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Abhandlung über den Ursprung der Sprache

Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
booktitleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
authorJohann Gottfried Herder
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008729-5
titleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1772
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I. Jeder Mensch hat freilich alle Fähigkeiten, die sein ganzes Geschlecht, und jede Nation die Fähigkeiten, die alle Nationen haben; es ist indessen doch wahr, daß eine Gesellschaft mehr als ein Mensch, und das ganze menschliche Geschlecht mehr als ein einzelnes Volk erfinde, und das zwar nicht bloß nach Menge der Köpfe, sondern nach vielfach- und innig vermehrten Verhältnissen. Man sollte denken, daß ein einsamer Mensch, ohne drängende Bedürfnisse, mit aller Gemächlichkeit der Lebensart z. E. viel mehr Sprache erfinden, daß seine Muße ihn dazu antreiben werde, seine Seelenkräfte zu üben, mithin immer etwas Neues zu erdenken usw., allein das Gegenteil ist klar. Er wird ohne Gesellschaft immer auf gewisse Weise verwildern und bald in Untätigkeit ermatten, wenn er sich nur erst in den Mittelpunkt gesetzt hat, seine nötigsten Bedürfnisse zu befriedigen. Er ist immer eine Blume, die aus ihren Wurzeln gerissen, von ihrem Stamm gebrochen daliegt und welkt. – Setzt ihn in Gesellschaft und mehrere Bedürfnisse, er habe für sich und andre zu sorgen: man sollte denken, diese neue Lasten nehmen ihm die Freiheit, sich emporzuheben, dieser Zuwachs von Peinlichkeiten, die Muße zu erfinden; aber gerade umgekehrt. Das Bedürfnis strengt ihn an, die Peinlichkeit weckt ihn, die Rastlosigkeit hält seine Seele in Bewegung: er wird desto mehr tun, je wundersamer es wird, daß ers tue. So wächst also die Fortbildung einer Sprache von einem einzelnen bis zu einem Familienmenschen schon in sehr zusammengesetztem Verhältnis. Alles andre abgerechnet, wie wenig würde doch der Einsame, selbst der einsame Sprachenphilosoph, auf seiner wüsten Insel erfinden! wieviel mehr und stärker der Stammvater, der Familienmann. Die Natur hat also diese Fortbildung gewählet.

II. Eine einzelne, abgetrennte Familie, denkt man, wird ihre Sprache bei Bequemlichkeit und Muße mehr ausbilden können als bei Zerstreuungen, Krieg gegen einen andern Stamm usw.; allein nichts weniger. Je mehr sie gegen andre gekehrt ist, desto stärker wird sie in sich zusammengedrängt, desto mehr setzt sie sich auf ihre Wurzel, macht die Taten ihrer Vorfahren zu Liedern, zu Aufrufungen, zu ewigen Denkmalen, erhält dieses Sprachandenken um desto reiner und patriotischer – die Fortbildung der Sprache, als Mundart der Väter, geht desto stärker fort: darum hat die Natur diese Fortbildung gewählet.

III. Mit der Zeit aber setzt sich dieser Stamm, wenn er in eine kleine Nation angewachsen ist, auch in seinen Zirkel fest. Er hat seinen gemeßnen Kreis von Bedürfnissen und für diese auch Sprache. Weiter gehet er nicht, wie wir an allen kleinen, sogenannten barbarischen Nationen sehen. Mit ihren Notwendigkeiten abgeteilt, können sie jahrhundertelang in der sonderbarsten Unwissenheit bleiben, wie jene Inseln ohne Feuer und so viel andre Völker ohne die leichtesten mechanischen Künste. Es ist, als ob sie nicht Augen hätten zu sehen, was ihnen vorliegt. Daher alsdenn das Geschrei andrer Völker auf solche als auf dumme unmenschliche Barbaren, da wir alle doch vor weniger Zeit ebendieselben Barbaren waren und diese Kenntnisse nur von andern Völkern bekamen! Daher auch das Geschrei so mancher Philosophen über diese Dummheit als die unbegreiflichste Sache, da doch nach der Analogie der ganzen Haushaltung mit unsrem Geschlecht nichts begreiflicher ist als sie! – Hier hat die Natur eine neue Kette geknüpft, die Überlieferung von Volk zu Volk! So haben sich Künste, Wissenschaften, Kultur und Sprache in einer großen Progression Nationen hin verfeinert – das feinste Band der Fortbildung, was die Natur gewählet.

