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Abenteuer und Magie. Band I

Karl Federn: Abenteuer und Magie. Band I - Kapitel 30
Quellenangabe
typenovelette
authorKarl Federn
titleAbenteuer und Magie. Band I
publisherGebrüder Paetel
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die beiden Edelleute

Die Herren von Schranken und von Hasselthal waren Nachbarskinder, wurden zusammen im Kadettenhaus erzogen und waren leidlich befreundet gewesen, bis eines Tages im Mannschaftszimmer, von Hasselthal, der rittlings auf der Bank saß und, die Arme auf den Holztisch gestützt, zusah, wie Seckendorf mit den andern Karten spielte, den Rauch seiner Pfeife von Schranken ins Gesicht paffte. Schranken bat ihn, dies zu vermeiden; als von Hasselthal sich nicht darum kümmerte, und der Rauch ihm wieder in die Augen stieg, rückte er etwas weiter ab; und da Hasselthal ihm den Rauch geschickt nachblies, blinzelte er ein wenig und schlug dann mit einer ganz leichten Handbewegung gegen die Pfeife des andern, daß sie ihm aus dem Munde flog und auf den Steinfliesen in Stücke brach. Daraus gab ihm Hasselthal eine Ohrfeige. Schranken wurde kreidebleich und faßte ihn mit seinen weißen gepflegten Fingern an der Kehle; man brachte sie auseinander, sie rissen die Jacken ab, eilten, über dem Gürtel nur mit dem Hemde bekleidet, die dreispitzigen Hüte auf dem Kopf, die langen Gamaschen an den Beinen, in den eisigen Hof hinaus, und während zwei Kameraden Kerzen hielten, und das geringe Licht gegen den dunkeln Himmel schwälte, rannten sie, ohne viel sehen zu können, mit ihren Degen aufeinander los. Die Klinge von Schrankens fuhr Hasselthal durchs Hemd und riß ihm ein ganzes Stück Haut aus der Seite; aber es war nur ein Ritzer: Schranken erhielt einen Stich ins Handgelenk, der so gering schien, daß er weiter focht und Hasselthal die Klinge durch die Schulter stieß. Der mußte den Kampf aufgeben, aber die Wunde, obschon sie stark geblutet hatte, war nicht schwer und heilte in einer Woche, während der kleine Stoß ins Handgelenk, den Schranken erhalten hatte, sich als eine sehr schlimme Sache erwies, so daß er ein ganzes Jahr dienstuntauglich ward und die Heilung große Summen für Ärzte und Badereisen verschlang, ja eine leichte Steifheit im Gelenk für immer zurückließ.

