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Aber Söfchen ...!

Rudolf Stratz: Aber Söfchen ...! - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorRudolph Stratz
booktitleDas Paradies im Schnee
titleAber Söfchen ...!
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrun1. bis 10. Tausend
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090216
projectidc830defe
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Rudolph Stratz

Aber Söfchen ...!

Nun hatte der Richter die Scheidung ausgesprochen. Ganz schnell. Ganz prosaisch. Ganz geschäftsmäßig. Der Rechtsanwalt hatte Söfchen gleich gesagt: »Gnädige Frau – erwarten Sie keine Sensationen! Das ist bei den Leuten hier das tägliche Brot!«

Sie ging mit ihm die Treppe des Amtsgerichts hinunter. Verschleiert. Schwarzes Hütchen. Dunkles Laufkleid. Streng das alles der traurigen Angelegenheit angepaßt. Auf der Straße wehte ein kalter Wind. Der Himmel war grau. Der Rechtsanwalt bat: »Kommen Sie mehr nach rechts, gnädige Frau! Da links steht gerade Ihr ... Exgatte!«

Richtig: der Gustav! Sehr gut aussehend. Bartlos, distinguiert. Blaß und ernst. In dunklem, rundem Hut, dunklem Paletot, dunkler Krawatte, dunklen Handschuhen. Es sah aus, als kämen sie beide, er und sie, von einem Begräbnis. Dem Begräbnis ihrer Ehe. Er schaute zufällig nach ihr hin. Ihre Blicke trafen sich.

»Soll ich Sie zu einem Auto bringen, gnädige Frau?« fragte der Rechtsanwalt.

»Ja ... bitte! ... Das heißt: Nein! ... Danke!«

»Wollen Sie lieber zu Fuß gehen?«

»Ja. Oder vielmehr: Ich hab' ne Idee! Also auf Wiedersehen, lieber Doktor!«

Die kleine Frau trennte sich von ihrem Rechtsbeistand und schritt leichtfüßig und entschlossen auf ihren früheren Gatten drüben zu. Er sah sie ruhig herantrippeln. Als sie dicht vor ihm war, lüftete er wortlos den Hut. Sie blieb vor ihm stehen und schaute zögernd zu ihm auf und hatte das Gefühl, daß sie jetzt natürlich zuerst etwas äußern müsse, und öffnete den herzförmig geschnittenen kleinen Mund und sagte schließlich – sie mochte wollen oder nicht – doch nur ehrlich:

»Uff!«

Er schwieg.

Sie frug nach einer Sekunde:

»Hast du gar nichts darauf zu antworten?«

»Soll ich auch ›Uff!‹ sagen?«

»Na – warum denn nicht?«

»Es wäre unhöflich!«

»Gott – ich nehm' es nicht übel ...« Die kleine Frau wurde plötzlich lebhaft. »Also: wie ich dich da stehen sah – Gott – wir sind doch schließlich Menschen von Welt – keine kleinen Leute! Na – und da marschierte ich auf dich los! Du weißt ja: Bei mir geht's schnell! Aber nun stehst du natürlich wieder da und schweigst ...«

»... weil ich wirklich nicht weiß, wovon wir beide noch miteinander reden sollen ...«

»Doch ...« Die kleine Frau klopfte sich mit dem kurzen, dicken Streitkolben von Regenschirm angelegentlich gegen die winzige rechte Schuhspitze aus dunklem Wildleder. »... Ich möchte dir doch ... doch anstandshalber danken ...«

»Nicht nötig!«

»Bitte! Du hast dich fabelhaft anständig benommen! Du hättest dich doch von dir aus nicht scheiden lassen ...«

»Nein.«

»... bloß, weil ich es nicht mehr aushielt, hast du mir den riesigen Gefallen getan ...«

»Der Mensch soll sich niemand aufdrängen ...«

»... und durch die bösliche Verlassung die ganze Schuld auf dich genommen, so daß ich glatt intakt dastehe ...«

