Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Gottfried Herder >

Abhandlung über den Ursprung der Sprache

Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
authorJohann Gottfried Herder
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008729-5
titleAbhandlung über den Ursprung der Sprache
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1772
Schließen

Navigation:

Wenn wir im Wort Morgenröte etwa das Schöne, Glänzende, Frische dunkel hören, so fühlt der harrende Wandrer in Orient auch in der Wurzel des Worts den ersten, schnellen, erfreulichen Lichtstrahl, den unsereiner vielleicht nie gesehen, wenigstens nie mit dem Gefühl gefühlet. – Die Beispiele aus den alten und wilden Sprachen werden unzählig, wie herzlich und starkempfindend sie aus Gehör und Gefühl charakterisieren, und ein Werk von der Art, was so recht das Grundgefühl solcher Ideen bei verschiednen Völkern aufsuchte, wäre eine völlige Demonstration für meinen Satz und für die menschliche Erfindung der Sprache.

II. »Je älter und ursprünglicher die Sprachen sind, desto mehr durchkreuzen sich auch die Gefühle in den Wurzeln der Wörter!«

Man schlage das erste beste morgenländische Wörterbuch auf, und man wird den Drang sehen, sich ausdrücken zu wollen! Wie der Erfinder Ideen aus einem Gefühl hinausriß und für ein anderes borgte! wie er bei den schwersten, kältesten, deutlichsten Sinnen am meisten borgte! wie alles Gefühl und Laut werden mußte, um Ausdruck zu werden! Daher die starken, kühnen Metaphern in den Wurzeln der Worte! daher die Übertragungen aus Gefühl in Gefühl, so daß die Bedeutungen eines Stammworts, und noch mehr seiner Abstammungen, gegeneinandergesetzt, das buntscheckigste Gemälde werden. Die genetische Ursache liegt in der Armut der menschlichen Seele und im Zusammenfluß der Empfindungen eines rohen Menschen. Man sieht sein Bedürfnis, sich auszudrücken, so deutlich. Man siehts in immer größerm Maß, je weiter die Idee vom Gefühl und Ton in der Empfindung weg lag, daß man nicht mehr an der Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache zweifeln darf. Denn wie wollen die Verfechter einer andern Entstehung diese Durchwebung der Ideen in den Wurzeln der Wörter erklären? War Gott so ideen- und wortarm, daß er zu dergleichen verwirrendem Wortgebrauch seine Zuflucht nehmen mußte? Oder war er so sehr Liebhaber von Hyberbolen, ungereimten Metaphern, daß er diesen Geist bis in die Grundwurzeln seiner Sprache prägte?

Die sogenannte göttliche Sprache, die ebräische, ist von diesen Kühnheiten ganz geprägt, so daß der Orient auch die Ehre hat, sie mit seinem Namen zu bezeichnen. Allein, daß man doch ja nicht diesen Metapherngeist asiatisch nenne, als wenn er sonst nirgend anzutreffen wäre! In allen wilden Sprachen lebt er; nur freilich in jeder nach Maß der Bildung der Nation und nach Eigenheit ihrer Denkart. Ein Volk, das seine Gefühle nicht viel und nicht scharf unterschied, ein Volk, das nicht Herz gnug hatte, sich auszudrücken und Ausdrücke mächtig zu rauben – wird auch wegen Nuancen des Gefühls weniger verlegen sein oder sich mit schleichenden Halbausdrücken behelfen. Eine feurige Nation offenbart ihren Mut in solchen Metaphern, sie mag in Orient oder Nordamerika wohnen; die aber in ihrem tiefsten Grunde die meisten solcher Verpflanzungen zeigt, deren Sprache ist voraus die ärmste, die älteste, die ursprünglichste gewesen, und die war ohne Zweifel in Orient.

