Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Bjørnstjerne Bjørnson: Absaloms Haar - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleMeisternovellen nordischer Autoren
titleAbsaloms Haar
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080505
projectid23680b2e
Schließen

Navigation:

III.

An einem schönen Abend zu Anfang Juni verließen sie den Dampfer in der Stadt und bestiegen das Boot, das sie nach Helleberg führen sollte. Sie kannten niemand von den Leuten, obwohl diese vom Hofe waren, und auch das Boot war neu. Aber die Werder, zwischen denen sie bald hindurchruderten, waren noch die alten. Sie hatten lange auf sie gewartet und waren hinausgeschwommen, um sie in Empfang zu nahmen; sie machten jetzt Platz, einer nach dem andern, damit das Boot hindurchkommen konnte. Keines von beiden sprach mit den Leuten, aber auch miteinander sprachen sie nicht; daraus erkannten sie gegenseitig ihre Stimmung, nämlich, daß sich beide fürchteten. Es kam so auf einmal! Der fröhliche Abendsonnenschein, der über Meer und Werdern lag, der würzige Duft vom Lande her, das geschäftige Plätschern eines kleinen Küstendampfers, der an ihnen vorüberfuhr – nichts vermochte sie zu trösten. Jetzt, wo es an sie herantrat, erhob sich die Verantwortung, die alte wie die neue. Und wie mochte das aussehen, wo sie jetzt hinkamen, wie würden sie da hineinpassen? Bald hatten sie die schmale Strecke passiert, die in die Bucht führte, und ruderten an der letzten Landzunge vorüber... Dort lag die grüne Rundung vor ihnen, die Häuser in der Mitte. Die Hügel waren ehemals gekrönt gewesen, dunkelfarbig, mit üppigen Waldungen bedeckt, breiten Schatten werfend; jetzt lagen sie abrasiert da, eingesunken, formlos, mit etwas Hellgrünem überkleckst, das nicht überall hängen geblieben war. Alles, was die Hügel ehemals umrahmt halten, war mit ihnen plattgedrückt, erschien geringer, nicht in bezug auf die Ausdehnung, sondern auf das Aussehen; die beiden mochten nicht hinschauen. Sie erinnerten sich des Alten, und sie fühlten sich selber mager, ausgeplündert.

Die Häuser frisch gestrichen, aber kleiner, als sie sie in der Erinnerung hatten! Niemand an der Brücke, um sie in Empfang zu nehmen: oben vor der Galerie ein paar verlegene oder auch argwöhnische Gestalten. Sie begaben sich in Frau Kaas' alte Zimmer unten und oben – sie standen alle so, wie sie sie verlassen hatten: wie verblichen und unansehnlich waren sie aber nicht geworden! Ein Tisch mit Abendbrot stand gedeckt; er brach fast zusammen unter schweren Speisen wie auf einer Bauernhochzeit. Die alten Linden – verschwunden. Da weinte Frau Kaas.

Da fiel ihr plötzlich etwas ein: »Laß uns in den andern Flügel hinübergehn!« Sie sagte das, als würden sie sich dort wiederfinden. Auf der Galerie ergriff sie Rafaels Arm: der war ganz gespannt.

Die alten Zimmer seines Vaters waren ganz für ihn zurechtgemacht. Im großen wie im kleinen erkannte er ihren Geschmack – eine lange Arbeit im geheimen, also ein weitläufiger Briefwechsel, eine bedeutende Ausgabe. Wie neu und fröhlich war hier nicht alles! Die Räume dem Leben, das hier einst geführt war, ebensosehr entfremdet, wie sie bemüht gewesen war, ihn diesem Leben zu entfremden!

Und dann nahmen die beiden eine gemütliche Abendmahlzeit ein und machten hinterher einen feierlichen Spaziergang am Strande. Die mattblanke Bucht in ihrer weiten Ausdehnung und mit ihrem leisen Plätschern nahm ihre alte Unterhaltung mit ihnen wieder auf: die Sommernacht senkte den Himmel in Dämmerungstraulichkeit auf sie herab.

Am nächsten Morgen war er draußen und ruderte auf der Bucht, dem Tummelplatz seiner Kindheit. Trotz der halb herabgesunkenen, gänzlich flachen Hügel war seine Wonne, als er hier saß, unbeschreiblich. Unbeschreiblich infolge der Einsamkeit und Stille: niemand und nichts folgte ihm. Nach langjährigem Aufenthalt in großen Städten allein in einer norwegischen Bucht zu sitzen, das ist dasselbe, als wenn man von einem lärmenden Marktplatz in eine hoch gewölbte Kirche tritt, wohin kein Laut von außen zu dringen vermag: auch drinnen kein Laut außer dem Schall seiner eigenen Schritte. Heilig, heilig, Reinigung, Versinken, Andacht, aber in einer Beleuchtung, in einer Freiheit, wie sie keine Kirche aufzuweisen hat. Das Vergangene entweicht und damit die Zeit überhaupt. Es war hier, als sei er auch gestern und vorgestern hier gewesen. Über hier hinaus wußte niemand von ihm.

Unbeschreiblich infolge der Fülle an Stimmungen, in die er hier hineingeriet; niemals hatte er reichere gekannt! Eine neue Reihe von Gefühlen, von Schönheitseindrücken aus der Kindheit, längst vergessen oder anders in der Erinnerung, sie kamen auf ihn zugeschwebt, sie redeten zu ihm gleich wiedererkennenden, frohen Geistern.

Eine neue Art von Berglinien, ein alter, lieber Duft, Farben, die sich auf eine ungeahnte Weise voneinander abhoben, ein Himmel, der sicher näher war, aber doch viel zurückhaltender; Lichtwirkungen in kälteren Stoffen, aber leichter, feiner. Nirgends eine breite Fläche, eine endlose Fortsetzung; nein, vielartig, viellinig, schroff, abgerissen, unruhig, dadurch einzig frisch, er möchte sagen, aussätzig.

Mehr und mehr verschwamm es mit seinen Erinnerungen und mit ihm selber; er hatte Sinn dafür. Nach jedem Ruderschlag ruhte er, fühlte sich jedesmal wie in einer Umarmung. Das Boot lief tiefer in die Bucht hinein; er kehrte sich nicht daran, wohin, als er von da drinnen Ruderschläge hörte, die nicht das Echo der seinen waren – sie folgten sicher aufeinander. Er wandte sich um.

