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Abhandlung über den Ursprung der Sprache

Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
authorJohann Gottfried Herder
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008729-5
titleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1772
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Viertes Naturgesetz

So wie nach aller Wahrscheinlichkeit das menschliche Geschlecht ein progressives Ganze von einem Ursprunge in einer großen Haushaltung ausmacht, so auch die Sprachen und mit ihnen die ganze Kette der Bildung.

Der sonderbare charakteristische Plan ist bemerkt, der über einen Menschen waltet: Seine Seele ist gewohnt, immer das, was sie sieht, zu reihen mit dem, was sie sahe, und durch Besonnenheit wird also ein progressives Eins aller Zustände des Lebens – mithin Fortbildung der Sprache.

Der sonderbare charakteristische Plan ist bemerkt, der über ein Menschengeschlecht waltet, daß durch die Kette des Unterrichts Eltern und Kinder eins werden und jedes Glied also nur von der Natur zwischen zwei andre hingeschoben wird, um zu empfangen und mitzuteilen – dadurch wird Fortbildung der Sprache.

Endlich geht dieser sonderbare Plan auch aufs ganze Menschengeschlecht fort, und dadurch wird eine Fortbildung im höchsten Verstande, die aus den beiden vorigen unmittelbar folgt.

Jedes Individuum ist Mensch, folglich denkt er die Kette seines Lebens fort. Jedes Individuum ist Sohn oder Tochter, ward durch Unterricht gebildet: folglich bekam es immer einen Teil der Gedankenschätze seiner Vorfahren frühe mit und wird sie nach seiner Art weiterreichen – also ist auf gewisse Weise kein Gedanke, keine Erfindung, keine Vervollkommung, die nicht weiter, fast ins Unendliche reiche. So wie ich keine Handlung tun, keinen Gedanken denken kann, der nicht auf die ganze Unermeßlichkeit meines Daseins natürlich hinwürke, so nicht ich und kein Geschöpf meiner Gattung, was nicht mit jedem auch für die ganze Gattung und für das fortgehende Ganze der ganzen Gattung würke. Jedes treibt immer, eine große oder kleine Welle, jedes verändert den Zustand der einzelnen Seele, mithin das Ganze dieser Zustände, würkt immer auf andre, verändert auch in diesen etwas – der erste Gedanke in der ersten menschlichen Seele hängt mit dem letzten in der letzten menschlichen Seele zusammen.

Wäre Sprache dem Menschen so angeboren als den Bienen der Honigbau, so zerfiele mit einmal dies größeste prächtigste Gebäude in Trümmern! Jeder brächte sich sein wenig Sprache auf die Welt, oder da doch das Auf-die-Welt-Bringen für eine Vernunft nichts heißt, als sie sich gleich erfinden – welch ein trauriges einzelne wird jeder Mensch! Jeder erfindet seine Rudimente, stirbt über ihnen und nimmt sie ins Grab, wie die Biene ihren Kunstbau; der Nachfolger kommt, quält sich über denselben Anfängen, kommt ebensoweit oder ebensowenig weit, stirbt – und so gehts ins Unendliche. Man siehet, der Plan, der über die Tiere geht, die nichts erfinden, kann nicht über Geschöpfe gehen, die erfinden müssen, oder es wird ein planloser Plan! Erfindet jedes für sich allein, so wird unnütze Mühe ins Unendliche verdoppelt und der erfindende Verstand seines besten Preises beraubt zu wachsen.

