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Abenteuer der sieben Schwaben und des Spiegelschwaben

Ludwig Aurbacher: Abenteuer der sieben Schwaben und des Spiegelschwaben - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Aurbacher
titleAbenteuer der sieben Schwaben und des Spiegelschwaben
publisherHermann Schaffstein Verlag in Köln am Rhein
printrunElftes bis dreizehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061121
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Abenteuer des Spiegelschwaben

Wie die sieben Schwaben auseinandergehen und der Spiegelschwab sich zu dem Allgäuer gesellt

Des andern Tages saßen zu Überlingen im goldenen Kreuz in aller Früh schon die beiden Steinbrüderle, der Blitzschwab und der Spiegelschwab, bei einem Känntle gutem Kesperwassers beisammen; denn der Wein von gestern hatte ihnen den Magen ganz wund gefressen, und den wollten sie damit wieder heilen. Der Gelbfüßler war schon über Berg und Tal; der Nestelschwab hatte sich auch schon fortgemacht zu seinem Müetterli; der Knöpfleschwab flackte noch im Bett und schnarchte so laut, man glaubte ein Mühlrad zu hören; der Allgäuer war im Heimgarten bei den Ochsen im Stall. Also konnten die zwei traulich miteinander schwätzen, und es irrte und engte sie niemand. Sie sprachen aber von der Rückreise, und welchen Weg sie nehmen wollten. Der Spiegelschwab sagte: »Über Memmingen geh' ich nicht.« Der Blitzschwab aber sagte: Das sei der nächste Weg nach der Grafschaft Schwabeck, und er müsse eilen, um dem Kätherle auf die Kirbe zu kommen. Und er redete dem Spiegelschwaben zu, daß er zu seinem Weib heimkehren sollte. »Lieber zu des Teufels Großmutter,« sagte der. Und er trank ein Gläsle – eben nicht auf ihre Gesundheit. Der Blitzschwab hatte redliches Bedauern mit ihm, und er sagte: »Es muß ja freilich ein leidiger Stand sein um den Ehestand, wenn die Uhr nicht auf Eins steht.« »Jawohl,« sagte der Spiegelschwab; »und vollends, wenn die Uhr gar auf die böse Sieben sieht!« – Indem sie noch so sprachen, trat der Allgäuer in die Stube. Zu dem sagte der Spiegelschwab: »Allgäuer, ich geh' mit dir.« »Bygost!« sagte der Allgäuer, »und ich geh' mit dir; so gehen wir alle beide miteinander.« Nach einer Weile aber fragte er den Spiegelschwaben: »Aber los'; wie halten wir's mit der Zehrung?« Denn er wußte wohl, daß der Spiegelschwab einen Magen hatte, wie einen Schwamm, und daß es ihn immer durste, wie einen Bürstenbinder. Der Spiegelschwab sagte: »Brätst du mir die Wurst, so lösch' ich dir den Durst.« So war's dem Allgäuer recht; und sie schlugen ein. Darauf nahmen sie Abschied; und der Spiegelschwab sagte: er solle ihm sein Kätherle grüßen; und der Blitzschwab entgegen: er solle fein einkehren, wenn er des Wegs käme. – Also, wem's recht ist, der gehe mit; und wem's nicht recht ist, der halte sie nicht auf.

Es möchte einer die Nase reiben.
Man soll die Zeit besser vertreiben.

Wie der Spiegelschwab und der Allgäuer nach Kostnitz kommen, und was sie allda treiben

Wir gehen dem Bodensee nach,« sagte der Allgäuer; »dann kommen wir ans Gebirg, und dann können wir nimmer fehlen.« »Los, Brüderle, was ich dir sagen will,« sagte der Spiegelschwab; »wollen wir nicht vorerst noch ein Bißle auf und über das deutsche Meer? Die Gelegenheit ist gar kommlich, und wir haben sie nicht alle Tag'. Auch sagt der Seehaas, es liege dort jenseits eine Stadt, die heiße Kostnitz; da dürfe man nur fragen: Maul, was willt? so habe man's, wie im Schlarauffenland; und was die Hauptsache sei, sagt er: es kost nits, wovon eben die Stadt den Namen habe.« »Bygost!« sagte der Allgäuer, »recht wär's schon, wenn's nur auch wahr wär'.« »Probieren können wir's ja,« versetzte der Spiegelschwab, »das Probieren kost nits.« – Also fuhren sie mit dem Marktschiff nach Kostnitz; und das erste Wirtshaus, das ihnen in die Augen fiel, war der blaue Bock, und sieh da! auf dem Schild stand geschrieben: morgen ist alles zechfrei. »Bygost! sagte der Allgäuer, »diesmal hat der Seehaas nicht gelogen.« »'s ist nur schad,« sagte der Spiegelschwab, »daß wir um einen Tag zu früh gekommen.« Also kehrten sie beim blauen Bock ein. Abends, als sie die kleine Zeche bezahlten, fragte der Spiegelschwab den Wirt: »Mit den Worten auf Eurem Schild hats doch seine Richtigkeit?« »Ja,« sagte der Wirt, »ein Mann, ein Wort!« So saßen sie denn, wie angepicht, den ganzen folgenden Tag, und zechten vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein, der Worte eingedenk, die auf dem Schilde zu lesen waren. Und der Wirt und die Wirtin gingen fieißig zu und von, und hatten ihre Freude an den Zechbrüdern, und zumal auch an des Spiegelschwaben seinen Schnacken und Schnurren. Als ihn der Wirt fragte, warum sie nach Kostnitz gekommen, ob vielleicht dem großen Teufel zu Ehren? antwortete der Spiegelschwab: Ja; denn, sagte er, es sei gut, daß man sich allerorts gute Freunde werbe. Auf die Frage: ob sie auch nach Schaffhausen wollten, zum großen Herrgott, versetzte der Allgäuer: Nein; denn, sagte er, wir Schwaben haben selbst, bygost! einen schwäbischen Heiland, und brauchen keinen schweizerischen.

Es zogen Gimpel über den Rhein,
Und kamen wieder als Gimpel heim.

Wie der Spiegelschwab die wahrhaftige Geschichte von der schwäbischen Hasenjagd erzählt

Unter anderm kam denn auch die Rede auf die schwäbische Hasenjagd, von der die Mähr bis über das Meer gedrungen war. Man erzähle sich dies und jenes davon, sagte der Wirt, und wenn er's offen bekennen wolle, eben nichts, was den Schwaben sonderlich zur Ehre gereiche. Das könne und wolle er ihm treulich berichten in Wahrheit, sagte der Spiegelschwab; denn er und sein Geselle seien eben selbst dabei gewesen. »Wißt also,« fuhr er fort, »daß der Teufel sich vorgenommen hat, zum Spaß, die Menschen in Furcht zu jagen und ihren Mut auf die Probe zu stellen. Und er nahm die Gestalt eines Hasen an; versteht, eines Untiers in Hasengestalt, und er war so groß und fürchterlich, daß es nicht zu sagen ist. Erstlich ließ er sich in Wälschland sehen, wo er ohnehin oft Geschäfte hat. Die Wälschen aber nahmen Reißaus nach allen Seiten hin und ließen dem Teufel das Feld. Da dachte sich der Teufel: Nun will ich's bei den mutigen Deutschen versuchen; und er kam nach Schwabenland, wo er wußte, daß die Tapfersten unter ihnen wohnen, und daß sie's, wie die Sage geht, selbst mit dem Teufel auf dem freien Felde aufnehmen. Die Schwaben, wie sie das Untier sahen, waren nicht faul, sondern sandten Boten nach allen Gegenden Deutschlands und verlangten, in des Reiches Namen,von jeglichem Volk das Kontingent. Also stellten sich Bayern und Österreicher, Franken und Sachsen, samt denen vom obern und niedern Rhein; nur die Schweizer blieben aus, die Kuhmelker, die Milchsuppen, die Käspantscher. An der Spitze aber marschierten wir, die Schwaben, sieben Mann hoch. Und wir stießen auf den Feind unweit Überlingen am Bodensee. Aber, sieh da! wie wir nun anrückten, wir Schwaben, in voller Hitze, immer vorwärts; da liefen indeß die übrigen alle davon, die Franken voran, drauf die andern, und die Österreicher deckten den Rückzug; und wir, die Sieben, sind mutterseelenallein zurückgeblieben und haben das Abenteuer bestanden, zum ewigen Ruhm der Schwaben. – Das ist die wahrhaftige Geschichte von der schwäbischen Hasenjagd; und wer's anders erzählt aus Mißgunst, der lügt, sag' ich. Und sagt's nur jedem, daß ich's gesagt habe, ich, der Spiegelschwab.«

Lügen ist sein sicherlich.
Doch verbergens etliche meisterlich.

