr glauben.

Der junge Ehemann fragte sie, ob sie auch ganz sicher wäre, daß sie guter Hoffnung sei. Sie müsse sich untersuchen lassen. Angelika Nagel errötete und erwiderte halb mit Hohn, halb lachend, darauf werde sie sich doch wohl verstehen.

»Ja,« erwiderte der Mann, »das haben schon viele gesagt, die sich trotzdem irrten. Was glauben Sie, daß man von Ihnen denken muß, wenn man weiß, daß Sie den jungen Kaas zur Ehe gezwungen haben, weil Sie guter Hoffnung seien – und wenn sich diese Behauptung nun als Irrtum erweist? Denn so etwas spricht sich natürlich herum.«

Sie errötete abermals und sprang auf. »Die Leute können meinetwegen sagen, was sie wollen.« Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Aber, du lieber Gott! Ich will ihn ja doch nicht unglücklich machen!« Sie wandte sich ab, um ihre Bewegung zu unterdrücken. Die junge Frau aber ließ nicht nach. Sie schlug ihr vor, ihm ohne weiteres zu schreiben, ihn freizugeben und ihn zu seiner Mutter reisen zu lassen; von dort aus könne die Sache dann geordnet werden. Angelika sei ja so tüchtig, daß sie sich überall durchschlagen werde, und den Versuch müsse sie machen. Rafael müsse sie ja auch unterstützen.

Angelika antwortete: »Wenn ich nachgeben soll, so will ich an seine Mutter schreiben. Sie soll alles wissen, damit sie auch die Verantwortung kennt, die auf ihm lastet.«

Das fand man verständig, und Angelika setzte sich hin, um zu schreiben. Sie war dabei oft heftig bewegt, aber es ging doch schnell, sicher, Bogen auf Bogen.

Da schellte es: ein Dienstmann mit einem Brief. Das Mädchen kam damit herein, die Frau nahm ihn in Empfang; aber er war nicht an sie, er war an Angelika – beide kannten Rafaels Handschrift.

Angelika erbrach den Brief, ward feuerrot, strahlte, denn er schrieb, das Ergebnis seiner ernsten Erwägungen sei, daß sie und ihre Kinder nicht durch ihn unglücklich werden sollten; er sei ein ehrlicher Mensch, der die Folgen seiner Handlungen selber tragen und sie nicht anderen auf die Schultern wälzen wolle.

Angelika reichte der jungen Frau den Brief. Dann riß sie das eben beendete Schreiben an seine Mutter in viele Fetzen und ging.

Die junge Frau aber dachte bei sich: »Das Gute in uns muß für das Schlechte Bürgschaft leisten, und dann hängen wir fest, daß es nur eine Art hat.«

Die Entdeckung, die sie damit machte, war schon verschiedentlich gemacht worden. Deswegen war sie aber nicht weniger richtig.

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