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Abhandlung über den Ursprung der Sprache

Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
authorJohann Gottfried Herder
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008729-5
titleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1772
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Zweiter Abschnitt

Doch ich tue keinen Sprung. Ich gebe dem Menschen nicht gleich plötzlich neue Kräfte, keine sprachschaffende Fähigkeit wie eine willkürliche qualitas occulta. Ich suche nur in den vorher bemerkten Lücken und Mängeln weiter.

Lücken und Mängel können doch nicht der Charakter seiner Gattung sein: oder die Natur war gegen ihn die härteste Stiefmutter, da sie gegen jedes Insekt die liebreichste Mutter war. Jedem Insekt gab sie, was und wieviel es brauchte: Sinne zu Vorstellungen und Vorstellungen in Triebe gediegen, Organe zur Sprache, soviel es bedorfte, und Organe, diese Sprache zu verstehen. Bei dem Menschen ist alles in dem größten Mißverhältnis – Sinne und Bedürfnisse, Kräfte und Kreis der Würksamkeit, der auf ihn wartet, seine Organe und seine Sprache. – Es muß uns also ein gewisses Mittelglied fehlen, die so abstehende Glieder der Verhältnis zu berechnen.

Fänden wirs, so wäre nach aller Analogie der Natur diese Schadloshaltung seine Eigenheit, der Charakter seines Geschlechts, und alle Vernunft und Billigkeit foderte, diesen Fund für das gelten zu lassen, was er ist, für Naturgabe, ihm so wesentlich als den Tieren der Instinkt.

Ja fänden wir eben in diesem Charakter die Ursache jener Mängel und eben in der Mitte dieser Mängel, der Höhle jener großen Entbehrung von Kunsttrieben, den Keim zum Ersatze, so wäre diese Einstimmung ein genetischer Beweis, daß hier die wahre Richtung der Menschheit liege und daß die Menschengattung über den Tieren nicht an Stufen des Mehr oder Weniger stehe, sondern an Art.

Und fänden wir in diesem neugefundnen Charakter der Menschheit sogar den notwendigen genetischen Grund zu Entstehung einer Sprache für diese neue Art Geschöpfe, wie wir in den Instinkten der Tiere den unmittelbaren Grund zur Sprache für jede Gattung fanden, so sind wir ganz am Ziele. In dem Falle würde die Sprache dem Menschen so wesentlich, als – er ein Mensch ist. Man siehet, ich entwickle aus keinen willkürlichen oder gesellschaftlichen Kräften, sondern aus der allgemeinen tierischen Ökonomie.
 

Und nun folgt, daß wenn der Mensch Sinne hat, die für einen kleinen Fleck der Erde, für die Arbeit und den Genuß einer Weltspanne den Sinnen des Tiers, das in dieser Spanne lebet, nachstehen an Schärfe, so bekommen sie eben dadurch Vorzug der Freiheit. Eben weil sie nicht für einen Punkt sind, so sind sie allgemeinere Sinne der Welt.

Wenn der Mensch Vorstellungskräfte hat, die nicht auf den Bau einer Honigzelle und eines Spinngewebes bezirkt sind und also auch den Kunstfähigkeiten der Tiere in diesem Kreise nachstehen, so bekommen sie eben damit weitere Aussicht. Er hat kein einziges Werk, bei dem er also auch unverbesserlich handle; aber er hat freien Raum, sich an vielem zu üben, mithin sich immer zu verbessern. Jeder Gedanke ist nicht ein unmittelbares Werk der Natur, aber eben damit kanns sein eigen Werk werden.

Wenn also hiermit der Instinkt wegfallen muß, der bloß aus der Organisation der Sinne und dem Bezirk der Vorstellungen folgte und keine blinde Determination war, so bekommt eben hiemit der Mensch mehrere Helle. Da er auf keinen Punkt blind fällt und blind liegenbleibt, so wird er freistehend, kann sich eine Sphäre der Bespiegelung suchen, kann sich in sich bespiegeln. Nicht mehr eine unfehlbare Maschine in den Händen der Natur, wird er sich selbst Zweck und Ziel der Bearbeitung.

Man nenne diese ganze Disposition seiner Kräfte, wie man wolle, Verstand, Vernunft, Besinnung usw. Wenn man diese Namen nicht für abgesonderte Kräfte oder für bloße Stufenerhöhungen der Tierkräfte annimmt, so gilts mir gleich. Es ist die ganze Einrichtung aller menschlichen Kräfte; die ganze Haushaltung seiner sinnlichen und erkennenden, seiner erkennenden und wollenden Natur; oder vielmehr – es ist die einzige positive Kraft des Denkens, die, mit einer gewissen Organisation des Körpers verbunden, bei den Menschen so Vernunft heißt, wie sie bei den Tieren Kunstfähigkeit wird, die bei ihm Freiheit heißt und bei den Tieren Instinkt wird. Der Unterschied ist nicht in Stufen oder Zugabe von Kräften, sondern in einer ganz verschiedenartigen Richtung und Auswickelung aller Kräfte. Man sei Leibnizianer oder Lockianer, Search oder KnowallEine in einem neuen metaphysischen Werke beliebte Einteilung: Searchs Light of nature pursued, Lond. 68., Idealist oder Materialist, so muß man bei einem Einverständnis über die Worte, zufolge des vorigen, die Sache zugeben, einen eignen Charakter der Menschheit, der hierin und in nichts anders bestehet.

