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Abenteuer und Schwänke

Rudolf Baumbach: Abenteuer und Schwänke - Kapitel 2
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typepoem
authorRudolf Baumbach
titleAbenteuer und Schwänke
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
printrunSiebentes Tausend
year1886
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senderwww.gaga.net
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Der Ritter im Rauch

Die Treue ist das beste Kleid,
Das hehrste Kleinod und Geschmeid,
Und wer mit Treue Milde paart,
Der ist vor Unheil wohl bewahrt,
Wie das in reichem Mass erfuhr
Graf Willekin von Montabur.

Derselbe war ein stolzer Degen,
An Jahren jung und sehr verwegen.
Sein Wuchs war hoch, gross seine Kraft
Und seine Lust die Ritterschaft.

War wo im Lande ein Turnei,
War auch Graf Willekin dabei,
Und alle Sättel wurden leer
Von seiner Faust und seinem Speer.
Doch weil er nicht gelernt das Sparen,
Freigebig war und unerfahren,
Verthat er seines Vaters Gut,
Wie mancher Sohn noch heute thut.

Am Ende traf den jungen Ritter
Des Vaters Zorn wie Ungewitter.
Er sprach: »So geht's nicht länger mehr;
Du machst mir alle Kasten leer.
Ich wehre dir das wüste Treiben;
Du sollst mir fein zu Hause bleiben.«
Und was der Sohn auch wandte ein,
Des Vaters Herz blieb hart wie Stein.
Er sperrte seiner Truhen Deckel
Und hielt den Daumen auf den Säckel.
Auch ward der Junge von dem Alten
Im Hause karg und kurz gehalten
Und musste wegen seiner Schulden
Der üblen Reden viel erdulden.
So sass er aller Freuden bar
Bei seinem Vater sieben Jahr,
Und während er die Zeit versass,
Die Welt den Ritter ganz vergass.

Nun hört, was weiter mir bekannt:
Ein Fräulein sass im fünften Land
An Leuten reich und reich an Gut,
Von edlem Stamm und frohgemuth
Und schön wie eine Rosenblume.
Drum sangen auch von ihrem Ruhme
Und ihrer Schöne ohne Gleichen
Die Fahrenden in allen Reichen.

Manch stolzer Degen trug im Sinne
Verlangen nach der Jungfrau Minne,
Die Hoffnung aber ging in Scherben
Jedwedem, der da kam zu werben.
Doch weil das Land des Herrn entbehrte
Und ihre Sippe es begehrte,
Dass sie erküre einen Mann,
Die edle Jungfrau dies ersann:
Sie liess verkünden ein Turnei
Und gab das Stechen jedem frei,
Dem Edelsten wie dem Geringsten
Zwei Wochen nach dem Feste Pfingsten.
Dem Sieger aber des Turnei's
Verhiess sie ihre Hand als Preis.
Auf Pergament geschrieben ward's,
Petschirt mit rothem Siegelharz,
Und durch das Land in Eile liefen
Die Botenknaben mit den Briefen.

Es war vielleicht ein Zufall nur,
Dass einer kam nach Montabur.
Des Grafen Schreiber war zur Hand,
Der las, was in dem Briefe stand.
Und was von seiner Herrin Tugend,
Von ihrer Schönheit, ihrer Jugend
Der Botenknabe mündlich sagte,
Dem Ritter auch nicht missbehagte,
Und es begann sich in dem Degen
Die Abenteuerlust zu regen.
Drum stracks er vor den Vater trat
Und ihn um Geld und Urlaub hat.

Der Alte Anfangs heftig grollte
Und von Turnei nichts wissen wollte,
Am Ende aber gab er nach
Und zu dem Sohne also sprach:
»Ich will dir geben siebzig Mark,
Dazu zwei Rosse flink und stark,
Auch Waffen und Gewand von Stahl;
Doch diesmal ist's das letztemal.«
Des Jungen Mutter stand nicht weit,
Die rief den Sohn darnach beiseit
Und nahm aus ihrer Kiste Grund
Venediger noch sieben Pfund.
Die reichte sie ihm heimlich dar,
Wofür der Sohn sehr dankbar war.