Wie sie mit dem Wirt blinde Mäusle spielen um die Zeche, und wer sie bezahlen muß

Des andern Tages in der Früh, nachdem sie noch ein paar Seidel zu Gemüt genommen, schickten sie sich endlich zum Aufbruch an und sie sagten zum Wirt: »Schönen Dank für die höfliche Bewirtung!« »Ist meine Schuldigkeit gewesen,« sagte der Wirt, »aber mit Verlaub! « setzte er hinzu, »laßt nun sehen, was eure Schuldigkeit sei.« Und er ging zur Schreibtafel und rechnete. »He!« rief der Spiegelschwab, »was wär' denn dies? Was sieht denn auf Eurem Schild?« »Ein Bock,« sagte der Wirt lachend, »der die Leute blau anlaufen läßt.« »Aber die Worte drunten?« »Ich steh' zu meinen Worten: Morgen ist alles zechfrei, – aber nicht heute, nicht nächten und vornächten. Verstanden?« »Bygost!« sagte der Allgäuer, »merkst du nun, was die Kreide gilt?« Der Spiegelschwab aber dachte sich: Schalk muß mit Schalk gefangen werden; und er hatte alsbald seinen Einfall, den er dem Allgäuer ins Ohr raunte. Beide nahmen sofort ruhig ihre Beutel heraus und kläpperten damit, als hätten sie was; und der Spiegelschwab sagte dem Allgäuer: »Laß, ich will schon bezahlen.« »Bygost!« sagte der Allgäuer, »die Ehr' laß ich mir nicht nehmen – ich will bezahlen.« So stritten sie eine Weile miteinander. Da sagte endlich der Spiegelschwab zum Wirt, der ihnen die Schuldtafel wies: »Ihr seht schon, wir beide können uns nicht vertragen, allein von wegen der Ehre; da wird's nun schon am besten sein, daß das Los entscheide. Wißt Ihr was? Um zum Kehraus noch einen Jux zu haben, wollen wir girigingelen oder blinde Mäusle spielen; wen Ihr ertappt, der zahlt – damit Punktum!« Der Wirt ließ sich den Spaß gefallen und die Augen verbinden; die beiden zogen ihre Schlarfen aus, und nun ging's in der Stube husch auf und ab, 'rum und 'num. Bald war der Allgäuer zur offenen Tür hinaus; und der Spiegelschwab, nachdem er noch ein und den andern Schuß getan, schlich ihm nach, lugte aber noch zum Guckerle hinein, um zu sehen, welche Sprüng' und Griff' der blaue Bock mache. Indem trat die Wirtin zur Tür herein; der Wirt rannte auf sie zu und rief: »Du mußt bezahlen.« – Der Schwabenstreich ward nun kundbar; der Wirt wollte den Strolchen nach, aber die Wirtin sagte: »Laß die hungrigen Schwaben laufen! Haben sie uns doch von dem Hasen befreit, dem Untier, das zuletzt noch unsere Kinder und Rinder aufgefressen hätte.« So kamen beide ohne Kosten aus Kostnitz und fuhren mit dem Marktschiff wohlgemut nach Lindau über.

Wer will in der Welt verbleiben,
Der muß List mit List vertreiben.

Wie der Spiegelschwab in Lindau sich für einen Wurmdoktor ausgibt

Lindau heißt das deutsche Venedig. Stadt und Wasser sind zwar um vieles kleiner, als die wälschen; aber lieblich ist's doch dorten, und schön und groß. Absonderlich wenn man am Hafen steht; da wimmelt's von Menschen, und es kommen hier Leute zusammen aus allen Weltgegenden, sogar aus der Schweiz. Da dachte der Spiegelschwab: hier wäre gut sein, wenn man nur Geld hätte. – Not lehrt beten und noch etwas anderes. – Kurz, er hatte den Einfall, einen Wurmdoktor zu spielen, um zu Geld zu kommen. Der Allgäuer, dem er seinen Plan anvertraute, schüttelte zwar den Kopf und meinte, man könnte sie ertappen auf dem Betrug. Jener aber sagte: Dafür solle er nur ihn sorgen lassen; »und kurzum: mundus vult,« sagte er; »glaub's mir nur, Allgäuer!« »Ich muß wohl,« sagte der Allgäuer, indem er in seinem leeren Täschle umher stürte. Also sammelten sie auf der Straße fleißig, was sie an Trockenem und Nassem fanden, und das eine, das Pulver, verteilten sie in kleine Paketlein, und das andere, die Latwerge, taten sie in einen Tegel, den sie hatten mitgehen lassen. Des andern Tags wurde denn die Bühne auf dem Hafendamm aufgeschlagen; der Spiegelschwab zeigte sich als ein Doktor, in Mantel und Barett, und mit einem Knebelbart geziert, den er einem schwarzen Bock ausgerauft; der Allgäuer aber, der den Hanswurst spielte, war mit einem groben Kotzen angetan, wie ein Fätschenkind, und sah schier aus wie der steinerne Steffel von Ulm. So bestiegen sie beide die Bühne, und der Hanswurst schrie aus: »Allhier sind zu haben allerlei wunderbarliche Mittel,« und sagte dann eine ganze Litanei von Wehtagen und Lahmtagen her, die der Doktor, sein Herr, heilen könne. Und die Leute kamen herbei und kauften; und wenn sie ihn fragten, wofür? so antwortete er: für alles, nur könne er nicht aus alten Weibern junge machen; sonst, sagte er, wäre er freilich ein steinreicher Mann.

Halt nicht viel auf das Geschrei,
Denk, daß es oft erlogen sei.

Wie der Spiegelschwab den Lindauern wahrsagt, und welches Zeichen er ihnen stellt

Dumm sind die Leute genug, dachte sich der Spiegelschwab; also kann man's schon weiter treiben mit ihnen. Er rief also aus, daß er auch wahrsagen und einem die Planeten stellen könne. Der Leser muß aber wissen, daß er dies Handwerk schon längst getrieben hatte, und zwar mit dem besten Erfolg. Er hatte einen ganz einfachen Kunstgriff dabei; er prophezeite nicht Gutes. Wenn nun das Böse eintraf, so war's richtig; traf es aber nicht ein, so war's um so mehr recht. Und also setzte er sich weit und breit in den Ruf des besten Wahrsagers, und man ging zwar nur mit Zittern zu ihm, aber man kam doch. Die Lindauer, wie sie denn neugierige Leute sind, ließen sich auch hierin zum besten haben; und wie sie sahen, daß einer um den andern mit einem bedenklichen Gesichte wegging und den Kopf hängen ließ, so wurden sie immer mehr und mehr in der Meinung bestärkt, daß er's auf ein Haar treffe. Und nach und nach kamen alle Lindauer und brachten ihm ihre Bärenbatzen. Endlich dauerte es ihm zu lange – denn sein Säckle war gefüllt –, und er stand auf und sagte zu der Menge, die umher stand: »Eigentlich, liebe Leute, nutzt euch all mein Wahrsagen nichts; denn binnen heut und drei Tagen geht ohnehin die ganze Stadt Lindau zu Grund, mit Mann und Maus. Wollt ihr ein Zeichen haben? Das will ich euch geben. Ihr sollt's am Himmel sehen, und kein gewöhnliches; nicht etwa Feuer und Schwert, sondern, liebe Leute, einen leibhaftigen Fuchsschwanz.« Die Lindauer rissen Augen und Ohren auf und wußten nicht, was sie denken sollten. »Kommt nur«, sagte der Doktor, indem er von der Bühne herabstieg, »ihr sollt Wunder sehen.« Sie folgten ihm nach. Er blieb vor dem Hause eines Kürschners stehen, der einen Fuchsschwanz statt eines Schildes anhängen hatte. »Jetzt schaut,« sagte er zu den Umstehenden; »seht ihr nicht den Fuchsschwanz am Himmel?« Die Umstehenden schauten; es drängten sich andere nach, immer mehr und mehr, und sie sahen alle – daß sie gefoppt seien, und lachten einander aus. Inzwischen hatte sich der Spiegelschwab fein weggeschlichen und aus dem Staub gemacht. Die Lindauer aber sehen noch heutigen Tags den Fuchsschwanz am Himmel und halten für gewiß, daß ihre Stadt einmal zu Grund gehen wird.

Lügen und Trügen sind sehr wert,
In allen Künsten man sie begehrt.

Wie der Allgäuer den Lindauern die Zeche bezahlt für den Spiegelschwaben

Da der Herr entkommen, so wollten sich die Lindauer an den Diener halten. »Uf ihn! er ist von Ulm!« riefen sie allesamt. Und sie griffen und gerbten und walkten ihn an allen seinen Gliedern. Endlich gelang es ihm doch, sich von seiner Vermummung loszumachen; und da hätte man aber sehen sollen, wie der mit den Lindauern umging. Wie ein wilder Bär die Hunde, die ihn verfolgen, so schlenzte er den einen da-, den andern dorthin; alles arbeitete an ihm; er packte mit den Händen, er stieß mit den Füßen, er biß mit den Zähnen; er tat wie ein Besessener. So machte er sich Weg durch das Städtle bis an die Brücke; da nahm er noch zu guter Letzt ein paar arme Schächer, die ihn verfolgten, und warf sie links und rechts über das Geländer in den See hinab. Nun ließen ihn die Lindauer in Frieden fortziehen. – Außerhalb der Brücke erwartete ihn der Spiegelschwab, der mit Lust dem Spektakel von ferne zugesehen. Er tat aber, als hätte er nichts wahrgenommen, sondern er sagte bloß die Reime so vor sich hin, um den Allgäuer zu hetzen und zu hienzen:

Hänsle, lerne mir nicht zu viel,
Mußt sonst leiden und streiten viel;
Hätt' das Kälblein mehr Verstand,
Wär's nicht an die Wand gerannt.

Schlacht nicht mehr, als du kannst salzen,
Koch nicht mehr, als du kannst schmalzen;
Ist am Löffel auch kein Stiel,
Gott schenkt's jedem, wie er's will.

