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Abenteuer und Magie. Band I

Karl Federn: Abenteuer und Magie. Band I - Kapitel 26
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typenovelette
authorKarl Federn
titleAbenteuer und Magie. Band I
publisherGebrüder Paetel
year1926
correctorreuters@abc.de
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Bürger Tassendieu

Die Marquise von Bretonvilliers saß allein in ihrem Salon. Im Erker lag auf dem Fensterbrett ihr winziges Hündchen, das sich zwischen das Glas und die Lehne eines Stuhls gedrängt hatte.

Ein letztes Leuchten fiel auf die Seine, die belebten Brücken, die Hügel von Saint Cloud und all den Dunst von Paris, in dem die Sonne sank.

Im Zimmer war Dämmerung. Die Marquise war eingenickt; sie erwachte, als der Diener lautlos eintrat und mit leiser ehrerbietiger Stimme meldete: »Maitre Tassendieu fragt, ob die Frau Marquise ihn zu empfangen geruht?«

Sie nickte. Der Diener zündete die Kerzen in den Wandleuchtern neben einem der hohen Spiegel an, während der Advokat eintrat; in dem halben Licht glitt er mit seinen schweren Schuhen auf dem spiegelnden Parkett aus. Das Hündchen kläffte wie rasend. Mit einer ärgerlichen, fast zornigen Bewegung erhielt der Advokat sich aufrecht, schritt auf die Marquise zu und verbeugte sich.

Beim Licht der Kerzen sah sie die Verbeugung und sah den Mann: er war mittelgroß, breitschultrig, er trug einen braunen Frack, keine Perücke; langes schwarzes Haar fiel um den großen Kopf, die starken Züge.

Die Marquise machte dem Diener ein Zeichen, der das noch immer kläffende kleine Tier faßte und ihr brachte; sie legte es in den Schoß und schob es in ihren weiten Ärmel, so daß nur das grollende kleine Köpfchen hervorsah.

»Ich habe die Ehre, die Frau Marquise von Bretonvilliers zu sprechen? Mein Freund von Tursan hat mich der Frau Marquise empfohlen ...«

Die Kerzen flammten auf der anderen Seite auf, und der Advokat sah die Marquise. Sie mochte über fünfzig Jahre alt sein; aber die Haut ihres Gesichtes war rosig unter dem gepuderten Haar, nur vom Alter ein wenig verzogen; Mund und Augen bildeten gegen die Wangen scharfe Ecken. Auf dem Schemel ruhte ein winziger Fuß, und unter dem weiten grauseidenen Kleid war das schlanke, wohlgeformte Bein sichtbar.

»Herr von Tursan hat mir von Ihnen gesprochen«, begann sie mit einer Stimme, in der er deutlich den Tadel für die Vertraulichkeit fühlte, mit der er seinen Ausdruck gewählt hatte, – während eine Handbewegung ihn zum Sitzen einlud.

»Er wollte selbst zur gleichen Stunde kommen«, sagte der Advokat und sah sich herausfordernd gegen die Spiegel, die seidenen Tapeten, die Parketten des weiten Zimmers um, die ihn wider seinen Willen aus der Fassung brachten.

»Er ist jedenfalls noch nicht hier. Aber das tut nichts. Ich wollte Sie kennenlernen. Das Nähere über den Prozeß wird Ihnen Bonnet, mein Sekretär, sagen. Herr von Aligre hält meine Sache für verloren, aber Herr von Tursan sagte mir, Sie wären der Mann, schon verlorene Prozesse zu gewinnen.«

Sie sprach die letzten Worte mit liebenswürdigem Lächeln, aber das Gesicht des Advokaten bekam einen bitteren Ausdruck.

»Das hängt von den Richtern ab, Frau Marquise,« sagte er, »und die müssen wir vorläufig nehmen, wie ... Gott sie uns gibt. Sie werden meine Worte begreifen, gnädige Frau: ich habe Didier verteidigt.«

»Didier ...? ist das der Mann, der das Buch geschrieben hat?«

»Derselbe, gnädige Frau.«

Die Marquise schwieg einen Augenblick, dann fragte sie: »Wozu ist er verurteilt worden?«

»Zur Auspeitschung, zum Pranger und zur Deportation!« Die Stimme des Advokaten zitterte vor Leid und Zorn.

