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Abenteuer in Sibirien

John Retcliffe: Abenteuer in Sibirien - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorSir John Retcliffe
titleAbenteuer in Sibirien
publisherFischer Taschenbuch Verlag
seriesDas Schmöker Kabinett
year1976
isbn3436023116
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060404
projectidd0893b79
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1. In Sibirien

Die kurze Zeit, die unterm 64. Grad nördlicher Breite, also fast in der Zone des Polarkreises, als Sommer gilt – das heißt, in welcher der Schnee an den westlichen Abhängen des Stanoway-Gebirges schmilzt, für wenige Wochen dürftige Halmen aus dem Boden und Zweige aus dem niedern Koniferenwerk oder den Birkenbüschen sprießen und die Sonne nur kurze Stunden unter den Horizont tritt, also der Juli und August – war längst vorüber; schon seit vier Wochen war der Winter wieder eingetreten und der Schneesturm fegte mit seiner gewaltigen Macht über die Tundra und durch die öden Täler.

Es war noch früh am Morgen, als sämtliche Bewohner der kleinen, aus wenigen elenden Blockhäusern und Jurten bestehenden Kolonie Katemskoi, eine der alten Zawods oder Tributstationen für die Stämme der Jakuten und Tungusen zwischen dem oberen Lena-Gebiet und Ochotzk vor dem Blockhaus des Holowa oder Gemeindevorstehers versammelt waren. Ein Narty mit dem aus Weiden geflochtenen Korb auf den vorn schmalen und hohen, hinten breiter werdenden leichten Kufen stand an dem Vorbau, und neben dem Gespann in seinen Sanejach, den Pelz von doppelten Renntierhäuten, gehüllt, die Beine mit den langen Torbassy, den Winterstiefeln, bedeckt, und Pfeife, Kneipzange, Wermutbeutel und Messer am Gürtel, Bogen und Köcher über der Schulter und einem langen Stock zum Lenken seines Postzugs in der Hand, harrte ein alter Jakute; diesen Postzug selbst aber bildeten paarweise langgespannt zwölf Hunde, von der Größe etwa unserer Schäferhunde, mit schmutzig gelbgrauem Fell und starkem Knochenbau, die sich jetzt gemütlich in dem Schnee gelagert hatten. Zwei der jenisseischen Kosaken in spitzen kirgisischen Pelzmützen mit breiten Ohren- und Wangenklappen, in warme Armiaks von Schafwolle gekleidet, darüber Pelze von Wolfsfell, saßen bereits auf den hohen Sätteln, welche mit den dicken Filzdecken, Potniki genannt, auf kleine, wild und unbedeutend aussehende, aber ungemein ausdauernde Steppenpferde geschnallt waren, und schienen ungeduldig die Insassen des Schlittens zu erwarten, den sie zu begleiten hatten.

Wenn wir eben von der ganzen Bevölkerung der Kolonie gesprochen haben, so müssen wir sogleich bemerken, daß diese aus höchstens zwanzig Personen bestand, von denen etwa ein Drittel Weiber und Kinder waren. Not und Leiden oder stumpfe Gleichgültigkeit lag auf den meisten Gesichtern, von denen einige die tartarische oder mongolische Abkunft verrieten. Einige Physiognomien zeigten die breite russische Gesichtsbildung mit gemeinen, vom Branntwein oder den narkotischen Wirkungen der Surrogate des Tabaks, hauptsächlich des giftigen Lerchenschwamms zerstörten Zügen, einigen aber war auch der Stempel höherer Abkunft und früherer glücklicher Lebensverhältnisse noch unverkennbar eigen.

»No«, sagte einer der Kosaken, »wenn unser Väterchen sich nicht eilt, werden wir heute nicht mehr das Stationshaus an der Maja erreichen und können die Nacht im Schnee zubringen. Wo zum Teufel steckt denn der Pfaff?«

»Er spricht mit dem Schweigenden«, sagte einer der Kolonisten. »Was spricht der Warnak für Unsinn? Weißt du nicht, Kerl, daß ein Kosak das Recht hat, dir den Bart zu zausen und dir das Gesicht zu verarbeiten? Wie kannst du dich unterstehen zu sagen, daß man mit einem Stummen sprechen kann, du Hundesohn?«

Der Sträfling warf bei dem Schimpfwort, obgleich er in der Tat zur Katorga, das heißt zur schweren Arbeit verurteilt war, einen giftigen Blick auf den Kosaken, entgegnete aber mit Rücksicht auf die gewaltige Nahaska, den kirgisischen Kantschu, den jener in der Hand trug, sehr devot: »Womit habe ich dich beleidigt, Batiuszki? Ich rede nicht von einem Stummen, sondern von einem, der nicht mit uns reden will, obschon er nichts Besseres ist als wir. Gott und der Zar wissen allein, warum er hier ist! Aber schau, da kommen beide!«

Aus einer der dürftigen, von Stangen, Birkenrinde und Renntierfellen gebildeten, mit Erde beworfenen Jurken traten eben zwei Männer ins Freie und schritten auf das Blockhaus des Holowa zu. Es waren beide ältere Männer, der eine freilich zehn oder fünfzehn Jahre älter als der andere. Aber selbst die Last der sechzig Jahre und der furchtbaren Leiden, die er erduldet haben mußte, hatten nicht vermocht, seine hohe edle Gestalt zu beugen oder den Glanz seines Auges zu trüben, das finster und streng vor sich niedersah. Er war in einen weiten, einem Schlafrock ähnlichen Armiak von brauner Farbe gekleidet, der bis zu den Füßen niederhing, und trug auf dem kahlen Kopf eine Pelzmütze, nach Art der Jakuten das Fell nach innen gekehrt. Trotz des unbehilflichen Schnitts seiner Tracht, die durch ein Paar hohe Stiefel von Pferdehaut, Sary genannt, vervollständigt wurde, hatte dieselbe etwas Geordnetes, Militärisches.

Er ging mit gesenktem Haupt neben seinem Begleiter und schien empfindungslos und gleichgültig gegen dessen Worte. Dieser war ein ernst aussehender Geistlicher vom Orden der Basilianer, der in Irkutzk ein Kloster besitzt, trug aber nicht das weiße Ordensgewand, sondern die dunkle Kleidung der katholischen Weltgeistlichen, über welche ein Pelz von dem Fell der schwarzen sibirischen Bären geworfen war, während seine Beine in weiten Filzstiefeln steckten. Wenn je die heilige Mission der Tröstung Opfer und Anstrengungen gefordert hat, so ist es jene, welche eine kleine Anzahl von Geistlichen der katholischen Kirche in den Einöden Sibiriens vollzieht. Von Tobolsk und Irkutzk aus, wo die Station dieser frommen und ehrwürdigen Männer für die beiden General-Gouvernements von West- und Ostsibirien ist, durchziehen sie unter tausend Leiden und Entbehrungen die ungeheuren Landstrecken vom Baikal bis zum Eismeer, vom Ural bis Kamtschatka und besuchen jedes Jahr alle Stationen der Verbannten, um den Nieszczastnyi, den Unglücklichen, wie der Volksbrauch sie mitleidig heißt, die ewigen Tröstungen der Religion zu bringen! Die russische Regierung, die bei so vieler tyrannischer Härte in manchen Dingen so eigentümlich liberal in anderen handelt, hat dieser Seelsorge der katholischen Kirche bis jetzt noch kein Hindernis in den Weg gelegt. Freilich verpflichtet ein strenger Eid diese Geistlichen, sich jedes politischen Verkehrs mit den Verbannten zu enthalten.

Der Begleiter des Priesters blieb, ehe sie die Gruppe um den Schlitten erreichten, stehen und reichte jenem die Hand.

»Lassen Sie uns scheiden, Pater, und mögen Ihnen Gott noch ein langes und segensreiches Wirken hienieden verleihen. Dort oben hoffe ich Sie nach diesem wiederzusehen!«

»Ich hoffe es noch in dieser Welt. Ich hoffe zu dem Erlöser, noch aus Ihrem Munde zu hören, daß Sie wie dieser Ihren Feinden vergeben und denen, die Ihnen Leiden verursacht haben, nicht mehr fluchen.«

Der gebeugte Mann richtete sich kräftig empor, sein Auge flammte im finstern Blick auf das milde Gesicht des Geistlichen. »Vergeben? Wissen Sie, wer ich bin? Haben Sie die Flammen von Praga leuchten, die Kinder polnischer Mütter auf die Bajonette der russischen Schergen spießen sehen? Haben Sie je in den Kerkern unter dem Palast dieses Zaren geschmachtet, in einem Kerker, gegen den die Marterkammern Venedigs ein glücklicher Aufenthalt? Haben Sie die Tiefen der Bleigruben von Nertschinsk ermessen und unter den Stockschlägen dieser Henker ihre beste Lebenskraft gelassen? Vergeben? Vergeben das geknechtete, gemordete Vaterland, diese verstümmelten Glieder? Verlangen Sie die Vergebung von einem Gott – bei einem Menschen, der gelitten wie ich, finden Sie nur den Fluch!«

Der Pater wandte sich erschüttert ab. »Unglücklicher Mann«, sagte er, »dessen Namen ich nicht einmal weiß, da Sie ihn selbst in der heiligen Beichte verschwiegen, der aber sicher einst unter den Edelsten und Besten Ihres unglücklichen Vaterlandes geglänzt hat – kann ich denn nichts tun zur Erleichterung des Restes Ihres Lebens? Ich will mit dem Horodiczny dieser Station sprechen und ihm jede Milde empfehlen – das gestattet unsere Lizenz der Regierung.«

»Der Holowa der Station«, sagte der Verbannte, »ist, wie Sie wissen, ein alter Franzose, ein Ehrenmann, der mir jede Gunst, die er gewähren kann, ohnehin zuwendet. Was Sie mir Gutes erweisen können, haben Sie getan, das heilige Sakrament hat mich zum letzten Kampf des Lebens gestärkt. Was ich allein noch von Ihnen erbat, die Annahme und Beförderung meines Testamentes, haben Sie mir abgeschlagen...«

»Ich habe einen Eid geleistet!« unterbrach ihn der Priester.

»Ich weiß es und ergebe mich darein, obgleich es mich nötigen wird, mein letztes, ein heiliges Wort an das Vaterland und meine Brüder einem Manne anzuvertrauen, den mein besseres Selbst mich verachten läßt, obschon er unter der gleichen Tyrannei leidet wie ich. Wenn Sie etwas dazu tun können, retten Sie jenes Mädchen, die Enkelin des Holowa, vor dem entsetzlichen Einfluß des Russen!«

Der Priester sah fragend empor, aber in diesem Augenblick traten mehrere Personen aus der Vorhalle des Blockhauses, und der Verurteilte wandte sich rasch um, als wolle er nicht mit ihnen zusammentreffen.

»Ihre Zeit ist um«, sagte er, »und auch die meine! Die heilige Jungfrau segne Ihren Weg!«

Er ging eilig davon, seiner einsamen Jurte zu.

Es waren drei Personen, die aus dem von Fichtenstämmen errichteten, in den Spalten mit Lehm und Moos ausgedichteten und durch Erdanwurf gegen die Winterkälte möglichst geschützten Blockhaus getreten waren, zwei Männer und ein Mädchen. Der eine war ein Greis nahe den Siebzig. Gleich dem Polen hatte er in seiner Haltung etwas Adrettes, Militärisches, was ihn vorteilhaft von den Eingeborenen und den Verurteilten unterschied. Obschon er die Landestracht trug, zeigten der scharfe Schnitt seines faltenreichen Gesichts, die Adlernase und das große dunkle Auge doch den Südländer.

Der zweite war ein Mann von etwa vier- bis fünfundvierzig Jahren, eine Löwengestalt, dem die langen Haare wüst um den Kopf flogen, eine echt russische Physiognomie mit trotzigem, energischen Ausdruck. Es lag etwas Vornehmes, Gewaltiges in der ganzen Erscheinung des Mannes, dessen Wesen und Gebärden im Gegensatz zu der traurigen Lage eines Sträflings jenes eigentümliche Air der vornehmen russischen Gesellschaft zeigten. Selbst in der Art, wie er seine unvorteilhafte Kleidung trug, und in der Wahl derselben prägte sich dies aus; denn obschon sie an Unordnung und Schmutz der der andern Verbannten und Eingeborenen wenig nachgab, war sie doch von den besten Stoffen. Er trug über einem dunkelgrünen Tuchrock einen Pelz von jenem Sämisch-Leder, dessen treffliche Fabrikation die Haupt- oder fast die einzige Industrie der Bewohner von Irkutzk ist, gefüttert mit sibirischem Fuchs, und eine gleiche über die Wangen reichende Kappe. Ein chinesischer Schal von roter Seide schloß den Pelz um seine Hüften, und auf dem Rücken trug er eine Janczarki, die lange tartarische Flinte, neben Pfeil und Bogen.

Zwischen diesen beiden Männern erblickte man eine Erscheinung, wie man sie schwerlich in diesen Einöden, unter diesem traurigen Himmel und so fern den Grenzen europäischer Kultur gesucht hätte.

Es war ein junges Mädchen von etwa neunzehn Jahren, die Enkelin des Holowa oder Gemeindevorstehers, des alten Franzosen, wie ihn vorhin der Verbannte in dem kurzen Gespräch mit dem Geistlichen bezeichnet hatte.

In der Tat war der zivile Vorsteher der Kolonie – die Kolonisten haben in Sibirien das Recht, diesen aus dem Kreise der sogenannten Kronbauern zu erwählen – von Geburt ein Sohn des schönen und fernen Frankreichs. Auf dem unglücksvollen Rückzug der einst so übermütigen napoleonischen Armee von dem brennenden Moskau durch die Winterschrecken von 1812 war er, damals ein junger Krieger von kaum 20 Jahren, in die Hände der Kosaken gefallen und als Kriegsgefangener nach dem fernsten Osten des gewaltigen Reiches geschleppt worden. Wie so viele derselben war er bei der nach dem Pariser Frieden erfolgten Auslieferung der Gefangenen in dem fernen Sibirien vergessen, hatte seinen Angehörigen in der Heimat längst für tot gegolten und war später durch verschiedene Lebensschicksale, die wir vielleicht noch Gelegenheit haben werden, näher zu erwähnen, veranlaßt worden, alle weiteren Schritte zur Erlangung seiner Freiheit zu unterlassen, um so mehr, als er hier die Tochter eines Eingeborenen, eines der angesehensten Tungusenhäuptlinge, zur Frau genommen.

Nur einige Jahre hatte jedoch diese Verbindung gewährt. Von den Kindern, die seine Frau ihm hinterlassen, war eine einzige Tochter am Leben geblieben, die Mutter des Mädchens, das jetzt neben ihm stand und dem seine ganze Liebe und Sorgfalt gehörte. Denn seine Tochter, welche einen vornehmen verbannten Russen geheiratet, der mit dem unglücklichen Dichter Bestuschew in der Pestel'schen Verschwörung von 1825, welche den Thron des Zaren Nikolaus so blutig befestigte, eine hervorragende Rolle gespielt hatte und nach der Hinrichtung der Hauptleiter mit 83 Verschworenen nach Sibirien begnadigt und nach Verlauf der Katorga in die Posielenie nach den Wildnissen zwischen der Lena und Ochotzk gesandt worden, war schon vor zehn Jahren mit ihrem Gatten an einem der bösartigen sibirischen Fieber gestorben. Jeanrenaud, wie der alte Franzose sich nannte, war mit seinen Kindern in die Kolonie gezogen, und da er sich von dem Grabe seiner Tochter nicht trennen wollte, hier geblieben. Sein ruhiges gediegenes Wesen und der Einfluß, den er durch seine frühere Heirat auf die Nomadenstämme übte, hatten ihm das Vertrauen nicht allein der Ansiedler, sondern selbst der russischen Beamten erworben, und so war er auf Grund seiner Stellung als Kronbauer oder freier Besitzer zum Vorsteher der einsamen Station gemacht worden.

So sehr er auch wünschte, die geliebte Enkeltochter, das einzige Band, was ihn noch ans Leben fesselte, in glücklichere und für ihre Zukunft geeignetere Verhältnisse zu bringen, hatten doch seine Zärtlichkeit für sie und andere Umstände ihn bisher gehindert, sich von ihr zu trennen und sie zur Erziehung nach St. Petersburg oder einem andern geeigneten Ort zu senden. So war Jahr auf Jahr vergangen, aus dem Kinde war eine Jungfrau geworden, die in dieser wilden und schmutzigen Atmosphäre zu einer seltsamen Blume emporgeblüht war.

Der Holowa, der in seiner Jugend eine gute und vornehme Bildung genossen, hatte sich bemüht, diese bei der Erziehung seiner Enkelin zu verwerten, in deren Adern sich das französische mit dem tartarischen Blut so seltsam kreuzte; aber die Zärtlichkeit für dieselbe hatte ihn leider auch verhindert, die Prinzipien einer Erziehung mit Strenge durchzuführen und sie vor den wilden Einflüssen zu bewahren, die sie rings umgaben und denen er ja selbst unterlegen war.

So war denn ihr Charakter bei großen natürlichen Anlagen und einem ursprünglich warmen Herzen und richtigem Gefühl bald zu einem beklagenswerten Gemisch von wildem, kühnem Trotz, Aberglauben, Hochmut und Laune geworden. Dennoch zeigten sich häufig auch unter diesen schlimmen Eigenschaften und in einer noch schrecklicheren, für ein so junges Herz und so ungeordnetes Denkvermögen wahrhaft teuflischen Versuchung, wie die letzten zwei Jahre sie ihr gebracht, Züge hohen und edlen Sinnes und wahrer Weiblichkeit.

Dieses seltsame Wesen war ebenso eigentümlich in ihrer äußeren Erscheinung.

Wéra Tungilbi – wie sie mit ihrem russischen und tungusischen Namen genannt wurde – war von mittlerer Größe, schlank, aber kräftig gebaut, mit abgehärtetem Körper gegen alle Strapazen und die Wirkungen des Klimas. Unter einem reichen, in Zöpfe geflochtenen blonden Haar und der niederen Stirn wölbte sich schön und kühn eine kurze Adlernase über einem etwas breiten, aber edel und voll geschnittenen Mund. Das Kinn war schmal und ging in eine schön gebogene Kehle über, die mit dem Hals dem kräftigen Nacken eines Hirsches glich. Der Bau des Gesichts neigte sich allerdings zu der bekannten tartarischen Form der Backenknochen, ohne aber einen unangenehmen Eindruck zu machen, harmonierte vielmehr vollkommen mit dem Ganzen und der eigentümlichen Bildung der Augen, die diesem Gesicht erst seinen merkwürdigen Ausdruck gab. Diese Augen waren in Folge ihrer Abstammung klein und in leichtem Winkel sich zur Nasenwurzel neigend, aber von einem solchen Feuer, daß sie förmlich zu funkeln schienen und nur wenige ihren Blick ertragen konnten, ohne den ihren zu senken. Dies Feuer wurde noch erhöht durch die seltsame Anomalie, daß trotz der blonden Farbe ihres Haares tiefschwarze buschige Brauen in hoher Wölbung sie beschatteten. Füße und Hände waren überaus klein und von aristokratischer Form.

Die junge Sibirianka trug einen reichen phantastischen Anzug, wie die Frauen des Volkes, dem ihre Großmutter entsprossen, ihn lieben. Er war wie der der Männer, zwar aus Häuten und Pelzwerk, aber dies von kostbarster Art, und bestand aus einem kurzen, bis über die Knie reichenden Frauenrock von dem weißen Fell des Hermelins, Strumpfstiefeln von Renntierfell und einem anschließenden, mit bunten Glasperlen, Seide, Pferde- und Ziegenhaaren phantastisch geschmückten jakutischen Obergewand von kostbaren Zobelfellen, das Rauhe nach außen gekehrt. Obschon dieser Rock oder Pelz gegen die jakutische Sitte den Körper vollständig hätte einschließen können, trug die schöne Halbwilde doch den Handi, die eigentümliche bis auf die halben Lenden reichende und unten ausgefranste Schürze von gelbgegerbten Leder, welche Männer und Frauen an einer Schnur um den Hals hängen haben und die den Spalt des engen Obergewandes ausfüllt. Dicke Pelzhandschuhe und ein pelzgefütterter Baschlik von rotem Tuch um Kopf und Hals geschlungen vollendete diese wilde, aber keineswegs unschöne Tracht. In der Hand trug die Schöne eine kleine, roh geschnitzte, aber mit scharfem Stahlreifen versehene Armbrust, und an dem Gürtel des Rocks einen Köcher mit stumpfen Bolzen, ein Messer in einer Scheide von Fischhaut und einen kleinen handlangen amerikanischen Revolver. An einem leichten Riemen hingen über ihrer Schulter zierliche lange Schneeschuhe, mit dem Fell eines Renntierkalbes bespannt.

Wéra Tungilbi trat alsbald auf den Geistlichen zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Siehst du, Väterchen«, sagte sie französisch, »daß ich recht hatte, als ich sagte, wir könnten zusammen aufbrechen. Nummer Neunhundertachtzig muß dir sehr interessante Dinge zu sagen gehabt haben, daß seine Beichte so lange gewährt hat!«

»Spotte nicht eines Unglücklichen, Tochter«, sagte ernst der Priester, indem er sich zu seinem Schlitten wandte, gleich als wünschte er weiterem Verkehr zu entgehen. »Welchen besseren Trost konnte er für die schweren langen Monde, die ihm und allen Bewohnern dieser traurigen Öde wieder bevorstehen, gewinnen, als daß Gott der Herr seine Sünden verziehen hat und die Heiligen ihn stärken werden, seine Leiden zu tragen!«

»Ein warmer Bärenpelz«, meinte höhnisch der Begleiter des Mädchens, »würde das mehr tun als alle Heiligen des Kalenders! Ein tüchtiger Schluck Branntwein ist ein besseres Heilmittel bei 40 Grad Réaumur als alle Absolution!«

»Schweig, Unseliger!« sprach zürnend der Priester. »Du frevelst an Gott, der dich wie ihn zur Strafe eurer Sünden in diese Einöde geführt hat!«

»Unsinn!« lachte höhnisch der Verbannte. »Der Zar in Petersburg oder der Generalgouverneur von Irkutzk ist dein Herrgott gewesen, der uns zur Strafe für unsere Dummheit hierher geschickt! Ich dachte nicht, daß ein Mann wie Neunhundertachtzig nach seinen Erfahrungen noch an dem Ammenmärchen von Gott und Religion hängt!«

Das Mädchen lachte hell auf, als sie das entsetzte Gesicht des Priesters bei dieser Blasphemie sah, welcher der greise Holowa mit finsterer, unwilliger Miene zuhörte, ohne indes zu wagen, seinen Hausgenossen darüber zu tadeln, vor dem er eine gewisse Furcht zu empfinden schien.

»Heilige Jungfrau!« rief der Priester mit Entsetzen, die Hände erhebend, »das also ist der Grund, unglückliches Kind, weshalb du gestern zögertest, die Segnungen unserer heiligen Religion zu genießen?! Welcher schlimme Same ist in dein Ohr gefallen, seit ich das letzte Mal diesen Ort besuchte! Und Ihr, Jeanrenaud, wie konntet Ihr es dulden, daß dieser Frevler an Gott und Menschen ein junges Gemüt vergiftet, das die Segnung der christlichen Taufe empfangen und für das Ihr den Heiligen verantwortlich seid?«

Der Greis wandte sich finster ab, ohne eine Antwort zu geben. Das Mädchen selbst aber übernahm dieselbe.

»Ich bin den Kinderschuhen entwachsen, Pater Hilarius«, sagte sie stolz und trotzig, »und danke es diesem Herrn, daß er meinen Geist freigemacht von allen Fesseln des Aberglaubens. Ich wollte dich nicht kränken, deshalb schwieg ich gestern und ließ mir all den Firlefanz deiner Kirche gefallen, die nicht mehr die meine und nicht besser als die Zauberbeschwörungen meiner lieben Verwandten, der Tungusen, ist! Ich bin ein freies Weib, das Ich ist mein Gott und im Namen der Moral verwerfe ich den deinen! Ich glaube an nichts als an meine fünf Sinne und leugne die Berechtigung irgendwelcher Religion im Namen der Rechte der freien Menschheit!«

Der Mann an ihrer Seite winkte ihr Schweigen und flüsterte ihr leise einige warnende Worte zu, der Pater aber schlug ein Kreuz, als wolle er sich vor diesen entsetzlichen Lehren des Nihilismus, die ihm hier zum ersten Mal so dreist entgegentraten, schützen, und wandte sich zu den Umstehenden, von denen noch zwei oder drei seine Beichtkinder waren, als wolle er sie ansprechen; aber der Hausgenosse des Holowa kam ihm zuvor.

»Still!« sagte er mit gebietendem Ton, »wir achten Ihre Überzeugung, ehren Sie die unsere! Sie haben Ihr Amt hier getan und nichts mehr hier zu schaffen vor nächstem Jahr. Besteigen sie den Schlitten und setzen Sie Ihren Weg fort, oder ich werde dem Gouverneur anzeigen, daß Sie Bekehrungsversuche treiben, was Ihnen streng durch das Gesetz verboten ist!«

Der Geistliche senkte das Haupt unter dieser Drohung, deren schwere Folgen er sehr wohl kannte. Wie ein Betäubter wankte er zu dem Schlitten und ließ sich von seinen Beichtkindern hineinheben, die hierauf neben demselben auf die Knie fielen, um seinen letzten Segen zu empfangen. Der Jakute setzte sich auf den Vorderplatz und erhob mit einem langgezogenen Je – tiah! den langen Stock – die Kosaken riefen ihr Paschol! und schwangen den Kantschu – und dahin trottete im scharfen Trab der Hundezug, begleitet von den Reitern.

Der Verbannte wandte sich lachend zu dem Mädchen. »So, Wéra Tungilbi, den Schwarzrock wären wir los, und ehe er wiederkommt, kann sich manches geändert haben. Ist es dir jetzt gefällig, unsern Jagdzug anzutreten?«

»Ich bin bereit«, sagte sie nachdenkend. »Im Grunde meinte er es gut und ist ein redlicher Mann, wenn er auch ein Priester ist, von denen du mir so viel Schlimmes erzählt hast, Michaeloff! – Wer wird uns begleiten?«

»Sergei, der Katorgi, und Ajun, der Jakut; dort steht er bereits mit Spieß und Sack.«

»So leb wohl, Diadiuszki! Am Abend sind wir zurück, laß dir die Zeit nicht lang werden und halte den Samowar warm!« Sie reichte dem alten Mann die Wange, die er betrübt, aber zärtlich küßte, indem er ihr noch verschiedene Warnungen und Vorsichtsmaßregeln einschärfte, von denen er doch wußte, daß sie vergessen waren oder unbeachtet blieben, sobald sie nur dem Hause den Rücken gewandt. Als aber der Verbannte ihm die Hand reichen wollte, ehe er der Voraneilenden folgte, wandte er sich unwillig von ihm.

»Nein, Gospodin – ich mag Ihre Hand nicht«, sagte er finster, »denn Sie sind der schlimmste Feind, den ich habe. Sie haben das Kind meiner Seele verführt zu ruchlosen Grundsätzen und alle guten und ehrenwerten Gefühle der Liebe, des Gehorsams und der Frömmigkeit aus ihrem Herzen gerissen und dafür das Gift Ihres politischen Hasses hineingepflanzt. Auch das letzte Band der Ehrfurcht vor der Religion haben Sie soeben gelöst – Gott wird Sie einst strafen dafür! ich aber fluche dem Tag, da ich gezwungen wurde, Sie in mein Haus zu nehmen.«

Der Russe zuckte hochmütig die Achseln. »Sie werden kindisch, Monsieur Jeanrenaud! Ihre hübsche Enkelin ist nicht dazu geboren, um in diesem Winkel Sibiriens zu verkümmern. Es fließt nobles Blut in ihren Adern, und ich hoffe sie noch einmal auf den Parketts des Winterpalastes eine Rolle spielen zu sehen. Dazu muß sie etwas Schliff und Charakter erhalten, und Sie sollten mir's danken, daß ich mich herbeilasse, ihr diese zu geben. Was die Strafe Ihres Gottes betrifft, so wissen Sie, daß ich diesen so wenig fürchte wie die Blechgötzen der Tungusen und Jakuten. Der Gouverneur von Irkutzk hat in meinen Augen mehr reelle Macht als alle Götter der zivilisierten und unzivilisierten Welt. Auf Wiedersehen, Papa Jeanrenaud!«

Er ging lachend davon, den Hügeln zu, an deren Fuß ihn bereits das Mädchen ungeduldig erwartete.

»Du hattest wieder Streit mit dem Vater, Michael Iwanowitsch?« frug sie, indem sie ihren Begleitern den trotz der unförmigen Pelzstiefel noch kleinen Fuß hinhielt, um die Schneeschuhe daran zu befestigen.

»Bah – es ist nichts, Kind! seine gewöhnlichen Klagen – ich verdürbe deinen Charakter, weil ich mir die Mühe gebe, die läppischen Vorurteile aus deiner Seele zu verbannen und sie einer erhabenen großen Weltanschauung zu öffnen, der Erkenntnis, daß der Mensch nicht nur sein eigener Gott, sondern der wahre Gott der Welt ist!«

Sie lachte leichtherzig. »Ein schöner Gott, der als Kind sich nicht einmal die Windeln waschen kann, als Mann Zobel und Füchse jagen muß und als Greis sich füttern läßt!« »Und dennoch sich ewig erneut und verjüngt. Ich spreche nicht von dem Individuum, sondern von dem Menschengeschlecht, dem Herrn alles Sichtbaren und Greifbaren, also dessen, was allein wahr ist. Ich freue mich, Wéra Tungilbi, heute mit dir allein zu sein, um deine Kraft zu stärken und die Einflüsterungen jenes Schwarzrocks zu paralysieren, der gestern seine Künste an dich verschwendete. Ich sah mit Vergnügen, wie wenig du auf ihn achtetest und daß du nicht einmal der Mühe wert hieltest, ihn über deine Gesinnung zu täuschen. Desto schärfer traf die Lektion von vorhin!«

Das Mädchen war bereits im Begriff, davonzufliegen auf den statt der Fittiche mit Holz und Tiersehnen beflügelten Sohlen, hielt aber wieder inne und sah zu ihm, auf die lange schlanke Lanze gestützt, die sie aus den Händen ihrer Begleiter empfangen und die ihr als Stab diente, mit einem seltsamen Blick empor, in dem sich ein Gemisch von Trotz und Schalkhaftigkeit spiegelte. »Und warum glauben Sie wohl, sehr weiser Barin«, frug sie, »warum ich gestern nicht dem armen Pater Hilarius antwortete?«

»Weil ich dich seinen Unsinn verachten gelehrt!«

Sie lachte. »Weit gefehlt, edler Bojar! Ich tat es, damit er sich nicht früher betrüben sollte als nötig, und weil er der beste und achtungswerteste Mensch ist, den ich kenne, hundert Mal besser als du und ich! So – und nun fange mich, Michael Iwanowitsch, wenn du es vermagst!«

Und lachend, mit Windeseile flog sie auf dem einfachen Instrument, das in der arktischen Zone dem Jäger das Roß der Steppe ersetzt, über die weite Schneefläche.