Der Allgäuer merkte gar wohl, daß der Geselle es auf ihn münze, aber er tat, als verstände er ihn nicht. Als ihn aber der Spiegelschwab, der das Utzen nicht lassen konnte, eine Weile hernach fragte: ob er die Zeche fein ordentlich bezahlt habe, da riß ihm das Geduldsäckle, und, indem er ihn beim Kragen packte, sagte er: »Ja, bygost! und ich will jetzt mit dir abrechnen.« Wie der Spiegelschwab merkte, daß jener Ernst machen wolle, zog er andere Saiten auf und sagte: Unter Brüdern nehme man's nicht so genau; und ein anderes Mal wollt er statt seiner bezahlen. Für dieses Mal ließ es der Allgäuer noch gut sein, besonders da ihm der Geselle die Batzen zeigte, die er eingenommen und die er brüderlich mit ihm teilen wollte. Und also zogen sie in Eintracht weiter.

Gewalt geht vor Recht,
Klagt mancher arme Knecht.

Wie der Allgäuer mit dem Spiegelschwaben nach Hindelang wandert, des Allgäuers Heimat

Der Spiegelschwab wollte von Lindau aus über Wangen und Isny nach Kempten wandern, weil er da überall bei seinen Vettern freie Einkehr nehmen konnte; und es ist auch schade, daß es nicht geschehen, inmaßen viel zu erzählen wäre von den Vögeln, die in diesen Nestern hocken und hecken. Aber der Allgäuer blieb dabei und ließ sich's nicht nehmen, längs den Bergen geraden Weges heim zu ziehen, obgleich dies ein Gelände ist, nicht viel besser, als die obere Pfalz, die bekanntlich dem Teufel gehört; und der Spiegelschwab hatte auch Zeit genug zu fasten und zu beten; er fluchte aber bloß. Endlich kamen sie in Sonthofen an. Hier, auf dem Calvariberg, angesichts des Grindten, verrichtete der Allgäuer seine Andacht; denn er hatte sich, bevor er mit den Gesellen das Abenteuer bestanden, dahin verlobt. Der Spiegelschwab lugte indeß in die Gegend hinaus, auf die hohen Berge hinein und auf die grünen Matten hinab, und es gefiel ihm wohl. »Jetzt ist's nicht schön,« sagte der Allgäuer; »aber am heiligen Kreuztag, wo das Vieh aus den Almen und da unten zusammen kommt, Ochsen und Kühe und Geißen und Schaf' und Böck', alles durcheinander, und eine Unzahl von Menschen: Bue'! da ist's schön!« »Das Ländle ist, mein Eid! nicht übel,« sagte der Spiegelschwab, »und ich möchte wohl da wohnen.« – Sie gingen weiter und kamen auf dem Weg vor einem Bauernhaus vorbei. Da saß auf der Bank ein alter Mann, der heinte. »Was fehlt dir, Uri?« fragte ihn der Allgäuer. »Ja,« sagte der, »der Ätti hat mich geschlagen, weil ich den Äni hab' fallen lassen.« Der Allgäuer tröstete das Kind und sagte, es werden dies wohl nicht die ersten Schläge gewesen sein. Und als sie weiter gingen, erklärte er dem Spiegelschwaben, wie sich das verhalte. Es lebe nämlich in dem Hause noch der Großvater, der sei hundert und zwanzig Jahre alt, und sein Enkel volle achtzig; und der Vater von hundert Jahren führe noch das Hausregiment. Der Spiegelschwab verwunderte sich drob und sagte: »So müssen die Leute bei euch steinalt werden.« »Es passiert so,« sagte der Allgäuer; »aber man muß eben darnach leben. Mein Vater ist schon ein Siebziger, und ist noch so rüstig, wie ein Vierziger.« »Wie hat er denn das angefangen?« fragte jener. »Das weiß ich just nicht,« antwortete der Allgäuer; »er tut nichts Exteres, sondern treibt's, wie andere Leut', nur daß er nichts trinkt, als Wasser.« Das sei es eben, meinte der Spiegelschwab; »Wasser! ja Wasser! wer nur Wasser trinken könnte!« »Bygost! das weiß ich just nicht,« sagte der Allgäuer; »mein Vater hat einen Bruder, der um ein Jahr älter ist, als er, und ist täglich besoffen.« »Kurios,« sagte der Spiegelschwab; »aber freilich: die Gaben sind verschieden.«

Uns ist beschieden dies und das,
Der eine ist trocken, der andere naß.

Die Geschichte von der Schlottermilch samt erbaulicher Nutzanwendung

Unter diesen Gesprächen kamen sie in Hindelang an. Die Gegend, wo der Ort liegt, ist so traulich und heimlich, wie ein Krippele. Der erste Schritt, den der Allgäuer in sein Haus tat, war in den Stall, um zu sehen, was der Laubi mache und der Lusti. Dann ging er in die Stube und grüßte Ätt' und Ämm'. Die Mutter setzte dem Büble sogleich eine Schüssel voll Schlotter auf, und brachte Brot und Geißkäsle und sagte zum Fremden: »Eßt mit!« und zum Vater: »Wie, Vater, lang' auch zu!« Und sie brockte ein, und sagte dann: »Jetzt laßt es euch schmecken!« Der Vater nahm hierauf den Löffel und rührte in der Schüssel den Raum unter die Milch, alles durcheinander. »Du kannst doch die Unfurm nicht lassen,« zankte das Weible; »was wird der Fremde denken?« Der Alte sagte: »Es ist mal so meine Gewohnheit; und seh' der Herr: um das Schlotteressen ist's eine ganz eigene Sache, und ich werd's dem Herrn erklären. Vorerst muß ich ihm aber die Geschichte erzählen, wie ich zu der Gewohnheit gekommen. Als ich bei dem Nachbauren drüben – Gott hab' ihn selig! – als Unterknecht einstund, wurde uns eben auch Schlotter aufgesetzt. Der Bauer nahm den Löffel und tat, als ob er das Kreuz machte über die Schüssel, sagend: Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes; und strich allen Raum auf seine Seite. Das verdroß mich, denn ich merkte, daß er aus Schalkheit und Geiz und Neid so tat, und die kann ich von meinem Leben nicht ausstehen – und ich nahm daher auch den Löffel und sagte: Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit! und rührte alles durcheinander. Seit der Zeit, so oft ich einen Schlotter mit Raum aufsetzen seh', fällt mir das Umrühren ein, und ich kann nicht anders, ich muß es tun. Der Herr wird mir aber recht geben, wenn er einmal in seinem Leben bemerkt hat, wie beim Schlotteressen alle menschlichen Leidenschaften aufducken und ins Spiel kommen. Schau er nur einmal Kindern zu; das furchtsame getraut sich kaum, einen tüchtigen Schub zu nehmen; das geizige raumt sein rechts und links ab, nur an seinem Orte nicht; das neidische frißt und schlampet an sich hinein, als wenn's nicht genug bekommen könnte; das zornige schlagt dem und jenem auf den Löffel und auf die Hand, der sie zu weit ausstreckt; aber keinem fällt's ein, dem andern einen guten Brocken zuzustecken, oder, wie unsere Hausmutter da, gar bloß zuzusehen, wie's schmeckt.« »Gott g'segn's!« sagte diese. »Es geht bei uns Großen auch so zu,« sagte der Spiegelschwab, »überhaupt in der Welt.« »Und darum ist's wohl gut,« sagte der Alte, »daß unser lieber Herr Gott auch alles so untereinander rührt; es gibt so weniger Streit und Händel, und mehr Zufriedenheit unter den Menschen.« »Oft nimmt er aber Einem den Raum ab,« sagte der Spiegelschwab, »und gibt ihm nur die pure Milch oder gar nur das Käswasser.« »So ist es dennoch sein Geschenk,« sagte der Alte, »und wir müssen eben vorlieb nehmen mit dem, was er uns aufsetzt.«

So geht's heut in der Welt zu,
Der Eine geht barfuß, der Andre tragt Schuh.

Wie der Splegelschwab zu einer neuen Gesellschaft kommt

Als sie einander Pfüttigott sagten, druckte ihm der Allgäuer noch einmal die Hand, so keif, daß ihm alle Knöchel krachten. »Krautskerl!« schrie der Spiegelschwab vor Schmerz und schlenzte die Hand. Der Allgäuer lachte und sagte: »'s ist nur ein Gruß von den Lindauern, den ich nachbringen wollte.« Also schieden sie als gute Freunde voneinander. Der Spiegelschwab schlug den Weg nach Kempten ein. Und er bekam bald wieder Gesellschaft. Denn vor Kempten begegnete ihm – rate einmal der Leser! – der Knöpfleschwab. Der arme Matz Latz als ihn alle seine Gesellen verlassen hatten, humpelte dem Blitzschwaben auf dem Wege nach Memmingen nach. Der lief aber so stark – die Sehnsucht nach dem Kätherle trieb ihn – daß er ihm nicht nachkommen konnte, sondern zurückbleiben mußte. Das schlimmste war, daß ihm das Geld ausgegangen war, so daß er schon seit zwölf Stunden kein gotziges Knöpfle mehr über das Herz gebracht hatte. Man konnte ihn nicht ohne Bedauern ansehen; seine Augen waren trüb wie alte Kirchenfenster; sein Bauch schlotterte in Falten wie ein leerer Blasbalg; der ganze Mensch wackelte daher, als gehe er auf Zaunstecken. In seiner Angst und Not, sagte er, habe er den Allgäuer aufsuchen wollen, verhoffend, er werde ihm helfen, daß er nicht Hungers sterbe, wie er ihm geholfen habe, daß er nicht in der Iller ersoffen sei. Der Spiegelschwab hatte Bedauern mit dem Gesellen, obwohl er überall so unmär war wie der Stockfisch am Ostertag; und er sagte: er solle nur gleich mitgehen; er wolle für ihn sorgen, und machen, daß er gut nach Haus komme. Niemand war froher als der Knöpfleschwab; denn er hoffte doch, einmal wieder satt essen zu können, eh er sterben müßte. Also kamen sie miteinander nach Kempten. Der Spiegelschwab aber, der denn alleboth dem Narren übers Säckle kam, sagte zu ihm: er habe in der Neustadt noch eine kleine Verrichtung, und der Geselle solle nur voraus und hinunter gehen in die Altstadt und Einkehr nehmen beim Wirt zum dummen Vieh. Das Haus liege am Weg, auf dem Schrannenplatz, links wenn man zum Tor herein kommt; er könne nicht fehlen.

