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Abraham Abt

Victor Hadwiger: Abraham Abt - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleIl Pantegan / Abraham Abt
authorVictor Hadwiger
year1984
firstpub1912
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-8377-162-4
titleAbraham Abt
pages160
created20140910
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Victor Hadwiger

Abraham Abt

 


 

Das Buch der Felsen

»Mutter, Dein Stern steht wieder da, ich kann ihn durch den Schnee hindurch erkennen. Mutter, ich möchte so lange Arme haben, daß ich Deinen Stern anfassen könnte.«

Und Abraham Abt blinzelte vergnügt nach einer Stelle im Himmel, wie einer, der sich König fühlt aller Torheiten. Vor sich hin in den Flockenwirbel schleuderte er die Arme und ließ den Schnee auf Hände und Gesicht fallen. Dann holte er sein freches Jungenlachen aus der Seele und probte eine Grimasse, die er sich in gestohlenen Stunden zurechtgedichtet hatte. Das linke Augenlid und den Mundwinkel kniff er höhnisch nach abwärts, sodaß das andere Auge weit aufgerissen stand. Dann blieb er so stehen, als ob er mit diesem Gesicht die Welt richten wollte, die ihm nicht gefiel. Wie ihm heute Alles gelang! Und er hätte wieder laut lachen mögen, schreiend, gröhlend hin und herlaufen, wenn er nicht um seine Grimasse gefürchtet hätte. Die mußte so sitzen bleiben und aufbewahrt werden. Durch die ganze Welt müßte man mit einem solchen Gesicht hindurchsausen können.

Und er ging noch einige Schritte auf das Haus zu, das sich da oben auf dem Hügel mit dem Frost quälte. Durch die vereisten Scheiben schimmerte ein mildes Licht und ein Rauch stieg auf aus des Vaters Abt kleinem Kamin. Vor der Türe standen die Jüngsten der Familie und spielten mit dem Schnee, der ihnen weiße Mützen auf die schwarzen Köpfe gesetzt hatte. »Das G'sicht, das G'sicht kommt« schrieen sie ihrem Bruder Abraham entgegen, und ein alter Mann trat in die Türe und rief einen Namen. Da blieb Abraham Abt stehen, in Angst um sein Gesicht, dann aber drehte er sich auf den Hacken und lief den Berg hinunter. Abraham Abt war fünfzehn Jahre alt, als er sich verlor.

 

»Ihr mit eurer einzigen Antwort auf alle Liebe, was wißt ihr von denen, die allein mitten in den Feldern stehen. Wie die 82 Täler weit und die Fruchtgründe tief werden, ein schönes weites Land mit vielen Quellen, wie ein Leib voll Form und Leuchten ist hier. Seht, das habe ich jahraus, jahrein getrunken, so viel Wachstum, so viel Schweigsamkeit. Hört ihr, was der Vogel sagt, der Vogel, der so klug und so gesprächig ist? O wie tief ist sein Lied, das ich mitten in meine Liebe hineinklingen lasse. Das sind Lieder, die man in den Wäldern findet. Man entdeckt sie, möchte ich sagen, zwischen den Geräuschen, mit denen sie zusammen leben, bald leise hinaufwachsend in eine Sehnsucht, bald sich überstürzend in frecher Lust. Dann hält man den Atem an und legt sich in das Moos. Man liegt lange so da und vergißt, daß es Herbst werden könne und der Wind feindlich und unbarmherzig sein kann.«

Abraham Abt sah hinter sich. Wunderbares Licht lag über den Waldwegen, halb in scharfgegrenzten roten Massen, halb im Schatten sich verlierend. Das war sommerliches Licht.

»Ich bin nicht ausgegangen, einen durchwanderten Frühling zu suchen; ich stehe hier auf diesen Wegen, in diesem Sommer, alles Licht auszutrinken und alle Farben. Ich will es tun, wie die Erzähler, die immer wiederkehren und immer berauscht sind. Sie ziehen mit ihren Gedanken eine Straße einher, schüchtern nehmen sie ihr Flötchen aus der Tasche und lassen ihre Finger zärtlich die fünf Öffnungen befühlen. Ich will wie die Erzähler sein, genügsam im Rausche, sanft und erfinderisch, vor einem Erlebniß scheu und doch so viel vom Letzten gesagt habend.

Was ist ein Wort, oder gar, was sind Worte? Wie haben sie mich totreden wollen, die mit dem Haus und den begrenzten Gebärden. Ihre Seelen sind eingemauert, sie haben vier Jahreszeiten. In ihrem Garten sitzen sie, vor ihrem Hause, und warten auf den Frühling, freuen sich des Sommers. Mein Sommer grenzt nicht an den Frühling und den Herbst, ich kann ihn nicht mit Worten bändigen, ich muß ihn austrinken ohne Voraussetzung. Was ist eine Rede, was Reden, an den Fernen entlangreden? Einsamkeiten muß man sich aufbauen in die Unendlichkeit. Ich kann einen Ton finden für mein Einsames 83 und darf alle Worte verschmähen; über die Schwelle meiner Lippen kommt ein Ton, ungewollt, unenträtselt. Ich bin ohne Altar, ich habe nicht in mir, was ich unkeuschen Göttern opfern könnte, ich habe nicht das Lob Gottes zu singen. Meine Saite ist der Halm, der aus dem Felde wuchert, meine Lehrer sind die Harmlosen, die Nachtigallen ohne Heimat. Sie sind die Vögel der Verkündigung, o sie flattern über den Kronen mit hellen Stimmen und erfüllen mein Frühlingsherz. Das dumpfe Rauschen der Waldbäume durchbrechen sie mit dem feinen Klang ihres Gesanges. – Hab ich je Nachtigallen gehört in meines Vaters Hütte? Was war zwischen den schweigenden Zweigen der sich unter einem schweren Segen beugenden Äste, war je eine süße Stimme zwischen den Zweigen der grünenden Obstbäume? Große Vögel mit schwarzen Flügeln störten manchmal mit heiserem Gelächter den stummen Grübler.«

Er ließ seine Hand rasch herabgleiten, während sich alles in seinem Gesicht geöffnet hatte, die Augen, der Mund, alles erschien geweitet, als hätte das suchende Tier den ganzen Menschen aufgerissen.

Und Abraham Abt lächelte in sich hinein, und er wehrte sich mit seinem Lächeln gegen die einstürmenden Erinnerungen, gegen so viele Kindertorheiten, die ihn verfolgten.

Seine Grimasse fiel ihm ein, mit der er sich in den Jahren seiner feindseligen Jugend gegen die gewehrt hatte, die ihm nicht gefielen. »Ich glaube, ich habe mir ein neues Gesicht einstudiert, ein nagelneues Gesicht. Ich habe mir nichts mitgebracht aus den Jahren der Blindheit, in denen man auf die Dinge draufloslebt, neben den Allessehern. Man soll nicht auf die Dinge drauflosleben, man soll mit halbem Bewußtsein neben ihnen hergehen.«

Inmitten der vielen Blumen versuchte er sich vorwärtszubewegen, aber seine Füße, gefangen von dichten Büscheln wuchernder Anemonen, wurden ihm schwer. Jetzt erst, nach langer Wanderung, fühlte er zum ersten Male, daß er einen Weg zurückgelegt hatte, und er erkannte, daß die Landschaft ein aufsteigendes Tal war zwischen finsteren Bergen. Ein 84 kleines, fast armseliges Gewässer klagte zwischen Schiefergeröll, in vielen Abstufungen ist das Ganze dem Meere zugeneigt. Und er fühlte, daß von all diesen Blüten, die mit seinen Schritten ein Spiel trieben, bald nichts mehr übrig sein würde, und daß ihnen blaugraue Flächen folgen müßten mit tiefeingebetteten Schatten, und daß das Farbengewirr der satten Sommerwiese oben in feine Schattierungen des Gerölls übergehen würde.

»In diesen Tagen ist es mir aufgegangen, was Berge sind. Eine Kette von Erhebungen, die man erstürmt. Sturmschritte wollte ich und ich meinte das Forteilen, das Sichentfernen, Hügel an, Hügel ab. Das war meine Grimasse. Ich hatte mich angedeutet in dieser kalten Jugend, ich haßte ihre Ebenen, in denen eine feige Langmut zu schleichen beliebt. Bergan, ihr Tapferen!«

Seine Gedanken, seine Füße, alles an ihm war ein einziges Fortstreben. So war er der fremde Mann mitten in diesem Schauspiel von Stein, der Deus ex machina des Felsentheaters. Das lichte Gewand unbedacht über die Schulter geschlagen, mit den fast zu schnellen Schritten einer Scizze, ein Seevogel, der sich landeinwärts verirrt hat. Zwischen den düsteren Farben der Felsenlandschaft ruft seine Gestalt.

Wie die Farben der Landschaft immer mehr in ein Grau hinüberwollen, so hat sich auch der Himmel dem Felsenchaos angepaßt. Noch ist über dem Gestrüpp manchmal ein Streifen rötlicher Sonne, der sie wie ein wesenloses Band von der Unendlichkeit abschließt. Und Abraham Abt maß mit seinen Augen den glühenden Streifen im Westen. »Das wäre ein schönes Stirnband für dich, Abraham«, dachte er, »in dem du dich den vornehmen Leuten vorstellen dürftest, dem kunstvollen Marquis und den Herrn Erzählern, deinen lieben Freunden aus des Teufels Garküche.« Auf eine Steinplatte niedergekauert, spielte er mit solchen Gesichten und Gedanken, und je toller sie ihm gelangen, desto zufriedener war sein Kinderlachen. Und wie ihn der Übermut, der Feind aller Ziele, so überkam, wand er aus all seinen Träumen und Tollheiten gleichsam einen Kranz, den er den Berg hinabrollen ließ. Vielleicht 85 begegnete das lustige Ding, dachte er, gerade dem Pfarrer auf seinem Abendspaziergang und machte es sich bequem auf des Pfarrers Kopf. »Ich, den Sonnenstreifen um die Stirn, und der Pastor das Kränzel aus meinen schlimmen Witzen, so wir beide Arm in Arm, brüderlich sanftmütig verschlungen, abendlich belustigt.«

Die Vesperglocke war eben verklungen, und Abraham kehrte seinen Blick den Dörfern zu, deren Umrisse, von einem zarten Nebel umwoben, weit hinter ihm lagen. Wie die lockergeküßten Haarsträhnen der Schlafmüden hing das braune Gestrüpp um die Stirne der kleinen Hügel, die in ihren Moosbetten bereits zu schlafen schienen. Der Sonnenstreifen im Westen erlosch, während Abraham Abt so über das Land hinschaute. Er ging mit seinen Gedanken den Weg zurück, den er gekommen war, und je schneller er ging, desto mehr fühlte er, wie weit er gegangen war.

»Ohne diese Gedanken, diese Verwirrungen der Seele, die man wider Willen gegen eine fromme Torheit eingehandelt hat, wäre das Leben wie ein Spaziergang in der Sonne, ohne Gewitter und fatalistische Vögel, ohne diese Schreie, die sich in jeden Traum drängen.«

Und doch, wie sehr er sich auch sträubte, es erfüllte immer mehr sein Herz, dieses Bewußtsein, daß nun unerbittlich die Zeit des Reifens in ihm gekommen sei, daß seine Seele zur Frucht erwachsen und sich aus ihren Kelchen herausschälen müßte. »Alles muß geöffnet, eröffnet werden, in einer Offenbarung sich erweitern. Das sind die Späten, die niemals zur Stelle sind und doch kommen müssen. Ihre Fragen sind in einen Gedankengang eingeschlossen, wie eine ängstliche Menge Volkes stoßen sie an die Türen des Raumes, der sie bedrängt. Gebt allen offene Türen, damit sie sich selbst erlösen von dem sie bedrängenden Raume. Man wird lachen über manches Rindergesicht hinter dem Barte, aber man soll keinen von der Warte der Masse aus sehen. Die Späten sind nicht immer die Letzten, und die, welche reif werden mußten, sind erst recht losgelöst von aller Schwere und bar allen unnützen 86 Gewandes. Gutgekämmte Sklaven sind nicht besser als die feierliche Nacktheit jener. Man darf nicht zu einem Hausrate werden, an wiederaufgebauten Kaminen sitzen wollen, neben langsamen, sorgsam gepäppelten Irrtümern.«

Zum ersten Mal während seiner Fahrt ging Abraham Abt mit gesenktem Kopf. Es tat ihm wohl, daß der Abend alles in Schleiern versteckte, auch Abrahams Gesicht, in dem sich die letzten Rätsel bekämpften.

»Soll ich nicht warten, bis Sterne kommen?«, fragte er seine Seele. »Solche Gastgeschenke müßte man den Vornehmen kredenzen, wenn ich sie mir auf meine flachen Hände legen dürfte.«

Es kümmerte ihn nicht, daß jetzt Stimmen in seiner Nähe erwachten, immer leise, nur selten hervortretend mit feinen Accorden. Er hielt mit seinem Traume Aussprache.

»Ach ich möchte ertrinken in so einem Licht, wie mein Stern und mein Mond es haben.«

Kleine blaue Wolken gaben dem Mond ein Gesicht. Man sieht in dieses Gesicht und geht verträumt den engen Weg zu einem großen weißen Hause hinauf.

»Hat der Marquis sein Haus so hoch in die Felsen gebaut, damit seine Gäste mit dem Weg kämpfen, der sie zu Plauderern macht? Aber es ist doch ein Haus, ein ganz wirkliches, richtiges Haus, Marmor wächst aus dem Marmor, und es hat sogar einen kleinen Turm, der auf dem flachen Dache sitzt. Es muß zu schön sein, ein Haus mit einem Turm zu haben und in diesem ein kleines Fenster, das unmittelbar an den Himmel grenzt. Man öffnet des Nachts das Fenster und steht neben den Sternen.«

Das Märchen in der Seele des Abraham Abt wollte nicht enden. Und suchten seine Augen auch nach der Türe, durch die man ihn gerufen hatte, es waren Kinderaugen, die nur den Himmel kannten und nirgends die Tür erblickten, durch die man fertige Menschen führt. Darum kehrten seine Augen auch wieder zu dem Turme zurück, sie maßen ihn noch einmal und staunten wie vor einem kühnen Rechenexempel. 87 Dann lächelten sie vergnügt und zufrieden und nahmen gleichsam Besitz von dem kleinen Kapitol, das so nackt und keck ragte wie der Felsen, der es trug. Es war etwas Neues für Abraham Abt, über Felsen zu wandern und vor Schlössern zu stehen, ein Wunder in anderer Art, dieses Plateau, auf dem sich kaum ein verkrümmtes Kräutlein blicken ließ, für den, der gewohnt war, mit den Füßen in Blumen zu wühlen. Zwischen grauen und fahlen Ornamenten lagern starr gewordene Träume.

Die Nacht schritt ihm voran, als er sich entschloß, den seltsamen Tempel auch von rückwärts zu betrachten. Eben war er um die Ecke gebogen, als ihm der Schein eines Lichtes in die verwunderten Augen sprang. Seine Lippen zuckten in einem kurzen Schreck, und er wäre einer peinlichen Verwirrtheit ausgeliefert gewesen, wäre ihm nicht sein Kinderlachen zu Hilfe gekommen. Mit diesem Lachen bot er der schmalen Gestalt, die in der Türe erschien, seinen Gruß, während seine Seele nach Worten suchte.

»Ich bin Abraham Abt, ein Narr« stotterte er endlich zwischen seinem Lächeln hindurch und betrachtete die von der erhobenen Ampel beleuchtete Gestalt der Frau. »Ein Herr Marquis hat mich geladen«, setzte er vorsichtig hinzu.

Er sah, wie das von schwarzen Haaren eingefaßte Gesicht sich neigte. Die strengen Züge, in dem kalten Weiß der Haut wie zwischen Marmorwänden gepflegt, waren kaum einladend. Abraham mußte an geschnitzte Steine denken, die er auf seinen Wanderungen erlebt hatte.