»Das war meine Pflicht. Eine schuldhaft geschiedene Frau ist unmöglich. Einem Manne schadet's weiter nichts!«

»Na eben – du hast dich als tadellosen Gentleman in der ganzen Geschichte gezeigt! Nun können wir sie vergessen und neu zu leben anfangen! Wir sind doch noch jung. Du dreißig und ich vierundzwanzig. Da schafft man's schon noch!«

»Meine besten Wünsche!«

»Vergelt's Gott! Meine auch! Ich bin ein guter Kerl! Ich mag mit niemand lange bös sein! Auch mit dir nicht! Wir wollen doch lieber 'ne nette Erinnerung voneinander mitnehmen! ... Das Gericht hat uns jetzt eben so rüde getrennt – eine Stimmung wie auf der Auktion –, hast du bemerkt, was der Richter für eine kolossale Glatze gehabt hat, wenn er sein Käppchen abnahm?«

»Ich dachte an andere Sachen!«

»Ja – ich weiß ja – ich hab' 'nen Kopf wie'n Sack voll Flöhe – obwohl ich doch jetzt so traurig bin – tieftraurig – natürlich – das heißt, eigentlich auch wieder nicht traurig – ganz natürlich ... Ich bin furchtbar vergnügt. Denn jetzt wird doch alles so wunderschön ... Du: ich möchte dir einen Vorschlag machen ...«

»Bitte ...«

»Wir frühstücken jetzt zusammen – ein letztes Mal – ein bißchen nett – in aller Harmonie – also, ich finde die Idee direkt genial – also so was für moderne Menschen!«

»Meinst du?«

»Ja! ... Und dann trennen wir uns in aller Freundschaft – und du gehst rechts, und ich geh' links – was sagst du dazu? ... Ist das nicht glänzend?«

»Wie du willst! ... Also bitte ...«

»Darin bist du, scheint's, noch auf der Höhe!« sagte die kleine Frau nach einer Stunde und schaute sich befriedigt um. »Das ist wirklich ein Lokal für bessere Menschen ... Furchtbar gemütlich ...«

Dicke Teppiche – lautlose Kellner – gerade nur da und dort ein paar Gäste – Mokka – Chartreuse – Sie nippte kennerhaft und blies mit spitzen Lippen ein Zigarettenwölkchen.

»Na?« meinte sie stolz, als erwartete sie ein Lob. Er schaute sie fragend an. Sie wiederholte.

»Na – ist denn das so nicht viel netter, als wenn man wie Katz' und Hund sich zum Schluß noch anfaucht? Haben wir ja jetzt alles hinter uns! ... Weißt du: Ich heirate jetzt gleich – sowie ich den Dispens von Paragraph 1313 hab' ... Sag' mal: Du kennst doch meinen künftigen Mann?«

»Flüchtig!«

»Ihr seid doch Korpsbrüder!«

»Aber zu verschiedenen Zeiten aktiv! Ich habe ihn nur ein paarmal gesehen! Er hat ja auch offenbar als Staatsanwalt klotzig zu tun!«

»Wie findest du ihn denn?«

»Gar nicht. Es kommt doch nur darauf an, wie du ihn findest ...«

»Na – da ich ihn heirate ...«

»... und wie er dich findet ...«

»Na ... da er mich heiratet ...«

»Er wird dich schon noch kennenlernen ...«

»Danke.«

»... Auch deine netten Seiten ...«

»Hab' ich die in deinen Augen wirklich?«

»Gewiß. Jetzt – wo ich dich wieder ganz objektiv anschaue!«

»Ja – du hast direkt etwas Abgeklärtes! Erdentrücktes! Vollkommen präokkupiert bist du – vom ersten Augenblick ab. Man merkt, daß ich und unsere Ehe und alles dir schon ganz gleichgültig geworden sind ...«

»Sagen wir: historisch.«

»Du hast schon offenbar ganz andere Dinge im Kopf ...«

»Ganz andere Dinge ...«

»Wie andeutungsvoll du das sagst ...! Was denn?«

»Zunächst ... ja, zunächst werde ich es so machen wie du ...«

»Das heißt ...«

»Na – ich heirate auch ...«

»Was?«

»Ja. Ich bin verlobt!«

»Du ...«

»Seit vier Wochen schon. Glaubst du, du hast das künftige Eheglück gepachtet?«

Die kleine Frau schlang die Hände ineinander und starrte ihn an wie ein Fabeltier.