Ist das Kätzlein noch so glatt,
Es doch scharfe Klauen hat.

Von einem Handel, den der Spiegelschwab angerichtet, jedoch wieder schlichtet

Auf dem Schrannenplatz, links, sah der Knöpfleschwab ein Haus, vor welchem ein Zeichen hing, er wußte nicht, was er daraus machen sollte. Er ging also hinein und machte die Stubentür auf, und fragte: ob man's hier »beim dummen Vieh« heiße. Ein dickbaucheter Mann saß am Tisch und trank soeben aus einer Kanten Bier. Er mochte die Worte nicht recht verstanden haben; er setzte ab und fragte: was gibt's? und setzte wieder an. Der Knöpfleschwab nahm die Kappe herab, und fragte lauter: ob man's hier »beim dummen Vieh« heiße? »Wart, Kalfakter!« rief der dicke Mann; »ich will dir das dumme Vieh weisen!« Und er lief ihm nach – nein; er konnte nicht laufen, so wenig als der Knöpfleschwab; aber es schien so, als wollten sie miteinander wettrennen, denn sie hielten so ziemlich gleichen Schritt. So kamen sie mitten auf den Platz. Da stand schon der Spiegelschwab. Der rief dem Wirte zu: »Wohin so hitzig, Gevattersmann?« »Der Halunk,« keuchte der Wirt. »Nehmt's nicht für übel,« sagte der Spiegelschwab ihm still ins Ohr; »ich wollte Euch durch diesen da nur meinen Gruß vermelden lassen.« Drauf wandte er sich an den Knöpfleschwaben und sagte: »Siehst du denn nicht, blinder Heß, den Ochsen da drüben im Schild? und ist der Ochs nicht ein dummes Vieh? Vieh dummes!« »Ja,« sagte der Knöpfleschwab, »aber du hast gesagt: links!« »Freilich links,« sagte der Spiegelschwab, »wenn man zum Tor herein kommt.« »Ja so!« sagte der Knöpfleschwab; und er tat dem Wirte Abbitte. Also wurden sie wieder gute Freunde, und sie gingen ins Haus, und tranken und aßen, und waren fröhlicher Dinge.

Scherzen mit Maßen
Wird oft zugelassen.

Zwei Stücklein aus der Chronik von Kempten und Memmingen

Der Leser muß aber wissen, daß die Altstadt Kempten gegen die Neustadt zu kein Tor hat, sondern nur eine offene Luke, worein die Stiftler ohne Aufhalt kommen können. Das schreibt sich aber von der Zeit her, sagt man, wo die Geiß den Torriegel abgefressen. Und das ist so zugegangen: Bei einem plötzlichen Überfalle der Stiftler steckte der Turner, da er den Torriegel vergebens suchte, einen Dorschen in die Klammer. Während er aber nun die Städtler zusammenblasen wollte, kam eine Geiß herbei und fraß den Dorschen ab, so daß das Tor angelweit aufsprang und dem Feind den Eingang öffnete. Das Tor wurde sofort niedergerissen und ist nicht mehr erbaut worden. Seit der Zeit besteht auch zwischen den Stiftlern und Städtlern Fried' und Einigkeit. – Also erzählt man; ob's auch so in der Kempter Chronik stehe, kann ich nicht sagen. Kurz: der Spiegelschwab spielte darauf an, so wie auf ein anderes Stücklein, als er den Wirt fragte: wie es mit dem Meisenfang gehe? Der Wirt zupfte ihn beim Ohrenläpple und sagte: »He, Gevattersmann!« »Aber erzähle mir doch,« sagte drauf der Wirt, »wie ist's denn mit dem GuckerKuckuck. Anspielung auf den bekannten Schwank mit dem Kuckuck, den die Schildbürger durch zwei Männer auf der Bahre aus dem Getreidefeld holen ließen, damit er ihnen nicht die Saat zertreten möchte. – Die Memminger schieben das Stücklein auf die von Ulm. gegangen in Memmingen?« »Davon weiß ich nichts; ihr müßt darüber die von Ulm fragen.« »Nu, nu!« sagte der Wirt, »dumm seid ihr Memminger auch genug, daß man so etwas von euch glauben könnte.« Und so neckten sie sich denn wechselseitig, wie es denn die Schwaben gern tun untereinander als gute Landsleute. – Das Stücklein will ich dir aber im Vertrauen erzählen, günstiger Leser, wenn du es nicht weiter erzählst. Dem Bürgermeister in Kempten ist einmal seine Meise ausgekommen; da ist alsogleich der Befehl ergangen, man sollte alle Tore schließen, und die Bürger mußten alle Straßen und Häuser durchsuchen, ob die Meise nicht zu finden sei. Und noch heutigen Tags, wenn ein Kempter einen Winkel durchsucht, sagt man, daß er die Meise fangen wollte. Darum werden die Kempter von ihren Landsleuten Meisenfänger genannt. – Für die Wahrheit dieser Geschichten will ich aber nicht gutstehen; wie man denn den Schwaben vieles nachsagt, was verstunken und erlogen ist. Aber sie haben zum Glück einen breiten Buckel und können's ertragen.

Es gibt in der Welt viel Lappen,
Denen nur abgeht die Narrenkappen.

Welchen Bericht der Spiegelschwab von seinem Weibe abstattet

Als sie sich nun bei einem Krug Bier gütlich taten, fragte der Gevattersmann, zum Zeitvertreib, nach dessen Weib, was sie mache, der Drache. Der Spiegelschwab, ob der Frage verstimmt, antwortete ergrimmt: »sie ist die alte, kalte, schlotterige, lotterige, schlampige, wampige, lumpige, plumpige Bettelvettel, wie sie immer gewesen, der Fegbesen. Mit jedem Jahr wird sie fieriger, schwieriger, hetziger, geschwätziger, ränkischer, zänkischer, polternder, folternder, häntiger, grantiger. Es ist wahrlich nicht mehr auszuhalten, mit ihr hauszuhalten; ihr ewiger Rumor verdirbt mir jeden Humor; ihr Rohsinn verscheucht mir allen Frohsinn; sie ist meiner Tage Plagmund und meiner Nächte Klagmund; meines Hauses Brandmal und meiner Nachbarschaft Schandpfahl; meiner Ruhe Mörderkeule und meines Friedens Martersäule. Sie ist der leibhafte Widerspruch und der leidhafte Gottversuch; schweig ich, so knurrt sie; red ich, so murrt sie; lach ich, so weint sie; scherz ich, so greint sie; trink ich, so schmollt sie; ess' ich, so grollt sie; geh ich, so bockt sie; bleib ich, so mockt sie. Ihr Übermut ist nicht zu zähmen und ihre Lästerwut nicht zu lähmen; das Schlagen mag sie nicht vertragen; das Schmeicheln nimmt sie für Heucheln; das Zanken will bei ihr nicht ranken; Bitten und Betteln heißt all Ansehn verzetteln, und Hoffen und Harren macht mich vollends zum Narren. Ich bin fürwahr ein bedrängter, gezwängter, gezähmter, gelähmter, gehetzter, zerfetzter, geplagter, verzagter, verzweifelter, verteufelter Ehmann und Wehmann.« »O armer Hans Urian!« sagte der Gevattersmann und lachte, daß ihm die Wampe wackelte und der Kopf nackelte.

Scharpfe Schwerter schneiden sehr,
Scharpfe Zungen noch viel mehr.

Wie der Spiegelschwab weiter wandert und nach Kaufbeuren kommt, und wie es ihm da wohlgefällt

Tags darauf wanderte der Spiegelschwab weiter fort gen Kaufbeuren. Außerhalb Kempten, bei Bärwangen auf der Steig, wenn man zurückschaut, da sieht es wunderschön aus, so daß die Sage geht: es habe der Teufel Christum den Herrn, als er ihn versucht, auf die Bärwanger Steig geführt, und habe ihm das Kempter Ländle versprochen; was wohl auch zu glauben ist. – Noch desselbigen Tags, spät am Abend, kam der Spiegelschwab in Kaufbeuren an, und zwar just zur Zeit, wo die Kaufbeurer alljährlich ihr Dinzelfest feiern. Da ziehen die Kinder, seltsam vermaschkeriert, mit Trommeln und Pfeifen und Fahnen und Hottos durch die Stadt ins Dinzelgehölzle, und da spielt und tanzt und schmauset man, und es geschieht den Kleinen zu Lieb und den Großen zu Gefallen. Und die kleinen Putznärrle sehen gar nett aus, und die größern Hexlein auch, die in der Rund' herum tanzen. »Da ist gut sein,« sagte der Spiegelschwab, »und da bleib ich, bis der letzte Sechsbätzner vertan ist.« Also, nachdem er des andern Tags dem Knöpfleschwaben den Scher-di-fort gegeben – denn er war ein wüster, käler Gesell und litt alleweil an der böhmischen Krankheit – da loschierte er sich beim Hirschwirt ein, und er zechte, was der Brief vermochte. Denn wie gesagt, es gefiel ihm über die Maßen in Kaufbeuren; es hauset da ein lustiges Völklein; sogar die Weber essen tagtäglich ihr Hühnle, und kurzum: es ist jahraus, jahrein Kirchweih daselbst. – Das wußte und tadelte an ihnen der Pfarrer von Ober-Beuren, und um seine Schäflein vor diesen Wölfen zu warnen, erzählte er ihnen noch an den letzten Ostern folgendes Märlein: Mir hat geträumt, ich stehe an der Pforte der Hölle. Und Luzifer kam heraus und eine Menge ihm untergebener Teufel. Und er sagte zu dem einen: fahr hin nach Ober-Günzburg und verführ mir dort die Menschen. Und du, sagte er zum andern, fahr hin nach Oberdorf und tue desgleichen. Und du nach Thingau – und du nach Kaufbeuren; und so schickte er sie alle fort, und verteilte sie, und befahl ihnen, sie sollten ihm Bericht geben von dem, was sie angestellt. Nach einer Weile kam einer nach dem andern zurück; und der Teufel von Ober-Günzburg sagte: ich habe sie zum Fressen und Saufen verführt. Und der Oberdorfer sagte: ich habe sie zum Diebstahl und Totschlag verleitet. Und so tat einer nach dem andern Bericht. Zuletzt kam auch der von Kaufbeuren. Zu dem sagte Luzifer: gib Bericht, was hast du getan? Der Teufel antwortete: Ich habe nichts getan, sondern bin auf des Turners Hausdach hinaufgeflackt und habe geschlafen. Darob wollte Luzifer ihn schier strafen. Der Teufel aber sagte: Die Kaufbeurer brauchen keinen Teufel; sie verführen sich einander selbst.