Seither sprachen die beiden nie wieder ein Wort miteinander außer im Dienste. Sie waren Leutnants geworden und standen in der selben Garnison, in der jedermann wissen konnte, daß der Leutnant von Hasselthal in die kleine Ramin verliebt war; er tanzte mit ihr, so oft er konnte, ritt neben ihrem Wagen; wenn ihr Name genannt wurde, machte er ein verbissenes Gesicht, und die andern hatten es heraus, daß er ihr Blumen schickte und von ihr heimlich Konfitüren erhielt. Auf einem Balle tanzte auch von Schranken mit Fräulein von Ramin. Schranken war der eleganteste Offizier der Stadt und hatte sie bis dahin nicht gesehen: die kleine Ramin wurde blutrot, als er sie aufforderte. Er sprach nun öfter mit ihr und schien sie auszuzeichnen. Als er bei einem Karussell den Preis davontrug und alle Damen warteten, was er damit beginnen würde, ritt er an Fräulein von Ramins Loge vorüber und grüßte, gab aber den Preis niemandem. Dann schien er sie einen ganzen Abend vergessen zu haben und merkte es nicht einmal, als sie absichtlich ihren Fächer fallen ließ, sondern ging, eine andere Dame am Arm, gelassen plaudernd vorüber. Um Mitternacht fühlte sie seine Augen auf sich gerichtet, während er an der Saaltüre stand und lange nach ihr sah. Die kleine Ramin war wie im Fieber und wartete auf etwas, was nicht kam. Manchmal sprach Herr von Schranken von ihrem »Anbeter«, dem Leutnant Hasselthal, obschon sie ihm dies unwillig bestritt, und immer mit höchstem Lob: so ungeschickt er sei, sagte von Schranken, und ohne alle Distinktion, so sei er doch treu und tapfer und gut. An einem Ballabend, dem letzten des Winters, saß Hasselthal neben Fräulein von Ramin, die unruhig schien; von Schranken kam hinzu, setzte sich, den Arm auf ein kleines Wandtischchen gestützt, dem Fräulein gegenüber und plauderte und spielte dabei mit ihrem Fächer. Als er ihn einen Augenblick auf das Tischchen legte, um ein Glas Wasser zu trinken, nahm Hasselthal, der bis dahin finster geschwiegen hatte, ihn an sich. Fräulein von Ramin wurde rot und nahm Hasselthal den Fächer fort; Schranken streckte die Hand aus, um ihn wieder zu nehmen und sagte: »Das ist ja ein Spiel.« – »An dem ich nicht teilnehmen muß«, sagte Hasselthal aufstehend. »Es ist ja kein Jeu d'Esprit, Bester«, meinte von Schranken begütigend. Dabei fiel der Fächer zur Erde; Hasselthal bückte sich, Schranken auch, und, war es Zufall, indem er sich bückte, verschob er das Tischchen, das zwischen ihnen stand, so daß, als Hasselthal sich wieder aufrichtete, sein Schädel heftig daran stieß und alle Gläser darauf umfielen, während die Limonade auf den Reifrock einer zur Seite sitzenden Dame und Hasselthal zwischen Zopf und Uniformkragen in den Hals floß, und alle Blicke sich nach dieser Ecke richteten. Von Schranken entschuldigte sich in höflichster Weise, Fräulein von Ramin erstickte ihr Lachen in ihrem Taschentuch. Hasselthal, der erst vom Bücken dunkelrot geworden war, wurde weiß vor Wut. Er wollte von Schranken fordern. Aber die Kameraden sagten, er könne sich nicht ein zweites Mal mit ihm schlagen ohne greifbaren Anlaß; sie würden ihn jedoch zur Rede stellen. Tatsächlich suchten zwei ältere Offiziere von Schranken auf, der ihnen erklärte, er könne gar nicht begreifen, worin der Leutnant von Hasselthal eine Beleidigung sehen wollte: Fräulein von Ramin werde bestätigen, mit welcher Achtung er stets von ihm gesprochen hätte.

Bald darauf nahm Herr von Schranken, dessen Handgelenk sich beim Karussellreiten abermals entzündet hatte, seinen Abschied, um ein Amt bei Hof anzutreten. Die kleine Ramin weinte einsame Tränen; auch der Leutnant von Hasselthal war in eine andere Stadt versetzt worden.

Von da an sahen sich die beiden Männer nicht wieder, bis Herr von Hasselthal, der als Rittmeister seinen Abschied genommen hatte und seit manchem Jahr auf seinem Gute lebte, in der Kirche einen Fluch ausstieß, weil er, beim sonntäglichen Gottesdienst, auf der herrschaftlichen Bank an der andern Seite des Altars Herrn von Schranken sitzen sah. Fein und schlank, wenn auch merklich verändert, saß er, ein Bein über das andere geschlagen, das schöne hochmütige Antlitz horchend auf den Prediger gerichtet. Eine ältere und eine jüngere Dame und ein Knabe, nicht minder schön und vornehm in Kleidung und Haltung, saßen neben ihm.