In diesem Augenblick meldete der Diener Herrn von Tursan. Er trat auch sogleich ein, schlank, jung, mit gepudertem Haar, in einem Anzug aus silbergrauer Seide mit mattgoldenen Litzen, den leichten Degen an der Seite, den Hut unterm Arm; rasch und lächelnd trat er ein, mit anmutigen Schritten ging er auf die Marquise zu und küßte ihre schlanken, ringgeschmückten Finger. Das Hündchen richtete sich auf ihrem Schoß empor, um seine Hand zu lecken.

»Sie sind schon da, Tassendieu?« sagte er dann, »Sie haben schon gesprochen?«

Er sah die Marquise fragend an.

Sie antwortete: »Maitre Tassendieu unterhält mich von einem Prozeß, den er geführt hat.«

»Ich sprach von Didier«, sagte Tassendieu finster.

Herr von Tursan zog die Brauen hoch, dann lächelte er wieder. »Ja, mein armer Freund, wenn Beredsamkeit Didier retten konnte, du hättest es getan!« sagte er leichthin. »Glauben Sie mir, meine Tante, ich rate Ihnen gut ... in der Kunst, wie für Ihren Prozeß ...«

»Für den Prozeß ohne Zweifel,« erwiderte die Marquise, »aber was haben Sie mir für ein Ungetüm von einem Maler geschickt! Er ist in seinem Schlafrock zu mir gekommen, mit einer Pelzmütze und offenem Kragen, – es war indezent! Nein, nein, nein, meiner Treu, nein, ich werde den Salon von La Bresse malen lassen.«

»Das sind seine Absonderlichkeiten!« sagte der junge Mann lachend, »er ist ein Narr, gnädige Frau, und seine Manieren sind abscheulich, aber er kann malen, und La Bresse kann es nicht!«

»La Bresse hat die Deckengemälde für Herrn von Beaumanoir gemalt ...«

»Herr von Beaumanoir hat die Göttinnen, die er verdient.«

Da unterbrach Tassendieu das Gespräch. »Sie kennen den Präsidenten von Aligre, Frau Marquise?« fragte er.

Sie hatten ihn eine Minute lang fast vergessen; die Marquise hob den Kopf.

»Man unterbricht nicht, Maitre Tassendieu«, sagte sie milde. »Herr von Aligre und ich sind sehr gute Freunde.«

Wenn der Mann ihr nicht so weltenfern erschienen wäre, so hätten seine finsteren Augen sie beklommen gemacht, als er mit mühsam verhaltener Leidenschaft sagte: »Frau Marquise ... ich will an Ihrem Prozeß arbeiten, als ob mein Leben von seinem Ausgang abhinge, wenn Sie dafür mit dem Herrn Präsidenten ein Wort für meinen Freund Didier sprechen wollen!«

Wieder zog Herr von Tursan die Brauen hoch, dann lächelte er wieder und nickte. »Sie sind die Güte selbst, liebe Tante und Sie werden diese Bitte Maitre Tassendieus gewiß gerne erfüllen.«

Die Marquise schwieg. Endlich sagte sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Monsieur: ich liebe die Bücherschreiber nicht; ich liebe die Leute nicht, die sich um Dinge bekümmern, die sie nichts angehen. Wie konnte der Mensch sich herausnehmen, gegen den Statthalter zu schreiben?«

»Weil der Statthalter die Provinz zur Verzweiflung trieb und ein Ehrenmann wie Auguste Didier dies nicht länger mit ansehen konnte. Die armen Leute waren zum König gegangen, der König hat es ... vorgezogen, sie nicht zu empfangen ...«

»Man kritisiert nicht, was Seine Majestät tut.«

Tassendieu war in einen düsteren Eifer geraten: »Daß die Könige nicht kritisiert werden, ist ihr Unglück und das ihrer Untertanen«, sagte er mit einer großen Handbewegung. »So spricht der Chevalier von Méhégan, einer unserer besten Autoren!«

»Ich würde Ihren Autor in die Bastille sperren.«

»Es geht leider nicht, liebe Tante; er ist tot,« bemerkte Herr von Tursan lässig, »aber er gehörte zur besten Gesellschaft.«

»Um so schlimmer für die Gesellschaft. Darum gehe ich nirgends mehr hin und will niemanden sehen, den ich nicht kenne.«

