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Abenteuer und Schwänke

Rudolf Baumbach: Abenteuer und Schwänke - Kapitel 9
Quellenangabe
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typepoem
authorRudolf Baumbach
titleAbenteuer und Schwänke
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
printrunSiebentes Tausend
year1886
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Schrätlein und der Wasserbär.

Wer gern zu lust'gen Mären lacht,
Der höre zu, der gebe Acht.
Glaubt mir, ich lache selber gern,
Hält Lachen mir nicht Sorge fern,
Geheissen ist die Abendmär:
Das Schrätlein und der Wasserbär.

Es sass ein König in Norwegen,
Ein kühner, auserwählter Degen,
Der mit dem Vogt von Dänenland
In Freundschaft lange Jahre stand.
Einst sandte er, den Freund zu ehren
Ihm einen zahmen Wasserbären;
Ein weisser war es, gross und stark,
Den schickte er nach Dänemark.
Ein Bauer ihn begleiten musste,
Der ihn am Seil zu leiten wusste.
Da fuhren über's Meer
Der Normann und der Bär.

k Und als zu Lande kam das Schiff,
Des Thieres Seil der Mann ergriff
Und schritt dahin bis Abends spat,
Da beiden Noth das Rasten that.
Nun lag am Weg ein stattlich Haus;
Reich wie ein Edelhof sah's aus,
Doch traurig stand der Wirth im Thor.
Da sprach der gute Normann vor
Und bat ihm und dem Bären
Ein Obdach zu gewähren.

Der Däne sprach »Willkommen hier!
Doch sagt, was ist das für ein Thier
So ungefüg und sonderbar?
Ein Meereswunder ist's wohl gar?«
Der Normann sprach: »Nun fasset Muth.
Das Thier Euch nichts zu Leide thut.
Es ist ein zahmer Wasserbär;
Mein Herr, der König schickt ihn her
Und will ihn zum Gedenken
Dem Dänenkönig schenken.
Drum, lieber Herr, vergönnet mir
Gelass für mich und für das Thier.«

Der Wirth des Hauses seufzend sprach:
»Ich gäb' Euch gern ein gut Gemach. /k
Doch muss ich fürchten, dass Euch graust.
Weil ein Gespenst im Hofe haust.
Noch sah ich's selbst zu keiner Frist,
Allein ich weiss, wie arg es ist.
Es schlägt mit einer Faust wie Blei,
Was es erreichen kann, entzwei.
Die Töpfe und die Pfannen,
Die Krüge, Kessel, Wannen,
Die Tische, Stühle, Bänke,
Die Laden und die Schränke,
Das Ofenbret, den Ofenstein
Schlug mir der Unhold kurz und klein.
Drum zog ich aus mit Ross und Rind,
Mit Kind und Kegel und Gesind.«

Der Normann sprach: »Ihr dauert mich;
Doch sind wir müd, der Bär und ich.
Drum lasst uns ein. Vielleicht, dass Gott
Mich schütze vor des Teufels Spott.«
Darauf der Däne: »Wollt Ihr's wagen,
Ich will Euch Herberg nicht versagen?
Und führte ihn in's Haus und bot
Dem müden Gaste Salz und Brot,
Auch Schmalz und Rüben, Fleisch und Bier
Und einen Widder für das Thier.
Dann ging des Hauses Wirth von hinnen;
Die beiden Gäste blieben drinnen.

In's Backhaus ward der Bär geführt.
Ein lustig Feuerlein geschürt,
Drauf fielen über's Essen her
Der Normann und der Wasserbär
Und tilgten Fleisch und Wecken
Wie wegemüde Recken.
Als jeder nun nach seiner Weise
Gesättigt sich an Trank und Speise,
Auf eine Bank der Mann sich streckte,
Der Wasserbär die Tatzen leckte,
Und beide schliefen ein am Feuer. –
Und jetzt beginnt das Abenteuer.