»Du bist Bräutigam?«

»Aber sehr ...«

»Ach nee ...«

»Mißfällt dir das?«

»I nee ... Ich bin nur baff ...«

»Verzeihe nur, daß ich dich nicht vorher um Erlaubnis gefragt hab'!«

»Hätt'st du gekriegt ...« rief die junge Frau enthusiastisch. Sie bekam ganz große Augen. Einen höchst amüsierten Zug um den Mund. »Du: mir wird ganz warm! Das ist ja eine Idee von Schiller!«

»Du meinst: Warum soll ich's besser haben als du?«

»Ich freu' mich, daß du mich überwunden hast! So handelt ein Mann! Du hast ja so recht! ... Liebst du sie?«

Der elegante, junge Mann ihr gegenüber rauchte und sagte gemütlicher als bisher – so, als habe er mit dem Geständnis eine Last von der Brust:

»Es gibt Dinge – die kannst eben nur du fragen – wirklich: Nur du ...«

»Gott – na ... mit der Liebe ... mit der Liebe ist es oft auch so 'ne Sache ...«

Er schaute, die Zigarre schief im Mundwinkel, forschend in das hübsche, schmale, nervöse Kindergesicht.

»Dann ist es bei dir wohl gar eine Vernunftehe ...?«

»Ich und Vernunft!«

»Richtig! ... Verzeih!«

»Überhaupt: lassen wir mich aus dem Spiel!« Die zarten Finger zerdrückten unruhig ein paar Krachmandeln. »Ich bin hier jetzt nicht an der Tagesordnung ...«

»... sondern?«

»... sie ... sie ...« Sie beugte sich leidenschaftlich über den Tisch. »Dich läßt mein Künftiger kalt ...«

»Ich kann es nicht leugnen!«

»Aber mich interessiert das mit dir brennend – in was für Hände du kommst!«

»Sehr freundlich ...«

»Wenn man angefangen hat, einen Mann zu erziehen ... Wie? ... noch 'nen Chartreuse? Ja – gib – danke ...«

»... dann möchte man nicht, daß die Geschichte hinterher verpfuscht wird! Leicht hat's die Neue ja nicht! ... Du! ...« Die kleine Frau hielt den Atem an. Ihre Augen leuchteten neugierig. Sie legte sich noch weiter über den Tisch und forschte geheimnisvoll leise: »... Du ... wer ist es denn?«

»Ein Fräulein Jungkind.«

»Vorname?«

»Lottka!«

»Was treibt sie denn?«

»Jeden Sport!«

»Nu eben! Der Name kam mir doch bekannt vor! Den hab' ich schon gelesen!«

»Sie steht oft in der Sportrubrik in der Zeitung! ...«

»Was sind denn die Eltern?«

»Reich, aber ehrlich!«

»Wo wohnen sie denn?«

»Na – hier!«

»Hier in der Stadt?«

»Zwei Minuten von hier – gegenüber dem Stadtparkl«

»Und die Lottka auch?«

»Na natürlich!«

»... Um die Ecke wohnt sie ...? Nun sage einer ...«

»Warum faltest du denn so feierlich die Hände?«

»Also: Ich hab' einen Einfall! ... Einen Einfall hab' ich. Der Einfall ist so schön ... es ist gar nicht zu sagen, wie schön ... der ist beinahe zu schön für diese Welt ...«

»Das wird wieder ein Stück von dir werden ...«

»Also – nun nimm dich mal zusammen und sei kein Philister und zeige, daß du ein paar Jahre mein Mann warst ...«