»Sie ist und bleibt ein Kind«, sagte unwillig der Verbannte, »eine Natur, die alles in sich aufnimmt, die kühnsten Ideen, die wichtigsten Probleme der negierenden Philosophie – und im nächsten Augenblick alle Lehren vergißt, um dem Übermut ihrer Laune sich zu überlassen! – Weiber! Weiber! wirbelnde Schneeflocken in der Menschennatur, ohne Halt und Mark, und dennoch die Erde befruchtend!«

Er warf die Flinte über den Nacken, und eilte ihr nach, der bereits die Begleiter gefolgt waren.

Es sind etwa vier Stunden seit dem Aufbruch vergangen, als wir die Gesellschaft wiederfinden.

Sie lagerte in einem jener nach Westen, der weiten Schnee-Ebene zu, geöffneten wilden Täler des Stanoway-Gebirges unterhalb eines vorspringenden Felsens, der sie gegen den eisigen Nordwind schützte. Der Jakut und der Katurgi hatten den hier nur leichten Schnee zur Seite gebracht und in der Höhlung des Gesteins ein Feuer angezündet, dessen Rauch, um den überhangenden Fels sich windend, hoch hinauf in die klare Luft trieb. Ein Handkessel siedete Schneewasser auf der Glut zum Tee, während schon über den nächsten Umkreis des Feuers hinaus die Kälte wieder ihr Recht behauptete.

Sergei, der Katurgi, ein Mann von einigen vierzig Jahren mit stumpfem mongolischem Gesicht, hütete den Kessel bis zum günstigen Augenblick, um im Samowar den Kirpiczny czaj, den sogenannten Ziegeltee zu brühen, die niederste Sorte Tees, die aus China in dieser Form gebacken nach Sibirien kommt und mit Beil oder Messer in Stücken geschnitten werden muß, während sein Gefährte, der Jakute, auf das Geheiß der europäischen Jäger hinausgegangen war in die Ebene, um nach dem Wetter zu spähen. Michailoff saß mit der jungen Sibirianka unter dem Felsen und betrachtete sie mit forschenden Blicken, während die ihren zerstreut bald auf einem halben Dutzend Zobeln und Hermelins ruhte – die Beute ihrer Jagd, die zu ihren Füßen lagen –, bald über den Talkessel schweifte. Der Eingang desselben war ziemlich eng; schwarze Felsenmassen drängten sich aus den weißen Schneelagen, und am Ort, wo sie geschützt vor dem scharfen Wind saßen, öffnete sich hinter ihnen eine dunkle Spalte oder Kluft, die tief hinein in das Gestein zu führen schien.

»Woran denkst du, Wéra Tungilbi?« fragte der Verbannte. »Ich dachte daran, was aus mir werden soll, wenn die Begnadigung von Sankt Petersburg für dich kommt, die du schon längst erwartest, oder du heimlich Katemskoi verläßt, wie du gleichfalls schon lange beabsichtigst.«

»Du weißt, daß ich dir versprochen habe, in jedem Fall dich mitzunehmen.«

»Nein – das eben will ich nicht! es würde ein trauriges Los für mich sein. Hier bin ich wenigstens die Herrin, aber wenn ich dich begleitete und allein von deiner Gunst abhinge, würde ich nicht viel besser sein als deine Sklavin; denn ich weiß, du verachtest die Weiber!«

»Du bist ungerecht gegen dich selbst«, sagte der Verbannte. »Du bist eine Ausnahme von vielen und mein Zögling. Ich betrachte dich wie – wie meine Tochter!«

Sie lachte ihm übermütig in das Gesicht. »Du wirst deinem eigenen System untreu, Michael Iwanowitsch. Hast du mich nicht selbst gelehrt, daß der Mensch keine Verpflichtung der Dankbarkeit gegen seine Erzeuger, die Eltern keine Schuld gegen ihr Kind haben, daß dessen Erziehung Pflicht der allgemeinen Gesellschaft ist? In der Gesellschaft gelten nur Kontrakte mit gegenseitigen Rechten, und wo ist der Richter, der dich zwingen würde, mir einen solchen Kontrakt zu halten?«

»Deine eigene Schönheit und Liebenswürdigkeit ...«

»Bah – werde nicht albern, Michael Iwanowitsch! Du kannst nicht denken, daß ich gesonnen bin, deine Hilfe mit meinem Leibe zu bezahlen, und Liebe ... ist, wie Du mich selbst gelehrt, nur eine Schwäche und der Zucker über der Mandel Sinnenlust. Überdies« – sie lachte wieder heiter und mädchenhaft auf – »habe ich noch keine Gelegenheit gefunden, unter Jakuten, Tungusen und Warnekis mich zu verlieben. Mutin, der Kosak, ist der einzige Junge und Hübsche, der mir den Hof macht, und der riecht mir zu sehr nach Branntwein. Noch weniger mag ich den Horodiczny Pisarew in Jakutzk heiraten, der mich vom Vater schon zwei Mal verlangt hat. Der Lump hat sein erstes Weib zu Tode geprügelt. Wenn ich mich je einem Manne verkaufe, so muß er jung, schön und reich sein und mir jeden Willen lassen. Überdies ziehe ich es vor, viele junge, reiche und schöne Männer zu haben und über alle zu regieren und sie zu genießen, wie einst die Zarewna Katharina, von der du mir erzählt hast. Darum will ich nach Petersburg gehen, oder gar nach Paris, wo es noch schöner und freier sein soll, wie du sagst.«

»Aber du wirst nie ohne mich dahin kommen!«

»Wir wollen sehen! – Schau, Michael Iwanowitsch, du bist ein stattlicher Mann, stattlicher als alle andern, die ich bisher gesehen und wenn du auch ein »Unglücklicher« bist, so hast du doch mächtige Freunde; denn selbst der Horodiczny und der Vize-Gouverneur in Jakutzk behandeln dich nicht wie die andern Verurteilten, und ich weiß, daß du heimlich Geld und Briefe erhältst. Aber es gibt doch Personen, die mächtiger sind als du, denn sie haben dich bestraft und zwingen dich, hier zu leben und die Zobel zu jagen, nachdem du alle Schönheiten der Welt gesehen und ein freier Mann warst. Du bist also jetzt ein Knecht, ein Sklave, so gut wie die Diener meines Großvaters, des Kamelfürsten. Du wirst mir zugeben, daß es dumm von mir wäre, mich an einen Knecht, einen Unfreien zu hängen und ihm zu gehorchen, wo ich Fürsten und freie Männer genug in der Welt finden kann! – Ich bin dir verpflichtet für deinen Unterricht und daß du mir gezeigt, welche Rechte der Mensch hat und wie kindisch alle meine früheren Begriffe waren – aber ich habe dich dafür bezahlt mit vielen andern Dingen, seit der Smotrytiel dich in das Haus meines Großvaters gewiesen hat. Es ist also keine Ursach, daß ich dir noch meine Zukunft opfern soll; denn wenn man uns beide auf der Flucht einfinge, würde ich so gut verurteilt wie du!«

Der Lehrmeister dieser Grundsätze biß sich auf die Lippen. »Du hast einen Hauptsatz meiner Lehren vergessen, Wera«, sagte er. »Es ist der, daß in der Verbindung der Menschen, in der gleichberechtigten Genossenschaft ihre Kraft liegt. Niemand ist einem andern Dienste schuldig, die ihm nicht selbst nützen. Wenn aber sein eigner Vorteil damit verbunden ist, wäre es töricht von ihm, sie nicht zu leisten. Zudem du meine Gefahr einer Flucht teilst, hast du auch die Aussicht auf die Vorteile derselben. Deine Verwandten werden nie zugeben, daß du allein in die weite Welt gehst, überdies würde es dir dort an allem fehlen, und in Folge der noch bestehenden widersinnigen und ungerechten Einrichtung der Gesellschaft bedarf eine Frau überall des männlichen Beistands. Du siehst also, daß der Vorteil auf deiner Seite ist bei meinem Anerbieten.«

»Wieviel Geld würde ich brauchen, um von Ochotzk nach Paris zu kommen?« sagte sie, ohne auf seine Rede zu antworten.

»Tausend Rubel Silber.«

»Zeige mir dein Messer – dasselbe, was du aus dem Kaukasus mitgebracht und das du Amru-Bey, dem Tscherkessen-Häuptling, als Beute abgenommen, nachdem du ihn erschlagen. Ich weiß, du führst es stets auf der Jagd bei dir.«

Der Verbannte löste den Schal, der seinen Pelz umschloß, und zog aus dem Gürtel um seinen Oberrock einen tscherkessischen Dolch, den er ihr verwundert reichte. Der Metallgriff desselben war mit mehreren Edelsteinen ausgelegt – an einzelnen Stellen waren solche ausgebrochen.

Die Sibirianka legte den Finger auf einen Stein, der den Knopf bildete. »Dies sind Edelsteine, wie du mir erzählst, solche, mit denen sich in Europa die Frauen und die Vornehmen des Landes schmücken. Wie nennst du diesen?«

»Es ist ein sibirischer Smaragd.«

»So findet man solche Steine auch in unserm kalten Lande?«

»Gerade hier. Die Gebirge Sibiriens liefern außer den kostbaren Metallen Smaragde, Saphire, Amethyste, Topase, Hyazinthe und den kostbaren Phemakit, nicht nur im Ural, sondern selbst in den Brüchen von Nertschinsk. Das törichterweise in Europa so verschriene Sibirien birgt sonderbarerweise die reichsten Schätze in seinem Schoß. Aber warum fragst du?«

»Ich kenne die Namen nicht, die du eben genannt hast. Es mögen wohl solche darunter sein. Aber sage mir, wieviel dieser Stein hier am Knopf deines Messers wohl wert ist?«

»Der Chinese Tali Thingh in Ochotzk würde gern zweihundert Rubel dafür zahlen. Vielleicht führe ich ihn im Frühjahr in Versuchung.«

»Und wenn ein Stein doppelt, dreifach so groß ist, steigt damit sein Wert?«

»Nicht in dem Verhältnis, wie du es sagst, sondern zehn, zwanzigfach. Aber nochmals, warum fragst du solche Dinge, die in dieser Einöde dir ziemlich gleichgültig sein können?«

Wera Tungilbi hatte sich der dicken Pelzhandschuhe entledigt, griff in die Tasche ihres Hermelinrocks und holte einen Gegenstand hervor, den sie dem Verbannten reichte. Es war ein Stein in der Form eines Säulenkristalls von etwa 1 ½ Zoll Länge und ½ Zoll Dicke. Als der Russe ihn in seiner Hand wandte, fiel der Widerschein des von dem Katurgi angezündeten Feuers darauf, und der Stein funkelte wie das grüne Auge einer Schlange. Der Verbannte prüfte ihn erstaunt von allen Seiten und sah dann auf die Eigentümerin.

»In des Teufels Namen, Mädchen, wie kommst du zu diesem Stein? Es ist, soviel ich sehe, ein Smaragd von bester Farbe und bedeutendem Wert!«

»So sage mir diesen, Michael Iwanowitsch!«

»Ich bin kein Juwelier, aber ich müßte mich sehr täuschen, wenn dieser Stein nicht zwei- oder dreitausend Rubel wert sein sollte!« Die Sibirianka klatschte in die Hände wie ein Kind. »Druzno! druzno!« rief sie. »Ich werde mir sie von meinem Diadinszk schenken lassen und gehe dann sicher nach Paris!«

»Von deinem Großvater? Ist dieser Stein denn Eigentum des Holowa?«

»Bewahre, drug moi! Er weiß gar nichts davon. Sie gehören Scheminge Tojon dem Kamelfürsten, meinem andern Großväterchen.«

»Sie – du redest von diesem Stein hier!«

»Nein, nein! Er hat mir ein Säckchen voll zum Aufbewahren gegeben, viele schöner und weit größer als dieser hier – es sind mindestens hundert Stück. Der alte Mann sagt, er habe sie in den Bergen am Amur unter einer Baumwurzel gefundenIm Jahre 1850 fand ein Bauer bei Jekaterinenburg unter der Wurzel einer vom Sturm gefällten Tanne die kostbarsten Smaragde, die zur Entdeckung eienr reichen Smaragdgrube durch den Direktor der Steinschleifereien, Kokowin, führten., und viele, viele Jahre in seiner Jurte bewahrt. Er meint, die Weiber putzen sich gern und er habe sie zu meinem Ischi bestimmt!«

Der Verbannte war erregt von seinem Sitz aufgestanden. »Wenn du die Wahrheit sprichst, Mädchen, so bist du ja im Besitz eines mehr als fürstlichen Vermögens. Warum hast du mir nicht längst davon gesagt?«

»Was sollte ich–ich dachte nicht daran, bis ich gestern in der roten KisteDiese Holzkisten, blau und rot angemalt und mit schwarzlackierten Eichenbeschlägen versehen, werden in Stewiansk gefertigt und gehen jährlich in großen Mengen über Irbit nach allen Teilen Sibiriens, meiner Mutter kramte und den Ledersack zufällig wiederfand. Da fiel mir der Stein ein, den ich auf deinem Messer gesehen, und ich beschloß, dich zu fragen.«

»So ist die Erzählung der Tungusen und Jakuten von dem Reichtum Schemingas doch keine Fabel«, meinte in tiefem Nachdenken der Russe. »Hüte dich, mit jemanden weiter von diesem Schatz zu sprechen, bis ich über den Gebrauch nachgedacht, den wir davon machen können! Jedenfalls mußt du sie behalten–am besten, du gibst sie mir in Verwahrung!«

»Er wird sie mir schenken, wenn ich ihn darum bitte«, sagte die Sibirianka einfach, »bis dahin aber sind sie sein Eigentum und ich habe kein Recht daran. Es ist schlecht von dir, Michael Iwanowitsch, mich zu einer Diebin machen zu wollen!«

»Törin! der alte Nomade kennt nur seine Kamele und Pferde und weiß den Wert dieser Edelsteine nicht zu schätzen. Wie oft hab ich dir gesagt, daß jeder Mensch gleiches Recht auf den Besitz hat. Aber dort kommt Ajun in voller Eile gerannt, und während wir hier streiten, hat sich das Wetter geändert!«

In der Tat kam die kleine in Renntierfell gehüllte Gestalt des Jakuten in eiligen Bocksprüngen vom Eingang des kleinen Tals dahergerannt und suchte schon in der Ferne durch allerlei Schwenkungen der Arme die Aufmerksamkeit seiner Gefährten zu erregen.

»Was hast du, SochaDie Jakuten nennen sich selbst Sochas; den Namen Jakuten haben sie von den Russen durch anfängliche Verwechslung mit den Jakuyiren erhalten., was bringt dich aus deiner gewohnten Trägheit?«

»Er wird sie ereilen, ehe sie im Schutz der Berge sind, Gospodin. Der böse Geist wird ihre Seelen haben, ehe die Sonne unter ist!«

»Wer zum Teufel wird denn die deine holen, du Sohn einer Hündin!«

»Rass–dwa–pät–schest habe ich gezählt!« stöhnte der Jakut.

»Eins, zwei–fünf, sechs! Was meinst du damit? Antwort, oder ich brauche den Kantschu!«

Der Jakut fiel vor dem gestrengen Frager in die Knie. »Väterchen, gnädigstes, warum willst du den armen Ajun schlagen, weil sein Auge dem des Falken gleich ist und er sechs Schlitten in der Ebene gesehen hat!«

»Schlitten? mögen sie verdammt sein! was kümmert uns irgendeine herumziehende Horde deines Gelichters!«

»Aber der Buran wird sie töten.«

»Der Buran?«

»Er kommt über die Tundra her, Gospodin–in wenig Zeit wirst du sein Brausen hören.«

Das Mädchen hatte aufmerksam zugehört. Entschlossener und williger zu helfen als der Mann wandte sie sich zu dem Katorgi. »Sergei–mach das Feuer stärker, damit der Rauch dunkler wird und sie die Richtung finden. Geben Sie mir Ihr Glas, Gospodin!«

Er reichte ihr ein kleines Perspektiv. »Was willst du damit, Wéra Tungilbi?«

Ohne ihm zu antworten, flog sie dem Eingang des Tales zu und erklimmte den Felsen, vom dem aus sie eine weite Aussicht auf die schneebedeckte unendliche Fläche hatte.

Die Nomaden dieser öden Steppen haben eine wunderbare Schärfe des Gehörs und Gesichts. Der Jakut hatte mit seinen bloßen Augen gesehen, was jetzt Wéra nur mit Hilfe des Glases als sich rasch in der Ferne über die Fläche bewegende Schlitten zu erkennen vermochte. Verschiedene kleine Zeichen in der Anordnung des Narty-Zuges ließen sie zugleich erkennen, daß es nicht bloß Eingeborene sein konnten, welche die beschwerliche Fahrt unternommen hatten.

Sie behielt jedoch wenig Zeit, ihre Beobachtungen fortzusetzen, denn die Atmosphäre verdichtete sich überaus schnell, und als sie, das Glas senkend, die Augen erhob und den Horizont überschaute, erkannte sie aus der Erfahrung mit Schrecken, wie wahr der Jakut gesprochen.

Ein unheimliches Zischen und Sausen kam von Norden, in der Richtung vom Polarmeer her, über die Fläche, und wie der Wirbelwind in der Wüste den Staub vor sich hertreibt oder der Sturmflut die Gischt der Wellen vorangeht, so knisterte und bewegte es sich auf der weiten Schneedecke, eine lange große Woge von wirbelnden Kristallen. Die ganze Fläche schien plötzlich in Bewegung und Leben zu geraten und sich zu erheben. Hinter dieser am Boden hinrollenden Welle aber erhob es sich wie eine hohe bis zum Zenith reichende Mauer und kam näher und näher, Myriaden beweglicher Atome und doch wie eine kompakte, gigantische schwarze Masse.

Es war im Nu Nacht geworden und die nach der kurzen Tageszeit schon dem Untergang nahe Sonne ganz verschwunden. Durch die Luft heulte und schnob es und ein eiskalter, alles Leben ertötender Luftzug bildete gleichsam den Vortrab des Unwetters. Es war der furchtbare Schneesturm des nördlichen Sibiriens, der in seinen Wirkungen dem Samum der Wüste, dem Zyklon des chinesischen Meeres gleicht.

Wéra fühlte in diesem Augenblick den Griff einer kräftigen Hand an ihrem Arm.

»Unsinnige–willst du dich schutzlos der Gewalt des Sturmes aussetzen? Hinunter in den Schutz der Felsen, es ist unsere einzige Rettung.«

Es war der Verbannte, welcher ihr gefolgt war und sie jetzt von der gefährlichen Stelle fortzog. Sie folgte rasch, denn sie erkannte die Gefahr und die Nutzlosigkeit ihres Verweilens an der ausgesetzten Stelle.

Während sie die wenigen Schritte über die Sohle des Tales nach der nördlichen Wand desselben eilte, war die Luft bereits mit knisterndem Schneestaub gefüllt, der wie scharfe Nadeln in ihre Gesichter peitschte. Wéra bemerkte, wie an ihnen vorbei dunkle Gestalten am Boden hinhuschten und in das Sausen und Brausen des Sturmes zuweilen sich ein pfeifender Ton oder ein ängstliches Schnauben mischte.

Der Schein eines Feuerbrandes, den der Katurgi schwang, zeigte ihnen die Richtung nach der Höhle oder Felsenspalte, in welche sich ihre beiden Jagdgefährten bereits zurückgezogen hatten, und im nächsten Augenblick waren sie neben ihnen. Der Zufluchtsort, an dem sie sich jetzt befanden, war zwar wenig geräumig, gewährte ihnen aber hinreichenden Schutz, da die Höhlung wohl fünf bis sechs Schritt in die Bergwand hineinlief und von einer überhangenden Felsmasse bedeckt war.

Hierdurch waren sie wenigstens von drei Seiten und von oben her vor den wirbelnden Schneemassen und bei der Richtung des Sturmes vor dessen Wut geschützt, wenn auch der in der Talhöhlung kreisende Wirbelwind ihnen auch einen Teil der Schneeflocken zuwarf.

Die Sibirianka sah sich übrigens kaum in Sicherheit, als ihre volle Ruhe und Kaltblütigkeit wiederkehrte und sie an die Felswand gelehnt mit einem gewissen Entzücken diesen furchtbaren Aufruhr der Natur beobachtete. Der Katorgi und Ajun der Jakut hatten die von ihnen in Sicherheit gebrachten Feuerbrände im Hintergrund der Höhle niedergelegt und unterhielten mit trocknem Renntierdünger und Moos, das von den wandernden Horden hier aufgehäuft war, die Flamme, während der Verbannte sich breit vor dieselbe hingestellt hatte, um sie mit seiner mächtigen Gestalt gegen die Gewalt des Sturmes zu schützen. Diese war jetzt wahrhaft furchtbar. Alle Dämonen der Luft schienen losgelassen und in dem Talkessel ihren wilden Tanz zu feiern, während oben hoch in den Lüften über die niedern Hügel und Felswände hinweg es pfiff und heulte wie von tausend Wolfsscharen. Der Schnee wirbelte in so dichten Eiskristallen an dem Eingang der Grotte vorüber, daß diese wie durch eine Mauer geschlossen schien. Aus dieser glaubte Wéra, die sich hinter einem kleinen Vorsprung geschützt hatte, am Boden lauernd feurige Augen blitzen zu sehen, und das ängstliche Winseln, das zwischen dem Sturmesbrüllen an ihr Ohr drang, überzeugte sie, daß es in der Tat flüchtige Tiere der Schneesteppe waren, die hier vor dem Orkan Schutz gesucht und ihren Zufluchtsort bereits von Menschen besetzt gefunden hatten. Sie wollte eben sich Michaeloff nähern, um ihm darüber eine Bemerkung zu machen, denn das Toben des Sturmes machte schon auf Schritte weit jedes Wort unverständlich, als sie plötzlich durch einen Zwischenfall daran gehindert wurde.

Es war in der Tat ein Fall; denn wie sie in dem matten Halblicht des Feuers sah, plumpste eine große schwarze Masse kugelartig von dem die Decke des Zufluchtsortes bildenden Felsen vor dem Eingang nieder auf den Boden, wälzte sich dort umher und richtete sich dann brummend und schnaubend langsam empor.

Die grünlichen Augen eines großen schwarzen Bären, der wahrscheinlich in diesem Felsenspalt sein gewöhnliches Winterlager und den Zufluchtsort jetzt aufgesucht hatte, funkelten ihr entgegen. Es war zwar keineswegs das erste Mal, daß die junge mutige Jägerin diesem einzigen Hochwild der sibirischen Schneesteppen entgegentrat und es erlegt hatte, wie zwei mächtige Felle in dem Hause des alten Holowa bewiesen–aber dann war es mit einem guten Gewehr bewaffnet und wohlvorbereitet geschehn. Dennoch verlor das kühne Mädchen auch unter diesen ungünstigen Umständen nicht die Entschlossenheit und bemühte sich nur, ihren kleinen Revolver aus seiner wohlverknöpften Tasche loszumachen.

Ein lauteres, tieferes Brummen des Schwarzen, der vor der Gewalt des Buran flüchtend sich kopfüber den Talhang herabgekugelt hatte und sein Asyl so unerwartet besetzt fand, namentlich aber durch den ihm widerwärtigen Schein des Feuers erschreckt und in Zweifel war, ob er sich auf seine Gäste stürzen oder lieber der Gewalt des Wetters sich aussetzen sollte, ließ erst jetzt die Männer am Feuer auf- und Michaeloff sich umblicken.

Der Jakute begann sofort bei dem großen Respekt, dem seine Nation vor dem Bären empfindet, in dem sie die Verkörperung eines bösen Geistes sieht–was sie jedoch keinesfalls abhält, bei günstiger Gelegenheit ihm das Fell über die Ohren zu ziehen und seine Schinken und Rippen mit fabelhafter Gefräßigkeit zu verschlingen–allerlei seltsame Verbeugungen und Gliederverrenkungen gegen den unwillkommenen Gast zu machen und ihn mit allerlei Ehrentiteln willkommen zu heißen. Sergei faßte nach dem kurzen Beil in seinem Gürtel und stieß einen barbarischen russischen Fluch aus–der Verbannte aber ergriff den ihm zunächst an der Felswand lehnenden Jagdspieß, da seine Flinte außer dem Bereich seiner Hand war, fällte die Waffe zum Stoß und sprang vorwärts. Unglücklicherweise hatte er den hastigen Sprung nicht genügend berechnet oder glitt während desselben aus–kurz, das breite, harpunenartige Eisen des Spießes traf nicht die volle Brust des Ungetüms, sondern nur die Seite unter der rechten Vordertatze, zerschnitt in breiter und schmerzender, aber nicht tötender Wunde Fell und Fleisch und fuhr am Rücken hinaus. Die Gewalt des Stoßes und die Kraft des Mannes waren aber so groß, daß er–keinen Widerstand mehr findend–mit dem eigenen Körper gegen den des Bären prallte und mit ihm zu Boden stürzte.

Meister Petz versuchte sofort, seinen Gegner zu umarmen, und wälzte sich dabei mit ihm am Boden. Die starke Kleidung schützte anfangs den Verbannten vor jeder Verwundung, aber obschon er die Vorsicht brauchte, sofort mit der linken Faust die Kehle des Tieres zu fassen und dessen Rachen in die Höhe zu drücken, vermochte doch seine Rechte sich nicht von der Umarmung des Bären genügend zu befreien, um seinen tscherkessischen Dolch zu erfassen, und selbst seine große Kraft würde kaum genügt haben, die Zähne des Tiers länger von seiner eigenen Kehle abzuhalten, wenn nicht eine andere Hand helfend dazwischengetreten wäre.

Es war die junge Sibirianka, die mit bewundernswürdiger Kaltblütigkeit, als sie endlich die Schnallen ihres Revolvers gelöst und diesen freibekommen hätte, sich den Ringenden näherte und, einen günstigen Augenblick abpassend, den Lauf in das Ohr des Tieres hielt und den Schuß abfeuerte.

So schwach auch die Waffe war, hatte die Kugel doch genügend Kraft, den Schädel des Tiers zu durchbohren; augenblicklich lösten sich seine Tatzen und es wälzte sich am Boden in Todeszuckungen, denen alsbald einige Beilhiebe des Katorgi ein Ende machten.

Der Verbannte richtete sich unterdes empor, versuchte seine Glieder und reichte dem Mädchen die Hand. »Ich danke dir wahrscheinlich mein Leben, Wéra Tungilbi«, sagte er mit tiefer Stimme, die selbst durch das Brausen des Sturmes zu ihren Ohren drang. »Michael Bakunin wird es nicht vergessen und hofft, dir diesen Dienst noch vergelten zu können!«

Es war in der Tat der berühmte Agitator, der geheimnisvolle Revolutionär und Propagandist des Slawentums, der in diesem entfernten Winkel Sibiriens–nicht das blutige Drama von Dresden oder die Berliner Novembertage, vielleicht nicht einmal die berühmte und berüchtigte Rede vor der polnischen Emigration zu Paris am Jahrestag der Warschauer Revolution1847; sie machte ungeheures Aufsehen und wurde in Übersetzungen durch ganz Europa verbreitet, sondern, wie man wissen wollte, seinen Ungehorsam zuerst im Kaukasus, und dann ein bitteres Epigramm gegen den Zaren an dem jetzigen Verbannungsort büßte.

Aber das Mädchen beachtete keineswegs die Stimmung ihres Mentors.

»Unsinn, Michael Iwanowitsch«, sagte sie lachend, »das wäre ja ganz gegen Ihre Grundsätze; Dankbarkeit ist eine Albernheit und der Mensch, der sie sich auferlegt, bindet sich damit eine Rute, die ihn auf die Dauer nur gegen seinen Gläubiger verbittert. Was ich dabei geholfen, hab' ich aus reinem Eigennutz getan; denn hätte der Bär Sie gefressen, würde ich einen guten Gesellschafter und Lehrmeister verloren haben, wenn wir nicht gar noch in Gefahr gewesen wären, daß er nachher über uns herfiel. Also nichts von Verdienst und Dankbarkeit, Michael Iwanowitsch. Ajun versteht sich besser auf den Vorteil, denn ich glaube, daß er große Lust hat, das Stück, was er da aus seinem Freunde schneidet, auf dem Feuer zu rösten, und wenn nicht alle Anzeigen trügen, hat der Buran bereits sein Schlimmstes getan und läßt nach in seinem Toben.«

In der Tat begann das Heulen und Pfeifen des weiterziehenden Orkans geringer zu werden, wenn er auch immer noch gewaltig genug in dem Tal und draußen auf der Fläche brauste, daß kein lebendes Wesen ihm hätte widerstehen können. Nach einer halben Stunde aber fing das Wirbeln des zu förmlichem Eisstaub gepeitschten Schnees an, sich in ein dichtes Flockengestöber zu verwandeln.