Der Gottesdienst war kaum zu Ende, als Herr von Hasselthal dröhnenden Schritts die Kirche verließ. Draußen kam er an einer Karosse vorbei; der Kutscher in grün und roter Livree saß, die Peitsche mit der glänzend weißen Lederschnur steif und schräg vor sich haltend, auf dem Bock und wartete; während Hasselthal mit seinen schweren Stiefeln zu Fuß durchs Dorf heimschritt und von Zeit zu Zeit mit seinem Stock auf den Erdboden schlug.

Als er nach Tische in seinem gedielten Zimmer saß, wo ein großer Nußbaum zu den Fenstern hereinsah, fluchte er noch immer und stampfte mit dem Fuß auf den Boden; grimmig schlug er den Stahl an den Feuerstein, um sich eine frische Pfeife anzustecken und schenkte sich manches Glas starken Getränkes voll und ärgerte sich, daß sein Freund, der Freiherr von Grottau, nicht kam, mit dem er seinen Ärger hätte bereden können.

Drei Wochen später stieß er im Wald, mitten in seinem schönen Wald auf einen Zaun, wo nie einer gewesen war; er empfand die ganze Insolenz dieses Zaunes, der mitging, soweit er ihn zu umgehen suchte, und das Schrankensche Gebiet von dem seinen abschloß.

Am Nachmittag schritt er so finster und grimmig durch das Dorf, daß er beinahe eine schreiende Henne tottrat, die vor ihm flüchtete, und die Frau noch heftig anschnauzte, die sich ihres Vogels annahm. Aber der Amtshauptmann Weber, den er aufsuchte und mit dem er bisher jeden Sonnabend beim Kartenspiel gesessen, wollte ihm beweisen, daß Herr von Schranken in seinem Rechte war, und riet ihm dringend vom Prozessieren ab. Halb lächelnd, halb ärgerlich sah der Amtshauptmann dem erbitterten Edelmann nach, als dieser, die Türe ins Schloß werfend, hinausschritt.

Aber noch am selben Abend lächelte auch Herr von Hasselthal über einen guten Gedanken, der ihm gekommen war, und am nächsten Sonntag wollte er sich halbtot lachen: denn die Karosse des Herrn von Schranken stand vor einem gewaltigen Verhau still, das die Straße zur Kirche sperrte, wo sie über von Hasselthalschen Grund zu laufen begann. An ein Wegräumen der ungefügen Hindernisse in Eile war nicht zu denken: auch stand Hasselthals Knecht, Seumers, mit seinen vier langen Söhnen bereit, jeden, der es versuchen sollte, in den Graben zu schmeißen. Kein Bauer hätte eine Handreichung gewagt. Der Regen fiel in Strömen. Der Freiherr mußte in seinen feinen Schnallenschuhen, die Damen von Schranken mit hochgehobenen Röcken, in zierlichen Schühlein auf hohen Pariser Absätzen, durch den tiefen unwegsamen Kot waten, wenn sie zur Kirche wollten. Sie versuchten es, aber sie gaben es auf und fuhren, die feinen Strümpfe bis zu den Knien hinauf durchnäßt und kotbespritzt, nach dem Schloß zurück und hatten die ganze Woche einen Schnupfen zu bekämpfen. Einunddreißig Wagen standen mit fluchenden Kutschern und Insassen am Montag vor dem Verhau still, und vertranken ihren Zorn bei dem Schankwirt an der Heerstraße, der über das Verhau und den Umweg, den die Leute machen mußten, nicht weniger erfreut war als Herr von Hasselthal.

Leider erhielt dieser schon Montag Abend ein eiliges Mandat der Amtshauptmannschaft, in dem ihm bei hoher Buße aufgetragen wurde, das Hindernis ohne Verzug zu beseitigen. Beigefügt war, das allen Geschädigten vorbehalten bliebe, ihre Ansprüche im Wege Rechtens bei dem zuständigen Gerichte geltend zu machen.

Am folgenden Nachmittag trat der Amtshauptmann in sein Zimmer: »Hochzuverehrender und lieber Freund«, begann er ...