»Seltsam«, dachte Abraham, während beide schweigend eine breite Stiege emporstrebten und sich seine Führerin nach ihm umwandte. Das Licht, das die dunkeln Vorhänge des weißen Treppenhauses getränkt hatte, fiel jetzt in zwei starre, geweitete Augen und erfüllte sie mit einem geheimen Zauber, gegen den sie sich zu wehren schienen.

»Ein steinernes Gesicht und eine Dienstbotengebärde, eine grobe Hand um eine schön getriebene Ampel, schwere edle Stoffe der Portieren, die mit geschmacklosen Alabastern in 88 einem häuslichen Zerwürfnis existieren; glaubt nicht, daß ein Narr davon nichts versteht. Ich turne nicht vor euch, wenn ihr nicht ganz königlich seid, ich will meinem Beruf Ehre machen. Ich werde euch mit meiner Zunge schlachten auf euren eigenen Altären. – Und der Lump, der Baumeister, hat das erste Stockwerk vergessen, die Treppe kriecht in den Turm hinauf.« Abraham wischte sich einen ersten Tropfen von der Stirne. »Da will ich lieber im Tale bleiben und nach den tiefblauen Anemonen suchen, die mich noch gestern entzückt haben, als hier einen seltsamen Vogel abdienen und in steinernen Galerien gefangen sein, ein weißer Punkt in unerbittlichen Dunkelheiten. – Und doch, diese schmalen Hüften könnte man lieben, auf die Kamee ein Sonett schreiben. – Ach, es sind mir zu viel Conflikte hier und die Treppen zu beschwerlich.«

»Noch fünfzehn – noch zehn – noch fünf« – zählte er unwillig. »Aha, man soll sich zum Akrobaten der Treppenhäuser ausbilden, ehe man zur höheren Turnkunst zugelassen wird.«

Er lauschte. Stimmen kämpften oben hinter einem Vorhang, entfernten sich, kamen wieder, bald Verwirrung, bald Eintracht und Bewegung. Tiefe Stimmen, die sich selbst etwas zu sagen hatten, feine durchsichtige, die zu andern kamen und sich aufnehmen ließen, werbende, glühende Stimmen, die selbst aufnehmen wollten, herbe, die abwiesen, und sanfte, die sich wie Hände über die andern legten, die den Müttern gehören, die vor der Zeit gestorben – immer wieder viele Stimmen, irrende und verirrte, vorsichtige und gemeine. Abraham Abt hatte ein Ohr für den Wald, er wußte die Vögel innerhalb einer Art nach ihren Stimmen zu unterscheiden. Nachtigallen, sagt er, findet man leicht heraus, weil sie die liebsten Stimmen haben. Es gibt Menschen, die liebt man wie Nachtigallen, nur um ihrer Stimme willen.

Greif Deinen Tag mit den Händen, Abraham Abt, in dieser Nacht fängt Dein Tag an, gerade dieser – kein anderer wird so viele Stimmen haben, die Stimmen – das Leben kommt über Dich!

89 Er stand still in diesem Rausch in der Mitte der letzten Stufenreihe. Das geschnitzte Gesicht stand oben und hielt die derbe Hand an einem Vorhang.

»Es ärgert mich, daß dieses Gesicht meinen Vorhang öffnet, im letzten Augenblick, da ich vor meine Offenbarung hintrete, muß mich diese Domestike mißhandeln.«

»Herr Marquis, öffnen Sie, da bin ich!«

Abraham Abt schrie: wie nie in seinem stillen Leben war seine Rede laut. Aber nur die verwirrten Stimmen ließen sich wieder hören.

Das Gesicht mit seiner Lampe ging die endlose Treppe zurück und Abraham stand im Dunkeln. »Ich bin der Affe dieser gräflichen Sondergeburt. Öffnen Sie, Herr Marquis!« schrie er, in dem Ton derer, die mit Recht Eintritt begehren und zum zweiten Male klopfen.

Es war ein großer, grüner Vorhang, vor dem er stand. In ein sattes Grün waren seltsame Figuren hineingesponnen, ein Muster aus vielen sich fassenden Händen. Dieses Muster war das Letzte, was ihm die leuchtende Antike in der groben Hand angedeutet hatte.

Er brachte seine Lippen an den Rand der Seide, aber seine Finger wagten es nicht, sich zu rühren. – Den Meisten sind ihre Finger voran, nur wenige haben ihren Kopf vor das Ich gespannt, er ragt über sie hinaus. »Ich küsse dich, noch ehe ich dich gefaßt habe.« Und wie die Seide sich öffnete! Ungezwungen, verräterisch, grausam öffnet sich der grüne Vorhang, und Abraham Abts, des Ankömmlings Gesicht rang mit den zweihundert Kerzen, die ihn empfingen.

»Ich sehe Sie, Abraham Abt, da sind Sie!«

Klare, eiskalte Laute, aus plötzlichem Schweigen inmitten des Kerzengeflirrs riefen ihn.

Und Abraham Abt tauchte seinen Kopf noch tiefer in das viele Licht. Zwischen den Kerzenflammen zuckten die Gesichter von Menschen, Frauen und Männern. Es waren nur wenige. Sieben vielleicht oder zehn, rechnete Abraham Abt und mühte sich, Einzelne und Einzelnes zu unterscheiden. Aber es gelang 90 ihm nicht in den Orgien des Lichtes. »So viel Stimmen, so viel Menschen«, dachte er, »ich werde in sie hineinhorchen, sie vor mir sprechen lassen. Wenn ich nur den erkenne, der mich gerufen hat. Ich will warten, bis seine Stimme wieder zu mir kommt.«

Und er hielt seine Hände vor das Gesicht. Etwas Grelles, wie ein großes, glühendes Metallteilchen sprühte an seinen Augen vorüber.

»Rechnen Sie mir dieses Wirbeltier nicht zu, für morgen will ich Ihnen eine Sonate aus Mond und Sternen komponieren.«

Die Worte kamen kaum weniger frostig als früher. Abraham ließ seine Hände rasch herabgleiten und suchte das Gesicht, das zu diesen Worten paßte. Aber er sah zunächst nur einen ragenden Schatten über der grellen Tapete. Ein kleines Tischchen im Stile des alten Granada stand unterhalb des Schattens. Abraham ging einige Schritte auf den Schatten zu, seine Füße folgten dem Zauber eines Magneten, und er sträubte sich in dem Gefühle, daß Schritte ein Gewähren sein können. Wie durch eine verrufne Gasse zwischen verdorbenen Gesten und fragenden Mienen ging er auf das Tischchen zu und erkannte ihn.

Dem Neueintretenden charakterisierte sich der Marquis eigentlich nur durch diese eine schnappende Bewegung der Kiefer, die alles Leidende und Geheimnisvolle zugleich in sein Antlitz brachte. Seine Hand strich leise über das kleine Tischchen, als wollte sie ein Tier liebkosen. Von Zeit zu Zeit schien ein gelinder Haß in ihm aufzuwachen gegen irgend ein Schicksal, das er nicht gerufen hatte. Dann begannen die liebkosenden Hände Umwege zu machen und nach unsichtbaren Gegenständen zu fassen. Oder sie verirrten sich die Schläfen entlang in das zerwirrte Haar, um einen Traum zu suchen. Ein andermal erschien seine ganze Gestalt wie aus dem Schreck herausgemeißelt. Wenn Worte von ihm ausgingen, war er voll Kraft: er hatte dann die marmorne Unfehlbarkeit der Renaissancepäpste. Er liebte es, von einem und demselben Platze aus Abende und Nächte hindurch zu 91 sprechen, nur selten durchquerte er den Raum mit streng gemessenen Schritten.

 

»Reden Sie, Abraham Abt, Sie sind mir jetzt sehr nah, es kommt fast einer körperlichen Berührung gleich, dieses Ihr Mir-gegenwärtig-sein.«

Der Marquis gab diese Worte wie Geschenke mit kargen Gesten. Abraham Abts Zunge hing wie gelähmt unter dem Gaumen. Er hätte gerne etwas hingeworfen, aber seine Lippen zuckten in einem unbekannten Schmerz. Die Augen suchten gequält das Muster der seidenen Perser zu enträtseln. Wie ausgelöscht war sein Lächeln, mit dem er die Rätsel einer langen Jugend gelöst hatte. Wie die Kinder vor dem Kelch zitterte Abraham Abt.

»Herr Marquis, in diesem Kittel kann ich nicht reden. Der Gott hat mir die Kehle geschnürt. Was ist das Alles da draußen – Meer, Meer – das Alles vergiebt. Im engen Raume möchte ich alles verstehen lernen und mich mit Irrtümern glücklich machen lassen.«

»Abraham Abt, es ist mit den Worten, wie mit den guten und schlechten Schwimmern. Die guten Schwimmer leben uns voran, aber man kann auch hinter den andern herleben, nur darf man nicht ohne Altar sein. Sie sehen, ich bin nicht ohne Kirche, immer höre ich eine Glocke über mir.«

Der Marquis hob seine Hände mit der ihm eigenen andächtigen Gebärde, wie seine Worte gingen seine Hände. Es war Melodie in diesem Erheben der Glieder.

Auch die Andern waren gefangen in der Gebärde des Sprechenden.

»Abraham Abt, wir sind nicht ohne Lobpreisungen. Aus uns heraus dürfen wir die entferntesten Seligkeiten locken. Reden Sie, Abraham Abt. Ich liebe die Erzähler, ich habe Sie gerufen unter die, welche Worte genug haben, um selig zu werden. . . . Wir sind nicht ohne Altar.«

Seine Stimme hellte sich auf, und die Worte kamen weicher und mitleidiger aus seinem Munde.

92 »Ja, Herr Marquis, ich fühle eine Glocke über mir, es sind bestrickende Meditationen eines Instrumentes, ich höre etwas, wie verwegene, unkeusche Kirchengesänge –«

Die satten Gerüche der großen silbernen Fackelbehälter legten sich auf die Brust Abrahams. Er atmete tief, wie unter der Last eines Traumes.

Von einer Balustrade im Hintergrunde rief eine Geige in den Saal hinunter. Erst weich und wehmütig, dann in ein zuckendes Adagio emporsteigend und wieder in träumerischen Kadenzen hinabsinkend, konnte dieser versteckte Bogen Erinnerungen wachrufen. Eine südliche Weise, nur halb bedacht, ertrinkend in übermütigen Glossen.

Abraham Abt wandte sich um, nach der Quelle seines Entzückens zu suchen. Er begrub seine Augen in den sanft erleuchteten Hintergrund mit den Vorhängen aus leichtem schwarzem Seidenstoff, die sich wie unter dem Hauche eines redenden Mundes bewegten. Er mußte an jene Waldlichtung denken, in der ihm zum erstenmal ein Instrument wie Offenbarung klang. –

»O, die Flöte zu blasen, verirrten Ziegen in die Felsen zu folgen, in tiefe Wildheit der Schluchten hinunterzusteigen! Nun ist man selbst ein verirrtes Felsentier geworden. – Wie diese Geige meiner Flöte nachklimmt!«

»Abraham Abt, ich sehe, daß Sie Augen haben, die auch Töne zu fassen vermögen. Ihre Seele hat einen schönen Weg entdeckt.«

»Herr Marquis, ich bin so arm, so elend arm, ich bin so verirrt.«

»Die armen Lacher, ungekämmt, unsauber, in der Weltwirrnis stehend, haben Ihnen alles Urteil verdorben, Abraham Abt. Klettern Sie zu uns herauf, da haben Sie Hände, nehmen Sie so viele Hände.«

»Herr Marquis, glauben Sie, daß es besser ist zu irren als zu wandern?«

»Ja, mit Irrtümern selig zu sein, meine ich. Klettern Sie. Eine Höhe muß jedermann haben. Es ist gleichgültig, wer der erste 93 im Ausgleiten ist. Kommen Sie empor, Abraham Abt, auf den Hügel der Erzähler.«

Das Gesicht des Marquis war unerbittlich. Abraham Abt fürchtete sich.

»Kommen Sie empor zu uns. An Einfällen sind wir arm, aber das Süße ist in uns entwickelt, unsere Worte sind aufgeblüht neben der Gassenweisheit, die ein Jahr lang bettelt, um im fruchtbaren Augenblick einen schnöden Karneval zu komponieren. Wir sind aus uns selbst aufgeblüht, ohne die Nachbarpose und ihre mühsam geschnitzten Wortpuppen. Wir sind die harmlosen Bestien einer familia sacra . . .«

Abraham Abt hielt wieder die Hände vor sein Gesicht. Die springenden Reflexe belebten seine krampfhaft ineinander geflochtenen Finger. So liebte es der Marquis von manchen Erzählern.

»Warum bedecken Sie Ihr Gesicht? Ihre Substanz wird nie Seele besitzen, wenn Sie Ihr Gesicht bedecken. Wir müssen doch alle enträtselt werden, mögen wir noch so lange unser Gesicht verhüllen. In einem Zucken des Genusses werden wir alle zugegen sein.«

Über der Stirne des Marquis wurden jetzt die Spuren vieler Tage sichtbar. Der geniale Teufel des Widerspruchs, der böse Feind aller Systematik, grub die tiefste Falte in sein Gesicht.

»Reden Sie von Ihren Erbärmlichkeiten, Abraham Abt, reden Sie. – Hier sind viele, die schon schweigen und noch zuhören können. Sehen Sie da, diese meine Köpfe. Ich habe mich durch alle hindurchgedacht. Ich bin ein Fanatiker in meiner Art, in dem »Für und durch andere denken«. Ich liebe die Erzähler, die mir die Zeit vertreiben mit meinem Elend. Ich bin so sehr Seele geworden und ganz ohne Tugend. Meine Aufgabe ist das Bewohnen noch Unbeseelter. Komme ich vor eine solche mit Gliedern begabte Substanz, die sich Körper eines Menschen nennt, so lasse ich mich aufnehmen. Und ich trabe die betreffende Kreatur mit gutem Glück, wie Sie sehen werden.«

Abraham Abt stand noch immer da mit den müden Händen vor dem gequälten Gesicht.

94 »Ich will mir die Augen verbinden lassen, Herr Marquis. Ich sehe mich beständig da neben mir stehen; ich möchte nicht mehr neben mir stehen. – Sie haben so viele Spiegel in Ihrem Zimmer, alle Ihre Gesichter sind Spiegel.«

»Ich habe nur ein Gesicht, das Gesicht, das mir nachgelebt wird, das ich belebt habe. Aber Sie, Abraham Abt, lieben das Gesichterschneiden, Sie lieben den Januskopf in sich. Sie blasen noch immer den Einzugsmarsch Ihres zweiten Ichs. Jetzt weiß ich nicht, ist es das Pfeifen oder das Marschieren, das mich ermüdet. Sie wissen noch nicht, wer Sie waren. Man muß den Zweiten hinter sich haben, man muß in den Vielen sein.«

Der Marquis lächelte sein kurzes »Pauvre enfant«, während Abraham Abt sich bemühte, die Augen frei zu geben.