Im selben Augenblick trat Frau Kaas mit ihrem Krimstecher auf den Altan hinaus. Sie hatte Kaffee getrunken und sich darauf gefreut, über die Bucht und die Werder und das Meer zu schauen. Rafael war schon im Boot, das sah sie. Da hinten, ja, da war er. Sie hielt das Glas gerade in dem Moment vor die Augen, als ein weiß gestrichenes Boot auf sein braunes, geteertes zugeglitten kam. Es ward von einer Dame in hellem Kleid gerudert – grand Dieu, sind denn auch hier Damen? Rafael hielt an, das heißt, beide hielten die Ruder in die Höhe, indem die Boote aneinander vorüberglitten.

Frau Kaas sieht den starken Hals der Dame unter dunklem Haar, aber ein breitrandiger Strohhut ist so aufgesetzt, daß sie ihr Gesicht nicht sieht; er steht ja fast lotrecht! Jetzt taucht Rafael seine Ruder ins Wasser und begrüßt die Dame, und sie taucht ihre Ruder ins Wasser und begrüßt ihn. Kennen sie einander denn? Sobald sie wieder Seite an Seite liegen, erfaßt Rafael ihr Boot und zieht es näher heran, und dann reicht er ihr die Hand, und sie – sie nimmt sie! Frau Kaas sieht Rafael von der Seite, und zwar so deutlich, daß sie die Bewegung der Lippen verfolgen kann: er lacht! Der Hut verbirgt noch immer das Gesicht der Dame, aber ihre üppige Brust sieht sie und einen kräftigen Arm, der aus dem halblangen Mantel hervorguckt. Ihre Hände lassen nicht voneinander: jetzt lacht er so, daß sein breiter Rücken bebt – was ist das, was ist das nun einmal? Ist ihm jemand von München nachgereist?

Frau Kaas kann nicht mehr still sitzen: sie geht hinein, sie legt das Glas aus der Hand: eine unsagbare Angst überkommt sie, ein hilfloser Zorn bemächtigt sich ihrer. Es währt eine ganze Weile, ehe sie sich überwinden kann, das Glas wieder aufzunehmen, hinauszugehen und die Sache weiter zu verfolgen.

»Die Dame« hatte ihr Boot gewendet: jetzt ruderten sie Seite an Seite, sie ebenso schnell wie er. Wann auch Frau Kaas ihren Sohn ansehen mochte, stets lachte er. und das Gesicht der Dame hing unverwandt an dem seinen. Jetzt machten sie eine Wendung, sie ruderten auf den Pfarrhof zu ... Sollte es Helene sein? Die einzige Dame in meilenweitem Umkreis, und diese einzige Dame hatte Rafael am ersten Tage nach seiner Heimkehr aufgegabelt.

Diese Damen, die ihn niemals erblicken können ohne sich ihm gleich in die Arme zu werfen!

Da legt das Boot an – nicht am Bootsdamm, vielleicht sind die Steine glatt, nein, am Ufer legen sie an; sie rudern ihre Boote so weit auf den Sand hinauf, wie sie können: und sie springt schnell und leicht aus dem ihren heraus, jetzt er ein wenig schwerfälliger aus dem seinen und dann reichen sie einander wieder die Hand! die Dame steht bereits da!

Frau Kaas wendete sich ab. Jetzt wußte sie, daß sie selber ein altes Möbel geworden, das auf den Gang hinausgestellt war.

Es war wirklich Helene. Sie wußte, daß sie gekommen waren; sie wollte am Hof vorrüberrudern und da war sie ihm begegnet, der ausgerudert war, nur um zu rudern. Er dachte, als sie beide die Ruder in die Höhe hielten und die Boote lautlos aneinander vorüberglitten: » Die da?« – Die ist nicht hier gewachsen, dazu ist sie zu groß angelegt in der Zeichnung. Sie ist nicht der Geist diese Ortes«

Er sah nämlich in ein Antlitz mit festen Brauen großen, grauen, schön umkränzten Augen. Ein ruhiges, kluges Gesicht, und plötzlich zuckte ein Schalk darin auf! Das erkannte er wider, es hatte ihm seinerzeit so gut getan. Das erste Gefühl bei jedem Wiedererkennen, bei jeder Erinnerung(das heißt, falls Gelegenheit dazu da ist) ist, ob das, was wir wieder erkennen oder dessen wir uns erinnern, uns gut getan oder es uns wehe getan hat. Dieser große Mund, diese gesunden Augen, aus denen jetzt der Schelm hervorlugt, die haben ihm nur, nur gut getan ...

»Helene!« rief er und tauchte sein Ruder ins Wasser und begrüßte sie.

»Rafael!« erwiderte sie dunkelrot und tauchte ebenfalls die Ruder ins Wasser. Eine gedämpfte Altstimme.

Als er zum zweiten Frühstück heimkehrte, strahlend, berichtend, begegnete er zwei großen Augen, die deutlich sagten: »Hast du mich schon auf den Gang hinausgeworfen?«

Er wurde ganz wütend. Während des Frühstücks meldete sie ganz gleichgültig, jetzt wolle sie zum Propst hinüberfahren, um ihm für die Aufsicht zu danken, die er alle diese Jahre hindurch geführt habe. Er antwortete nicht. Daraus schloß sie, daß er nicht mit wolle. Es währte eine Weile, bis sie selber zur Abfahrt bereit war. Die Fahrgelegenheiten waren neu, auch der Stallknecht war neu und ungeübt. Zu Rafael sagte sie nichts.

Beim Propst wurde sie mit der größten Ehrerbietung, und doch herzlich dabei, empfangen. Der Propst war ein schöner alter Mann, ein praktischer, bestimmter Charakter, seine Frau eine tiefere Natur. Sie behaupteten beide, es sei ihnen keine Mühe gewesen, die Aufsicht über das Gut zu führen, nur ein angenehmer Zeitvertreib, den Helene jetzt übernommen habe. – Helene? – Ja, das sei dadurch gekommen, daß der erste Verwalter auf Helleberg früher Agronom und Forstmann auf einem großen Güterkomplex gewesen sei. Für ihn habe Helene eine solche Zuneigung gefaßt, daß sie ihn in der freien Zeit, die ihr die Schule gelassen, überallhin begleitet habe; er sei auch ein prächtiger alter Mann gewesen. Auf diesen Wanderungen lehrte er sie alles, was er selber wußte; er habe eine besondere Begabung dafür gehabt. Für sie ward es von großer, fördernder Bedeutung, indem es ihr etwas gab, wofür sie leben konnte. Allmählich habe sie die Oberaufsicht übernommen, das sei ihr Leben geworden.

