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Abenteuer und Schwänke

Rudolf Baumbach: Abenteuer und Schwänke - Kapitel 18
Quellenangabe
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typepoem
authorRudolf Baumbach
titleAbenteuer und Schwänke
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
printrunSiebentes Tausend
year1886
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Beichte

Wer erstritt in Tjosten und Puneis
Dreimal bei des Königs Fest den Preis?
Wer erhält zum Lohn das Berberpferd,
Wer das edelsteingezierte Schwert
Und die Kette von arab'schem Gold?
»Ritter Galmy!« ruft der Ehrenhold,
»Ritter Galmy!« jubelt's rings im Kreise,
»Ritter Galmy,« spricht die Herrin leise,
Und die weissen Hände zittern leicht,
Als sie ihm die Gaben überreicht.

Auf den Degen und die Königsfraue
Sieht der Seneschall mit finst'rer Braue,
Drängt sich an den Stuhl des Königs vor,
Und die Worte spricht er ihm in's Ohr:
»Saht Ihr, Herr, die Blicke, die er warf
Auf die Königin wie Pfeile scharf?
Saht Ihr, wie des Frechen Uebermuth
In die Stirn ihr trieb das rothe Blut?
Viel vermag ein wagehals'ger Thor,
Und die Klugheit baut dem Unheil vor.«

Sprach der König kalt und kurz: »Ich danke,«
Und den Sieger rief er an die Schranke.
»Tapfrer Ritter Galmy,« sprach er gnädig,
»Ist ein Amt an meinem Hofe ledig.
Edel bist du, höfisch von Geberden;
Meiner Frauen Truchsess sollst du werden,
Und das Amt, ich weiss es, steht dir an.
Dien' ihr treu, so wie du mir gethan.«
Ritter Galmy dankte freudenreich,
Doch die junge Königin ward bleich.
Von des Herren Stuhl der Ritter ging,
Und die Schranzen raunten leis im Ring.

Ritter Galmy dient der Königin,
Rückt den Sessel ihr zur Tafel hin,
Bricht das Brot, zertheilt das Fleisch beim Mahle,
Trägt die Schüssel auf und füllt die Schale,
Und im Becken reicht er ihr das Wasser. –
Aber seine Wangen werden blasser,
Und der Herrin Blick wird immer scheuer,
Denn in beiden loht verzehrend Feuer.

Als er einst nach hergebrachter Weise
Vor die Königin gesetzt die Speise,
Und vom wilden Huhn, das er zerschnitt,
Zu der Frau sein Blick verstohlen glitt.
Fuhr ihm durch die Hand der Messerstahl,
Und im Bogen sprang ein blut'ger Strahl.
Hellauf schrie die junge Königin,
Auf den Boden sank sie leblos hin,
Und darnach, als ihre Ohnmacht wich,
Rannen ihre Thränen bitterlich.

Als der Truchsess seine Hand verbunden,
Sprach der König also zu dem Wunden:
»Ritter Galmy, denk' an deine Pflicht,
Spiele mit geschliff'nen Messern nicht,
Dass dir unversehens nicht die Klinge
Tödtend durch die Lebensadern dringe.
Wär' doch schad' um dich, du junges Blut.
Ritter Galmy, sei auf deiner Hut!«

Sprach der Ritter: »Weil ein wunder Mann
Nicht den Dienst bei Tisch versehen kann,
Gebt mir Urlaub, dass ich heimwärts eile
Und zu Hause mein Gebresten heile.
Lasst mich trinken meiner Wälder Duft
Und mich baden in der Bergesluft.
Hier am Königshof das Sonnenlicht
Taugt für einen siechen Degen nicht.«
Sprach der König: »Galmy, Ritter werth,
Hast dich oft erprobt mit Ger und Schwert,
Bist ein Held, ein starker auch im Weichen.
Geh und nimm von mir ein Gnadenzeichen.«
Sprach es, und von seines Weibes Hand
Zog er einen edlen Adamant,
Und dem Degen reichte er den Ring. –
Ritter Galmy neigte sich und ging.

Aus der Königsstadt hinaus in's Land
Zog der Jüngling, der sich selbst verbannt,
Ritt in's Weite sieben Tage lang,
Bis ein Glöcklein durch die Felder klang,
Bis von Epheuranken überwoben
Thurm und Mauern aus dem Grün sich hoben.
Kreuze blinkten von des Klosters Dache,
Und ein Mönch hielt an der Pforte Wache.
Einlass fanden beide, Mann und Ross,
Und das Thor sich hinter ihnen schloss.