Er neigte züchtig sich und ging
Und suchte Helm und Panzerring,
Bewehrte sich mit Schild und Degen,
Hiess Sättel auf die Rosse legen
Und lenkte aus dem Schloss den Rappen
Begleitet nur von einem Knappen.

Die Stadt erlesen zum Turnei
Glich einem Bienenkorb im Mai,
Als kampfesfroh im Thor erschien
Von Montabur Graf Willekin.
Da rief der junge Ritter laut:
»Nun steh' mir bei, Frau Sankt Gertraud,
Dass ich mit Rossen und mit Mann
Noch gute Herberg finden kann.«

Er ritt die Strassen auf und ab,
Allein kein Wirth ihm Obdach gab,
Denn Gäste lagen überall
Und füllten Kammer, Saal und Stall.
Ein stattlich Haus er endlich fand,
Und vor der Thür ein Bürger stand;
Denselben thät mit höf'schen Sitten
Graf Willekin um Obdach bitten.
Der reiche Bürger aber sprach:
»Wohl hat mein Haus manch gut Gemach,
Doch Ritter nicht, noch Ritters Kind
Allhier im Hause Herberg find't,
Dieweil erst jüngst um schweres Geld
Ein fremder Ritter mich geprellt.
Drei Monden lag er mir im Haus
Und lebte hin in Saus und Braus,
Und was ich sauer mir erwarb,
Er nahm's auf Borg, verthat's und starb.
Und weil die kargen Anverwandten
Des Ritters Schuld nicht anerkannten,
So nahm ich Rache an dem Gauch
Und hing den Todten in den Rauch.
Da hängt er noch zu Schimpf und Schande
Sich selber und dem Ritterstande.
Doch wenn Ihr, Herr, mit Eurem Gold
Den todten Ritter lösen wollt,
Und mir die siebzig Mark entrichtet,
Die er zu zahlen mir verpflichtet,
Soll Euch, dem Knappen und den Pferden
In meinem Hause Herberg werden.«

Graf Willekin, der milde Mann
Sich keinen Augenblick besann.
Nicht achtend seiner eignen Noth
Sein Silber er dem Bürger bot,
Der Mann und Ross zur Herberg brachte
Und waidlich in die Faust sich lachte.

Drauf ward der Ritter aus dem Rauch
Geholt und nach der Christen Brauch
Sein Leib gewaschen und gepflegt
Und dann in einen Sarg gelegt.
Es hielt bei ihm die ganze Nacht
Graf Willekin die Todtenwacht,
Und als es früh begann zu tagen,
Liess er den Sarg zur Kirche tragen
Und sorgte, dass geweihter Erde
Der Leichnam übergeben werde.
Vom Münsterthurm die Glocken klangen,
Die Pfaffen Seelenmessen sangen,
Auch thät der Graf mit vollen Händen
Den Armen Opfergaben spenden
Und gab in seines Wirthes Saal
Ein reichbesetztes Todtenmahl.
Davon gewann er Lob und Ehr',
Sein Beutel aber wurde leer,
Und dass der Wirth befriedigt werde,
Hiess er verkaufen seine Pferde.
Er dachte: Kommt die Zeit herbei,
Erhalt' ich wohl ein Ross zu Leih',
Und gab die Pferde beide hin.
Der milde Ritter Willekin!

Die Zeit in raschem Lauf verfloss,
Der Ritter aber fand kein Ross.
Es ward ihm kalt und wieder heiss,
Gedacht' er an den hohen Preis,
Um den er käimpfend werben wollte
Und der ihm nun entgehen sollte.