Frau Kaas bat, Helene zu grüßen und ihr zu danken. Aber Helene sei ja gerade mit Rafael ausgegangen! – »Das ist wahr!« sagte Frau Kaas; sie mußte sich den Schein geben, als wisse sie es, ließ dann aber gleich den Wagen vorfahren.

Indes kletterten die beiden Jungen oben zwischen den Hügeln umher. Sie waren am Flußbett entlang gegangen, sie voran, er ihr folgend. Es unterlag keinem Zweifel, daß Helene im Walde aufgewachsen war. Wie geschmeidig war nicht ihr starker Körper! Und wie sie sich zu bewegen wußte, wenn sie über einen Bach mußte oder einen Waldabhang hinauf, durch ein Dickicht junger, den Weg versperrender Nadelhölzer, die sie nicht durchlassen wollten, oder wenn sie einen Lehmhügel, einen Felsbruch überschreiten mußte, deren es hier so viele gab – von dem einen ins andere hinein. Der Aufstieg vom Fluß war der bequemste und amüsanteste, deswegen gingen sie hier. Rafael wollte ja nicht hinter ihr nachstehen, er folgte ihr auf den Fersen, aber du lieber Gott, welche Anstrengung ihn das kostete! Teils fehlte ihm die Übung, teils ...

»Hier ist es ein wenig schwer, hinüberzukommen», sagte sie. Bei dem letzten Regenwetter war hier ein Baum umgestürzt; oben hing er noch an der Wurzel, hier sperrte er ihnen den Weg. »Du darfst dich nicht daran festhalten; er kann sich loslösen und uns mit hinabziehen.«

»Endlich einmal etwas, das ihr schwierig erscheint!« dachte er. Er sah sie sich am Baum entlang bewegen, ohne sich darauf zu stützen; er sah, wie sie sich vor dem ersten sperrenden Zweig, über den sie hinüber mußte, einen Moment besann, dann die Röcke bis ans Knie und darüber aufhob, geschwinde, geschwinde hinüber, ebenso über den nächsten und dann über den Stamm selber, gleich da, wo sich auf der andern Seite kein hemmender Zweig befand. Dann von der Seite den Hügel hinan, bis sie oben stand und ihn hinterdrein kriechen sah.

Ihn kostete es entsetzliche Mühe. Der Atem wollte nicht ausreichen, der Schweiß perlte ihm von der Stirn. Als er gleich nach ihr oben anlangte, ward es ihm schwarz vor den Augen; wenn auch nur die Hälfte einer Sekunde, so genügte es doch, um ihn die ganze Fülle ihrer Gesundheit erkennen zu lassen. Sie stand da und sah ihn an. Sie war rot, warm, einen Schelm in den Augen, mit heftig wogendem Busen, aber es unterlag keinem Zweifel, daß sie sofort hätte weiterklettern können, und zwar ebenso steil. Er vermochte kein Wort hervorzubringen; sie sagte: »Jetzt mußt du dich umwenden und das Meer anschauen.«

Die Worte wirkten auf ihn, als habe der große Pan sie ihm von den Bergen dort in weiter Ferne zugerufen; er erblickte die Berge im selben Augenblick. Die Worte kamen wie ein Erguß der großartigen Natur hier oben; sie strichen mit eiskalter Hand an ihm herab, sie strichen mit warmer an ihm hinauf – und dann war er ein anderer geworden.

Denn er hatte sich verirrt, sich in sie verirrt, während sie am Flußufer hinan und die Hügel hinauf anführte. Sie schöpfte förmlich Kraft aus dem Walde; sie ward größer, geschmeidiger, sie ward mächtiger. Die Wärme der Augen, die Fülle der Stimme, die Bewegungen, die Formen, das Aufblitzen der Seele dort unten in der Tiefe des Tals, beim Brausen des Flusses, und mit dem Steigen, mit seiner Erhitzung stieg sein Verirren. Kein Ballsaal, kein Spielplatz, keine Turn- und Reitschule läßt so die körperlichen Fähigkeiten und den Widerschein der Seele darin erkennen, gibt der Einheit des Wesens einen solchen Ausdruck, als das Umherklettern zwischen Hügeln und Steingeröll. Schließlich war er ganz berauscht; er dachte: »Jetzt klimme ich hinter ihr drein auf einer Leiter, hinauf zu dem höchsten Glück.« Dort oben, dort oben! Ihre Unerschrockenheit in seiner Gegenwart, ihre Unbekümmertheit um das, was er sah, verwirrte ihn. Dort oben, dort oben!

Aber noch höher hinauf, und sie ward feuriger, und er jämmerlich!

Und dort oben, dort oben – dort ward es ihm schwarz vor den Augen; ein paar Sekunden lang konnte er sich nicht rühren, ein paar Sekunden länger konnte er nicht reden. Dann aber sagte sie: »Jetzt mußt du dich umwenden und das Meer anschauen.«

Man sagt, daß Frauen, die einem Kind das Leben geben, im selben Augenblick neues Blut erhalten; jeder Tropfen ist sogleich ein anderer. Etwas Ähnliches ging mit ihm vor. Das Auge, mit dem er hier oben sah, die Sinne, mit denen er hier oben fühlte – hier waren sie wie ausgetauscht. Das Neue entsprach dem, was ihm die Felsen da hinten zuriefen. Er erinnerte sich ihrer aus seiner Kindheit. Es entsprach dem Meer dort vor ihm, dem Meer mit den vielen Werdern, dem Meer hinter den vielen Werdern, dem großen Meer da draußen, das die Willenskraft, die Lebensschicksale auf der ganzen Welt umspült. Das Meer lag mattblank, halb von der Sonne beschienen da und starrte das unregierliche Land vor sich an wie einen Lieblingssohn, der Lebenskraft hat. Halte dich an das Große, du! Sonst wird deine Kraft dein Untergang!

Und einige von den Entdeckungen, die in ihm schlummerten, dämmerten halb klar; sie lagen da draußen, und es hing von ihm ab, ob er eines Tages mit ihnen hier in diese Bucht einsegeln würde.

»Voran denkst du?« fragte sie.

Da verließ ihn alles; da war er gleich hier, nur hier, er fühlte, wie rund, wie warm ihre Altstimme war. vor einem Augenblick hätte er es ihr sagen können, das und mehr, als Einleitung zu noch mehr. Jetzt setzte er sich hin, ohne zu antworten. Auch sie setzte sich.