»Bei allen schlimmen Geistern meiner würdigen Verwandten von Tunga«, sagte die Sibirianka, »statt daß der Buran ein helles Nordlicht und einige Grad Kälte mehr heraufbringen soll, wie er sonst zu tun pflegt, gibt er uns eine tüchtige Burany, die vierundzwanzig Stunden anhalten kann. Das wird es uns sehr erschweren, die armen Burschen aufzufinden.«

»Von wem sprichst du?«

»Nun, von wem anders, als von den Schlitten, die wir vorhin sahen. Sie müssen jetzt bis über den Kopf im Schnee stecken, und wenn sie nicht einen sehr gescheiten Führer haben, können sie in diesem Schneetreiben unmöglich ihren Weg hierher oder nach der Kolonie finden. Aber ich denke, ich habe mir die Richtung genau gemerkt, und Ajun ist ein zuverlässiger Spürer!«

»Den Teufel auch, Mädchen! Du wirst doch nicht daran denken, in diesem Höllenwetter das jakutische Lumpengesindel aufzusuchen? Mögen sie zum Teufel nach allen vier Winden gehen und krepieren!«

»Gewiß werde ich es!«

»Aber ich werde es nicht zugeben! Ich werde dich mit Gewalt zurückhalten!«

»Du?«

»Ja!«

Die Sibirianka lachte ihm spöttisch ins Gesicht, dann wandte sie sich zu ihren beiden ändern Begleitern. »Nimm dein Beil, Sergei, und du deinen Spieß, Ajun!–Ihr habt gehört, was ich tun will, ich hoffe, ihr werdet mich begleiten!«

»Wohin du gehst, Gospodina«, sagte der Katorgi, »ob ein elender Kerl wie ich in der Jurte auf seinem Filzlager stirbt oder hier im Schnee, es bleibt sich gleich. Aber niemand soll dich hindern zu tun, was du willst. Ich habe das Unglück gehabt, zwei Menschen totzuschlagen und bin deshalb zur Katorga verurteilt–aber der Zar ist gerecht und wird mich nicht härter strafen, wenn es auch einer mehr ist!«

»Sie hören es, Michael Iwanowitsch«, fuhr das Mädchen lachend fort. »Ajun würde Ihnen die Lanze von hinten durch den Leib rennen, mit der Sie vorhin den Bären fehlten, wenn Sie sich mit meinem andern bärtigen Ritter dort in ein Gefecht einließen. Sie wissen, ich bin eigensinnig und lasse mich nicht zwingen. Aber bleiben Sie hier–Sie haben Feuer mit Bärenbraten, und wenn die Purgy vorüber, werde ich Sie durch meinen Leibkosaken holen lassen, vorausgesetzt, daß wir selber glücklich heimkehren!« »Wenn Sie töricht genug sind, Ihr Leben aufs Spiel zu setzen, werde ich wahrscheinlich nicht feig zurückbleiben!«

»Charoscho! Ich wußte es wohl! Ich sehe, Ajun, du bist fertig mit dem Abziehn des Fells! So – nimmt es mit, vielleicht können wir's brauchen, und hänge Sergei die beiden Keulen um den Hals – für Großväterchen sind die Tatzen ein Leckerbissen. Das andere mag für die Wölfe und Füchse bleiben, die draußen umherlungern und sehnsüchtig auf unsern Abzug warten. Steckt die Zobel in den Sack – so – seid ihr fertig?«

»Da, Gospodina

»Als wir zuletzt die Schlitten sahen, konnten sie nicht viel mehr als vier Werst entfernt sein. Du wirst die Richtung finden, Ajun?«

»Da, Gospodina! wenn der Buran sie nicht veranlaßt hat, davon abzuweichen.«

»Dafür hat Michaeloff sein Gewehr und wird es von Zeit zu Zeit abschießen. Vorwärts denn, Ajun, strecke den Spieß zurück, damit wir uns daran festhalten, um nicht voneinanderzukommen!«

Ein solches Hilfsmittel war in der Tat nötig, denn das Schneegestöber war so dicht, daß man nicht über zwei Schritte zur Seite sehen konnte. Nachdem alle wieder die Schneeschuhe angelegt hatten, weniger um bei der jetzigen Weiche des frischen Schnees rasch vorwärtszukommen, als um möglichst wenig einzusinken, faßte der Jakut die noch blutige Spitze seines 5 bis 6 Fuß langen Spießes und trat hinaus in das Schneetreiben. Die drei andern folgten, sich am Schaft festhaltend.

Die kurze Wanderung durch das Tal bis zu seinem Ausgang war verhältnismäßig leicht, da hier die Fels- und Hügelwand die Richtung gab. Als die kleine Jagdgesellschaft aber deren Schutz verlassen, zeigte sich das begonnene Unternehmen als ein ebenso verwegenes wie schwieriges.

Für jeden anderen Menschen als den an solche Erscheinungen gewöhnten und mit ungemeiner Schärfe des Gesichts und Gehörs begabten Eingebornen wäre es eine Unmöglichkeit gewesen, in diesem dichten Gewirr aus Schneeflocken, die schon nach ein paar Minuten die vier Personen in wandernde Schneehügel verwandelten, eine grade Bahn einzuhalten. Der Jakute hatte jedoch bei dem Austritt aus dem Tal, ehe er seinen Weg weiter fortsetzte, genau die Richtung der treibenden Flocken beobachtet und kreuzte dieselbe nun in einem bestimmten Winkel, ohne auch nur einen Augenblick unterwegs zu zögern. Von Zeit zu Zeit schien ihm ein aus der weißen, rastlos beweglichen Wand umher auftauchender, in Schnee gehüllter Felsblock – wie deren viele in der Nähe des Gebirges noch über die Ebene verstreut lagen – zur Orientierung zu dienen.

Während der Buran das Fortkommen der Jäger unmöglich gemacht hätte, einesteils durch seine furchtbare Gewalt, die sie zu Boden geworfen haben würde, andererseits durch die Schärfe des zu Eisstaub aufgewirbelten Schnees, der wie tausend Nadelspitzen auf alle preisgegebenen Teile der Haut fällt und selbst durch die dichten Kleider dringt, setzte in dieser Beziehung der Burany, ihnen weniger Hindernisse in den Weg; denn wenn auch das dichte Flockengewirr ihre Augen blendete und alle Glieder bedeckte, konnte es doch die Bewegung nicht hindern.

Dennoch kamen die kühnen Jäger nur langsam vorwärts, und es erforderte ihre ganze Abhärtung und Körperkraft, das begonnene Unternehmen fortzusetzen. Sie mochten in dieser Weise etwa eine halbe Stunde vorgedrungen sein, als der Jakute stehenblieb und den Verbannten aufforderte, einen Schuß zu tun.

Michaeloff hatte das Feuerschloß seiner Flinte sorgfältig in Renntierleder gegen die Nässe gehüllt, ließ dieses jetzt von dem Mädchen und Sergei darüberhalten und drückte los.

Zur allgemeinen Freude versagte auch das Gewehr nicht und der Schuß krachte hinaus.

Alle vier lauschten eifrig auf eine Antwort, aber alles umher blieb still.

»Wir können unmöglich schon an der Stelle sein, an welcher der Buran die Schlitten erreicht haben muß«, erklärte die mutige Jägerin. »Laden Sie zunächst Ihre Flinte wieder, Michaeloff Iwano- witsch, und lassen Sie uns dann weitergehn.«

Die erste Aufgabe war aber keineswegs so leicht wie die zweite, da sie in dem dichten, das Pulver nässenden Gestöber nur mit Mühe gelang.

Sobald die Flinte geladen war, machte sich die kleine Gesellschaft wieder eilig auf den Weg, denn jedes unnötige Verweilen konnte leicht allen den Tod bringen.

Sie mochten etwa weitere 15 Minuten vorgedrungen sein, als der Jakut aufs neue stehenblieb und erklärte, sie wären bereits über den Punkt hinaus, wo sie den Schlitten begegnet sein müßten, wenn diese in der Richtung nach dem Tal die Fahrt so lange wie möglich fortgesetzt hätten.

Der Verbannte versuchte sofort seine Flinte abzuschießen – aber das Gewehr versagte, das Pulver war feucht geworden.

Nach kurzer Beratung erhoben alle vier ihre Stimme so laut wie möglich und lauschten dann.

Eine Zeitlang blieb alles still – dann plötzlich reckte Ajün sein Ohr in die Luft.

»Was hörst du, Mann?«

»Es ist ein Laut in der Luft außer dem Lispeln des Schnees«, meinte der Nomade, »aber ich kann nicht entdecken, von welcher Seite er kommt.«

»Der Schnee stört dich darin«, sagte hastig das Mädchen. »Da, Michaeloff, und du, Sergei, nehmt das Fell des Bären und breitet es als Dach aus. Wenn Ajun darunterkriecht, wird er von dem Schnee nicht gestört sein und kann seine Sinne besser zusammennehmen. Dann vereinigt noch einmal eure Stimmen.«

Der Rat wurde sofort befolgt – Ajun kroch unter das improvisierte Zeltdach, und die drei andern stießen gemeinsam den langgedehnten Ruf aus, mit welchem die Poworotschiks ihr Gespann anzutreiben pflegen, wobei das Mädchen zweimal ihren Revolver abschoß.

Einige Augenblicke darauf sprang der Jakute hastig empor und streckte den Arm aus. »So wahr mir Kuchta eine gute Pelzjagd in diesem Winter gewähren möge – Ajun hat es deutlich gehört: ein Mensch – ein Hund!«

»Gott und den Heiligen sei Dank«, rief unwillkürlich, in dem bessern Gefühl und der Erregung des Augenblicks die entsetzlichen Lehren des Atheismus vergessend, das Mädchen, »so kommen wir nicht zu spät! – Vorwärts, vorwärts!«

Der Jakute schritt eilig voran, die andern folgten. Es war, als ob mit der Entdeckung auch die Macht des Schneefalls gebrochen sei, denn die Flocken fielen jetzt weniger dicht, was bei der längst eingetretenen Finsternis eine große Erleichterung wurde. Sie waren in der neuen Richtung auch kaum zweihundert Schritt gegangen, als sie auf eine im Schnee begrabene feste Masse stießen; zugleich klang von links her der matte, aber jetzt allen deutliche Ruf einer menschlichen Stimme.

Dorthin eilten die Promyschlenniki und hörten im nächsten Augenblick folgende Worte in englischer Sprache: »Verdammt will ich sein, ihr verräterischen Halunken, wenn ich nicht dem ersten eine Kugel auf den Pelz brenne, der in diebischer Absicht kommt. Noch ist wenigstens einer von uns imstande, euch zu strafen!« Der Verbannte lachte. »Ruhig, Sir, wer Sie auch sein und worüber Sie sich auch beklagen mögen!« sagte er gleichfalls in englischer Sprache. »Die, welche hier kommen, haben Sie wahrscheinlich im Leben noch nie gesehen, und doch haben sie die beste Absicht, Ihnen zu helfen. Wo zum Teufel stecken Sie denn, Sir?«

»Wo soll ich sein, als hier unter dieser doppelten Wolfsschur«, sagte ein Mann, der sich jetzt vor den Augen der Pelzjäger aus einem Schneehaufen aufrichtete, der sich alsbald als ein eingeschneiter Korbschlitten mit darübergedeckten Pelzen enthüllte. »Oder glauben Sie vielleicht, daß ich eine Ehre dreinsetze, zu erfrieren? – Aber damned! wenn Sie wirklich Helfer in der Not sind, so sehen Sie zuerst nach meinen Reisegefährten, von denen ich seit einer Stunde nichts gehört habe.«

»Nehmen Sie selbst zunächst einen Schluck Branntwein, Sir!«

»No! – ich bin zwar kein Anhänger des antialkoholischen Pater Matthew, aber ich weiß zu gut, wie gefährlich das in dieser Situation ist!«

»Nicht, nachdem wir bei Ihnen sind. Aber wer sind Sie, wie kommen Sie in diese Wüste und wer sind Ihre Reisegefährten?«

»Was mich betrifft, so ist das leicht gesagt. Es scheint, ich zähle zur Klasse der verrückten Engländer, denn, very well, nur einem solchen konnte es einfallen, eine Vergnügungsreise nach Ihrem reizenden Lande zu machen und sich von einem womöglich noch verrückteren Gelehrten bei Samojeden und Jakuniren, in Nowaja Semlja und sonstigen angenehmen Lieblingsorten der weißen Bären und blauen Füchse herumschleppen zu lassen, bloß um eine Abweichung der Magnetnadel oder lieber gar den Nordpol zu entdecken. Mit anderen Worten, ich bin Lord Frederick Walpole und habe zu meinem Vergnügen einigen Eisbären eine Kugel in den Schädel geschickt, während mein Gefährte Mammutknochen suchte. Jetzt kommen wir von der untern Lena und wollen nach Olensk, wenn wir nämlich nicht sämtlich erfroren sind! Damned, diese Bemerkung bringt mich darauf, von meinen Gefährten zu sprechen. Es sind, wie gesagt, ein deutscher Professor und unser gemeinschaftlicher Diener und Dolmetscher, ein Russe aus Archangelsk. Sie müssen in den beiden nächsten Schlitten liegen, wenn Ihr teuflischer Wirbelwind – Buran nennen Sie ihn ja wohl! – diese wirklich noch auf dem Erdboden gelassen hat!«

»Wir werden sogleich nachsehen. Unterdes, Mylord, beraten Sie mit dieser Dame weiter, sie versteht zwar noch nicht Englisch, spricht außer ihrer Muttersprache aber Französisch und etwas Italienisch!«

»Eine Dame? – la dame blanche? By Jove! und Sie lassen einen Gentleman in Gegenwart einer so gelehrten jakutischen Lady liegen wie ein Stück Holz?« Er versuchte sich mit Gewalt aus seiner bisher sitzenden Stellung emporzuraffen, mußte sich aber mit einigen Versuchen begnügen, denn seine Glieder waren ganz steif und ungelenk. Als es ihm endlich – auf einen Wink des Mädchens mit Hilfe des Katorgi – gelang, auf die Füße zu kommen, schüttelte er sich wie ein Bär, der aus dem Wässer kommt, trampelte mit den Beinen und schlug mit den Armen, um das stockende Blut wieder in Bewegung zu setzen.

Soviel die Dunkelheit zu erkennen erlaubte, war der Lord ein noch ziemlich junger Mann, von hoher schlanker Gestalt, in einen Renntierpelz gehüllt. Auch jetzt noch hielt er die Pistole in der Hand, mit der er vorhin die Helfer bedroht hatte.

»Eine Lady? – very well! ich möchte wissen, woran eigentlich die Leute in diesem Lande die Männer von den Weibern unterscheiden! Aber Madame, wenn Sie weiße Schneegestalt wirklich eine französisch parlierende Frau sind, sagen Sie mir zunächst, wie kommt Saul unter die Propheten?«

Die schöne Sibirianka, die dem Auftritt, obschon sie ihn nur halb verstand, mit großem Interesse zugehört, behielt nicht Zeit, der französisch an sie gerichteten Frage zu antworten, denn von dem zweiten, etwa zehn Schritt entfernten Schlitten her erscholl ein Ruf des Verbannten. »Kommen Sie hierher, Mylord, Ihr Gefährte ist erfroren!«

Sie waren alle nach wenigen Augenblicken an dem Ort versammelt. Der junge leichtherzige Lord, der die eigene Gefahr so gering genommen, zeigte die größte Besorgnis und ein teilnehmendes warmes Herz bei dem Unglück seines Reisegefährten.

Dieser, ein kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren, lag unter seinem Schlitten begraben, den der Wirbelwind umgestürzt hatte. Dieser Umstand hatte jedoch, obschon der Fremde beim ersten Auffinden keine Spur des Lebens mehr zeigte, wahrscheinlich seine Rettung veranlaßt; denn als die Helfer sich weiter mit ihm beschäftigten, erkannte Michaeloff an dem leisen Herzschlag, daß noch nicht alles Leben entwichen sei. Man suchte daher dem Erstarrten durch die zusammengeklemmten Zähne etwas Branntwein einzuflößen, und Sergei und der Lord machten sich daran, seine Glieder zu reiben, während die andern ihre Nachforschungen fortsetzten.

Von dem Dolmetscher, der im dritten Schlitten gefahren, war keine Spur zu entdecken – er mußte entweder mit den jakutischen Führern entwichen oder bei dem Versuch, sich in dem Schneetreiben allein zu retten, umgekommen sein. Allem Anschein nach hatten die Jakuten, welche die Reisenden schon von der Lena aus geführt, bei dem Eintritt des Burans sie schändlich im Stich gelassen und sich und ihre Hunde allein zu sichern versucht, denn die Lederriemen, an denen die wackern Tiere die Schlitten gezogen, waren zerschnitten und die Hunde mit den treulosen Fuhrleuten verschwunden.

Nach diesen Ergebnissen ihrer Untersuchung sammelten sich alle wieder um den Schlitten des Gelehrten, in dem die eifrigen Bemühungen des Katorgi, der seinen Pflegebefohlenen unbarmherzig mit Schnee rieb, wirklich das Leben wieder zurückzurufen schienen. Der Halbentseelte öffnete die Augen, stammelte einige Worte von dem kleinen Cerebrum des Mammut, dann aber fiel er wieder zurück in den lethargischen Zustand.

»Der Teufel hole die Situation!« rief der Verbannte. »Wir können den Mann unmöglich hier liegenlassen – aber wie sollen wir ihn fortschaffen?«

»Der Schlitten ist leicht«, bemerkte Wéra, »wir werfen alles Überflüssige hinaus und ziehen ihn selbst bis zur Kolonie. Wie weit sind wir entfernt von dieser, Ajun, und in welcher Richtung liegt sie?« Der Jakut kratzte verlegen seine Pelzmütze. »O Herrin«, murmelte er, »Ajun ist kein Schamane, der alles weiß. Der Wind ist still geworden, und in dem Drehen und Wenden bei den Fremdlingen war es schwer, die Richtung zu bewahren. Der Holowa mag dort wohnen«, er wies nach der einen Richtung und dann nach der entgegengesetzten, »es kann aber auch dort sein! – Wenn die So- chas nur die Hunde zurückgelassen hätten, sie brächten uns sicher zum Feuer.«

Der Verbannte stieß einen grimmigen Fluch aus. »Verdammt seien die Hunde und die Mütter dieser Hunde! Was fangen wir an? – wir werden alle erfrieren!«

Der Engländer frug, um was es sich handle.

»Die Hunde?« sagte er, »aber ich denke, es müssen deren noch an meinem Schlitten sein. Wir hatten einen Rauch in der Ferne gesehn, an den Bergen, und glaubten dort auf die Station zu treffen, als die Vorboten des Sturmes uns überraschten. Die Tiere wollten nicht vorwärts, unser Zug hielt und ich sah, daß die Führer zusammenliefen und miteinander berieten. Dann eilte jeder zu seinem Schlitten und gleich darauf hörte ich denRuf Wassilis,unseres Dolmetschers. Ich sah, wie der Jakute, der die Hunde vor meinem Schlitten leitete, beschäftigt war, sie von den Riemen loszuschneiden. Ich rief ihm zu, abzulassen davon, und drohte ihm, als er fortfuhr in dem bübischen Verrat, mit der Pistole, worauf er entfloh. In diesem Augenblick erreichte uns der Orkan und es heulte und tobte um uns her, als wären alle Höllengeister losgelassen, wie ich es noch auf keiner meiner Seereisen erlebt, und als wollte es uns mitsamt dem Schlitten in die Lüfte heben. Das Unwetter war kaum vorüber, als dieser entsetzliche Schneewirbel eintrat, der mir nicht erlaubte, drei Schritte weit zu sehen. Vergeblich rief ich nach meinen Gefährten und suchte sie zu erreichen – es blieb mir zuletzt nichts übrig, als mich unter die Renntierdecke des Schlittens zu flüchten, wollte ich nicht selbst umkommen!«

»Wir wollen uns sofort überzeugen«, sagte der Verbannte. »He, Ajun – wo ist der erste Schlitten?«

»Hier, Gospodin!«

»Sieh genau nach, ob alle Hunde fort sind!« Der Jakute tat einen schrillen Pfiff – ein Winseln antwortete ihm; erfreut sprang er nach der Stelle hin.

»Hier, Gospodin! Kuchta will nicht, daß seine Kinder in diesem Wetter umkommen! Es liegen zwei Hunde unter dem Schnee!« Die beiden armen Tiere, die es aus Furcht vor der Drohung des Lords dem jakutischen Führer nicht gelungen war, von dem langen, die Stelle einer Deichsel vertretenden Riemen zu lösen, hatten sich tief unter den Schnee vergraben, der sich über ihnen zu Hügeln gewölbt, so daß sie bei dem ersten Auffinden des Schlitten unentdeckt geblieben waren. Ajun brachte sie mit einigen Schlägen bald in die Höhe. Dann holte er aus seiner Tasche einige Jukolas und ließ sie dieselben verzehren, wodurch sie wieder ganz gestärkt und munter wurden. Eine kurze Beratschlagung genügte, um die weiteren Schritte der Gesellschaft festzustellen. Der Schlitten des deutschen Professors wurde bis auf seine Person alles weitern aus antediluvianischen Knochen, Versteinerungen und sonstigen Merkwürdigkeiten bestehenden Krams entledigt, während der unglückliche Gelehrte im Halbbewußtsein einige Sätze über Sphäroiden, Gradmessung und Tertiärformation murmelte, ohne jedoch dadurch die Helfer zur Nachsicht für seine Kabinettstücke zu stimmen. Hierauf deckte man ihn mit den vorhandenen Pelzen zu, befestigte an dem Schlitten den rasch zusammengeknüpften ledernen Zugstrick, den die beiden Verbannten, Wera und der Lord, der seine Schneeschuhe angelegt hatte, anfaßten und dann machte sich der Jakute daran, die beiden Hunde an eine Leine zu nehmen, nachdem er ihnen die Nasen mit dem Innern seiner schmutzigen Leibschürze wiederholt gerieben hatte. Sein Zuruf brachte die Tiere alsbald in Bewegung, und da sie keine Last zu ziehen hatten, trabten sie leicht in die Schneewüste hinein, während die Gesellschaft, an den Führer sich haltend und den Schlitten hinter sich drein ziehend, ihnen folgte. Ajun ließ den Tieren gänzlich freien Willen, überzeugt, daß ihr Instinkt sie die gerade Richtung nach der nächsten menschlichen Wohnung finden lassen werde. So beschwerlich und anstrengend auch der Marsch in dem frischen Schnee war, gab doch keiner der Ermüdung nach, da alle sehr wohl wußten, daß jedes weitere Verweilen oder Abirren ihnen den Tod bringen mußte. Wie richtig der Nomade den Instinkt der Tiere berechnet, zeigte sich nach etwa einer halben Stunde, indem die Hunde an einem riesigen Steinblock vorbei ihren Weg nahmen, dessen Gestalt die Jäger wohl kannten. Dieser Fels – dessen Untersuchung dem Gelehrten gewiß großes Interesse gewährt haben würde – lag etwa eine halbe Stunde weit von der Kolonie.

Plötzlich hielt der Jakute die Hunde an. »Hörst du den Tamtam, Gospodina?«

»Wahrhaftig! Großvater Jeanrenaud ist in Besorgnis um mich und gibt das Zeichen, das uns auf dem rechten Weg halten soll. Aber dort drüben höre ich gleichfalls ein Klingeln und Getöse?« »Es sind die Schellen, die sie rühren. Die Kinder des weißen Vaters in Petersburg haben sich auf den Weg gemacht, die Tochter des Holowa zu suchen.«

In der Tat hörte man von Zeit zu Zeit durch das Schneetreiben den dröhnenden Hall eines großen chinesischen Tamtams, das in der kleinen Niederlassung die Stelle der Glocke vertrat. Zugleich konnte man in einer andern Richtung das Rufen von Stimmen vernehmen.

Der Engländer schoß sogleich seine Pistole ab, die, mit Perkussion versehen, nicht von der Nässe unbrauchbar geworden, und die Gesellschaft erhob jetzt auch ihre Stimme zu einem gemeinsamen Ruf.

Der Erfolg zeigte sich sogleich. Die Männer, die ausgezogen, um den vom Buran überraschten Jägern wenn nötig Hilfe zu bringen, hatten den Schuß und den Ruf auch ihrerseits gehört und kamen eilig näher. Nach zehn Minuten hatten sie die Bedrängten erreicht, und es fand eine jubelnde Begrüßung statt. An der Spitze der in weite Fuchs- und Renntierpelze gehüllten fünf Ansiedler stand ein junger stattlicher Mann, dessen Abzeichen ihn als einen Unteroffizier vom Corps der Jenisseiskschen Kosaken kennzeichnete. Er eilte mit sichtlicher Freude auf das junge Mädchen zu, machte den demütigen Gruß des niedern Russen und küßte den Zipfel ihres schneebedeckten Pelzes.

»Die Heiligen seien gepriesen, Gospodina, daß wir dich glücklich wiederhaben. Ich habe dem heiligen Anastasius von Nertschinsk einen neuen Pelz von blauem Fuchs gelobt in der Angst um dich und werde mein Versprechen halten! Wie werden sich deine Diadiuszki freuen, dich wiederzusehen!«

»Sieh da, Mutin, braver Bursche, wo kommst du her? Wir glaubten dich am Aldan.«

»Ich komme von Pristan – und nicht allein. Weißt du, wer mich begleitet hat, Gospodina?«

»Nun?«

»Der Kamelfürst, dein Großväterchen. Er ist bei dem Holowa, und beide ängstigen sich um das Licht ihrer Augen und das Kleinod ihrer Herzen.«

Die Sibirianka ließ einen lustigen Ruf erklingen. »Wie, Scheminga Tojon, mein Großväterchen, ist im Haus? Der Besuch konnte nicht besser kommen! Hast du gehört, Michael Iwanowitsch?«

»Ich habe und rate dir, die Gelegenheit zu benutzen. Es gibt nicht viele solcher Großväter. Was mich betrifft, so wünschte ich, ich hätte sein gutes Roß Melilbi zwischen meinen Knien und es wäre Sommer.«

»Auch deine Zeit wird kommen, Michael Iwanowitsch. Nun aber, Männer, löst uns hier ab am Schlitten und du, Mutin, übernimm die Führung und laß uns eilen, daß wir zum Feuerherd kommen! Vorwärts denn, Towaritschis

»Einen Augenblick noch«, sagte mißtrauisch der Unteroffizier und wandte sich zu dem Engländer. »Kto wy tajoj, i czewo protrebujetie?«

»Unsinn, Mutin«, lachte das Mädchen, »er ist ein Fremder und kommt aus einem Lande, von dem dein Hohlkopf wahrscheinlich im ganzen Leben noch nicht gehört hat. Wie soll ein Engländer dein Kauderwelsch verstehen?«

»Jeto prawda! Das ist wahr!« sagte der Kosak. »Aber ich muß seinen Paß sehen!«

»Hier im Schneegestöber? Dazu ist Zeit genug im Hause! Paschol! paschol!« und laut rufend glitt sie auf ihren Schneeschuhen voran. Die andern folgten, so rasch es der Transport des Erstarrten erlaubte.

Zwei Stunden später saß der größte Teil der Gesellschaft, die dem grimmigen Schneesturm getrotzt hatte, um den Herd des Holowa. Das Blockhaus des alten Franzosen war ziemlich geräumig, von Fichten- und Birkenstämmen errichtet, die Außenwand mit Erde beworfen. Es bestand nach sibirischer Sitte aus zwei Abteilungen, außer dem von als Säulen verwendeten unbehauenen Stämmen gebildeten Vorraum. Die vordere, größere Abteilung war zum allgemeinen Gebrauch bestimmt. Die Balkenwände waren mit Birkenrinde beschlagen, die Fugen mit Moos ausgefüllt. An der Seite war der weite tartarische Kamin, der Czulan, von Lehmsteinen gebaut, mit dem hölzernen Tschuwal oder Schornstein, und der niedere, von Bänken umgebene Ofen, während über den halben Raum die Polatje, die etwa 1<1/2> Elle von der Decke entfernten, zu Schlafstellen bestimmten Hängeböden liefen.

Die Wände im Innern waren zum Teil mit Renntier- und Walroßfellen behangen. An Holzpflöcken hingen Pelze, Kleidungsstücke, Netze, Fischfangs- und Jagdgerätschaften, wie sie in dieser Einöde zum Erlegen und Fangen der Pelztiere, vom schlanken Hermelin und Zobel, die mit stumpfen Bolzen geschossen oder in Schlingen gefangen werden, bis zum mächtigen Eisbären, in Gebrauch sind. Wenige eiserne und kupferne Gerätschaften standen auf Holzregalen in der Nähe des Kamins, dazwischen chinesische Teekisten und allerlei zierliche Arbeiten aus dem Reiche der Mitte. Rechts und links an den Wänden lagen dicke Filze, mit Bärendecken zum Nachtlager bestimmt. Im Kamin hingen Renntierzungen, Bärenschinken und gedörrte Lachse von mächtiger Größe, während an dem Feuer ein Kessel brodelte und der Samowar siedete. Den Hintergrund des Blockhauses nahmen zwei gesonderte Kammern ein, deren eine der Enkelin des Holowa zum Schlafgemach diente, während die andere die Vorräte der Wirtschaft und den Tribut an Fellen enthielt, welchen die Verurteilten und die Nomaden des Distrikts hier für die Regierung abzuliefern hatten. Die eigentümlichste Verzierung dieser Halle oder Wohnküche bildete ein Gegenstand, der wohl imstande war, die Aufmerksamkeit auch noch anderer Personen zu erregen als des kleinen Naturforschers, der jetzt, wohlbehalten und bis ans Kinn in einen großen Fuchspelz gewickelt, in der Nähe des Feuers saß und die Augen nicht davon verwendete, während seine Kinnbacken in dem angenehmen Geschäft der Versorgung seines inneren Menschen eifrig in Tätigkeit waren.

Diese seltsame Ausschmückung bestand in einem kolossalen, wohlerhaltenen Mammutschädel mit den beiden vollständigen Stoßzähnen von vollen vierzehn Fuß Länge in ihrer Krümmung. Es ist eine heutzutage wohlbekannte Sache, daß der Norden Sibiriens jährlich gegen 40000 Pfund fossilen Elfenbeins oder die Stoßzähne von mindestens hundert dieser vorweltlichen Riesentiere in den Handel bringt. Sie werden von den nördlichen Nomadenvölkern in dem seit Jahrtausenden lagernden, durch irgendeinen Temperaturwechsel schmelzenden Eise oder in dem Uferschlamme der Riesenströme gefunden, aber meist aus Habgier oder Unkenntnis vernichtet, so daß bei der Schwierigkeit der Nachricht des Auffindens und des Transports aus jenen öden unermeßlichen Strecken selbst das Petersburger Museum bis jetzt nur zwei vollständige Skelette besitzt.

In der Mitte des Raums befand sich ein rohgezimmerter Tisch mit Bänken an den Seiten. Um ihn saßen die Männer, die das Spiel des Zufalls hier vereinigt hatte, während Wéra Tungilbi mit einem alten, hexenartig aussehenden Weibe, der Dienerin des Hauses, ab- und zuging, die Männer mit Tee, Branntwein und Speisen versehend, wobei sie eine ganz besondere Aufmerksamkeit dem kleinen Gelehrten widmete. Sie hatte jetzt die schwere Jagdkleidung abgelegt und trug einen kurzen Rock von rotem chinesischem Seidenstoff, mit Pelz besetzt, und den breiten vergoldeten Stirnreif der russischen Tracht auf dem in langen Flechten über den schönen Nacken herabfallenden Haar.

Die Augen der beiden jüngeren Männer am Tisch, des Engländers und des Kosaken-Unteroffiziers, verfolgten mit sichtlicher Bewunderung die freien, aber zierlichen Bewegungen des Mädchens, dem diese Aufmerksamkeit nicht entging, das aber mit einer gewissen Koketterie davon keine Notiz zu nehmen schien. Aber auch die Aufmerksamkeit der beiden ältesten Mitglieder der Gesellschaft blieb ihr fortwährend zugewandt und häufig rief sie der eine oder der andere der beiden Großväter zu sich, als wollten sie sich überzeugen, daß ihr Augapfel wirklich glücklich und unversehrt der Gefahr entkommen sei.

