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Abhandlung über den Ursprung der Sprache

Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
authorJohann Gottfried Herder
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008729-5
titleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1772
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Ists möglich, von allen diesen Spuren des wandelnden, sprachschaffenden Geistes wegzugehen und Ursprung in den Wolken zu suchen? Was hat man für einen Beweis von einem einzigen Worte, was nur Gott erfinden konnte? Existiert in irgendeiner Sprache nur ein einziger reiner, allgemeiner Begriff, der dem Menschen vom Himmel gekommen? Wo ist er auch nur möglichDie beste Abhandlung, die ich über diese Materie kenne, ist eines Engländers: Things divine and supernatural conceived by analogy with things natural and human, Lond. 1733, by the author of the procedure, extent and limits of human understanding.? Und was für 100 000 Gründe und Analogien, und Beweise von der Genesis der Sprache in der menschlichen Seele, nach den menschlichen Sinnen und Seharten! was für Beweise von der Fortwandrung der Sprache mit der Vernunft und ihrer Entwicklung aus derselben unter allen Völkern, Weltgürteln und Umständen! Welches Ohr ist, das diese allgemeine Stimme der Nationen nicht höre?

Und doch seh ich mit Verwundrung, daß Herr Süßmilch sich wieder mit mir begegne und auf dem Wege göttliche Ordnung finde, wo ich die allermenschlichste entdeckeSüßmilch § 11.. »Daß man noch zur Zeit keine Sprache entdeckt hat, die ganz zu Künsten und Wissenschaften ungeschickt gewesen«, was zeugt denn das anders, als daß keine Sprache viehisch, daß sie alle menschlich sind? Wo hat man denn einen Menschen entdeckt, der ganz zu Künsten und Wissenschaften ungeschickt wäre, und war das ein Wunder? Oder nicht eben die gemeinste Sache, weil er Mensch war? »Alle Missionarien haben mit den wildesten Völkern reden und sie überzeugen können; das konnte ohne Schlüsse und Gründe nicht geschehen: Ihre Sprachen mußten also terminos abstractos enthalten usw.« Und wenn das, so wars göttliche Ordnung? Oder war es nicht eben die menschlichste Sache, sich Worte zu abstrahieren, wo man sie brauchte? Und welches Volk hat je eine einzige Abstraktion in seiner Sprache gehabt, die es sich nicht selbst erworben? Und waren denn bei allen Völkern gleichviel? Konnten die Missionarien sich überall gleich leicht ausdrücken, oder hat man nicht das Gegenteil aus allen Weltteilen gelesen? Und wie drückten sie sich denn aus, als daß sie ihre neuen Begriffe der Sprache nach Analogie derselben anbogen? Und geschahe dies überall auf gleiche Art? – Über das Faktum wäre so viel, so viel zu sagen! Der Schluß sagt gar das Gegenteil. Eben weil die menschliche Vernunft nicht ohne Abstraktion sein kann und jede Abstraktion nicht ohne Sprache wird, so muß die Sprache auch in jedem Volk Abstraktionen enthalten, das ist ein Abdruck der Vernunft sein, von der sie ein Werkzeug gewesen. Wie aber jede nur so viel enthält, als das Volk hat machen können, und keine einzige, die ohne Sinne gemacht wäre, als welches ihr ursprünglich sinnlicher Ausdruck zeigt, so ist nirgends göttliche Ordnung zu sehen, als sofern die Sprache durchaus menschlich ist.

V. Endlich: »Da jede Grammatik nur eine Philosophie über die Sprache und eine Methode ihres Gebrauchs ist, so muß je ursprünglicher die Sprache, desto weniger Grammatik in ihr sein, und die älteste ist bloß das vorangezeigte Wörterbuch der Natur!« Ich reiße einige Steigerungen ab.

1. Deklinationen und Konjugationen sind nichts anders als Verkürzungen und Bestimmungen des Gebrauchs der Nominum und Verborum nach Zahl, Zeit und Art und Person. Je roher also eine Sprache, desto unregelmäßiger ist sie in diesen Bestimmungen und zeigt bei jedem Schritte den Gang der menschlichen Vernunft. Hintenan ohne Kunst des Gebrauchs, ist sie simples Wörterbuch.