»Ich gehe so oft hier hinauf,« sagte Helene, »um das Meer zu sehen. Von hier aus wird es nur der Ursprung und der Tod. Dort unten ist es nur eine Segelfahrt.«

Rafael lächelte.

Sie fuhr fort: »Und dann hat das Meer die Eigenschaft, daß man hier hinaufkommen kann, womit es auch sein mag – hier oben ist es bald wie weggeblasen. Auf der Fläche dort geht es bald in etwas anderes über.«

Er sah sie an.

»Ja, das ist wirklich wahr«, sagte sie und errötete.

»Ich Zweifle gar nicht daran.«

Aber sie verstand den ganzen Gedankengang.

»Du siehst die Stechlinge hier?«

»Ja.«

»Denk nur, im vorigen Jahr hatten wir eine solche Dürre, daß fast die ganze Anpflanzung hier oben verdorrte. Und so wie hier, erging es an mehreren Stellen hier auf den Hügeln, wie du siehst.« Sie zeigte. »Wenn man in die Bucht hineinkommt, sieht es so häßlich aus. Ich dachte gestern wohl daran. Aber ich dachte auch, sobald er ans Land kommt, soll er sehen, daß er uns unrecht getan hat. Denn gibt es wohl etwas Schöneres, als so einen jungen Fichtenschößling, der dort in seiner Grube steht. Sieh nur die Farbe, es ist eine gesunde, helle! Und diese zarten Stechlinge! Und dies kleine Ange da!« Helenes Stimme paßte sich dem Inhalt ihrer Worte an. »Aber der dort ist doch der beste.« Sie kletterte dahin, und er folgte ihr. »Siehst du ihn wohl? Schon zwei Zweige! Und was für welche!« Sie kniete daneben nieder. »Der Junge hat Eltern, auf die er stolz sein kann! Denn hier ist gleich viel und gleich wenig Schutz für sie alle. – Nein, diese häßliche Spinne!« Sie war bei dem kleinen Kinde nebenan, das im Begriff stand, eingesponnen zu werden. Sie befreite es und erhob sich dann, um feuchte Erde zu holen, die sie vorsichtig um den Keim legte. »Der Ärmste hat sicher Wasser nötig, obwohl es erst ganz kürzlich so stark geregnet hat.«

»Bist du oft hier oben?«

»Sonst kann nichts daraus werden.« Sie sah ihn forschend an. »Du glaubst vielleicht nicht, daß diese Kleinen hier mich kennen? Ja, jede einzelne Pflanze kennt mich. Bin ich weit weg, so gedeihen sie nicht; bin ich aber oft bei ihnen, so werden sie stark.« Sie lag auf den Knien; mit der einen Hand stützte sie sich, mit der andern zog sie die Grasbüschel aus. »Diese Schmarotzer,« sagte sie, »die meinen Stechlingen die Nahrung rauben wollen!«

Wäre es eine klein angelegte Persönlichkeit gewesen, die dies gesagt hätte – eine klein angelegte Persönlichkeit mit flüchtigem Blick und fröhlichem Mund – aber Helene war ein großer Charakter, gleichsam mit Sprungfedern; ihr Blick war nicht flüchtig, er verweilte dort, wohin er einmal fiel. Der Mund war groß und behandelte die Worte mit Sorgfalt, mit vollem Ernst. Sollte jemand das, was sie gesagt, schnell, hastig gelesen haben, so lese er es noch einmal wieder; sie sagte es gedämpft, mit Nachdruck, jede Silbe deutlich, von Rhythmus getragen. Sie war jetzt eine andere als am Fluß und zwischen den Hügeln. Dort schwang ihre Kraft sich auf, als habe sie das Bedürfnis nach Anstrengung; hier verwandelte sie sich in feines Empfinden.

Eine der bedeutendsten Frauen des Nordens, die ebenfalls diese beiden Selten besaß und aus beiden das Beste machte, Johanne Luise Hejberg, sah Helene, als diese eben erwachsen war, und konnte sich nicht von ihr losreißen; Augen und Ohren folgten ihr. Erkannte die alte Frau – es war während der letzten Jahre ihres Lebens – in Helene etwas, das an ihre eigene Jugend erinnerte? Auch im Äußern hatten sie Ähnlichkeit. Helene, brünett, wie es Frau Hejberg einst gewesen, war von derselben Größe und derselben Figur, nur stärker; sie hatte einen großen Mund, große graue Augen wie sie selber, auch das Schelmische konnte darin aufblitzen. Die Hauptähnlichkeit aber lag in den Charakteren, lag in dem Ausdruck, wie ihn Frau Hejberg hatte, wenn sie ruhig und ernst war, m dem Mütterlichen, denn das war der Grundton ihrer Natur. »Welch ein gesundes Mädchen!« sagte sie, ließ sie zu sich kommen, zog sie an sich und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn ...

Die beiden Spielgefährten aus der Kinderzeit waren auf die andere Seite des Hügels gegangen: er wollte durchaus das Moor sehen.

Als er aber dahin kam, erkannte er es nicht wieder; es trug ja einen üppigen Wald.

»Ja, das ist das Verdienst des alten Helgesen«, sagte sie strahlend. »Er sagte, eine künstliche Stauung habe diese große Fläche in Moorland verwandelt, und die durchbrach er. Ich war damals nur ein Kind, aber ich half ihm dabei. Ich erhielt ein Stück Land unten am Fluß, um Kohlrabi darauf zu pflanzen, und das bestellte ich den ganzen Sommer hindurch allein. Später erhielt ich ein Stück Land nach dem andern. Für die Einnahme, die ich daraus erzielte, trainierten wir den Boden hier oben; im vierten Jahr kauften wir Pflanzen. Ja, das heißt, er tat, als wenn ich alles mit meiner Arbeit bezahlte: er war ein großer Schelm.«

... Als Rafael heimkehrte, saß seine Mutter bei Tische. Sie hatte sich eingerichtet, als sei sie allein – ein sicheres Zeichen, daß sie sich gekränkt fühlte. Es nützte ihm nicht, wie sehr er sich auch anstrengte, um es wieder gutzumachen: sie antwortete ihm nicht und erhob sich bald vom Tische.

Jetzt begriff er, wie schön seine Mutter es sich vorgestellt halte, mit ihm auf Entdeckungen zu gehen, das alte Helleberg in dem neuen wiederzufinden. Gestern abend im Zimmer des Vaters schienen sie unzertrennlich fürs Leben ... und schon am nächsten Morgen, in aller Frühe, war er mit einer andern unterwegs gewesen!