Die Person des Holowa haben wir bereits beschrieben. Den Ehrenplatz am Tisch nahm der Vater seiner verstorbenen Frau ein, der Tungusenhäuptling Scheminga Tojon, oder der »Kamelfürst«, wie ihn der Kosak genannt. Es lag etwas wahrhaft Ehrwürdiges und selbst der muntern Laune des vornehmen jungen Engländers wie dem Sarkasmus und Hochmut des Verbannten Achtung Einflößendes in dem Äußern des tungusischen Patriarchen, dessen hagere, aber kräftige Gestalt die neunzig Jahre, die über seinem Haupte dahingegangen, nicht zu beugen vermocht hatten. Weißes Haar fiel unter seiner Mütze über die hagern Wangen bis auf seine Schultern nieder und ließ den fehlenden Bart zu seinem ehrwürdigen Aussehen kaum vermissen. Der spärliche Bartwuchs ist überhaupt ein besonderes Kennzeichen dieser Nomadenstämme des Nordens. Ein feurig dunkles Auge von scharf mongolischem Schnitt blitzte neben der adlerartig gebogenen Nase aus dem faltenreichen, mit eigentümlich blauer Tätowierung in seltsamen Figuren bedeckten Gesicht und nahm einen ganz besonderen Ausdruck von Zärtlichkeit an, wenn es sich auf seine Urenkelin richtete. Der Greis trug einen engen Pelzrock von weißem Renntierfell auf bloßem Leibe, den vorn die nationale Schürze, die Handi, bedeckte, mit fliegenden Haaren aus Pferde- und Kamelschweifen benäht. Die kurzen, durch eine Schnur um die Hüften zusammengehaltenen Hosen liefen in kleinen Halbstiefeln von Kamelhaut mit Sohlen von geräuchertem Leder aus. Die Mütze oder Kappe bestand aus dem Fell eines Rehkopfs, an dem noch die Ohren und jungen Hörner emporstanden. Zur Seite des Alten stand ein von chinesischem Rohr geflochtener großer Korb mit Seidenstoffen und kostbaren chinesischen Artikeln gefüllt, aus dem der greise Häuptling jedesmal, wenn das junge Mädchen seinen Teebecher füllte oder sonst sich mit seiner Person zu schaffen machte, diesem einen der oft sehr wertvollen Gegenstände reichte, die er im Tauschhandel jenseits des Amur mit den Chinesen erworben und als Geschenk mitgebracht hatte. Bald war es ein dünnes Gewebe von Grasleinen, bald ein kostbarer, von Farben und Gold durchwirkter Seidenstoff, bald eine zierliche Schnitzerei von Elfenbein oder ein wertvolles Schmuckstück von Gold- und Silberdraht. Wéra Tungilbi schien übrigens an diese Gaben sehr gewöhnt, denn sie nahm sie ohne viel Beachtung und Dank hin und legte sie, ohne sich viel weiter darum zu kümmern zur Seite. Wenn die Tür der Küche geöffnet wurde, sah man unter dem schuppenartigen und wenigstens gegen den Nordwind und den Schnee geschützten Vorbau des Hauses eine andere Gesellschaft, die besser im Stande schien, die Kälte zu ertragen, denn das Feuer aus einer torfartigen Erde und Renntiermist, um das sie kauerte, konnte doch nur wenig dazu beitragen, diese abzuhalten. Es waren Zwei- und Vierfüßler, die sich hier versammelt hatten und von denen die ersten von Zeit zu Zeit aus der Küche des Hauses einen Kessel voll dampfenden Ziegeltees erhielten. Der wackere Jakute Ajun und mitunter Sergei, der Katorgi, spielten hier die Wirte, die Gäste aber bestanden aus einigen Dienern und Sklaven des greisen Kamelfürsten und den ungetreuen Jamszyks oder Führern der Reisenden, die mit ihren Hunden ihre Herren bei dem Buran so schmählich im Stich gelassen hatten. Die glücklich aus den Gefahren des nordischen Schneesturms gerettete Gesellschaft hätte bei ihrer Ankunft in der Kolonie die treulosen Hundekutscher bereits dort vorgefunden, und das erste Geschäft, was die Russen, Michael, der Kosakenunteroffizier und selbst der Katorgi vornahmen, war, die Flüchtlinge aus den Jurten, in die sie sich verkrochen, hervorzuholen und auf das Unbarmherzigste mit dem Kantschu durchzuprügeln. Die Bewegung schien übrigens gleich günstig auf beide Teile gewirkt zu haben, denn den Russen hatte sie das Blut so in Bewegung gebracht, daß sie keiner weiteren Erwärmung bedurften, und die jakutischen Schlittenführer waren nach überstandener Züchtigung herzlich froh, damit ihrer Schuld und Verantwortlichkeit entledigt zu sein und sich nun ohne weitere Furcht der Verzehrung einer tüchtigen Mahlzeit überlassen zu dürfen. Diese bestand hauptsächlich in dem Nationalgericht, Jukolas und Katschemas, d. h. gedörrten und getrockneten Fischen mit Tsche- remscha, dem wilden Knoblauch, und einem Brei aus Wasser, Fichtenrinde und Hirse, der mit Undoma und Sora, einem säuerlichen Öl, und Klumpen von Robbentran gefettet war und mit dem Chamyjak, einem nach der Reihe herumgehenden großen Löffel, verzehrt wurde.

Der Tisch im Innern des Hauses war etwas besser bestellt. Er bot zunächst die beiden Vordertatzen des von Wéra so tapfer erlegten Bären, einen gekochten, freilich etwas zähen Renntierschinken und rohes Sauerkraut in Köpfen, dazu eine Art von Pirogi, jenes weckenartige, mit Fleisch oder anderen Sachen gefüllten Gebäcks, das in ganz Rußland beliebt ist. Der im Samowar brodelnde Tee war von weit besserer Sorte, ein Geschenk des Kamelfürsten aus feinen Tauschhandel mit den Chinesen, und selbst Zucker von Archangelsk und amerikanischer Rum waren vorhanden.

Die beiden Greise und der Professor, der ziemlich geläufig russisch sprach, saßen an einem Ende des Tisches zusammen, der Lord und Michaeloff einander gegenüber, Mutin der Kosak mit Sergei, der zwar nicht in diesen Kreis gehörte, aber seines wackern Verhaltens wegen eine Einladung dazu erhalten hatte, am ändern Ende des schmalen Tisches.

»Bedenket, würdige amici und Bewohner des hohen Nordens«, erklärte salbungsvoll der kleine Professor, während er aus der Teeschale nippte, »welche Schätze der Wissenschaft und der gebildeten Welt verlorengehen würden, wenn ich durch diesen Unfall – Buran pflegt man ja wohl hier zu Lande diesen Orkan zu nennen, obschon ich noch nicht recht dahinterkommen kann, ob dies Wort in seiner Etymologie von dem griechischen Boreas oder von dem lateinischen Bora hergeleitet werden dürfte – also wenn ich nach so viel unsäglichen Mühen und Beschwerden dieser wichtigen Sammlungen beraubt werden sollte, die ich zu Ehren meiner neuen Theorie über die Erdrevolutionen und des unbestreitbaren Satzes eigenhändig an den Ufern des nördlichen Eismeers in Botanicis, Geologicis, Zoologicis und sonstiger Nebenwissenschaften gesammelt habe – jenes Satzes, saß die jetzigen Äquatorgegenden, vulgo die tropische Zone, früher an totaler Frigation der Erdrinde gelitten haben, während an den unzweifelbar ehemals vorhandenen und später bei den Erdumwälzungen verstopften Öffnungen der beiden Pole durch die herausströmende Glut des den Erdkern bildenden unterirdischen Feuers unterm 90. bis zum 73. Grad nördlicher und südlicher Breite die wahre heiße oder jetzige tropische Zone gelegen hat. Das zahlreiche Vorkommen von Versteinerungen monokotyledonischer Pflanzen an den Ufern der Lena, des Jenissei, Olensk und selbst des Mackenzie beweist dies schlagend, und es dürfte daher unzweifelhaft sein, daß jener Garten Gottes, nach dem Persischen Eden genannt, das Elysium der Griechen, das Walhalla der Bewohner des jetzigen Nordens gewesen ist und keineswegs zwischen dem Tigris und Euphrat, sondern etwa in der Gegend zwischen Spree und Oder gelegen haben mag.« Die beiden Zuhörer des gelehrten Professors hörten ihm mit Erstaunen und Bewunderung zu. Jeanrenaud, obschon er in seiner Jugend eine höhere Bildung genossen, war durch die Reihe der Jahre doch so sehr allen Streitfragen des gelehrten Europas entfremdet, daß er soviel wie nichts aus dem Krimskram des Professors verstand und nur bei der Verlegung des Paradieses die stille Meinung zu hegen begann, die jetzige Temperatur des Nordpols habe verschiedene erkältende Einflüsse auf das Gehirn seines unerwarteten Gastes geübt; Scheminga aber, der gleichfalls Russisch verstand, glaubte die geheimnisvollen Beschwörungen eines seiner Schamanen an Boa, den Erschaffer der Welt, zu hören, raufte einige Pferdehaare aus seiner Schürze und warf sie nach jakutischer Sitte über die linke Schulter als Belläch oder Opfer für die bösen Berggeister.

Der kleine Professor bemerkte sehr wohlgefällig die staunende Bewunderung seiner beiden Zuhörer, schnitt sich von der saftigen Bärentatze, die vor ihm stand, einen weiteren Bissen ab, den er zunächst sorgfältig durch ein kleines Vergrößerungsglas inspizierte, ehe er ihn in den Mund schob, und wandte sich dann stillvergnügt aufs neue an den Hausherrn, diesmal das Thema seines Angriffs wechselnd.

»Wie du mir versichert, amice oder vielmehr um nach dem Brauch deiner Heimat zu reden, verehrter Brat, ist dies die Vorderhand des ursus ferus eines Tieres dieses Landes, wie ich vermute, plantigrades nach Tiedemann, sechs stumpfe Schneidezähne in jedem Kiefer, Hauptart arctus, Spezies ursus niger, und ich muß gestehn, daß trotz seiner Entartung von der urweltlichen Größe, die es sicher besessen, und von der noch der Polar- oder Eisbär einen annähernden Begriff gibt, wie ich zu meinem eigenen Schaden erfahren, da ich mich einmal sozusagen selbst unter den Klauen eines solchen Ungeheuers befunden habe und nur durch die Stärke und den Mut meines jungen Freundes und Schülers dort gerettet wurde, gerade wie heute durch den Scharfsinn und die Energie jener lieblich in diesem kalten Lande anzuschauenden Jungfrau – zwei Geschichten, die ich bei meiner Rückkehr nach Berlin sofort in der Haude- und Spener'schen Zeitung, Rubrik Vermischtes, zu veröffentlichen gedenke – daß, um auf meinen Vordersatz zurückzukehren, sie ein äußerst schmackhaftes Gericht bildet. Dies bringt mich in natürlicher Folge zu der Frage, ob ihr, als höchst ehrwürdige und achtungswerte Männer, die Ihr den Leichtsinn der Jugend längst von euch getan und unzweifelhaft ein reges Interesse für die Wissenschaft und die Geologie eures Vaterlandes hegt, niemals hier die Spuren und Überreste des versteinerten Bären, Plattbär oder Höhlenbär im gemeinen Leben genannt, gefunden habt?« Die Frage war trotz der verklausulierenden Sätze so einfach, daß sie der alte Holowa so ziemlich verstand. »Ich erinnere mich nicht«, sagte er, seine kurze Pfeife füllend, »daß die Jakuten und die Unglücklichen versteinerte Bären in dieser Gegend gefunden haben, obschon der lebendigen Diebe dieser Art – mit deiner Erlaubnis, Tojon, sei es gesagt, der du ihn deinen Vetter nennst! – genug herumlaufen.«

»Du zweifelst an der Petrefaktion, Mann«, sagte erstaunt der Gelehrte, indem er mit einem verliebten Blick nach dem Mammutschädel wies, »und besitzest das schönste Exemplar antidiluvianischer Versteinerung, das alle Museen Europas entzücken würde, in deiner Hütte!«

»Ah – der alte Elefantenschädel! es ist wahr, er ist ein ziemlich großes Exemplar. Ventre bleu, ich sah in meiner Jugend ihrer zwei, die sehr zahm waren und jedem aus der Hand fraßen, aber sie waren kaum halb so groß!«

Der Professor starrte ihn mit offenen Munde an. Das Haar unter seiner Pelzmütze würde sich gesträubt haben, wenn die gelehrten Studien nicht längst seinen Schädel so kahl gemacht wie eine Billardkugel.

»Eheu! was sagst du da, Mann? Du hast in deiner Jugend noch lebende Exemplare des elephas primigenius, jubatus, mammonteus gesehen?«

Der eifrige Gelehrte schob den Holzteller mit der Bärentatze von sich, griff nach seiner Schreibtafel und schien jedes Wort von dem Munde des Holowa verschlingen zu wollen, indem er bereits im Geist sich mit diesen neuen Entdeckungen bei der Rückkehr in die Heimat über Lichtenstein und Cuvier gestellt sah.

»Nun ja – sie sind seit der alten Pyrrhus'und Hannibals Zeit doch nicht so selten in Europa. In der kaiserlichen Menagerie zu Paris waren deren zwei, und wenn ich mit meiner Mama – Gott habe die alte Dame selig – nach dem Tuileriengarten ging, hatte ich immer die Taschen voll Zuckerstücken für sie.«

Der junge Lord, der ohne auf die Unterhaltung der drei gehört zu haben, zufällig herübersah, brach in ein helles Gelächter aus bei dem Ausdruck schmerzlicher Enttäuschung, die sich auf dem Gesicht seines älteren Reisegefährten spiegelte.

»Elefanten!« meinte dieser in dem kläglichsten Ton getäuschter Hoffnung, »elefas communis, asiaticus, africanua – ein kleiner, aber ordinärer Pachyderme! Also nicht einmal mastodon gigantus, othioticus, maximus, congiorostris, sondern ganz gewöhnliche Elefanten, wie sie in allen Menagerien zu sehen sind. Eheü, würdiger brat, das hättest du gleich sagen sollen, statt einen unwürdigen Jünger der Wissenschaften in eine leicht verzeihliche Aufregung zu setzen! So sage mir zum wenigsten wo du jenes merkwürdige und höchst wohlerhaltene Haupt des echten Mammonteus gefunden hast?«

»Jakuten haben es vor siebzehn Jahren zur Sommerzeit in einer morastigen Schlucht des Gebirges getroffen. Ich kaufte ihnen für zwanzig Silberrubel den Fund ab und ließ ihn vollends ausgraben. Das andere Knochenzeug taugte aber nichts mehr, und so hab' ich nur den Kopf aufbewahrt!«

Der Gelehrte schlug die Hände über den Kopf zusammen. »Taugte nichts mehr? Mann, bist du ein Barbar? Du hättest dein Glück machen können! Weißt du, daß es in ganz Europa nur ein einziges vollständiges Exemplar unsers antediluvianischen Freundes gibt? – Aber ich werde bei dir, verehrter hospes, meinen Aufenthalt nehmen, bis es mir gelungen, alle jene Knochenreste zu sammeln, von denen du sprichst, und dadurch das wenige zu vervollständigen undzu ersetzen, was ich von dem Ufer des Eismeers unter unsäglichen Mühen glücklich nierhergebracht, bis dieser teuflische Orkan – Buran genannt – mich der Früchte einer mondenlangen Anstrengung beraubt hat!«

Der Lord hatte sich nach dem komischen Intermezzo wieder zu seinem Gefährten gewendet.

»Lassen wir meinen alten würdigen Freund schwatzen«, sagte er munter. »Er sitzt im Sattel seines Steckenpferds und galoppiert damit in voller Glückseligkeit über einige Jahrtausende zurück in irgendein Urstadium. Nichtsdestoweniger wird er morgen oder in den nächsten Tagen, wenn ich es wünsche, bereit sein, mit mir weiterzuziehen.«

»Sie werden nach den heutigen Ereignissen einer Ruhe bedürfen.« »Ein oder zwei Tage genügen. Wenn wir uns nicht sputen, wird bei der vorgerückten Jahreszeit das letzte amerikanische Schiff Ochotzk vor unserer Ankunft verlassen haben.« »Die Verbindung nach Japan ist niemals ganz unterbrochen. Sie haben gehört, Mylord, welche Gerüchte der Kosak von Pristan mitgebracht hat?«

»Yes! aber sie schienen mir ziemlich verworren.« »Weil sie die Redeweise dieser Leute nicht verstehen. Von wann datieren Ihre letzten politischen Nachrichten?« »Anfang Mai erhielt ich die letzten Briefe in Archangelsk. Sie waren aus England vom Anfang des April.« »Nun wohl – dann sind die unseren doch noch neuer, obschon sie von Petersburg bis Jakutzk einen Weg von mehr als fünftausend Wersts zurückzulegen hatten. Das Weitere läßt sich kombinieren mit den Gerüchten von Amur, die wir eben hörten. Garibaldi ist in Sizilien eingefallen und hat das letzte Bourbonenreich gestürzt. Doch das wird weniger Sie als mich interessieren. Sie werden sich erinnern, daß England und Frankreich eine kriegerische Expedition nach China abgesandt.«

»Ja, Sir!«

»Dieselbe ist im August an der Mündung des Peihoflusses gelandet und die europäischen Truppen sollen bereits auf Peking marschieren. Englische Kriegsschiffe liegen vor Yeddo, wo eine preußische Gesandtschaft eingetroffen ist.«

»Goddam! Das wird unseren Professor interessieren!«

»Sie werden also wohl tun, Ihren Weg nach den japanischen Gewässern zu nehmen und dort leicht Überfahrt nach Kalifornien oder Madras finden. – Vielleicht ––« er brach seine Rede kurz ab. »Was wollten Sie sagen, Sir?«

»Nichts – oder vielmehr viel! Zum Beispiel, daß wir uns leicht in Yeddo oder San Francisco wiedersehen könnten!«

Der junge Lord sah ihn scharf an.

»Ich fühlte schon seit unserer ersten Begegnung, daß ein Mann wie Sie – Sie sagten mir selbst, daß Sie zu den Deportierten gehören – unmöglich in dieser Wüste verkümmern darf. Haben Sie Aussicht, Ihre Begnadigung zu erlangen?«

»Ich bin seit zwölf Jahren meiner Freiheit beraubt, seit vier Jahren in Sibirien.«

»So denken Sie an Flucht? – Sie haben unser Leben gerettet! Ich bin ein Engländer und nicht durch die Gesetze Ihres Zaren gebunden. Kann ich Ihnen behilflich sein, so gebieten Sie über mich!«

»Ich danke Ihnen, Mylord – ehe ich mich zu dem Wagnis entschließe, muß ich den nächsten Kurier nach Ochotzk abwarten.«

Der junge Mann betrachtete nachdenklich den Verbannten. »Ich muß Ihnen sagen«, sprach er, »daß mir schon den ganzen Abend bei Ihrem nähern Anblick gewesen ist, als hätte ich Sie bereits vor vielen Jahren einmal gesehen. Es ist eine Torheit, und doch wäre es möglich, denn zu meinem Oheim kamen viele Fremde, Männer aus allen Ländern Europas.«

»Der Namen Ihres Oheims ist?«

»Es war der Viscount von Heresford. Ich erbte von ihm den Titel und das Marquisat als der Sohn seines Bruders. Der bessere Teil seines Erbes, seine Liebe, gehörte leider meinem Vetter, den er erzogen und der manche seiner Eigenheiten und Neigungen teilte. Wenn Sie, wie ich vermute, einer jener unglücklichen Polen sind, die von der Tyrannei des Kaisers Nikolaus nach Sibirien geschickt wurden, so ist es dennoch möglich, daß ich Sie in besseren Tagen in London oder bei meinem Oheim gesehen habe. Ich muß damals noch ein Knabe gewesen sein.«

»Ich bin ein echter Vollblut-Russe, Mylord, aus dem Gouvernement Twer. Dennoch ist es möglich, daß wir uns gesehen haben. Ich kannte Ihren hochherzigen, für den Kampf gegen jede Tyrannei begeisterten Oheim und hörte mit tiefem Bedauern kurz nach meiner Übersiedelung von seinem Tode.«

»Ich weiß, Sir«, sprach ernst der junge Mann, »daß es den Verbannten nach Sibirien bei schwerer Strafe verboten ist, ihren Namen zu nennen, und daß nur eine Nummer sie bezeichnen darf?«

»Die meine ist zwölfhundertvier!«

»Ich verdiene Ihren Spott nicht, da mich aufrichtige Teilnahme zu der Frage bewegt! Die seltsamen Umstände, unter denen wir zusammengetroffen, und der Dank, den ich Ihnen schulde, veranlassen mich zu der Bitte, mir Ihren Namen zu sagen.«

Der Verbannte warf einen scharfen Blick umher. Als er den Kosaken- Unteroffizier eben im Gespräch mit dem Mädchen sah, das all seine Aufmerksamkeit fesselte, neigte er den Kopf über den Tisch herüber zu seinem Gefährten.

»Ich habe heute bereits eine Unvorsichtigkeit in dieser Beziehung begangen,« sagte er leise, »so daß eine zweite kaum ins Gewicht fällt. Ich bin Michael Bakunin!«

»Wie – Herr von Bakunin? derselbe, der mit Richard Wagner bei dem Mai-Aufstand in Dresden focht und dann an die Österreicher ausgeliefert wurde?«

»Und von diesen an die Russen. So ist es, Mylord. Aber ich muß Sie um die Vorsicht bitten, meinen Namen nicht weiter zu nennen. Ich war so albern, bei dem Rückzug von Dresden einem Haufen von Reaktionären und Philistern in einer sächsischen Stadt in die Arme zu laufen und mich von ihnen fangen zu lassen.«

»Ich habe oft von Ihnen sprechen hören«, sagte der junge Lord, »aber ich muß gestehen, ich habe selbst als angehender Diplomat wenig von Ihrer Geschichte gehört, und man scheint Sie in Europa für tot gehalten zu haben. Ist es Ihnen unangenehm, mich etwas Näheres wissen zu lassen?«

»Warum? ich hoffe, sie bald außerhalb der Grenzen Rußlands wiederholen zu können.«

»Dann bitte ich Sie darum!«

»Nun – es wird wenig genug sein! – Sie haben mir bereits gesagt, daß Sie als Attaché der britischen Gesandtschaft ein Jahr in Petersburg verlebt haben. Das genügt, um unsere russischen Verhältnisse im Allgemeinen zu beurteilen. Aber sie sind jetzt golden gegen die eiserne Tyrannei, die der verstorbene Kaiser Nikolaus ausübte. Er vergaß niemals! So blieben denn auch die 10000 Silberrubel, welche man nach meiner Rede in Paris in Petersburg auf meinen Kopf gesetzt hatte, ihm wohl im Gedächtnis, obschon meine spätere Tätigkeit Rußland eher genützt als geschadet hat. Der Traum meiner Jugend, die Verbindung der romanischen, slawischen und germanischen Revulutionskräfte, erfüllte sich eher, als ich gehofft. Das Jahr Achtundvierzig brachte sie. Damals wiegte ich mich, wie der Sturmvogel auf dem bewegten Meer, auf den Wogen der Revolution. Leider war der Traum kurz, die Völker Europas waren noch nicht reif genug, sie lagen noch in den Banden des Aberglaubens an Religion und Königtum. Das Letztere gewann überall wieder den Sieg, und die sächsischen Gerichte verurteilten den Gefangenen auf dem Königstein zum Tode. Zum Glück für mich ist man in Dresden dem Kabinett von Sankt Petersburg nicht gern gefällig, man kann ihm den polnischen Thron und den Ausgang des siebenjährigen Krieges noch nicht vergessen. Deshalb wählte man einen Ausweg, und statt mich wie Heubner und andere ins Zuchthaus zu sperren, lieferte man mich an die österreichische Regierung aus, die von Prag und Wien her einen metternich'schen Zahn auf mich hatte.«

»Sie saßen auf dem Hradschin in Prag?«

»Ja! Es wurden von der tschechischen Partei, deren Kraft noch eine Zukunft bevorsteht, zwar ein paar Versuche zu meiner Befreiung gemacht, aber der Felsengrund des Schlosses ist stark genug, um mehr als einen HungerturmDie Existenz dieses gräßlichen, noch aus der Hussitenzeit stammenden Kerkers auf dem Prager Königsschloß ist nur wenig bekannt zu schützen, der Versuch, den Stein zu durchbrechen, war lächerlich, und um auf andere Weise ihren Witz zu üben, darin fehlte es ihnen an einem Karl SchurzNach der Revolution 1848 befreite Schurz seinen Freund Kinkel aus dem Spandauer Gefängnis und floh mit ihm ins Ausland (Anm. d. Hrsg.). Als Dank für die russische Hilfe in Ungarn wurde ich endlich an Rußland ausgeliefert.«

»Ihr Los muß schrecklich gewesen sein!«

Der Verbannte lachte. »Ich sehe, daß Sie dennoch die russischen Verhältnisse wenig kennen! Jene Auslieferung geschah mit meiner vollen Übereinstimmung. Oder meinen Sie, daß der Spielberg und der Kufstein mehr Annehmlichkeiten gewähren, als Schlüsselburg und Tobolsk? Die russischen Kerker bevölkert wenigstens nur die Politik, nicht der Haß der Pfaffen! Überdies sind unsere Kerker nur für die Kronprätendenten und die Polen, und der russische Adel läßt keinen der Seinen in Stich. Ich wurde allerdings einige Zeit in Kronstadt und Schlüsselburg eingesperrt, war aber schon 1856 im Kaukasus. Eine Unvorsichtigkeit – ein Epigramm auf eine schöne Gräfin, die damals am Hof von Sankt Petersburg eine Rolle spielte – verwies mich nach Irkutzk.«

»Aber wie treffen wir uns hier?«

»Ich liebe die Polizei-Aufsicht nicht! Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß die Murawiews meine nahen Verwandten sind, und wenn auch meine politischen Anschauungen mich mit den Häuptern der Familie entzweit haben, finden sich doch immer gewisse Beziehungen. Sie nützen wenigstens meiner Familie!«

»Sie sind verheiratet?«

»Ja, ich war ein solcher Narr! – General Kossakoff, der General- Gouverneur von Ost-Sibirien, gestattete mir, an den Amur zu gehen, um dort meinen Unterhalt als Dolmetscher mit den amerikanischen Kaufleuten zu erwerben. Sie müssen überhaupt wissen, daß die Bewegung der zur Kolonisation bestimmten Verbannten, der Posielenie, innerhalb der Grenzen des Gouvernements eine ziemlich freie ist. Ein Zufall führte mich auf diese Station in der Nähe der oberen Route nach Ochotzk, und da ich hier verschiedene günstige Verhältnisse vereinigt fand, bin ich hier geblieben, bis – –«

»Bis?«

»Nun – bis man in Europa meiner bedarf. Haben Sie Herzen in London kennengelernt?«

Der junge Mann zuckte vornehm die Achseln. »Obschon Hochtory von Geburt und Erziehung«, sagte er kalt, »begreife und achte ich doch einen Charakter wie den Ihren oder den meines Oheims. Jeder Mann hat das Recht zu kämpfen, sobald er seine eigene Person einsetzt. Banknotenfälscher werde ich niemals für Märtyrer einer großen Idee halten.«

Der Verbannte lächelte. »Diplomaten«, meinte er, »sind sonst weniger bedenklich in der Wahl der Mittel für politische Zwecke!«

»Very well! Das mag sein, Sir – aber ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich ein herzlich schlechter Diplomat war, und deshalb habe ich die ganze Geschichte an den Nagel gehangen und meinen Abschied von Ihrer britischen Majestät Staatssekretär des Auswärtigen genommen. Damals – das war zu Ende April dieses Jahres – traf gerade mein alter Lehrer in Göttingen, Professor Peterlein, von Berlin ein, um eine wissenschaftliche Expedition auf Magnetnadeln und fossile Knochen nach dem Eismeer zu machen. Da meint' ich denn, ich könnte ebenso gut einmal in Nowaja-Semlja weiße Bären und blaue Füchse schießen, als in den Hochlanden Hirsche und Auerhühner, bot ihm meine Begleitung an, da sein Compagnon vorzog, in Petersburg zu bleiben, und – la voilà!«

»Es gehört allerdings der Geschmack eines Briten dazu, zum Vergnügen nach dem Polarkreis zu reisen. Aber sehen Sie, Mylord, was die tolle Dirne treibt! Ich glaube, sie hat es auf Ihren würdigen Gefährten abgesehen, und wenn sich Wera in den Kopf gesetzt, ihm den seinen zu verdrehen, werden ihm alle Mammutknochen und Tertiärgebilde nicht dagegen helfen!«

In der Tat hatte sich die junge Sibirianka auf einem kleinen Schemel zwischen dem Tungusenhäuptling und dem deutschen Professor niedergelassen und schenkte Beiden große Gläser voll Tee, den sie mit vielem Rum verstärkte, während sie nach beiden Seiten hin kokettierte.

Ein Blinzeln in ihrem Auge bewies dem Verbannten, als sie dessen Blicken begegnete, daß sie eine bestimmte Absicht verfolgte.

»Geben Sie acht, Mylord«, flüsterte der Russe, »sie hat irgendeine Teufelei vor! Ich kenne sie.«

In der Tat übte das schwere Getränk auch bereits seine Wirkung auf die drei älteren Personen.

Der greise Tunguse begann mit dem Kopf hin und her zu fahren und eine Art zweitönigen Gesanges anzustimmen, in welchem der Name Tungilbi und Melilbi wiederholt vorkamen.

»Hören Sie, gelehrter Herr, Großväterchen singt den KurDie kleine Brettgeige der Tungusen, mit der sie ihre Gesänge von Jagd und Liebe begleiten – auch für den Gesang selbst gebraucht, wie er Tungilbi, meine Ältermutter, vom Mandschu-Khan gewann und auf seiner berühmten Stute Melilbi durch die Wüste entführte.«

»Ein Heldengesang? – ein Epos des Volkes der Tungusen? – Eheu, Jungfrau, du mußt mir dasselbe übersetzen und ich werde es niederschreiben und im Magazin für die Literatur des Auslandes veröffentlichen mit dem Namen jenes alten Mannes – wie nennst du ihn doch?«

»Scheminga Tojon, gelehrter Herr!«

»Ich danke dir, holde Jungfau, die nach allem, was ich bisher von dem weiblichen Geschlecht der samojedischen Bevölkerung dieses höchst interessanten, aber etwas kalten Landes gesehen habe, ist wie eine blühende Rose auf den Schneefeldern.«

Das Mädchen lachte kokett. »Gefalle ich Ihnen denn wirklich? Da Sie doch ein weitgereister Herr sind und alles wissen, müssen Sie es besser verstehen als die ungehobelten Burschen, die hier wohnen.«

»Eheu – du bist wie die Blume von Saaron, von der die alten Schriftsteller sprechen. Dein Kinn könnte zwar nach den Regeln der klassischen Schönheit etwas breiter sein, und deine Augen, ein höchst gefährlicher Gegenstand in deinem Gesicht, könnten um ein oder zwei Grade sich mehr der horizontalen Lage nähern – aber ich schließe, daß dies die natürlichen Bedingungen der östlichen Schönheitsnormen sind, und im Ganzen« – der kleine Professor trocknete sich etwas verlegen den Schweiß von der Stirn und nahm einen Schluck Tee – »im Ganzen möchte ich, um als Mann der Wahrheit zu reden, nicht ein Titelchen anders an dir, als der allmächtige Schöpfer des Weltenraums und alles dessen, was darinnen ist, zur Verherrlichung der Kreatur in dir geschaffen hat.« Die Sibirianka lächelte über diesen Triumph ihrer ihr wohlbewußten Schönheit, während der Professor einen neuen Schluck Tee nahm, und setzte dann ihren Angriff auf ihn mit der direkten Frage fort, ob er in seiner Heimat verheiratet sei.

