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Abhandlung über den Ursprung der Sprache

Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
authorJohann Gottfried Herder
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008729-5
titleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1772
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Das Faktum ist also falsch und der Schluß noch falscher: er kommt nicht auf einen göttlichen, sondern gerad umgekehrt, auf einen tierischen Ursprung. Nehmet die sogenannte göttliche erste Sprache, die hebräische, von der der größte Teil der Welt die Buchstaben geerbet: daß sie in ihrem Anfange so lebendigtönend, so unschreibbar gewesen, daß sie nur sehr unvollkommen geschrieben werden konnte, dies zeigt offenbar der ganze Bau ihrer Grammatik, ihre so vielfachen Verwechselungen ähnlicher Buchstaben, ja am allermeisten der völlige Mangel ihrer Vokale. Woher kommt die Sonderbarkeit, daß ihre Buchstaben nur Mitlauter sind und daß eben die Elemente der Worte, auf die alles ankommt, die Selbstlauter, ursprünglich gar nicht geschrieben wurden? Diese Schreibart ist dem Lauf der gesunden Vernunft so entgegen, das Unwesentliche zu schreiben und das Wesentliche auszulassen, daß sie den Grammatikern unbegreiflich sein müßte, wenn Grammatiker zu begreifen gewohnt wären. Bei uns sind die Vokale das Erste und Lebendigste und die Türangeln der Sprache; bei jenen werden sie nicht geschrieben. – Warum? – Weil sie nicht geschrieben werden konnten. Ihre Aussprache war so lebendig und feinorganisiert, ihr Hauch war so geistig und ätherisch, daß er verduftete und sich nicht in Buchstaben fassen ließ. Nur erst bei den Griechen wurden diese lebendige Aspirationen in förmliche Vokale aufgefädelt, denen doch noch Spiritus usw. zu Hülfe kommen mußten; da bei den Morgenländern die Rede gleichsam ganz Spiritus, fortgehender Hauch und Geist des Mundes war, wie sie sie auch so oft in ihren malenden Gedichten benennen. Es war Othem Gottes, wehende Luft, die das Ohr aufhaschete, und die toten Buchstaben, die sie hinmaleten, waren nur der Leichnam, der lesend mit Lebensgeist beseelet werden mußte! Was das für einen gewaltigen Einfluß auf das Verständnis ihrer Sprache hat, ist hier nicht der Ort zu sagen; daß dies Wehende aber den Ursprung ihrer Sprache verrate, ist offenbar. Was ist unschreibbarer als die unartikulierten Töne der Natur? Und wenn die Sprache, je näher ihrem Ursprunge, desto unartikulierter ist – was folgt, als daß sie wohl nicht von einem höhern Wesen für die vierundzwanzig Buchstaben und diese Buchstaben gleich mit der Sprache erfunden, daß diese ein weit späterer, nur unvollkommener Versuch gewesen, sich einige Merkstäbe der Erinnerung zu setzen, und daß jene nicht aus Buchstaben der Grammatik Gottes, sondern aus wilden Tönen freier Organe entstanden seiDie beste Schrift für diese noch zum Teil unausgearbeitete Materie ist Wachteri naturae et scripturae concordia, Hafn. 1752, die sich von den Kircherschen und soviel andern Träumen wie Altertumsgeschichte von Märchen unterscheidet.. Es wäre doch sonst artig, daß eben die Buchstaben, aus denen und für die Gott die Sprache erfunden, mit Hülfe derer er den ersten Menschen die Sprache beigebracht, eben die allerunvollkommensten in der Welt wären, die gar nichts vom Geist der Sprache sagten und in ihrer ganzen Bauart offenbar bekennen, daß sie nichts davon sagen wollen.

Es verdiente diese Buchstabenhypothese freilich ihrer Würde nach nur einen Wink: aber ihrer Allgemeinheit und mannigfaltigen Beschönigung wegen mußte ich ihren Ungrund entblößen und in ihm sie zugleich erklären, wie mir wenigstens keine Erklärung bekannt ist. Zurück auf unsre Bahn:

Da unsre Töne der Natur zum Ausdrucke der Leidenschaft bestimmt sind, so ists natürlich, daß sie auch die Elemente aller Rührung werden! Wer ists, dem bei einem zuckenden, wimmernden Gequälten, bei einem ächzenden Sterbenden, auch selbst bei einem stöhnenden Vieh, wenn seine ganze Maschine leidet, dies Ach nicht zu Herzen dringe? Wer ist der fühllose Barbar? Je harmonischer das empfindsam Saitenspiel selbst bei Tieren mit anderen Tieren gewebt ist, desto mehr fühlen selbst diese miteinander: ihre Nerven kommen in eine gleichmäßige Spannung, ihre Seele in einen gleichmäßigen Ton, sie leiden würklich mechanisch mit. Und welche Stählung seiner Fibern! Welche Macht, alle Öffnungen seiner Empfindsamkeit zu verstopfen, gehört dazu, daß ein Mensch hiegegen taub und hart werde! – DiderotLettre sur les aveugles a l'usage de ceux qui voyent etc. [London 1749]. meint, daß ein Blindgeborner gegen die Klagen eines leidenden Tiers unempfindlicher sein müßte als ein Sehender; allein ich glaube unter gewissen Fällen das Gegenteil. Freilich ist ihm das ganze rührende Schauspiel dieses elenden, zuckenden Geschöpfs verhüllet, allein alle Beispiele sagen, daß eben durch diese Verhüllung das Gehör weniger zerstreut, horchender und mächtig eindringender werde. Da lauschet er also im Finstern, in der Stille seiner ewigen Nacht, und jeder Klageton geht ihm um so inniger und schärfer, wie ein Pfeil, zum Herzen! Nun nehme er noch das tastende, langsam umspannende Gefühl zu Hülfe, taste die Zuckungen, erfühle den Bruch der leidenden Maschine sich ganz – Grausen und Schmerz fährt durch seine Glieder: sein innrer Nervenbau fühlt Bruch und Zerstörung mit: der Todeston tönet. Das ist das Band dieser Natursprache!

Überall sind die Europäer, trotz ihrer Bildung und Mißbildung, von den rohen Klagetönen der Wilden heftig gerührt worden. Lery erzählt aus Brasilien, wie sehr seine Leute von dem herzlichen, unförmlichen Geschrei der Liebe und Leutseligkeit dieser Amerikaner bis zu Tränen seien erweichet worden. Charlevoix und andre wissen nicht gnug den grausenden Eindruck auszudrücken, den die Krieges- und Zauberlieder der Nordamerikaner machen. Wenn wir später Gelegenheit haben werden zu bemerken, wie sehr die alte Poesie und Musik von diesen Naturtönen sei belebet worden, so werden wir auch die Würkung philosophischer erklären können, die z. E. der älteste griechische Gesang und Tanz, die alte griechische Bühne, und überhaupt Musik, Tanz und Poesie noch auf alle Wilde machen. Und auch selbst bei uns, wo freilich die Vernunft oft die Empfindung und die künstliche Sprache der Gesellschaft die Töne der Natur aus ihrem Amt setzet, kommen nicht noch oft die höchsten Donner der Beredsamkeit, die mächtigsten Schläge der Dichtkunst und die Zaubermomente der Aktion dieser Sprache der Natur durch Nachahmung nahe? Was ists, was dort im versammleten Volke Wunder tut, Herzen durchbohrt und Seelen umwälzet? – Geistige Rede und Metaphysik? Gleichnisse und Figuren? Kunst und kalte Überzeugung? Sofern der Taumel nicht blind sein soll, muß vieles durch sie geschehen, aber alles? Und eben dies höchste Moment des blinden Taumels, wodurch wurde das? – Durch ganz eine andre Kraft! Diese Töne, diese Gebärden, jene einfachen Gänge der Melodie, diese plötzliche Wendung, diese dämmernde Stimme – was weiß ich mehr? Bei Kindern und dem Volk der Sinne, bei Weibern, bei Leuten von zartem Gefühl, bei Kranken, Einsamen, Betrübten würken sie tausendmal mehr, als die Wahrheit selbst würken würde, wenn ihre leise, feine Stimme vom Himmel tönte. Diese Worte, dieser Ton, die Wendung dieser grausenden Romanze usw. drangen in unsrer Kindheit, da wir sie das erstemal hörten, ich weiß nicht, mit welchem Heere von Nebenbegriffen des Schauders, der Feier, des Schreckens, der Furcht, der Freude in unsre Seele. Das Wort tönet, und wie eine Schar von Geistern stehen sie alle mit einmal in ihrer dunkeln Majestät aus dem Grabe der Seele auf: sie verdunkeln den reinen, hellen Begriff des Worts, der nur ohne sie gefaßt werden konnte. Das Wort ist weg, und der Ton der Empfindung tönet. Dunkles Gefühl übermannet uns: der Leichtsinnige grauset und zittert – nicht über Gedanken, sondern über Silben, über Töne der Kindheit, und es war Zauberkraft des Redners, des Dichters, uns wieder zum Kinde zu machen. Kein Bedacht, keine Überlegung, das bloße Naturgesetz lag zum Grunde: Ton der Empfindung soll das sympathetische Geschöpf in denselben Ton versetzen!

Wollen wir also diese unmittelbaren Laute der Empfindung Sprache nennen, so finde ich ihren Ursprung allerdings sehr natürlich. Er ist nicht bloß nicht übermenschlich, sondern offenbar tierisch: das Naturgesetz einer empfindsamen Maschine.
 