Heute abend war nichts mehr dabei zu machen, das wußte er: aber am nächsten Morgen bat er sie so herzlich, ob sie doch heute nicht mit ihnen gehen wolle, dann könnten sie ihr zeigen, was sie gestern gesehen hatten. Sie schüttelte den Kopf und begann zu lesen. Tag für Tag machte er ihr dasselbe Anerbieten, aber stets mit demselben Resultat. Diese Anerbieten hielt sie für erzwungen.

Und das waren sie auch in gewisser Hinsicht. Er wollte sie so herzlich gern versöhnen, sie so herzlich gern umherführen, denn er fühlte sich schuldig, obwohl er meinte, daß es begreiflich sei. Daß sie aber durch ihre Gegenwart alle ihre Zusammenkünfte stören wollte – er würde sehr verzweifelt gewesen sein, wenn sie es getan hätte.

Am ersten Sonntag stattete der Propst mit Frau und Tochter einen Gegenbesuch ab. Frau Kaas war die Höflichkeit selber und dankte Helene speziell für all die Mühe, die sie sich mit Helleberg gegeben hatte. Helene errötete, sie wußte selber nicht weshalb. Als sie aber sah, daß auch Rafael errötete, schoß ihr das Blut von neuem in die Wangen. Dies war das einzige Bemerkenswerte bei dem Besuch.

Der Spielkameraden tägliches Streifen durch Wald und Feld erschöpfte bald das Thema Helleberg: bald trug er vor, und nun ward das Thema ein anderes, es handelte von seinen Entdeckungen. Infolge des gemeinsamen Studiums mit der Mutter besaß er eine ungewöhnliche Gewandtheit, sich zu erklären, und in Helene fand er eine Zuhörerin, wie er sie noch nie zuvor gehabt hatte. Sie kannte die Naturgesetze im voraus genügend, um eine populäre Darstellung zu verstehen: aber es war doch nicht das, was er erklärte – er war es selber, das fühlte er, und das verlieh ihm Wärme. Ihre Augen machten sein Denken klarer. Er hatte niemals ein so gesundes Zutrauen zu sich selber empfunden wie in ihrer Nähe: diesmal kam keine Angst hinterdrein.

Helene aber halte bisher nichts von der Art und Weise seiner Studien oder von dem Resultat gewußt: er war Ingenieur – das war alles, was sie davon gehört hatte. Während er erzählte, wuchs er immer mehr und mehr: bald büßte sie einen Teil ihrer Sicherheit ihm gegenüber ein. Anfänglich wußte sie nicht, weshalb sie sich mehr und mehr zurückhalten mußte: später aber fand sie stets einen Vormund, ganz fortzubleiben, »sie habe so viel zu tun«. Er begriff den Grund nicht; er vermutete, daß seine Mutter auf irgendeine Weise schuld daran sei – was auch nicht ganz unrichtig war – und ward wütend. Schon allein, daß seine Mutter das, was er früher gesucht hatte, mit dem, was er hier suchte, nicht auseinanderzuhalten vermochte, beleidigte ihn löblich. Er vergaß ganz, daß er sich nicht völlig davon freisprechen konnte, anfänglich hier dasselbe gesucht zu haben wie sonst; er überließ sich ausschließlich seiner Verliebtheit, und die duldete keinen Widerspruch, kein Hindernis, sie ward zur Majestät. In Helene hatte er seine Zukunft gefunden.

Der Propst aber zog sich zurück, weil Frau Kaas es tat, und es kam die Zeit, wo er seine zahlreichen Versuche, Helene unter vier Augen zu sehen, aufgeben mußte.

Er war nie leidenschaftlicher verliebt gewesen. Er sah sie vor sich, wo er ging und stand, ihre rundliche Üppigkeit bei dem leichten Gang, ihre grauen Augen, die so fest in die seinen blickten – weshalb konnten sie sich nicht morgen miteinander verheiraten? Was war natürlicher? Was würde seiner Zukunft förderlicher sein?

Die Spannung zwischen seiner Mutter und ihm erreichte den Höhepunkt. Er dachte in vollem Ernst daran, sie und das Land zu verlassen. Er hatte noch eine ansehnliche Summe Geld von dem Verkauf des Patents, er würde sich schon mehr verschaffen.

Wie es ihm widerstand, ohne Helene durch Wald und Feld zu streifen! Studieren konnte er nicht, und hier war niemand, mit dem er sich hätte unterhalten können. Was sollte er tun? Er fing an zu rudern, er machte lange Ruderfahrten, am liebsten weit weg von der Bucht, ja sogar bis an die Stadt.

Eines Tages, während er links von der Bucht an der Küste entlang rudert, bemerkt er, daß die Lehm- und Felsformationen an den Hügeln und Abhängen hier von einer grauen Farbe unterbrochen waren. Helene hatte ihm gesagt, da hinten sähe es so wunderlich aus, seit die großen Bäume fort wären. Da sie die Stelle aber nur zu Boot erreichen konnten, hatte er keinen weiteren Wert auf die Äußerung gelegt. Jetzt aber landete er dort. Der Fels fiel über und unter dem Wasser gleich steil ab, aber er kletterte. Er hatte geglaubt, daß dies Kalk sei, aber er traute seinen eigenen Augen kaum: es war Zement, ganz sicher Zement. Wie weit erstreckt es sich? So weit er sehen konnte, reichte das Lager – vielleicht bis an den Hof. Jedenfalls war hier mehr als genug für den stärksten Betrieb auf viele, viele Jahre, falls nur im Lehm und im Kalk Kohlensäure genug enthalten war. Er zögerte nicht, einige Stücke abzuschlagen, sie ins Boot zu schaffen, nach Hause zu rudern und die Analysen zu machen. Selten hat wohl jemand schneller gerudert, als er jetzt an den Werdern vorübersauste und in die Bucht hinein, auf den Landungsplatz unterhalb des Hauses zu. Hatte der Zement die richtigen Verhältnisse, so war hier das, was Helene und ihn unabhängig von ihnen allen machte, und zwar auf der Stelle!

Mit beschmutzten Kleidern und Händen, das Gesicht in Schweiß gebadet, stürmte er einige Stunden später mit dem Resultat zu seiner Mutter ins Zimmer: »Hier sollst du aber einmal etwas sehen!«

Sie saß da und las, blickte auf und ward leichenblaß. »Ist es der Zement?« fragte sie, das Buch von sich legend.

»Weißt du davon?« fragte er in höchstem Staunen.