»Sie haben, von Ihrem Standpunkt, vermutlich vollkommen recht, Tante«, und zu Tassendieu gewandt, sagte er: »Mein Lieber, du bist im Begriff, dein Plaidoyer für Auguste Didier zu wiederholen. Das wäre nicht am Platz. Die Frau Marquise glaubt an deine Beredsamkeit und sie wird dir ihren Prozeß, von dem wirklich sehr viel abhängt, auch ohne diese Probe anvertrauen.«

»In der Tat, mein Herr,« sagte die Marquise wieder verbindlich, »und ich sage auch nicht, daß ich für Ihren Mann nicht sprechen will, obgleich es, wie ich fürchte, kaum etwas nützen wird.«

»Dieser arme Didier hat eine Frau und vier Kinder«, sagte Herr von Tursan.

»Und ich nehme an jedem Unglücklichen Anteil,« fuhr die Marquise fort, »wiewohl die Erfahrung mich gelehrt hat, daß die Unglücklichen auch immer irgendwie an ihrem Unglück Schuld tragen. Der Mann hätte an Frau und Kinder denken und schweigen sollen! Du auch, Dodo!« Das Hündchen, das geschlummert hatte, war erwacht und kläffte wieder. »Es ist vollkommen lächerlich, wie heute jeder über alles mitsprechen will, die Staatsgeschäfte, die Literatur, die Religion selbst. Jede Sache muß den Berufenen überlassen bleiben, und sehr viele Dinge dürfen überhaupt nicht erörtert werden.«

Tassendieu saß schwer auf seinem Stuhl und sah vor sich hin. Das Licht der Kerzen strahlte aus allen Spiegeln. Er nickte, scheinbar zustimmend, und erwiderte nichts. Herr von Tursan war aufgestanden. »Die Frage ist immer nur, wer die Berufenen sind, – nicht wahr?« sagte er leichthin. »Tun Sie es, gnädige Frau, sprechen Sie mit dem Herrn Präsidenten. Und wir sprechen morgen mit Bonnet.«

Auch Tassendieu stand auf. Das Hündchen kläffte ihn boshaft an. Ein Diener trat ein, der das kleine Tier der Marquise abnahm und hinaustrug. Ein anderer öffnete die Türen. Tassendieu verbeugte sich und ging; wieder wäre er auf dem Parkett beinahe gefallen. Tursan erfaßte ihn am Arm. »Ich nehme dich mit«, sagte er. Aber in der Türe kehrte er um, ging ins Zimmer zurück und sah die Marquise mit einem resigniert fragenden Lächeln an.

»Sie bringen mir die unmöglichsten Menschen«, sagte sie.

»Zu gutem Zweck, gnädige Frau.«

»Sie wollen sagen: man muß bissige Hunde verwenden, um gefährdetes Gut zu schützen?« Tursan nickte. »Aber wie können Sie solch einem Menschen gestatten, sich ›Ihren Freund‹ zu nennen? Sie setzen sich zur Kanaille herab, mein Lieber.«

»Verzeihen Sie, Tante ...«

»Sie werden sehen, wohin das führt!«

»Ihren Prozeß zu gewinnen.«

»Gut, gut. Er soll ihn übernehmen. Aber ich will ihn nicht sehen. Ich würde ihm keine Rosen an den Kopf werfen.«

»Darin haben Sie recht, Tante.«

Er küßte ihr nochmals die Hand, ging lächelnd durch die spiegelnden Zimmer und stieg die Treppe hinab.

Ein Bogengang mit zierlichen Säulen umgab den von zwei Laternen trüb erleuchteten Hof. Tursans mit vier Pferden bespannte Kutsche hielt vor der Treppe. Der Diener öffnete den Schlag. Tassendieu, der auf ihn gewartet hatte, stieg mit ihm ein, und die Rosse, die der Kutscher mit Mühe zurückhielt, stampften durch den Torweg in die dunkle Straße hinaus.

»Wirst du den Prozeß übernehmen?« fragte Tursan, während sie durch das abendlich belebte Paris flogen.

»Ja«, sagte Tassendieu.

