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Abenteuer und Schwänke

Rudolf Baumbach: Abenteuer und Schwänke - Kapitel 20
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typepoem
authorRudolf Baumbach
titleAbenteuer und Schwänke
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
printrunSiebentes Tausend
year1886
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Graf im Pflug.

Es war ein Graf gefangen
Im heissen Morgenland,
Er führte statt goldener Spangen
Ketten an Fuss und Hand;
Sein Leib statt Panzerringen
Den Sklavenkittel trug,
Und unter Geisselschwingen
Schleppte er knirschend den Pflug.
Er war auf schneller Galeere
Geschwommen über die Fluth,
Er wollte zu Gottes Ehre
Vergiessen Heidenblut
Und pflanzen auf Zions Hügel
Das Kreuz mit eigner Hand. –
Nun lag mit gebrochenem Flügel
Lechzend der Aar im Sand.

Der König im Land der Heiden
In's Feld geritten kam
Sein stolzes Auge zu weiden
An seines Sklaven Gram.
Da sprach der Graf: »Ach ende,
Herr König, meine Qual
Und einen Boten sende
Zu meinem Ehgemal.
Die soll mein ganzes Erbe
Dir geben als Lösegeld.
Was hilft dir's, wenn ich sterbe
Pflügend dein Ackerfeld?«

Der König begann zu sprechen:
»Was frage ich nach Gold,
Das mir in allen Bächen
In leuchtenden Kieseln rollt?
Es bringen mir Goldesstufen
Die Berge überall,
Von meiner Rosse Hufen
Blinkt das gelbe Metall.
Was mag der Sonne frommen
Des Glühwurms ärmlicher Strahl?
Doch hab' ich recht vernommen,
Hast du ein Ehgemal.
Man rühmt mit lautem Schalk
Die Frauen des Abendlands;
Um ihre Schultern walle
Das Haar von goldnem Glanz.
Von ihren Augen, den blauen
Singen die Sänger viel.
Gern möcht' ich einmal schauen
Ein solches Wunderspiel.
Drum sollst du Boten senden
Nach deinem jungen Weib,
Ob sie mein Aug zu blenden
Vermag mit ihrem Leib,
Und wenn die Schöne Gnade
Vor meinem Aug gewann,
So magst du deine Pfade
Ziehen als freier Mann.«

Er sprach es, und von hinnen
Ritt der König im Flug.
Es stand in trüben Sinnen
Der Graf bei seinem Pflug.
»Owehe dieses Leides,
Owehe meiner Qual!
Ich soll verlieren beides,
Ehre und Ehgemal.
Doch sonnig ist das Leben
Und finster Grab und Tod.« –
Er that mit Widerstreben,
Was ihm der König gebot.
Ein Pilger ward gefunden,
Der heim die Botschaft trug,
Und Tage zählte und Stunden
Seufzend der Graf im Pflug.

Es zog der Botenknabe
Wohl über die wilde See,
Er klomm am Pilgerstabe
Ueber der Alpen Schnee.
In Sonnenbrand und Stürmen
Kein Mühen ihn verdross,
Bis ihn mit ragenden Thürmen
Grüsste das Grafenschloss.

Des Pilgers Unglücksmären
Vernahm erbleichend die Frau.
Es rannen ihre Zähren
Nieder wie Maienthau.
Doch ihre Wange brannte
Wie Feuerlohe heiss.
Als ihr der Bote nannte
Der Losung schnöden Preis.
Sie barg in beiden Händen
Ihr schönes Angesicht.
»Gott wolle sein Leiden enden!
Ich aber komme nicht.
Ihm hat des Kummers Schwere
Gebeugt das stolze Haupt,
Doch seines Hauses Ehre
Sei nimmer ihm geraubt.
Des milden Gottes Gnaden
Befehl' ich seine Noth.« –
Der Pilger schied beladen
Mit reichem Botenbrot.