»Mein Gott, ja!« erwiderte sie, erhob sich und trat an das Fenster, kehrte dann zurück, preßte die Hände gegeneinander, sie krampfhaft reibend. »Also hast du den Zement auch gefunden! Also hast du ihn auch gefunden!«

»Wer fand ihn denn vor mir?«

»Dein Vater. Rafael, dein Vater. Das erstemal, als ich hier war – kurz, bevor ich abreisen wollte.« Sie machte eine Pause.

»Er kam zu mir ins Zimmer gestürzt, gerade so wie du vorhin – freilich nicht so schnell, er war schlecht zu Fuß, sonst aber in jeder Beziehung so wie du.« Sie ließ die Augen mit einem eigenen Blick über Rafaels beschmutzte Hände gleiten; sie waren nicht fein, diese Hände, sie waren ganz die seines Vaters.

Rafael sah es nicht. »Hatte er denn das Zementlager gefunden?«

»Ja. Er schloß die Tür hinter sich ab. Ich erhob mich und fragte, was er sich eigentlich herausnähme. Er konnte kaum sprechen.« Sie hielt eine Weile inne, versetzte sich wieder da hinein. »Nun ja, dann war es das da.«

»Was sagte er, Mutter?«

Sie fuhr fort, im Zimmer auf und nieder zu gehen. »Dein Vater glaubte ja, ich habe das Glück ins Haus gebracht.« »Weshalb ward denn nichts daraus?«

Sie wandte sich hastig nach ihm um.

»Verzeih, Mutter, du mißverstehst mich! Weshalb ward denn nichts aus der Sache mit dem Zement?« Er errötete.

»Du hast deinen Vater ja nicht gekannt. Er hatte zu viele Schrullen, um irgend etwas durchzuführen.«

»Schrullen?«

»Ja, Eigenheiten, Egoismus, Leidenschaften, die ihn nicht dazu kommen ließen.«

»Wie faßte er dies denn auf?«

»Niemand sollte mit teil daran haben – nicht ein einziger sollte darum wissen – er alles ganz allein! Und zu dem Zweck sollten die Waldungen abgeschlagen und verwendet werden, und als wir verheiratet waren – ich sage, als wir verheiratet waren – sollte auch mein ganzes Vermögen gebraucht werden.«

Er sah ihr Entsetzen bei dem bloßen Gedanken daran. Sie durchlebte noch einmal den ganzen Kampf, und er begriff, daß er nicht weiter fragen durfte. Sie streckte auch schon abwehrend die Hand aus, als er sich beeilte zu fragen: »Weshalb hast du mir das nicht früher erzählt, Mutter? Ich meine, daß hier Zement ist?«

»Weil es nicht gut für dich gewesen wäre«, entgegnete sie bestimmt.

Er fühlte, ja, er sah, daß sie glaubte, es sei auch jetzt noch nicht gut für ihn.

»Du hast den wundesten Punkt in meinem Leben berührt; laß mich jetzt allein.« Ihre Hand erhob sich abermals. Er ging.

Als er wieder im Boot saß, um seine große Botschaft nach dem Pfarrhof hinüberzurudern, dachte er: »Hier ist der Grund zu Vaters und Mutters tödlicher Feindschaft zu suchen – der Zement! Sie hat kein Zutrauen zu ihm gehabt; sie hat ihm nicht sich selbst und ihr Vermögen ausliefern wollen! Und infolgedessen ward es nichts mit dem Zement. Nicht einmal die Waldungen wurden abgeschlagen. Er war doch auf alle Fälle ein ganzer Mann. Aber Mutter war auch ein Charakter. Ach ja, du lieber Gott!«

Und dann machte er einen Überschlag, was aus den Wäldern zusammen mit ihrem Vermögen herauszubringen gewesen wäre und was man darauf (und auf das Zementlager) hätte aufnehmen können! Er verstand seinen Vater besser als seine Mutter! Welch ein Vermögen das gegeben hätte! Welch eine Macht, welch eine Herrlichkeit, welch ein Leben!

Im Pfarrhaus riß er alle mit sich fort. Den Propst, weil er ein praktischer Mann war, der sofort begriff, welchen Wert dies hatte. »Dann sind Sie ja jetzt ein reicher Mann!« Die Pröpstin, weil seine Fähigkeiten und seine Begeisterung sie ansprachen. Helene? Helene war stumm und erschrocken. Er wandte sich an sie und fragte, ob sie nicht mit ihm rudern und es sehen wolle. Sie müsse doch sehen, wie groß das Lager sei.

»Rudere nur mit, Kind«, sagte der Vater.

Im Boot wollte er sie gern vor sich haben und beeilte sich deswegen. Ohne ein Wort zu sagen, schritt sie an ihm vorüber, setzte sich und ergriff eines der Ruder; da mußte er wieder nach vorn.

Mit dieser kleinen Spannung fing es an. Er hatte sie also im Rücken, er sah, wie es unter ihren Rudern schäumte. Ein heimlicher Kampf, eine schweigende Furcht! Die klang auch zwischen den wenigen Worten hindurch, die gesprochen wurden und die die Spannung nur verstärkten.

Als sie ihr Ziel erreichten, waren beide rot und warm. Jetzt mußte er sehen, wo sie landen konnten. Zuerst ruderten sie langsam an dem ganzen Zementlager vorüber, soweit dies sichtbar war. Er saß also ihr gegenüber und erklärte: die schaute die ganze Zeit hindurch da hinauf, sah ihn gar nicht oder nur flüchtig an. Sie wandten das Boot wieder, um dort anzulegen, wo seiner Ansicht nach die Fabrik liegen sollte. Es müßten Sprengungen vorgenommen werden, um Platz zu schaffen. Die Schiffe konnten ganz dicht herankommen, aber der Hafen mußte sicherer gemacht werden, und das würde Geld kosten.

Sie stiegen aus. Er voran, um ihr zu helfen: sie aber sprang an ihm vorüber ans Land. Dann stiegen sie bergan: er voran, den Weg zeigend, erklärend, sie ihm nach mit großen Augen und offenen Ohren.

Alle die Mühe, die sie sich in Helleberg gegeben, alles, was sie seit ihrer Kindheit von dem Gut geträumt und gehofft hatte, das ward jetzt so klein. Es würde auch viele Jahre wahren, ehe der Wald einen Eintrag gab. Dies hingegen gab jetzt gleich Wohlstand und später Reichtum, falls es sich so verhielt, wie er sagte, und daran zweifelte sie nicht.