»Freund, was Freund! ich bin nicht Ihr Freund, Monsieur!«

»Herr Rittmeister,« sagte der Amtshauptmann sofort gemessen, »ich tue nur meine Pflicht; übrigens komme ich in Dero Interesse ...«

»Also darf einer seinen Wald absperren, aber ich nicht meine Straße?«

»Das Recht auf die Straße ist eine öffentliche Servitut ...«

»Servitut, Servitut! bei mir gibt es keine Servitut!«

Der Amtshauptmann erklärte.

»Recht schön! dann habe ich im Walde die Servitut; ich promeniere und jage dort seit nun dreißig Jahren ...«

Der Amtshauptmann versuchte zu erklären, daß eine freundschaftliche Konnivenz oder gar Einladung der freiherrlichen Verwaltung keine Servitut begründe, aber Hasselthal unterbrach ihn:

»Kurz, ich merke schon, es gibt hier zweierlei Recht!«

Die Herren schieden mit bösen Worten und Hasselthal hatte einen Freund weniger. Und dabei blieb es nicht. Herr von Schranken war liebenswürdig und gastfrei; man vergaß nicht, daß er ein hohes Staatsamt bekleidet hatte, daß seine nicht minder liebenswürdige Gattin die Tochter einer Exzellenz war. Ein Strahl vom Glanze der großen Welt fiel in einen ländlichen Winkel: man gab Diners auf Schranken und Dejeuners dinatoires, bei denen die Gäste sich trefflich unterhielten und treffliche Weine tranken, bei denen man gelegentlich mit berühmten Fremden zu Tische saß und einmal sogar mit einem englischen Prinzen. Alle verkehrten auf Schranken, nur Herr von Hasselthal nicht. Der ging nicht einmal mehr zur Kirche, weil er nicht jedesmal die freiherrliche Familie gegenüber sitzen und lächeln sehen wollte. Jeden Sonntag morgen schritt er nach dem Wald, um die verhaßte Kutsche nicht über seinen Grund fahren zu sehen. Des heiligen Tages wegen jagte er nicht, wenn er gleich aus Gewohnheit die Büchse übergeworfen trug. Aber da er einmal, seinen Zorn nährend, dem verhaßten Zaun entlang schritt, der nur durch eine kleine Schonung von ihm getrennt war, sah er etwas Langes, Braunglänziges mit einem vorne beständig pendelnden Köpfchen hinüberlaufen: es mußte ein Fasan aus der Schrankenschen Fasanerie sein, der auf seinem Grund war. In einiger Entfernung bäumte der Vogel auf. Auf den Strümpfen schlich er sich an und schoß: laut zippend flog der Fasan nieder, sprang mit hängendem Flügel auf und verschwand unter dem Zaune; als Hasselthal herankam, sah er ihn in geringer Entfernung verendet liegen. Eine Weile sah er sich um, dann verbrach er die Spur und die Stelle, schritt vergnügt nach Hause zurück und schickte Seumers nach der Schrankenschen Försterei hinüber, den Anschuß anzuzeigen. Aber der brachte die Antwort, daß ihm die Folge nicht verstattet werden könne, da der Vogel ein zahmes Tier aus der freiherrlichen Fasanerie und kein jagdbares Wild gewesen sei.

Hasselthal hatte damals junge Hunde, die noch nicht ferm waren und die er darum auf das fremde Gebiet nicht lassen wollte, und so kehrte er in der sonntäglichen Stille mit Seumers Jüngstem, der vierzehnjährig und schlank war wie eine Gerte, zur gleichen Stelle zurück und hieß ihn durch den Zaun schlüpfen. Gerade, als der Junge den toten Fasan beim Kragen hatte und hinter sich herzog, kam ein freiherrlicher Jäger, der bereits nach dem Fasan suchte, durch das Revier, machte ihn vor den Augen seines Herrn zum Gefangenen und schleppte ihn auf die Försterei, wo ihm kraft patrimonialer Gerichtsbarkeit der Rücken zerdroschen wurde. Herr von Hasselthal hatte in dem Augenblick, in dem jener Hand an den Jungen gelegt, die Büchse von der Schulter gerissen, aber sei es, daß er fürchtete, den Knaben zu treffen, sei es, daß sein guter Engel ihn zurückhielt, er tat den Schuß nicht.