»Ich danke dir. – Teufel!« fuhr er fort, »welchen Maler sie nimmt, kann mir gleichgültig sein; ich kann die Decke neu malen lassen. Aber von dem Prozeß hängt zuviel ab.«

»Ich werde ihn führen. Ob ich ihn gewinne, werden wir sehen!«

Sie schwiegen eine Zeit. Der Wagen raste über eine Brücke. »Und was denkst du sonst?« fragte Tursan.

»Sonst? Was ich denke? Ich kenne sie ja. Sie haben keinen Begriff vom Recht und diktieren das Recht. Sie kennen die Menschen und ihr blutiges Elend nicht, sie ahnen nicht, was nützlich und schädlich ist, und sie haben die höchsten Stellungen im Staat und in der Verwaltung. Sie verstehen nichts gründlich, und sie entscheiden über die Schicksale und die Arbeiten von Künstlern und Gelehrten. Sie verwenden das Geld auf die eitelsten Dinge, und sie haben allen Reichtum. Was können sie, als sich gut kleiden und bewegen? Sie sind das Ballett der Menschheit, und anstatt sie zu beklatschen und zu verachten, läßt man sie gebieten. Sie sind überflüssig; man kann sie nicht ändern; man kann nicht einmal mit ihnen diskutieren: man kann ihnen nur den Kopf abhauen.«

Herr von Tursan, der tief in den Kissen des Wagens lag, lächelte. Den Kopf abhauen ... ist das nicht ein etwas starkes Mittel, mein Freund?«

Aber Tassendieu lächelte nicht.

 

Bonnet, d«r Sekretär der Marquise, ein uralter kleiner Mann, sprach ihr anfangs mit Mißtrauen und Abneigung von dem Advokaten, den Herr von Tursan zu ihm gebracht hatte, und zuletzt mit heller Bewunderung. Aber in den vier Jahren, in denen er den Prozeß führte und gewann, sah er die Marquise nicht ein einziges Mal. Seine Rechnungen wurden stets ohne Bemängelung bezahlt.

Dann waren die Unruhen in Paris auegebrochen, und eines Tages, da die Marquise von Versailles zurückkam, hatten Leute in die Fenster des Wagens geschrien und Steine nach ihrem Kutscher geworfen. Da verließ sie entrüstet die Stadt und zog sich aufs Land zurück.

Sie erlaubte nicht, daß eine Zeitung in ihr Haus kam, und verbot ihren Leuten strenge, von den ungehörigen Vorgängen in Frankreich zu ihr zu sprechen. Als ihr Kammerdiener einmal zitternd, während er ihr die Schokolade servierte, eine Warnung versuchte, von schrecklichen Dingen erzählten wollte, wurde er auf der Stelle entlassen. Sie wollte nichts hören, bis die Ordnung wieder hergestellt war.

Eines Morgens wurde sie durch Glockenläuten geweckt, wildes, anhaltendes Läuten von den Kirchtürmen, während der zarte Laut des silbernen Glöckchens auf ihrem Nachttisch unbeachtet in den weiten Zimmern des Schlosses verhallte. Dann hörte sie Schüsse fallen, irgendwo in der nächsten Nähe prasselten Kalk und Steine nieder. Es konnte kein Traum sein ... Charles, ihr neuer Kammerdiener, kam, ohne anzuklopfen, in ihr Schlafzimmer! Aber das war nicht Charles, sondern fremde wilde Gesichter, und üble Fäuste, die die alte Dame aus dem Bette zerrten, wäre nicht einer in schäbiger Uniform, aber mit entschlossenen Zügen eingetreten, der den Leuten wehrte und sie aufstehen und sich ankleiden hieß.

Zwischen den Bajonetten zerlumpter Soldaten war sie ins Dorf, und in einem schlechten Wagen bis Paris gekommen. An jeder Station hatten ihr Betrunkene Schimpfreden und Drohungen in den Wagen gerufen. Erst im Gefängnis fand sie wohlgekleidete Menschen und gesittete Manieren wieder. Aber sie saß mit vom Alter verzogenem Gesicht da und sprach nicht. Den größten Teil der Zeit war sie damit beschäftigt, vor dem schlechten Spiegel mit zitternden Händen ihr graues Haar zur hohen Frisur zu ordnen, die nie gelingen wollte, die graugewordenen Wangen zu schminken und die Kleider auf dem schlotternden Korsett recht sitzen zu machen. Ohne Kammerfrau war alles so schwer.