»Du ... mir ahnt Unheil ...«

»Erhebe dich zu einer modernen Größe ...«

»Es sähe dir nämlich wirklich ähnlich ...«

»Erfülle zum Abschied meine letzte Bitte! Ja? ... Ja? ... Ja?«

»Nenne sie schon! ... Bei allen guten Geistern!«

»Ich muß wissen, zu wem du kommst! Es beruhigt mich so kolossal! Geh – sei lieb: Mach' mich mit der Lottka bekannt!«

»Ich wußt' es doch!«

»Sie ist sicher eine moderne Frau! Sie wird sicher nichts dagegen haben ...«

»Söfchen...«

»Gelt – du tust's?«

»Ausgeschlossen!«

»Gustav! ... Ich nenn' dich wahrhaftig beim Vornamen, wie einst im Mai!«

»Aus–ge–schlos–sen!«

»Gustav! ... Auf zu Lottka!«

»Nein!« Er hatte gezahlt und legte seiner früheren Frau im Vorraum den Mantel um die schmalen Schultern. »Kind – das geht wirklich nicht ...«

»Sei doch 'mal genial ...«

»Das ist eine Kateridee!« Er trat mit ihr auf die Straße. »Die mach' ich nicht mit!«

»Ist das dein letztes Wort?« frug die kleine Frau traurig.

»Unwiderruflich!« Er öffnete den Schlag eines herbeigewinkten Autos. »Wohin soll dich der Chauffeur fahren?«

»Ach – steig du nur in die Kutsche! Ich muß hier gerade um die Ecke auf einen Sprung zu meiner Schneiderin! Also ...« Sie bot wehmütig ihrem Ehegatten die kleine, behandschuhte Rechte. »Jetzt wollen wir in Schönheit scheiden! Grüße deine Lottka von mir ...«

»Danke!«

»... Und nun: Arm- und Beinbruch fürs künftige Leben! Gib mir noch 'mal die Hand, alter Kerl! ... Schau' mich an! Ich dich auch! So ... Schluß! Alles Gute! Adieu! Adieu!«

Sie stöckelte schnell, ohne sich umzusehen, auf hohen Absätzen den Bürgersteig hinab. Ihr Einstiger blickte ihr, den Fuß auf dem Trittbrett des Autos, mißtrauisch nach: Nein! Da trat sie wirklich drüben in einen eleganten Putzladen. Eine dicke Madame dienerte schon in der Tür. Er fuhr beruhigt davon. Innen in dem Geschäft scheuchte Frau Söfchen mit zwei flatternden Handbewegungen die Direktricen und die Mannequins und den böhmischen Schneider.

»Nichts! ... Nichts! ... Nur das Telephonbuch! ... Danke!« Sie blätterte hastig. »Jung ... Junghans ... Jungkind ...«

»Kommerzienrat Jungkind, gnädige Frau ...? Nr. 107 ... zwanzig Häuser von hier ... Wollen gnädige Frau nicht ein eben mitgebrachtes Pariser Modell ...?«

Sie war schon draußen. Sie stand schon vor der Villa Jungkind, die selber wohlhabend und gewichtig wie ein Kommerzienrat unter den anderen Häusern ragte. Sie sagte etwas atemlos zu dem Pförtner:

»Ich muß fix 'mal das Fräulein Jungkind sprechen!«

»Ich glaube, das gnädige Fräulein ist noch oben. Da kommt sie eben die Treppe hinunter!«

Eine große, schlanke junge Dame stieg da elastisch schlenkernd, in langen weißen Tennisschuhen die Stufen abwärts. Sie hielt ein Rakett in der muskulösen Sporthand. An ihrem weiten, kurzen, weißen Flanellrock sah man, daß es kein junger Mann war. Denn im übrigen trug sie statt des Bubikopfes das blonde Haar ganz kurz, nach Männerart, um Ohren und Schläfen gestutzt. Sie war sehr hübsch, mit blauen, kühlen Sportaugen und einem zähen Rekordwillen im energischen Schwung des Kinns. Sie schaute etwas erstaunt auf die kleine Frau hinab.