Man siehet, wie schwer bei einer solchen Sprache ein wahres Etymologikon sein müsse. Die so verschiedne Bedeutungen eines radicis, die in einer Stammtafel abgeleitet und auf ihren Ursprung zurückgeführt werden sollen, sind nur durch so dunkle Gefühle, durch flüchtige Nebenideen, durch Mitempfindungen verwandt, die aus dem Grunde der Seele steigen und wenig in Regeln gefasset werden können! Ihre Verwandtschaften sind ferner so national, so sehr nach der eignen Denk- und Sehart des Volks, des Erfinders, in dem Lande, in der Zeit, in den Umständen, daß sie von einem Nord- und Abendländer unendlich schwer zu treffen sind und in langen, kalten Umschreibungen unendlich leiden müssen. Da sie ferner von der Not erzwungen und im Affekt, im Gefühl, in der Verlegenheit des Ausdrucks erfunden wurden – welch ein Glück gehört dazu, dasselbe Gefühl zu treffen? Und endlich, da im Wörterbuche von der Art die Wörter und die Bedeutungen eines Worts aus so verschiednen Zeiten, Anlässen und Denkarten gesammlet werden sollen und sich also diese augenblickliche Bestimmungen ins Unendliche vermehren – wie vervielfältigt sich da die Mühe! Welch ein Scharfsinn, in diese Umstände und Bedürfnisse einzudringen, und welche Mäßigung, bei den Auslegungen verschiedner Zeiten darin maßzuhalten! Welche Kenntnis und Biegsamkeit der Seele gehört dazu, sich so ganz diesen rohen Witz, diese kühne Phantasie, dies Nationalgefühl fremder Zeiten zu geben und es nach den unsrigen zu modernisieren! Aber eben damit würde auch nicht bloß in die Geschichte, Denkart und Literatur des Landes, sondern überhaupt in die dunkle Gegend der menschlichen Seele eine Fackel getragen, wo sich die Begriffe durchkreuzen und verwickeln! Wo die verschiedenste Gefühle einander erzeugen, wo eine dringende Gelegenheit alle Kräfte der Seele aufbietet und die ganze Erfindungskunst, der sie fähig ist, zeiget. Jeder Schritt wäre in einem solchen Werk Entdeckung und jede neue Bemerkung der vollständigste Beweis von der Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache.

Schultens hat sich an der Entwicklung einiger solchen Originum der hebräischen Sprache Ruhm erworben. Jede Entwicklung ist eine Probe meiner Regel. Ich glaube aber, vieler Ursachen wegen, nicht, daß die Origines der ersten menschlichen Sprache, wenn es auch die hebräische wäre, je vollständig entwickelt werden können.

Ich folgre noch eine Anmerkung, die zu allgemein und wichtig ist, um übergangen zu werden. Der Grund der kühnen Wortmetaphern lag in der ersten Erfindung; aber wie? wenn spät nachher, wenn schon alles Bedürfnis weggefallen ist, aus bloßer Nachahmungssucht oder Liebe zum Altertum dergleichen Wort- und Bildergattungen bleiben? und gar noch ausgedehnt und erhöhet werden? Denn, o denn wird der erhabne Unsinn, das aufgedunsne Wortspiel daraus, was es im Anfang eigentlich nicht war. Dort wars kühner, männlicher Witz, der denn vielleicht am wenigsten spielen wollte, wenn er am meisten zu spielen schien! Es war rohe Erhabenheit der Phantasie, die solch Gefühl in solchem Worte herausarbeitete; aber nun im Gebrauche schaler Nachahmer, ohne solches Gefühl, ohne solche Gelegenheit – Ach! Ampullen von Worten ohne Geist! Und das ist das Schicksal aller derer Sprachen in spätern Zeiten gewesen, deren erste Formen so kühn waren. Die spätern französischen Dichter können sich nicht versteigen, weil die ersten Erfinder ihrer Sprache sich nicht verstiegen haben: ihre ganze Sprache ist Prose der gesunden Vernunft und hat ursprünglich fast kein poetisches Wort, das dem Dichter eigen wäre; aber die Morgenländer? die Griechen? die Engländer? und wir Deutschen?