Frug der Abbas: »Was ist dein Begehr
Und wer bist du und was führt dich her?«
Drauf der Gast: »Ich bin dein Schwestersohn,
Ritter Galmy, bin der Welt entfloh'n.
Gar zu blendend fiel das Sonnenlicht
Mir in's Auge; das ertrug ich nicht.
Weise nicht den Müden von der Schwelle,
Gieb mir eine schattenkühle Zelle,
Dass ich einsam und den Menschen ferne
Ruhe finde und vergessen lerne.«
Und des Jünglings Fleh'n den Abt erweichte;
Milde war die Busse nach der Beichte.
Ordenskleider gab der Abt dem Kranken,
Und des Ritters Lockenringel sanken,
Und er lebte stille Tage hin
Treu im Dienst der Himmelskönigin.

Litanei und Büsserpsalmen schallen,
Helme glänzen, Kreuzesfahnen wallen,
Und der Schaar voran in's heil'ge Land
Zieht der König selbst im Streitgewand,
Auf dem Wappenrock das heil'ge Kreuz.
»Königin fahrwohl! Der Herr gebeut's.«
Und der König führt das Gottesheer
An den Strand und über's wilde Meer.
In dem heissen Land der Sarazenen
Grüssen ihn gespannte Bogensehnen
Und die Lanzen schneller Wüstenreiter.
Langsam führt die Schaar der König weiter,
Kämpft mit Heidenlist und Griechentücken,
Doch er liess den ärgsten Feind im Rücken.
Treulich harrend auf den Ehgemahl
Sass die Königin im Frauensaal,
Wirkte emsig mit der Schaar der Maide
Borten aus gedrehtem Gold und Seide. –
Weiss nicht, ob sie dachte noch im Stillen
Dessen, der entfloh um ihretwillen.

Seit der König fuhr zum heil'gen Grab,
Trug der Seneschall den Herrscherstab,
Und der Freche warb mit Buhlerkunst
Treulos um der schönen Herrin Gunst,
Doch ihr Herz war lauter wie Krystall,
Und auf Rache sann der Seneschall.

War im Stallgesind ein junger Wicht,
Schlank von Wuchs und schön von Angesicht.
Den entbot zu sich der falsche Mann,
Und mit Listen also er begann:
»Will dich machen reich an Geld und Gut,
Hast du für ein Wagestück den Muth.
Aber schweigen musst du wie das Grab.«
Und es schwur der gottverlass'ne Knab.
Einen schweren Beutel in die Hand
Gab der arge Seneschall dem Fant.
»Nimm und geh und kaufe dir Gewänder,
Schnabelschuhe, Federn, Borten, Bänder,
Mantel auch und Gürtel, Wams und Kragen,
Kleide dich, wie sich die Jungherrn tragen,
Lass die Gulden rollen in Tavernen,
Würfle, zech! und schwör' bei Mond und Sternen,
Dass das reiche Gut dir zum Gewinn
Deine Herrin gab, die Königin«
Was der Schelm gebot, der Bube that.
Ueber Nacht schoss auf die üble Saat,
Und im Lande sprachen tausend Zungen
Von der Herrin und dem Reiterjungen.

Wieder rief der Seneschall den Knaben
Und verdoppelte die reichen Gaben
Und sprach so zu ihm: »Nun hör' mich an;«
Deine Arbeit ist erst halb gethan.
Deine Mannheit sollst du erst bekunden,
Denn du wirst gefangen und gebunden,
Und ich selber sitze zu Gericht
An des Königs Statt. Doch zittre nicht,
Und mit kecker Stirn bekenne frei,
Dass die Herrin dir gewogen sei.
Führt man dich hinaus zum Rabenstein,
Blicke wie ein armer Sünder drein,
Doch im Herzen sei getrost und heiter.
Steige muthig auf die Galgenleiter
Und bekenne vor dem Volksgewimmel
Dein Vergehen unter freiem Himmel.
Ist's gescheh'n, so will ich Gnade rufen;
Und du steigst herab die Leiterstufen.
Aus der Haft und aus des Königs Reichen
Lass' ich dich in nächster Nacht entweichen,
Und du führst ein wonnesames Leben
Mit den Schätzen, die ich dir gegeben.«
Also sprach der list'ge Ehrenkränker,
Anders aber sprach er zu dem Henker.

Und der ehrvergess'ne Bube that
Nach des ungetreuen Mannes Rath,
Log und lästerte mit frecher Zunge
Bis zum Galgen, bis zum Todessprunge.
Aber der Betrüger war betrogen,
Eilig ward die Schlinge zugezogen,
Und der Gottverlass'ne hing am Strick
Leblos mit gebrochenem Genick.