Es hielt in schattiger Kühle
Der Heidenkönig Ruh
Und sah vom Seidenpfühle
Dem Tanz der Sklaven zu.
Von Horn und Kupferbecken
Erhob sich wüster Klang;
Die Vögel in den Hecken
Duckten die Köpfe bang.
Und wie der Lärm verhallte
Und sich der Klang verlor,
Ein andrer Ton erschallte
Und traf des Königs Ohr.
Es klang wie Quellenschäumen,
Wie Rauschen des Wasserfalls;
Die Vögel in den Bäumen
Wandten horchend den Hals.
Da sprach zum Ingesinde
Der Herr: » Wer mag das sein?
Ihr Sklaven lauft geschwinde
Und lasst den Spielmann ein!
Geleit und Konigsfriede
Und Lohn dem Mann gebührt.
Der mir mit seinem Liede
Mächtig das Herz gerührt.«

Da trat herein der Fremde,
Die Harfe in der Hand.
Er trug ein hären Hemde,
Ein hanfen Gürtelband;
Das Haar war ihm geschoren
Nach büssender Mönche Art,
Sein Antlitz auserkoren,
Rosig und ohne Bart.
Er thät sich höfisch neigen
Und hob zu spielen an.
Da flatterten von den Zweigen
Die kleinen Vögel heran,
Da lauschten dem süssen Klange
Die Fische im Binsenrohr,
Es hob die bunte Schlange
Züngelnd das Haupt empor.
Und als der Harfner ruhte,
Da sprach der König still:
»Mir ist so weich zu Muthe,
Ich weiss nicht, was ich will.
Mit sanften Kinderarmen
Das Lied sich an mich schmiegt;
Den Thränenquell, den warmen
Wähnte ich längst versiegt.
Geh, wandle andre Pfade!
Sonst werde ich wieder zum Kind,
Doch heische von meiner Gnade,
Worauf dein Herze sinnt,
Und was von meinen Schätzen
An Gold und Edelgestein
Dich locken mag und letzen,
Das soll dein eigen sein.«

Da sprach der Mönch: »Ich trachte
Nach deinen Schätzen nicht;
Dass ich das Gold verachte,
Ist meines Ordens Pflicht.
Doch willst du, Herr, mich gnädig
Belohnen für mein Lied,
So lass den Sklaven ledig,
Der seufzend die Pflugschar zieht.
Ich sah ihn keuchend schreiten
Durch's Feld in's Joch gespannt.
Herr, lass mich ihn geleiten
Zurück in's Abendland.«

Der König winkte den Sklaven;
Die Bitte ward gewährt.
Da brachten sie den Grafen
Mit Eisenketten beschwert.
Er stand im Knechtsgewande
Von Leid und Gram gebückt,
Von harter Eisenbande
Die Glieder wund gedrückt.
Der Freiheit frohe Kunde,
Er wollte sie glauben kaum,
Er küsste mit heissem Munde
Dem Mönch der Kutte Saum.
Dann ward er von den Ringen
Und Ketten schnell befreit,
Auch hiess der König ihm bringen
Ein ritterliches Kleid.
Dann wandten sich die Beiden
Und schritten nach dem Meer. –
Ich glaube, es fiel das Scheiden
Den fremden Gästen nicht schwer.
Da sprach der Mönch zum Grafen:
»Nun fasse frischen Muth.
Ein Lastschiff liegt im Hafen,
Das trägt uns über die Fluth,
Und wenn des Mondes Scheibe
Sich füllt zum sechstenmal,
Magst du bei deinem Weibe
Rasten von Harm und Qual.«
Da sah der Graf zur Seiten
Und sprach: »Das eilt mir nicht.
Für's heilige Grab zu streiten
Ist meine Ritterpflicht.
Erst muss ich Rache nehmen
An manches Heiden Leib.
Es wird sich wenig grämen
Daheim das treue Weib.
Ich will mein Leben wetten,
Sie denkt nicht mehr an mich;
Sie konnte mir lösen die Ketten
Und liess mich schmählich im Stich.«
Er sprach's und ging von dannen.
Der Mönch verlassen stand,
Und heimliche Thränen rannen
Nieder auf sein Gewand.