»Ich könnte alle Kerzen auslöschen und alle Fenster öffnen lassen, aber das Licht in solcher Sattheit ist gut für Menschen mit viel Farbenempfindung. Sie träumen soviel Farben, Sie plaudern in Farben. Sie sollen viel Farben haben und wenig Färbung.«

»Meinen Sie die Blumen und die Tiere, Herr Marquis, die ich so liebe, so abgöttisch lieb habe? Ich bin ein Farbenanbeter, finden Sie das häßlich von mir? Denken Sie, soviel Blumen in kecke Büschel zusammengegeben, Narzissen und Anemonen – und die Akazien hatten mir noch mehr zu sagen. Ich sehe ja, wie Sie lachen, Herr Marquis, über diesen Götzendienst im Natürlichen. Aber denken Sie nur, so zusammengedrückt in eine Jugend zu sein, geprügelte Kindheit, sich selbst noch einmal gebären müssen, ach sie tun weh, solche Spätgeburten. Sie haben mich bewacht. Denken Sie nur, mich zu bewachen, mit breiten Mäulern mir nachzugrinsen! Ist es nicht eine Sünde, mir nachzugrinsen? – Was das tat, daß ich lachte! Manchmal hatte ich den Eindruck einer übelriechenden Gerechtigkeit, wenn ich lachte . . . . Es roch nach vertrackter Notwendigkeit, dieses Lachen.«

Abraham Abt hob seine Augen auf, und dann senkte er den Kopf plötzlich wie einer, dem etwas eingefallen ist, kurz vor der Abfahrt.

95 »Können Sie sich vorstellen, Herr Marquis, daß der Mond Füße hat? Ich weiß, daß der Mond Füße hat – da in meiner Stirn haben Sie die Spuren, da ist er gegangen.«

»Pauvre enfant!« sagte der Marquis.

Noch einmal flackerte das Lachen auf der Miene des Marquis, alle Muskeln zitterten unter der Last des Lichtes, das auf ihnen lag.

»Die Akrobaten des Gefühls,« begann er wieder nach kurzer Pause, »sind das Kinderspielzeug der Mathematiker. Mathematische Menschen haben die Grausamkeit der Kinder im Untersuchen und Auflösen. Die Liebhaber der Gleichungen befehden die Liebhaber des Gleichnisses. Aber lassen Sie es sich wohl sein in dieser meiner Kinderstube und mich in Frieden Ihre Unbekannte berechnen.«

»Ja, Herr Marquis, ich weiß, daß Sie Macht über uns haben, über uns elende Grübler und Plauderer. Ich weiß, daß Sie eine Zunge führen können, aber sehen Sie, ich wollte doch warten, bis wieder Engel kommen. Es steht hier keine Tür offen für neue Engel, auf die ich wartete . . . Und das ganze Land mit allen Blüten und Sonnenstrahlen sollten sie auf ihren Flügeln in uns hereintragen.«

»Es werden Engel kommen, Abraham Abt, ihr Antlitz ist das Gebilde der Erzähler, ihre Flügel sind die Hymnen der Dichter. – Aber ich möchte Ihre Seele nicht mit Allegorien belasten. Lassen Sie Ihre Augen umhergehen, kommen Sie zu diesen hier. Wir sind alle ein großes Gehirn.«

Abrahams Augen folgten jetzt der Geste des Marquis, die nach oben strebte. Er bemerkte, daß ein riesiges Gewölbe in Form eines menschlichen Schädels den Saal nach oben hin abschloß.

Diese Kulisse seiner Gefühle schien der Marquis mit innerer Befriedigung zu konstatieren. In vornehmen Äußerlichkeiten lebte auch dieser revolutionäre Aristokrat seine letzte Konfession aus.

Abraham Abt fühlte sich wie emporgetragen durch die Kraft der schmalen Hände. »Ich habe keinen Kopf mehr, der ein 96 Schicksal für mich werden könnte. Mein Hirn ist begraben in einer fremden Kapsel,« dachte er halblaut, während die Lippen sich mechanisch bewegten, und ein starrer Blick das Gewölbe maß.

Die Hände des Marquis gingen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, nur noch langsamer, noch vorsichtiger, als müßten sie jemand behülflich sein bei einem steilen Abstieg. Es waren wundertätige Hände, die man verehren, denen man folgen durfte bis an die Schwelle der Verderbnis, und noch darüber hinaus.

Abrahams Augen begannen wieder hinabzusinken und Boden zu fassen.

»Sie haben den Kopf des Mannes, Herr Marquis, von dem ich geträumt habe. Jetzt weiß ich es gewiß, daß Sie diesen Kopf haben. In einer Welt der Schlachtopfer habe ich ihn angebetet.«

Aber er wagte es nicht, den Marquis anzusehen, die Blicke irrten an den Wänden entlang und suchten sich einen Weg zwischen den tanzenden Reflexen. So begegnete er den schweigend niedergekauerten Gestalten, schüchterne Kreise um sie ziehend. Jetzt bemerkte er auch, daß die rechte Saalwand von Gesimsen unterbrochen war, von denen zarte Gewebe herabhingen, die sich leise bewegten, wie weit entfaltete Blütenwände. Das furchtsame Violett einer Nacht kämpfte mit all dem strömenden und wogenden Licht, das wie der gipfelnde Tag bestehen blieb. Eine plötzliche Sehnsucht erfüllte ihn, seine Gedanken in die Nacht hinausschreiten zu lassen, aber die leise wie im Traum sich bewegenden Falten neben ihm hielten seine Neugierde fest.

Er versuchte, Köpfe zu erkennen und Gesichter zu unterscheiden, er versuchte, um jede einzelne Physiognomie einen Rahmen zu schaffen und ihr Grenzen zu diktieren. Er sah, daß sie alle große, dunkle Augen hatten und den Frauen unter ihnen ein besonderer Glanz anhaftete, daß manche der weiblichen Körper zierlichen Tieren glichen, deren erste und letzte Berechtigung diese Pose war, in der allein sie zu existieren 97 schienen. Sie schienen für den Raum geschaffen, sich angepaßt zu haben; wie die dümmsten der Felsenvögel im Ozean waren sie Scenerie geworden.

Der Marquis folgte mit einem interessierten Lächeln dem Betrachter. Er fühlte die Notwendigkeit, seinem neuen Zögling über die vom Licht warmen Frauenkörper hinwegzuhelfen.

»Lassen Sie Ihre Seele nicht an der Straße liegen, wenn Sie eine Reise machen wollen, Abraham Abt, verstehen Sie mich richtig, ich meine . . . .« Sein Lächeln bekam etwas Kunstvoll-Groteskes. »Verstehen Sie – ich möchte Sie nicht schulmeistern. Sie wissen, ich denke gerne einen Schritt voran. Und ich weiß manches, was sich in Beziehungen bringen läßt. Was in uns Menschen noch vom Raubtier übrig ist, wäre kaum genug, um einen guten Dompteur auszubilden. Zahnarme Säugetiere sind wir Nager von einst, man muß uns zu Hilfe kommen in den Zeiten der Fütterung.« – – –

Der präterierte Beamte seufzte tief auf. Das Ebenbild Gottes wehrte sich in ihm gegen einen Wust von andressierter Dummheit. Es unterlag. Abrahams und des Marquis Augen ruhten auf seinem nackten Scheitel, der mit einer ärgerlichen Bewegung die unliebsamen Betrachter abzuschütteln schien.

»Ich schätze das Entgleiste,« begann der Marquis. »Verstehen Sie etwas von juristischen Irrtümern? Was glauben Sie, wie schwer es ist, innerhalb der Juristerei zu entgleisen. Es gibt nichts Hoffnungsloseres als die stilisierte Gerechtigkeit.«

Der präterierte Beamte stand auf und bewegte sich vorwärts, um eine dunklere Ecke des Saales zu suchen.

»Betrachten Sie das Gestreckte im Gang. Es ist ein schlechter mathematischer Witz, diese Qual berechneter Winkel. Die Resultate stecken ihm in den Gliedern, er frißt eine These nach der andern. Glauben Sie, daß ein Abführmittel angebracht wäre? – Er ist der einzige, dem gegenüber ich ohnmächtig bin, alles andere habe ich zu Erzählern gemacht. – Oder meinen Sie, daß Parfüms und schöne Töchter 98 angebracht wären? Vielleicht steckt das Armselige im Individuum. – Gegenwärtig beschäftige ich mich damit, für diesen hoffnungslosen Juristen einen neuen Aberglauben zu erfinden. Ich halte das für eine Art Rettung. Warum das auch entgleisen mußte! Man soll nicht entgleisen, wenn man kein Talent zum Erzähler und Plauderer hat. Ich fürchte mich vor seiner Vernünftigkeit, vor seiner mürrischen Resignation. Vorläufig muß man ihm helfen, sich zu verkriechen. Es ist ein banaler Teufel. Solche Teufel hassen alles, was so von ungefähr sich heranlebt und sich selbst ergeben ist.«

Sie schritten jetzt nebeneinander her, wie zwei Beschauer durch ein Wachsfigurenkabinett.

»Wenn ich Teufel lieben und achten soll, müssen sie lernen, auf Höllensirenen zu blasen,« setzte der Marquis nach einer Pause fort, wie um eine Brücke zu bauen zu einem langen blassen Burschen, der an ein Fauteuil gelehnt ihn mit großen Augen empfing.

»Solche musikalische Teufel sind sanft und suggestiv, über die ganze Erde wandern sie, locken und verführen dich, sie anzuhören. Du ziehst hinter ihnen her wie ein hungriger Hund und nimmst, was ihre Sirenen übrig lassen.«

Die weißen Hände des Marquis schwebten über dem Scheitel des Blassen. Seine Augen gruben sich in das dichte schwarze Haar, als wollten sie mit Gewalt in den Sitz der Seele vordringen. Alle die leidenden Gesichter ringsum begannen sich zu beleben. Sie zuckten eine flammende Randglosse zu dem Mienenspiel des gräflichen Zauberers.

»Gieb Deine Augen her, Dietrich,« begann der Marquis wieder. »Du mußte mir Deine Augen geben, damit wir in unsere Stunde eintreten können.«

Seine Stimme klang nachgiebig und doch kalt, er war Bitte und Unerbittlichkeit zugleich. – – –

Die klare Sprache Dietrichs trat jetzt gedämpft durch viele Perser in den weiten Raum, seine Hände waren herabgeglitten und lagen mit den Flächen nach oben über den Knien.

»Wie eine Frage der Liebe wird meine Melodie sein. Ich lege 99 eine Flöte an meine Lippen. Hört Ihr den Vogel in der Spätsonne?«

Immer tiefer sank der Kopf Dietrichs, immer mehr in die Hände hinab, während der Marquis seine Fingerspitzen über das Haar und die Schläfen des Erzählers gleiten ließ. – – –

»Nimm Deinen Mantel ab, Dietrich, tu alles fort, was Dich beschwert.«

Der Angesprochene atmete tief auf, erhob seinen Körper und streckte sich, das befreite Gesicht den Hörenden zukehrend.

Aus dem weitgeöffneten Munde kamen die Worte noch klarer und eindringlicher.

»Ich muß eine Flöte an meine Lippen legen, weil die Sonnenuntergänge mich quälen. Aber wir sind von Scham erfüllt, so lange unser Lied lebt und die Worte unserer Instrumente vor uns einhergehen. Darum erhebt euch nicht zu einer Antwort.

Seht ihr irgendwo gefaltete Hände? – – – Agnes hält noch immer ihre Hände gefaltet. Von diesen Gebeten muß erzählt werden. Hört ihr nicht, wie das Meer zu ihr und zu uns kommt? Sein Wort ist wie eine Geige stark in Porto Re.

*     *     *

Weiße Vögel streben landeinwärts, in weiten, langsamen Kreisen schleichen die schmalen Flügel durch die heiße Luft. Immer langsamer, immer lautloser wird die Reise. Dann und wann schlägt einer mit den Flügeln, als wollte er die lästigen Lichter abschütteln, und es stäuben silberne Sonnenwellen in den Äther zurück.

Ich höre den dumpfen Ruf des Meeres. Ich sehe, wie die Bahnen der Möven sich neigen, ehe sie ihre Wege zu Kreisen formen, das unschlüssige Stocken und das Heimkehren in lichten Linien, dem Rufe des Meeres entgegen. Und ich trinke jene starre Strenge ihres Flügelschlages, bis meine Augen sie verlassen müssen.

Wenn ich aber meine Lider schließe und die Arme ausbreite, wenn ich meine Schwermut in dieser kranken Gebärde entfalte, dann fühle ich noch immer die weißen Linien, und mein 100 Leben wird wie der Mövenflug, der mit sanften Strahlen in die Ferne deutet, und die zögernden Kreise sind das Gleichniß meines Glückes, Zeit hinan – Zeiten abwärts.

 

Ehemals war es eine verwegene Laune, die meine Erlösersorgen gebar. Jetzt hat ein kleines Städtchen am Strande und seine einsame Glocke mit ihrem ewigen Abendgesang mich einem dunkeln Frieden ausgeliefert. Ich habe meine Nächte nie ganz überwunden, und wenn die graue Agnes über den Kirchhof eilt, schleiche ich mich hinter die Mauer und lausche. Ich beuge mich über die Schlehen – es ist ganz still. Nur die Abendglocke geht. Ich höre sonst nichts als das ewige, heißsatte Abendläuten aus Porto Re.

Dann dränge ich mich ganz nahe an die Mauer heran. Ich möchte gerne den blonden Sohn des Totengräbers einmal sehn, wenn er den Winken der seltsamen Frau gehorcht mit seinen feuerroten Belagonien und den flammenden Safranblüten.

Noch sehe ich nichts, die Dornen halten mich. Nur hören kann ich, es knistert die Seide eines Unterkleides, und die Abendglocke blutet lange Töne in den Sonnenuntergang.

Aber jetzt, jetzt hebe ich mich. Ich entdecke einen Fehler in der Mauer. – Agnes! Agnes! –

Ich hebe mich, ich ersteige einen steinernen Ring, mein Kopf ragt irgendwohin. – Ich sehe Dich, Agnes. – Auch den mit den roten Blumen sehe ich, der so menschlich ist wie das Tier, das sich unter Blüten duckt. –

Wenn er Dich jetzt küssen müßte! – Er gräbt in Dir.

Wir Menschen des Verfalls sind wie die Sonnenuntergänge der Adria. Das kranke Leuchten unserer Mienen ist die Wehmut gestorbener Tage und die feuchte Wärme unserer Augen das Schweigen totgerungener Nächte. Wir sehen die Andern Blumen bringen und lächeln. Es ist das ringende Zucken des Überwundenen.

Sieh nur! – Sieh! Flammende Belagonien. Sie sind aus den 101 Leibern der Toten geboren und hauchen jetzt die Philosophie der kleinen Menschen. – Nun pflanzt er sie auf Deine Gräber und lauscht ihren Worten. Ja gewiß reden sie, sie reden. Und lachen können sie auch. Horch nur, wie sie lachen.

Aus unsern Leibern werden Belagonien sprießen und Lieder lachen, die wir beide jetzt nicht verstehen. So kehren wir zurück durch den Frühling des Friedhofs in die Philosophie der kleinen Menschen. Dann aber flattert das Ewiglachende an uns heran, und wir werden den Ruf des Meeres in der Dämmerung hören.

Da legst Du Deine Hand auf den Kopf dieses plumpen Toren und segnest ihn, weil etwas in Dir stirbt, das seine Weisheit wiedergebären wird.

Seine Lippen zittern, das Zittern läuft die roten Wangen aufwärts zu breiter, genießender Häßlichkeit.

Aber sieh doch mich – mich mit meinem Reich – da bin ich. Ich suche einen Weg zu Dir, zwischen den Gräbern suche ich. Laß uns, die wir sterben, einig sein. Schick ihn fort, der uns begräbt, den Lebenden. Deine Märchen, Agnes! Laß uns Deine Märchen schließen, Deine Hände. Laß uns im Sterben sündigen! –

Die Möven falten ihre Flügel in unnahbaren Höhen. Dort in dumpfer Frage bebt das Meer. Aber mir ist, als hörte ich noch immer das Lachen des Blonden. Mein welkes Glück schleicht über Deinen kühlen Leib. Zwischen den Gräbern torkelt der Sohn des Totengräbers und wehrt unsere Seelen ab. Seine harten Schritte schreiten gegen Sonnenaufgang in die Philosophie der kleinen Menschen. Bewegung an Bewegung, wie Glieder eines Panzers gereiht. Täppische Sicherheit. – Leben ist Technik der Bestialität.