Sie fühlte sich gedemütigt, abgesetzt, ober wie sie es nennen sollte. Ihn aber machte es groß.

Die Ruderfahrt, das Klettern, die Erregung, in der er sich befand, verlieh seinen Auseinandersetzungen Schwung; sein Gesicht, seine ganze Gestalt waren gespannt. Auf ihr lastete es wie ein Alp; sie wäre am liebsten ins Boot hinabgeflüchtet und allein fortgerudert, aber sie war zu stolz, um sich zu verraten. Seine Augen und sein Wesen erinnerten sie an einen Eroberer, aber sie wollte nicht erobert werden. Auch wollte sie nicht den Schein haben, als hätte sie dagesessen und auf seine Heimkehr spekuliert. Es war ihr, als würde das Uneigennützigste, das Liebste in ihrem Leben gegen sie gekehrt.

Vor etwas in ihm fürchtete sie sich, vor etwas, worüber er selber vielleicht nicht Herr war – vor dem Sturm in ihm. Der war nicht lärmend oder abschreckend; der war ein glänzender, eindringender Eifer, der ihm die Herrschaft über sich und ihr den Willen raubte. Und das konnte sie nicht ertragen!

Kaum waren sie oben angelangt, vor sich die Aussicht über die Werder und das Meer, über die Bucht und das Gut, über den Fluß dort in der inneren Bucht und den Pfarrhof, als er sich umwandle und von dem allen zu ihr hinschaute, die dort stand mit dem wogenden Busen, den warmen Wangen und Augen, die sich nicht vom Meer zu trennen wagten... »Helene!« flüsterte er und kam auf sie zu. Er wollte sie in seine Arme schließen.

Sie zitterte, ohne sich umzuwenden. Dann sprang sie bergab, von ihm weg. Und sie hielt nicht an, bis sie unten im Boot war; das wollte sie lösen, besann sich aber, es wäre zu feige gewesen. So blieb sie denn stehen und sah ihn hinter sich drein kommen.

»Helene – du!« rief er ihr von oben herab zu. »Weshalb läufst du mir weg?«

»Rafael, du darfst nicht –« antwortete sie, als er herabkam. Alles, was einer starken Persönlichkeit an Bitten und Befehlen zu Gebote sieht, lag in diesen Worten.

Sie im Boot, er am Ufer. ihr gegenüber. Sie sahen sich an wie zwei Ringer, lauernd, wogend, beide hastig atmend, bis er ins Boot stieg, es losmachte und abstieß. Sie setzte sich. Aber ehe er es tat, sagte er: »Du weißt wohl, was ich dir sagen wollte?« Nur mit Mühe brachte er die Worte heraus.

Sie antwortete nicht, begann aber zu rudern. Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen.

Sie ruderten wieder nach Zause, nicht ganz so schnell, wie sie gekommen waren.

Eine Lerche stieg über ihnen auf. Am Ufer schlug eine Nachtigall. Eine Meerschwalbe beschrieb eine gerade Linie dicht über der Wasserfläche, in der Richtung, die sie einschlagen mußten, gefolgt von einer Möwe mit schrägen Flügeln und gellem Schreien. Da drinnen mußte etwas sein, was wartete. Ein Duft von jungen Nadelbäumen und frischem Heidekraut drang ihnen entgegen; weiterhin standen die Helleberger Felder in Blüte. Hinter ihnen, hoch oben in der Luft, kam ein Adler aus den Bergen geflogen, gefolgt von einer Schar schreiender Krähen, die sich einbildeten, daß sie jagten.

Er machte sie auf diesen Zug aufmerksam.

»Ja, sieh nur!« sagte auch sie; es war ihr eine Erleichterung, diese wenigen, natürlichen Worte zu sagen. Er sah sich nach ihr um und lächelte. Und da lächelte sie wieder.

Er empfand ein Wohlbehagen, als sei er im siebenten Himmel, aber es durfte ja nicht gesagt werden. Nur rudern, im Takt rudern: »Sie ... ist ... es! – Sie ... ist ... es! – Sie ... ist... es!«

»Nicht wahr,« sagte er Zu sich selber, »ihr Widerstand ist tausendmal schöner als ...«

»Sonderbar, daß die Wasservögel hier auf den Werdern keine Eier mehr legen«, sagte er.

»Das kommt daher, weil man auf den Werdern die Schonzeit nicht innegehalten hat.«

»Dann muß es wieder geschehen! Mir müssen doch sehen, ob wir die Vögel nicht wieder hierher gewöhnen können.«

»Ja.«

Er wandte sich sofort nach ihr um.

»Dies »Ja« hätte ich vielleicht nicht sagen sollen«, dachte sie: er hat ja von »wir« gesprochen.«

Am ihm zu zeigen, wie fern ihr solche Gedanken lagen, wandle sie den Blick dem Ufer zu. »Der Klee steht in diesem Jahre nicht gut.«

»Nein. – Was willst du im nächsten Jahr mit dem Stück Land machen?« Aber in das Garn ging sie nicht.

Er wandle sich um, sie aber war für ihn nicht da.

Das Brausen des Flusses wiegle sie in einen Tanz von tausend Paaren hinein: die Strömung machte ihr Boot schwanken. Rafael sah nach dem Hügel hinüber, den sie beide am ersten Tage erklommen hatten. Er drehte sich um, er wollte sehen, ob sie nicht auch zufällig da hinaufschaute. Ja, das tat sie.

Sie ruderten auf den Landungsplatz vor dem Pfarrhof zu, und er fing mehrmals an zu sprechen; sie aber hatte die Erfahrung gemacht, daß dies gefährlich war. Sie legten an.

»Helene!« sagte er, als sie mit einem flüchtigen »Adieu!« ans Ufer sprang.

»Helene!«

Aber sie lief weiter.

»Helene!« rief er, und es lag so viel darin, daß sie sich umwandte und ihn ansah; ihren Lauf hemmte sie jedoch nicht.

Das genügte ihm! Er ruderte heim wie der größte Sieger, den diese Gewässer je getragen oder gesehen halten – seit jener Zeit, als die Wikinger hier in der innersten Bucht landeten und jenes Hünengrab hinterließen, das noch jetzt beim Pfarrhofe zu sehen ist – ja, seit das Elentier des Urwaldes mit seinem gewaltigen Geweih von der Hindin, die es im Kampf errungen, zu der andern hinüberschwamm, die es am jenseitigen Ufer hörte: seit der erste Ameisenschwarm, der sich sonnengeblendet und in Fächerform auf und ab bewegt, sich an dem einzigen Tag, an dem er dazu imstande ist, fortpflanzt, ja, seit die ersten Seehunde um die Wette auf das Weibchen zustürzten, das sie auf Helleberg liegen und sich sonnen sahen ...