Der gelehrte Herr wurde sehr verlegen. »Nein, Jungfrau«, sagte er endlich, »ich habe keine Gelegenheit gehabt, das Band der Ehe zu schließen, denn in meinen jüngeren Jahren, als ich wohl auch, wie es die Natur des Menschengeschlechts ist, für die Liebe zum Weibe empfänglich gewesen wäre, war ich zu arm, um eine Frau ernähren zu können, und in späteren Jahren hatte ich keine Zeit dazu, da dieselbe der Lösung der großen Probleme der Wissenschaft von der Geschichte dieses Erdballs gehörte.«

»Sie haben diese ja vorhin dem sogenannten Gott überlassen«, warf spöttisch der Verbannte ein, »die Wissenschaft hat also mit der Entwicklung nichts mehr zu tun.«

Der Gelehrte, auf diese Weise für den Augenblick von seiner schönen Bedrängerin befreit, wandte sich zu dem Frager. »Eheu! ein Rationalist in diesem Lande? Am Ende gar ein Anhänger der neuen Lehre vom Stoff?«

»Wundert Sie ein Zweifel an der Existenz Ihres Gottes so sehr in diesem Lande, wo Sie doch der Beispiele genug vor Augen sehen, die daran zweifeln lassen?«

Der kleine Professor war nicht der Mann, den Fehdehandschuh liegenzulassen, vielmehr – trotz der Verknöcherung seines Denkens durch die Masse seiner Studien und gelehrten Schlüsse – ein Mann von hohem religiösem Gefühl.

»Der, welcher über die Eisberge und die Feuerströme der Lava gleich mächtig gebietet«, sagte er in tiefem Ernst, »und zu Ihnen spricht: bis hierher und nicht weiter! hat Sie vor wenig Stunden im Orkan gesendet, uns vom Tode zu retten. Aber wer, wie man mir gesagt hat, rettet Sie und uns alle aus jenem Flockenmeer, in dem selbst die Eingeborenen jede Richtung verloren hatten?«

»Wer? – die Nase der Hunde!«

»Und wer gab dem Hunde seinen Instinkt?«

»Die Natur!«

Der kleine Gelehrte zuckte die Achseln. »Unseliger Trotz, der sich im Kreise allgemeiner Begriffe dreht und nicht sehen will. Ich weiß nicht, ob ich die Ehre habe, mit einem Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften zu disputieren, das widrige Verhältnisse hierhergebracht, oder bloß mit einem Mann, den sein Unglück verbissen und trotzig gegen seinen Schöpfer gemacht hat! – aber das große und unenträtselbare Geheimnis der Menschennatur selbst sollte Ihnen beweisen, daß über unsere Erklärungen des Schöpfungsganges hinaus ein göttlicher Ursprung vorhanden ist!« »Der Mensch etwa?« meinte spöttisch der Nihilist. »Ich halte mich an die Theorien meines Freundes Vogt!«

»Des Affenprofessors?« frug lachend der junge Lord, der mit Interesse dem Gespräch gefolgt war.

»Wenn Sie ihm diesen Namen geben wollen – warum nicht? Oder –« die Tür des Vorbaues öffnete sich gerade, und die Flamme des Feuers beleuchtete die in viehischer Gefräßigkeit von Fett und Tran glänzenden Gesichter der Nomaden, – »meinen Sie, daß jene Geschöpfe schon so hoch über dem Affen stehen, daß diese Gattung des Tierreichs nicht ihr Ursprung sein könnte?«

Eine ernste Stimme übernahm die Antwort.

Es war der alte Holowa der sprach.

»So niedrig du sie stellst, Michael Iwanowitsch«, sagte er einfach,«sie glauben an einen Gott!«

»Ihr Aberglauben ist ihr größter Fehler neben ihrer Gefräßigkeit«, lautete die höhnische Antwort. »Frage den Tojon, wen er noch heute für mächtiger hält, Boa, seinen Götzen – oder seinen guten Freund, den Bären?«

Die Worte wie ein Teil der Unterhaltung waren russisch gesprochen worden.

Der Jakutenfürst hatte sie also verstehen können. Der Greis legte den Entenkopf nieder, mit dem er sich die roten Augen gewischt, streckte seine Hand aus und berührte mit dem Zeigefinger die Brust seines Schwiegersohns mit dem weißen Haar.

»Erzähle!« sagte er.

»Was, Amenikan

»Wie der Fremdling mit dem schwarzen Haar zu Alanmur, dem Tungusenkinde, kam, und warum Scheminga, der ein Tojon ist seines Tagaun, ihn aufnahm in sein Zelt!«

»Dann, Amenikan, mögest du gestatten, daß ich vorher den Fremden erzähle, wie auch du die Mutter meines Weibes gewannst?«

»So sprich von den Tagen, da ein Tojon der Dewöenki jung war! Tungilbi Uta, du wirst an der Seite deines Ältervaters sitzen.«

»Ich sitze zu deinen Füßen, Amenikan, und höre! Rücken Sie immerhin näher zu mir, gelehrter Herr; die Nachbarschaft eines albernen sibirischen Landmädchens wird Ihnen nicht gefährlich sein!«

Der Professor trocknete nochmals seine von dem starken Tee und der Aufregung gerötete Stirn und rückte mit großer Verlegenheit näher, als er zufällig dem schelmischen Blick seines ehemaligen Zöglings begegnete.

Selbst der Kosak und der Katorgi schoben sich näher. Der erstere verfolgte mit finstern Blicken die Koketterien, die das Mädchen mit dem gelehrten Fremdling trieb.

Draußen schüttete der Burany seine dichten Flocken über die Einöde.

Der Holowa begann:

Ein Brautritt in der Steppe

»Die Tungusenstämme, Fremdlinge, teilen sich in die Wald- oder Renntier-Tungusen und in die Steppen- oder Pferde-Tungusen – die einen wohnen im Norden des Gebirges, die anderen im Süden am Baikal-See und der Lena und besitzen große Herden von Pferden, Rindern und Schafen, die sie auf den weiten Steppen der chinesischen Grenze weiden. Das Volk der Oewöenki war einst mächtig und groß und zahlte seinen Tribut nur dem Großen Kaiser im Reiche der Mitte. Das geschah, bis die Russen kamen und sagten: das Land ist unser! Von da ab mußte jeder Donk dem Oprawitel in der Tributhütte als Deleur zwei Zobel steuern.

Als ich ins Land kam, – ich werde später erzählen, wie es geschah – war das Gebiet jenseits der Schilka noch nicht in den Händen der Russen, und sie durften ohne Erlaubnis der Langzöpfe auch nicht den Amur hinabfahren; denn überall waren chinesische Wachhäuser, und wer die Grenzrechte brach, dem wurde auf derselben Stelle der Leib geschlitzt.

Zur Zeit aber, als Scheminga noch jung war, kümmerte sich niemand um die Grenze, und die Tagauns zogen weit umher auf den Steppen am Amur, so weit die Kraft ihres Bogens und der Huf ihrer Rosse reichte.

Damals lebte am Argun Urkundu, der Vater Schemingas, der Tojon des Geschlechts der Dulegat, und war ein gefürchteter Häuptling. Doch der Name seines Sohnes Scheminga war es noch mehr. Sein Luk traf den Vogel im Flug und seine Gidda durchbohrte die Brust des Bären in den Erzgebirgen von Nertschinsk. Er ritt den wildesten Hengst der Steppe und liebte es, auf dem Gebiet der Mandschus zu jagen und den Falken mit ihnen steigen zu lassen von seiner Faust, oder den Omul zu fangen, wenn er aus dem Baikal in die Flüsse steigt.

Jenseits des Argun wohnte damals als der reichste der Mandschu- Fürsten Tolga. Er besaß mehr als 3000 Pferde, 10000 Rinder und Schafe und viele Kamele. Sein bestes Gut aber war Tungilbi, seine Tochter. Sie ritt wie ein Mann, warf den Speer wie ein Krieger und war schön wie Ilkun, der Blumenmonat. Tolga-Khan war sehr stolz auf die Tochter und hatte sie selbst den Gesandten des Kaisers der Mitte verweigert, der von ihrer Schönheit gehört.

Scheminga war ein Gastfreund in dem Lager des Khans, während dessen Herden auf den Sommerweiden trieben, und ritt häufig mit ihm auf die Jagd. Aber der Magnet, der ihn anzog, waren nicht die Rosse und die Falken Tolgas, sondern die schwarzen Augen seiner Tochter Tungilbi. Diese Augen hatten sich nicht vergeblich auf den jungen Tojon gerichtet – er gefiel auch ihnen wohl und bald waren beide ein Liebespaar.

Aber ein großes Hindernis stellte sich der Erfüllung der Wünsche der Liebenden entgegen. Der Vater des Mädchens war, wie erwähnt, reich, der Vater Schemingas, wenn auch der mächtigste Häuptling seines Stammes, doch bei weitem nicht so begütert; sein Besitz beschränkte sich hauptsächlich auf einige Pferdeherden. Es war vorauszusehen, daß der Khan einen sehr hohen SchurunSchurun heißt der Brautpreis. Wie bei vielen andern unzivilisierten Nationen werden die Töchter der Familie nur gegen Erlegung einer Brautgabe dem Bewerber überlassen. Bei den Nomadenvölkern Asiens bildet dieser nach der Schönheit und dem Range des Mädchens sich richtende, oft sehr hohe Preis aber weniger eine den Eltern zufallende Kaufsumme, als die bei ihnen verwahrte Sicherung für die Braut, wenn es dem Ehemann etw einfallen sollte – was auch mitunter geschieht – sie nach kürzerer oder längerer Zeit zurückzuschicken. Die mongolischen Schönen stehen sich also eigentlich nicht so schlecht und jedenfalls sicherer als die europäischen! – Der vierte Teil der Schurun bildet gewöhnlich das Ischi (die Mitgift) der Braut. fordern würde, den der ganze Stamm der Dulegat nicht zu erschwingen vermöchte.

Die Tungusen – überhaupt die Nomadenvölker des Ostens – zählen das Jahr doppelt; sie teilen es in das Sommer- und Winterjahr, die zusammen dreizehn Legas oder Mondläufe haben. Es war im Blumenmonat, als der junge Tojon Melilbi, seine Stute, sattelte und mit sechs seiner Gefährten wieder einmal den Weg durch die Mandschu-Steppe antrat, um das Lager des Khans aufzusuchen. Denn da dieser keinen festen Wohnsitz hatte, sondern mit seinen Herden umherzog und selbst sein nächster Standplatz fünf bis sechs Tagesritte von den Jurten des Tungusenhäuptlings entfernt lag, brauchte es Zeit, um ihn auf die kargen Nachrichten einiger Hirten hin zu finden. Scheminga hatte seine geheimen Absichten bei diesem Besuch und deshalb die kühnsten und tapfersten seiner Gefährten ausgesucht. Jeder von ihnen führte ein lediges Pferd an der Hand, um durch ihren Wechsel den Ritt so rasch wie möglich fortzusetzen; denn die Gegenden, durch welche ihr Weg führte, waren der Aufenthalt der Grenzräuber, der entflohenen russischen Katorgis und der chinesischen Verbannten, die in ganzen Banden oft von mehr als hundert Mann, umherziehen, die Karawanen plündern und die Nomadenlager überfallen, um zu rauben und zu plündern. Die Spur der Wanderer wird von ihnen tagelang verfolgt, um zuletzt die Pferde als Beute zu erhalten und die Menschen als Sklaven verkaufen zu können.

Der erste Tagesritt brachte die Reiter bis an das Ufer des Argun. Hier machte man Nachtlager, denn am Morgen mußte der breite und tiefe Strom durchschwommen werden. Die Reiter zogen deshalb ihre Kleider aus, banden sie zu einem Bündel zusammen und befestigten es auf ihrem Kopf. So schwammen sie ohne Unfall hinüber, passierten den breiten Streifen Buschdickicht, das den Argun einsäumt, und ritten frischen Mutes den Bergen zu.

Am Nachmittag kamen sie an eine Bergschlucht, in welcher frische Pferdespuren sichtbar waren.

Die Tungusen sind nach den Rothäuten Nordamerikas die besten Spurfinder der Welt. Sie erkennen und verfolgen die Spuren des Wildes am niedergedrückten Moos und Gras oder an Zeichen auf bloßer Erde, wo kein anderes Auge das geringste unterscheiden würde. Die leicht erkennbaren Abdrücke der Pferdehufe waren ihnen also eine sehr verständliche Sprache, daß Feinde sich in der Nähe befanden. In der Tat sah man auch weiterhin in der Schlucht Rauch aufsteigen. Es ward daher Halt gemacht, zwei Mann saßen ab und schlichen unter dem Schutz der Felsklippen bis zu einem vorstehenden Block, von dem aus sie einen unbemerkten Blick ins Tal hatten. Es war eine grasreiche, mit frischem Wasser und Brennholz versehene Stelle, die Scheminga zu ihrem eigenen Nachtlager ausersehen hatte. Aber andere waren ihnen zuvorgekommen, denn die Späher entdeckten dort einen Trupp von mehr als hundert Männern, alle gut bewaffnet. Die einen saßen vor den errichteten Jurten, die anderen beschäftigten sich mit den Pferden, noch andere bereiteten Speisen an den Feuern. Es war kein Zweifel, daß man hier auf eine Bande stieß, die eben auf einem Raubzug begriffen war. Während die Kundschafter noch lauschten, sahen sie zwei Reiter in das Lager einsprengen und bei ihrer Ankunft den ganzen Trupp in Aufregung geraten. Die Angekommenen deuteten unverkennbar nach dem Versteck der Fremden – es war sicher, daß man sie auf dem Wege entdeckt hatte und Jagd auf sie machen werde. In möglichster Eile ritten die Tungusen daher auf ihrem Weg ein Stück wieder rückwärts und bogen dann nach einem Seitental ein, das sie in die höheren Teile des Gebirges brachte. So lange es das Tageslicht noch irgend gestattete, ritt man scharf vorwärts und wechselte häufig die Pferde. Erst bei völliger Dunkelheit ward Halt zum Nachtlager gemacht, in einer geschützten Schlucht Feuer angezündet und abwechselnd Wache gehalten, nicht bloß wegen der Räuber, sondern auch wegen der Tiger, die nicht selten bis hierher streifen. Die Nacht ging jedoch ohne Störung vorüber, mit dem frühesten Grauen des Morgens waren die sieben Genossen wieder im Sattel und zogen eilig weiter. Sie fürchteten, die Räuber möchten ihre Anwesenheit durch Boten der benachbarten Gegend mitgeteilt haben und diese auf allen Seiten ihnen den Weg verlegen. Der ganze Tagesritt ward glücklich zurückgelegt und Abends das Nachtlager wieder durch Wachen gesichert. Aber mitten in der Nacht wurden die Pferde unruhig, ihr Schnauben ließ mit Bestimmtheit schließen, daß andere Pferde in der Nähe waren. Am Morgen bei der Weiterreise fand man auch am nächsten Felspaß Spuren von Pferdehufen und sah deutlich, daß hier während der Nacht zwei Rosse angebunden gewesen, deren Reiter bis in die Nähe des Lagers geschlichen sein mußten. Sie waren also aufs neue entdeckt.

Scheminga traf demnach seine Vorsichtsmaßregeln. Er ließ einen seiner Gefährten vorantraben und folgte vorsichtig nach, während ein anderer Mann die sämtlichen ledigen Pferde leitete. Schon bei der nächsten Wendung der Schlucht gab der Vorposten durch Zeichen kund, daß Feinde in der Nähe wären. Der junge Tojon sprengte hinzu und sah, daß eine kleine Strecke entfernt vier bewaffnete Reiter hielten und den Weg verlegten, während aus einer Seitenschlucht eine zahlreiche Schar Bewaffneter herabkam und ihr wildes Kriegsgeschrei anstimmte. Hier galt es einen raschen Entschluß. Scheminga rief den Seinen zu, sich wacker zu halten, schwang seine kurze Streitaxt, die die östlichen Nomaden von den Kirgisen angenommen, und sprengte gegen den vordersten der Feinde an. Ein gewaltiger Hieb der Axt spaltete den Schädel des Mandschu, daß das Eisen noch in das Genick der Stute drang, die sich mit ihrem toten Reiter überschlug. Zwei andere der Räuber verloren unter den Speerstößen der Gefährten des tapfern Tungusen ihr Leben, der vierte entkam mit genauer Not in die Seitenschlucht. Scheminga hatte mit seinen Leuten freie Bahn; die Räuberschar folgte ihnen zwar schreiend und drohend mehrere Stunden lang, aber bald merkten sie, daß die Pferde der Fremden schnellfüßiger und ausdauernder waren als die ihren, und sie ließen von der weiteren Verfolgung ab.

Am sechsten Abend fand der Tojon das Lager seiner Geliebten auf. Er wurde wie immer freundlich von dem Khan empfangen und zum Verweilen mit seinen Gefährten eingeladen. Nichts gab ihm eine Veränderung kund, bis es ihm gelang, Tungilbi allein zu sprechen.

Da enthüllte sich ihm die Größe seines Unglücks und die Nähe der drohenden Gefahr.

Während des Winters, zur Zeit, als der Khan mit seinen Herden nach den Ebenen gezogen, war ein junger Mongolenfürst in das Lager des Khans gekommen und hatte um Tungilbi geworben. Der Khan forderte einen hohen Schurun, aber der Mongole war der Herr unermeßlicher Herden und versprach, ihn zu zahlen. In wenig Tagen sollte er auf den Weideplätzen Tolgas eintreffen, den Schurun überliefern, und die Braut in Empfang nehmen.

Die Liebenden berieten lange, was zu tun sei, um das drohende Geschick abzuwenden. Tungilbi erklärte, daß sie bereit sei, sich von ihrem Geliebten entführen zu lassen, wozu dieser schon in der Heimat den Plan entworfen und seine Gefährten mit sich genommen hatte. Aber Schemingas Charakter widerstrebte es, die Gastfreundschaft zu brechen, solange er sie genoß und der Khan ihm vertraute, und er beschloß trotz seiner Kenntnis der Sitten der Steppe, am andern Morgen vor ihn zu treten und seine älteren Rechte an Tungilbi geltend zu machen.

Am andern Morgen, als der Khan vor seiner Jurte saß, umgeben von seinen angesehensten Kriegern und Dienern, trat Scheminga, gefolgt von seinen Begleitern, zu ihm, setzte sich auf seine Einladung auf die Filzdecke an seiner Seite und rauchte mit ihm die Pfeife.

Erst nachdem dies geschehen, erhob sich der Älteste der Tungusen, machte das Zeichen der Begrüßung vor ihrem Gastherrn und sagte, auf seinen jungen Freund deutend:

»Der große Khan der Mandschu öffne sein Auge und sein Ohr. Dies ist Scheminga Tojon, der Sohn Urkundus, aus dem Tagaun der Dunegat.«

»Ich sehe es!«

»Der Name seines Vaters ist berühmt durch das ganze Gebirge, er ist ein weiser und tapferer Mann, selbst die Moskows ehren und fürchten ihn, und ihr General hat ihm eine Medaille von reinem Golde gegeben, damit er sie auf seiner Brust trägt.«

Der Khan begnügte sich, zur Anerkennung der Eigenschaften seines alten Bekannten mit dem Kopfe zu schütteln.

»Scheminga Tojon«, fuhr der Sprecher fort, »ist der Erbe seines Vaters. Er wird über die Dulegat gebieten und das Volk nennt ihn den tapfersten Krieger zwischen dem Baikal und dem großen Meer. Er besitzt viele Pferde und Schafe, aber seine Jurte ist leer. Niemand bewillkommnet ihn, wenn er heimkehrt von der Jagd. Der Khan der Mandschu hat eine Tochter. Sie kann das Lager eines Mannes teilen. Urkundu Tojon wirbt bei seinem Freunde um die schöne Tungilbi für seinen Sohn Scheminga.«

Der Khan schüttelte den Ärmel. »Du hast viel Staub aufgewühlt auf deinem Wege hierher! Aber du hast noch nicht von dem Schurun gesprochen, der für ein so seltenes Mädchen, wie Tungilbi ist, geboten wird.«

»Der Tojon besitzt Pferde und Schafe. Sein Lager ist voll von den Fellen des Zobels und Hermelins, und neben seinen Arans liegen Haufen von Erz. Der große Khan der Mandschu möge den Schurun bestimmen.«

Der große Khan nahm sich gewaltig Zeit. Dann tat er seine Pfeife aus dem Mund und sprach: »Der junge Tojon der Dulegat hätte eher sprechen sollen. Meine Tochter ist nicht für alle, ich kann sie nur einem geben. Ich habe sie dem Sultan der Chalchas versprochen; er zahlt einen guten Schurun, tausend Pferde, tausend Rinder, fünftausend Schafe und tausend Kamele. Wenn der junge Tojon dasselbe gibt, soll er Tungilbi haben, denn ich liebe ihn und er ist ein guter Jäger und Krieger!«

Der Ausspruch hatte eine sehr niederschlagende Wirkung, denn er war so gut wie völlige Abweisung. Jedermann wußte, daß– wenn es auch dem ganzen Stamm gelänge, die verlangten Pferde, Rinder und Schafe zusammenzubringen, eine Sache, die an und für sich sehr zweifelhaft war–doch von einer Beschaffung der Kamele nicht die Rede sein konnte, da diese nur die Nomaden der unteren Steppen besitzen.

Der Brautwerber Schemingas versuchte daher, hiergegen Einsprache zu erheben. »Der große Khan der Mandschu hat zahlreiche Herden–er braucht sie nicht zu vermehren! Die Donki haben Pferde–sie werden ihm Zuchtstuten geben! Auch Rinder und Schafe, wenn er es verlangt. Aber sie besitzen keine Kamele. Tolga ist ein weiser Häuptling, er möge andere Dinge an ihrer Stelle verlangen.«

Der Khan machte jedoch das Zeichen der Verneinung. »Die schwarze Krankheit hat im vorigen Winter meine Herden heimgesucht und fast alle meine Kamele sind ihr Opfer geworden. Ich muß Kamele haben. Oder ist die Tochter Tolga Khans nicht tausend Tiere mit Höckern wert? Um es kürz zu machen, Tungilbi ist dem jungen Fürsten der Chalchas zugesagt, der sich mit Freuden zu dem Schurun erboten. Er wird in drei Tagen mit den Herden eintreffen und Tungilbi in sein Lager holen!«

Bis hierher hatte Scheminga nach der Landessitte schweigend der Verhandlung beigewohnt. Als jedoch der Khan jetzt das Zeichen machte, daß die Unterredung zu Ende sei, erhob er sich.

»Mein Vater hat gesprochen.« sagte er. »Tungilbi ist tausend Mal mehr wert, als tausend Kamele. Ich liebe sie. Wenn Scheminga Tojon in drei Tagen dem großen Khan der Mandschu tausend Kamele als Schurun bringt, wird dieser ihm seine Tochter geben?«

»Ich werde es tun!«

»Es ist gut!–Laßt uns zur Jagd auf die wilden Pferde aufbrechen!«

Es wurde kein Wort weiter gesprochen, die ganze Gesellschaft setzte sich zu Roß und galoppierte davon.

Die Jagd auf die wilden Pferde ist eine sehr mühevolle, denn die Tiere sind überaus scheu und haben eine sehr scharfe Witterung. Es ist selbst für den Schlauesten Jäger ungemein schwer, sie zu überlisten, und lange und eifrig muß er spähen, bis er den Paß ermittelt, durch welche sie vom Gebirge in die Ebene niedersteigen und wieder in die Berge zurückkehren. Wenn dies gelungen, lauern die Jäger den Augenblick ab, daß die Tiere sich möglichst weit in die Ebene gewagt haben; ein Trupp sucht dann in ihrem Rücken zu dem Paß zu gelangen und verbirgt sich hier, während die anderen eine meilenweite Kette im Halbkreis bilden, die sich nach und nach verengt und die Tiere dem Gebirge zutreibt. Dann, auf ein Zeichen des Anführers, brechen die Reiter gegen ihre Beute vor –die edlen Rosse flüchten nach dem Paß zurück, stürzen sich blindlings hinein und sehen sich plötzlich von vorn und im Rücken angegriffen. Nun entsteht ein wildes Getümmel, in das der Jäger, das Beil oder die Schlinge in der Hand, je nachdem er töten oder fangen will, nur mit Lebensgefahr sich hineinstürzt; denn verliert er seinen Sitz und gerät unter die Hufe der bäumenden, beißenden, schlagenden Rosse mit den fliegenden Mähnen und den glühenden Augen, so ist ein schmerzvoller Tod ihm gewiß.

Aber die Nomaden der Steppe und des Gebirges sind ebenso kühne wie sichere Reiter. Ihre kurzen Beile fallen wuchtig nieder auf die Köpfe der edlen Tiere und in wenig Minuten hat das Gemetzel ein Ende; was nicht durchgebrochen und entflohen ist, liegt erschlagen am Boden oder kämpft sich müde in den Schlingen und Banden, die bereits seine Glieder fesseln. Das Fleisch der wilden Pferde gilt den Jägern als ein Leckerbissen.

In gleicher Weise verlief auch diesmal die Jagd, nur daß der Khan dabei von einem der wilden Hengste einen Schlag gegen das Bein erhielt, der ihn zwang, nach seinem Lager zurückzukehren und mehrere Tage auf seiner Filzdecke still zu liegen, bis die Quetschung geheilt war.

Am Abend, als die ersten Sterne funkelten, kamen die Liebenden an einem einsamen Ort zusammen und besprachen ihr Unglück. Tungilbi gelobte ihrem Geliebten mit dem Adakatschan, dem Eide, daß sie eher sterben als die Frau des fremden Mannes werden wolle, und Scheminga verschwor sich, gleichfalls sein Leben einzusetzen, um sie zu erwerben. Dann nahm er, unter dem Vorwand, ihre Flucht vorzubereiten, Abschied von ihr, nachdem er sich noch sorgsam erkundigt hatte, in welcher Richtung man den neuen Bräutigam mit seinen Herden erwartete.

Am nächsten Morgen war Scheminga aus der Jurte, die er mit seinen Gefährten teilte, nebst einem derselben verschwunden; die anderen erklärten, daß er zur Jagd auf das Rehwild ausgeritten sei, und da dies häufig vorgekommen, kümmerte sich der Khan in seinen Schmerzen nicht weiter um seinen jungen Gast, sondern sah mit desto größerem Eifer der Ankunft seinen neuen Schwiegersohns entgegen.

Erst gegen Abend des dritten Tages verkündeten herbeisprengende Hirten, daß sie in der Ferne den aufwirbelnden Staub einer mächtigen Herde gesehen hätten.

Unter Vergießung reichlicher Tränen wurde Tungilbi von den Frauen ihres Vaters genötigt, ihre besten Gewänder anzulegen. Filze wurden vor den Jurten des Khans auf den Boden gebreitet, um sich darauf niederzulassen, und mächtige Feuer angezündet, um mehr als ein Schaf zu Ehren der Ankunft des Chalchas-Fürsten zu rösten.

Bald auch hörte man in der Ferne das Geräusch der herbeiziehenden Herde und erblickte am Abendhimmel sich abzeichnend die langen Hälse der Kamele!

Tungilbi verhüllte das Gesicht in ihre Gewänder!

 

Scheminga Tojon hatte auf seiner flüchtigen Stute Melilbi unterdeß mit seinem Gefährten den Weg nach Süden genommen. Er beabsichtigte, dem Mongolenfürsten zu begegnen und ihn zum Zweikampf zu fordern, um so die Geliebte von dem Bewerber gänzlich zu befreien oder wenigstens Zeit zu gewinnen.

Solche Zweikämpfe auf Pfeil und Bogen sind in der Steppe sehr gewöhnlich. Die Tungusen nennen sie Kutschigeras, und sie werden gleich den Turnieren des europäischen Mittelalters in früheren Zeiten unter den Augen ihrer Stammeshäupter und Ältesten abgehalten.

Am ersten Tage ritten die Reiter acht Meilen weit und lagerten gegen Abend an dem nördlichen, mit Gestrüpp und Rohr umzogenen Ufer eines kleinen Sees.

Die innere Unruhe, die ihn verzehrte, ließ den jungen Tojon nur wenig schlafen.

Mit dem ersten Morgengrauen legte er auf Melilbi, seine Stute, den kleinen Sattel aus Renntierrippen, befahl seinen Begleiter, seiner an der Stelle ihres Nachtlagers zu harren, und ritt auf Kundschaft aus.

Er nahm seine Richtung am Ufer des Sees entlang, weil er dachte, daß zu diesem auch die Hirten des Mongolenfürsten ihre Richtung nehmen würden, um die Tiere zu tranken.

Er war etwa eine halbe Stunde langsam vorwärtsgeritten, als er plötzlich einen lauten, gellenden Hilferuf vernahm und im nächsten Augenblick einen Reiter in blinder Hast auf sich zugaloppieren sah.

Der Reiter hing waffenlos an dem Halse seines Pferdes, und es dauerte einige Sekunden, ehe es ihm gelang–obschon er ein junger und stattlicher Mann war – in den Sattel zu kommen, ohne daß er jedoch damit seines Pferdes Herr werden konnte, das in toller Furcht dahinjagte. Das lange kaftanartige Obergewand des Reiters flatterte zerrissen im Luftzug.

Die Furcht des Reiters und seines Pferdes war auch nicht ohne Grund. Scheminga, der unbeweglich auf seiner Stute hielt, die sich begnügte, die Ohren zu spitzen und gegen das Gebiß zu schnauben, übersah mit einem Blick das Geschehene und die Gefahr, in welcher der Fremde schwebte.