Ich halte Deinen kleinen blassen Kopf in meinen fiebrigen Fingern und hauche den Rest meines Lebens in Dich. – Ich entfalte Deine Seele über den Tod hinaus in den Frühling des Friedhofs. – Die Möven träumen selige Träume von Dir. Thalatta! Thalatta!

*     *     *

102 Der Mund des Erzählers hatte sich geschlossen, die Lippen, in eine schmale Linie zusammengepreßt, ließen kaum eine Erinnerung an das Gesagte weiterleben. Die Augen öffneten sich von Zeit zu Zeit, als suchten sie nach den ihnen bekannten Ruhepunkten, wie Vögel, die eines Liedes müde geworden sind.

Der Marquis sah zu ihnen nieder, die Hände in die Taschen seiner Joppe gesenkt, in der ihm eigenen Art von Andacht. So gingen einige tote Minuten vorüber. Man hätte verborgene Uhren schlagen hören können.

»Ich bin ein Betrachter am Wege, lächeln Sie über mich. Mein Herz weiß nichts von Zuvielgesagtem. Ich bin ein Familienmitglied. – – – Ich höre Dietrich gerne. Er hat Nachdruck beim Sprechen, der ganz selten ist. Man fühlt etwas von Wellenschlag in seinem Organ. Seine Empfindung ist sehr stark, er hilft mir zu manchem Pinselstrich. – Erinnern wir uns an das ergötzliche Betragen einzelner Erzähler. Sie tappen mit schmutzigen Füßen in den Ereignissen umher, unaufgefordert bewegen sie sich in fremden Gemächern. Ihre Papierkörbe sind voll orientalischer Phantasie, ohne daß sie je einen Pascha in sich gefühlt haben. Sie wässern vor dem Unendlichen und schleichen sich mit gebogenen Beinen an die Ewigkeit heran. Immer nehmen sie Viktualien in Empfang, sie sind Haushunde ohne Heimat.

A propos, aber haben Sie einmal mit Huren zu Mittag gespeist? Es ist dies jene Stunde, in der der Mensch in ihnen aufrecht steht. Ein unbekannter Gott hat sie für diese Minuten zu Harmlosigkeiten erzogen. Sie sind dann sozusagen aus dem Beischlaf aufgeweckt. Man steht dann wie vor emporgescheuchtem Menschentum; ein Wort kann genug sein, die Starrheit des Verlorenseins in ihnen zu lösen. Sie plaudern, erzählen, ja, sie reden sogar. Man müßte einen andern Schlaf für sie erfinden und andere Träume. Ein Erlöser muß zu ihnen kommen, stärker als der kleine Gott aus Nazareth, ein Spezialgott. Noch eine Maria Magdalena wäre ein Debacle für das Christentum geworden. Aber das nebenbei. – – – Haben Sie 103 etwas für historische Kleinigkeiten übrig? Wissen Sie sich ein wenig in der Renaissance zurecht? Es gab damals noch großartige Dirnen mit Memoiren, nur ein geschwätziger Pfaffe durfte sich gegen sie wagen.

Ich möchte einen Pfaffen, den ich gegen Leonie hetzen könnte. Ich würde ihr so noch mehr Renaissance entlocken, hätte ich einen tüchtigen Kläffer von Dominikaner oder so etwas. – Auch er, Pepel,« der Marquis unterbrach sich mit einer Geste, die in eine andere Gegend des Saales wies, »dieser Pepel ist nur ein religiöser Kettenhund. Er drückt sich zwischen Albernheiten herum. Er müßte längst ein neues Laster in Leonie entdeckt haben.«

Sie waren vor einer der schmalen Gestalten angelangt, deren Augen für Abraham Abt so berückend waren wie die suggestiver Tiere.

»Glauben Sie,« warf der Marquis wie beiläufig hin, »daß eine ganz einsame Pädagogik babylonische Einfälle produzieren kann? – Es ist so schade, daß ich nicht Pfaffe genug sein kann. Das braucht den ganzen Menschen.«

Das feine, fast ein wenig zu spitze Gesicht Leonies erhob sich zwischen schweren schwarzen Taffetfalten. Ein blendender Stuartkragen ergänzte es vorteilhaft. Ihre Lippen wölbten sich wie über aufgespeicherten Schätzen.

»Gnädiger Herr, ich möchte meine Sonnenuntergänge mit Ihnen teilen, es wäre genug Purpur für uns beide.«

Einen Augenblick stand ihr Mund offen, und Abraham Abt erkannte, daß dieser Mund verdorben war von vielen Cynismen. Das dunkle Haar, wie herabhängendes Laub eines Fruchtbaumes, konnte nichts verhüllen von diesem sichtbaren Virtuosentum der Sünde.

Der Marquis lächelte, während Abraham Abt sich in den Irrgängen dieses Gesichts zurechtzufinden suchte. Dann legte er seine Hände flach über die Brust der liegenden Frau.

»Hörst Du die silberne Glocke Deiner Teufel, Leonie? Siehst Du seinen Kopf, siehst Du einen roten Mann vor Dir mit einer priesterlichen Andacht, die verbrecherisch sein müßte, wenn 104 anders sie nicht genial wäre? Rede von ihm, ich liebe Dich, Leonie, um seinetwillen. Ich will Dir große Käfige mit gelben Vögeln schenken, die Du vor meinen Augen quälen darfst. Sprich von ihm, laß uns beten, so lange wir zu Zweien sind. Bete von ihm. Rede von dem Abendrot seines Rockes.«

Die Hände Leonies zitterten leise in einer ängstlich gefalteten Geste.

»Gehe nicht von mir mit Deinen Gedanken,« sagte sie mit bittender Melodie in den Worten. Die Hände strebten empor, seine Stirne zu suchen.

»Erfasse mich, ich habe Dich so lieb, so seltsam lieb, etwas Ewigeres gibt es nicht als meine Liebe,« flüsterte der Marquis mit der Inbrunst eines Werbenden. Sein Gesicht lag ganz nahe an ihrem Ohr. »Du, Du, meine Liebe ist eine Angst. Ich könnte Dir in mir zuvorkommen, das war meine Angst, ich könnte Dich verleugnen in mir.«

Leonie starrte den Marquis an. Es war nichts in ihrer Miene, das sich nicht erweiterte bis hart an die Grenze des Häßlichen. Sie erzählte fast ohne Feuer, aber in sicher betonten Sätzen. Der Marquis drückte die Spuren seiner Hände in ihr Gesicht und folgte ihr mit seinem starken Instinkt für das Grausame und Unfruchtbare.

*     *     *

Der neue Diener Algabal ließ einen bleichen Kopf zwischen den Portieren aufleuchten, die verhüllte Fensterwand entlangflackern, an dem schlafenden Kardinal vorüberhuschen und wieder verlöschen in der Türnische. Ein famoser Kopf, fahlglänzend wie die Leiche einer Flamme, mit grünen Linien, die Augen rotgerändert und immer suchend. Nach langen Irrfahrten der Seele hatte der Kardinal endlich diesen da entdeckt. Man müßte solche Tiere vorsichtiger behandeln, behauptete er, und das Futter müßte pointierter sein, wenn man Entdecker aus ihnen züchten wolle. Und wie er jetzt im Traum seine Muskeln befühlte, wiederholte er diese seine Ansicht über das erfinderische Sklaventum. Die rote Seide knirschte über den 105 Leib, wenn sich etwas an ihm bewegte. Wieder leuchtete der fragende Kopf mit Allgewalt über den Kardinal hinweg. Ein seltsamer Speisengeruch kam hinter dem Pagen her, und der Priester lächelte, als er mit seinen ersten wachen Blicken den Diener erkannte.

»Algabal,« sagte er leise und gütig. »Wie weit seid ihr mit den Büchsen gekommen? Hört man noch die innere Stimme aus ihnen? Ist Eusebius zäh, habt ihr ihn gekostet, schmeckt er suggestiv?« Er suchte die Sätze mühsam im Halbschlaf zusammen und strich wieder die Seide entlang. »Du mußt mir das nicht übel nehmen, Algabal, wenn ich so viel frage. Es ist nur für den Anfang. Später wirst Du ohne Frage antworten.«

Der Kopf des Algabal nickte dämonisch. »Witz, mein Knabe, Witz und wieder Witz,« begann der Kardinal abermals, den Schlaf abschüttelnd. »Siehst Du, den Andern habe ich hinuntergeschickt, er fing an zu stottern bei seinen Erfindungen. Er war schon so greisenhaft sentimental, daß er mir weiße Rosen vor das Fenster pflanzen ließ.«

»Ja, Eure Eminenz« zuckte das Gesicht des Dieners.

»Sind die Rosen schon ausgegraben?« schloß der Kardinal gähnend, mit einer schweren Bewegung das rotseidene Knie abwärts.

Der Page verbeugte sich und lächelte Abschied.

»Aber noch eins, Algabal. Es muß nachgesehen werden, in welchem Verhältniß sich Fett und Essenz befinden, und man soll den alten Koch davonjagen und einen Alchymisten anstellen. – Hört man die innere Stimme noch aus den Konserven, Algabal?«

»Ja, Eure Eminenz,« höhnten die Wimpern des Algabal. »Wir gedenken ihn als Wildpastete herzurichten.«

»Wildpastete?« kam es aus dem Jenseits. »Das ist eine Grausamheit für einen Jubilar. Wenn er mir die Rosen nicht aufgedrängt hätte, dieser kosmische Esel, ich hätte ihn zum König von Kalabrien wählen lassen.«

»Bereuen Sie nicht, Kardinal, Süßigkeiten und Sentimentalitäten sind immer eine Schweinerei. Man muß die 106 Zuckerkrankheit aus der Welt schaffen.« Und der neue Bediente lächelte wie ein Barbierjunge, der die Todesdrohungen eines unbequemen Gastes auf dem Rücken seiner geliebten Maschinen balanciert.

»Aber er hat mir auch schöne Vögel in Batavien fangen lassen und meine entferntesten jugendlichen Verwandten bei mir eingeführt. Bedenken Sie Bibi.«

»Bibi ist keine Kraft mehr,« zuckte der Page. »Prüfen Sie Bibi's Alt, sie singt lüstern. Bibi ist Ihre Nichte nicht mehr, Kardinal.«

»Ich habe eine ganz perfide Seide aus Indien, Algabal, meinst Du, daß Bibi ganz verloren ist?«

»Kardinal, die Siebzehnjährigen fangen an zu grübeln und sich zu emanzipieren. Bibi emanzipiert sich.«

»Ich staune Dich an, Algabal, aber man muß Dich zu Taten begeistern. – Und Dein Kaktuswald, Algabal?«

»Er blüht, Eminenz. Jeder Schritt ein Kaktus, Kardinal.«

»Also Bibi ist tot, meinst Du? Bibi, meine arme Nichte!«

»Ja, Kardinal, sie verfettet. Man muß ihr Dasein einem Biographen überweisen.« Und Algabal prüfte die Augen des Kardinals. Sie waren streng, aber gnädig. Er zog die Portieren zurück, und die Sonne sprang in den Saal, weiß und unschuldig.

Der Kardinal überlegte und machte seine charakteristische Bewegung.

»Vielleicht war es doch ein Irrtum, ihn zu konservieren.«

»Ihr müßt ihn vergessen, Eminenz.«

Eine Gebärde entließ den Diener. – – –

 

»Bibi, Du warst ein Traum, als ich Dich fand, jetzt müßte man Dir einen Stammbaum anhängen, um Dich zu verkaufen.« Aber Bibi pochte auf ihre Geschichte. Sie kam wie eine Ehefrau mit alten Rechten. Bibi, die siebzehnjährige Nichte des Kardinals wußte, wie solche Nachmittage nur eine Pause ausfüllen konnten in einem Leben, und doch schmiegte sie ihre blassen Glieder immer noch an sein Knie.

107 Der Kardinal blickte auf aus einer alten Erinnerung, als er Bibi wieder bemerkte. »Da bist Du wieder, Bibi,« sagte er und befühlte ihr Haar.

Sie ließ einen langen Faden durch ihre schmalen Finger gleiten und lächelte diplomatisch.

»Den Kaktuswald müßt Ihr wachsen sehen, Eminenz,« begann sie, und ihr Gesicht bekam etwas Spitzes, Verlogenes. Sie war wirklich alt geworden in der Liebe des Kardinals.

»Hast Du die Büchsen geprüft, hast Du ihn gekostet, schmeckt er suggestiv, fühlt man sich jenseitlich?« sprach der Kardinal vorsichtig.

Sie wich einem kalten Gefühl aus, das ihr leise über die Schultern rieselte, und antwortete ihm mit geschäftlicher Gleichgültigkeit. »Die Rippenteile sind gepökelt und paniert.«

Der Kardinal freute sich über ihre Hausfrauentugenden, die nun ihre jugendliche Glut ablösen sollten. –

Der Himmel goß immer mehr Sonne in den Saal. Die reichen Pfühle lebten auf und strahlten ihre ganze Lüsternheit aus. Das Licht weckte auch den Vogel Caresta, der in einem silbernen Bauer zu singen begann.

»Caresta, Caresta,« nickte der Kardinal. »Bibi, es gibt nicht viele Vögel, die durch das Feuer fliegen können. Fühlst Du, wie Caresta singt? Sie möchten ihn als Fabel verdächtigen und lachen über die Naturgeschichte der Mystiker. Ich werde den Plinius fälschen lassen, um Caresta zu beglaubigen.«

Der Vogel Caresta quinquilierte in ganz hohen Terzen. Bibi horchte entzückt.

»Er wird Zeugnis ablegen von der Glut unserer Liebe«, fuhr der Kardinal fort. »Er wird durch unser Feuer fliegen und sterben, wenn sein Tag herankommt. Auch Caresta müssen wir besiegen.« – Er horchte auf.

»Ich fühle Algabal auf der Treppe; es kann mir niemand leise genug schleichen, aber diesem verzeihe ich selbst seine Schritte. Ich glaube, er hat das Göttliche in sich und er wird das Höchste erfinden. Auch ist er so jung. Es ist gut, daß ich mich so rasch für den Tod des Eusebius entschieden habe, 108 sein Greisenalter hätte mich irreführen können. Was gut an ihm war, werden die Konserven beweisen. Algabal hat die innere Stimme in ihm bestätigt. Wir werden den Eusebius essen und in uns aufnehmen. Was meist Du, Bibi?«

Der Kardinal knisterte, aber Bibi, über einen Knäuel roter Fäden gebeugt, schwieg.

Der Kopf des Algabal erschien wieder zwischen den Portieren. Er meldete spanische Granden aus Toledo. Der Kardinal verneinte und winkte Barliata, die Gans, näher, die zu den Füßen des Dieners durch den Türspalt schlüpfte und einen seltsamen Geruch mitbrachte.

»Barliata, Du seltsame Gans, Du wunderbare Gans, muß ich sagen. Die Gelehrten sagen, daß Du auf faulem Holz in größeren Strömen vorkommst. Ich aber habe Deinen Wert erkannt und Dir eine seidene Heimat gegeben. Dankst Du mir das, Barliata?«

Die Gans bewegte sich auf breiten Lappen heran und warf ihren Hals in großen Linien.

»Barliata ist schön« lächelte der Kardinal und faßte das Tier an dem Bürzel.

»Sie spielen mit meiner Jugend, Eminenz« antwortete die Gans verschämt und sah aus traurigen Augen zu ihm empor.

»Daß mich meine Krankheit auch hindern muß, mich so ganz Euch zu widmen, Ihr lieben Wunder.« Und er hüllte Barliata zärtlich in einen roten Zipfel. Alle seine Bewegungen strebten ihr zu, die schweren Muskeln zitterten.