Wir Deutsche würden noch ruhig, wie die Amerikaner, in unsern Wäldern leben, oder vielmehr noch in ihnen rauh kriegen und Helden sein, wenn die Kette fremder Kultur nicht so nah an uns gedrängt und mit der Gewalt ganzer Jahrhunderte uns genötigt hätte, mit einzugreifen. Der Römer holte so seine Bildung aus Griechenland, der Grieche bekam sie aus Asien und Ägypten, Ägypten aus Asien, China vielleicht aus Ägypten – so geht die Kette von einem ersten Ringe fort und wird vielleicht einmal über die Erde reichen. Die Kunst, die einen griechischen Palast bauete, zeigt sich bei dem Wilden schon im Bau einer Waldhütte, wie die Malerei Mengs' und Dietrichs schon im rohesten Grunde auf dem rotbemalten Schilde Hermanns glänzte. Der Eskimo vor seinem Kriegsheere hat schon alle Keime zu einem künftigen Demosthen und jene Nation von Bildhauern am Amazonenstromede la Condamine. vielleicht tausend künftige Phidias. Lasset nur andre Nationen vor- und jene umrücken, so ist alles, wenigstens in den gemäßigten Zonen, wie in der alten Welt. Ägypter und Griechen und Römer und Neuere taten nichts als fortbauen; Perser, Tataren, Goten und Pfaffen kommen dazwischen und machen Trümmern; desto frischer bauet sichs aus und nach und auf solchen alten Trümmern weiter. Die Kette einer gewissen Vervollkommung der Kunst geht über alles fort (obgleich andre Eigenschaften der Natur wiederum dagegen leiden) und so auch über die Sprache. Die arabische ist ohne Zweifel hundertmal feiner als ihre Mutter im ersten rohen Anfange; unser Deutsch ohne Zweifel feiner als das alte Keltische; die Grammatik der Griechen konnte besser sein und werden als die morgenländische, denn sie war Tochter; die römische philosophischer als die griechische, die französische als die römische: – ist der Zwerg auf den Schultern des Riesen nicht immer größer als der Riese selbst?

Nun sieht man auf einmal, wie trüglich der Beweis für die Göttlichkeit der Sprache aus ihrer Ordnung und Schönheit werde. – Ordnung und Schönheit sind da, aber wenn, wie und woher gekommen? Ist denn diese so bewunderte Sprache die Sprache des Ursprungs? oder nicht schon das Kind ganzer Jahrhunderte und vieler Nationen? Siehe! an diesem großen Gebäude haben Nationen und Weltteile und Zeitalter gebauet; und darum konnte jene arme Hütte nicht der Ursprung der Baukunst sein? Darum mußte gleich ein Gott die Menschen solchen Palast bauen lehren? weil Menschen gleich solchen Palast nicht hätten bauen können – welch ein Schluß! Und welch ein Schluß überhaupt ists: diese große Brücke zwischen zwo Bergen begreife ich nicht ganz, wie sie gebauet sei – folglich hat sie der Teufel gebauet! Es gehört ein großer Grad Kühnheit oder Unwissenheit dazu, zu leugnen, daß sich nicht die Sprache mit dem menschlichen Geschlecht nach allen Stufen und Veränderungen fortgebildet: das zeigt Geschichte und Dichtkunst, Beredsamkeit und Grammatik, ja, wenn alles nicht, so Vernunft. Hat sie sich nun ewig so fortgebildet und nie zu bilden angefangen? oder immer menschlich gebildet, so daß Vernunft nicht ohne sie, und sie ohne Vernunft nicht gehen konnte – und mit einmal ist ihr Anfang anders? und das so ohne Sinn und Grund anders, wie wir anfangs gezeigt? In allen Fällen wird die Hypothese eines göttlichen Ursprungs in der Sprache – versteckter, feiner Unsinn!

Ich wiederhole das mit Bedacht gesagte harte Wort: Unsinn! und will mich zum Schluß erklären. Was heißt ein göttlicher Ursprung der Sprache als:

Entweder: »Ich kann die Sprache aus der menschlichen Natur nicht erklären, folglich ist sie göttlich.« – Ist Sinn in dem Schlusse? Der Gegner sagt: »Ich kann sie aus der menschlichen Natur und aus ihr vollständig erklären.« – Wer hat mehr gesagt? Jener versteckt sich hinter eine Decke und ruft hervor: »Hier ist Gott!«; dieser stellt sich sichtbar auf den Schauplatz, handelt – »Sehet! ich bin ein Mensch!«

Oder ein höherer Ursprung sagt: »Weil ich die menschliche Sprache nicht aus der menschlichen Natur erklären kann, so kann durchaus keiner sie erklären – sie ist durchaus unerklärbar.« Ist in dem Schlusse Folge? Der Gegner sagt: »Mir ist kein Element der Sprache in ihrem Beginn und in jeder ihrer Progression aus der menschlichen Seele unbegreiflich, ja die ganze menschliche Seele wird mir unerklärbar, wenn ich in ihr nicht Sprache setze; das ganze menschliche Geschlecht bleibt nicht das Naturgeschlecht mehr, wenns nicht die Sprache fortbildet.« – Wer hat mehr gesagt? – Wer sagt Sinn?

