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Abenteuer und Magie. Band I

Karl Federn: Abenteuer und Magie. Band I - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
authorKarl Federn
titleAbenteuer und Magie. Band I
publisherGebrüder Paetel
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Lämmergeier

In einem norditalienischen Dorf, – aus dessen Straßen man wie eine schattenhafte weißgekrönte Wand in der Ferne die Alpen sieht, – liegt, von den letzten Häusern durch einen weiten Rasenplatz getrennt, von einer Steinmauer und einem verwilderten Garten umgeben, der Palazzo der Grafen Valbruna-Menelli. Im Garten stand eine Kapelle, und an die Kapelle stieß ein steinernes Gebäude, in dem die alte Contessa wohnte. In dem Palazzo wohnte ihr Sohn, den sie haßte und für den sie betete.

Leopardo Valbruna hatte um schwerer Verfehlungen willen vom Militär fort müssen. Er war ein großer, wohlgebauter Mensch mit schwarzem Haar und Schnurrbart; seine Augen schienen auf den ersten Blick lachende Kinderaugen zu sein. Wenn man sie länger ansah, entdeckte man einen andern Ausdruck. In dem Palazzo führte er mit Weibern ein wüstes Leben.

Den Burschen im Dorf nahm er ihre Mädchen weg. Sie verschworen sich, Rache zu nehmen, und ihrer fünf lauerten ihm des Nachts auf. Er sah sie aus dem Schatten kommen und ergriff, die List des alten Römers nachahmend, blitzschnell die Flucht. Da sie ihm getrennt folgten, wendete er sich plötzlich um und stellte dem ersten ein Bein; den zweiten schlug er derart nieder, daß er zunächst nicht wieder aufstand. Dann rief er die andern an, heranzukommen, und sie wagten es nicht; er überschüttete sie mit Hohn, nannte ihre Namen, da er die Stimmen erkannte, und drohte, sie ins Zuchthaus zu bringen. In der Tat zeigte er sie an, aber der Beweis genügte nicht, und nur der eine, der verletzt war, wurde bestraft.

In den nächsten Tagen ging er, von zwei riesigen Doggen begleitet, aus, höhnischen Triumph im Gesicht; und so begegnete er der kleinen Thora Knudsen, die, zart und blond, über den Marktplatz schritt, sah ihr mit seinem lachenden lockenden Blick in die Augen und zog ihre Seele an sich. Sie träumte hinfort von nichts anderem mehr; und sie hatte viel Zeit zum Träumen. In den Abendstunden ließ sie sich von Marietta erzählen, was diese von dem Mann aus dem Schlosse wußte. Marietta war dunkel, rund und kräftig, die Tochter der Frau, die für Thoras Mutter wusch, und Thoras Gespielin von Jugend auf. Denn solange Thora denken konnte, lebten ihre Eltern im Süden. Und weil ihre Mutter kränklich war, der Vater aber seinen Büchern lebte, hatte sie viel Zeit zu träumen, und die Romane zu lesen, die die Mutter, immer auf das Ruhebett hingestreckt, unaufhörlich las, und die dann auf Tischen, Schränken und dem Fußboden liegen blieben.

Von Mariettas Geschichten, wie von denen der grauhaarigen Frauen, die in den oberen Straßen vor ihren Häusern saßen und spannen, galten immer neun von zehn dem »Conte«, seiner Männlichkeit, seinen Gewalttaten und seinen Liebesabenteuern. An diesem Tage erzählte ihr Marietta, daß ein Wagen, in dem eine wunderschöne verschleierte Frau gesessen, vom Bahnhof zum Palazzo Valbruna gefahren sei, und einige Stunden später sei die selbe elegante Frau, bitterliche Tränen in ihr Spitzentaschentuch weinend, im Wagen des Conte wieder nach dem Bahnhof gefahren. Marietta wußte, daß die Frau eine Marchesa war, die Leopardo einst geliebt hatte und die er jetzt verstieß. Mit mühsam verborgener Aufregung hörte Thora zu.