»Barliata, Barliata.«

»Eminenz werden sich überheben um dieses perversen Vogels willen. Es wäre schade so knapp vor der Papstwahl,« rief eine eifersüchtige Stimme aus Bibi, die Alles beobachtet hatte. Sie fitzte ärgerlich an ihren Fäden, und ihr Gesicht wurde noch spitzer.

»Vielleicht, wenn ich ein einziges kokettes Mäntelchen an Dir erlebt hätte, wäre ich Dir so gut wie Barliaten. Sie ist eine weibliche Heilige. Aber indessen hast Du Dir eine liederliche Vornehmheit angeeignet, und Dein Mund ist geweitet von der 109 Geburt unzähliger häßlicher Worte. Deine Bewegungen haben keine kindliche Note mehr.«

Der Kardinal seufzte unter der Last seiner Strafrede. Sein Gesicht war bleicher geworden, aber Bibi parierte mit Schweigen. Es kam eine gequälte Stille in das Zimmer, die nur durch das Knistern der Soutane und die Schnabelgeräusche der Barliata unterbrochen wurde.

In Bibi blähte sich der Haß gegen den Ungetreuen, und sie würgte einige häßliche Sätze hinunter, wie einer, der Glasscherben zu kauen hat. Aber endlich gewann sie doch wieder Kraft.

»Nun habt Ihr auch wieder die Wahl versäumt« warf sie bissig hin.

»Die Wahl, die Wahl?« stöhnte der Kardinal erschrocken. »Du willst mich vergiften, Weib. Die Wahl ist aufgeschoben, die ganze Renaissance wartet auf mich, Du alte Verleumderin.«

»Man dürfte Euch für tot halten. In Liebe gestorben, Kardinal. Es raucht schon.«

Der Kardinal krampfte die Finger und wollte nach dem Bogenfenster, das einen Blick nach der Camera gestattete. Aber seine Schmerzen zogen ihn hinab.

Bibi lachte sieghaft und Barliata duckte sich ängstlich auf dem Polster nieder. –

Zwischen den Portieren funkelte wieder ganz flüchtig der Kopf des Algabal.

Die Augen des Kardinals irrten verloren über seinen Knieen. Eine bittere Falte senkte sich in seine Wangen zu Seiten des Mundes.

»Liebe! Liebe! Große geniale Liebe, Sodom, Jugend, wollt ihr untergehn?!«

Aber dann waren es nur mehr verwirrte Geräusche, die von ihm ausgingen, Namen von Lastern, Lobpreisungen großer Genüsse und Flüche in fremden Sprachen. Eine halbtote Gebärde des Kinns verlangte nach den Konserven und ihren Geheimnissen wie der entfliehende Geist nach der inneren Stimme.

110 Draußen sangen wehmütige Pilger. Satte Noten suchten sie auf den vergilbten Papieren. Ihre Choräle gingen schlafselige Rhythmen den Glocken einer Casa sancta entgegen, ein kaltes Ave lief durch den Abend.

Und der tote Kardinal glänzte mit seinem Schädel und sagte: »Es hat jeder sein Babel und seine besonderen Türme.«

*     *     *

Der Marquis erhob sich aus einer Erschöpfung. In seinem Gesicht standen fahle Schatten. Er hatte Mühe mit sich, und Abraham beobachtete mit einiger Neugierde eine neue Phase seines Lebens. Der Marquis kämpfte mit seinem Kavalier.

»Wir nehmen zu viel Gedanken aus diesem Schädel« dachte Abraham zwischen den Erinnerungen an das Gehörte. »Es ist merkwürdig, wie man von diesem großen Geber absorbiert wird.«

Der Marquis schraubte an einem Lächeln. Für einen Augenblick schien er mit sich selbst zu ringen und sein eigener Besiegter zu sein. Immer versuchte er noch vergeblich, seine jüngste in das Gesicht sozusagen hineingewachsene Maske abzulegen. Dann war es, als hätte er den Saal von seiner Persönlichkeit erlöst. Ein Geflüster schien erwacht zu sein; zum ersten Male, seit Abraham Abt anwesend war, fanden sich mehrere Stimmen zueinander.

Die Schleier, die das Licht so undurchdringlich gewebt hatte, schienen sich für einen Augenblick zu bewegen und Verborgenes freizulegen. Die Vorhänge hoben sich.

Abraham Abt durchwanderte mit seinen Augen den Saal, er suchte die Lippen des Marquis, die früher zu ihm gesprochen hatten. Aber er fand vorläufig nur die Rätsel wieder, die beim Eintritt seinen guten Mut in Schach gehalten hatten.

»Wir werden nie ganz zu ihm hinüberfinden« sagte er sich in einem Augenblick von Resignation. »Man geht eine Strecke mit ihm, man belastet sich mit seiner Seele, man denkt ihm nach, ohne ihm nachfolgen zu können. Er hat Kraft über viele Lichter, aber wer weiß, wo Sterne sind. Warum dieses Weib, 111 warum diese Geschichte? – Sind Sie katholisch, Herr Marquis?«

Der Marquis zuckte empor. Diese Worte hatten ihn befreit; weil sie zu schwach und ungeschickt waren für einen, den der Marquis achtete. Er klammerte sich an diese Güte der Unbeholfenheit.

»Ja, Herr Abraham Abt, ich bin katholisch bis an die Grenze der Heiligkeit. Ich lebe von den Abfällen der dreieinigen Göttertafel.«

Aber die Verwirrung begann allmählich wieder ganz von der Persönlichkeit bewältigt zu werden.

»Er hat ein rechtes und ein linkes Ich. Einem Talentlosen würde es schwer fallen, solche zwei Seiten eines Wesens gegeneinander zu behaupten. Es ist zu schwer, in so intimen Perspektiven des Fühlens auch nur das dünnste Fädchen Intrigue zu spinnen.«

So dachte Abraham und doch freute er sich seines Vermögens, mit Dummheiten zu spekulieren. Solche Dummheiten der Seele sind angewandte Kunst der Beschränktheit.

»Ich fühle etwas in meiner Seele, das wie angeschwemmte Kadaver sich staut,« unterbrach ihn der Marquis. »Ich bin wieder in der Stimmung, die mit dem Wellenschlag auf und nieder bebt. Man muß befreit werden von der Renaissance, wenn das einschlägige Programm abgewickelt ist. Ich weiß, es waren zuviel Küsse bei meinen letzten Worten. Ich habe mich blamiert zugunsten der Erzähler. Das Meer soll mich befreien. Ich will mit meinen Schwächen abrechnen. Wenn meine Seele einst strauchelt, werde ich sicher an einer Sentimentalität zugrunde gehen, ich bin abergläubisch wie die Seefahrer. Eine kühle Bestie ist das Edelste, was man sein kann. Wenn man es versäumt hat, seinem Wandertrieb nachzuleben, verstehen Sie mich; Wanderer zu sein, ist noch besser als jenes. Ich hatte immer die Sehnsucht, meinen eigenen Advokaten zu spielen; verstehen Sie mich richtig – zu spielen.«

»Innerhalb des Daseins, in-ner-halb des Da-seins,« stotterte etwas in einer Ecke, »innerhalb des Daseins hütet Euch vor 112 Entscheidungen. Gründen Sie Asyle für den gesunden Menschenverstand, meine Herrn – meine Herrn, richten Sie das Interregnum der mens sana wieder auf.«

»Hören Sie etwas?« fragte der Marquis vorsichtig. »Ich habe noch einen Einsameren als mich selbst. Sapienti sat. – Den geplatzten Tiefseefisch – ein sentimentales Ungeheuer. Wir blättern vergeblich in der Naturgeschichte über seine Substanz. Er schreibt eine unfruchtbare Art von Briefen, nach jedem Debacle ist er klug wie ein angeschossenes Wild. Sehen Sie, wie ich eine eigene Art gefunden habe, ihn auszulachen. Ich veranlasse ihn, seine Briefe vorzulesen. Er ist hinter die Geschicke getreten, dieser wahnsinnige Kadaver.« Der Marquis hatte seine Stimme gedämpft, er berührte leise den Arm des Begleiters. »Abraham Abt, fassen Sie ihn deutlich und gestatten Sie mir eine kleine Interpretation seiner Abstammung. Können Sie es einem fuchshaarigen Piccolo nachfühlen, wenn er eine hysterische Prinzessin verführt? – Der erste Frack, die erste Enttäuschung und natürliche Folgen. – Kurz und gut, er wollte sich erhängen, mußte aber unbarmherzig abgeschnitten werden und reinigte schließlich aus Furcht vor seinen Vettern seine Seele in einem Wasserfall, in den er sich stürzte. Man hat keine Spur von ihm und die Prinzessin soll eines unbekannten Todes gestorben sein. – – – Findelhaus – Lazareth und andere Gedankenstriche der Entwicklung des komplizierten Überbleibsels – notwendige Höhepunkte und so weiter. Endlich begann es eine Köchin zu lieben und scheiterte merkwürdigerweise endgültig am Unzulänglichen. – Ich charakterisiere sein Seelisches als Decadence, die geneigt ist, sich in persönliches Gewinsel umzudichten. Seine königliche Mutter scheint er aber noch im Gedächtnis zu haben. Er lebt Erinnerungen an eine Art von Seele, an einen Bankerott des zeugenden Menschen und macht sich absonderliche Frühlingsphantasien zurecht. Vor ganz toten fünfzehn Jahren begann er sich tragisch zu häuten. Er ist in eine andere Stadt eingetreten, wie er sagt, deren Mauer fremde Sonnen empfängt, seine Stadt ist ihm zerstört – vom Erlebnis – von der 113 Zufälligkeit sagen wir – von irgend etwas meinetwegen. Seine zerstörte Stadt ist eine Art Gefühlsmosaik, ein Muster von Frühlingsverwirrungen – Elend – Verzweiflung – Feigheit – bestialisches Vergnügen im Empfinden marternder Nebensachen. Aber verzeihen Sie, er wird selbst erzählen, so subjektive Souveränität hat kaum eine Ergänzung nötig. Es gibt niemand, der mich besser ergänzt. Mögen Sie immerhin seine Art zu stammeln abscheulich finden.«

Abraham Abt bemühte sich, sehr leise zu antworten. »Ja, ich sehe den Piccolo mit der schneidend weißen Serviette, aber die Königin ist mir nicht gegenwärtig und die Köchin kann ich erst recht nicht entdecken.«

»Sie müssen ihn hören,« setzte der Marquis fort, »wie er mit vollen Händen im Frühling wühlt, wie er sich mit Nebensächlichkeiten verfeindet, sich über Zufälligkeiten des häuslichen Herdes in ein fanatisches Unbehagen hineinredet. Es ist sicher auch ein Stück Köchin in ihm. Der schäbige Frack und die ominöse unvermeidliche Serviette sind in diesem Zirkus von Widersprüchen sicher nicht das einzige Humoristische.«

Der Marquis hatte wieder sein differenziertes Selbstbewußtsein erlangt.

»Es ist auch nicht verwunderlich,« setzte er fort, »daß eine so tragische Mischung mit Worten des einsameren Stils begabt ist. Ich habe schon früher einmal einen Abkömmling zweier widerspenstiger Gattungen gezüchtet. Sie schleppen ewig die Konflikte ihrer mißlungenen Mischung mit sich herum. – Spielen Sie die Meditation von Bach, Herr Oberlehrer,« warf der Marquis seitab einem Menschen mit gekrümmtem Rücken hin, und bald hörte man in der betreffenden Richtung einige Akkorde greifen.

»Sehen Sie genau hin, Abraham Abt, beobachten Sie diese souveräne Hilflosigkeit.« Er zeigte auf den spielenden Organisten. »Ich habe es noch nie erlebt, daß eine Musik mich so zu Dank verpflichtet hätte. Und doch ist sie nur dazu da, die Fliegen von unserm verunglückten Schwimmer zu verscheuchen. Sehen Sie genauer, das Profil ist banal, aber er fühlt sich feierlich 114 geknebelt. Aber lassen Sie uns davon absehen und nicht so armselig relative Überlegenheiten diskutieren. Wir wollen zu unserem seltsamen Fisch zurückkehren und ihn erzählen lassen.«

Der Marquis hob seine Hände. Seine Kraft war zurückgekehrt, eine Sehnsucht nach Worten erfüllte ihn.

»Komm her, Du mit Deiner ewigen Andacht. Unter den vielen Gerechten, die ich liebe, bist Du einen Schmerz mehr wert als die andern. Komm mit mir nach Hause, in unsern Wald, an Dein Meer, unter die Bettler, in irgend ein Haus, das wir beide besitzen können, komm hinter die großen Blumen, die wir bewundert haben. Es gibt für alle eine Stunde des Nachhausekommens. Dann wollen wir eng zusammengeschlossen von den Erinnerungen reden, die so tieftraurig sind wie das Meer und der Wald und die Menschen, unter die wir uns verirrt haben.

Steh auf, Cajetan, jetzt bist Du das Kind, das mit leuchtenden Füßen durch dunkle Zimmer geht, das Kindliche und das Königliche wird in Dir erwacht sein, so bist Du, wie Dein Gott Dich gewollt hat. Cajetan rede, Du sollst reden.«

Die Hände des Oberlehrers gingen wie langfüßige Tiere über die Klaviatur. Das Finale verklang. Das Knistern einiger schmutziger Blättchen, auf denen man kaum eine Schrift entdecken konnte, löste die Musik ab. Der Marquis trat ganz nahe an den Tiefseefisch heran, der ihn starr und mit der charakteristischen Wölbung der Lippen empfing. Man begriff den Kommentar, den der Marquis dieser Figur beizugeben beliebte, man begriff den aus der Leichenhalle geholten Vergleich: »Ein wahnsinniger Kadaver, dem das Totsein eine Art Pläsier zu machen scheint.«

Der Marquis hob mit einer seltsamen Geste die Arme, während die Augen des »Kadavers« zu leuchten begannen. Die schmutzigen Papiere knisterten, von nervösen Fingern durchsucht. Dieser suchenden Bewegung der Finger folgten Worte, die sich in fremden Kulissen zurechtzufinden bemühten.

»Alles ist uns über den Kopf gewachsen, die Menschen, die wir 115 gekannt, die Blumen, die wir gepflückt haben. Hinter großen Lichtern haben wir Blumen gesehen, sie sind weit abgerückt. Unsere süßen Verirrungen sind nicht mehr, wir dichten mit den Händen, unsere Musik ist Mythus geworden, in fernen Spiegeln sehen wir unsere fernen Gesichter verblaßt und verkümmert. Behutsam ist unser Wort, mit dem wir rechnen, abgemagerte, schüchterne Rechenmeister. In unsern seligen Finsternissen waren wir von Entdeckung zu Entdeckung geirrt. Wir hatten gegenwärtige Gottheiten, einen Jesus, einen Beelzebub und viele Zwischengötter. Jetzt sitzen wir wie Blutegel auf den Enttäuschungen anderer.«

Die Handflächen des Marquis berührten das Haar des widerspenstigen Extemporisten, während Abraham Abt seine Stirne betrachtete, die wagerechten Falten und Zeichen, die das Erlebnis in sie hineingekritzelt hatte. Mit der Anstrengung eines Halbbesiegten wehrte sich der struppige Kopf gegen den Einfluß des Zauberers.

»Du sollst uns vor Deine Tränen bringen, wir wollen vor Dir erschauern, Deine Stadt ist um Dich, die Blumen, die Du liebst, liegen auf Deinem Schoß, gib uns Dein Gedicht vom Walde.«

Der Angeredete erhob seinen Kopf, als wollte er sich der lästigen Macht durch physisches Widerstreben entledigen. Aber bald schrumpfte der straffgespannte Organismus wieder in sich zusammen, es war nur ein Augenblick der Erhebung, ein Schrei der Muskeln gewesen. Dann schlossen sich die Lider des Erzählers, die Furchen in Stirne und Wangen wurden tiefer, die geschlossenen Augen waren halbbedeckt von dem Gewirr vergilbter Blätter.