Frau Kaas hatte sie auf der Ausfahrt vorüberrudern sehen, in stürmischem Tempo. Sie hatte sie auf der Heimfahrt vorüberrudern sehen – ganz langsam. Da begriff sie das Ganze.

Schon allein, daß es bei dem Zementlager stattgefunden hatte ... Sie schritt im Zimmer auf und nieder, sie weinte.

Sie hatte kein Zutrauen zu seiner Beständigkeit, und es war auf alle Fälle zu früh für Rafael, sich hier zu binden; er hatte etwas ganz anderes zu tun! Der Zement lief ihm nicht weg, und auch sie nicht, falls die Sache ernst war. Dies Zusammentreffen mit Helene war in ihren Augen nur ein Bruch der eisernen Schiene, er würde nicht weiterkommen!

Rafael ruderte, so daß der Schaum hoch aufspritzte. Jetzt war er wieder da, jetzt zog er das Boot aufs Ufer, als sei es ein Aalkasten, jetzt kam er auf seinen langen Beinen dahergeschritten.

Erschreckt, verzweifelt kroch sie wie gewöhnlich in die äußerste Ecke des Sofas, zog diesmal auch die Beine nach, schrie, als er zur Türe hereingestürzt kam und zu reden begann: » Taisez-vous! Des égards, s'il vous plait!« Sie streckte die Hand wie zur Abwehr aus.

Diesmal aber kam er, getragen von Liebe und mutig durch sein Glück, umfaßte es doch seine ganze Zukunft. Er tat, was er noch nie gewagt hatte, ging geradeswegs auf sie zu, nahm ihre Arme, beugte sie herab, umschlang sie, küßte sie: erst auf die Stirn, dann auf die Wangen, dann auf den Mund, die Augen, die Ohren, den Hals, das Kinn, wo er nur ankommen konnte, ohne zu reden, ganz wie im Wahnsinn.

»Toller Junge!« stöhnte sie. » Des égards! – Mais, Rafael donc! – Que ...« Und dann endete sie an seiner Brust, beide Arme um seinen Hals geschlungen. »So willst du mich denn jetzt also verlassen, Rafael?« weinte sie.

»Dich verlassen, Mutter! Niemand wird besser imstande sein, die beiden Flügel zu einem Ganzen zu vereinen wie Helene!« Und nun hielt er Lobreden über sie ohne Maß, ohne zu hören, daß er dasselbe wieder und wieder sagte.

Als er ruhiger geworden war und Atem geschöpft hatte, bat sie ihn, sie allein zu lassen. Daran war er gewöhnt.

Am Abend kam sie dann zu ihm hinab und sagte, sie müßten vor allen Dingen nach Kristiania reisen und das Zementlager von sachverständigen Leuten untersuchen lassen und hören, was weiter geschehen müsse. Ihr Vetter, der Expeditionschef, werde schon Rat wissen. Auch noch andere von ihren Verwandten, die meisten von ihnen waren ja Ingenieure und Geschäftsleute.

Er wollte ungern gerade jetzt von Helleberg fort, das müsse sie doch begreifen können! Auch hatten sie ja verabredet, erst im Herbst zu reisen! Aber sie wußte ihn für ihren Plan zu gewinnen, indem sie ihm vorstellte, daß dies der schnellste Weg sei, um Helene zu erringen. Nur verlangte sie von ihm, das ganze Verhältnis zu ihr auf dem Standpunkt zu lassen, auf dem es jetzt stehe, bis sie in Kristiania gewesen seien, und hierin war sie unerbittlich.

So mußte es denn geschehen!

Wie es ihre Gewohnheit war, packten sie sofort und fuhren noch am selben Abend zum Propst hinüber, um Abschied zu nehmen.

Dort ward die Stimmung sehr munter – von Frau Kaas' Seite, weil sie unruhig war und diese Unruhe unter Lebhaftigkeit verbergen wollte: von seiten des Propstes, weil er infolge des großen Fundes, der dem Gut und der ganzen Umgegend Wohlstand verhieß, wirklich sehr angeregt war; von seiten der Pröpstin, weil sie etwas ahnte. Man wünschte Mutter und Sohn herzlich Glück für die Reise.

Rafael hatte die allgemeine Lebhaftigkeit benutzt, um einige wenige Worte mit Helene allein in einer Ecke zu wechseln. Hier preßte er ihr ein halbes Versprechen ab. ihm zu antworten, wenn er ihr schrieb. Aber er hütete sich wohl, ihr zu sagen, daß er bereits mit der Mutter gesprochen hatte. Er fühlte, daß Helene über ein solches Vorgehen, das ihm doch so natürlich war, erschrecken werde.

Als sie heimkehrten, saß er auf dem Wagen und schwenkte den Hut, solange nur jemand zu sehen war. Er ward wiedergegrüßt – anfangs von allen, zuletzt nur noch von einer.

Der Sommerabend war hell und warm, aber nicht hell genug, nicht warm genug, auch nicht groß genug. Er fand keinen Raum darin, keine Farben, die seiner Seligkeit entsprachen. Es war ihm unmöglich, allein zu sein, doch mochte er auch nicht mit anderen zusammen sein. Er dachte in vollem Ernst daran, zu Fuß oder zu Boot nach dem Pfarrhof zurückzukehren, an Helenes Kammerfenster zu pochen: er ging sogar den Strand hinab und schob das Boot hinaus. Aber vielleicht würde er sie erschrecken, das Ganze auf irgendeine Weise verderben. So ruderte er denn hinaus, immer weiter hinaus bis zu den äußersten Werdern, und dort scheuchte er die Vögel auf. Als er landete, flogen sie auf, erst einige, dann immer mehr, schließlich alle, in gräßlichem Chor protestierend – mit mehr als Geschrei. Er befand sich mitten in einer erzürnten Wolke, einer wahren Hölle aus lauter Vögeln. Aber er ließ sich seine gute Laune nicht nehmen.

»Wartet ihr nur!« rief er ihnen zu, indem er fortruderte, von dem ganzen Schwarm gefolgt. »Wartet ihr nur, bis die Werder bei Helleberg geschont werden, da sollt ihr kommen und gute Tage bei uns haben. Auf Wiedersehen bis dahin!«

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.