»Ja. Ich bin Fräulein Jungkind. Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Ach Gott ... Ich hab' doch diesen Augenblick erst erfahren, daß mein Mann sich mit Ihnen verlobt hat!«

»Was ...?«

»Natürlich mein früherer Mann! Wir sind doch jetzt eben frisch geschieden! Und beim Frühstück nachher hat er's mir erzählt!«

»Beim Frühstück ...?«

»Ja. Es war sehr nett! Sehr gemütlich! Und da kriegte ich solch eine brennende Neugier. Ich mußte 'mal zu Ihnen ...«

»Zu mir?«

»Ja. Um zu sehen, in was für Hände der Gustav kommt!«

Die junge Dame sah aus ihrer beträchtlichen Länge verblüfft auf die Besucherin. Dann meinte sie langsam mit ihrer frischen, ziemlich tiefen Stimme: »Sagen Sie mal: Sie sind wohl ganz verdreht?«

Die kleine Frau schaute mit einem kindlichen Augenaufschlag zu ihr empor.

»Wieso? So 'was muß man nur modern auffassen! Natürlich: Leute von gestern ... Aber zu denen gehören Sie doch nicht! ... Sie sind ein Tennis-Champion ...«

»Hauptsächlich Eislaufmeisterin!«

»Ich hab' Ihr Bild gesehen, wie Sie mit einer Kanonenkugel geworfen haben – –«

»Im Kugelstemmen hab' ich mich in letzter Zeit sogar sehr verbessert!«

»Das freut mich für Siel ... Sie sind eine Ausnahmenatur! Ich, in meiner Art, auch – nur mehr mit den Nerven – natürlich – nicht mit den Muskeln ... Wir haben beide Sinn für das Ungewöhnliche ... das ist unser Stil ... Wir werden uns schon verstehen ... So – und – na also: Da bin ich ...«

Die junge Dame schüttelte den Kopf. Dann lachte sie und sagte mit ihrer tiefen, starken Stimme:

»Also – darf ich Sie bitten, gnädige Frau ... Eine Treppe höher sind meine Gemächer ... Nehmen Sie Platz ...« Sie klingelte der Zofe. "Alma – bringen Sie Tee und telefonieren Sie auf den Tennisplatz, ich käme erst später! Ich hätte plötzlichen Besuch gekriegt. So – nun sind wir allein, gnädige Frau – also kommen wir zur Sache ...«

»Ja. Vor allem wollt' ich Sie sehen!« sagte Frau Söfchen aufgeregt und zupfte sich die Handschuhe von den Fingern. »Und da fällt mir schon ein Stein vom Herzen! Der Gustav braucht natürlich eine sehr hübsche, sehr elegante, sehr schicke Frau – na – da bin ich jetzt restlos beruhigt ...«

»Sie sind sehr gütig ...«

»Aber nun die Hauptsache! Die Hauptsache ist, daß man den Gustav bei seinen guten Seiten packt! Er ist an sich ein sehr anständiger Mensch. Er hat sich jetzt auch in dem Scheidungsprozeß tiptop als Gent benommen!«

»Oh – er wird schon glücklich sein!« versetzte die junge Dame drüben über dem Tisch gelassen und sehr bestimmt.

»Ja – das sagen Sie so ... Sie waren noch nicht verheiratet!« Die kleine Frau rückte aufgeregt auf dem kleinen Sofa näher. »Sie wissen nicht, wie schwer das mit den Männern ist! Mit den Männern richtig umzugehen ...« Sie zog die Augenbrauen hoch. » – Das ist eine große – große Kunst! Und wenn man's in der ersten Zeit verpaßt, hat man seine Stellung ein für allemal verspielt!«

»Sie sprechen mir aus der Seele, gnädige Frau!«

»Ich möchte Ihnen so gern ein paar Winke geben! Ich kenne den Gustav doch so genau und meine es so gut mit ihm ... Warum machen Sie denn so ein humoristisches Gesicht ...?«