Aber sie zitterte nicht, als sie von einer wüsten johlenden Menge umgeben, vor den schlechtgekleideten Richtern stand. Rings um sie rote Mützen, Piken, Schmutz, Branntweindunst, blutbefleckte Kleider, gierige, haßerfüllte Gesichter. Es wurden nur wenige Fragen an sie gestellt, und ihren Antworten folgte Brüllen und höhnisches Lachen. In der Nähe des Vorsitzenden stand ein Mann in langem, braunem Rock und Röhrenstiefeln, einen Degen umgeschnallt und eine blau-weiß-rote Schärpe um den Leib. Aus der um den Hals gewickelten schwarzen Binde stieg zwischen zwei zerknitterten weißen Kragenecken ein breites, finsteres Gesicht; unter dem riesigen Kokardenhut hingen schwarze Haarsträhnen herab. Die dunkeln Augen waren unverwandt auf die Marquise gerichtet. Als eine kurze Pause eintrat, weil ein Beweisstück in den Akten nicht zur Stelle war, sah sie ihn an: sie wußte nicht, woher sie das Gesicht kannte. Er sprach jetzt mit dem Vorsitzenden. Die Menge wurde unruhig. Der Vorsitzende klingelte. »Der Zeuge, Bürger Tassendieu!« sagte er laut.

Da erkannte sie den Advokaten, der vor acht Jahren in ihrem Salon gesessen und ihren Prozeß gewonnen hatte. Sie erkannte auch die tiefe, eindringliche Rednerstimme wieder, als er sagte, daß er sie persönlich gekannt, daß sie eine verstockte, unheilbare Aristokratin sei. »Sie hat den Prozeß gegen Didier gutgeheißen«, rief er, mit der Faust auf den Gerichtstisch schlagend. »Auguste Didier, der ausgepeitscht und deportiert wurde, weil er sich eures Elends angenommen. Erinnert ihr euch? Einfältig, kenntnislos, vom Dünkel eines gutgekleideten Weibes aufgeblasen, sagte sie, daß Leute, die die Regierung kritisierten, in die Bastille gehörten: nicht einmal das Sprechen wollte sie uns Republikanern gestatten. Genügt das?«

Die Menge tobte. Die Jury erkannte ohne Beratung und einstimmig auf den Tod. Die Marquise zuckte einmal zusammen, dann stand sie wieder aufrecht. Die Wachen wollten sie abführen, aber eine Handbewegung Tassendieus, der indessen seinen Sitz auf der Geschworenenbank eingenommen hatte, hielt sie zurück.

Ein junger, einfach und gut gekleideter Mann mit blondem Haar wurde vorgeführt. Die Hände waren ihm auf dem Rücken gebunden. Da er sich erregt umsah, fiel sein Blick auf die Marquise und er verbeugte sich. Sie erkannte ihren Neffen. Er lächelte jetzt nicht; er sprach sehr heftig. Er stellte jede Schuld in Abrede. Er sei immer für das Recht und die Freiheit gewesen. »Hier, dieser Mann kann es bezeugen«, rief er, auf Tassendieu weisend.

»Der Bürger Tassendieu ist Geschworener und kann in deinem Prozeß nicht Zeuge sein, Bürger Tursan«, sagte der Vorsitzende. »Wenn er deinen Fall kennt, um so besser für dich.«

Der Prozeß ging schnell vorwärts. Der Angeklagte hatte Anordnungen des Nationalkonvents getadelt. Tassendieu gab als erster unter den Geschworenen seine Stimme ab. »Schuldig«, sagte er.

Tursan sah ihn starr und bleich an. Als das gleiche Wort von allen Lippen gefallen war, stand Tassendieu auf und schloß ihn in seine Arme.

»Ich liebe dich,« sagte er, »und ich werde dich immer lieben. Aber die Republik geht vor. Du kannst die Republik und die Gleichheit nicht verstehen. Ich opfere dich ihr, lebe wohl!«

Wilder Jubel brach aus der Menge.

Die Marquise und ihr Neffe wurden nach der Conciergerie gebracht.

»Sie haben es gewollt, mein Neffe,« sagte sie zu ihm, »aber Sie werden nun wenigstens einsehen, daß ich recht hatte.«

Dann sprach sie kein Wort mehr.

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