Daraus folgt, daß je älter eine Sprache ist, je mehr solcher Kühnheiten in ihren Wurzeln ist, hat sie lange gelebt, sich lange fortgebildet, um so weniger muß man auf jede Kühnheit des Ursprungs losdringen, als wenn jeder dieser sich durchkreuzenden Begriffe auch jedesmal in jedem späten Gebrauch mitgedacht worden wäre. Die Metapher des Anfangs war Drang zu sprechen; nimmt mans nachher in jedem Fall, wo das Wort schon geläufig geworden war und seine Schärfe abgenutzt hatte, für Fruchtbarkeit und Energie, alle solche Sonderbarkeiten zu verbinden – was für klägliche Beispiele wimmeln da in ganzen Schulen der morgenländischen Sprachen!

Noch eins. Wenn gar an solchen kühnen Wortkämpfen, an solchen Versetzungen der Gefühle in einen Ausdruck, an solchen Durchkreuzungen der Ideen ohne Regel und Richtschnur – gewisse feine Begriffe eines Dogma, eines Systems kleben – oder daran geheftet werden – oder daraus untersucht werden sollen – Himmel! wie wenig waren diese Wortversuche einer werdenden oder früh gewordnen Sprache Definitionen eines Systems, und wie oft kommt man in den Fall, Wortidole zu schaffen, an die der Erfinder oder der spätere Gebrauch nicht dachte! – Doch solche Anmerkungen wären unendlich; ich gehe zu einem neuen Kanon:

III. »Je ursprünglicher eine Sprache ist, je häufiger solche Gefühle sich in ihr durchkreuzen, desto weniger können diese sich genau und logisch untergeordnet sein. Die Sprache ist reich an Synonymen: bei aller wesentlichen Dürftigkeit hat sie den größten unnötigen Überfluß.«

Die Verteidiger des göttlichen Ursprunges, die in allem göttliche Ordnung zu finden wissen, können ihn hier schwerlich finden und leugnenSüßmilch § 9. die Synonyme. – Sie leugnen? Wohlan nun, laß es sein, daß unter den 50 Wörtern, die der Araber für den Löwen, unter den 200, die er für die Schlange, unter den 80, die er für den Honig, und mehr als 1000, die er fürs Schwert hat, sich feine Unterschiede finden oder gefunden hätten, die aber verlorengegangen wären – warum waren sie da, wenn sie verlorengehen mußten? Warum erfand Gott einen unnötigen Wortschatz, den nur, wie die Araber sagen, ein göttlicher Prophet in seinem ganzen Umfange fassen konnte? Erfand er ins Leere der Vergessenheit? Vergleichungsweise aber sind diese Worte doch immer Synonymen, in Betracht der vielen andern Ideen, für die Wörter gar mangeln. Nun entwickle man doch darin göttliche Ordnung, daß Er, der den Plan der Sprache übersahe, für den Stein 70 Wörter erfand und für alle so nötige Ideen, innerliche Gefühle und Abstraktionen keine? daß er dort mit unnötigem Überfluß überhäufte, hier in der größten Dürftigkeit ließ, zu stehlen, Metaphern zu usurpieren, halben Unsinn zu reden usw.

Menschlich erklärt sich die Sache von selbst. So uneigentlich schwere, seltne Ideen ausgedrückt werden mußten, so häufig konntens die vorliegenden und leichten. Je unbekannter man mit der Natur war, von je mehrern Seiten man sie aus Unerfahrenheit ansehen und kaum wiedererkennen konnte, je weniger man a priori, sondern nach sinnlichen Umständen erfand, desto mehr Synonyme! Je mehrere erfanden, je umherirrender und abgetrennter sie erfanden, und doch nur meistens in einem Kreise für einerlei Sachen erfanden; wenn sie nachher zusammenkamen, wenn ihre Sprachen in einen Ozean von Wörterbuch flossen: desto mehr Synonyme! Verworfen konnten alle nicht werden, denn welche solltens? Sie waren bei diesem Stamm, bei dieser Familie, bei diesem Dichter bräuchlich; es ward also, wie jener arabische Wörterbuchschreiber sagt, da er 400 Wörter von Elend aufgezählt hatte, das 401. Elend, die Wörter des Elends aufzählen zu müssen. Eine solche Sprache ist reich, weil sie arm ist, weil ihre Erfinder noch nicht Plan genug hatten, arm zu werden – und der müßige Erfinder eben der unvollkommensten Sprache wäre Gott?