Dieser mußte aus der entgegengesetzten Richtung gekommen sein und mit einem zweiten Pferde an der Hand wahrscheinlich versucht haben, die Rosse an einer offenen Buchtung des Sees zu tränken, als aus dem Rohdickicht ein gewaltiger Tiger sich auf ihn gestürzt hatte. Der Reiter hatte kaum Zeit gehabt, sich mit Zurücklassung eines Teils des Gewandes und einer leichten Wunde von seinem bäumenden Rosse auf den Nacken seines Handpferdes zu werfen und sich von diesem in wilder Flucht davontragen zu lassen, da – selbst wenn er ihn hätte wagen wollen – an einen Kampf nicht zu denken war, weil seine Waffen am Sattel des Pferdes hingen, in dessen Brust der Tiger seine Krallen geschlagen hatte. Aber die Bestie, die wahrscheinlich schon Menschenblut gekostet hätte, begnügte sich nicht mit dem zu Boden, gerissenen Tier, sondern verfolgte den Fliehenden in mächtigen Sprüngen. Noch hatte dieser den Tungusen nicht bemerkt, sondern war in blinder Hast an ihm vorübergeschossen, als Scheminga mit der Schnelle des Blitzes den Bogen von der Schulter riß, die Sehne bis an sein Ohr zurückzog und einen Pfeil auf das in wilder Blutgier hinter seiner Beute herstürzende Ungestüm abschnellte.

Der Pfeil traf das Tier in die Flanken und drang mit seiner scharfen, mit Widerkerben versehenen Eisenspitze wohl über eine Handbreit ein.

Der Tiger fiel im Sprunge nieder, kauerte am Boden und warf dann seine glühenden Augen umher, den neuen Feind zu suchen. Sein weithin schallendes, heiseres Gebrüll mischte sich in den gellenden Jagdruf, den der junge Tojon ausstieß, und verkündete, daß er diesen Feind entdeckt hatte.

Es war das erste Mal, daß der Tunguse Aug' in Aug' dem furchtbaren Könige der Wildnis gegenüberstand. Er hatte zwar schon an Jagden auf das blutdürstige, Herden und Menschen gleich gefährliche Ungetüm Teil genommen, aber noch nie war er ihm allein so nahe gekommen, um es selbst bekämpfen zu können. Trotz der ersten Verwundung des Tigers war seine Situation eine sehr bedenkliche, denn der wohlgezielte Pfeil vermochte keineswegs das Tier kampfunfähig zu machen und hatte seine Wut nur abgelenkt, aber verdoppelt. Der geringste Widerstand seines edlen Pferdes mußte den kühnen Jäger in die größte Gefahr bringen.

Scheminga hatte jedoch in dieser bedenklichen Lage nicht einen Moment seine Geistesgegenwart verloren.

Der Tiger war kaum niedergekauert, um zu einem Sprung auf seinen neuen Feind auszuholen, als bereits ein zweiter Pfeil ihn am Halse traf. Dann gab der Tojon seiner Stute die Fersen und ließ sie einen weiten Sprung zur Seite machen, der sie aus dem Bereich eines ersten Angriffs des Ungetüms brachte.

Mit Staunen sah der Fremde, der durch den Jagdruf Schemingas erst von seiner Nähe Kenntnis erhalten hatte und der nunmehr, da der Tiger seine Verfolgung aufgegeben hatte, seines eigenen Pferdes Herr geworden war und es zum Stehen zwang, wie der Tungusen-Reiter im Kreise um die sich windende Bestie galoppierte, allen ihren Sprüngen und Angriffen geschickt auswich, oft im entscheidenden Augenblick über den Tiger selbst hinwegsetzend, und währenddessen mit Pfeil auf Pfeil seinen Körper förmlich spickte. Die scharfen Eisen hingen in den Weichen und in der Brust des Tieres, sie hatten seinen Hals und seine Beine durchbohrt, und während das wütende Tier sich vergebens bemühte, sie herauszureißen, durchschnitten immer neue Geschosse sein Fell, ließen sein Blut aus zehn Wunden sprudeln und hinderten durch ihre Schäfte seine Bewegungen.

Zuletzt hielt der Tiger in seinen ihn erschöpfenden Angriffen inne, kauerte sich in der Mitte des von seinem Blute bezeichneten Kreises nieder und versuchte noch einmal, sich von den Pfeilschäften durch Zähne und Tatzen zu befreien.

Diesen Moment schien der kühne Jäger erwartet zu haben. Mit einem Satz drängte er die treue Stute so nah wie möglich zu dem Feind, und während das edle Roß sich auf den Hinterbeinen erhob, beugte er sich, die Sehne des Bogens bis hinter das Ohr spannend, aus dem Sattel nieder, zielte einige Sekunden lang und ließ dann seinen letzen Pfeil gegen den Kopf des Ungestüms schießen.

Der Tiger stieß ein wütendes Gebrüll aus, sprang in die Höhe und versuchte seine blutigen Krallen in die Brust der Stute zu schlagen. Aber der Tojon drehte sie mit fester Hand auf ihren Hinterhufen zur Seite, ließ sie einen mächtigen Sprung tun und schoß aus der gefährlichen Nähe.

Es war die letzte Kraftanstrengung der Bestie gewesen. Der wohlgezielte Pfeil war ihr gerade ins Auge und durch dieses bis ins Hirn gedrungen – sie fiel jetzt auf die Seite, und bald streckte sich der mächtige Körper in den letzten Todeszuckungen.

Scheminga näherte sich vorsichtig dem verendenden Tiger, denn er wußte sehr wohl, welche zähe Lebenskraft dieser grimmigste Vertreter des Katzengeschlechtes besitzt und daß oft ein letzter Tatzenhieb des schon verendet geglaubten Tieres das Leben des Jägers genommen hat. Der Stolz über die glückliche Tat schwellte seine Brust und er gedachte dabei kaum, daß er einem anderen damit zugleich das Leben gerettet hatte, da er sich während des Kampfes um den Flüchtling nicht weiter gekümmert hatte und denselben längst entfernt glaubte. Endlich überzeugte er sich, daß die Bestie wirklich verendet sei, und indem er sein Messer zog, um das pfeildurchbohrte Fell von dem Rumpfe zu lösen, setzte er den Fuß auf den Kopf des Tigers und brach – an den Zweck seines abenteuerlichen Zuges sich erinnernd – unwillkürlich in die Worte aus:

»Besser wäre es für mich, Sultan Timur, der Reiche, wäre von diesen Pfeilen durchbohrt und läge an deiner Stelle!«

Eine Hand legte sich auf seine Schulter und eine freundliche Stimme sagte zu ihm in der Sprache der Steppen, die in ihrer Allgemeinheit der Lingua franca des südlichen Europas und des Orients gleicht:

»Warum wünscht ein Tapferer den Tod eines anderen Tapfern?«

Der Tojon sah sich erstaunt um und bemerkte, daß der Flüchtling, den er an der zerissenen Kleidung wiedererkannte, jetzt an seiner Seite hielt und ihn angeredet hatte.

Es war ein junger Mann etwa in seinem eigenen Alter, von echt mongolischer, aber keineswegs unedler Physiognomie mit langherabhängendem, sorfältig gepflegtem pechschwarzem Schnurrbart und gleichem Scheitelzopf an dem sonst glattrasierten Schädel. Der Fremde betrachtete ihn mit sichtlicher Bewunderung und Teilnahme.

»Wer bist du?« frug der Tojon.

»Ich bin dein Sklave, dem du das Leben gerettet hast, das dir dafür gehört. Es würde verloren gewesen sein, wenn Buddha nicht deine tapfere Hand gesendet hätte.«

»Ich sollte meinen«, sagte der Tunguse verächtlich, »dein Buddha hätte dir selbst Hände gegeben, um dein Leben zu verteidigen, statt es auf die flinken Beine eines Tiers zu setzen!«

Der Mongole zuckte mit freundlicher Miene die Achseln, ohne sich anscheinend verletzt zu fühlen. »Warum sollte ein vernünftiger Mensch nicht ein unvernünftiges Tier opfern, wenn er sein Leben dadurch retten kann? Meine Waffen waren mit meinem Pferde in die Klauen des Tigers gefallen.«

Der Tojon schwieg einigermaßen beschämt, dann wiederholte er seine Frage, wer der Fremde sei, indem er fortfuhr, das Fell des erlegten Tiers abzuziehen.

»Ich bin ein Chalchas. Die Tungusen und die Mongolen des Ostens entstammen demselben Vater. Der Khakhan Dschingis-Khan hat beide groß gemacht. Warum wünschte der tapfere Donk den Tod eines Freundes an Stelle des Tigers?«

»Timur Khan ist nicht mein Freund–er ist mein Todfeind. Gehörst du zu seinem Khanat?«

»Ich stehe dem jungen Sultan sehr nahe, und weiß alle seine Geheimnisse. Er ist wie ein Bruder für mich. Aber ich habe niemals gehört, daß er einen Feind unter den Tungusen hätte.«

Ohne auf den Einwurf zu antworten, wandte sich der Tojon hastig zu dem Mongolen. »Wenn du Timur Sultan so nahe stehst, so gehörst du wahrscheinlich zu seinen Begleitern und er ist in der Nähe?«

Der Mongole wies nach dem Südende des Sees. »Der Sultan lagert dort mit seinen Dienern und Herden. Ich habe vor zwei Stunden noch sein Zelt gesehen.«

»Wohlan denn, Chalchas«, sagte der Tunguse, indem er das blutige Tigerfell über die Kruppe seiner Stute warf und wieder in den Sattel stieg, »wenn du, wie du dich rühmst, hoch in der Gunst Timur Sultans stehst, so kannst du mir einen Dienst dafür erweisen, daß ich dir das Leben gerettet habe.« »Ich will einen Hund mit dir schlachten und sein Blut trinken«, sagte feierlich der Mongole, »wenn ich dir nicht mein Wort halte. Was du auch von Timur begehrst, ich werde sorgen, daß er deinen Wunsch erfüllt!«

»Ich danke dir!–So wisse denn, ich bin...«

Der Chalchas unterbrach ihn. »Du bist Scheminga, der Tojon der Dulegat!«

Der Tunguse sah ihn erstaunt an. »Woher kennst du mich?«

Lächelnd wies der Mongole auf den Tiger. »Welcher andere Pfeilschütze hätte dies zu tun vermocht? Es gibt nur einen Krieger in der Mitte des Weltalls, der besser schießt als Scheminga, der Tojon der Dulegat.«

»Und der wäre?« frug eifersüchtig der Tunguse.

»Timur Sultan, mein Herr!«

»Ah–also auch hier! Nun wohl–ich komme, um mich mit deinem Gebieter im Bogenschießen zu messen, und wenn du wirklich den Einfluß besitzest, dessen du dich rühmst, und mir Dankbarkeit zeigen willst, so bewege ihn, daß er sich mir zur Kutschigera stellt.«

»Timur«, sagte der Mongole stolz, »hat noch niemals einen Zweikampf ausgeschlagen. Aber ich muß ihm einen Grund dazu sagen.«

»Einen Grund? Nun wohl–ich hasse ihn! oder besser, ich muß die tausend Kamele haben, mit denen er herbeikommt, um die Tochter Tolga-Khans einem zu rauben, der ein Recht auf sie hat.«

Der Mongole sah Scheminga, während sie langsam in der Richtung zurückritten, woher dieser gekommen, etwas erstaunt an. Dann sagte er lächelnd:

»Scheminga Tojon liebt die Tochter des Mandschu?«

»Ich denke, das kümmert dich nicht. Willst du meinen Auftrag ausführen?«

»Bei meinem Haupte. Aber Timur Sultan besitzt der Herden genug. Was sind ihm tausend Kamele gegen das Leben eines Freundes? Er würde sie dir mit Freuden geben, wenn ich ihn darum bitte.«

»Nein, Chalchas«, sagte der Tojon finster, »ich nehme von meinen Feinden keine Geschenke. Ich fordere ihn zum Kampf«.

»Aber–wenn du einen Preis auf deinen Sieg setzt, welchen bietest du?«

»Mich selbst zu seinem Sklaven und–und Melilbi, meine Stute. Sie hat nicht ihresgleichen zwischen den Bergen von Nertschinsk und denen von Kurdistan!«

Es war ihm schwerer angekommen, sein geliebtes Roß einzusetzen als seine eigene Person.

Der Mongole dachte einige Augenblicke nach, dann wiegte er zustimmend den Kopf. »Es sei,« sagte er. »Ich werde den Khan zur Annahme deines Vorschlags bewegen, wenn du mich entlassen willst. Wohin soll ich dir Botschaft senden?«

Der Tojon wies nach der Stelle seines Nachtlagers, der sie sich jetzt genähert und wo sein Gefährte bereits sein Pferd aufgezäumt hatte.

»Atunga, mein Pfeilbruder«, sagte er, »wird mit dir gehen und mir Botschaft bringen. Möge der Kampf stattfinden, wenn die Sonne über unserm Scheitel steht, dann sind die Schatten gleich. Lebe wohl und erfülle dein Wort.«

Der Mongole, der von dem zerissenen Pferde seine eigenen Waffen wiedergenommen, schwang das Messer nach der Sitte der Steppe gegen die Sonne und beteuerte: »Die Sonne lasse Krankheiten wie dieses Messer in meinen Eingeweiden wüten, wenn ich es nicht tue! Lebe wohl, Tojon, und möge Buddha dich segnen für das, was du diesen Morgen an mir getan!«

Er wandte sein Roß und bald galoppierte Atunga, den wenige Worte über seinen Auftrag verständigt, an seiner Seite dem Lagerplatz des Mongolenfürsten zu, während Scheminga seine edle Stute abzäumte und an den Kohlen des Feuers seine Jukolas röstete.

Der Tojon wartete drei Stunden, dann kam sein Gefährte zurückgejagt. Er hatte das Lager des Mongolenfürsten bereits in vollem Aufbruch gefunden, den Sultan selbst zwar nicht gesprochen, aber von dem Krieger, den er begleitet, und der nach der allgemeinen Achtung, die man ihm bewies, ein Günstling des Sultans sein mußte, die Mitteilung erhalten, daß Timur Khan mit Vergnügen einwilligte, sich mit dem berühmtesten Pfeilschützen des Nordens zu messen, und auf die gestellten Forderungen eingegangen sei. Es war das Abkommen getroffen worden, daß jeder der Kämpfer drei Pfeile gegen den anderen abschießen und dabei ganz nach der Kampfsitte seines Stammes verfahren dürfe. Werde keiner der Krieger lebensgefährlich verwundet, so solle ein Rat der drei ältesten Zeugen des Kampfes entscheiden, wer den Sieg davongetragen. Der Zweikampf solle um die Mittagsstunde und zwar in der Nähe der Stelle vor sich gehen, an der Scheminga den Tiger erlegt hatte.

Die beiden Tungusen brachten die Zeit bis zu ihrem Aufbruch mit Vorbereitungen des Kampfes zu. Da er seinen Köcher in dem Kampf mit dem Tiger vollständig geleert, wählte Scheminga aus dem seines Freundes die drei schwersten Pfeile, schärfte ihre Spitzen und glättete die Flugfedern. Er rieb und spannte die Sehne seines Bogens und wusch Melilbi, seine Stute, der er selbst das Futter zusammentrug. Endlich, eine Stunde, ehe die Sonne im Zenith stand, machten sich beide auf den Weg.

Sie fandenden Platz bereits von der Gegenpartei besetzt, und zwar war das ganze Lager des Khans dahin verlegt. Unübersehbare Scharen von Rindern, Schafen und Kamelen lagerten in der Hitze der Julisonne. Krieger und Hirten ritten umher oder lungerten müßig im Schatten der Bäume, Sklaven kochten und brieten an den Feuern oder schleppten Wasser herbei, um die Tiere zu tränken.

An dem einen Ende eines ziemlich geräumigen, freigelassenen Platzes war das Zelt Timur Khans aufgeschlagen. Es war nicht wie die gewöhnlichen Wanderzelte der Nomaden von Filzstücken, sondern von chinesischen Seidenstoffen und reich mit bunten Fähnchen und Decken behangen. Scheminga Tojon biß finster die Zähne zusammen bei diesem Anblick, denn er bewies ihm den Reichtum seines Gegners, und er wußte, daß die kostbare Wohnung zum Brautgemach bestimmt war.

Es blieb ihm jedoch wenig Zeit zu solchen Gedanken, denn als er sich im Galopp dem Lager näherte, kam ihm der Mongole, dem er das Leben gerettet, mit einer Schar von Kriegern und Dienern des Khans entgegen, begrüßte ihn in dessen Namen und lud ihn ein, in einem zweiten Zelt, das er an dem entgegengesetzten Ende des Platzes hatte aufrichten lassen, bis zum Beginn des Kampfes zu verweilen.

Dies Zelt war zwar nur von Filz und Leinen, aber nicht ohne sich im Innern tief geschmeichelt zu fühlen, bemerkte der Tojon auf einer hohen Stange vor dessen Eingang den Schädel des erlegten Tigers aufgespießt.

In dem Zelt fanden die beiden Tungusen Diener bereit, ihnen die Füße zu waschen und sie dann mit Tee und allerlei Speisen zu bedienen. Es wurden hierauf noch einmal die Bedingungen des Kampfes besprochen und die Zeugen und Richter desselben bezeichnet. Dann verließen die Mongolen sämtlich das Zelt. Die ganze Art, wie der junge Sultan die Herausforderung des fremden, alleinstehenden Gegners behandelte, hatte etwas so Ritterliches, daß der Tojon bei allem Groll gegen seinen Nebenbuhler sich doch dem Einfluß desselben nicht entziehen konnte. Er war daher um so gespannter auf die Erscheinung des Khans, den er bisher nie gesehen und von dessen Reichtum und Waffengeschicklichkeit ihm nur der Ruf erzählt hatte, der in den Steppen Hochasiens wahrscheinlich noch lange die Zeitungen ersetzen wird. Scheminga Tojon war ein tapferer Krieger und Jäger und hatte oft genug Beweise seines Mutes und seiner Todesverachtung gegeben. Dennoch fühlte er wohl die Schwere der Stunde, die ihm bevorstand, denn er wußte, daß der Sultan nicht bloß sein Rival in der Liebe war.

Der weithin tönende Schlag eines chinesischen Gongs gab das erste Zeichen.

Auf dieses trat der junge Tojon aus seinem Zelt, vor dessen Eingang Atunga sein Roß Melilbi hielt.

Er wußte, daß in demselben Augenblick ihm gegenüber sein Gegner dasselbe tat. Aber die Sitte verhinderte ihn, neugierig nach ihm hinüberzuschauen; er beschäftigte sich mit der Untersuchung des Sattels und Zaumes. An dem ersteren hing eine kleine Tartsche von doppeltem Wallroßfell, Köcher und Bogen trug er auf dem Rücken, weiter hatte er keine Waffen.

Ein zweiter drönender Schlag des Gong, und die beiden Kämpfer schwangen sich in den Sattel.

Jetzt erst warf der Tojon den ersten Blick auf seinen Gegner. Der Sultan ritt einen prächtigen turkestanischen Hengst von schwarzer Farbe. Er selbst saß auf dem reichverzierten Sattel, als wären Roß und Reiter ein Leib. Timur Khan war von schlanker, wie alle Mongolen mittelgroßer Gestalt und in weite bunte Gewänder gekleidet. Er trug das weite, bis an die Knie reichende Beinkleid von gelbem Seidenstoff und ein weißes fließendes Obergewand. Seine Linke hielt einen kleinen runden metallnen Schild, der im Sonnenschein wie poliertes Gold funkelte, die Rechte trug den langen tartarischen Bogen. Das Antlitz seines Feindes jedoch konnte der Tojon nicht erkennen, da von der turbanartigen Kopfbedeckung desselben die Enden des dieselbe umwindenden Schleiers über sein Gesicht niederhingen. Ein prächtiger hoher Busch von Reiherfedern erhob sich über den Turban des Sultans. Timur Khan begrüßte seinen Gegner, indem er durch den Druck seiner Schenkel sein wohldressiertes Roß sich strecken ließ und den Bogen vor ihm neigte.

Scheminga erwiderte das Reiterstück in gleicher Weise mit seiner Schimmelstute Melilbi.

Dann erklang der dritte Schlag des Gong – das Zeichen zum Beginn des Kampfes – und die Reiter setzten ihre Rosse in Galopp und umsprengten in gleicher Entfernung voneinander den Kampfplatz. Dieser bildete einen Kreis von etwa hundert bis hundertzwanzig Schritten im Durchmesser. Rund um denselben her standen und lagerten die zahlreichen Diener und Begleiter des Khans. Nachdem die beiden Reiter in verschiedenen Wendungen und Künsten die Gewandtheit ihrer Rosse und ihre eigene Geschicklichkeit in deren Leitung gezeigt hatten, schoß plötzlich der Tojon in die Mitte des Kreises, spannte mit Blitzesschnelle den Bogen und schoß seinen ersten Pfeil auf den Gegner. Timur Khan hatte mit einem gewaltigen Ruck seinen Hengst angehalten und fing mit einer gleich schnellen Bewegung den anzischenden Pfeil, der sonst seine Brust durchbohrt hätte, mit dem goldenen Schild auf. Ein heller Klang der Eisenspitze auf dem Metall bewies die Kraft der Sehne und der Hand, die sie gespannt hatte, und ein lauter Beifallsruf über die Geschicklichkeit ihres eigenen Fürsten brach aus dem Kreise der Zuschauer.

Scheminga wandte seine Stute zur Flucht, wie die Regel dieser Kämpfe vorschreibt, und der Khan verfolgte ihn, um seinerseits ihm einen Pfeil zu senden.

Von diesem Augenblick an war der Kampf ein Wettspiel, das nicht allein mit der Fertigkeit der beiden Kämpfer in der Handhabung des Bogens, sondern auch mit der Sicherheit und Gewandtheit ihrer Pferde ausgefochten wurde. Jeder der Kämpfer suchte in hundert Windungen und Künsten die unbeschützte Seite des Gegners zu gewinnen und hier seinen Schuß anzubringen. Während der Tojon floh, das Gesicht–nach dem Ausdruck der Steppen–auf dem Rücken, tat der Khan seinen ersten Schuß. Aber der Tunguse warf sich lang zur Seite seines Pferdes nieder, bloß im Steigbügel und an den Mähnen hängend, und der Pfeil sauste unschädlich zwischen den Ohren der Stute durch.

Ein gellendes Triumphgeschrei Atungas beantwortete den ersten Beifall der Mongolen. Der wackere Tunguse strengte Seine Kehle doppelt an, um die Minderzahl seiner Partei möglichst auszugleichen.

Es war Scheminga, der wieder zuerst seinen zweiten Pfeil versandte. Durch die Gewandtheit seiner Stute hatte er dem Gegner die rechte Seite abgewonnen, und indem er vorüberjagte, schoß er den Pfeil in solcher Nähe auf ihn ab, daß–wenn er ihn voll traf –die tödliche Wirkung zweifellos sein mußte.

Der Khan hatte nicht mehr Zeit, sich mit dem Schilde zu decken. Er sah das tödliche Geschoß daherschwirren und machte eine Bewegung, es mit der Hand aufzufangen oder zu parieren. Es war dies ein überaus schwieriges Manöver, das nur in der größten Gefahr versucht werden konnte und nur selten gelingt. Auch dem Khan trotz seiner großen Gewandtheit gelang es nur halb; denn indem er sich rückwärts beugte, vermochte er doch nur, dem Pfeil eine Richtung zur Seite zu geben. Die Spitze fuhr zwischen Arm und Leib durch und die roten Blutflecken, die augenblicklich das weiße Obergewand färbten, bewiesen, daß der Sultan nicht unverwundet dem Schuß entgangen war.

Ein lautes Klage- und Rachegeschrei der Seinen erfüllte bei diesem Anblick die Luft–aber ehe es noch zur Hälfte verhallt, schnellte der Khan in den Sattel zurück, stieß einen gellenden Schlachtruf aus und spornte seinen Hengst zu einem gewaltigen Satz, der ihn fast mitten in die Bahn und seinem Feinde gerade entgegen trug. Das edle Roß stand zitternd von der gewaltigen Anstrengung wie in den Boden gewurzelt, als der Khan blitzschnell seinen Bogen hob und seinen zweiten Pfeil abschnellte, dem er rasch den dritten und letzten folgen ließ.

Der Tojon hatte die Stute pariert, als er sich seinem Gegner auf kaum fünfzehn Schritte gegenüber sah. Der erste Pfeil kam so schnell, daß er den Schild nicht mehr zur Abwehr zu erheben vermochte. Er sah ihn gegen sein Haupt fliegen und glaubte sich verloren.

Aber der Pfeil durchbohrte keineswegs seine Stirn, sondern war so geschickt abgeschossen, daß er nur den eigentümlichen helmartigen Kopfputz des Tungusenhelden, das Rehhaupt mit dem Gehörn, traf und ihn herunterriß.

Der dritte Pfeil des Sultans aber traf voll die Brust des Tojons mit solcher Gewalt, daß er ihn niederwarf auf die Kruppe der Stute. Im ersten Augenblick glaubte Scheminga sich durchbohrt und faßte nach dem Schaft, um die Spitze aus seiner Brust zu reißen. Aber zu seinem Erstaunen fühlte er im nächsten Augenblick, daß er frei und unbehindert atmete und unverwundet sei. Er stieß einen Siegesruf aus, denn er wußte, daß sein Gegner jetzt wehrlos in seine Hand gegeben sei, und indem er seinen eigenen dritten Pfeil auf den Bogen legte, wollte er den des Mongolen von sich werfen, als sein Auge zufällig auf das Geschoß fiel.

Im Moment war ihm das Rätsel seiner Rettung gelöst – dem Pfeil fehlte die eiserne Spitze, es war ein einfacher Holzstab mit abgestumpftem Knopf, wie solche bei den Scheingefechten der Steppenkrieger gebraucht werden. Der Mongolen-Sultan hatte gegen ihn nur mit stumpfen Waffen gekämpft, während er selbst sich wider den Gegner der tödlichen bedient hatte.

Erstaunt blickte er empor auf diesen – Timur Khan hielt noch immer bewegungslos auf der Stelle, von der aus er die beiden Pfeile entsandt. Er hatte die Arme über die Brust gekreuzt, nachdem er mit einer raschen Bewegung den Turban von seinem Haupte geschüttelt, und sah ihn mit festem ernstem Auge an.

Der Tojon erkannte dies Auge, dies Gesicht – es war der Mann, den er wenige Stunden vorher aus den Klauen des Tigers gerettet hatte!

Jetzt war dem Tungusen das ganze ritterliche Benehmen seines Nebenbuhlers klar. Eine gewisse Beschämung überkam ihn, dann erhob er den Blick, als suche er einen Gegenstand, an den er sich dafür halten könne.

Von dem Lärmen des Kampfes aufgescheucht, hatte sich von einem der nächsten Bäume eben ein Rabe erhoben und flog krächzend über den Platz. Obschon der Vogel in ziemlicher Höhe, weit über der gewöhnlichen Grenze eines Pfeilschusses, die Luft durchschnitt, hob der Tojon doch seinen Bogen nach ihm, zog die Sehne bis über die Schulter an und ließ seinen Pfeil dann fliegen. Trotz der Entfernung durchbohrte das Geschoß die Brust des Vogels und krächzend taumelte er aus der Höhe nieder auf den Boden. Ein weithin schallender Jubelruf aller Zuschauer, in den sich das Brüllen und Blöken der erschreckten Herden mischte, galt nicht allein diesem Meisterschuß, sondern auch der hochherzigen Tat, da niemand aus dem Gefolge des Sultans wußte, wie edelsinnig dieser seinem Herausforderer gegenübergetreten war. Der Tojon sah kaum den Vogel fallen, als er aus dem Sattel sprang. Aber so rasch er auch gewesen, war ihm der junge Khan doch zuvorgekommen und schritt auf ihn zu, ihm die Hand entgegenstreckend.

»Warum sollen die Söhne Dschingis-Khans sich bekämpfen«, sagte er laut, »wenn sie Freunde sein können? Mein Bruder hätte nur nötig gehabt, zu Timur zu sagen: ich brauche deine Herden, und der Sultan der Chalchas würde sie dem Retter seines Lebens gegeben haben.«

»Nein, Khan«, antwortete der Tunguse, »ich will nicht deine Dankbarkeit für einen zufälligen Dienst mißbrauchen, den ich ebenso willig dem geringsten deiner Sklaven geleistet hätte. Ich habe dich zum Kampf gefordert, weil ich eher mein Leben lassen als dulden will, daß du Tungilbi zum Weibe erhältst!«

»Der Tojon der Dulegat«, sagte der Khan lächelnd, »möge die Blume der Steppe in seine Jurte führen. Was ist ein Weib gegen das Leben eines Mannes ? Was sind zehn solcher Herden gegen das Leben eines Sultans? Mein Bruder möge sie nehmen und damit dem geizigen Mandschu den Schurun bezahlen. Uns aber lasse er Freunde und Waffenbrüder sein.«

Der Tojon reichte ihm die Hand. »Mit Freuden, tapferer Khan«, beteuerte er. »Aber dennoch kann ich dein Anerbieten nicht annehmen. Wir haben nicht mit gleichen Waffen gekämpft. Ich habe also keinen Anspruch auf den Preis.«

»Sollte ich Eisen auf das Herz des Mannes schießen, dem ich mein Leben verdanke ?« frug ungeduldig der Sultan. »Timur Khan hatte seinem Freunde zu beweisen, daß er nicht aus Feigheit vor dem Tiger geflohen, und das Blut, das er vergossen«, er deutete auf die Streifwunde, die ihm der Pfeil des Tungusen geschlagen, »hat ihn als Tapfern erwiesen. Zwei Krieger haben um den besten Schuß gefochten – meine älteren Männer mögen entscheiden, wer von uns ihn getan!«

Der Tojon begriff, daß er sich diesem Ausspruch unterwerfen mußte. Er erfolgte aber nicht sogleich, vielmehr lud der Khan jetzt seinen neuen Freund ein, mit ihm und seinen Kriegern, die ihm das Ehrengeleit auf dem jetzt gestörten Brautzug gegeben, zu tafeln. Nach der Sitte der Steppe waren bereits alle Anstalten zu einem solchen Mahl getroffen worden, ein Rind und zwei Schafe brieten an großen Feuern, und Kessel und Schläuche mit starkem Tee und Kumyß standen bereit für das Gelage.

Erst als dieses im besten Gange war, brachte der Khan die Frage zum Vortrage, und seinem sichtbaren Wunsche gemäß erklärten die drei Ältesten der Gesellschaft, daß der ungewöhnlich weite und sichere Schuß auf den Raben als der beste der getanen anerkannt werden müsse.

Aber vergeblich suchte der Khan seinen neuen Waffenbruder zu bewegen, den ganzen Schurun anzunehmen, indem er ihm versicherte, daß er mindestens noch zehnmal soviel Tiere auf seinen ungeheuren Steppen zu weiden habe; der Tojon blieb fest dabei, daß er nur um die von Tolga-Khan verlangten Kamele gefochten habe, und so mußte Timur zuletzt nachgeben und den Hirten der Zweihöcker befehlen, die gewaltige Herde vorwärtszutreiben, während die ändern Herden wieder ihren Rückweg in südlicher Richtung einschlugen.