»Ach, nichts, gnädige Frau! So – gehen Sie nur wieder, Alma!« Fräulein Jungkind füllte aus der Teekanne, die die Zofe gebracht, mit ihrer kräftigen, blaugeäderten Rechten die Tassen. »Bitte ... hier stehn die Zigaretten!«

»Ach, Sie meinen, weil es mir bei dem Gustav vorbeigeglückt ist?« Frau Söfchen nippte an dem Porzellanrand und setzte sich steil und erschrocken aufrecht. »Da – denken Sie, wär' ich 'ne nette Sachverständige? Ja: Ich kann Ihnen natürlich nur verraten, wie man's nicht machen muß: Nämlich so, wie ich es gemacht hab'!«

»Und wie war das?« frug die Tennismeisterin gleichmütig und rauchte.

»Ich hab' ihn zu lieb gehabt! Das heißt: lieb soll man seinen Mann freilich haben! Aber man soll's nicht immer so zeigen, wie ich's getan hab'! Das vertragen die Männer nicht! Dann werden sie übermütig! Dann werden sie herrschsüchtig! Dann werden sie Paschas! So kam's bei mir – weil ich zu schwach war! Ich bin zu weich, zu flattrig, zu wechselnd! Wenn man sich erst zum Spielzeug machen läßt, dann spielen die Männer mit einem! Sie werden das auch noch kennenlernen!«

»Ich glaube kaum! Noch ein Täßchen?«

»Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten. Aber erschrecken Sie nicht ...«

»Ich bin nicht so nervös, gnädige Frau!«

»Also ins Ohr: Der Gustav ist eigentlich eine unselbständige Natur! Das will er nicht verraten! Das verbirgt er nach außen durch schneidiges Auftreten! Durch Schroffheit! Damit schüchtert er einen ein, weil er selber im Grunde schüchtern ist! Das hab' ich schließlich bei ihm begriffen! Aber da war es schon zu spät! Glauben Sie mir: man muß ihm vom ersten Tag ab imponieren!«

»Was Sie nicht sagen ...«

»Zu seinem eigenen Besten! ... Ach – ich rede da und rede! Ich bin so kraus im Kopf! Seien Sie mir nicht böse!«

»Mich amüsiert das höchlichst!« sagte die junge Dame und setzte sich freundschaftlich neben die Besucherin auf das Sofa.

»Sie werden sich im stillen denken: ›Was ist das für eine verdrehte Liese!... ‹«

»Nein. Ich finde Sie reizend, gnädige Frau!«

»Ach – das ist lieb, daß Sie das sagen! Wo doch unsere künftigen Männer Korpsbrüder sind! Wir leben in derselben Stadt! Wir können gar nicht vermeiden, uns manchmal zu sehen ...«

»Das wird ja sehr lustig!«

»Nicht wahr? Da vertragen wir uns?«

»Na natürlich ...«

»... und sind ganz unbefangen nett zu einander?«

»Wir sitzen ja jetzt schon hier ganz friedlich beim Tee!«

»Ach – Sie sind ein vernünftiger Mensch!« Die kleine Frau atmete auf. »Das kann ich ja von mir nicht behaupten! Ich kann auch nicht mit Kanonenkugeln werfen wie Sie! Ich bin eben anders ...«

»Wollen Sie durchaus Schmeicheleien hören?«

»Nein – nein – wissen Sie: Mir kommt es jetzt so vor, als wären von uns zweien Sie die Frau und ich das junge Mädchen! Sie haben so etwas Selbstsicheres ... Seelenruhiges ...«

»Gott – das macht der Sport! Da lernt man ja die Männer gründlich kennen – die uns übrigens auch – da macht man sich gegenseitig nicht mehr viel vor ... Was das für ein Geschrei da draußen ist, gnädige Frau? Kennen Sie diese Stimme nicht?«