Als er am andern Tag« ausging, trat Seumers an ihn: »Halten zu Gnaden, Herr Rittmeister,« sagte er, »und sehen, wie der Jung zugericht ist!«

Hasselthal trat ein und Seumers zog dem Jungen das Hemde vom Rücken. Herr von Hasselthal pfiff und legte schweigend zwei Taler auf den Tisch. Seumers dankte und kehrte zu seiner Arbeit zurück; er schnitzte sich einen ungeheuren Stock zurecht. Hasselthal sah es und sagte kein Wort.

Aber er erinnerte sich daran, als er unten auf der Brücke dem Jäger begegnete, der tags zuvor den Jungen abgefangen hatte. Es war ein großer, wohlgebauter Bursch mit einem feisten Lakaiengesicht; als er Herrn von Hasselthal sah, rückte er den Hut, ohne ihn recht zu ziehen, und über sein Gesicht flog ein freches und schadenfrohes Lächeln. Mit zwei Schritten stand Herr von Hasselthal neben ihm und schlug ihm den Hut vom Kopf, und zwar so, daß der ganze Mensch in den Graben fiel. Dann setzte er die Hände an den Mund und rief: »Seumers! Seumers!«

Es war dies ein ganz mit Efeu bewachsener Graben, der nur etwa dreißig Schritte vom Hause entfernt zum alten Park führte und noch zu seinem Grunde gehörte. Herr von Hasselthal hütete sich wohl, Seumers einen Befehl zu geben; er sah im Gegenteil nach der andern Seite, so daß er nicht einmal als Zeuge darüber hätte aussagen können, wie Seumers die Leiden seines Jungen rächte.

Im Laufe der Woche wurden von beiden Seiten insgesamt vier neue Klagen eingereicht, und des Sonnabends erschienen zwei Landjäger, um Seumers abzuholen. Herr von Hasselthal drohte sie niederzuschießen; Seumers, der unter ihm gedient hatte, stellte sich stramm und wartete auf seinen Befehl. In des alten Edelmanns Gesicht arbeitete es, aber er besann sich. Seumers salutierte, machte kehrt und ließ sich abführen, während sein Herr schwerfällig die Treppen hinaufstieg und einen Brief an seinen Anwalt Reismeyer in Dresden aufsetzte.

Reismeyer antwortete nach einiger Zeit, die Prozesse stünden so und so; auch der Appellhof hätte seine Beschwerden verworfen, und was Seumers betreffe, so sei er wegen seiner unnützen und boshaften Gewalttat zu zwei Monaten Haft verurteilt worden.

Die zwei Monate gingen herum, aber Herr von Hasselthal war seither ein veränderter Mann, und ein scheinbar geringfügiger Umstand verstörte ihn vollends.

Beim Grafen von der Lenke auf Döbeln war ein großes Saujagen abgehalten worden, und als man nach der Jagd bei einem gemeinsamen Mahle saß, hielt Hasselthal, den der Wein ein wenig erhitzt hatte, eine dringliche Rede gegen das Verzäunen der Wälder und forderte die anwesenden Herren als »Knechte der Dianae und Verehrer des heiligen Huberti« auf, mit ihm bei der kurfürstlichen Regierung dagegen vorstellig zu werden. Nun waren aber die Zaun- und Prügelprozesse des Herrn von Hasselthal infolge verschiedener witziger Bemerkungen, die auf Schranken darüber gemacht worden waren, ohnedies in aller Mund, so daß bei seiner Rede ein großes Gelächter entstand, das immer lauter ward, je heftiger er wurde, und er gar nicht zu Ende sprechen konnte, da ein anderer jüngerer Herr gleichzeitig eine Rede an die anwesenden »Knechte der Dianae und Verehrer des heiligen Huberti« begann, die die seine parodierte, und seine Worte in dem brüllenden Gelächter überhaupt nicht mehr angehört wurden. Vergeblich suchten die Nächstsitzenden Hasselthal zu begütigen, der das Mahl verließ und von der Stelle weg nach Hause fuhr.