*     *     *

Ave Maria!

Und weil ich müde war, wollte ich meine Hände von Dir nehmen und Dich weitertragen mit meinen Psalmen. Ich spann meine Worte um Dich, lautere Frühlingsworte aus schüchternen Schalen ausgegossen über den Band meiner Sterblichkeit. Ich streute sie auf die Wege draußen in der Dämmerung. Da 116 wußte ich, daß es Abend war, und Du fortgehen würdest, und ich schickte meine Augen in den Abend.

Du hörst meine Worte nicht mehr. Sie schollen hinab in jene Winternächte, und des Flusses Tränen trugen sie abwärts in gläsernen Särgen. Küsse und Menschen sind gestorben und eine Seele.

Wärest Du doch ein Reif an den weissen Ufern, sie rollten an Dich heran, langsam steigend an Deine Reinheit heran. Und es klänge wieder perlenrauschend, was die Glocke nicht mehr sagen darf: Ave Maria, gratia plena!

Der neuen Tage Traurigkeit kauert in mir, meine Seele ist eine zerstörte Stadt mit einsamem Turme und in ihm die Glocke und in ihr das Wort: Ave Maria.

 

Du bist fort und wirst nie wiederkommen, Dein kleiner Fuß darf sie nicht mehr ertauen lassen, die kühlen Fliesen meiner Stadt. Sonne und Sterne, aller Glanz ist mit ihr gesunken, und weil ich ihnen folge, sehe ich so tief in die Gründe. Ich wollte Dich grüßen mit Engeln und Schmetterlingen, ich habe gewartet – gewartet. Dein ist die Spur, die mich dem Saitenspiel erschuf. Wo bist Du? Wo bist Du, daß Du nicht mehr kommen darfst an die Ufer meiner Sehnsucht?

Es ist Abend. Über Stufen und Mauern schleicht der Staub, und das blühende Land schickt seinen Samen für einen Veilchenrausch.

Von blauen Tropfen ist der Hang benetzt, ein Jahr hat seine Träume ausgegossen aus gnädigen Krügen. So viele Veilchen träumte noch kein Jahr. Die jungen Birken stehen auf mit begieriger Gerte und hüten sie, so goldig ist das Moos, und die Sonne rührt alles an mit vorsichtigen Händen.

 

Meine Träume haben Dein Bild in die Landschaft gesäet, daß ich eine sanfte Neigung hinan zu Dir emporkäme. Und ich soll das Land überschauen, über das, von Deiner Hand gewiesen, 117 mein Ostermorgen schritt, und alles vergessen, was mich geführt und vertrieben hat, und sagen, Du seist hier.

Ich habe meine Seele über Dich verschüttet in hundert Akkorden. Wo sind sie? Hat sie der Wald genommen? Sind sie den Fluß hinabgerauscht?

Da komme ich mit meiner Armut, Dein Phantom zu jagen. Und ich, der alle Lieder sterben hörte, habe eine Hand, in die Harfe des Himmels zu greifen und mich sattzutrinken an dem blauen Klang der neuen Erkenntnis. Meine gierigen Finger reichen so weit, neue Räusche herabzuziehen, Licht in Dunkel zu flechten, Himmel in Erde zu ertränken.

Veilchen hat mir Gott über die Hügel gegossen, tieftreue, dunkelblaue, und mir ihre Stärke gezeigt. Mit weiten Chorälen hat sie die Nacht geweckt und hob sie aus trunkener Erde aufwärts in eine stille Krone.

Unter das reiche Kraut hat sich mein Fuß verloren, und mein Herz wandert kindlich eifrig unter den Staunenden.

Daß ich mich vergesse und Dich und gegen den Morgen meiner Menschheit zurückträume, ist vielleicht der Wunsch dieser Sterbenden, die meiner Wanderung Gefährten sich neigen und mein sind.

Gibt es noch jenen Tag mit den grauen Tüchern der Wolken verhangen, mit der fremden Glocke? Haben ihn eiskalte Meere verschlungen, oder lauert er noch in den Falten der Vorhänge? Laß mir meinen Himmel, mein Licht und meine Blumen.

Zögernd strebe ich hinan mit meiner Frage. – – –

So brachen ihre Hände Blumen, wie ich es nie verstehen werde, so fügten sie tröstend bunte Reigen der Schweigsamen. So glitten ihre Hand und ihr Auge, alles fand ich in ihren Kränzen wieder. – Wenn mich dann eine Lust antrat, warf ich dunkle Blumen in das blonde Licht ihres Hauptes, und alles war ein Lächeln aus der Hand Gottes.

Da bin ich mit meiner Armut. – Auf dem Gipfel stehe ich, durch Bilder und Blumen war die Reise gegangen.

118 Aber da liegt ja ein Schädel vor den Füßen des Wallfahrers mitten unter den Veilchen. Und nun wundert euch, gelehrige Augen, über die grausame Schale. –

Ein einsames Andenken! – Eine seltsame Schädelstätte! – Veilchen und Gebein, blondes Gebein!

Veilchen hat mir Gott auf den Hügel gegossen, tieftreue, dunkelblaue.

 

Wenn wir neben den blauen Feldern Hütten bauen könnten, wenn wir kleine Dörfer hätten und Herde, an denen man hockt und sich seiner Erinnerungen freut. Ein Wind rauscht vorbei und raschelt im Kamin, ein Tod ist in der Nähe und träumt eine Pause, die vornehmer ist, als sieben Geschlechter. Häuser, Dörfer, Ansiedelungen muß man haben, einsame Ansiedelungen für das, was immer wiederkehrt, einsame Dörfer irgendwo.

 

Im Rauschen der Winde haben sie ihre Sprache gebaut, vor den fröstelnden Weiden haben sie ihre Augen gelehrt, groß und verträumt zu sein. Ein Gott hat solche Menschen anders gewollt als uns, geräuschlos und traurig. Dort sind die Wälder noch dunkler und die Stimmen der Vögel noch klagender. Einsame Dörfer wuchsen dort in vorfrühen Zeiten.

Die späten Küsse der Sonne geleiten mich flußentlang, meines Spiegelbildes Riesenhand reicht weit über das Wasser, langsam wandert sie mit andächtiger Gebärde.

So wird es nur selten Abend, so nahe bin ich mir da, so voll des Betenden, des Ewig-Ringenden. Über diesen Leib hinauszuragen bin ich gekommen, neuer Gestalten Freund.

Hier ist der Weg so weiß, unter diesen Tannen werde ich in die Berge kommen, zu jenen Menschen und ihren fremden Worten.

Und es soll wieder Sonntag werden in mir. Aus den Gräbern der Seele soll mein Erlebnis emporsteigen und in ihre Sprache sich verbergen.

119 Sie leben uralte Gedichte, die hinter den Bergen, und der Schall ihrer Schritte ist wie vergessene Verse.

Ich will mich unter ihre Frauen gesellen, an die Mauern will ich mich lehnen, vor der staunenden Runde ein Wanderer sein. Schüchterne Fragen werden mich nennen, gefaltete Hände werden sich lösen und wieder schließen, und ich werde um ein heimatliches Lied bitten.

Lange noch sind sie stumm, dann erst hebt sich scheu und zögernd eine kleine Lippe. Aber bald, da werden sie ein Chor, und ihre Wehmut sammelt sich um eine Liebe. Ich zähle ihre Stimmen. Tiefe, geisterhafte und die kleinen süßen. Das Lied geht fort von mir.

Dumpfer werden die Stimmen der Alten und die der Mütter werden weicher und dunkler und die kleinen flüchten sich in die kleinste, die begonnen hatte.

Von einer Fahrt ist die Rede. Du Kleinste, laß es ausklingen, es brach so ab, oder weinst Du etwa, Du Kleinste?

Morgen möchte ich Dich wiedersehen, weil Du auch solche Hände hast und solche Augen wie sie und weil Du auch so ein altes Lied kennst.

 

Aber es ist vielleicht besser ein Wanderer zu sein als in den Dörfern zu sitzen und an den Mauern sich zu grämen um die Lieder junger Vögel. Ein Märchen von einem Wanderer. – Wißt ihr nicht ein Märchen für mich, ihr Kleinen, so wie Märchen sind, leise sich neigend in Waldeinsamkeit? – – – Dort stehe ich und harre der Märchen. Ist nicht ein Baum in unseren Wäldern oder ein Tier in unsern Gründen, daß ich's in ihnen auslebe, vom Zauber gerufen, ehe die Blüte fällt und das Eis die Höhle begräbt zu langem, erlösendem Winterschlaf? – Denn ich bin wie ihr der Märchen bedürftig.

Hatte ich nicht eure gläubigen Kinderaugen, als noch Sonne war, gab ich nicht meiner Mutter klügstes Wort für die Räusche des blühenden Gartens, hörte ich nicht im Frühlingsgewitter die träumende Nachtigall? – – –

120 Oder ihr sagt mir von einem Wanderer. – Es ist an euch, ihr Kinder, den Abend zu kürzen. – Euer sind die Märchen! – – –

Aber ihr schweigt, ihr Kleinen, denn es ist einer am Worte, dem Alle glauben, und er ist ihnen zur Furcht wie zur Kurzweil gekommen.

Ja, er soll selbst reden, er, dessen Augen noch größer sind, er, der Sonntagsnarr.

Seht! Jetzt spinnt er sich ein Seil aus seiner Seele und bindet es an die Kirchtürme zur Rechten und Linken, darauf zu tanzen. Unten sammelt sich der Sonntag.

Welch seltsamer Wanderer, und wie sein rotes Wams in der Sonne schillert, und wie seine rote Kappe seitwärts baumelt. Jetzt läßt er seinen Fuß ausgleiten. Wie sie schrieen! Hast du gehört, wie ihre Angst aufkreischte? Ja, es ist Alles zur Kurzweil.

Heute bist du noch ihr Held, du roter Tänzer, dem ihre Unart den Tanz neidet, so starr sie auch dein Wams betrachten. Und morgen bist du noch Fama; die dürre Grimasse schreit deinen Untergang unter die Begierigen. Tanze! Tanze! Du bist kein Bettler, auch diese hier glauben es nicht, daß du ein Bettler bist, so sehr sie auch ihre Groschen zählen. Siehst du, wie sie zählen? (es sind auch Kinder unter ihnen) laut zählen sie ihre Gnade vor sich hin. Jetzt bohren sie ihre Augen in die hohle Hand und sagen ein Gebetlein: Herr, vergieb einem armen Wanderer. –

Tanze nur, tanze! – Es ist schon gegen Abend. Aber du siehst dein Seil auch in der Dunkelheit. – Die Großen kommen, wenn es Nacht ist.

Wehe, wie grell doch die Groschen klangen. War es nicht das Seil, das zersprang? Da erschraken die Guten, und grell klang es unter den Münzen.

Wanderer, wo liegst du, daß wir dich bestatten unter den rauschenden Tannen, daß dir die Waldnymphen das Hochzeitsgeleite rüsten.

Die Großen kommen, wenn es Nacht ist. Da ist einer, der noch staunender sah als die andern Kinder. – Ängstigt euch nicht, 121 ihr Kleinen. Nehmt euern Sparpfennig wieder, verwahrt ihn. So hat man euch Güte gelehrt. Seht, das Märchen ist aus, ehe es zu Ende kam. So gibt es viel Märchen im Irdischen. Euer sind die Märchen, ihr Kinder. –

Wo liegst du, Wanderer? Ich will dich in den Wald tragen zu den Feen und Nachtigallen.

Warum soll es nicht weiterklingen, dein Märchen, so wie Märchen klingen, leise sich neigend in Waldeinsamkeit. – Wer weiß, wie lange sie noch klingt, die Nachtigall. – Ich will ihn in den Wald tragen. – – –

 

Man muß ihn in den Wald tragen. . . .

Unter den jungen Buchen ist eine Rose aufgeblüht, unter ihnen, die so männlich ragen, ist ihr feines Kleid so blaß und sanft gefaltet. Sie ist eine kleine Prinzessin, von der Krone verstoßen.

Nur die Wandervögel wissen, wie sie in den Wald kam. Unter den Gluten persischer Nächte wächst ihr Geschlecht, von den hängenden Gärten sieht es herab, vornehm-verschwiegen auf die Lotosbeete.

Wißt ihr, in alten Märchenbüchern gibt es gekrönte Kinder, die vor Waldgeistern knieen, und die Bäume ringsum bergen seltsame Vögel; es leben andere Sonnen dort. – Wir Kinder sprachen oft in stillen Stunden von diesen Bildern. Mit den Vögeln, die uns prophezeiten, mit den Bäumen, die so vernünftig taten wie weltkluge Greise. Es gab keine Blume, für die wir nicht ein liebes Wort hatten. Alle diese Gekrönten waren weit gewandert und Kinder verstoßener Mütter. Wir spielten mit ihnen und weinten, wenn sie weinten, und es rauschte in den Bäumen weltklug und geheimnisvoll. Wir sollten artige Menschen werden, sagte es in den Bäumen.

Da fürchteten wir uns und liefen an einen fröhlichen Bach hinaus. Unsere Sonne war noch da, und die runden Steine hatten helle, feuchte Farben, und es war uns allen, als ob wir die Steine und den Bach mehr liebten als die Märchen; nur eines stand immer da und sah ganz verträumt ins Wasser.

122 Aber wir nahmen die Steine und ließen sie über den Spiegel gleiten. Die flachen und farbigen plätscherten und hüpften, oft tauchten sie unter und erschienen wieder, als ob sie nie mehr sinken wollten. Aber auch schwere schwarze mit lichten Adern, wildgeformte, wie Tierköpfe aus der Vorwelt, gab es an dem Ufer. Die warfen wir, weil sie uns häßlich schienen. Sie plumpten dumpf auf die Fläche und sanken rasch und lautlos in die Tiefe.

Die jungen Buchen haben breite Kronen bekommen, Flechte und Moos wächst an ihren Stämmen, es sind sieben Herbste über sie gegangen, und sieben Geschlechter der Nachtigallen haben in ihnen gesungen.

Wir sind wie diese Buchen geworden, mit unsern Frühlingsgebeten keimten wir, mit unseren Herbstträumen wurden wir weise. Unsere Spiele verklangen. Was wir in den Bach versenkt haben, weil es uns häßlich und arm dünkte, helles Erz und flammenden Kristall, von rauher Schale gehütet liegt es im Grunde. Lautlos war es gesunken, wie Menschen, von Schicksalshand geschleudert, im Leben vergingen und ihrer glatten Brüder tänzelnde Schritte über dem Glast vernahmen – lautlos, mit eherner Offenbarungen Geheimnis geweiht. – – –

Das waren Kinderspiele. So sind Kinder, immer Laune und Lachen und Staunen und Erwartung. Aber manchmal ist eines unter ihnen, dessen Mutter einen Sklaven geliebt hat.

Ihr jungen Bäume, ihr jungen Menschen, alle hattet ihr keusche Fragen an jenes eine, stille, verträumte, das von wer weiß wo zu euern Spielen gekommen war – – – aus den hängenden Gärten südlicher Nächte.

 

Verklungen sind die Träume meiner Wiege, mit den Liedern der Mutter sind sie fortgeflogen. Ich war ein kleines Herz, wie heilige Hymnen klang ich in den Abend ihrer Liebe. Und sie deckte mich warm mit weichen Fäden und spann mich ein in ihre Gebete.

123 Es ist Vergangenheit in mir, ich rausche mit schwarzen Wellen in feuchte Schluchten. Grau zieht der Himmel eine Faltenstirne, und die Faune blasen mein häßliches Rätsel auf ihren Weidenflöten. Wo sind die Gebete meiner Mutter, wo sind die kleinen Träume meiner Wiege?