»Um Gottes willen ... Das ist doch nicht ...«

»Doch! Das ist Gustav! Hören Sie nur, wie er die arme Alma anwettert ...«

»Und das sagen Sie so ruhig ...?«

»Na ja ...«

»Er ist ja wütend ...« »Ja. Er hat auf dem Tennisplatz gewartet und ist im Auto hergesaust! ... 'Tag, Gustav!«

»Lottka! ...«

»Er ist doch eine sehr vornehme Erscheinung, wenn er so hereinkommt – nicht?« sagte Fräulein Jungkind zu der jungen Frau. »Distinguiert – auch wenn alles in ihm kocht! ... Komm ... setz' dich, Gustav! ...«

»Lottka ... Du telephoniertest mir hinaus, du hattest Besuch ...«

»Na ja – die Dame kennst du ja ...«

»Mir schwante gleich Unheil ... Ich breche die Partie draußen ab ...«

»Schuß Arrak in den Tee?«

»Ich geb' dem Chauffeur drei Märker Trinkgeld ... Richtig: Da sitzt ihr beide ...«

»Lauf doch nicht so im Zimmer 'rum!«

»Da sitzen meine Frauen ...«

»Du machst ja die gnädige Frau nervös!«

»Da sitzen meine Frauen und trinken Kaffee!«

»Tee!«

»Ich hatte das ausdrücklich verboten!«

»Du hast mir aber nichts mehr zu verbieten!« versetzte Frau Söfchen sanft.

»Gut! ... Aber du, Lottka, hättest dir sagen müssen ... Ihr zwei – beisammen ... Das hat ja geradezu etwas Unmoralisches an sich ...«

»Ich finde: etwas sehr nett Menschliches ...«

»Ein Kaffeeverhältnis! ... Ihr raucht zusammen! ... Ihr sitzt nebeneinander auf dem Sofa ...«

»Na ja – was ist denn dabei ...?«

»Ein Kaffeeverhältnis ...!«

»Tee ... Gustav ... Tee!«

»Da kommt man sich als Dritter ja geradezu lächerlich vor – als Mann zwischen euch beiden.«

»Gustav – setze dich ruhig zu uns! Beherrsche die Situation!«

»Ich betrachte das als eine Verhöhnung – jawohl: als eine bewußte Verhöhnung meiner Autorität!« Der schöne junge Mann reckte, vor Zorn bleich, seine Rassegestalt. Töne von schneidender Schärfe kamen über die schmalen, glattrasierten Lippen. »Also ... ich will nicht weiter stören ...«

»Wohin, Gustav?«

»Ich habe hier nichts zu suchen! Freundet ihr euch meinetwegen miteinander an ...«

»Warum denn nicht?«

»Seid ein Herz und eine Seele! Bildet eine Verschwörung gegen mich ...«

»Gustav. Die gnädige Frau wundert sich über dich.«

»Ich bin da offenbar völlig überflüssig ... Ich empfehle mich, Lottka ... bis auf weiteres ...«

»Rück' mal deine Krawatte zurecht! – ja?«

»Ich werde dir meine Meinung schreiben! Ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen! Ich muß ein für allemal ein Exempel statuieren, wer künftig Herr im Hause ist ...«

»Gustav ...«

»Also vorläufig adieu!«

»Gustav ... nimm mal gefälligst die Hand von der Türklinke!« sagte seine Braut gleichmütig.

»Nein, ich gehe!«

»Da irrst du dich!« Fräulein Jungkinds tiefe, frische Stimme klang freundlich und entschieden.

»Wieso?« Er stand zögernd da, die Faust noch um den Türgriff.

»Weil du bleibst ...« sprach Lottka Jungkind einfach.

»So ...?«

»Na, natürlich ...«

»Warum soll ich denn bleiben?«

»... Weil ich es will ...«

»Lottka ...«

»Na ... wird's?«

Der Bräutigam drüben löste unschlüssig die Finger von der Klinke. Seine Hand sank schlaff herab.