Oder endlich die höhere Hypothese sagt gar: »Nicht bloß keiner kann die Sprache aus der menschlichen Seele begreifen, sondern ich sehe auch deutlich die Ursache, warum sie ihrer Natur und der Analogie ihres Geschlechts nach durchaus für Menschen unerfindbar war. Ja ich sehe in der Sprache und im Wesen der Gottheit die Ursache deutlich, warum keiner als Gott sie erfinden konnte.« Nun bekäme zwar der Schluß Folge; aber nun wird er auch der gräßlichste Unsinn. Er wird so beweisbar als jener Beweis der Türken von der Göttlichkeit des Korans: »Wer anders als der Prophet Gottes konnte so schreiben?« Und wer anders als ein Prophet Gottes kann auch wissen, daß nur der Prophet Gottes so schreiben konnte? Niemand als Gott konnte die Sprache erfinden! Niemand als Gott kann aber auch einsehen, daß niemand als Gott sie erfinden konnte! Und welche Hand kann es wagen, nicht bloß etwa Sprache und die menschliche Seele, sondern Sprache und Gottheit auszumessen?

Ein höherer Ursprung hat nichts für sich, selbst nicht das Zeugnis der morgenländischen Schrift, auf die er sich beruft, denn diese gibt offenbar der Sprache einen menschlichen Anfang durch Namennennung der Tiere. Die menschliche Erfindung hat alles für und durchaus nichts gegen sich: Wesen der menschlichen Seele und Element der Sprache; Analogie des menschlichen Geschlechts und Analogie der Fortgänge der Sprache – das große Beispiel aller Völker, Zeiten und Teile der Welt!

Der höhere Ursprung ist, so fromm er scheine, durchaus ungöttlich. Bei jedem Schritte verkleinert er Gott durch die niedrigsten, unvollkommensten Anthropomorphien. Der menschliche zeigt Gott im größesten Lichte: sein Werk, eine menschliche Seele, durch sich selbst eine Sprache schaffend und fortschaffend, weil sie sein Werk, eine menschliche Seele ist. Sie bauet sich diesen Sinn der Vernunft als eine Schöpferin, als ein Bild seines Wesens. Der Ursprung der Sprache wird also nur auf eine würdige Art göttlich, sofern er menschlich ist.

Der höhere Ursprung ist zu nichts nütze und äußerst schädlich. Er zerstört alle Würksamkeit der menschlichen Seele, erklärt nichts und macht alles, alle Psychologie und alle Wissenschaften unerklärlich – denn mit der Sprache haben ja die Menschen alle Samen von Kenntnissen von Gott empfangen? Nichts ist also aus der menschlichen Seele? Der Anfang jeder Kunst, Wissenschaft und Kenntnis also ist immer unbegreiflich? – Der menschliche läßt keinen Schritt tun ohne Aussichten und die fruchtbarsten Erklärungen in allen Teilen der Philosophie und in allen Gattungen und Vorträgen der Sprache. Der Verfasser hat einige hier geliefert und kann davon eine Menge liefern. – –

Wie würde er sich freuen, wenn er mit dieser Abhandlung eine Hypothese verdränge, die, von allen Seiten betrachtet, dem menschlichen Geist nur zum Nebel und zur Unehre ist und es zu lange dazu gewesen! Er hat eben deswegen das Gebot der Akademie übertreten und keine Hypothese geliefert: denn was wärs, wenn eine Hypothese die andre auf- oder gleichwöge? Und wie pflegt man, was die Form einer Hypothese hat, zu betrachten, als wie philosophischen Roman – Rousseaus, Condillacs und andrer? Er befliß sich lieber, feste Data aus der menschlichen Seele, der menschlichen Organisation, dem Bau aller alten und wilden Sprachen und der ganzen Haushaltung des menschlichen Geschlechts zu sammlen und seinen Satz so zu beweisen, wie die festeste philosophische Wahrheit bewiesen werden kann. Er glaubt also mit seinem Ungehorsam den Willen der Akademie eher erreicht zu haben, als er sich sonst erreichen ließ. – – –

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