Siehst du unsere Wege, siehst du die dunkle Linie, unsern nächtlichen Bogen, fühlst du uns, fremdes Schicksal, schlummerndes Glück? – Bleib, bleib unter weichen Decken, bleib ein Mutterglück, sieh nicht auf uns, wie wir zwischen Felsen in die Nacht hinauswandern. – Reife Pflanzen fielen unter diesen Beilen. Und sie schrien in den Bergschluchten, als sie abwärts mußten, in den Fluß hinunter.

Wir fahren, wir fahren, Gefallene, Verfallene, reife, stille, ergebene, willenlose Gefährten. Und wir lenken uns mit unserer Willkür, lange Linien, dunkle Windungen hinunter. Das Wasser haben wir rauschen gelehrt vor den Hemmnissen und schweigend zu schleichen über das Ebene, um zu ruhen wo man tief sein soll und unergründlich, unter den Felsen, von denen wir hinabgestürzt sind. – – –

Ruft ihr uns, lichte Pokale, lichte Augen, die von uns trinken wollten, ruft ihr uns?

Wir werden stranden und zerbrechen.

Wo sind die Träume unserer Mütter, wo ist der Hornruf der Helden, die wir verlästert? – – –

Ufer und Weite zerfließen in einer stillen Fahrt, ferne den Felsen. Nur die häßlichen Götter gehen mit, die Faune, die ein häßliches Rätsel verstehen. Hört ihr die Weidenflöten?

Wir müssen die Wogen unserer Straße trinken. – Wo sind die Träume meiner Mutter?

 

Die Welten sind ein Lied – was willst du mit der Qual deiner Gedanken? Laß deine Kette abglühen, die Kette, mit der du kamst, Empörer in deinen Leiden. Ausgelöscht haben sie deinen Frühling, was suchst du, irrendes Licht, einsame Fackel? Darfst du sie nicht dem Durst deiner Seele ausgießen, die 124 rauschenden Welten? Ein Lied sind die Welten – was willst du mit der Qual deiner Gedanken?

Ich höre dich jubeln, Weltall, und will dich ausströmen lassen in meine Liebe, ausschütten will ich dich über die Spuren unseres Schmerzes. Und du mein Weib seist wie die Erde, die sich des Himmels Gewittern ergibt in glühender Mitternacht.

 

Ich stehe einsam vor offenen Fenstern. Es sterben Akkorde zu mir herüber, die scheuen Vögeln gleich eine Heimstatt suchen.

Dann halten meine Augen eine Frau, und kalte Reflexe fallen auf meine Seele.

Noch einmal möchte ich die Flügel des Weltalls rauschen hören, meine Wünsche dürsten nach ihrer Wallfahrt.

Eine Lampe erlischt, und Stille löst alles aus. – – –

Gebückt gehe ich abwärts, ohne Gebet abwärts.

 

Könnte ich grollen mit verwegenen Lippen, und es triebe mich eine Knechtschaft mit heiteren Geißeln, wäre mein Glück ein Husarentraum, und ich wiegte meine Sünden auf silbergezäumtem Tier, trüge mein Stirnschmuck den Tod und mein Herz die Herzen, ich wäre wie des Königs liebster Spaßmacher und ein Reiter von der Torheit Gnaden.

Aber keine Trompete weckt die schlafenden Welten, einsam sind die Berge mit mir, und gähnende Gründe harren des Feiertags, der den Verwegenen bringt. Dein ist der Kranz, der du im Taumel kommst und deines Pferdes Mut dem Wagnis deiner Seele angesellst. Wirf die Karte, die noch dein ist am Feiertage der Bergschlucht! Schmettre dein Lachen hinaus, dein Lied. – – –

Über den Gram der Verlorenen gehen weiche Spinnenarme, und Schleier sind die Spuren ihres Rätsels. Ihr habt mich eingehüllt in weiche Netze des Schweigens und wehrt dem Tau ferner Himmel.

125 Wer gibt mir eine klirrende Lüge, damit ich fechte wie jener Verwegene? Heiß vom Spiele solltest du in den Orkus. –

Eine Spinne sitzt in meinem Nacken. Die Haut schauert um den Sitz der Lieder. Empor aus deinem Ekel! Empor mit dem Klang der Glocke. – – – Ich warte, ich warte, und es wird nicht Feiertag.

Die Arme schleichen heran. Sie lauern um bleiche Lippen, und schwarzsammten lagert sich ein Leib über das Lied.

Ich wollte doch noch sagen, wie Abend wurde und wie Du fortgingst und alles Gold erblich. – – – Die weiße Angst kommt wie die Wolken des Nachthimmels.

*     *     *

Der gebeugte Rücken des Redners zuckte wie unter einer plötzlichen Berührung, der Kopf schnellte empor, und die Augen erschienen weit aufgerissen. Der Marquis trat einige Schritte zurück mit der Bewegung, die einen Durchgang freizugeben scheint. Ein breiter, vielarmiger Leuchter schüttete seine Lichtfülle über ihn, seine helle Bekleidung ließ alle Grenzen der Gestalt verschwimmen, und Abraham Abt durfte jetzt wie noch nie das Zierliche dieser Proportionen, das Transparente seines Körpers wahrnehmen. In diesem Flammengewirr war der Magier fast eine Karikatur des Magischen, aber auch so frei hatte Abraham Abt den Marquis noch nie gesehen, so souverän hinter die Kulisse zurücktretend.

Eine Katze huschte über den Teppich, ein weißes, langgestrecktes Tier mit buschigem Schwanz. In schönen Verkürzungen krümmten sich die Läufe, der Leib glitt langsam dahin.

Der Marquis folgte begierig dem begleitenden Tier. Er liebte solche Ablenkungen, solche vom Zufall gegebenen Übergänge.

»Ein vollendeter Pagenkopf. Merken Sie, Abraham Abt, wie sich das Bedientenpack seinen Witz bei Tierphysiognomien leiht?« Seine Stimme erhob sich in einen schnellenden Diskant, während die Augen an das Tier geheftet blieben. »Ein 126 junger Dilettant!« Er deutete mit einer Art besitzenden Stolzes auf den Kater. »Aber ich müßte mir ihn noch anders vorstellen können,« begann er noch einmal. »Denken Sie sich ein in indischen Provinzen gediehenes Fell. Dieses Weiß, das eine beleuchtete Schneelandschaft kaum wiederzugeben vermag, das Ganze in Tigergröße durch das Rohr huschend; aus fünf Wunden blutend, der Heiland der betreffenden Art.«

Das Tier kauerte sich mißtrauisch in einen entfernten Winkel, um den Blicken zu entrinnen, die sich an seinem Fell sättigten. –

Abraham Abt hatte noch mit seinen Erinnerungen an den einsamen Interpreten einer gestrandeten Seele zu kämpfen, aber der Marquis war ein Mensch, der keine Pausen zu machen beliebte. Er verdankte die Hälfte seiner Genüsse der Plötzlichkeit seines Wesens. Das Auf- und Abgehen neben den Gefühlen hielt er für ein Hindernis des intensiven Genießens.

Abraham Abt verstand die Auffassung des Marquis, und doch wollte er das Erlebnis seines Mitleidens nicht beiseite werfen. »Ich werde noch viel mit Erzählern mitleiden,« dachte er, während der Marquis sich ihm näherte.

»Gehen Sie immer zur Seite, wenn etwas am Wege sich zu laut betont, lernen Sie eine Gebärde, die vom Ohrensausen befreit. Ich hasse diese Nachzügler der Empfindsamkeit, ich möchte am liebsten alle Gebäude posterioren Empfindens zerstören. Verzeihen Sie mir meinen einzigen Vandalismus. Der tatenlose Haß ist eine Geste, das weiß ich, aber glauben Sie mir, was ich Allen retten würde, das muß ich Einzelnen zerstören, meinen Fünf oder Zehn, die ich mir erzogen habe. Mein Tiefseefisch zuckt nicht umsonst, wenn ich ihn für erledigt halte.«

Das Gesicht des Marquis begegnete dem Gaste mit marmorner Berechnung.

»Aber weil wir gerade von rassigen Katzen gesprochen haben, will ich Ihnen meinen armen Jerusalem vorführen, der viel vom Katzenhaften versteht.«

127 Der abendliche Glanz in den Augen Jerusalems gab seiner Persönlichkeit Nachdruck. Er hatte zu große, zu bedeutende Augen für sein übriges Ich. Er wirkte als Nebensächlichkeit neben seinen Augen.

»Bettina geht uns voran,« bemerkte der Marquis trocken und fesselte mit seinem Blick eine kleine Person, die gleichfalls Jerusalems Augen beobachtet hatte. Sie erhob sich von ihrem Teppich und näherte sich, das Biegsame ihres Wesens betonend, der kleinen Gruppe um den Marquis.

»Noch erinnere ich mich, als Jerusalem sie zum ersten Mal küßte,« interpretierte der Marquis. »Seine Hände lagen festgeschlossen um ihren Hals, er träumte von Kristallpalästen, in denen man wunderschöne Tiere züchtet. Sie sehen, Bettina hat eine Art historischen Interesses an ihm. Sie geht gerne an seiner Seele vorüber, wenn ich ihn erzählen mache. Es ist dies eine Art Fensterpromenade, die sie ihren Erinnerungen macht. Jedenfalls hat er in verwirrten Freundschaften geendigt. Darum verwechselt er auch Frauen und Haustiere in der bekannten Weise.

Aber lassen wir ihn reden.«

Der Marquis trat auf Jerusalem zu und reichte ihm die Hand.

»Lieber Jerusalem, es ist Zeit, daß wir wieder von Ihnen und unsern Freunden hören. Wollen Sie uns nicht etwa Ihr Berliner Erlebnis erzählen? Dieses Eine mit dem Panther meine ich, den Sie so mädchenhaft fanden.«

Der Marquis legte die andere Hand auf die Stirne Jerusalems und drückte den Kopf gegen eine Sofalehne, bis die Lippen zu zittern begannen.

»Erzählen Sie von Grischas Herbst.«

*     *     *

Grischas Liebe ist wie der Herbststurm in der Steppe. So wild und müde ist sie geworden und hat noch immer weite Wege. Grischas Liebe rauschte und rüttelte an allen Riegeln, aber es ging niemand mit ihr, nur der Herbststurm und die späten Vögel. – Doch warum sollte ein Grischa nicht sündigen? 128 Grischa, warum solltest Du nicht? Ja, wäre sie selbst wie der Wirbelwind, der alles verschlingt und zerschmettert und sich weitet wie ein wilder Narrentanz, es wäre doch Grischas Liebe. Und dann stürbe sie in einer Windharfe und sänge ein leises Bußlied. Aus ihrer Buße aber bräche irgendwie ein Lachen, so prophetisch, daß man dabei an ein Wunder denken müßte. Warum hast Du Deine Liebe in eine so tiefe Traurigkeit gekleidet?

Es sind nun schon fünf Jahre her, da dachte ich sehr viel über den Grischa nach. Ich zog seine Seele mit einer Lüge an mich, denn man durfte Grischa nie mit einer Wahrheit gewinnen, man mußte ihn klein halten, man durfte den Menschen seiner Art nicht von seiner Kindheit lösen. Aber seine Seele wuchs aus allen Armen meiner Sorgfalt hinaus.

Nunmehr habe ich ihn freigegeben, abgelegt könnte man sagen, wie einen alten Reiz. Ich hörte nur selten seine Stimme, wenn es Spätherbst war und der Wind von Osten herüberkam. Man hört ja so gerne im Herbststurm die Worte seiner Verlorenen.

Da gehe ich heute, es war so gegen Mittag, an der Trinitatiskirche vorüber. Die ist so rot und langweilig wie alle Kirchen in Berlin, aber man braucht nur seine Epheublätter und ein paar Sonnenkringel, und man kann an jeder Mauer beten. Wie ich so in das dünne Licht hineinsehe und mich über die silbernen Blättchen freue, bemerke ich plötzlich einen Menschen neben mir. Ist das nicht der Grischa? Ein Wind schlug an die kalten, steilen Blättchen, und sie klangen wie silberne Zierflitterchen. – Ja! Es ist der Grischa. – Es ist ein Grischa. – Es ist sicher der Grischa!

Dann gehe ich ihm nach, und er sieht sich nach mir um, dieweil er es so seltsam findet, daß ich ihm nachgehe. Aber auch mir scheint das ganz wunderlich und fremd, denn ich glaube noch immer, daß jeder Grischa mir gehört.

Es fanden sich unsere Träume noch denselben Abend wieder. Wir waren ein langes Stück gegangen und traten jetzt in den Zoologischen Garten ein. Ich glaube nicht, daß wir uns ein 129 Ziel gewählt hatten, denn es gingen unsere Träume vor uns, und wir sprachen von den Märchen der Steppe, von Gott, von der Sprache der Tiere und überhaupt von Menschen sprachen wir. Am Tore des Gartens hielt man uns an und nannte den Eintrittspreis. Grischa entnahm seiner Tasche einen kleinen Schein und zahlte, während ich ihn fragte, ob er denn jetzt ganz alleine sei. Er antwortete, indem er mir genau erklärte, wie schwer es sei, für den Unterhalt zweier Männer zu sorgen, und daß das in Rußland nichts Seltenes sei.

Und nun begann er von Karlchen zu erzählen, wie dieser für kurze Zeit nach Berlin käme, um sich einen Bogen für seine alte Geige zu kaufen, wie teuer ein guter Bogen sei, und von Afrika, wohin Karlchen in acht Tagen reisen müßte.

Ich hätte ihn gerne unterbrochen und nach der Jadwiga gefragt, aber ich habe kein Herz mehr, das ich mir von Grischa zertreten lasse. Ich kenne ihn ja, wenn er haßt oder nicht mehr liebt, was für ihn dasselbe gilt. Er hätte sicher ein böses Wort für die Jadwitschka mit dem süßen Doppelkinn, das ich mir immer um den Finger gerollt habe. Ich habe noch heute so viel Freundschaft für die kleine schwarze Pantherkatze.

Darum ließ ich ihn bei seinem Karlchen und versuchte, mir eine Vorstellung von diesem Geigerkönig zu machen. Sicher so ein Zirkuspaganini, sagte ich, Grischa entdeckt immer solche Schrullen in Seelengestalt. – Waren wir nicht Alle so? Der Grischa, ich, die Jadwiga, alle waren wir so. –

Jetzt trat Grischa in das Raubtierhaus ein. Ich hatte ihm ganz unaufmerksam zugehört, weil ich noch über seinen Paganini nachdachte, aber so viel bemerkte ich, daß er plötzlich mitten in einem Satze schwieg. Da mußte ich ihn ansehen.

Sein breiter blonder Kopf senkte sich gegen das Gitter, als wollte er sich zwischen die schwarzen Gitterstangen zwängen. Ich sah, wie das Licht seiner Augen überfloß und heiße Strahlen die glänzenden Felle der Katzen streiften.

Es war ganz still, nur selten stieß eines der Tiere gegen die Gitter, und sie klirrten.

Wir standen eben vor einem der kleineren Käfige, den ein 130 schwarzer Jaguar bewohnte. Unsere Augen tranken die schönen Linien des schlummernden Tieres. Seine weißen Zähne waren wie die lächelnde Drohung seiner edlen Wildheit. Eben ließ der Jaguar seinen Kopf ein wenig zur Seite gleiten, und die Bewegung seines Leibes löste sich in ein leises Knistern auf, das ich mit dem Geräusche sich faltender Seidenhüllen vergleichen will. Er öffnete einen Augenblick seine tiefdunklen Augen. Ihre weiche Schwermut war wie das Leiden gefesselter Weiblichkeit, die ein träumerisches Volk am Ganges geerbt hat.