Die Wüste hatte getrunken
Am Blut der Heiden sich satt,
Ihr Banner war gesunken,
Befreit die heilige Stadt,
Erstiegen waren die Wälle,
Es mordete blinde Wuth,
Und auf des Tempels Schwelle
Dampfte das heisse Blut.
Dann schmückte sich mit Palmen
Der Christenpilger Schaar,
Und Davids fromme Psalmen
Tönten am Hochaltar.
Die nach dem Heimatlande
Im Herzen trugen Weh,
Die pilgerten zum Strande
Und stachen in die See.
Es furchten ihre Kiele
Die blaue Wasserbahn. –
Ich weiss es nicht, wieviele
Die Heimat wiedersahen.
Doch weiss ich, dass die Wogen
Durchschiffte der Christenheld,
Der jüngst den Pflug gezogen
Keuchend durchs Ackerfeld.
Er hatte im heiligen Lande
Gefochten mit Tiegerwuth
Und abgewaschen die Schande
Mit Sarazenenblut.

Nun fuhr er auf dem blauen,
Wogenden Griechenmeer,
Und dachte er seiner Frauen,
Ward ihm das Herze schwer.

Er kam zu Ross gezogen
Vor seiner Väter Haus.
Die Kunde war geflogen
Mit Windeseile voraus.
Es schmückte Laubgewinde
Den altersgrauen Bau,
Und mit dem Schlossgesinde
Begrüsste ihn die Frau.
Er dankte dem Willkommen
Mit kaltem, stummem Gruss;
Da wich die Frau beklommen
Zurück mit wankendem Fuss.
Sie schritten durch die Hallen
Und setzten sich zum Mahl;
Kein Wörtlein liess er fallen,
Und bänglich war's im Saal.
Ihr war's, als müsse brechen
Das kummerschwere Herz,
Und Thränen in heissen Bächen
Rannen ihr niederwärts.
Da sprach der Frauen eine
Halblaut mit falschem Muth:
»Nun seht die Engelreine,
Wie sie jetzt klagt und thut.
Dieweil ihr Vielgetreuer
Gestritten im blutigen Feld,
Ist sie auf Abenteuer
Gefahren durch die Welt.«

Da sprang der Graf vom Sitze,
Es bebte ihm der Leib,
Der Augen wilde Blitze
Trafen das arme Weib.
»Ich zog im Sklavenkleide
Den Pflug durch's Ackerland,
Ich schrie zu dir im Leide,
Du rührtest keine Hand,
Du zogst auf Abenteuer
Nach fahrender Dirnen Brauch;
So soll dein Leib durch Feuer
Zu Asche werden und Rauch!«

Sie rief mit flehender Stimme:
»Halt an, O Herr, halt ein!
Gebiete deinem Grimme
Und harre im Saale mein.
Willst du alsdann mich würgen,
Ich beuge mich deinem Groll,
Doch höre erst den Bürgen,
Der für mich zeugen soll.
Er kann vielleicht dir bannen
Des Zweifels bittre Qual.« –
Sie wandte sich von dannen
Und eilte aus dem Saal.

Es währte nicht gar lange,
So nahten Schritte schon,
Und draussen auf dem Gange
Zitterte Harfenton,
Und in den Flügelthüren
Ein junger Harfner stand,
Der thät die Saiten rühren
Mit seiner weissen Hand.
Das Haar war ihm geschoren
Nach büssender Mönche Art,
Sein Antlitz auserkoren,
Rosig und ohne Bart,
Ein hären Hemd umwallte
Den schlanken, zarten Leib. –
Ein Schrei im Saal erschallte:
»Hilf Himmel, es ist mein Weib!«
Was soll ich weiter sagen,
Wie durch das alte Schloss
Nach grauen Kummertagen
Strahlende Freude floss
Und wie auf seinen Händen
Der Graf die Fraue trug? –
Fahrt wohl! – Das Lied muss enden.
Das ist der Graf im Pflug.

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