Als die Sonne unter den Horizont sinken wollte, rüsteten sich der Tojon und sein Gefährte zum Aufbruch, um der Kamelherde zu folgen.

Timur Khan mit allen seinen Dienern gab ihm das Geleit bis über die Grenze des Lagers hinaus. Es ist Brauch bei dem Schluß einer Waffenbrüderschaft, daß beide Teile einander ein Geschenk machen. Als sie daher an der Stelle angekommen waren, wo sie sich trennen sollten, bat der junge Sultan seinen Freund um den Bogen, mit dem er den Tiger erlegt hatte, und gab zugleich seinen Begleitern ein Zeichen, worauf zwei Sklaven den prächtigen, kostbar aufgezäumten turkestanischen Hengst herbeiführten, den der Sultan bei dem Zweikampf geritten.

»Mesrur«, sagte der edle Chalchas, »hat zum letzten Mal einen Besiegten getragen, er gehöre fortan dem Sieger. Möge dir die Erde unter seinen Hufen verschwinden! Wenn Scheminga Khan je einen Freund braucht, um seine Feinde schlagen zu helfen, möge er Timur Khan nicht vergessen.«

Die beiden jungen Krieger reichten sich die Hand, dann galoppierte der eine nach Norden, der andere gen Süden.

 

Wie wir bereits erzählt haben, hatte man am Abend des dritten Tages im Lager des Mandschu-Khans das Herannahen der Herden bemerkt, und Tolga machte sich bereit, den Mongolen-Sultan als seinen Eidam willkommen zu heißen und ihm die Braut gegen den reichen Schurun auszuhändigen.

Tungilbi war in Verzweiflung, die mit jedem Schritt, den die Herden näherkamen, wuchs. Vergeblich hatte sie Rat und Trost bei den Jagdgefährten ihres verschwundenen Anbeters gesucht, diese wußten ebensowenig, wo ihr Tojon geblieben, und hatten nur den Befehl erhalten, vier Tage seiner zu harren und dann nach ihrer Heimat zurückzukehren. Das Mädchen hatte ein kleines japanisches Messer mit zierlichem Perlmuttgriff, das Scheminga ihr früher geschenkt, im Busen verborgen, entschlossen, davon gegen sich selbst Gebrauch zu machen, ehe sie sich dem fremden Bewerber überliefern ließe.

Solche Beispiele treuer und aufopfender Liebe sind bei der Erziehungsweise der Frauen des Ostens und der Stellung, welche die Weiber in dem Leben der Nomaden einnehmen, zwar selten, aber sie kommen doch–wie mannigfache Beispiele zeigen–vor und geben den Beweis, daß das Frauenherz selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen des Heroismus der Liebe fähig ist!–

Endlich erhoben sich aus den Schatten der Dämmerung und den Wolken von Staub die zahllosen langen Hälse der Kamele und schlossen unter dem Zuruf und Geschrei ihrer berittenen Treiber einen weiten Halbkreis um die Jurten des Khans.

Aus dem Kreis der Herde kam langsamen Schrittes ein Reiter–er ritt auf einem schwarzen Hengst und führte eine milchweiße Stute am Handzügel.

Es war bereits zu dunkel, um in einiger Entfernung den Reiter selbst zu erkennen, aber das Auge der Liebe war wenigstens scharf genug, das Roß Melilbi an der Hand des Reiters zu unterscheiden! Es konnte kein Zweifel mehr sein–der Tojon war im Kampf gegen seinen Nebenbuhler gefallen, und der Sultan kam, in grausamen Triumph mit seiner Beute prahlend, um sein Opfer zu holen. Mit einem Schrei fiel sie ohnmächtig in die Arme der sie umgebenden Frauen.

Als sie wieder erwachte, kniete Scheminga vor ihr und bedeckte –der Sitte der Steppen trotzend, welche die Berührung unverheirateter Frauen streng verbietet–ihre Hände mit Küssen. Aber nur schwer konnte er ihr verständlich machen, daß er wirklich mit dem von ihrem Vater verlangten Schurun zurückgekehrt sei und sie von der Bewerbung des Chalchas-Khans befreit habe.

Während die Liebenden sich ihres Glückes erfreuten und die Weiber bereits einen Kur, einen Gesang, auf die Heldentaten des jungen Tojon dichteten, war der alte Mandschu beschäftigt, mit einigen seiner Diener die Kamelherde zu zählen. Unglücklicher Weise erfuhr er dabei von den das Lob ihres Sultans preisenden Treibern, daß dieser sich erboten hatte, nicht bloß die Kamele, sondern die sämtlichen zum Schurun mitgeführten Herden dem Tojon zu schenken und daß nur der Eigensinn desselben diese Reichtümer zurückgewiesen habe.

Tolga-Khan hegte in Wirklichkeit eine gewisse Neigung für den ritterlichen Tungusen, aber sein Geiz war doch überwiegend, und der Gedanke, welcher Gewinn seiner Tochter oder vielmehr ihm selbst durch die alberne Großmut des Tojon entgangen, zeigte nur allzubald seine Wirkung.

Scheminga sah sich schon am nächsten Tage auffallend kühl behandelt; der Frage nach der Zeit der Übergabe der Braut wurde ausgewichen, und schließlich deutete ihm der Khan an, daß die Herde Kamele ihm zwar sehr willkommen gewesen, daß er aber keineswegs gesonnen sei, um einer generösen Laune seines künftigen Schwiegersohnes willen Rinder und Schafe einzubüßen, und daß er erst diese herbeischaffen möge, ehe er an die Heimführung seiner Tochter denken könne.

Vergebens berief sich der Tunguse auf das Wort des Khans, das ausdrücklich nur die Kamelherde von ihm verlangt habe, und erbot sich, die schon früher angebotene Pferdezahl zu senden–der Mandschu behauptete, mißverstanden zu sein, bestand im Bewußtsein seines Wortbruchs immer eigensinniger auf seiner Forderung, und der Tojon mußte zu seinem Schrecken von der Geliebten hören, daß der alte Geizhals bereits heimlich Boten an Timur-Sultan abgesandt hatte, um das abgebrochene Verlöbnis wieder zu erneuern.

Unter diesen sie aufs neue bedrohenden Umständen zögerten die Liebenden nicht, einen raschen Entschluß zu fassen.

Noch an demselben Abend sandte Scheminga seine sämtlichen Begleiter unter Atungas Führung aus dem Mandschu-Lager fort, angeblich, um bei seinem Vater für die Vervollständigung des Schurun zu sorgen, in Wahrheit aber, um ihre Flucht über das Gebirge vorzubereiten. Zum Glück war der Verkehr zwischen dem Tojon und seiner Geliebten unbehindert, denn der Khan, obschon selbst wortbrüchig, glaubte doch nicht an einen Bruch der Gastfreundschaft seitens seines jungen Gastes. Dieser aber, der früher den Vorschlag der Geliebten zur Flucht abgelehnt, glaubte sich jetzt durch das Verfahren des Khans jeder Rücksicht entbunden.

Es galt für das Paar, eine Zeit zu wählen, in der sie einen genügenden Vorsprung erreichen konnten, ehe sie verfolgt würden; denn daß eine solche Verfolgung auf Tod und Leben eintreten würde, war vorauszusehen. Die Umstände waren ihnen auch insoweit günstig, als ein Aufbrach des ganzen Lagers zur Aufsuchung neuer Weideplätze bereits am zweiten Tage erfolgen sollte und in der Verwirrung desselben jeder so mit seinen Angelegenheiten beschäftigt sein mußte, daß ihre Abwesenheit nicht sogleich bemerkt werden konnte.

Scheminga wußte, daß auf die Schnelligkeit und Ausdauer ihrer Pferde, auf die Benutzung der richtigen Pässe über das Gebirge und der Furten über die zwischenliegenden Ströme alles ankommen würde, und deshalb hatte er eben seine Begleiter mit genauen Instruktionen vorangesandt. Er hatte in den letzten Tagen mehrfach das Geschenk des Sultans, den Hengst Mesrur, erprobt und sich überzeugt, daß derselbe an Schnelligkeit seiner berühmten Stute Melilbi gleichkam, wenn auch nicht an Sicherheit und Ausdauer. Deshalb hatte er auch die letztere für Tungilbi bestimmt, sich selbst den Rappen vorbehaltend, den er nur mit der Tigerdecke beschwerte.

Die Liebenden waren in den letzten Tagen mehrfach unbehindert mit einigen Mandschus auf die Jagd geritten. Tungilbi liebte es, einen kleinen See am Gebirge aufzusuchen und dort ihren Falken auf die zahlreichen Reiher und Enten stoßen zu lassen, die im Geröhr hausten. Am Morgen des Aufbruchs, während jedermann mit dem Einpacken der Jurten, dem Beladen der Tiere und dem Treiben der Herden beschäftigt war, erklärte Tungilbi, noch einmal nach dem See reiten zu wollen, forderte den Tojon auf, sie zu begleiten, und ritt, gefolgt von einem der Diener ihres Vaters, davon.

Der Mann wußte sehr wohl, in welchem Verhältnis das junge Paar zueinander stand, kümmerte sich daher wenig um dasselbe, und erst, als er es an den Ufern des Sees eine ganze Zeit aus den Augen verloren hatte und der Falke Tungilbis suchend zu ihm niederflatterte, wurde er unruhig und umritt das Ufer des Sees. Am andern Ende desselben angekommen, sah er schon in weiter Ferne zwei dunkle Punkte, die sich mit Windeseile über die Ebene dem Gebirge zu bewegten. Es waren die beiden Reiter. Im Nu begriff er alles, wandte sein Pferd und jagte dem Lager zu, um Lärm zu machen. Zum Glück für die Liebenden war der Khan mit einem Teil seiner Jäger aufgebrochen und mußte nun mit der unangenehmen Botschaft erst zurückgeholt werden.

Die Liebenden setzten unterdeß mit unverminderter Eile ihren Weg fort, um zunächst einen möglichst großen Vorsprung zu gewinnen. Es galt–da sie einen Umweg nehmen mußten, um den Räuberhorden möglichst auszuweichen–einen Ritt von mehr als einer Woche, über mehrere Gebirgszüge, die nur durch wenige gefährliche Pässe zu passieren waren, und über Ströme, die nur in einzelnen Furten den Übergang ermöglichten.

Scheminga hatte sich zwar bemüht, von den Hirten Erkundigungen über den nächsten Weg einzuziehen, allein das Ergebnis war so ungenügend, daß der beste Teil der Entscheidung seinem eigenen Scharfsinn überlassen blieb. Nach den Mitteilungen der Hirten war der ihnen nächste Paß so schwierig zu finden und so unzugänglich, daß es nur wenigen der kühnsten Jäger gelungen war, ihn zu passieren. Mit seiner Stute Melilbi allein würde Scheminga es dennoch versucht haben, aber aus Rücksicht auf das Mädchen mußte er den mehrere Meilen östlich entfernten zweiten Paß wählen.

Weder er noch Tungilbi kannten denselben und sie mußten daher am Saum des Gebirges entlangreiten, um ihn zu suchen. Hierin lag eben die Gefahr, daß es ihren Verfolgern gelingen könne, sie zu erreichen und abzuschneiden.

Der erste Tag verlief jedoch, ohne daß etwas von denselben zu merken gewesen wäre. Am Abend lagerten die Flüchtlinge am Feuer, das sie in einer geschützten Schlucht angezündet hatten. Tungilbi entschlief zum ersten Mal in dem Arm ihres Gatten.

Mit dem ersten Morgengrauen brachen die Flüchtlinge auf–sie mußten jetzt in der Nähe des Passes sein, und Scheminga entdeckte in der Tat bald die Öffnung eines Tals, das bergauf in das Innere des Gebirges zu führen schien. Sie galoppierten in diesem wohl eine Stunde fort, als sie den Weg plötzlich durch eine Klippenwand gesperrt fanden. Dennoch mußte das Erklimmen derselben versucht werden, denn den Weg zurück zu nehmen hätte sie wahrscheinlich in die Hände ihrer Verfolger geliefert, die jetzt ohne Zweifel auf ihrer Spur sein mußten.

Tungilbi mit ihrer Stute begann den gefährlichen Ritt, der Tojon folgte ihr. In der Tat konnte auch das Wagnis nur zwei so ausgezeichneten Pferden wie den ihren gelingen, denn es war ein Klettern von einer Felsstufe zur anderen, bei dem jeder Schritt Tod und Verderben drohte. Nach zwei Stunden der Anstrengung und der Gefahr gelang es ihnen endlich, die Höhe zu erreichen, von der herab sie einen Blick rückwärts ins Tal warfen.

Sie gewahrten in der Mitte desselben einen großen Schwärm Reiter, die sie offenbar, nach ihren drohenden Gebärden zu schließen, auf der Höhe entdeckt haben mußten. Zu ihrem Schrecken nahmen aber nur drei oder vier derselben ihren Weg nach der so schwierig zu erklimmenden Felswand, um ihnen den Rückweg abzuschneiden, die ändern bogen in einen Seitenpaß des Tals, den die Flüchtigen in ihrer Eile nicht beachtet hatten und der, wie sie jetzt erkennen mußten, mit weniger beschwerlichem Wege in die Höhe führte und den Verfolgern möglich machte, ihnen zuvorzukommen.

So ermüdet durch das Ersteigen der Bergwand ihre Rosse auch waren, konnten sie ihnen daher doch nur eine geringe Rast gewähren und mußten sie aufs neue zum wilden Rennen spornen.

Ihr Weg ging ziemlich eben auf einer Grasfläche bergab, während in der Entfernung von etwa drei oder vier Werst der höchste Kamm des Gebirges sich hob, durch welchen eine schmale Schlucht führte. Es war, wie der Tojon von den Hirten erfahren, der einzige Weg, und es galt daher, den Eingang vor ihren Verfolgern zu erreichen. Aber als sie eben um ein kleines Gehölz von Lärchenbäumen bogen, das ihnen die Aussicht versperrt, sahen sie links aus dem Grunde die Schar ihrer Verfolger hervorkommen. Ein Teil derselben suchte den Eingang der Schlucht zu erreichen, der größere aber sperrte in einer Reihe ihnen den Weg.

Einige Worte Schemingas verständigten rasch die junge Frau über das, was sie zu tun hatte. In gestrecktem Galopp jagte die Tochter des Khans auf die Mitte der Reihe zu–mehrere Reiter verließen ihren Platz und eilten herbei, sie aufzuhalten–da wandte sie wenige Schritte vor ihnen ihr Pferd zur Linken und entschlüpfte durch die entstandene Lücke, während der Tojon auf der andern Seite dasselbe Manöver vollführte und den einzigen Mandschu, der Zeit hatte, sich ihm entgegenzustellen, über den Haufen ritt. Es galt nun, im verzweifelten Wettritt den Eingang der Schlucht vor der zweiten Abteilung ihrer Verfolger zu erreichen, und beide Parteien machten die größten Anstrengungen.

Die Stute Melilbi erreichte mit ihrer schönen Last in demselben Augenblick den Eingang, als ihr Herr kurz vor demselben mit dem Anführer der Mandschus zusammentraf. Ein furchtbarer Hieb der Streitaxt des Tungusen spaltete die Brust seines Feindes, dessen Leichnam von dem Pferde noch eine Strecke weit fortgetragen wurde. Dann schoß der Tojon, mit einem Triumphgeschrei die blutige Waffe schwingend, in die Schlucht, an deren Eingang die Verfolger halt machten.

Die Pferde des Paars waren indeß so erschöpft, daß sie jetzt nur langsam weiterkonnten. Zum Glück trat bald die Dunkelheit ein und in ihrem Schutz erreichten die Liebenden ein kleines Seitental, in dem ein Quell lustig aus dem Gestein sprang. An seiner Flut konnten sie sich und die Pferde erquicken und ruhten dann bis zum ersten Tagesgrauen.

Der Tojon wußte, daß er auf der dritten Tagereise seine Freunde in der Nähe eines kleinen Flusses finden würde, der in den Argun sich ergießt. Es war die Stelle, die er ihnen zum Rendezvous bestimmt hatte und wo sie eine Furt suchen und ihm freihalten sollten.

Die Sterne flimmerten noch am Himmel, als das Paar aufbrach. Sie sahen in der Tiefe der Schlucht das Wachfeuer ihrer Verfolger, aber es dauerte keine Stunde, so hörten sie bereits dieselben hinter sich.

Scheminga wußte sehr wohl, daß der Befehl des Khan weder Roß noch Reiter schonte und die Verfolgung auf Tod und Leben ging. Nachdem er ihren ersten Anführer erschlagen, würde bei einer Gefangennahme der Tod wahrscheinlich gleichfalls sein Los sein –mindestens die Sklaverei. Er war entschlossen, nicht lebend in die Hände seiner Feinde zu fallen.

So dauerte die Hetzjagd den ganzen Tag. Um Mittag hatten die Fliehenden das Gebirge verlassen und waren in eine Ebene getreten. Die Zahl ihrer Verfolger hatte sich bis auf etwa zwanzig der bestberittenen vermindert, die anderen Mandschus waren zurückgeblieben. Zweimal tränkten die Fliehenden und ihre Verfolger zugleich ihre Tiere an einem und demselben Bach, kaum eine halbe Meile voneinander entfernt. Die Lage des jungen Paars war jetzt schlimmer als im Gebirge, denn es konnte sich vor den Augen der Feinde nicht mehr verbergen, und alles kam jetzt auf die Ausdauer der Pferde an.

Die Jagd ging jetzt an dem Ufer des nicht breiten, aber reißenden und wegen seiner schroffen Ufer schwer passierbaren Flusses entlang, den der Tojon seinen Genossen zum Rendezvous bezeichnet hatte. Die beiden edlen Tiere begannen nach dem dreitägigen Lauf Spuren der Ermattung zu zeigen, und mit Besorgnis blickte Scheminga nach einem Anzeichen aus, das ihm die Nähe seiner Freunde zeigen konnte.

Endlich sah er in der Ferne am Ufer des Flusses Rauch aufsteigen. Dort mußte also die Furt, dort mußte das Lager der sechs tungusi- schen Jäger sein.

Der Anblick gab ihnen neue Kräfte und schien selbst ihre Rosse zu beleben. Aber auch ihre Verfolger verdoppelten ihre Anstrengungen.

Je näher sie dem Rauch kamen, desto sicherer wurde Scheminga ihrer Rettung. Plötzlich sah er zu seiner Freude, als sie einer Biegung des Flusses folgten, hinter einem Hügel seine sechs Genossen, Atunga an ihrer Spitze, ihnen entgegenkommen. Aber das Gefühl der Freude sollte sich bald in eine neue Besorgnis verwandeln.

Mit wenigen Worten berichtete ihm Atunga, daß an der einzigen Stelle, wo der Übergang über den Fluß möglich war, eine ansehnliche Schar chinesischer Soldaten unter dem Befehl eines Mandarins auf einem Streifzug vom Amur her lagerten. Die Tungusen sowohl wie die Mandschus waren allerdings dem Kaiser von China tributpflichtig und gehörten somit zu seinen Schutzbefohlenen. Aber die chinesischen Statthalter mengten sich selten in die innern Angelegenheiten oder die Streitigkeiten der Nomadenstämme, es sei denn etwa in der Rolle des Adlers, welcher die Beute der streitenden Falken für sich nimmt, und niemand konnte wissen, ob und welche Partei sie in dem vorliegenden Fall ergreifen würden. Es war daher am besten, den Streit auszumachen, ehe man in den Bereich ihrer Entscheidung kam. Die kurze Beratung führte zu einem einstimmigen Entschluß. Die Mandschu-Reiter kamen nicht in einen geschlossenen Haufen, sondern je nach der Güte und Ausdauer ihrer Pferde einzeln oder zu zweien und dreien herangejagt. Es galt, sie aufzuhalten, bis das junge Ehepaar den Fluß passiert oder die Zusage des Schutzes von dem Anführer der chinesischen Streifkorps erlangt hatte. An der Spitze der Mandschus ritt ein einzelner Krieger, drei Reiter folgten ihm in der Entfernung von etwa fünfhundert Schritten. Von der kleinen Schar der Tungusen trennten sich zwei, während die anderen den Tojon und sein junges Weib, die ihre Pferde in langsamerem Gang verschnaufen ließen, weiter in der Richtung des chinesischen Lagers begleiteten.

Die beiden Tungusen, den gespannten Bogen in der Hand, stellten sich dem heransprengenden Mandschu in den Weg und geboten ihm halt. Doch der Mann war ein mutiger und kräftiger Krieger, er schwang drohend seinen Speer und galoppierte weiter, bis ein Pfeil den Hals seines Pferdes durchbohrte und dieses ihn zu Boden warf. Alsbald waren seine zwei Genossen an seiner Seite und es entstand, halb zu Pferde, halb zu Fuß, ein Handgemenge zwischen den fünf Kriegern, bei dem die drei Mandschus schwer verwundet, der eine der Tungusen aber erschlagen wurde. Der zweite, mit mehreren leichten Wunden bedeckt, flüchtete, verfolgt von den zunächst ankommenden Reitern, seinen Gefährten nach.

Auf einen Wink Atungas lösten sich nochmals zwei der jungen und entschlossenen Dongis von der kleinen, ihren Weg unbeirrt verfolgenden Gruppe und eilten ihrem verwundeten Kameraden zu Hilfe.

Die Zahl der herbeisprengenden und sich zum Angriff auf sie sammelnden Mandschus betrug gerade das Doppelte, sechs, aber die Rosse derselben waren ermattet und ungelenk, und als daher, nachdem man in kurzer Entfernung Pfeile gewechselt und gegenseitig zwei oder drei Verwundungen an Leuten und Pferden erzielt hatte, die Tungusen mit ihren frischen und ausgeruhten Pferden sich auf ihre Gegner warfen, trieben sie diese trotz ihrer Überzahl in die Flucht, und kamen erst ihrerseits ins Gedränge, als der Haupttrupp der Nachzügler seinen Gefährten zu Hilfe kam. Damit war freilich ihr Schicksal entschieden, denn nachdem sie zwei ihrer Gegner getötet und vier andere kampfunfähig gemacht hatten, unterlagen sie der Übermacht und wurden alle drei erschlagen.

Der Kampf hatte jedoch nicht allein dem Tojon und seinen Gefährten Zeit gegeben, vorwärtszukommen, sondern auch die Aufmerksamkeit der Chinesen erregt; denn man sah etwa dreißig wohlbewaffnete Reiter derselben von ihrem Lagerplatz aufbrechen und langsam näherkommen.

Ihre Ankunft mußte freilich dem ungleichen Kampf und der Verfolgung ein Ende machen, aber die Entfernung war doch noch zu groß, als daß die Tungusen eher mit ihnen hätten zusammentreffen können, als die wieder auf der Verfolgung begriffenen Mandschus sie erreichen mußten.

Der Tojon übersah die Gefahr und sein Entschluß war gefaßt. Indem er das Anerbieten seiner beiden letzten Genossen, allein sich nochmals den Feinden gegenüberzustellen, verwarf, umarmte er neben ihr hersprengend die junge Frau, empfahl ihr, vorwärtszureiten und auf die Ausdauer der Stute sich verlassend die Furt und das andere Ufer zu gewinnen, wo sie in Sicherheit sei, und ermunterte seine beiden Gefährten alsdann, mit ihm den ungleichen Kampf zu wagen.

Die Mandschus, noch zehn kampffähige Männer an der Zahl, zauderten, sich auf die drei Kämpfer zu werfen, da sie die furchtbare Kraft der Streitaxt des Tojon bereits erfahren; aber der Gedanke an den Schimpf, der sie erwartete, und die Besorgnis, von den chinesischen Soldaten sich ihre sichere Beute entrissen zu sehen, ließ sie selbst die Furcht vor dem jungen Helden überwinden, und mit wildem Kampf geschrei stürzten sie sich auf die drei Reiter, die nun allein auf die Gewandtheit ihrer Pferde und die Kraft ihrer Arme sich angewiesen sahen.

Der Tojon hatte keine Zeit, sich um seine Gefährten zu bekümmern, denn er allein sah sich sofort von fünf Reitern angegriffen. Da er nicht mehr im Besitz seines Bogens war, hatte er keinen derselben aus der Entfernung unschädlich machen können und mußte nun ihren Anprall aushaken. Die einzige Waffe, die er führte, da er auf der Flucht selbst den Jagdspeer von sich geworfen, war die treue Streitaxt. Indem er sich selbst auf den nächsten Reiter warf, trennte er mit einem einzigen Hieb seiner Axt den erhobenen Vorderarm desselben von dem Ellbogen, daß die Schneide noch tief in den Oberarm drang.

Er selbst erhielt dabei durch einen der Speere eine Streifwunde am linken Oberschenkel.

Als Antwort tötete er das Pferd seines Gegners. Von diesem Augenblick an wußte er nur wenig, was geschah. Er fühlte, daß er in dem Knäuel von Menschen und Rossen, in dem er sich befand, wie ein Rasender um sich schlug und daß er selbst mehr als einmal verwundet wurde. Dann erhielt er mit dem stumpfen Ende einer Axt einen Schlag gegen den Kopf, der ihm die Sinne schwinden machte und ihn vom Pferde warf. –

Als der Tojon wieder zum Bewußtsein kam, bemerkte er Atunga, seinen Pfeilbruder, neben sich knieen, mit Hilfe eines Schamanen mit der Anlegung eines neuen Verbandes um seinen Kopf beschäftigt. Er lag auf einem Binsenlager vor einer Filzjurte, um ihn her bewegten sich mehrere fremde Tungusen, Männer und Weiber, und unter ihnen erblickte er zwei seiner anderen Gefährten bei dem gefährlichen Brautritt, gleich ihm in allerlei Binden von Tier- und Schlangenhäuten gewickelt und mit Amuletten zur Heilung ihrer Wunden behangen.

In einiger Entfernung weideten unter ändern Pferden die Stute Melilbi und Mesrur, das Geschenk des Mongolen-Khan. Auf seinen unwillkürlich ausgestoßenen, ihr wohlbekannten Ruf kam die Stute herbeigetrabt und leckte ihm das Gesicht.

Aber vergeblich schaute er sich nach einem Zeichen von der Anwesenheit Tungilbis, seines Weibes, um.

Ohne eine Frage an seinen Waffengefährten zu tun, versuchte er sich aufzurichten, aber ein stechender Schmerz in Arm und Bein belehrten ihn, daß er hier verwundet und hilflos sei.

Atunga richtete ihn empor, während auf seinen Wink der Schamane sich entfernte.

Jetzt, da der Platz, auf dem er lag, eine erhöhte Lage hatte, bemerkte er, daß er sich an dem linken Ufer des Abagitu befand, desselben Flusses, dessen Furt sie gesucht hatten und zwar der Stelle gegenüber, an der die chinesische Streitmacht gelagert und in deren Nähe der letzte Kampf stattgefunden hatte. Aber der Platz war leer, keine Spur mehr von den Chinesen zu sehen – ebensowenig von seinen Feinden, den Mandschus.

Er wandte fragend das Haupt nach dem Freunde.

»Wo sind die Langzöpfe?«

»Fort!«

»Und die Krieger Tolga Khans? Hat mein Bruder sie alle erschlagen?«

»Die Langzöpfe haben zehn von ihnen nach ihrer Heimat zurückgeschickt, damit sie ihre Wunden heilen und dem Khan erzählen, wie schwer die Hand Schemingas fällt.«

»Allein?«

»Allein!«

Der Tojon zögerte offenbar, nach dem Gegenstand zu fragen, der ihm doch am meisten am Herzen lag. Endlich ermannte er sich.

»Rufe Tungilbi, mein Weib, zu mir!«

Der Tunguse wollte die Frage nicht hören.

»Scheminga Tojon«, sagte er, »hat viel Blut verloren; er hat lange geschlafen. Mein Bruder weiß vielleicht gar nicht, daß wir heut den sechsten Tag zählen, seit wir uns mit den Mandschus geschlagen.«

Aber einmal entschlossen, sein Schicksal zu erfahren, wiederholte der Tojon nur seine Frage: »Wo ist Tungilbi, mein Weib?«

Diesmal war die Aufforderung zu direkt, um unbeachtet bleiben zu können.

Der Tunguse wies traurig nach Osten. »Fort – die Tergezin haben sie mit sich genommen!«

Der Tojon stieß ein Gebrüll aus wie der Tiger, den er vor kaum zehn Tagen getötet.

»Wie? die Hunde haben es gewagt?«

»Sie hatten die Übermacht. Die Khanum selbst, als sie dich in Gefahr sah, hat ihre Hilfe und ihr Einschreiten angerufen. Die Reiter des Langzopfs trennten uns, als wir um unser Leben fochten, und führten uns vor den Mandarin. Er entschied, daß die Dolgi über ihr Gebiet, die Mandschus über das Gebirge in die Steppe zurückkehren sollten. So hat man alle hierher gebracht, zu denen der Todesgott noch nicht getreten war. Ich war der einzige, der unverletzt geblieben.«

»Aber mein Weib?«

»Die Mandschus haben gesagt, daß Scheminga Tojon sie ihrem Vater gegen seinen Willen geraubt. Der Mandarin hat sie mit sich genommen, bis das Recht des Gatten oder des Vaters entschieden sei.«

»Aber du hast ihre Spur verfolgt und weißt, wo sie geblieben sind?«

»Atunga kannte seine Pflicht«, sagte einfach der Tunguse. »Sind wir nicht Pfeilbrüder? Was ist das beste Weib gegen das Leben eines Mannes wie Scheminga Tojon? Im schlimmsten Fall kann der Langzopf sie in Jurten Tolga-Knans zurückgesandt haben und die jungen Krieger der Dulegat werden sie wiederholen. – Ich habe die Wunden meiner Freunde gepflegt, bis am dritten Tage Donki vom Tagaun der Kutschida in diese Gegend kamen und mir beistanden. Wenn der Tojon geheilt ist, werden wir die Spur seines Weibes suchen.«

In der Tat hatten die Chinesen sorgfältig alles vermieden, was als ein Eingriff in die Rechte einer oder der anderen Völkerschaft hätte betrachtet werden können, und die Eigentumsrechte selbst so weit geachtet, daß auch das Roß der Khanum den Tungusen zurückgegeben wurde. Nur die junge Frau selbst hatten sie mit sich geführt, wie der Mandarin erklärte, bis zur Entscheidung des Urteils über sie.