Da er mit unheilverkündender Miene und der tiefsten Erbitterung im Herzen ankam, fand er einen Brief Reismeyers vor, dem eine Anzahl Blätter mit vielen Ziffern in feinster Schrift beigelegt waren. Er war kaum imstande zu lesen, noch weniger sich darin zurechtzufinden, und schickte um einen Schreiber des Amtshauptmanns, der ihm gelegentlich als Aktuarius diente. Mit ihm ging er hiernach die Blätter durch und ließ sich die Ausdrücke erklären, aber jeden Augenblick schob er sie von sich oder sprang auf und schritt durchs Gemach, ließ sich die Erklärungen fünfmal wiederholen, die er nicht verstand, und schrie den Schreiber an, dem der Schweiß auf der Stirne stand, und der selten so schlimme Stunden, wie jetzt mit dem erbitterten Edelmann, erlebt zu haben glaubte.

Die ganze Nacht saß er über alten und neuen Büchern, mit Rechnungen und Papieren über die Beträge, die auf seinem Gut bereits lasteten. Den Brief, in dem Reismeyer ihn warnte, nicht bis ans Reichskammergericht zu gehen, warf er ins Feuer; aber gleichzeitig war ihm, als ob der Boden unter seinen Füßen und das Dach über seinem Haupte langsam weggezogen würden.

Am andern Morgen, als er in seinem Zimmer saß, sprang sein Hund, der vor ihm in der Sonne gelegen hatte, plötzlich auf und begann zu bellen: Hasselthal hatte mit sich selber gesprochen. Wie beschämt vor seinem Hunde, – denn nur den Klöth Ulrich, den Dorfidioten, hatte er dies bisher tun gesehen, – schritt er vor den Spiegel, um sich zu überzeugen, was mit ihm wäre, kehrte an den Tisch zurück, trank ein Glas leer und setzte sich wieder. Dann stellte er die Flasche mitten auf den Tisch, nahm eine Pistole von der Wand, ging in dem großen Zimmer so weit, als er nur konnte, zurück und schoß den Flaschenhals entzwei. Darauf wurde er wieder vergnügter, aber nicht auf lange.

Des Abends kam der Herr von Grottau zu ihm und fluchte: auf allen Schlössern lernten die Damen englisch parlieren, um mit dem Prinzen scherwenzeln zu können, wenn er wiederkäme und sie ihm vorgestellt würden; und er spuckte wiederholt aus. Dann sah er die zerschossene Flasche: »Ei«, sagte er und sie begannen von guten Schüssen zu reden; darüber gerieten sie in Hitze, und Hasselthal gewann eine Wette, indem er den Kork nochmals von der Flasche schoß; als aber Herr von Grottau vorschlug, er möge die wedelnde Schwanzspitze seines Hundes wegschießen, wenn er könnte, wurde er böse; zur Versöhnung hörte der Freund seine ganzen Prozeßgeschichten an, und dann schrien sie furchtbar.