In solchem Wasser, merk es eben,
Pflegts keine andre Fisch zu geben.

Von Kaufbeurer Stücklein

Es wäre noch viel davon zu erzählen; aber schweig, Heinz! es mühet den Kunzen.

Schweigen ist ein edle Kunst,
Viel Waschen bringt Ungunst.

Wie der Spiegelschwab einem Franken begegnet

Nachdem der Spiegelschwab in Kaufbeuren alles verputzt hatte, bis auf ein Käsperle und ein Paar Bärenbatzen, so setzte er seinen Wanderstab weiter, und gedachte über Buchloe nach Meiringen zu gehen zu seinem Freunde, dem Blitzschwaben. Vor Buchloe, auf dem Bühel, da wo der berühmte Galgen steht – es ist eine gar schöne Gelegenheit und Aussicht – traf er einen Krächsentrager, der ausruhte. Der Spiegelschwab, wie er denn von leutseliger Natur war, grüßte den deutschen Landsmann, welcher dankte. Und auf Befragen, woher? und wohin? vernahm er, daß jener aus Ochsenfurt sei – ist ein Städtle in Frankenland, nicht weit von Schweinfurt – und daß er als Knecht eines Nürnberger Pfeffersacks hausieren gehe durchs Reich. Nun haben die Schwaben und Franken, als alte Gesippte, von jeher gern Gemeinschaft gehalten; und der Spiegelschwab, da er sich in so guter Gesellschaft befand, holte sogleich aus seinem Zwerchsack Brot, Würste und Branntwein hervor; denn er ging niemals leer, damit, wie er zu sagen pflegte, in der Hitze der Magen nicht leck würde und vollends ausliefe. Der Frank schwätzte viel, obwohl wenig Gescheites, wie seine Landsleute insgesamt zum Teil; und er ließ den Schwaben nicht zur Waschbank kommen. Da unterbrach ihn endlich der Spiegelschwab und fragte den Gesellen: ob er, mit Verlaub! ein Jud sei. Und als jener sich dessen aufs heiligste verschworen, sagte der: »Aus deiner Sprache zu urteilen, wenn du kein Jud bist, so bist du doch bei einem Juden zu Kost und Lehre gegangen.« Auch das leugnete jener. »Nun, so sag mir denn,« sagte der Spiegelschwab, »haben die Juden von euch Franken sprechen gelernt, oder ihr Franken von den Juden?« Jetzt verstand der Ochsenfurter den Spaß, und er sagte: »Ich glaub wohl, wir alle beide voneinander.« – Nach einer Weile fragte ihn der Spiegelschwab: welche Stadt wohl schöner sei, Augsburg oder Nürnberg? Jener antwortete: »In Franken sagen sie, es sei Nürnberg, in Schwaben aber sagen sie, es sei Augsburg. Denn jeder Hahn kräht auf seinem eigenen Mist.« Diese Rede gefiel dem Spiegelschwaben, und sie tranken auf die Ehren beider Städte.

Das passet zueinander
Wie Mausdreck und Koriander.

Wie der Spiegelschwab mit guten Landsleuten ein Galgenmahl hält

Während die beiden Gesellen noch so sprachen, kam des Weges von Buchloe her ein Sauschneider aus Filzhofen, der Bauern Bayerland. Der stand still und, indem er die Hände auf den Stecken und den Kopf auf die Hände stützte, lugte er nach den beiden, die oben unter dem Galgen saßen. Der Spiegelschwab trat ihm entgegen und besah ihn von vornen und von hinten. »Was lugst mich so an?« fragte der Sauschneider, »hast du noch nie einen Bayern gesehen?« »Wägerle sagte der Spiegelschwab, »es ist mir mein Lebtag noch nie kein Tier vorgekommen, das einem Menschen so ähnlich sieht.« Der Sauschneider wäre nicht faul gewesen, er hätte auf gut bayerisch Händel angefangen. Aber der Spiegelschwab sagte, indem er ihm mit der einen Hand tätschelte und mit der andern die Flasche vorhielt: »Tue stät, Männle! du verschüttest mir sonst das Tränkle.« Da, wie jener den Branntwein schmeckte, ließ er alsbald seinen Zorn, und er trank und gesellte sich zu den beiden. – Wie sie nun beisammen saßen, die drei Landsleute, erzählte der Spiegelschwab von seinen Wanderungen und seltsamen Abenteuern, was jene sehr belustigte. Dann, als er geendet, sprach er: »Ihr andern könnet uns andern wohl auch von ähnlichen Streichen erzählen.« »Ja wohl,« sagte der Frank; »aber wir sind nicht die Narren, daß wirs erzählen.« Und der Bayer sagte: »Komm nur zu uns ins Land und nach Weilheim, da kannst du der Streich' und Stück' fuderweise haben.« Also fätzten und trätzten sie einander, wie es eben unter guten Gesellen der Brauch ist. Und es war ein Geschwätz und Getratsch unter den Dreien, daß selbst die Fakeln, die um sie herum wühlten, und die Daheln, die über ihren Häupten saßen, einander nicht mehr verstehen konnten. Zuletzt, nachdem sie sich ewige Freundschaft gelobt, nahmen sie voneinander Abschied.

Allda mag niemand Gebietiger sein,
Es sei denn Schwab, Bayer oder Fränklein.

Wie der Spiegelschwab den fahrenden Schüler Adolphum vom Galgen errettet

Als hierauf der Spiegelschwab gen Buchloe hin fortging, da kam ihm eine Prozession entgegen, aber ohne Kreuz und Fahnen. Es wurde nämlich bloß ein Maleficant zum Galgen geführt. Wie verhoffte er aber, als er in dem armen Sünder den fahrenden Schüler Adolphum erkannte. Auf Befragen, was denn der Schächer verbrochen habe, erhielt er zur Antwort: Es müsse ein Spion sein, denn man habe Schriften bei ihm getroffen in einer unverständlichen Sprache, in der Meißner Mundart, die wahrscheinlich eine Spitzbubensprache sei; und man habe aber soviel daraus abgenommen, daß es über die Schwaben hergehe; und man habe daher den Schluß gefaßt, er wolle das Reich, das doch gut kaiserlich sei, an Preußen verraten; und folglich habe man das Urteil gesprochen, daß seine Schriften von Henkers Hand verbrannt, er aber selbst mit dem Strang hingerichtet werden solle, von Rechtswegen, wie's Rechtens ist. Der Spiegelschwab merkte gleich, es seien jene Schriften nichts anders gewesen, als eine Sammlung von Schwabenstreichen, und er faßte daher kurz und gut den Entschluß, den armen Teufel zu retten. Er trat zum Blutrichter und sagte: er sei der Scharfrichter von Memmingen, und er solle ihm die Ehre lassen, in Buchloe, dem berühmten Galgenort, auch einmal bei so guter Gelegenheit sein Handwerk ausüben zu können. Das wurde ihm sogleich erlaubt. Wie er nun den Schelm die Leiter hinaufführte, raunte er ihm ins Ohr: »Adolphe, mach dich zum Sprung bereit!« Indem nahm er unvermerkt sein Sackmesser heraus, und als er dem Schächer den Strick um den Hals tat, schnitt er die Schlaufe so weit durch, daß nur noch der Strick hielt, aber nicht mehr die Last daran. Im Augenblick also, wie er den armen Sünder von der Leiter warf, riß der Strick, und Adolphus fiel, und stand unten, wie eine Katz, auf seinen Vieren. Nach der Buchloer Galgengerechtigkeit ist aber jeder arme Sünder frei, der dem Galgen entrinnt; anderswo auch. Also ist der fahrende Schüler Adolphus durch des Spiegelschwaben List vom Galgen errettet worden.

Der ist weis und hochgelehrt,
Der alle Dinge zum besten kehrt.