Was für Grund hätte ich nun, irgendwo in der Kette stillezustehen und nicht, solange ich denselben Plan wahrnehme, auch auf die Sprache hinaufzuschließen? Kam ich auf die Welt, um sogleich in den Unterricht der Meinigen eintreten zu müssen, so mein Vater, so der erste Sohn des ersten Stammvaters auch, und wie ich meine Gedanken um mich und in meine Abfolge breite, so mein Vater, so sein Stammvater, so der erste aller Väter. Die Kette reicht fort und steht nur bei einem, dem ersten stille; so sind wir alle seine Söhne: von ihm fängt sich Geschlecht, Unterricht, Sprache an. Er hat zu erfinden angefangen, wir alle haben ihm nacherfunden, bilden und mißbilden. Kein Gedanke in einer menschlichen Seele war verloren, nie aber war auch eine Fertigkeit dieses Geschlechts auf einmal ganz da wie bei den Tieren: Zufolge der ganzen Ökonomie war sie immer im Fortschritte, im Gange, nichts Erfundnes, wie der Bau einer Zelle, sondern alles im Erfinden, im Fortwürken, strebend. In diesem Gesichtspunkt, wie groß wird die Sprache! Eine Schatzkammer menschlicher Gedanken, wo jeder auf seine Art etwas beitrug! Eine Summe der Würksamkeit aller menschlichen Seelen.

Höchstens – tritt hier die vorige Philosophie, die den Menschen gern als ein Land- und Domänengut betrachten möchte, dazwischen –, höchstens dürfte diese Kette doch wohl nur bis an jeden einzelnen ersten Stammvater eines Landes reichen, von dem sich sein Geschlecht wie seine Landsprache erzeugtePhilosophie de l'histoire etc. etc.. Ich wüßte nicht, warum sie nur bis dahin und nicht weiter reichen sollte? warum diese Landesväter nicht wieder unter sich einen Erdenvater könnten gehabt haben, da die ganze fortgehende Ähnlichkeit der Haushaltung dieses Geschlechts es so fordert. »Ja«, hörten wir den Einwurf, »als wenns weise gewesen wäre, ein schwaches, elendes Menschenpaar in einen Winkel der Erde zum Raube der Gefahr auszustellen.« Und als wenns weiser gewesen wäre, viele solche schwache Menschenpaare einzeln in verschiedene Winkel der Erde zum Raube zehnfach ärgerer Gefahren zu machen! Der Fall wagender Unvorsichtigkeit ist nicht bloß überall derselbe, sondern er wird auch mit jeder Vervielfältigung unendlich vermehrt. Ein Menschenpaar, irgendwo, im besten, bequemsten Klima der Erde, wo die Jahreszeit ihrer Nacktheit am wenigsten strenge ist, wo der fruchtbare Boden den Bedürfnissen ihrer Unerfahrenheit von selbst zustatten kommt, wo gleichsam alles umhergelagert ist wie eine Werkstätte, um der Kindheit ihrer Künste zu Hülfe zu kommen – ist dies Paar nicht weiser versorgt als jedes andre menschliche Landtier, was unter dem unfreundlichsten Himmel in Lappland oder Grönland, mit der ganzen Dürftigkeit der nackten erfrornen Natur umgeben, den Klauen ebenso dürftiger, hungriger und um so grausamerer Tiere, mithin unendlich mehrern Ungemächlichkeiten ausgesetzt ist? Die Sicherheit der Erhaltung nimmt also ab, je mehr die ursprünglichen Erdemenschen verdoppelt werden. Und denn wie lange bleibt das Paar im seligen Klima ein Paar? Es wird bald Familie, bald kleines Volk, und wenn es sich nun als Volk ausbreitet: es kommt in ein ander Land – es kommt schon als Volk hinein – wie weiser! wie sichrer! Viel an Anzahl, mit gehärteten Körpern, mit versuchten Seelen, ja mit dem ganzen Schatze von Erfahrungen ihrer Vorfahren beerbt – wie vielfach also verstärkte und verdoppelte Seelen! Nun sind sie fähig, sich bald zu Landgeschöpfen dieser Gegend zu vervollkommen! Sie werden in kurzem so eingeboren als die Tiere des Klima mit Lebensart, Denkart und Sprache – beweiset nicht aber eben dies den natürlichen Fortgang des menschlichen Geistes, der sich aus einem gewissen Mittelpunkt zu allem bilden kann? Es kommt nie auf eine Menge bloßer Zahlen, sondern auf die Gültigkeit und Progression ihrer Bedeutung, nie auf eine Menge schwacher Subjekte, sondern auf Kräfte an, mit denen sie würken. Diese würken eben im simpelsten Verhältnis am stärksten, und nur die Bande umfangen also das ganze Geschlecht, die von einem Punkte der Verknüpfung ausgehen.