Die Analogien aller wilden Sprachen bestätigen meinen Satz: jede ist auf ihre Weise verschwenderisch und dürftig, nur jede auf eigne Art. Wenn der Araber für Stein, Kamel, Schwert, Schlange (Dinge, unter denen er lebt!) so viel Wörter hat, so ist die ceylanische Sprache, den Neigungen ihres Volks gemäß, reich an Schmeicheleien, Titeln und Wortgepränge. Für das Wort »Frauenzimmer« hat sie nach Stand und Range zwölferlei Namen, da selbst wir unhöfliche Deutsche z. E. hierin von unsern Nachbarn borgen müssen. Nach Stand und Range wird das »Du« und »Ihr« auf achterlei Weise gegeben, und das sowohl vom Tagelöhner als vom Hofmanne: der Wust ist Form der Sprache. In Siam gibt es achterlei Manieren, »Ich« und »Wir« zu sagen, nachdem der Herr mit dem Knechte oder der Knecht mit dem Herrn redet. Die Sprache der wilden Kariben ist beinahe in zwo Sprachen der Weiber und Männer verteilt, und die gemeinsten Sachen: Bette, Mond, Sonne, Bogen benennen beide anders; welch ein Überfluß von Synonymen! Und doch haben eben diese Kariben nur vier Wörter für die Farben, auf die sie alle andre beziehen müssen – welche Armut! Die Huronen haben jedesmal ein doppeltes Verbum für eine beseelte und unbeseelte Sache, so daß Sehen bei »einen Stein sehen« und Sehen bei »einen Menschen sehen« immer zween verschiedne Ausdrücke sind – man verfolge das durch die ganze Natur – welch ein Reichtum! »Sich seines Eigentums bedienen« oder »des Eigentums dessen, mit dem man redet«, hat immer zwei verschiedne Wörter – welch ein Reichtum! In der peruanischen Hauptsprache nennen sich die Geschlechter so sonderbar abgetrennt, daß die Schwester des Bruders und die Schwester der Schwester, das Kind des Vaters und der Mutter ganz verschieden heißt, und doch hat eben diese Sprache keinen wahren Pluralis! Jede dieser Synonymien hängt so sehr mit Sitte, Charakter und Ursprung des Volks zusammen; überall aber charakterisiert sich der erfindende menschliche Geist. – Ein neuer Kanon:

IV. »So wie die menschliche Seele sich keiner Abstraktion aus dem Reiche der Geister erinnern kann, zu der sie nicht durch Gelegenheiten und Erweckungen der Sinne gelangte, so hat auch keine Sprache ein Abstraktum, zu dem sie nicht durch Ton und Gefühl gelangt wäre. Und je ursprünglicher die Sprache, desto weniger Abstraktionen, desto mehr Gefühle.« Ich kann in diesem unermeßlichen Felde wieder nur Blumen brechen:

Der ganze Bau der morgenländischen Sprachen zeuget, daß alle ihre Abstrakta voraus Sinnlichkeiten gewesen: Der Geist war »Wind«, »Hauch«, »Nachtsturm«! Heilig hieß »abgesondert«, »einsam«; die Seele hieß »der Othem«; der Zorn »das Schnauben der Nase« usw. Die allgemeinem Begriffe wurden ihr also erst später durch Abstraktion, Witz, Phantasie, Gleichnis, Analogie usw. angebildet – im tiefsten Abgrunde der Sprache liegt keine einzige!

Bei allen Wilden findet dasselbe nach Maß der Kultur statt. In der Sprache von Barantola wußte man nicht »heilig« und bei den Hottentotten nicht das Wort »Geist« zu finden. Alle Missionarien in allen Weltteilen klagen über die Schwürigkeit, christliche Begriffe den Wilden in ihren Sprachen mitzuteilen, und doch dörften diese Mitteilungen ja nimmer eine scholastische Dogmatik, sondern nur die gemeinen Begriffe des gemeinen Verstandes sein. Wenn man hie und da Proben dieses Vortrages unter den Wilden, auch nur unter den ungebildeten Sprachen Europens, z. E. der lappländischen, finnischen, estnischen, übersetzt lieset und die Sprachlehren und Wörterbücher dieser Völker siehet, so werden die Schwürigkeiten offenbar.