Schutz- und Trutzrede des Autoris

Viele meiner Landsleute, die dieses lesen, werden es dem Spiegelschwaben nicht verzeihen können, daß er den Studenten vom Galgen befreit habe, den Spitzbuben. Diese Leute sollen aber wissen und verstehen, daß Spaß Spaß sei, und daß man nicht gleich Ernst daraus machen solle. Und überhaupt, ich sage meine Meinung frei, zum Trutz jener meiner Landsleute, daß es Jammer-Schaden ist, daß die köstliche Sammlung des fahrenden Schülers Adolphi von den Schwabenstreichen verbrannt und verloren gegangen ist. Denn wenn die Kunde von diesen Streichen einmal verschollen ist, womit wollen denn gute Landsleute einander aufziehen? und worüber sollen wir denn mehr lachen, als über uns selbst, die wir doch am besten wissen, was an uns ist? – Was aber die draußen anbelangt, die nicht aus dem Reiche sind, so haben sie den Schwaben wahrhaftiglich nichts vorzurupfen; denn es ist wohl weltbekannt, daß z. B. die Österreicher Fläscheltrager und Kostbeutel sind, und die Salzburger Stierwascher; daß die Schlesinger einen Esel gefressen, die Mähren eine Stutt' für ein Faß Bier angezapft, daß die Thüringer sich um eine Heringsnase geschlagen, und daß die Böhmen einen madigen Hund für einen Parmesan-Käs gegessen haben. Von denen, die weiter gen Norden zu wohnen, ist ohnehin nicht zu reden.

Wäscht eine Hand die andre fein,
So werden sie alle beede rein.

Wie der Spiegelschwab gen Landsberg zieht, und was ihm unterwegs begegnet

In Buchloe, wo er den Henkerlohn bis auf den letzten Batzen verzehrt, überlegte der Spiegelschwab, welchen Weg er weiter einschlagen sollte. Da gedachte er der Worte des Sauschneiders, und daß Bayerland ein Paradies sei für lustige und durstige Brüder; und er entschloß sich demnach, einen Abstecher dahin zu machen, und lenkte gerades Weges Landsberg zu. Weil er aber in Buchloe zu lang auf dem Stuhl gesessen, so fing es schon zu nachten an, als er den Stoffelsberg hinanstieg. Indem er nun so stät des Wegs fort schlenderte, gewahrte er seitwärts im Dickicht ein Feuer, um welches mehrere Leute herum flackten. Er ging näher hinzu, und sah nun, daß es Zigeuner waren, die hier ihr Nachtquartier hielten. Unter allem Volke war ihm dies das liebste, weil er wußte, daß von denselben etwas zu erlernen sei von Geheimnissen der Zauberei und Passauerkunst. Er machte sich daher zu ihnen und setzte sich ohne weiteres ans Feuer. Sie grinzten ihn an, und er tat ihnen ein Gleiches. So war die Bekanntschaft gemacht. Eine Alte, neben der er saß, wollte ihm wahrsagen aus der Hand; und sie prophezeite ihm, erstens etwas Gutes, sodann etwas Böses. Das ist auch also geschehen. Denn ihm gegenüber saß ein junges Zigeuner-Mädle, gar lieblich von Wuchs und Ansehen. Es funkelten ihr ein paar Augen aus dem Kopfe, wie zwei glitzernde Edelsteine, und die Korallen-Lippen mit den zwei Reihen von elfenbeinernen Zähnen spielten wunderlieblich auf ihrem nußbraunen Gesichte. Der Spiegelschwab hatte ein Herz wie Feuerschwamm, und es kam bei ihm gleich zum Brand. Er konnte sein Aug nicht abwenden von der Blitzhex', und sie spenzelten miteinander. Da sprang sie plötzlich auf, und sie winkte ihm, und er folgte ihr ins Dickicht hinein. Wie er sie aber eben packen wollte, packte ihn ein anderer von hinten und warf ihn, wie einen Holzblock, zu Boden. Es war ihm, als fühlte er Zähne in seinem Nacken. Und es war dem auch so; denn ein Enz-Melakgroßer, ungeheurer Fanghund (Enz == Erz in Zusammensetzungen; Melak: mit diesem Namen wurden große Fanghunde belegt, womit der rächende Volkswitz das Andenken an den französischen General Mêlac verewigte, der 1689 die Pfalz verwüstete). hatte ihn aufs feuchte Moos gelegt, so fest, als wäre er nie auf den Füßen gestanden. Der Schwab schrie um Hülfe. Aber die Blitzdirne lachte ihn aus; und sie wendete sich zu dem Zigeunerhauptmann, der nicht weit davon lag, und erzählte, was vorgegangen. Der lachte noch mehr. Und der Hund hielt Wache über ihm, wie über einem angeschossenen Wild; und er schnüffelte an ihm, auf und ab; und wie der Schächer sich rührte, so packte er ihn wieder am Genick und stieß ihm die Nase tiefer ins Moos. – Und so mußte denn der Spiegelschwab, auf dem Bauch liegend, unter Höllenangst, die lange, bange Nacht zubringen; und er hatte Zeit, über sich selbst und das menschliche Elend nachzudenken. Morgens ließen ihn Melak und der Zigeunerhauptmann los; aber er brauchte lange Zeit, sich selbst los zu machen vom Boden, an dem er angewachsen zu sein glaubte. Fromme Wünsche hat er den Heiden eben nicht nachgeschickt, kann ich euch sagen.

Trau keiner Tochter Eva's viel;
Sie treiben oft gar arges Spiel.

Wie der Spiegelschwab in Landsberg, der bayrischen Grenzstadt,einzieht, und wie der Zoller von ihm den Judenzoll fordert

Man erzählt: Unser Herr, als er die Welt durchwandert, sei auch nach der bayrischen Grenzstadt Landsberg gekommen. Da habe ihn der Zoller am Tor angeschrieen und gefragt: Wer seid's? woher kommt's? wohin wollt's? und was schafft's? Der Fremde habe gesagt: Ich bin Unser Herr, und will ins Bayerland, um meine Schafe zu suchen. Hierauf habe der Zoller gesagt: Da seid's auf dem unrechten Weg; hiesigs Land gibt's keine Schaf, sondern nur Säu. – Diese Geschichte wird erzählt, nicht etwa zum Spott der Bayern, sondern allein, weil sie mit ihren Säuen in alle Welt handeln, was ihnen denn weder Schaden noch Schande bringt. – Der Spiegelschwab wurde auch vom Zoller gefragt, wer er sei, und wohin und was er wolle. Der sagte: Er sei, salveni, ein Schwab, und er wolle ins Bayerland, eigentlich um erstens ein Weilheimer Stückle zu erfahren, und zweitens den Passauer Tölpel zu sehen, und drittens einen Münchner Bock zu trinken. Darauf der Zoller: Das möge er tun; aber vor allem, wenn er Einlaß wolle, müsse er den Judenzoll zahlen. »Kotzkutzakatzakralla!« sagte der Spiegelschwab, »meint der Herr etwa, ich sei ein Jud? Ich kann dem Herrn meinen christlichen Vorweis zeigen, wenn's der Herr haben will – –« Der Zoller sagte: Schwaben stecke einmal voll Judennester; von ihm wolle er's aber glauben, ungesehen, daß er ein Christenmensch sei, weil er so heidnisch fluchen könne; und er möge daher ungeschoren hingehen, wohin er wolle. Also ging er hin, wohin er wollte. Er kam aber nicht viele Schritt weit, so klingelte ihm schon die Glocke ins Ohr und zog ihn hinein. Da wollen wir ihn denn auch sitzen lassen.

Die Schwaben und das schlechte Geld
Führt der Teufel durch die ganze Welt

Wie es den Spiegelschwaben nach bayerischer Kost gelustet, und wie sie ihm schmeckt

Wenn ein Bayer in ein Wirtshaus kommt, so verlangt er vor allem Bier; ein Schwab aber will vorher essen und dann erst trinken; wie's auch natürlicher ist. Von jener seltsamen Gewohnheit der Bayern erzählt man sich aber außer Lands eine possierliche Geschichte. Es habe einmal, sagt man, ein Bayer von einer Fei erhalten, daß er drei Wünsche tun dürfe, die sie ihm erfüllen wolle. Da habe er sich zum ersten gewunschen: ein Bier; dann habe er sich zum andern gewunschen: ein Paar Bratwürstel; endlich, nachdem er sich noch eine Weile besonnen, habe er sich zum dritten und letzten Mal gewunschen: Bier gnue'. Also ist auch die Gewohnheit den Bayern geblieben, bis auf den heutigen Tag. Die Schwaben aber, wie gesagt, wollen zuerst essen, und zwar g'nug essen. – So tat denn auch der Spiegelschwab beim Glockenwirt zu Landsberg. Die Wirtin, eine Schwäbin, von Lametingen, fragte den Landsmann: was wender? Der Landsmann fragte entgegen: was hender? Jene drauf: »Ein Brenntsüpple oder Leberspätzle.« »Was noch?« »Wenn's Euer Beutel vermag,« sagte die Wirtin, »meine Kugel vermag alles. Frümmet nur an! Wender eppe einen Bettelmann?« »Nein,« sagte der Spiegelschwab unwillig. »Oder wender eppe Hasenbollen?« »Warum nicht gar Bärendreck!« »Oder wender sonst eppes von Knödeln, Nudeln oder Küecheln, oder einen Gogelhopf?« »Das alles kann ich auch zu Haus haben im Schwabenland; jetzt bin ich im Bayerland, und ich will bayersche Kost verkosten.« Drauf die Wirtin: »So könnt Ihr denn erstens haben ein Süpperl mit Schneckerl und Nockerl; Ihr könnt zweitens haben einen Semmel-, Zwespen- oder Hollerrötze; Ihr könnt drittens haben Dampfnudeln, bayerische, mit Hutzeltunk; Ihr könnt viertens haben bayerische Rübeln oder bayerisches Pulver; Ihr könnt fünftens haben ein Fotzmaul – –« »Bringt mir ein Fotzmaul,« sagte der Spiegelschwab. Das ist denn auch geschehen, und es war zwar gemein das Essen, aber gut.