Alle, die dagegen Schwürigkeit gemacht, sind durch falsche Vorstellungen und unaufgeräumte Begriffe hintergangen. Man hat sich die Vernunft des Menschen als eine neue, ganz abgetrennte Kraft in die Seele hinein gedacht, die dem Menschen als eine Zugabe vor allen Tieren zu eigen geworden und die also auch, wie die vierte Stufe einer Leiter nach den drei untersten, allein betrachtet werden müsse; und das ist freilich, es mögen es so große Philosophen sagen, als da wollen, philosophischer Unsinn. Alle Kräfte unsrer und der Tierseelen sind nichts als metaphysische Abstraktionen, Würkungen! Sie werden abgeteilt, weil sie von unserm schwachen Geiste nicht auf einmal betrachtet werden konnten: sie stehen in Kapiteln, nicht, weil sie so kapitelweise in der Natur würkten, sondern ein Lehrling sie sich vielleicht so am besten entwickelt. Daß wir gewisse ihrer Verrichtungen unter gewisse Hauptnamen gebracht haben, z. E. Witz, Scharfsinn, Phantasie, Vernunft, ist nicht, als wenn je eine einzige Handlung des Geistes möglich wäre, wo der Witz oder die Vernunft allein würkt, sondern nur, weil wir in dieser Handlung am meisten von der Abstraktion entdecken, die wir Witz oder Vernunft nennen, z. E. Vergleichung oder Deutlichmachung der Ideen: überall aber würkt die ganze unabgeteilte Seele. Konnte ein Mensch je eine einzige Handlung tun, bei der er völlig wie ein Tier dachte, so ist er auch durchaus kein Mensch mehr, gar keiner menschlichen Handlung mehr fähig. War er einen einzigen Augenblick ohne Vernunft, so sähe ich nicht, wie er je in seinem Leben mit Vernunft denken könne; oder seine ganze Seele, die ganze Haushaltung seiner Natur ward geändert.

Nach richtigern Begriffen ist die Vernunftmäßigkeit des Menschen, der Charakter seiner Gattung, etwas anders, nämlich die gänzliche Bestimmung seiner denkenden Kraft im Verhältnis seiner Sinnlichkeit und Triebe. Und da konnte es, alle vorigen Analogien zu Hülfe genommen, nichts anders sein, als daß –

wenn der Mensch Triebe der Tiere hätte, er das nicht haben könnte, was wir jetzt Vernunft in ihm nennen, denn eben diese Triebe rissen ja seine Kräfte so dunkel auf einen Punkt hin, daß ihm kein freier Besinnungskreis ward. Es mußte sein, daß –

wenn der Mensch Sinne der Tiere, er keine Vernunft hätte; denn eben die starke Reizbarkeit seiner Sinne, eben die durch sie mächtig andringenden Vorstellungen müßten alle kalte Besonnenheit ersticken. Aber umgekehrt mußte es auch nach eben diesen Verbindungsgesetzen der haushaltenden Natur sein, daß -

wenn tierische Sinnlichkeit und Eingeschlossenheit auf einen Punkt wegfiele, so wurde ein ander Geschöpf, dessen positive Kraft sich in größeren Raume, nach feinerer Organisation, heller, äußerte, das abgetrennt und frei nicht bloß erkennet, will und würkt, sondern auch weiß, daß es erkenne, wolle und würke. Dies Geschöpf ist der Mensch, und diese ganze Disposition seiner Natur wollen wir, um den Verwirrungen mit eignen Vernunftkräften usw. zu entkommen, Besonnenheit nennen. Es folgt also nach eben diesen Verbindungsregeln, da alle die Wörter Sinnlichkeit und Instinkt, Phantasie und Vernunft doch nur Bestimmungen einer einzigen Kraft sind, wo Entgegensetzungen einander aufheben, daß –

wenn der Mensch kein instinktmäßiges Tier sein sollte, er vermöge der freierwürkenden positiven Kraft seiner Seele ein besonnenes Geschöpf sein mußte. – Wenn ich die Kette dieser Schlüsse noch einige Schritte weiter ziehe, so bekomme ich damit vor künftigen Einwendungen einen den Weg sehr kürzenden Vorsprung.