2. Wie Verba einer Sprache eher sind als die von ihnen rund abstrahierten Nomina, so auch anfangs um so mehr Konjugationen, je weniger man Begriffe untereinander zu ordnen gelernt hat. Wieviel haben die Morgenländer! Und doch sinds eigentlich keine, denn was gibts noch immer für Verpflanzungen und Umwerfungen der Verborum aus Konjugation in Konjugation! Die Sache ist ganz natürlich. Da nichts den Menschen so angeht und wenigstens so sprachartig ihn trifft, als was er erzählen soll, Taten, Handlungen, Begebenheiten, so müssen sich ursprünglich eine solche Menge Taten und Begebenheiten sammlen, daß fast für jeden Zustand ein neues Verbum wird. »In der huronischen Sprache wird alles konjugiert. Eine Kunst, die nicht kann erkläret werden, läßt darin von den Zeitwörtern, die Nenn-, die Für-, die Zuwörter unterscheiden. Die einfachen Zeitwörter haben eine doppelte Konjugation, eine für sich und eine, die sich auf andre Dinge beziehet. Die dritten Personen haben die beiden Geschlechter. Was die Tempora anbetrifft, findet man die feinen Unterschiede, die man z. E. im Griechischen bemerket; ja wenn man die Erzählung einer Reise tun will, so drückt man sich verschieden aus, wenn man sie zu Lande und zu Wasser getan hat. Die Activa vervielfältigen sich so oft, als es Sachen gibt, die unter das Tun kommen; das Wort »Essen« verändert sich mit jeder eßbaren Sache. Das Tun einer beseelten Sache wird anders ausgedrückt als einer unbeseelten. Sich seines und des Eigentums dessen bedienen, mit dem man redet, hat zweierlei Ausdruck usw.« Man denke sich alle diese Vielheit von Verbis, Modis, Temporibus, Personen, Zuständen, Geschlechtern usw., welche Mühe und Kunst, das einigermaßen untereinander zu bringen! aus dem, was ganz Wörterbuch war, einigermaßen Grammatik zu machen! – Des P. Lery Grammatik der Topinambuer in Brasilien zeigt ebendasselbe! – Denn wie das erste Wörterbuch der menschlichen Seele eine lebendige Epopee der tönenden, handelnden Natur war, so war die erste Grammatik fast nichts als ein philosophischer Versuch, diese Epopee zur regelmäßigem Geschichte zu machen. Sie zerarbeitet sich also mit lauter Verbis und arbeitet in einem Chaos, was für die Dichtkunst unerschöpflich, mehr geordnet sehr reich für die Bestimmung der Geschichte, am spätsten aber für Axiome und Demonstrationen brauchbar ist.

3. Das Wort, was unmittelbar auf den Schall der Natur, nachahmend, folgte, folgte schon einem Vergangnen: Präterita sind also die Wurzeln der Verborum, aber Präterita, die noch fast für die Gegenwart gelten. A priori ist das Faktum sonderbar und unerklärlich, da die gegenwärtige Zeit die erste sein müßte, wie sie es auch in allen spätergebildeten Sprachen geworden; nach der Geschichte der Spracherfindung konnte es nicht anders sein. Die Gegenwart zeigt man, aber das Vergangne muß man erzählen. Und da man dies auf so viel Art erzählen konnte und anfangs im Bedürfnis, Worte zu finden, es so vielfältig tun mußte, so wurden in allen alten Sprachen viel Präterita, aber nur ein oder kein Präsens. Dessen hatte sich nun in den gebildetem Zeiten Dichtkunst und Geschichte sehr, die Philosophie aber sehr wenig zu erfreuen, weil die keinen verwirrenden Vorrat liebt. – Hier sind wieder Huronen, Brasilianer, Morgenländer und Griechen gleich: überall Spuren vom Gange des menschlichen Geistes!