Marietta merkte, daß Thora vom Conte erzählen hören wollte, und da sie selber von niemandem lieber sprach, so redeten sie oft und viel von ihm. Wenn Thora durch die Felder ging, stand das Schloß, Lust und Schauder bergend, wie die geheime Türe Blaubarts vor ihren Augen und nachts vor ihrer Phantasie.

Als Thora dem Grafen Leopardo das zweitemal begegnete, hatte er sie gegrüßt, und mit halbgeschlossenen Augen hatte sie den Gruß erwidert. Marietta, die Tochter der Waschfrau, war besser behütet als Thora, denn sie hatte eine kräftige Mutter und zwei heißköpfige Brüder. Aber sie war Thoras Sklavin. Und sie widerstand nicht, als dieser eines Tages der übermütigste Einfall kam. Aber nur der Marietta war er übermütig erschienen, Thora war er nicht im Übermut gekommen, sondern in einem zielbewußten Träumen. So lange hatte sie die Zimmer des Schlosses und den unheimlich schönen Mann darin geträumt und sich selbst hineingeträumt, bis ihr eines Tages einfiel, wie leicht sie den Traum zur Wirklichkeit machen konnte.

Als Thoras Eltern für einige Tage verreisten, während Mariettas Brüder in Agosta, zwölf Meilen entfernt, zur Ernte verdingt waren, tat Marietta, was Thora wollte: sie brachte ihr den Sonntagsstaat ihrer schlankeren Schwester, den Thora noch enger nähte; und an einem glühenden Tage gingen beide als Dorfmädchen verkleidet, einen bedeckten Korb mit Früchten zwischen sich tragend, auf einsamen Wegen zwischen Steinmauern und schmalschattigen Zypressen außen um den Ort herum zum Palazzo.

Hoch oben von der schattenhaften weißgekrönten Wand her kreiste ein riesiger Raubvogel im Blauen.

»Der will nach den Lämmern!« sagte Marietta.

Sie gingen zitternd und lachend; einmal dachten sie daran umzukehren, – als sie das graue Tor vor sich sahen, – aber sie taten es nicht.

Der verdrießliche Portinaio hieß sie, den Korb abgeben und gehen, aber sie erklärten, den Padron sprechen zu müssen. Er ließ sie vorüber.

» Puttane tutte!« sagte er zu seiner Frau. Sie hörten ihn nicht. Dies Wort begleitete Thora bei ihrem Eintritt ins Märchenland. Zufällig hatte Marietta am Tage zuvor gelogen oder geprahlt, sie würde Thora begleiten, die ihren Eltern nachreisen wollte; vielleicht war wirklich davon die Rede gewesen. So wurden die Mädchen nicht vermißt, bis Tage vergingen.

Was geschehen war, kam auch dann nur allmählich und unvollkommen zutage.

Leopardo hatte die beiden Schönen, die behaupteten, für ihn bestelltes Obst zu bringen, sehr freundlich aufgenommen. Er plauderte und scherzte mit ihnen, wobei Marietta keck das Wort führte. Neugierig sahen sie sich um, und er zeigte ihnen Schätze: alte Rüstungen und Waffen, Bilder und Truhen, seine großen Hunde und seine schönen braunen Pferde, das verfallene alte Gefängnis im Turm und seine eigenen Zimmer, in denen ihnen wunderlich zumute ward. Große Spiegel waren da, und reiche Teppiche, Bilder, die sie nicht anzusehen wagten, Kavallerielanzen und Säbel, unter einem Käppi gekreuzt, Flinten, Reitgerten, Hundepeitschen aller Art. Dabei ging er nach wie vor auf ihren Scherz ein und tat, als hielte er beide wirklich für Dorfmädchen. Marietta war naiv erstaunt und vergnügt, fragte und bewunderte viel; aus Thoras kargen Reden fühlte er die befangene, ernste, ihm gewonnene Seele heraus, und ging, immer mit einer gewissen frechen Überlegenheit, auch auf ihren Ernst ein. Indessen verflog die Zeit, und er lud die Mädchen ein, mit ihm zu speisen. Der Tisch war bereits gedeckt; der Diener trug auf und verschwand; sie sagten nicht nein und setzten sich zögernd nieder. Beim Mahl ward der Graf vertraulicher, und die Mädchen bekamen Angst. Er hielt sie zärtlich fest. Sie hatten schweren Wein getrunken und hatten weder die Entschlossenheit zu gehen, noch volle Macht mehr über sich selber.