Der Tojon mußte sich damit trösten, daß er nach seiner Genesung sein Anrecht auf sie geltend machen werde. Aber leider vergingen Wochen, ehe er unter den Beschwörungen des Schamanen und den besser wirkenden gewöhnlichen Heilmitteln seines Freundes von den schweren Wunden so weit hergestellt war, daß er seine treue Stute wieder besteigen konnte. Dann versäumte er keinen Augenblick, um nach den chinesischen Grenzforts aufzubrechen und nach dem Schicksal seines Weibes Erkundigungen anzustellen. Doch vergeblich war alles Bemühen – niemand wollte von einer gefangenen Frau etwas wissen, und selbst die Anwesenheit jenes Streifkorps wurde mit den tausend Ausflüchten und Winkelzügen geleugnet, welche die chinesische Politik im Großen wie im Geringen kennzeichnen. Vergebens zog er monatelang in den Grenzgebieten umher – selbst die Hoffnung, daß Tungilbi ihrer Familie zurückgegeben worden oder freiwillig zu ihr zurückgekehrt sei, erwies sich als trügerisch; denn der in das Läger Tolga-Khans abgesandte Späher brachte die Nachricht zurück, daß dieser ebensowenig von seiner Tochter wußte und diese vielmehr in der Jurte des Tungusenhäuptlings glaubte.

Zuletzt blieb nichts übrig als die Überzeugung, daß die schlauen und hinterlistigen Chinesen absichtlich jede Spur ihrer Gefangenen unterdrückt und sie wahrscheinlich als Sklavin in das Innere des unermeßlichen Reiches geschleppt hatten.

Von dieser Zeit an wurde der Tojon ein erklärter und gefährlicher Feind der Chinesen und schloß sich den Moskowiten an, die schon damals ihr Gebiet immer weiter nach Süden und Osten auszudehnen suchten.

Er nahm im Laufe der Zeit andere Weiber und zeugte mit ihnen Söhne und Töchter, aber die Erinnerung an Tungilbi Khanum blieb immer wach in seinem Herzen. Das erste Füllen, das Melilbi, die Stute, die sie auf der Flucht getragen, von dem turkestanischen Hengst warf, sandte er mit sicheren Boten als Geschenk an den hochherzigen Sultan der Chalchas und erhielt von ihm mit dem Beklagen seines Unglücks ein reiches Gegengeschenk von kostbaren tibetanischen Waffen und Stoffen – aber von Tungilbi Khanum fehlte jede Nachricht.

Siebzehn lange Jahre waren vergangen seit jenem Brautritt, als die Hand Gottes mich, den Fremdling, der in weitentlegenem Lande geboren war, an die Ufer des Schilka führte und in wunderbarer Weise dem gereiften Manne das Glück seiner Jugend noch einmal zurückbringen ließ. – Wéra Tungilbi, mein süßes Kind, reiche mir die Teeschale, denn meine Kehle ist trocken von der langen Erzählung.«

Der Tungusengreis war, obschon der Holowa französisch gesprochen, doch dem Heldengesange seiner Jugend mit oft gezeigtem Verständnis gefolgt und hatte die einzelnen, ihm durch die Namen bezeichneten Stellen mit Nicken und Handbewegungen begleitet. Während der Erzähler sich an der ihm von seiner Enkelin, der Namensschwester der unglücklichen Khanum, gereichten Teeschale erquickte und der Gelehrte mit seinem jungen Freund und dem Verbannten einige Bemerkungen über die eben gehörte abenteuerliche Erzählung und Sittenschilderung austauschte, benutzte die junge Sibirianka die Unterbrechung zur weiteren Verfolgung ihrer Absichten.

»Ich fühle, daß ich das Blut Tungilbi-Khanums, deiner tapfern Geliebten, in mir habe, Amenikan«, sagte sie schmeichelnd zu dem Greise, »und nicht zögern würde, mit dem Mann meiner Wahl einen gleich gefährlichen Weg zu machen. Aber Christenmädchen, Väterchen, verkauft man nicht gegen einen Schurun. Es ist Sitte, daß sie selbst dem Mann den Ischi, die Mitgift, bringen, und ich habe noch immer keine solche. Deine Herden gehören deinen Enkeln von den andern Frauen.«

Der Greis spielte mit zitternden Fingern in ihren Locken. »Hab' ich dir nicht das Erbe deiner Mutter gegeben, die bunten Steine, nach denen die Langzöpfe so lüstern sind?«

»Du hast sie mir versprochen, aber sie gehören mir noch nicht. Ich kann nicht nehmen, was nicht mein ist. Warum schenkst du mir sie nicht, wie die Sachen da, die du mir mitgebracht hast?«

»Ich bin gekommen, sie dir zu geben. Scheminga wollte das junge Angesicht Tungilbis noch einmal sehen, ehe er sein Haupt unter die Gräser der Steppe legt. Das nächste Juani Angani wird einen alten Tojon nicht mehr unter den Lebenden finden!«

»So schenkst du mir den Beutel mit den Steinen?«

»Ich schenke ihn dir! er ist dein eigen!«

Die Augen der jungen Sibirianka funkelten und sie warf einen spöttischen stolzen Blick auf den Verbannten, der diesen wohl sah, obschon er noch nicht wußte, um was es sich handle, da die Schmeicheleien des Mädchens an den Greis in tungusischer Sprache gemacht waren, die es jedoch jetzt wechselte.

»Ich danke dir, Väterchen. Mögest du noch lange zur Freude meiner wilden Vettern auf der Steppe wandeln, statt unter ihrem Rasen zu ruhen. Wéra Tungilbi wird deiner nicht vergessen. – Siehst Du, Diadiuszki«, wandte sie sich zu dem Holowa, »Väterchen hat mir meinen Ischi geschenkt – nun sei auch du artig und gib mir etwas, das mir einen Mann verschafft.«

»Närrisches Kind! als ob dir nicht ohnehin alles gehörte, was ich besitze!«

»Nein, ich will ein ausdrückliches Geschenk!«

»Was denn?«

»Gib mir den alten Elefantenkopf da oben!«

»Den Mammutschädel? Schau, das Mädchen ist nicht dumm! Der Uprawitel hat mir schon hundert Rubel dafür geboten.«

»Hundert Rubel?« rief eifrig der Professor. »Der Kerl ist ein Spitzbube, ich gebe mit Vergnügen fünfhundert!«

»Nein, gelehrter Herr«, sagte Wera in komischem Zorn. »Sie dürfen mir den Handel nicht verderben. Nun, Väterchen?«

»Wenn es dir eine Freude macht, Wera, mein Liebling, mit Freuden!«

Das Mädchen küßte ihn. »Sie haben es alle gehört«, sagte sie mit spöttischem Triumph, indem sie eine rundgefüllte Ledertasche aus ihren Kleidern zog und zugleich auf den Mammutschädel wies, »meine Väterchen haben mir dies als Heiratsgut geschenkt! Nun, gelehrter Herr, wenn Sie den Schatz da oben haben wollen, müssen Sie mich heiraten!«

Der Gelehrte starrte die kecke Brautwerberin verblüfft über die Brille an und wurde puterrot im Gesicht, während die andern in ein heiteres Lachen ausbrachen. Nur der Verbannte warf ihr einen ernsten Blick zu, denn er kannte jetzt den kostbaren Inhalt des Ledersacks und begann das kecke Spiel zu ahnen.

»Unsinn! was redest du da, Wéra Tungilbi! weißt du nicht, daß sich das nicht schickt für ein Mädchen? – Sie setzen den Herrn da in Verlegenheit.«

»Michael Iwanowitsch, kümmern Sie sich nicht um mich. Ich fürchte, ich weiß manches durch Sie, was sich für ein Mädchen nicht schickt. Warum wollen Sie mich hindern, eine gute Partie zu machen – da Sie ja doch selbst verheiratet sind?«

Der Verbannte zuckte zusammen bei diesem Stich. Er hatte bisher nicht gewußt, daß dieser Umstand aus seinem Leben seiner kecken Schülerin bekannt sei und ihn vorhin nur flüchtig im Gespräch gegen den Lord in englischer Sprache erwähnt, die das Mädchen doch nicht verstand.

»Sie werden Ihren Großvater unnütz besorgt machen, Wéra Tungilbi«, sagte er mit gerunzelter Stirn. »Es ist besser, Sie lassen ihn uns noch seine zweite Geschichte erzählen, die mich bekehren soll! Nach dem »Brautritt in der Steppe« zu schließen, können wir vielleicht ganz Interessantes zu hören bekommen. Wie nennst du deine zweite Geschichte, Gospodin?«

»Wenn sie einen Namen haben soll,« sagte der alte Franzose höflich, aber ernst, »so könnte ich sie vielleicht nennen: Die Russen am Amur

Der Professor, der sich noch immer von seiner Verlegenheit nicht ganz erholt und in der Stille verschiedene, fast verliebte Seitenblicke bald auf das junge schöne Mädchen, bald auf den alten kahlen Mammutschädel geworfen hatte, zog geschwind wieder seine Schreibtafel, um sich Notizen zu machen.

Aber es sollte heute nicht zu der Erzählung der Geschichte kommen; denn ehe der Holowa sich noch bereit machte, zu beginnen, wurde die Tür hastig aufgerissen, und Wind und Schneeflocken mit sich bringend, trat in seine Pelze gehüllt einer der Katorgi herein.

»Was ist's, Iwan, was willst du ungerufen?« frug streng der Holowa.

Der Verurteilte, der, wie man bei dem Licht sah, den furchtbaren blauen Stempel auf Stirn und Backenknochen trug, grüßte demütig.

»Gott und die Heiligen seien mit dir, Väterchen! Du mußt eilig kommen mit Deiner Medizin. Der Schweigende hat seinen Unfall wieder und ich fürchte, er vergeht ohne die heiligen Sakramente.« Die Mitglieder der kleinen Kolonie sprangen erschrocken empor. »Nummer Neunhundertundachtzig, sagst du?«

»Ja, Väterchen. Er rollt die Augen wie ein gestochenes Renntierkalb und der Schaum steht ihm wie Schnee vor dem Mund!«

»Der Unglückliche!« Der alte Franzose lief rasch nach seiner Kammer und kam bald mit einem kleinen Medizinkasten unter dem Arm zurück, während Wéra Tungilbi seinen Renntierpelz vom Holzpflock an der Wand genommen hatte und ihn jetzt darin einhüllte.

Der Verbannte hatte sich gleichfalls erhoben und dem Lord bedeutet, dasselbe zu tun.

»Dürfen wir mitgehen, Holowa?«

»Du weißt, daß es verboten ist, Fremde zu den »Unglücklichen« zu lassen.«

»Aber dieser Herr ist ein Arzt, er hat Medizin studiert auf den deutschen Universitäten, und kann vielleicht besser helfen als Deine einfachen Hausmittel; denn viel Gescheites gibt die Regierung nicht.«

Der alte Kolonie-Vorsteher bedachte sich einen Augenblick, aber der Fall war dringend.

»Dann mag es geschehen – ich will die Verantwortung auf mich nehmen, denn ich möchte dem armen Mann gern helfen. Kommt!«

»Sie werden eine interessante Persönlichkeit sehen«, flüsterte der Verbannte dem Engländer zu. »Tun Sie wenigstens, als wären Sie ein Arzt, und Sie dürften einiges hören, was Sie über die russische Justiz aufklären wird.«

Er folgte mit dem jungen Viscount dem bereits eilig Vorangegangenen.

Der Professor befand sich jetzt mit dem alten Tungusenhäuptling und dem schönen Mädchen allein an ihrem Tischende und bereitete sich auf eine galante, seine Gelehrsamkeit in das beste Licht stellende Anrede vor. Aber Wéra achtete seiner nicht, sondern schien in tiefem Nachsinnen, aus dem sie plötzlich emporfuhr. »Meinen Baschlik, Mutin! er hängt hinter Dir.«

Der junge Kosak, der schon zuviel getrunken, starrte sie mit gläsernen Augen an.

»Aber Herrin, Goldengel, wo willst du hin?«

Sie stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Kümmert's Dich? Gehorche!«

Der junge Unteroffizier brachte schwankenden Schrittes demütig den pelzgefütterten Baschlik.

»Öffne die Tür!«

»Gospodina, bedenke – das Wetter!«

»Paschol!«

Er öffnete die Pforte – draußen tobten Wind und Schnee – in ihre Renntierfelle gehüllt, von den Flocken überweht, schliefen an den Wänden wie Murmeltiere die Jakuten.

Das Mädchen huschte hinaus in Eis und Schnee, während der gelehrte Professor mit offenem Munde ihr nachstarrte.

Eine Tranlampe verbreitete ein mattes Licht in der engen, schmutzigen Jurte.

Auf einem Lager von festgestampfter Erde mit einer alten Filzdecke belegt, halb von einem Bärenfell verhüllt, lag in den Zuckungen der schrecklichen Krankheit der Unglückliche, der am Morgen des Tages einen so traurigen Abschied von dem wandernden Geistlichen genommen hatte.

Mit den geringen Erfahrungen, welche ihnen zu Gebote standen, versuchten der Holowa und der Warnak die Gewalt des Anfalls zu brechen, indem der Erstere dem Leidenden, der mit weit aufgerissenen, starren Augen in Krämpfen zuckte, ein Fläschchen Salmiakgeist unter die Nase hielt und einige Tropfen Rum ihm durch die festgeschlossenen Zähne einflößte – der Andere ihm mit Gewalt die krampfhaft geschlossenen Hände und gebogenen Glieder zu öffnen und zu biegen suchte, wobei er seine Bemühungen von Zeit zu Zeit mit dem Schlagen des griechischen Kreuzes über sich und den Leidenden unterbrach.

»Der Teufel soll meine Mutter reiten«, sagte der Warnak, der sich vergeblich in Schweiß gearbeitet, endlich mit einem jener schrecklichen russischen Flüche, die nicht allein von dem rohen Volk, sondern selbst von den Gebildeten ohne Bedenken gebraucht werden, »ich könnte einen Bären erwürgen, und der Kerl, der sich nur in Haut und Knochen noch schleppt, läßt sich nicht einmal einen Finger biegen. Aber er ist ein Schismatiker, ein Ketzer, er hat heute von dem falschen Weihwasser getrunken, und der Teufel ist mächtig in ihm!«

»Schäme Dich, Iwan«, zürnte der alte Holowa, »den Unglücklichen mit Teufelswerk in Verbindung zu bringen, bloß weil er ein Katholik ist. Bin ich's etwa nicht auch? – Aber da sind Sie ja – wenn Sie wirklich ein Arzt sind, Herr, so helfen Sie, denn unsere gewöhnlichen Mittel wollen diesmal nicht verfangen, der Anfall ist zu stark und wird ihm noch das Leben kosten!«

Die Anrede galt dem jungen Engländer, der mit dem Verbannten bereits seit mehreren Minuten hinter ihnen stand und die Szene schaudernd betrachtete.

Der Lord nahm bei der Anrede mit Gewalt seine Fassung zusammen und riet, was Verstand und Beobachtung ihm sagten.

»Lösen sie vor allem dem Unglücklichen die Halsbinde, Sie sehen ja, daß das Gesicht ganz blau von dem Blutandrang geworden ist. Haben Sie Senfspiritus zur Hand?«

»Senfspiritus? – nein, Herr! Hier ist Salmiakgeist, ein Brechmittel, Rhabarber und Fieberrinde, das ist alles, was die Regierung liefert oder was wir haben.«

»So geben Sie den Salmiakgeist her. Wir müssen den Unglücklichen auf Brust und Rücken damit einreiben. – Sie tragen ein schwarzes Seidentuch um den Hals, Sir! wollen Sie es mir erlauben, einen Versuch damit zu machen?«

Der junge Lord hatte sich erinnert, von diesem Hilfsmittel gelesen zu haben.

Der Verbannte nahm sein Tuch ab, während der Katorgi dem Kranken das Hemd von grobem Wollzeug herunterzustreifen suchte.

Der Anblick, der sich darbot, war grauenvoll.

Der Leib des unglücklichen Verurteilten war hager und glich eher einem mit Haut überspannten Skelett. Aber diese Haut zeigte, Streif an Streif, auf Brust und Rücken in tiefen Vernarbungen die Spuren einer jener schrecklichen Mißhandlungen, wie sie in der russischen Justizpflege noch heute gesetzlich sind.

Der Lord begriff erst nicht, was diese tiefen roten Narben zu besagen hatten.

»Um Himmelswillen, der Ärmste sieht aus wie tätowiert!?« Der Verbannte lachte. »Wie, Mylord, Sie waren ein Jahr Gesandtschaftsattaché und sollten nicht wissen, was diese Zeichen bedeuten?«

»Unmöglich! – es sind doch nicht –«

»Stockprügel und Knutenhiebe! nun ja, was sonst? Der Bursche ist ein Pole und wird sie sich wahrscheinlich als Lohn einer Meuterei geholt haben!«

Der Lord wandte sich mit Unwillen von dieser kalten Gleichgültigkeit. Er nahm das schwarze Seidentuch und deckte es über das Gesicht des Leidenden. Zugleich strich er sanft über die Pulse seiner Handgelenke.

Schon wenige Augenblicke darauf zeigte sich eine fast wunderbare Wirkung. Die Zuckungen ließen nach und hörten allmählich gänzlich auf – die Glieder erhielten ihre natürliche Biegsamkeit wieder und es gelang dem Katorgi, die Hände des Kranken zu öffnen.

Die eine hatte krampfhaft in der Höhlung einen kleinen Gegenstand verborgen, der bei der Öffnung auf den Boden rollte. Nur der Verbannte und der Engländer bemerkten es; der Erstere setzte den Fuß darauf und hob ihn dann auf, während der Holowa und der Warnik sich mit dem Kranken beschäftigten.

Dann winkte er den Lord zu der Lampe und betrachtete an ihrem Licht den Gegenstand.

Es war ein eiserner Siegelring.

»Lassen Sie uns sehen«, sagte der Russe, »ich glaube, wir werden hier die Lösung des Rätsels und der Nummer finden. – Richtig – das ist die Umschrift »Królestwo polskie« – Königreich Polen! – mit dem trotzigen einköpfigen Adler und darunter – ha! fast dachte ich mir's! Kommando des 9. Regiments – und hier im Innern die Buchstaben P.W. – so wahr der Teufel meine Seele holen möge – es ist der Oberst Wysocki, von dem man nichts wieder gehört, seit er nach der Festung Akatuga gebracht wurde!«

»Wysocki – ich erinnere mich dunkel des Namens!

War er nicht ein tapferer Offizier und einer der Führer des Aufstands von 1830?«

»Sagen Sie, der Revolution! – So ist es! Peter Wysocki war vor 1830 Leutnant und Vorsteher der Divisionsschule zu Warschau und eines der Häupter der Revolution. Als Oberst des 9. Regiments wurde er im Sturm von Warschau am 7. September 1831 bei Verteidigung der Schanzen von Wola verwundet, geriet in russische Gefangenschaft und wurde nach Petersburg gebracht. Hier wurde er nach langer Untersuchung zum Tode verurteilt, durch die Gnade des Zaren aber zu lebenslänglicher Arbeit in den Minen von Nertschinsk bestimmt. Ich habe dort gehört, daß er 1833 dahin kam, mit ihm mehrere der anderen polnischen Narren, die glaubten, ihre Sensen könnten den russischen Kanonen Trotz bieten, oder Frankreich und England hätten etwas anderes für sie als Versprechungen! Genug, man ging mit ihm in den Bergwerken nicht schlimmer um als mit andern, ja, ich habe mir sagen lassen, daß man ihn selbst mit Rücksicht auf seinen Rang und seine Persönlichkeit behandelte. Aber für Wysocki war die Lage dennoch unerträglich, und da keine andere Aussicht war, sie zu ändern, so dachte er an Flucht. Die Schwierigkeiten einer solchen sind aber, namentlich für politische Gefangene, fast unüberwindlich, und nicht jeder hat das Glück und die Ausdauer PiotrowskisAnspielung auf die berühmt gewordene Flucht, die der polnische Emigrant Rustin Piotrowski aus der Jekaterinki'schen Kolonie im Guvernement Tobolsk im Juli 1845 unternahm, und die derselbe über Archangel und petersburg fast ganz zu Fuß bis Königsberg in Preußen, wo er nach jahresfrist eintraf, mit einer übermenschlichen Ausdauer ausführte.. Indessen fand er Gesinnungsgenossen, die das Wagnis teilen wollten, und da niemand die Wege durch die Gebirge kannte, so vertrauten sie sich einem Bauern an, der sie für eine gute Belohnung zu führen versprach, sie auch abholte und an einen bestimmten Ort brachte, dann aber umkehrte, sie verriet und Soldaten herbeiführte. Nach einem wütenden Kampfe, in dem Wysocki verwundet wurde, wurden sie alle gefangen zurückgebracht. Wysocki als der Anführer erhielt 1500 Stockhiebe. Ein Augenzeuge der scheußlichen Exekution erzählte mir, daß man ihn leblos ins Lazarett getragen. Nun, hat doch der Priester Sierocinski bei der Exekution in Omsk bei viertausend noch geatmet, und erst die letzten dreitausend zählte man seinem Leichnam oder vielmehr den fleischentblößten Knochen auf! Wysocki wurde wirklich geheilt und nach seiner Genesung brachte man ihn nach der Festung Akatuga, wo nur unverbesserliche Verbrecher hingeschickt werden und wo man aufs grausamste mit ihnen verfährt. Hier mußte er die schwersten Handarbeiten leisten. Dort erkrankte er, wie ich hörte und mich jetzt überzeugt habe, an der Epilepsie, die ihn in Folge jener Mißhandlung befallen; er sprach nie ein Wort, war düster und finster, vermied selbst die Gesellschaft der andern Gefangenen und Mißtrauen gegen die ganze Welt beherrschte seine Seele. Sein stolzes, feuriges Herz war gebrochen, nicht durch die Verurteilung nach Sibirien, sondern durch die entwürdigenden Stockschläge.«

»Und wann wurde das entsetzliche Verbrechen an einem tapferen Mann verübt?«

»Verbrechen?« sagte höhnisch lachend der Verbannte. »Sibirien würde niemals bevölkert werden, wenn nicht die strengsten Strafen auf jeden Fluchtversuch ständen. – Aber um Ihre Frage zu beantworten, Mylord, es muß im Jahre 1837 oder 38 gewesen sein.«

»Barmherziger Gott – so hat er seine Leiden 23 lange Jahre mit sich herumgetragen? Aber wie kam er hierher?«

»Ich hörte vor dreizehn oder vierzehn Jahren, daß er nach Irkutzk versetzt sei. Er muß seitdem in die Posilienie begnadigt worden sein und hier treffen wir mit ihm zusammen. Schade, daß ich nicht eher die Überzeugung gewann, aber wie gesagt, er sprach nur selten ein Wort und hielt sich von allem fern.«

Sie hatten das an der andern Seite der Jurte in englischer Sprache verhandelt; ihre Aufmerksamkeit wandte sich jetzt wieder den Leidenden zu.

Der Anfall schien vorüber; als der Holowa das Tuch erhob, sah man die Augen des Dulders geschlossen – die bläuliche Farbe des Gesichts wich einer dunklen Röte und dicke Schweißtropfen perlten von seiner Stirn. Dem Krampf war nicht die gänzliche Erschlaffung der Kräfte, sondern, gefährlicher als das, ein Fieberparoxysmus gefolgt.

Der Mund hatte sich geöffnet, der Kranke streckte, wie befehlend, die rechte Hand vor.

»Dort – dort – aus dem Pulverdampf! da kommen sie! Vorwärts, brave Kassyniere, mäht sie nieder, wie die Halme der Ernte, die sie zertreten. Feuer, Burschen – Feuer auf sie! Da – der Grünrock dort auf dem Pferd – Dummkopf, daß du fehlst! Mir her die Büchse! – Ich kenne ihn wohl, den Teufel – Oberst Apraxin, der Helena verführte! Fahre zur Hölle/ Schurke! – Zgie Polska!« Der gellende Ausruf des Phantasierenden machte die Hörer erbeben. Die Glut des Fiebers hatte den Ärmsten zurück auf die heldenmütig verteidigten Schanzen von Wola geführt. Aber ebenso rasch wechselte in seinen wüsten Träumen das Bild.

»Bes poszczadi! – ja, ich kenne das Wort«, brüllte er, »Schlagt zu – trinkt mein Blut – armweit auseinander, der rechte Fuß vor! armselige dumme Schergen der Tyrannen, die ihr nicht einmal zu schlagen versteht! Pokrepsze! pokrepsze, Schurken!«

Er schwieg erschöpft – ein Schauer überrieselte die verkümmerte Gestalt, dann wich die Röte und eine tiefe wachsartige Blässe überzog das eingefallene Gesicht.

»Heilige Jungfrau«, flüsterte der Holowa, »so hab' ich ihn noch nie gesehen; nach den Anfällen trat sonst jedesmal eine tiefe Ruhe ein – er lag wie tot!«

»Mir scheint, er wird bald auch jetzt so liegen«, flüsterte der Verbannte, »aber in Wirklichkeit. – Sehen Sie – er kommt zu sich!« Der Kranke öffnete die Augen und sah um sich. Aus seinem Blick war die gräßliche Starrheit des Krampfes verschwunden, aber auch nichts von Fieberglut belebte ihn – er war nur unendlich matt und anfangs erstaunt.

»Wo bin ich – was ist geschehen – ich – ich war krank, sehr krank!« »Du hast einen Anfall gehabt, brat«, sagte mitleidig der Holowa, »ungewöhnlich stark diesmal, aber es ist, Gott und den Heiligen sei Dank, glücklich vorbei und du wirst dich bald erholen. Wéra Tungilbi soll dir ein Süppchen kochen – ich befreie dich für die nächste Woche von jeder Arbeit!«

Der Pole lächelte schmerzlich. »Gott wird es tun – ich fühle es in meiner Brust – aber Dank dir, Holowa, du bist ein braver Mann, auch wenn du ein Russe geworden bist!« Er reichte ihm mühsam die abgezehrte Hand.

»Schlaf, brat!« bat freundlich der alte Franzose, »wir wollen gehen, damit du die nötige Ruhe findest. Iwan soll bei dir wachen. Das ist ein englischer Doktor hier – ein vornehmer Herr – er wird dich morgen wieder besuchen.«

Der Unglückliche schüttelte leise den Kopf. »Sein Gang wäre vergeblich«, flüsterte er, »ich fühle, daß es vorbei ist mit mir, ich sterbe!«

»Das wolle Gott nicht! – Aber es ist doch ein Trost für mich, daß der heilige Mann gestern bei uns war. Hast du die Absolution empfangen und den heiligen Leib?«

»Den Leib des Herrn? nein, nur denen, die vergeben, wollte er ihn reichen«, rief heftig der Kranke, indem er sich auf seinem Arm aufzurichten versuchte, »und ich sollte vergeben meinen Henkern, ich, dem Russenzar mein zertretenes Vaterland? – niemals!«

»Um der Heiligen willen, Mann, sprich nicht so!« bat der Holowa. »Es sind fremde Ohren hier und du weißt, daß schlimme Strafe steht auf solcher Schmähung.«

Der Pole lachte bitter. »Ihre Strafe, was kümmert sie mich noch? – aber sagtest du nicht, daß ein Engländer hier sei – ich hörte von dem Fremden –«

»Dieser Herr, den Wéra mit Gottes Hilfe aus dem Buran gerettet, ist ein vornehmer Herr, ein Lord!«

»Dann schnell, schnell – hier, Iwan, Mensch, scharre die Erde weg unter meinen Kopf. Sie ist gefroren, nimm dein Beil!«

»Was soll das?«

Der Kranke achtete der Frage des Vorstehers nicht, während der Warnak in der Tat seiner Anweisung folgte; er wandte sich zu den beiden andern Männern.

»Wer will einem Sterbenden den letzten Dienst leisten?« frug er französisch.

»Ich!« sagten beide.

»Nein – du nicht, Nummer Zwölfhundertvier! Du bist ein Russe, du verrätst dein eigen Vaterland und hast kein Gewissen. Ihr Name, Herr?«

»Frederick Walpole, Viscount von Heresford!«

»Sie kehren nach Europa zurück?«

»Ich bin auf dem Wege dahin!«

Der Kranke stieß mit ungewöhnlicher Kraft den Warnak zurück, der die Erde aufgebrochen hatte und in dieser zu wühlen begann. »Nein – nicht du!« Er griff mit seiner hagern zitternden Hand hinein und zog nach einigen Momenten ein kleines briefförmiges Paket, in Renntierhaut gehüllt, hervor.

»Wollen Sie das Testament Peter Wysockis, des Obersten des 9. Regiments, an die polnische Emigration in Paris bringen?«

»Halten Sie ein, Mylord, ich darf es nicht leiden!« rief der Holowa, »und du, Unglücklicher, schweig! Wie kannst du wagen, deinen Namen vor allen zu nennen?«

»Die Stunde ist da, wo ich ihn vor dem Throne Gottes deinem Zaren entgegendonnern kann! – Zurück, Holowa! – Wie ich vor zehn Jahren von einem unglücklichen Landsmann hörte, lebt ein Sohn meiner jüngsten Schwester, Graf Oginski! – also ihm oder dem Fürsten Czartoryski! – Wollen Sie schwören, Herr?«

Der Lord zögerte einen Augenblick. »Wenn es die Behörden dieses Landes mir nicht mit Gewalt entreißen – mein Wort darauf!«

»Klauseln! Klauseln! und ich habe es mit meinem Blute geschrieben – ein Geheimnis – das Vermächtnis an mein Land –« stöhnte der Kranke, das Päckchen krampfhaft an seine Brust pressend, als wolle er es dort schützen.

»Gib es mir, Oberst Wysocki!« sagte eine feste frische Stimme. »Ich schwöre dir, meine Hand wird es an seine Adresse geben oder vernichten!«

»Du?«

Der Sterbende sah mit funkelndem Auge auf die Sprecherin, zu der erstaunt sich die Zeugen des Auftritts gewendet.

Es war die junge Sibirianka, die zwischen ihnen stand.

»Du – Wéra – wie kannst du –?«

»Ich schwöre es dir, Oberst Wysocki – ich werde in Paris sein, ehe ein Jahr vergeht, und das Testament in ihre Hände geben!«

Der alte Holowa brach stöhnend zusammen auf einen Schemel und streckte die Hände aus, »Kind, unglückliches Kind – du willst mich verlassen?«

»Ich werde! – willst du?«

Der Pole reichte ihr mit schwerem Arm das Paket. »Ich kenne dich – du wirst deinen Eid halten! Gott segne dich!«

»Ich glaube nicht an ihn! Frage dein Vaterland – dein eigen Los!«

Der Sterbende richtete sich krampfhaft empor und streckte den Arm nach oben. »Und dennoch lebt er – dort! dort! Seine Hand wird kommen, wenn auch noch so spät! – Zgie Polska! zgie Polska!«

Der letzte Ruf erstarb zwischen seinen zuckenden Lippen – er fiel schwer zurück auf das Bett von gefrorner Erde – er war tot!

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