Da erschrak ich. Ich fühlte, wie meine Stirne feucht wurde. Es war Grischas Hand, die schmale kleine Hand. Sie bewegte sich mit zitternder Gier gegen das Gitter. Jetzt saß sie, jetzt fühlte sie den Blutschwall des Jaguars. Ich fühlte, wie mein Herz zu schlagen aufhörte, aber ich sagte nichts. Es mochten wohl einige Minuten so vergangen sein.

»Sie ist nichts weniger als geistreich, aber sie hat bedeutende Instinkte.«

Ich weiß nicht, warum ich gerade jetzt an die Jadwiga dachte. – Dann zog sich Grischas Hand langsam aus dem schwarzen Pelz zurück; in ihrer Bewegung war die Qual eines Abschieds. Ich sah seine Lippen zittern, wie in glühendem Sinnenrausch.

Jetzt weiß ich, wie Grischa geliebt hat in jenen fünf Jahren, seit wir uns verloren. Jetzt weiß ich, daß Grischa sich totgeliebt, und warum er so für sein Karlchen sorgt. Grischa kann nur sorgsam sein, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, aber wenn er liebt, ist er Zerstörer.

Das ist mein Grischa.

Abends kommt Karlchen. – Wir müssen ihn wohl abholen. Ja, und morgen fährt Karlchen nach Afrika, und wir werden ihn auf die Bahn begleiten.

Was ist Karlchens Not? Spielt er nicht so schön wie Sarasate, macht er nicht die Straßen bunt mit seiner Geige?

Wir haben Karlchen Gesellschaft geleistet, einen ganzen Tag lang. Nun ist Karlchen fort.

131 Wir gehen durch den feuchten, kalten Herbst. Das ist Grischas Herbst, so wild und dann so müde, so totmüde. »Väterchen, ich bin so voll von Müdigkeit« sagt der Grischa zu seinem Herbst, wenn er so langsam geht, so hinaus aus seiner Liebe.

*     *     *

Jerusalem befühlte seine Stirne, die mit großen, silbernen Tropfen bedeckt war. Wie von etwas Bitterem gequält verzerrten sich seine Lippen. Dann streckte er seine Gestalt wie ein aus einem schweren Schlaf Erwachender. Seine Augen gingen mit einer Art feindlichen Unbehagens über Bettinas Leib, die in der gewohnten Weise an ihm vorüberglitt.

Etwas Herbstliches schien in Alle gekommen zu sein, und Abraham Abt fühlte sich wie berührt von fallenden Blättern.

Nur der Marquis schien frei von Eindrücken. Er lächelte wie ein Akrobat, dem ein Sprung gelungen ist, bloß ein kleiner, den der Fachmann eigentlich billig finden muß.

»Daß wir mitten im Sommer herbstlich empfinden« begann er, während er in den Gesichtern forschte, »ist ein Verdienst der Erzähler. Sie eilen uns voran, aber sie werden schließlich hinter uns bleiben, wenn wir unter ihnen zu wählen verstehen und den Ersten um des Zweiten und Dritten willen vergessen. Lassen Sie uns daher Einem von ihnen in seinen Winter folgen.

Ein kleiner Winterscherz bitte, liebe Bettina.«

Der Marquis brauchte keine Grimasse für Frauen, die seiner Kraft so untertan waren. Er streichelte Bettinas Schultern und tätschelte ihren Hals mit jener ausdrücklichen, sichtbar-sein-wollenden Sicherheit des Dompteurs.

»Lassen wir also Bettinas Winter folgen.«

Abraham Abt bemerkte, daß es eine verbrauchte Geste war, mit der der Marquis Bettina in den Schlaf der Erzähler hinabdrückte.

Und Bettina erzählte:

*     *     *

132 Lili hatte eine Tante. – Die blauen Augengläser, die spitze Nase und was sich um diese gruppierte, alles eine Karikaturtype. Ich dachte an die Tanten in den Fliegenden Blättern. Aber die Tante hatte eine Seele, wie ein Mensch, der ein großes Leid durchgelebt hat. Als ihr das heimatlose schöne Kind anvertraut wurde, begann ihr sparsames Glück, und sie nannte das Kind Weltseelchen. Weltseelchen, weil es so klug war, und es sollte leiden und lieben lernen.

 

Peter hatte etwas Zugestutztes in seinem Wesen, und wenn er trank, so war es Papas wohlbehagliches Lächeln, das er aufsetzte, und seine braune Geste war so leer wie ein Stück Vererbung nur sein kann. Er betrachtete alles, was in seine Verheiratung hineinspielte, mit der Physiognomie des Sonnenaufgangs, wie Toren gewöhnlich eine Art Sonne für sich haben.

Lilichens Hochzeit machte den Leuten viel Kopfzerbrechen, überhaupt war ihnen ihr Wesen ein Rätsel. Ein ironischer Hochzeitsgast wollte sogar bemerkt haben, daß Lili bei der Feier beständig mit den Achseln gezuckt habe. Und doch, so lustig war die Kleine damals, und so lustig blieb sie. Ihre Pulse wollten immer einen Reigen.

Peter war im Klub so bekannt, wie in den öffentlichen Häusern, und man schätzt seinen kleinen Humor als die gediegenste seiner Torheiten. Er war immer humoristisch, auch Lilichen versuchte er zu unterhalten. Seine Seele hatte immer Karneval. –

Peters Freunde hießen Max und Karl.

 

Wir wollen einmal Lilichen utzen. Mein Schneider borgt auf drei Pierrots, wir wollen Lilichen utzen. – Ich habe doch einen braven Baß, wenn ich will, und Ihr nehmt Euch Mehl in den Mund.

Eine leidliche Erregung der Beiden antwortete auf den Vorschlag. Ja, der Peter war immer ein Tempo voraus, wenn es ein Lachen galt. »Ich mache ja doch die Geschäftsreise. Haha, 133 das paßt ausgezeichnet! – Wir gehen alle Drei – drei Pierrots – zu Lilichen und machen ihr den Hof – gemeinsam.«

»Aber Du bist doch eifersüchtig auf Lili.«

»Ach, das ist ja eben der großartige Konflikt. – Konflikt, was? – Konflikt heißt das? – Aber ihr müßt natürlich in den Vordergrund, und ich beobachte, ich, der Phantast. Unter uns Phantasten ist es ja so Sitte, daß man der Gefoppte ist. Also, ich beobachte.«

 

»Gnädige Frau haben jetzt Ihre freisinnige Ära. Also wir gestatten uns« . . . . So trat Max in den Vordergrund. Max nämlich war einmal durch das Examen gefallen und hatte viel Bildung voraus. Er kannte auch solche Leute wie das Gottchen von Professor, das immer in der Nase bohrte, wenn es nachdenklich werden mußte. So kramte denn Max in seiner verflossenen Philosophie, denn es war eine lange feierliche Pause eingetreten.

Ja, Lilichen ist immer liebenswürdig, wenn Gäste kommen. Sie hat ihre Grimassen von besseren Leuten gelernt. Sie empfängt Alle, aber ist so freisinnig wie tugendhaft. So weit hatte Peter schon beobachtet.

Und es lachten die zwei Pierrots und schwatzten von allen Sünden gegen den Geist. Der Dritte aber beobachtete.

Lilichen brachte Kuchen und Gläser. Eines mit Peters Monogramm. Das gab sie dem gebildeten Max, der durch das Examen gefallen war, strich ihm durchs Haar und patschte ihm die Backen.

Da lachte der dritte Pierrot ganz hart und heiser. So konnte nur der dritte Pierrot lachen. Niemand tat ihm das nach, denn er hatte für jede Regung ein Lachen.

Weltseelchen aber erbleichte und sah hinaus, wie der Schnee fiel.

»Vergieb mir mein letztes Maskenfest« sagte Weltseelchen leise für sich, und dem dritten Pierrot zitterten die Kniee; er mußte weiterlachen. Aber es zerbrach plötzlich, sein Lachen, und es war, als ob es zur Erde fiele.

134 Dann trank er sein Glas aus und starrte hinein in das leere Glas, als ob er darin gefangen wäre. Warte nur, du dummer böser Pierrot. –

Die Pierrots tranken allen Wein aus, den Weltseelchen ihnen einschenken konnte. Sie hätte gerne noch den Tokayer eingeschenkt, aber das wußte nur der dritte Pierrot, wo die Kellerschlüssel lagen. Warte nur, du dummer, böser Pierrot. –

Lili ging durch das Zimmer. Die Pierrots sahen einander an und schwiegen ein Weilchen. Dann hörte man ihre satten Schritte und wie sie in einem Kästchen kramte. Sie wollte jetzt ihre Gäste ein Stückchen durch den schönen Schnee begleiten.

»Herr Doktor, Sie werfen ja den Spiegel herunter.« Max tanzte vor dem Spiegel und schnitt Gesichter, denn der dritte Pierrot mußte jetzt im Lachen erhalten werden. Warte nur, du dummer, böser Pierrot. –

Karl mußte gähnen. Es fiel ihm aber eine drollige Bewegung ein, und die konnte er doch gut ausnützen. Da lachten alle drei Pierrots auf, und sie stritten sich darum, Lilichen in den Mantel zu helfen.

Sie gingen durch den Schnee. Drüben klang eine Faschingsgeige, eine ganz dunkle Geige, und dazu knisterte der Frost, und es fiel Schnee, schöner Schnee.

»Ha, jetzt wollen wir ein Faschingsspiel spielen! Wettlaufen! Wettlaufen!«

Da liefen alle vier und jauchzten aus Leibeskräften.

Durch den schönen weißen Schnee liefen zwei trunkene Pierrots weit voraus, ganz allein, zwei weiße, trunkene Pierrots, und der dritte lachte, lachte, weil er nicht mitkonnte. Den zupfte sein Weibchen an der weißen Falte. Ach, wenn er doch nicht mehr lachen müßte! – Und den schoß sein Weibchen tot! – Den bösen Pierrot. –

Dann fiel der Schnee über den toten Pierrot. Weltseelchen aber ging weit fort und träumte. –

Wie es wohl zu Hause sein möchte, dort in meinem Dorf. Die Enten schlendern über den Damm, und es scheint so süße 135 Sonne. Da setze ich mich auf die kleine grüne Bank gerade unter den lieben Herrgott und denke nach, warum der doch diesen Leuten seinen Frühling anvertraut, solchen dummen, bösen Pierrots.

*     *     *

Es ist ein besonderes Glück aller, die vom Winter ausgegangen sind, daß sie den Schnee so lieben. Fallender Schnee hat eine Art wehmütiger Musik. Der Schnee kann ganze Schicksale verhüllen, er hat etwas Mütterliches, Beschützendes.

Abraham Abt dachte an die Flocken, die seinen Kopf umwirbelt hatten, als er mit einer Grimasse seine Heimat verließ. – – –

»Und es fiel der Schnee über den toten Pierrot,« wiederholte er sich, und seine Gedanken standen andächtig vor diesem Bilde. »Armer Pierrot, warum hast Du Deine Grimasse nicht besser verteidigt, armer betrunkener Pierrot. Mit einem Aschermittwochsgesicht so dazuliegen! Deine krausen Linien sind verwischt, und die kühlen Schneeschmetterlinge setzen sich auf Deine Schminke und nehmen Dir die letzte lustige Falte. Der Schnee spült alles Groteske aus Deinem Gesicht. Bald wirst Du nichts mehr sein als ein gewöhnlicher Leichnam, ein verwelkter Körper. Das Gepränge der Worte allein folgt Dir, Du Armer.«

Er suchte das Gesicht des Marquis und wie aus einer Schwäche sich aufraffend warf er eine Frage dem Marquis mitten in ein suffisantes Lächeln hinein.

»Sind wir nicht Alle Pierrots?«

»Gewiß, lieber Abraham Abt, gewiß, es kommt nur auf den Witz an, mit dem wir unsere Kostüme bestimmen. Es gibt Schattierungen in der Gewandung dieser Hanswürste. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Karneval, mein lieber Pierrot? – Aber es fröstelt uns nach solchen kleinen Wintererzählungen. Lassen wir die Nacht für die müden Erzähler einspringen. Wir wollen uns nicht von einem trüben Morgen überraschen lassen und einen Aschermittwoch erleben wie die Pierrots, die an einer 136 Geschmacksverirrung gestorben sind. Helfen sie mir, meine Herrn, die Kerzen zu löschen.«

Der Saal verdunkelte sich allmählich, und schattenhafte Gestalten schlichen zwischen den Möbeln.

Der Marquis trat an ein großes Fenster, das er weit öffnete, und Abraham Abt sah einen Himmel mit vielen Sternen.

Der Marquis reichte seinen scheidenden Gästen in schmalen Goldbechern eine Flüssigkeit. Aus kristallener Phiole sah Abraham Abt den Inhalt in die kleinen Gefäße hinabtropfen. Es mußte sich um eine gewohnte Gabe handeln, denn die sonst so scheuen und ihrem Versteck zugetanen Gesellen kamen wie ein Rudel gezähmter Waldtiere heran und umdrängten die Gestalt des Gastfreundes. Alle nahmen schweigend den Trank entgegen. Manche erkannte Abraham Abt an der ihnen eigentümlichen Bewegung. Die Frauen bezeichnete immer wieder das Gleitende ihrer Schatten, die Männer ihre charakteristische Müdigkeit, der Tiefseefisch hatte wieder das Schnappende, das sein ganzes Wesen entschied.

Abraham Abt fühlte, wie ihm jetzt durch das Dunkel hindurch etwas hingereicht wurde, ein Kelch, den er nicht an sich vorübergehen lassen durfte. Seine Hand zitterte leise, so daß die obersten Tropfen sein Fleisch benetzten. Die Sterne spiegelten sich vor ihm, und er stockte einen Augenblick, als müßte er doch noch einmal nach allen Geheimnissen forschen, die seine Seele zu belasten drohten. Aber er schwieg den Sternen zu Liebe und leerte gleich den Andern seinen Becher.

Alle tasteten sich durch die Finsternis des Stiegenhauses, und nur ab und zu leuchtete eine Hand an einer Portiere oder ein bleicher Kopf zuckte vor einem Fehltritt. Abraham Abt folgte eben so lautlos und vorsichtig. Sein brennendes Gehirn fand nicht mehr den Mut zu einer Frage.

»Ich will Sie in meinen Gärten wiedersehen, meine Herrschaften, leben Sie wohl!« grüßte der Marquis, und sein Rock flüchtete als heller Fleck die Treppe hinauf, zurück in die Gemächer.

137 »Wo ist Ihr Garten, Herr Marquis?« dachte Abraham. »Er spricht von seinen Gärten wie eine Semiramis, aber wir haben diesen Marquis gesucht und gefunden wie man die Dichter und Wortführer sucht und findet. Man wird auch seinen Garten erkennen unter den andern wie man ihn gewählt hat unter den Vielen.«

Und er ging mit seinen Gedanken an einen Garten, und mit seiner Überzeugung, daß man alles finden müsse, was das andere um des Kopfes Länge überragt, hinter den anderen her. Ein Schattenknäuel rollte durch den Flur und die Tür, die sich wie von unsichtbaren Händen öffnete. Das beleuchtete Felsenplateau nahm ein Gewirr von Körpern auf, aber der Schattenknäuel zerriß und löste sich in groteske Fetzen, die sich in einer Richtung bewegten, als ob der Wind sie vor sich hertriebe.

Abraham Abt fühlte, wie er jetzt einen andern Weg einschlagen mußte, irgend einen, es liefen sicher sehr viele Wege zwischen den Felsengruppen. Man muß einen Sprung nicht scheuen, wenn man viele Wege vor sich fühlt.

Und er stand auf dem Spielplatz der Winde und belehrte seine Augen wieder mit den Sternen, die er so liebte.

Es war ihm, als hätten die Hände des Marquis alles losgelassen, was mit und um ihn war. Er atmete tief, und seine Brust hob sich, um das Letzte fortzudrängen, das noch auf ihm lag. 138

 

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