Die Lichter flimmerten, der Wein funkelte in den Karaffen; Aufregung und Angst steigerten die Lust. Marietta, gewohnt, neben Thora die Geringere zu sein, und wie ein Kätzchen froh, sich an den schönen und schrecklichen Mann schmiegen zu dürfen, war still geworden. Leopardo zog seinen Arm aus dem ihren und, die warme Wange in die Hand gelegt, schlief sie auf dem Sofa ein. Nun fragte er Thora, was sie von ihm gehört und was sie von ihm denke, und sagte ihr in heißen Worten mit feuchten Augen, was er gefühlt, seitdem er ihr zuerst auf der Piazza begegnet war. Thora glühte; ihr Traum war selige Wirklichkeit geworden. Leopardo betrachtete sie mit vorgeneigtem Haupt, die schönen frechen Augen in die ihren gesenkt, die Lippen verzogen. Ihr frommer Eifer machte ihn lächeln. Und als sie von ihrer und auch von seiner »guten Mutter« sprach, und daß sie ihn ihren Eltern vorstellen wollte, und das Glück ihrer Puppenträume schilderte, da lachte er laut. Er lachte so lange, daß sie unmutig wurde; er wollte ihre Hand streicheln, sie entzog sie ihm; aber ein einziges beschwörendes »Signorina!« genügte, sie zu versöhnen: schon seine Stimme überwältigte sie.

Wieder goß er ihr von dem schweren roten Wein ins Glas. Der Saal, die Spiegel und Bilder bewegten sich langsam um sie; sie wollte nicht mehr trinken. Er riet ihr, in die Kühle hinauszutreten. Erregt und beklommen folgte sie ihm unter die Bäume. Große üppige Blüten riß er von den Zweigen und bot sie ihr; sie befestigte sie an der Brust und sah dankbar zu ihm auf. Da küßte er sie auf den Mund. Sie entlief, während er lächelnd auf der Gartenbank sitzen blieb. Er wußte, wie man Engel in den irdischesten Schlingen fängt. Sie kam wieder, schlang ihre Arme um ihn und verging in seinen Küssen. Zaudernd folgte sie ihm ins Haus zurück: sie war in seinem Schlafzimmer. Der Raubvogel stand über ihr. Plötzlich hob er sie empor; vergeblich wehrte sie sich gegen die wilde Liebkosung und gegen das eigene Blut: in leisem Schreien und Stöhnen verging ihr Widerstand.

Als sie zur Besinnung kam und sich halb entkleidet in dem fremden Bette fand, kam ein Todesschreck über sie. Sie wollte augenblicklich fort. Aber er mochte die Sinnberaubte nicht in die dunkle Nacht entlassen, und da kein Zureden sie beruhigte, schloß er die Türe ab. Von Wein und Müdigkeit überwältigt, schlief sie ein und erwachte erst im Sonnenschein. Als sie sich eingeschlossen fand, rief sie um Hilfe und nach Marietta. Statt dieser kam Leopardo, der lachte und ihr keinen Trost bot.

Betäubt und verloren irrte sie durch die Zimmer; in dem Saal, in dem sie tags zuvor gespeist hatten, sah sie ein junges Weib auf dem Sofa sitzen: es war Marietta. Sie saß regungslos da; ein sonderbarer satter Ausdruck war in ihren Augen; sie saß, wie in einen starren Traum versunken. Als Thora vor ihr stand, hob sie den Kopf mit einem Seufzer, senkte ihn aber sofort wieder und ward glühend rot.

»Marietta!« sagte Thora leise.

»Signorina?« gab sie leise zurück, ohne das Angesicht zu erheben.