»Ja, wenn du reichsunmittelbar wärest,« sagte Grottau zuletzt, »dann könntest du ihm simplement Fehde ansagen und bei ihm einreiten. Das wäre ein Hauptjokus.«

Hasselthal glühte bei dem Gedanken, daß Seumers und seine Söhne und seine anderen Leute auf Reit- und Ackergäulen aufsitzen und er mit ihnen gegen Schranken brandreiten könnte. Sie begannen sich die Sache auszumalen mit den verschiedenen Greueln, die sie dort verüben würden. »Das Mädelchen, das Mädelchen, das Baroneßchen ist ein feines Mädelchen«, sagte Grottau und grinste. Grimmige Kriegserinnerungen kamen beiden in der friedlichen Nacht. Dann schossen sie die Gläser entzwei und hierauf nach den Gehörnen und Tabakspfeifen an der Wand. Unten saßen die Mägde und zitterten. Seumers' Frau betete laut, während ihr Mann sie eine Heulliese schalt und an seinem Gewehr putzte. Von oben wurde nach neuen Gläsern gerufen. Als es lange nach Mitternacht still wurde, und Seumers mit einer verschlafenen Magd nachsehen kam, lag Herr von Grottau schnarchend auf dem Sofa; Herr von Hasselthal saß mit glasigen Augen und offener Brust, auf der die zottigen grauen Haare unter dem Hemde hervorsahen, das eine Bein auf einem Stuhl gestreckt, da und rauchte Pfeife und sagte kein Wort.

Als er am nächsten Morgen mit schief geknöpfter Jacke, die Hände auf dem Rücken, hinter dem Hause auf und ab ging, trat Seumers auf ihn zu, sah sich nach allen Seiten um und sagte: »Mit Verlaub, Herr Rittmeister, ich habe gestern einen Wiedehopf geschossen ...«

»Was solls?« fragte Hasselthal.

Seumers, der erst kürzlich zurückgekommen war und etwas blasser aussah als sonst, sah sich nochmals um und gab an, durch genaue Kundschaft zu wissen, wo Herr von Schranken allein spazieren gehe oder reite und auch wo er des Abends in seinem Garten einsam zu sitzen pflege, wo hinter einer Hecke ein Abhang emporsteige bis zu einem Hohlweg, durch den aus gewissen Gründen nie ein Mensch gehe; wer ihm in dem Hohlweg aufpasse, sei ganz sicher, niemandem zu begegnen, noch entdeckt zu werden. Dem Wiedehopf habe er das Herz ausgerissen und es mit dem Ladestock dreimal durchs Rohr gestoßen, es auch mit einem Lappen, so er mit Zwiebel bestrichen und neun Tage im Schornstein aufgehängt, ordentlich ausgewischt, dann beides des Nachts in fließendes Wasser geworfen: mit dem Gewehr fehle er kein Ding.

»Wird auch der Scharfrichter zu Dresden dich mit dem Beil nicht fehlen«, sagte Herr von Hasselthal ruhig, »und keine kurfürstliche Clemenz dir durchhelfen. Daß ich dergleichen nicht wieder höre!«

Seumers wollte noch einwenden: »Und wer will Nachweis führen wider mich?«, aber Hasselthal gebot ihm Schweigen und ging, während der Mann ihm kopfschüttelnd nachsah.

Am selben Abend machte Herr von Hasselthal sein Testament, und am folgenden Tage ging er, nachdem er seine beiden Pistolen zu sich gesteckt, durch den Hohlweg, den Seumers ihm bezeichnet hatte.

Es war der lieblichste Sommernachmittag. Auf den Wiesen waren die Leute mit Mähen beschäftigt und gelegentlich klang von fern das Dengeln einer Sense herüber; dann war er im Gebüsch verschwunden. Er schritt so leise, als pirschte er sich an ein scheues Wild an; er wollte plötzlich vor seinem Feinde stehen, wo niemand zwischen sie treten konnte.

Seumers hatte ihm gewissenhaft berichtet. In einem abgelegenen Teile des Gartens saß Herr von Schranken allein an einem Tische unter einem breiten Ahornbaum und las.