Nudeln und Nocken,
Sterzen und Blenten
Sind der Bayern vier Elementen.

Wie dem Spiegelschwaben das bayerische Bier schmeckt, und was der Wirt ihm für einen Streich spielt

Nachdem der Spiegelschwab gegessen und sich das Maul abgewischt, rief er der Kellerin und verlangte ein Mäßle Bier. Die brachte es ihm in einem Krug, der ohne Luck war; denn sie meinte, er sei ein Schinder seiner Profession. Der Spiegelschwab, dies merkend, hatte schier Lust, ihr das Bier über den Kopf zu schütten. Er wollte es aber doch zuerst versuchen, ob es nicht Schad wäre um das Tränkle, wenn auch nur ein Tröpfle verloren ginge. Und er trank. Indem trat der Wirt herein. Den fragte der Spiegelschwab: von was man denn in Bayern das Bier mache? Der Wirt sagte: »Nun ja, von was denn, als von Hopfen und Malz.« »Bei uns, in Schwaben,« sagte der Spiegelschwab, »macht man's aus Weidenrütle und Hobelspän.« »Was!« sagte der Wirt, »das muß ja ein Malefiz-Gesöff sein.« Worauf der Spiegelschwab sagte: »Es schmeckt justement so, wie dies da.« – Diese Rede verdroß schier den Wirt; und er gedachte ihm auch eins anzuhängen, ließ sich's aber nicht merken. Nach einer Weile fragte er ihn, aus was Absicht er ins Bayerland reise. Und der Spiegelschwab sagte, wie zum Zoller: Aus keiner ander Absicht, als ein Weilheimer Stückle zu erfahren, und den Passauer Tölpel zu sehen, und einen Münchner Bock zu trinken. Der Wirt sagte: Mit einem Münchner Bock könne er ihm aufwarten; aber, um ein Weilheimer Stückle zu erfahren, müsse er selbst nach Weilheim gehen. Und er sagte: »Laßt Euch die Weile nicht lang sein, bis ich wiederkomme, und seht Euch einstweilen in der Stube um.« Das tat denn der Spiegelschwab; und es hingen schöne Bilder da, welche die Taten Till Eulenspiegels darstellten. Und eine Tafel aber hing unter ihnen, die hatte die Aufschrift:

Hier unter diesem Vorhang steht
Dein recht wahrhaftes Kontrafet;
Dies reich' ich dir zur Gabe dar.
Mach auf und schau, denn es ist wahr.

DerSpiegelschwab hob das Fürhängle auf,und er sah-ja,was sah er?– Den leibhaften Passauer Tölpel, mit der schönen Unterschrift:

Ich bin der Tölpel hübsch und fein.
Zu Passau bin ich nicht allein,
Werd' ausgeschickt in alle Land,
Darum bin ich so wohlbekannt.

Der Spiegelschwab ließ das Fürhängle gleich wieder fallen und schlich sich an den Tisch zurück. Aber der Wirt, der durch das Küchenfenstcr zugesehen, sagte: »Er ist nicht getroffen, der Tölpel; schaut dort in den Spiegel hinein, da sieht er ihm aufs Haar gleich.« Und er lachte den Schwaben aus, der kein Wörtle sagte. Drauf schenkte er ihm Bock ein, und der Schwab trank, und er sagte: »Sapredipix! Das wär' ein Tränkle!« »G'seng Gott!« sagte der Wirt. Und sie tranken einander Gesundheit zu.

Darnach Mann, darnach Quast,
Darnach Wirt, darnach Gast.

Von zwei schwäbischen Afterhelden, dem Mucken- und dem Suppenschwaben

Wie sie noch brüderlich miteinander zechen, kommt die Kellerin und sagt: es seien zwei Schwaben draußen, der Mucken- und der Suppenschwab; die wollten gegen Trinkgeld den Hasen zeigen, das Untier, das die neun Schwaben am Bodensee droben erlegt hätten. »Was?« rief der Spiegelschwab, »neun Schwaben? Wir sind nur unserer sieben gewesen. Und was den Hasen anbelangt ... Kurzum: es ist alles verstunken und verlogen.« Der Wirt sagte: Sehen und hören könne man's ja, man dürfe dann doch glauben, was man wolle. Und er ließ die beiden hereinkommen. Der Spiegelschwab erkannte gleich in den beiden Landsleuten die Fatz- und Speivögel von Marchtal und Ehingen, die ganz Schwabenland kennt, und er hatte seine geheimen Ursachen, stät und still zu sein. Die aber wiesen nun den ausgestopften Hasen vor, das Untier, wie wenn sonst andere, die einen Wolf oder Luchs oder Bären erlegt, die Haut oder den Kopf davon zur Schau im Land herum tragen. Und sie erzählten dabei die Geschichte der Hasenjagd, aber mit ganz andern Umständen, weshalb denn der Spiegelschwab eins über das andere Mal sein »verstunken und verlogen!« in den Krug hinein brummelte. Zuletzt sangen sie noch ein Liedlein, das der Marchtaler selbst ausdenkt hat – gleich denen, die Sommer und Winter spielen.

Gedicht mit phonetischen Zeichen

Drauf, nachdem sie vom Wirt eine gute Bescherung erhalten – der Spiegelschwab gab nichts – zogen sie ab und davon. Nun aber fing erst der Wirt an, den Schwaben zu schrauben und zu stimmen nach allen Noten, wobei er die Späße von »gan, stan, lan« und »schwäbisch ist gäbisch« und andere Stampaneien vorbrachte, womit die Bayern die Schwaben zu necken pflegen. Der Spiegelschwab sagte zu allem kein Wörtle, sondern schwieg und soff. Zuletzt fragte ihn der Wirt noch: zu welcher Art von Schwaben denn er gehöre? »Ich,« antwortete er, »gehöre zu den geduldigen Schwaben.« Was denn diese für eine wären? »Nun,« sagte er, »die legen sich auf den Bauch und lassen sich den Hobel ausblasen von Leuten, die sie foppen.«

Faust gen Faust und Wort gen Wort,
Wiedergeltingen ist auch ein Ort.

Wie der Spiegelschwab sich für einen Schatzgräber ausgibt und die Landsberger um ihr Schatzgeld prellt

Der Spiegelschwab hatte nur noch ein Käsperle im Sack, und wollte doch noch eine weite Reise tun, und in allen Wirtshäusern einkehren, und redlich bezahlen, wann er eben konnte. Wie er denn ein erfinderischer Kopf war, der sich aus allen Nöten zu retten wußte, so verfiel er auf einen neuen Streich, und wollte den Schatzgräber spielen. Er fragte deshalb abends den Wirt insgeheim: ob nicht irgendwo ein Schatz verborgen sei in der Umgegend? Der Wirt sagte: Auf dem Schloßberg, sagt man, soll einer verborgen sein, den mag aber der Teufel finden, der ihn wohl schon hat; ein Christenmensch nicht. Der Spiegelschwab sagte: er sei der Mann, der's könne, und er setzte sein letztes Käsperle daran, daß es ihm gelingen werde. Der Wirt sagte: »Sehen will ich's, dann glaub' ich's. Auf ein Käsperle kommt's mir auch nicht an.« Also, sobald die Sonne untergegangen war, brachen die beiden in aller Stille auf und gingen miteinander auf den Schloßberg. Als sie dort angelangt, schritt der Spiegelschwab das weite Gehöfte ab, um, wie er sagte, die rechte Stelle zu finden; dann machte er unter vielen Zeremonien ein Loch in die Erde, und sagte dann zum Wirt, er solle ein Käsperle hineinlegen. Hierauf sprach er – was er noch aus der Prinzipi wußte – mit feierlichem Ernst die Worte: hic haec hoc, horum harum horum, hibus –; praktizierte dann insgeheim sein Käsperle zum andern, deckte das Loch zu und machte einen Drutenfuß drauf. Mit Sonnenaufgang, sagte er, wollten sie wiederkehren,und dann werde er zu seinem Käsperle noch ein anderes finden. Das ist denn auch geschehen. Sogleich suchte der Wirt all sein Schatzgeld zusammen, und seine Freunde, denen er's insgeheim sagte, taten desgleichen, und der Spiegelschwab war bereit, das Stücklein zu wiederholen, gegen halb Part. Also wurde das Geld des andern Abends eingegraben; und, während die Geister auf dem Schloßberg ihre Schätze herbei schleppen sollten, zechten die Gesellen wacker in der Stadt drunten beim Glockenwirt. Der Spiegelschwab aber schlich sich morgens durch die benebelten Gäste ungesehen hindurch und hob frühzeitig genug die Heckpfennige und ging davon. Also fanden die Landsberger, wie sie dahin gekommen, wohl einen Schatz in dem Loch, aber nicht den rechten; und sind mit langen Nasen abgezogen.

Mit Lügen und Listen
Füllt man Kästen und Kisten.