Endlich sah sie empor, mit einem flehenden Blick; da merkte sie, wie verändert Thora aussah. Langsam stand sie auf und beide blickten einander schreckensstarr an. Marietta ward rot und weiß und nestelte an einer Schnur von Glasperlen an ihrem Halse, an der sie ein Muttergottesbild trug. Die Schnur, die zerrissen und eilig wieder zusammengebunden war, ging auf, und das Muttergottesbild und die Perlen rollten auf den Steinboden.

»Wer hat dein Halsband zerrissen, Marietta?« fragte Thora.

Marietta antwortete nicht.

»Wo warst du heute nacht, Marietta?«

»Signorina, und du?«

Da schollen Schritte: Leopardo stand in der Türe. Marietta schlug ein Kreuz und riß Thora mit sich. Von Grauen gejagt, flohen sie vor ihm durch Zimmer und Gänge; wohin sie eilten, sahen sie nicht, bis sie einer großen schwarzgekleideten Frau mit wirren grauen Haaren und glänzenden Augen fast in die Hände liefen. Sie schien auf Leopardo zu warten, der mit einem: »Guten Morgen, Mama! wie haben Sie geruht?« herankam. Die alte Frau antwortete mit Flüchen; höflich bat er sie, fortzufahren, und sie nannte ihn die Schande ihres Hauses und die Geißel ihres Lebens; keuchend, mit wutkreischender Stimme rief sie Elend und Krankheit und jedes Unglück hier und das höllische Feuer drüben auf ihn herab. Höhnisch lachend ging er davon. Zitternd standen die Mädchen vor ihr. Sie fluchte ihnen nicht weniger, spie sie an und schlug sie ins Gesicht. Dann nahm sie sie mit sich, und gebrochen von Schrecken und Reue folgten sie ihr hilflos und sträubten sich nicht.

Sie mußten die härteste Arbeit tun, bei Nacht auf dem Stein schlafen und bei Tage stundenlang in der Kapelle, in der die ewigen Kerzen brannten, vor dem Altar beten, bis die Knie schmerzten und sie umsanken. Und schlimmer noch als alle Mißhandlungen waren die marternden Reden der alten Contessa, mit denen sie sie beschimpfte und ihnen ihre Schande und Sünde vorhielt. Dabei redete sie oft unheimlich, wirr und nicht verständlich, und bei Nacht hatte sie schreckliche Träume und Visionen und weckte die Mädchen auf, um ihnen die Teufel und die höllischen Martern zu schildern, die sie gesehen hatte und die ihrer warteten.

Dennoch blieben sie bei ihr und ließen alles mit sich geschehen, bis die Polizei sie holte.

Denn Thoras Eltern waren zurückgekehrt und das Dorf war in Aufruhr: nach allen Richtungen war telegraphiert und die Gegend durchstreift worden, bis man zuletzt darauf verfiel, auch im Palazzo zu forschen.

»Die Mädchen seien zu ihm gekommen, er habe sie nicht gerufen«, sagte Leopardo; und hilflos und elend, wie sie waren, mußten sie es bestätigen. Man konnte ihm nichts anhaben.

Thoras Vater erstattete die Anzeige bei den Gerichten wider ihn, aber die Untersuchung mußte eingestellt werden. Ihre Mutter starb über diesem Unheil; der Vater versank noch mehr in seine Bücher. Sie selbst ward ein kränkliches, frommes, dünnes, altes Fräulein in Dänemark, – denn der Vater war mit ihr in die Heimat zurückgekehrt, – und lebte einsam und zerbrochen dahin.

Marietta wurde von ihrer Mutter verprügelt; die Brüder ließen ihr sagen, sie möchte sich nicht zeigen, wenn sie heimkämen, sonst würde sie ihres Lebens nicht sicher sein. So lief sie zuletzt in den Palazzo zurück.

Sechs Jahre später traf Leopardo Valbruna, der, als er Haus und Grund hatte verkaufen müssen, Agent einer Automobilfabrik geworden war, sie in einem Café in Mailand wieder. Er erkannte sie und trank die halbe Nacht mit ihr; als er dann in ihrer Wohnung in schwerem Schlafe lag, überlegte sie, ob sie ihm ein Messer in die Brust stoßen sollte; aber sie tat es nicht, sondern nahm nur einen Hundertlireschein aus seiner Brieftasche.

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