Gekommen war der letzte Tag.
Graf Willekin am Fenster lag
Und blickte aus nach seinem Knechte,
Ob der vielleicht ein Ross ihm brächte.
Da sah er durch das Fenstergitter
Des Weges traben einen Ritter,
Der hatte weisse Kleider an
Und ritt ein Ross weiss wie ein Schwan,
Das wiehernd sich und schnaubend bäumte
Und in die Silberbuckeln schäumte.
Der Ritter aber thät es zügeln
Und hob sich grüssend in den Bügeln
Und rief hinauf: »Mein Bruder werth,
Ich weiss, Ihr sucht ein gutes Pferd.
Ist dieses hier nach Eurem Sinn,
So kommt herab und nehmt es hin.«

Da kam der Graf in grosser Eil'
Und sprach: »Ist dieses Ross Euch feil,
So sagt mir auch den Kaufpreis an;
Den zahl' ich Euch, sobald ich kann.« Der Fremde sprach: »Versprechet mir,
Was Ihr gewinnt auf diesem Thier
Am nächsten Tag durch Stoss und Streich
Mit mir zu theilen gleich und gleich,
Und dieses Ross, wenn Ihr mir schwört,
Mit Zeug und Sattel Euch gehört.«
Da bot die Rechte hin zum Schwur
Graf Willekin von Montabur.
Der weisse Ritter sprang zur Erde
Und schied von seinem guten Pferde.
Er wandte sich und sprach im Gehen:
»Glück zu, Herr Graf! Auf Wiedersehen.«

Am andern Tag nach süssem Schlaf
Erhob vom Lager sich der Graf,
Und als er suchte sein Gewand,
Den schönsten Wappenrock er fand,
Von rother Seide, reich gestickt;
Den hatte ihm die Frau geschickt,
Damit sie, wenn er heute renne,
Den Grafen am Gewand erkenne.
Da zog der Ritter wohlgethan
Den silberlichten Harnisch an,
Bewehrte sich mit Schild und Schwert
Und schwang sich auf das weisse Pferd;
Behangen war's mit Baldekin,
Und mancher Stein am Sattel schien.

Des Jünglings Augen freudig blickten,
Vom Helm die bunten Federn nickten,
Und Blitze warf der Schild, der blanke.
So ritt der Degen in die Schranke.
Es klangen Hörner und Drommeten,
Im Morgenwind die Banner wehten,
Ein Herold aber rief die Namen
Der Ritter, die zum Rennen kamen.

Der jungen Herrin auf der Zinne
Erzitterte das Herz vor Minne,
Als auf dem weissen Ross erschien
Von Montabur Graf Willekin.
»Ach Gott im Himmel«, sprach sie leis,
»Verhilf dem Degen zu dem Preis!«

Zum zweitenmal die Hörner klangen,
Die Ritter hoch die Schilde schwangen
Und neigten ihren Speer nach vorn.
Da klang zum drittenmal das Horn,
Und rasselnd, mit gesenkten Spiessen
Die Ritter auf einander stiessen.
Hei, Kampfgeschrei und Staub und Dampf
Und Schildekrach und Rossgestampf!
Zum Himmel flogen Lanzensplitter,
Und rücklings stürzte mancher Ritter
Gefällt von einer stärkern Hand
Und lag betäubt auf Gries und Sand.

Verstochen war der letzte Speer,
Und alle Rosse waren leer.
Fest sass im Sattel Einer nur,
Das war der Graf von Montabur.
Stolz ritt der Held die Bahn entlang
Bei Hörnerton und Pfeifenklang,
Und tausend Freudenstimmen schrie'n:
»Heil, Heil dem Ritter Willekin!«
Der junge Degen neigte sich
Vor seiner Herrin minniglich
Und streichelte sein Rösslein gut
Und ritt zur Herberg wohlgemuth.

Es währte nicht gar lange Zeit,
Da kam die Jungfrau mit Geleit
Und sprach: »Viellieber Herre mein,
Ihr sollt mir hoch willkommen sein.
Mich selber und mein ganzes Land,
Ich geb' es willig Euch zum Pfand.«
In Züchten sprach der milde Mann:
»Wohl mir, dass ich den Sieg gewann.
Ihr seid so wonnesam zu schauen
Wie keine unter allen Frauen,
So minniglich und wohlgestalt.
Gott helfe, dass wir werden alt.«
Drauf thät er sanft die Frau umfangen
Und küsste Mündlein ihr und Wangen.