Ist nämlich die Vernunft keine abgeteilte, einzelwürkende Kraft, sondern eine seiner Gattung eigne Richtung aller Kräfte, so muß der Mensch sie im ersten Zustande haben, da er Mensch ist. Im ersten Gedanken des Kindes muß sich diese Besonnenheit zeigen, wie bei dem Insekt, daß es Insekt war. – Das hat nun mehr als ein Schriftsteller nicht begreifen können, und daher ist die Materie, über die ich schreibe, mit den rohesten, ekelhaftesten Einwürfen angefüllet – aber sie konnten es nicht begreifen, weil sie es mißverstanden. Heißt denn vernünftig denken, mit ausgebildeter Vernunft denken? Heißts, der Säugling denke mit Besonnenheit, er räsoniere wie ein Sophist auf seinem Katheder oder der Staatsmann in seinem Kabinett? Glücklich und dreimal glücklich, daß er von diesem ermattenden Wust von Vernünfteleien noch nichts wußte! Aber siehet man denn nicht, daß dieser Einwurf bloß einen so und nicht anders, einen mehr oder minder gebildeten Gebrauch der Seelenkräfte und durchaus kein Positives einer Seelenkraft selbst leugne? Und welcher Tor wird da behaupten, daß der Mensch im ersten Augenblick des Lebens so denke, wie nach einer vieljährigen Übung – es sei denn, daß man zugleich das Wachstum aller Seelenkräfte leugne und sich eben damit selbst für einen Unmündigen bekenne? – So wie doch aber dies Wachstum in der Welt nichts bedeuten kann als einen leichtern, stärkern, vielfachern Gebrauch; muß denn das nicht schon dasein, was gebraucht werden, muß es nicht schon Keim sein, was da wachsen soll? Und ist also nicht im Keime der ganze Baum enthalten? – Sowenig das Kind Klauen wie ein Greif und eine Löwenmähne hat, sowenig kann es wie Greif und Löwe denken; denkt es aber menschlich, so ist Besonnenheit, das ist die Mäßigung aller seiner Kräfte auf diese Hauptrichtung, schon so im ersten Augenblicke sein Los, wie sie es im letzten sein wird. Die Vernunft äußert sich unter seiner Sinnlichkeit schon so würklich, daß der Allwissende, der diese Seele schuf, in ihrem ersten Zustande schon das ganze Gewebe von Handlungen des Lebens sahe, wie etwa der Meßkünstler nach gegebner Klasse aus einem Gliede der Progression das ganze Verhältnis derselben findet.

»Aber so war doch diese Vernunft damals mehr Vernunftfähigkeit (réflexion en puissance) als wirkliche Kraft?« Die Ausnahme sagt kein Wort. Bloße, nackte Fähigkeit, die auch ohne vorliegendes Hindernis keine Kraft, nichts als Fähigkeit sei, ist so ein tauber Schall als plastische Formen, die da formen, aber selbst keine Formen sind. Ist mit der Fähigkeit nicht das geringste Positive zu einer Tendenz da, so ist nichts da – so ist das Wort bloß Abstraktion der Schule. Der neuere französische PhilosophRousseau über die Ungleichheit etc., der diese réflexion en puissance, diesen Scheinbegriff so blendend gemacht, hat, wie wir sehen werden, immer nur eine Luftblase blendend gemacht, die er eine Zeitlang vor sich hertreibt, die ihm selbst aber unvermutet auf seinem Wege zerspringt. Und ist in der Fähigkeit nichts da, wodurch soll es denn je in die Seele kommen? Ist im ersten Zustande nichts Positives von Vernunft in der Seele, wie wirds bei Millionen der folgenden Zustände würklich werden? Es ist Worttrug, daß der Gebrauch eine Fähigkeit in Kraft, etwas bloß Mögliches in ein Würkliches verwandeln könne – ist nicht schon Kraft da, so kann sie ja nicht gebraucht und angewandt werden. Zudem endlich, was ist beides, eine abgetrennte Vernunftfähigkeit und Vernunftkraft in der Seele? Eines ist so unverständlich als das andre. Setzet den Menschen, als das Wesen, was er ist, mit dem Grade von Sinnlichkeit und der Organisation ins Universum: von allen Seiten, durch alle Sinne strömt dies in Empfindungen auf ihn los; durch menschliche Sinne? auf menschliche Weise? So wird also, mit den Tieren verglichen, dies denkende Wesen weniger überströmt? Es hat Raum, seine Kraft freier zu äußern, und dieses Verhältnis heißt Vernunftmäßigkeit – wo ist da bloße Fähigkeit? Wo abgesonderte Vernunftkraft? Es ist die positive einzige Kraft der Seele, die in solcher Anlage würket – mehr sinnlich, so weniger vernünftig; vernünftiger, so minder lebhaft; heller, so minder dunkel – das versteht sich ja alles! Aber der sinnlichste Zustand des Menschen war noch menschlich, und also würkte in ihm noch immer Besonnenheit, nur im minder merklichen Grade; und der am wenigsten sinnliche Zustand der Tiere war noch tierisch, und also würkte bei aller Klarheit ihrer Gedanken nie Besonnenheit eines menschlichen Begriffs. Und weiter lasset uns nicht mit Worten spielen!

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