»Komm hierher, Gustav ...« versetzte die Tennismeisterin mit lächelnder Bestimmtheit. Er machte düster ein paar Schritte nach dem Teetisch hin. Sie nickte ihm zu wie einem wohlerzogenen Kind und rückte ihm selbst den Stuhl zurecht. Er murmelte:

»Lottka ... ich weiß wirklich nicht ...«

»Keine Volksredenl Sei brav! ... So ... Da sitzt er ... in Lebensgröße! ... Na also...«

»Hurra!« Frau Söfchen fuhr jäh in die Höhe und klatschte begeistert in die Hände ... Hurra!«

»Was ist denn hier für ein Grund zu jubeln?« fragte der Bräutigam herbe.

»Gott sei Dank! Gustav, da hast du den rechten Griff getan!«

»Findest du?« Ihr früherer Mann sah tiefsinnig vor sich hin und nahm sich langsam eine Zigarette aus der Dose.

»Gustav ... das ist die wahre ... Laß dir die Hand schütteln! ...«

»Danke!«

»Das ist die Frau, die du brauchst! Mit der wirst du glücklich!«

»Das möchte ich ihm auch raten!« sprach drüben herzlich die Braut.

»Und ich bin selig, daß ich dich soweit weiß! Ein frommer Knecht war Fridolin ...«

»Ach ... bitte ...«

»... und in der Furcht des Herrn! ... Also, Kinder: Meinen Segen! ... Nun kann ich beruhigt abstiefeln! Wie? ... Es fragt ein Herr nach mir?«

»Jawohl, gnädige Frau!« meldete die Zofe. »Da kommt er schon herein!«

Die kleine Frau schaute nach der Schwelle. Auf der stand ein stattlicher Herr mit Glatze und Zwicker – viele vernarbte Schmisse auf dem schnurrbärtigen, äußerst energischen Juristengesicht. Er verbeugte sich vor der Dame des Hauses.

»Darf ich Ihnen meinen Bräutigam vorstellen, Fräulein Jungkind!« sagte Frau Söfchen. »Herr Staatsanwalt Dr. Emmerich! ... Also, weißt du, Emil: Du hast hier gerade noch gefehlt!«

»Entschuldigen Sie den Einbruch, gnädiges Fräulein!« Der Staatsanwalt lächelte gemütlich und nickte etwas kühl dem Korpsbruder zu. »Tag ... Also ... ich möchte dich jetzt einheimsen, Sofie! Du warst ja wohl lange genug hier!«

»Woher weißt du denn überhaupt ...«

»Ich wollt' in dem Putzladen so 'nen neumodischen Blumentopf von Hut als Ueberraschung für dich kaufen und hörte, du seist hierher! Da sagt' ich mir: Nanu? Nehmen Sie's ihr nicht übel, gnädiges Fräulein! Die kleine Sofie macht manchmal so Streiche! Die ist nicht ganz von dieser Welt!«

»Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Besuch, liebe, gnädige Frau ...«

»Jedenfalls hatte sie dabei keine verbrecherischen Absichten!« sagte der breitschulterige Staatsanwalt. »Nun komm, Sofie!«

»Aber bitte ... bitte ... keine Standpauke! Nicht wahr?« sprach die kleine Frau bang und flehend und schaute aus feuchten Kinderaugen zu ihrem gebieterischen Bräutigam auf. Der legte zärtlich den Arm um ihre schmale Taille.

»Ich kenn' dich doch! Ich werde doch meinem Kleinchen nichts tun! Aber nun vorwärts!«

Sie folgte ihm wie ein Lamm zur Tür. Drüben sagte ihr früherer Gatte befriedigt zu Lottka Jungkind:

»Na – die ist jetzt auch besorgt und aufgehoben!«

Frau Söfchen blieb auf der Schwelle stehen.

»Ja, Kinder!« sprach sie. »Ich glaube, wir sind jetzt beide in Zukunft in den richtigen Händen! Ich bei dem hier – und du, Gustav, bei ihr!«








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