4. Alle neuere philosophische Sprachen haben das Nomen feiner, das Verbum weniger, aber regelmäßiger modifiziert; denn die Sprache erwuchs mehr zur kalten Beschauung dessen, was da ist und was gewesen ist, als daß sie noch ein unregelmäßig stammelndes Gemisch von dem, was etwa gewesen ist, geblieben wäre. Jenes gewöhnte man sich nacheinander zu sagen und also durch Numeros und Artikel und Kasus usw. zu bestimmen. Die alten Erfinder wollten alles auf einmal sagenRousseau hat diesen Satz in seiner Hypothese diviniert, den ich hier bestimme und beweise. , nicht bloß, was getan wäre, sondern wer es getan, wenn, wie und wo es geschehen. Sie brachten also in die Nomina gleich den Zustand, in jede Person des Verbi gleich das Genus; sie unterschieden gleich durch Prae- und Afformativa, durch Af- und Suffixa. Verbum und Adverbium, Verbum und Nomen und alles floß zusammen. Je später, desto mehr wurde unterschieden und hergezählt: aus den Hauchen wurden Artikel, aus den Ansätzen Personen, aus den Vorsätzen Modi oder Adverbia; die Teile der Rede flossen auseinander: nun ward allmählich Grammatik. So ist diese Kunst zu reden, diese Philosophie über die Sprache erst langsam und Schritt vor Schritt, Jahrhunderte und Zeiten hinabgebildet, und der erste Kopf, der an eine wahre Philosophie der Grammatik, an die Kunst zu reden denkt, muß gewiß erst die Geschichte derselben durch Völker und Stufen hinab überdacht haben. Hätten wir doch eine solche Geschichte, sie wäre mit allen ihren Fortgängen und Abweichungen eine Karte von der Menschlichkeit der Sprache.

5. Aber wie hat eine Sprache ganz ohne Grammatik bestehen können? Ein bloßer Zusammenfluß von Bildern und Empfindungen ohne Zusammenhang und Bestimmung? Für beide war gesorgt: es war lebende Sprache. Da gab die große Einstimmung der Gebärden gleichsam den Takt und die Sphäre, wohin es gehörte; und der große Reichtum der Bestimmungen, der im Wörterbuch selbst lag, ersetzte die Kunst der Grammatik. Sehet die alte Schrift der Mexikaner! Sie malen lauter einzelne Bilder. Wo kein Bild in die Sinne fällt, haben sie sich über Striche vereinigt, und den Zusammenhang zu allen muß die Welt geben, in die es gehört, aus der es geweissagt wird. Diese Weissagungskunst, aus einzelnen Zeichen Zusammenhang zu erraten – wie weit können sie noch nur einzelne Stumme und Taube treiben! Und wenn diese Kunst selbst mit zur Sprache gehört, von Jugend auf, als Sprache, mit gelernt wird; wenn sie sich mit der Tradition von Geschlechtern immer mehr erleichtert und vervollkommet, so sehe ich nichts Unbegreifliches. Je mehr sie aber erleichtert wird, desto mehr nimmt sie ab; desto mehr wird Grammatik – und das ist Stufengang des menschlichen Geistes!

Proben davon sind z. E. des la Loubère Nachrichten von der siamischen Sprache: wie ähnlich ist sie noch dem Zusammenhange der Morgenländer, insonderheit ehe durch spätere Bildung noch mehr von ihm hineinkam. Der Siamer will sagen: »Wäre ich zu Siam, so wäre ich vergnügt!« Und sagt: »Wenn ich sein Stadt Siam; ich wohl Herz viel!« – Er will das Vaterunser beten und muß sagen: »Vater, uns sein Himmel! Namen Gottes wollen heiligen aller Ort usw.« – Wie morgenländisch und ursprünglich ist das! Gerade so zusammenhangend als eine mexikanische Bilderschrift oder das Stammeln der Ungelehrigen aus fremden Sprachen!