Aber ich kann nicht meine Verwunderung bergen, daß Philosophen, das ist Leute, die deutliche Begriffe suchen, je haben auf den Gedanken kommen können, aus diesem Geschrei der Empfindungen den Ursprung menschlicher Sprache zu erklären: denn ist diese nicht offenbar ganz etwas anders? Alle Tiere, bis auf den stummen Fisch, tönen ihre Empfindung: deswegen aber hat doch kein Tier, selbst nicht das vollkommenste, den geringsten, eigentlichen Anfang zu einer menschlichen Sprache. Man bilde und verfeinere und organisiere dies Geschrei, wie man wolle; wenn kein Verstand dazukommt, diesen Ton mit Absicht zu brauchen, so sehe ich nicht, wie nach dem vorigen Naturgesetze je menschliche, willkürliche Sprache werde. Kinder sprechen Schälle der Empfindung, wie die Tiere; ist aber die Sprache, die sie von Menschen lernen, nicht ganz eine andre Sprache?

Der Abt CondillacEssai sur l'origine des connaissances humaines. Vol. II [Amsterdam 1746-54]. ist in dieser Anzahl. Entweder er hat das ganze Ding Sprache schon vor der ersten Seite seines Buchs erfunden vorausgesetzt, oder ich finde auf jeder Seite Dinge, die sich gar nicht in der Ordnung einer bildenden Sprache zutragen konnten. Er setzt zum Grunde seiner Hypothese »zwei Kinder in eine Wüste, ehe sie den Gebrauch irgendeines Zeichens kennen«. Warum er nun dies alles setze, »zwei Kinder«, die also umkommen oder Tiere werden müssen, »in eine Wüste«, wo sich die Schwürigkeit ihres Unterhalts und ihrer Erfindung noch vermehret, »vor dem Gebrauch jedes natürlichen Zeichens und gar vor aller Kenntnis desselben«, ohne welche doch kein Säugling nach wenigen Wochen seiner Geburt ist – warum, sage ich, in eine Hypothese, die dem Naturgange menschlicher Kenntnisse nachspüren soll, solche unnatürliche, sich widersprechende Data zum Grunde gelegt werden müssen, mag ihr Verfasser wissen; daß aber auf sie keine Erklärung des Ursprungs der Sprache gebauet sei, getraue ich mich zu erweisen. Seine beiden Kinder kommen ohne Kenntnis jedes Zeichens zusammen, und – siehe da! im ersten Augenblicke (§ 2) sind sie schon im gegenseitigem Kommerz. Und doch bloß durch dies gegenseitige Kommerz lernen sie erst, »mit dem Geschrei der Empfindungen die Gedanken zu verbinden, deren natürliche Zeichen jene sind«. Natürliche Zeichen der Empfindung durch das Kommerz lernen? Lernen, was für Gedanken damit zu verbinden sind? Und doch gleich im ersten Augenblick der Zusammenkunft, noch vor der Kenntnis dessen, was das dummste Tier kennet, Kommerz haben, lernen können, was mit gewissen Zeichen für Gedanken zu verknüpfen sind? – Davon begreife ich nichts. »Durch das Wiederkommen ähnlicher Umstände (§ 3) gewöhnen sie sich, mit den Schällen der Empfindungen und den verschiednen Zeichen des Körpers Gedanken zu verbinden. Schon bekommt ihr Gedächtnis Übung. Schon können sie über ihre Einbildung walten und schon – sind sie so weit, das mit Reflexion zu tun, was sie vorher bloß durch Instinkt taten« (und doch, wie wir eben gesehen, vor ihrem Kommerz nicht zu tun wußten). – Davon begreife ich nichts. »Der Gebrauch dieser Zeichen erweitert die Würkungen der Seele (§ 4), und diese vervollkommen die Zeichen: Geschrei der Empfindungen wars also (§ 5), was die Seelenkräfte entwickelt hat, Geschrei der Empfindungen, das ihnen die Gewohnheit gegeben, Ideen mit willkürlichen Zeichen zu verbinden (§ 6), Geschrei der Empfindungen, das ihnen zum Muster diente, sich eine neue Sprache zu machen, neue Schälle zu artikulieren, sich zu gewöhnen, die Sachen mit Namen zu bezeichnen.« – Ich wiederhole alle diese Wiederholungen, und begreife von ihnen nichts. Endlich, nachdem der Verfasser auf diesen kindischen Ursprung der Sprache die Prosodie, Deklamation, Musik, Tanz und Poesie der alten Sprachen gebauet und mitunter gute Anmerkungen vorgetragen, die aber zu unserm Zwecke nichts tun, so faßt er den Faden wieder an: »Um zu begreifen (§ 80), wie die Menschen unter sich über den Sinn der ersten Worte eins geworden, die sie brauchen wollten, ist gnug, wenn man bemerkt, daß sie sie in Umständen aussprachen, wo jeder verbunden war, sie mit den nämlichen Ideen zu verbinden usw.« Kurz, es entstanden Worte, weil Worte dawaren, ehe sie dawaren – mich dünkt, es lohnt nicht, den Faden unsres Erklärers weiter zu verfolgen, da er doch – an nichts geknüpft ist.

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