Ich lasse mich in keine weitere Gründe dieses einstämmigen Ursprungs ein: daß z. E. noch keine wahren Data von neuen Menschengattungen, die diesen Namen, wie die Tiergattungen, verdienten, aufgefunden sind, daß die offenbar allmähliche und fortgehende Bevölkerung der Erde gerade das Gegenteil von eingebornen Landtieren zeige, daß die Kette der Kultur und ähnlicher Gewohnheiten es auch, nur dunkler, zeige usw.; ich bleibe bei der Sprache. Wären die Menschen Nationaltiere, wo jedes die seinige sich ganz unabhängig und abgetrennt von andern selbst erfunden hätte, so müßte diese gewiß eine Verschiedenartigkeit zeigen, als vielleicht die Einwohner des Saturns und der Erde gegeneinander haben mögen – und doch geht bei uns offenbar alles auf einem Grunde fort. Auf einem Grunde nicht bloß, was die Form, sondern was würklich den Gang des menschlichen Geistes betrifft; denn unter allen Völkern der Erde ist die Grammatik beinahe auf einerlei Art gebaut. Die einzige chinesische macht meines Wissens eine wesentliche Ausnahme, die ich mir aber als Ausnahme sehr zu erklären getraue. Wieviel Chineser-Grammatiken und wie viele Arten derselben müßten sein, wenn die Erde voll spracherfindender Landtiere gewesen wäre!

Woher kommts, daß so viel Völker ein Alphabet haben und daß doch fast nur ein Alphabet auf dem Erdboden sei? Der sonderbare und schwere Gedanke, sich aus den Bestandteilen der willkürlichen Worte, aus Lauten, willkürliche Zeichen zu bilden, ist so springend, so verwickelt, so sonderbar, daß es gewiß unerklärlich wäre, wie viele und so viele auf den einen so entfernten Gedanken und alle ganz auf eine Art auf ihn gefallen wären. Daß sie alle die weit natürlichern Zeichen, die Bilder von Sachen, vorbeiließen und Hauche malten, unter allen möglichen dieselben zwanzig malten und sich gegen die übrigen fehlenden dürftig behalfen, daß zu diesen zwanzig so viele dieselben willkürlichen Zeichen nahmen – wird hier nicht Überlieferung sichtbar? Die morgenländischen Alphabete sind im Grunde eins: das griechische, lateinische, runische, deutsche usw. Ableitungen. Das deutsche hat also noch mit dem koptischen Buchstaben gemein, und Irländer sind kühn gnug gewesen, den Homer für eine Übersetzung aus ihrer Sprache zu erklären. Wer kann, so wenig oder viel er drauf rechne, im Grunde der Sprachen Verwandtschaft ganz verkennen? Wie ein Menschenvolk nur auf der Erde wohnet, so auch nur eine Menschensprache; wie aber diese große Gattung sich in so viele kleine Landarten nationalisiert hat, so ihre Sprachen nicht anders.

Viele haben sich mit den Stammlisten dieser Sprachengeschlechter versucht, ich versuche es nicht – denn wie viele, viele Nebenursachen konnten in dieser Abstammung und in der Kenntlichkeit dieser Abstammung Veränderungen machen, auf die der etymologisierende Philosoph nicht rechnen kann und die seinen Stammbaum trügen. Zudem sind unter den Reisebeschreibern und selbst Missionarien so wenig wahre Sprachphilosophen gewesen, die uns von dem Genius und dem charakteristischen Grunde ihrer Völkersprachen hätten Nachricht geben können oder wollen, daß man im allgemeinen hier noch in der Irre gehet. Sie geben Verzeichnisse von Wörtern – und aus dem Schellenkrame soll man schließen! Die Regeln der wahren Sprachdeduktion sind auch so fein, daß wenige – – doch das ist alles nicht mein Werk! Im ganzen bleibt das Naturgesetz sichtbar: Sprache pflanze und bilde sich mit dem menschlichen Geschlechte fort; in diesem Gesetze zähle ich nur Hauptarten auf, die verschiedne Dimension geben.

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