6. Ich muß hier noch eine Sonderbarkeit erklären, die ich auch in Herrn Süßmilchs göttlicher Ordnung mißverstanden sehe: »nämlich die Mannigfaltigkeit der Bedeutungen eines Worts nach dem Unterschiede kleiner Artikulationen«! Ich finde diesen Kunstgriff fast unter allen Wilden, wie ihn z. E. Garcilasso di Vega von den Peruanern, Condamine von den Brasilianern, la Loubère von den Siamesen, Resnel von den Nordamerikanern anführt. Ich finde ihn ebenso bei den alten Sprachen, z. E. der chinesischen und den morgenländischen, vorzüglich der hebräischen, wo ein kleiner Schall, Akzent, Hauch die ganze Bedeutung ändert, und ich finde doch nichts als etwas sehr Menschliches in ihm, Dürftigkeit und Bequemlichkeit der Erfinder! Sie hatten ein neues Wort nötig, und da das müßige Erfinden aus leerem Kopf so schwer ist, so nahmen sie ein ähnliches mit der Veränderung vielleicht nur eines Hauchs. Das war Gesetz der Sparsamkeit, ihnen anfangs bei ihren sich durchwebenden Gefühlen sehr natürlich und bei ihrer mächtigern Aussprache der Wörter noch ziemlich bequem; aber für einen Fremden, der sein Ohr nicht von Jugend auf daran gewöhnt hat und dem die Sprache jetzt mit Phlegma, wo der Schall halb im Munde bleibt, vorgezischt wird, macht dies Gesetz der Sparsamkeit und Notdurft die Rede unvernehmlich und unaussprechlich. Je mehr eine gesunde Grammatik in die Sprachen Haushaltung eingeführt, desto minder wird diese Kargheit nötig – also gerade das Gegenteil als Kennzeichen göttlicher Erfindung, wo der Erfinder sich gewiß sehr schlecht zu helfen gewußt, wenn er so etwas nötig hatte.

7. Am offenbarsten wird endlich der Fortgang der Sprache durch die Vernunft und der Vernunft durch die Sprache, wenn diese schon einige Schritte getan, wenn in ihr schon Stücke der Kunst, z. B. Gedichte, existieren, wenn Schrift erfunden ist; wenn sich eine Gattung der Schreibart nach der andern ausbildet. Da kann kein Schritt getan, kein neues Wort erfunden, keine neue glückliche Form in Gang gebracht werden, wo nicht Abdruck der menschlichen Seele liege. Da kommen durch Gedichte Silbenmaße, Wahl der stärksten Worte und Farben, Ordnung und Schwung der Bilder; da kommt durch Geschichte Unterschied der Zeiten, Genauigkeit des Ausdrucks; da kommt endlich durch die Redner die völlige Rundung des Perioden in die Sprache. So wie nun vor jedem solchen Zusatz nichts dergleichen vorher in der Sprache dalag, aber alles durch die menschliche Seele hineingebracht wurde und hineingebracht werden konnte: wo will man dieser Hervorbringung, dieser Fruchtbarkeit Grenzen setzen? Wo will man sagen: hier fing die menschliche Seele zu würken an, aber eher nicht? Hat sie das Feinste, das Schwerste erfinden können, warum nicht das Leichteste? Konnte sie zustande bringen, warum nicht Versuche machen, warum nicht anfangen? Denn was war doch der Anfang als die Produktion eines einzigen Worts, als Zeichen der Vernunft, und das mußte sie, blind und stumm in ihrem Innern, so wahr sie Vernunft besaß.
 

Ich bilde mir ein, das Können der Erfindung menschlicher Sprache sei mit dem, was ich gesagt, von innen aus der menschlichen Seele, von außen aus der Organisation des Menschen und aus der Analogie aller Sprachen und Völker, teils in den Bestandteilen aller Rede, teils im ganzen großen Fortgange der Sprache mit der Vernunft so bewiesen, daß, wer dem Menschen nicht Vernunft abspricht, oder, was ebensoviel ist, wer nur weiß, was Vernunft ist, wer sich ferner je um die Elemente der Sprache philosophisch bekümmert, wer dazu die Beschaffenheit und Geschichte der Sprachen auf dem Erdboden mit dem Auge des Beobachters in Rücksicht genommen, der kann nicht einen Augenblick zweifeln, wenn ich auch weiter kein Wort mehr hinzusetzte. Die Genesis in der menschlichen Seele ist so demonstrativ als irgendein philosophischer Beweis und die äußere Analogie aller Zeiten, Sprachen und Völker solch ein Grad der Wahrscheinlichkeit, als bei der gewissesten Sache der Geschichte möglich ist. Indessen, um auf immer allen Einwendungen vorzubeugen und den Satz gleichsam auch äußerlich so gewiß zu machen, als eine philosophische Wahrheit sein kann, so lasset uns noch aus allen äußern Umständen und aus der ganzen Analogie der menschlichen Natur beweisen, »daß der Mensch sich seine Sprache hat erfinden müssen und unter welchen Umständen er sie sich am füglichsten habe erfinden können«.

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