Aus einem Winkel plötzlich sprang
Ein Schrätlein dreier Spannen lang.
Ein rothes Käpplein trug der Wicht,
Und greisenhaft war sein Gesicht.
Doch schien das Männlein stark genug,
Dieweil es einen Bratspiess trug
Von Schmiedeeisen lang gestreckt,
Mit einem Bratenstück besteckt.
Das Schrätlein in die Kohlen blies
Und drehte fleissig seinen Spiess.
Doch ehe noch der Braten gar,
Nahm es den Wasserbären wahr.
Es sprang vom Herd empor und schrie:
»Du Ungethüm, was willst du hie?«

Und thät mit Kraft den Bratspiess packen
Und schlug den Bären in den Nacken.
Der Bär dem Wicht die Zähne wies.
Der sprang davon mit seinem Spiess
Und hockte sich zum Feuer nieder.
Dann lief er zu dem Bären wieder
Und gab ihm einen zweiten Hieb,
Der auch noch ungerochen blieb.
Vom Braten troff das Fett zu Thal,
Da thät der Wicht zum drittenmal
Sich an den Wasserbären wagen
Und derb ihn auf die Nase schlagen.

Jetzt aber war das üble Spiel
Dem müden Bären doch zuviel.
Hei, wie er auf das Wichtlein sprang
Und mit den Pranken es umschlang!
Mit seinen Krallentatzen
Thät er es arg zerkratzen
Und zerrt' es hin und her;
Da schrie das Schrätlein sehr.
Doch war der Kleine auch nicht faul;
Er griff dem Bären in das Maul
Und setzte tapfer sich zur Wehr.
Da heulte laut der Wasserbär.
Sie rangen und sie rauften,
Sie winselten und schnauften,
Sie bissen sich und balgten sich,
Zerschlissen und zerwalkten sich;
Es lag im wilden Toben
Bald Bär, bald Schrätlein oben.

Der gute Normann sich verkroch
Vor Aengsten in das Ofenloch
Und sah mit Zittern und mit Bangen,
Wie beide miteinander rangen.
Das währte bis um Mitternacht,
Da ward dem Streit ein End gemacht.
Das arge Schrätlein floh
Und barg sich – wer weiss, wo?
Der Sieger thät sich strecken
Und seine Wunden lecken.

Gewichen war die Nacht dem Morgen.
Da kam der Wirth in grossen Sorgen
Und rief: »Mich freut's, dass Ihr zur Zeit
Noch unter den Lebend'gen seid.«
Drob dankte ihm der Normann sehr
Und ging; der Bär schritt hinterher.

Der Hauswirth nahm den Pflug zur Hand
Und ackerte sein Gerstenland,
Und wie er seine Stiere lenkte,
Die Pflugschar in die Scholle senkte,
Da lief herzu der Schrate klein
Und stellte sich auf einen Stein.
Sein rothes Käpplein war zerrissen.
Zerkratzt sein Leib und arg zerbissen,
Er rief dem Pflüger dreimal zu
Mit schriller Stimme: »Hörest du?«
Dann schrie der Wicht: »Ei sag mir doch,
Lebt deine grosse Katze noch?«

Da sah der gute Ackermann
Das schlimm zerfetzte Schrätlein an
Und sprach: »Ei freilich lebt sie mir,
Du böser Wicht, und denke dir,
Sie hat geheckt in jüngster Nacht
Und sieben Junge mir gebracht,
Und alle sieben Katzenkind
Der alten Katze ähnlich sind
Und haben scharfe Zähn' und Krallen. –
Sieh nach, sie werden dir gefallen.«

Da rief das Schrätlein sehr erschreckt:
»Was, deine Katze hat geheckt?«
Und sprang im Kreis herum und schrie:
»Pfi, sieben junge Katzen, pfi!
Mir hat schon eine warm gemacht,
Nun aber sind es ihrer acht.

k Wie kann ich da entrinnen?
O weh, ich muss von hinnen!«

So sprach das Schrätlein und entfloh.
Da war der Bauer herzlich froh
Und zog mit Mann und Maus
In sein erlöstes Haus.
Da lebt er noch mit Weib und Kind,
Wofern sie nicht gestorben sind.

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