Nun mögt ihr weiter hören sagen
Von Hochgezeit und Festgelagen,
Wie man die edlen Gäste pflegte
Und wie sich Schenk und Truchsess regte.
Es wollte brechen fast der Tisch
Von Wild, Geflügel und von Fisch.
Aus Krügen und gebauchten Kannen
Die süssen Rebenbäche rannen,
Und laut ertönten Hof und Hallen
Von Geigenklang und Flötenschallen.
Da war kein Armer in der Stadt,
An diesem Tage ward er satt,
Und auch der Spielleut durst'ge Gilde
Pries laut der reichen Herrin Milde.
Die sassen fröhlich auf der Bank
Im Hof, und Speise ward und Trank
Jedwedem reichlich zugemessen. –
Ich wollt' ich wär dabei gesessen.

Am Himmel zog der Sterne Heer,
Es war der Saal von Gästen leer,
Der junge Ritter aber schaute
Mit heissem Blick auf seine Traute.
Er winkte seinen Kämmerlingen
Und hiess sie eilig Lichter bringen
Und schritt mit seinem Weib in Ruh'
Dem stillen Brautgemache zu.

Doch als er kam zur Kammerthür,
Da stand ein Rittersmann dafür;
Der trug ein schleierweiss Gewand
Und winkte heimlich mit der Hand.
Der Graf erschrack, doch blieb er stehen
Und hiess die Frau zur Kammer gehen
Und sprach: »Was ich Euch zugeschworen,
Herr Ritter, bleibt Euch unverloren.
Kommt morgen früh bei guter Zeit,
Zu theilen bin ich dann bereit
Das reiche Gut, dass ich gewann
Mit Eurem Ross. Ein Wort ein Mann.«

Der weisse Ritter aber sprach
Zum Grafen vor dem Brautgemach:
»Was hat der Sieger des Turnei's
Erstritten als den höchsten Preis?
Nun leugne, wenn du's leugnen kannst;
Es ist die Frau, die du gewannst.«
Darauf der Graf: »Der Herre Gott
Vergebe Euch den losen Spott.
Sollt' ich die schöne Frau Euch geben,
Viel lieber liess' ich Leib und Leben.«

»Es ist«, versetzte drauf der Ritter,
»Versprechen leicht und Halten bitter.
Die Hälfte will ich vom Gewinne,
Die Hälfte von der Frauen Minne.
Heut ist sie mein und morgen dein;
Es kann einmal nicht anders sein.
Und willst du deinen Eidschwur brechen,
Sieh zu, der Himmel wird es rächen.«

Graf Willekin erseufzte laut:
»Owehe, meine süsse Braut!
Ach, dass ich Armer nicht verstarb,
Bevor ich, Traute, dich erwarb.
Doch nimmer bricht der Treue Schwur
Graf Willekin von Montabur.
Du Arger, Falscher, nimm sie hin.«
So sprach der Ritter Willekin
Und wandte von der Kammer sich
Und ging und weinte bitterlich.

Da strahlte hell wie Sternenlicht
Des weissen Ritters Angesicht,
Und zu dem Grafen sprach er so:
»Nun soll dein Herze werden froh.
Mich sandte Gott vom Himmel droben
Um deine Treue zu erproben.
Und willst du wissen, wer ich bin,
Du treuer Ritter Willekin?
Der todte Ritter, der durch dich
Aus Schmach erlöst ward, der bin ich.
Leb' wohl, ich muss von hinnen fahren;
Gott wird dein Weib und dich bewahren.«

So sprach der Ritter und verschwand
Gleich einem Schatten an der Wand.
Graf Willekin, der treue Degen
Sprach leise einen frommen Segen,
Bekreuzte sich und ging darnach
Zu seiner Frau in's Brautgemach.

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