Also fuhr der Schelm in Sünden hin,
Und verloren schien die Königin.
Scharf bewacht von Knechten ist die Arme,
Weint und schluchzt in übergrossem Harme,
Jammert laut und rauft ihr Haargeflechte
Und durchwacht die langen, bangen Nächte,
Ruft den Himmel an und ringt die Hände,
Denn des Königs Kommen ist ihr Ende.
Längst hat den die Schreckensmär erreicht,
Denn das Unheil findet Boten leicht,
Und er kehrt zurück auf nächsten Wegen
Gramerfüllt um selbst Gericht zu hegen.
Und der Spruch, wie das Gesetz gebot,
Weiht die Königin dem Feuertod.
Zwar zur Rettung steht ein Weg noch offen,
Aber schwach nur ist der Aermsten Hoffen.

Ehrenholde werden durch das Land
Mit der Königsbotschaft ausgesandt:
»Lebt ein Ritter, der mit Schwertesschlag
Für der Herrin Unschuld kämpfen mag,
Soll er an den Hof des Königs reiten,
Mit dem Seneschall, dem Kläger streiten.
Er befreit die Herrin, wenn er siegt
Und muss sterben, wenn er unterliegt.«

Tage rollten hin, ein Monat schwand,
Aber niemand rührte seine Hand
Um die Frau zu retten vom Verderben,
Und man führt die Königin zum Sterben.
Schranken sind im Schlosshof aufgerichtet,
Und ein Scheiterhaufen ist geschichtet.
Gramvoll sitzt der König auf dem Thron,
Und der Seneschall mit grausem Hohn
Blickt vom Ross gewappnet und gerüstet.
Doch der Ritter keinem es gelüstet
Für die Unschuld seiner Frau zu fechten. –
Und der König winkt den Henkersknechten.

Sieh, da reitet in die Schranken weit
Hoch zu Ross ein Mönch im Ordenskleid,
Neigt sich vor des Königs Stuhl und spricht:
»Herr, verschiebe noch das Blutgericht.
Lass, bevor die Flamme tilgt den Leib,
Beichten erst das unglücksel'ge Weib,
Lass mich ihre Qual mit Tröstung stillen;
Herr, versag' es nicht um Christi Willen!«

Und der König winkt. Das Eisenband
Löst der Henker von der Frauen Hand.
In die Kniee sinkt sie auf den Plan,
Küsst das Kreuz und hebt zu beichten an:
»Ich erwecke büssend Reu' und Leid;
Geb' mir Gott die ew'ge Seligkeit.
Meine Asche wird der Wind verjagen,
Aber droben will ich klagen, klagen,
Meinen Kläger fordern vor Gericht.
Das Verbrechen, ich beging es nicht,
Und so wahr ich eine Christin bin –
Helf' mir Gott! – ich fahre schuldlos hin.«

Sprach der fremde Mönch mit sanften Worten:
»Graus und dunkel sind des Todes Pforten,
Aber droben leuchtet ew'ges Licht. –
Hast du andre Schuld zu beichten nicht?«

Weinend sprach sie: »Ach, ich trage Reue.
Einmal wollte wanken meine Treue.
Ritter Galmy war so minniglich,
Und ein armes, schwaches Kind war ich;
Sah ich ihn, so ward mein Herze froh.
Aber er ermannte sich und floh.
Manches lange Jahr verstrich indessen,
Doch mein Herze kann ihn nicht vergessen,
Und ich rief zu ihm in meiner Noth.
Aber Ritter Galmy ist wohl todt,
Denn als Retter wär' er sonst gekommen,
Hätt' das Herzeleid von mir genommen.

Aufrecht steht des Mönches Hochgestalt,
Wie ein Heerhorn seine Stimme hallt
Ueber die bewegte Menge hin:
»Frei von Sünde ist die Königin,
Rein und makellos wie Himmelslicht,
Doch der Kläger ist ein Bösewicht!«
Und des Mönches Kutte sinkt zu Thal,
Leuchtend blinkt ein Streitgewand von Stahl,
Und vom Helme schwarze Federn schweben. –
»Wahr' dich Seneschall! Es gilt dein Leben«

Aus den Scheiden reissen sie die Klingen,
Funken sprühen aus den Panzerringen.
Blitz und Schlag! – Der hinterlist'ge Schelm
Sinkt zu Boden mit gespalt'nem Helm.
Auf des Schwergetroffnen Panzerhemd
Fest den linken Fuss der Sieger stemmt,
Setzt das scharfe Schwert ihm auf die Kehle. –
»Jetzt bekenn' und rette deine Seele!«
Röchelnd müht der Wunde sich zu sprechen
Und bekennt im Sterben sein Verbrechen.

Schritt der König zu der Königin,
Nahm vom Leib den weichen Hermelin,
Um die Bleiche er den Mantel schlug,
Auf den Armen sie von hinnen trug.
Jubelfreudig tausend Stimmen schallen,
Brausend strömt das Volk aus Hof und Hallen,
Und in's Land hinaus von Mund zu Munde
Eilt wie Vogelflug die frohe Kunde.

Heimwärts aber ritt im schwarzen Kleide
Ritter Galmy einsam durch die Haide.

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