Hasselthal zitterte plötzlich; eine so ungeheure Wutwelle kam über ihn, daß er seinen eigentlichen Vorsatz vergessend, die Pistole hob; aber die Hände zitterten ihm, er mußte warten. Seine Augen schlossen sich und er sah viele Dinge.

Als er wieder aufsah, wußte er nicht, wie ihm war: hatte er sie nicht kommen gesehen? Schranken war nicht mehr allein; ein Mädchen und ein Knabe saßen am Tisch. Die Tochter war feingliedrig, zierlich, mit blondem Haar; mit lieblicher Bewegung drängte sie sich zärtlich an den Vater; der Knabe lachte: beide mußten etwas Scherzhaftes dringend zu erzählen haben, denn auch der Vater lachte und beglückwünschte sie, während Sohn und Tochter über eine seiner Hände strichen.

Dem Mann im Busch versagte der Atem; ein ganz fernes Bild stieg vor ihm auf und dann ein Leben, das anders hätte sein können; damit aber kam auch sein Grimm wieder.

» Petit père! petit père!« sagte das Mädchen. Und jetzt erklärte ihnen Schranken ernste große Dinge, die das Heil eines Landes, den Fortschritt der Menschen betrafen; er wies auf das Buch, das er in Händen hatte. Wer hatte Hasselthal nur einreden wollen, damals auf der Jagd, daß wenige Männer soviel für ihr Land geleistet hätten wie der, der ihn verdarb?

» Petit père!« kam es zärtlich von den Lippen des Knaben und dann ein enttäuschter Ruf: »Da kommt Kriehahn!«

Es war ein junger Sekretarius, der über die Wiese kam und dem der Freiherr freundlich zulächelte. Er brachte Papiere zum Unterschreiben.

»Oh, was er langweilig ist, Kriehahn,« sagte der Knabe, »kommt jetzt mit seinen ennuyanten Papieren!«

»Ihro Gnaden,« sagte der Sekretarius, »werden ein schärferes Einschreiten nötig finden; es ist wieder grober Schaden geschehen, unserm Vieh und den Zäunen, und man kann es den Hasselthalschen Leuten nachweisen.«

»Wenn möglich, soll man es passieren lassen,« sagte Herr von Schranken, »seitdem ich hier bin, möchte ich mit dem Manne Frieden halten und kann es nicht erreichen, weil er, Kriehahn, mein Recht mehr wahrnehmen will, als ich selbst; vielleicht geht es ihm gerade so, und sind nur seine Leute, die ihn aufhetzen.«

Fast wäre Herrn von Hasselthal die Pistole aus der Hand gefallen; und jetzt sah er etwas, was ihn jäh betroffen machte: der Mann am Tisch unterschrieb einige der Papiere, die der Sekretarius ihm vorgelegt hatte: er unterschrieb mit der linken Hand, und der Knabe küßte und streichelte die Rechte, die ungeschickt auf dem Tische lag.

Der Sekretarius ging, und die Kinder hingen an des Vaters Halse und küßten ihn. Dann rief eine Stimme vom Schlosse und sie eilten fort. Herr von Schranken saß wieder allein.

Aber Herr von Hasselthal war lautlos wieder in den Hohlweg verschwunden.

Am andern Tage kam ein Brief an den Freiherrn, auf dem zwar außen alle Titulaturen angebracht waren; innen aber stand:

»Ewald von Schranken!

Sie haben mir manches angetan, was mir das Leben vergället hat, oder ich glaubte es doch. Bin ein einsamer alter Mann geworden und Vertrags nicht mehr. Gestern hatte ich Sie vor der Mündung meiner Pistole; hätte mir mit der zweiten Kugel selbst das Gehirn ausgeblasen; habe aber Ihre Kinder gesehen und ihr » petit père« gehört. Habe selbst keine. Und ich hatte damals Unrecht, als ich Ihnen den Rauch ins Gesicht blies, und tut es mir leid.

Dero ergebenster
Hasselthal.«

*

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