Will man den Missionarien nicht glauben, so lese man die Philosophen, de la Condamine in Peru und am Amazonenstrome, Maupertuis in Lappland usw. Zeit, Dauer, Raum, Wesen, Stoff, Körper, Tugend, Gerechtigkeit, Freiheit, Erkenntlichkeit – sind im Munde der Peruaner nicht, wenn sie gleich mit ihrer Vernunft oft zeigen, daß sie nach diesen Begriffen schließen, und mit ihren Taten zeigen, daß sie die Tugenden haben. Solange sie die Idee nicht als Merkmal sich deutlich gemacht, so haben sie dazu kein Wort.

Wo also solche Worte in die Sprache hineingekommen, siehet man ihnen offenbar ihren Ursprung an. Die Kirchensprache der russischen Nation ist meistens griechisch; die christlichen Begriffe der Letten sind deutsche Worte oder deutsche Begriffe lettisiert. Der Mexikaner, der seinen armen Sünder ausdrücken will, malt ihn wie einen Knienden, der Ohrenbeicht ableget, und seine Dreieinigkeit wie drei Gesichte mit Scheinen. Man weiß, auf welchen Wegen die meisten Abstraktionen in unsre wissenschaftliche Sprache gekommen sind, in Theologie und Rechtsgelehrsamkeit, in Philosophie und andre. Man weiß, wie oft Scholastiker und Polemiker nicht einmal mit Worten ihrer Sprache streiten konnten und also Streitgewehr (Hypostasis und Substanz, ομοουσιος und ομοιουσιος) aus denen Sprachen herüberholen mußten, in denen die Begriffe abstrahiert, in denen das Streitgewehr geschärft war! Unsre ganze Psychologie, so verfeinert und bestimmt sie ist, hat kein eigentliches Wort.

Dies ist so wahr, daß es sogar Schwärmern und Entzückten nicht möglich ist, ihre neue Geheimnisse aus der Natur, aus Himmel und Hölle anders als durch Bilder und sinnliche Vorstellungen zu charakterisieren. Swedenborg konnte seine Engel und Geister nicht anders als aus allen Sinnen zusammenwittern und der erhabne Klopstock, jenem die größeste Antithese! seinen Himmel und Hölle nicht anders als aus sinnlichen Materialien bauen. Der Neger wittert sich seine Götter vom Gipfel der Bäume herunter, und der Chingulese erhört sich seinen Teufel aus dem Geklatsche der Wälder. Ich bin einigen dieser Abstraktionen unter verschiednen Völkern, in verschiednen Sprachen nachgeschlichen und habe die sonderbarsten Erfindungskunstgriffe des menschlichen Geistes wahrgenommen; der Gegenstand ist viel zu groß; der Grund ist immer derselbe. Wenn der Wilde denkt, daß dies Ding einen Geist hat, so muß ein sinnliches Ding dasein, aus dem er sich den Geist abstrahiert. Nur hat die Abstraktion ihre sehr verschiedne Arten, Stufen und Methoden. Das leichteste Beispiel, daß keine Nation in ihrer Sprache mehr und andre Wörter habe, als sie abstrahieren gelernt, sind die ohne Zweifel sehr leichte Abstraktionen, die Zahlen. Wie wenige haben die meisten Wilden, so reich, vortrefflich und ausgebildet ihre Sprachen sein mögen! nie mehr, als sie brauchten. Der handelnde Phönizier war der erste, der die Rechenkunst erfand. Der seine Herde überzählende Hirte lernt auch zählen. Die Jagdnationen, die nie vielzählige Geschäfte haben, wissen eine Armee nicht anders zu bezeichnen als wie Haare auf dem Haupt! Wer mag sie zählen? Wer, der nie so weit hinauf gezählet hat, hat dazu Worte?

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.