Wie es dem Spiegelschwaben weiter ergangen

Man erzählt: die Landsberger hätten den Betrug früh genug bemerkt, und es seien einige dem Landfahrer nachgesetzt, und nachdem sie ihn eingeholt, hätten sie ihn, wie eine volle Garbe, so durch und durch, und über und über gedroschen, daß ihm der letzte Schatzpfennig entfallen, und er ganz ausgeleert war. Andere dagegen behaupten: Der Scherg habe ihn aufgepackt, und er habe ihn vor's Gericht gebracht. Da habe er sich aber so meisterlich verantwortet, daß ihm der gestrenge Herr nichts habe anhaben können, obwohl man ihn, als einen Schwaben, gar zu gern hätte zappeln gesehen. Der Spiegelschwab habe gesagt: Es sei unter ihnen ausgemacht worden, daß er am Schatz halb Part habe; das sei Numero eins; – und den halb Part habe er heraus genommen, keinen Heller mehr; das sei Numero zwei: – wenn sie den ihrigen nicht bekommen hätten, so sei er nicht schuld daran, sondern sie selbst; das sei Numero drei. Und also habe er recht und sie unrecht. So wurde denn der Spiegelschwab losgesprochen. Und er war ja freilich so unschuldig an der Sache, wie Einggeles Bock. Jedennoch soll er, wie verlautet, vom Richter noch etwas auf den Weg mit bekommen haben, so einen Merks-Marx! Wer wissen will, was? der lese die Landsberger Chronik nach.

Und wärst du auch der brävste Mann,
Man hängt dir doch ein Klämperle an.

Handelt von alter und neuer Bekanntschaft; und wie der Spiegelschwab die Ehre der schwäbischen Landssprache rettet

Auf dem Wege nach Weilheim kehrte der Spiegelschwab in einem Batzenhäusle ein. Da traf er den Tyroler, der mit Theriak und Schneeberger durch's Land handelte und lustigen Sinns so eben ein Schelmliedel vor sich hin sang, lautend:

Gedicht mit phonetischen Zeichen

Nachdem sie sich als alte gute Bekannte begrüßt, fragte der Spiegelschwab: »woher und wohin des Weges?« »Von Haus in die Welt,« antwortete der Tyroler. Der Spiegelschwab: »Was gibt's neues? Schneit's noch immer in Tyrol?« »Ja,« sagte der Tyroler; »aber zwischen Johannis und Jacobi wird's warm, es mag unserm Herrgott nun recht sein oder nicht.« Weiter fragte der Spiegelschwab: »Geraten Heuer in Tyrol die Kröpfe gut?« »Ja,« sagte der Tyroler, der den Spaß verstanden, »das Kraut geratet alle Jahr.« Indem sie noch weiter mit einander redeten und einander hänselten, wie denn gute Gesellen zu tun pflegen, trat der Wirt herein, ein schlampeter, wampeter Holedauer-Klachel,Vierschrötiger, ungeschlachter Kerl aus Holedau; Holedau (richtiger: Hallertau) ist die Gegend zwischen der Ammer, Ilm und Abens, über deren Bewohner als derbe, ungeschlachte Menschen sich der Volkswitz gern lustig macht. der, sobald er den Schwaben witterte, sogleich anschlug wie ein Jagdhund. Beim Spiegelschwaben hatte es aber keine Not; denn er blieb keine Red' schuldig, und auch keine Grobheit. Und darauf kommt's eigentlich an. Der Wirt, nach der Gewohnheit der Bayern, fing gleich an, den Schwaben aufzuziehen von wegen der »Sprauch«. Da sagte der Spiegelschwab: »Wißt Ihr was? weil Ihr Euch denn so proglet mit Eurer Sprach', so soll's eine Wette gelten um die doppelte Zeche; wer drei Vögel am geschwindesten nennt, der soll gewinnen; der langsamste muß bezahlen. Der Tyroler da solle den Ausspruch tun, und könne umsonst mittrinken.« Der Tyroler sagte, er tue selbst mit; vermeinend, er werde gewinnen. Also wurden sie der Wette eins. Und der Schwab sing an und sagte so geschwind er konnte: »Zeisle, Meiste, Fink.« Darauf sagte der Tyroler, bedächtig und langsam: »eppermal ein Alster, eppermal ein Amsel, eppermal ein Nachtigall.« Der Wirt sagte: »Tyroler, du mußt bezahlen.« Darauf der Tyroler: »Ich muß echterst hören, was du noch vorbringst.« Der Wirt fing an und sagte: »Ein Sta', ein Da'l.« Da fiel ihm aber der dritte Vogel nicht ein, und er besann sich lange; endlich sagte er: »und ein Spansau.«

Darob lachten die beiden andern Gesellen; und der Tyroler sagte: der Wirt müsse bezahlen, als der am langsamsten gewesen sei. Und der Schwab fragte ihn: ob denn die Bayern die Spansau zum Federvieh zählten? Der Wirt aber stand auf, ärgerlich, und sagte auf gut Hochdeutsch: »Küßt mir den Buckel!« – Und also zechten die drei tapfer miteinander, und der Spiegelschwab war nicht der letzte zum Krug. Als sie alle drei satt hatten, obwohl noch lange nicht genug, fragte der Wirt nach der Zech und zahlte sie dem Spiegelschwaben aus, und der strich sie ein, als wäre er der Wirt und der andere der Gast. Und er sagte: »Dank für die Bezahlung.« Drauf, als er Abschied nahm, sagte er zum Wirt: er wolle ihm noch ein Rätsel zum Besten geben, damit er sich bei andern die doppelte Zeche wieder abverdienen könne. Das war dem Wirt recht; und der Spiegelschwab sagte: »Was ist das für ein Ding: es hat keine Augen, und sieht doch; es hat keine Ohren, und hört doch; es hat keine Nase, und riecht doch; es hat keinen Mund, und ißt doch; es hat keine Hände, und greift doch; es hat keine Füße, und geht doch. Jetzt ratet!« Der Wirt gab sich gefangen. Der Spiegelschwab sagte: es sei dies ein Bayer. Die Bayern hätten keine Augen, sondern Gäckel: sie hätten keine Ohren, sondern Loser; sie hätten keine Nase, sondern einen Schmecker; sie hätten keinen Mund, sondern eine Gosche; sie hätten keine Hände und Füße, sondern Bratzen und Haxen. Es war ein Glück für den Spiegelschwaben, daß er die Schnalle schon in der Hand hatte und hinaus witschte. Er hätte sonst einen tüchtigen Guß um Gruß mit auf den Weg bekommen.

Wahrheit ist ein seltnes Kraut,
Noch seltner, der sie wohl verdaut.

Allhier fangen die Weilheimer Stücklein an/Erstes Kapitel

Bei Weilheim liegt ein Berg, der heißt der Eselsberg. Man erzählt, daß er den Namen davon erhalten habe: Es sei ein Landstürzer nach Weilheim gekommen, der habe den Weilheimern versprochen, er wolle ihnen ein Mittel geben, wie sie auf wohlfeile Art zu Eseln kommen könnten, woran in ihrer Stadt so sehr Mangel sei. Und er bot ihnen zum Kauf Eselseier an (es waren aber große Enteneier). Diese Eier, sagte er, solle einer von ihnen ausbrüten; es müßte aber der Bürgermeister selbst sein. Also wurden sie des Handels eins, und der Bürgermeister setzte sich, oben auf dem Berg, über das Nest und brütete aus. Weil es ihm aber zu lang und zu bang wurde auf dem Nest, so ruckte er mit dem Hintern, und da fiel ein Ei heraus und wargelte den Berg hinab ins Gebüsch hinein. Unten hockte ein Has', der wurde aus seinem Lager aufgeschreckt und lief davon. Wie der Bürgermeister von Weilheim das Ding fortlaufen sah, vermeinte er, es sei ein junger Esel, der aus dem Ei ausgekrochen. Und also schrie er, was er konnte: »Hierher, Büberl; siehst du denn nicht, wo dein Vater ist?« – Also wird erzählt; es kann aber auch erlogen sein. Gewiß ist aber, daß seit der Zeit die Weilheimer keinen Mangel mehr gehabt haben an Eseln. – So erzählte dem Spiegelschwaben ein Buchführer aus Kohlgrub, der die Geschichten vom Eulenspiegel, von der schönen Magellone, von den Heimonskindern und andere hausieren trug, und er sagte ihm, er solle nur beim Bräuwastel einkehren; der wisse ihm noch mehr zu sagen von Weilheimer Stückeln.

Dies ist ein treffliches, fruchtbares Land,
Die Narren wachsen ungesehen hinter der Wand.

Vom Ursprung der Weilheimer Stücklein und ihrer Ausbreitung durch die ganze weite Welt Zweites Kapitel

Etwas ist dran,« sagte der Bräuwastel, »aber nicht alles, was von Weilheimer Stücklein erzählt wird. Glaubwürdigen Nachrichten zufolge stand nämlich da, wo jetzt Weilheim steht, in uralten Zeiten eine Stadt namens Lalenburg, deren Einwohner wegen ihrer dummen und albernen Streiche weltberühmt geworden. Durch einen Unfall ohnegleichen ist ihre Stadt zerstört worden, und die Einwohner selbst haben sich zerstreut. Daher kommt es denn eben, daß nicht leicht eine Stadt sei, wo nicht Nachkommen dieser Leute sich vorfinden, die eben dummes und letzes Zeug verrichten. Am meisten mögen sie sich jedoch freilich zu Schilda in Sachsen, zu Hirschau in der Oberpfalz und allhier zu Weilheim in Ober-Bayern angesiedelt haben. Aber nicht alles, was man diesen Städten Böses nachsagt, ist, wie gesagt, wahr. Gar vieles kommt auf Rechnung anderer Städte in Ober- und Nieder-Bayern, in Franken, wie auch in den beiden Pfalzen; ja selbst München, der Sitz der Weisheit, ist nicht frei von solchen dummen Streichen und denen, die sie machen; und man könnte es füglich Groß-Weilheim nennen.« – Der Spiegelschwab ward durch diese Erzählungen sehr vergnügt, wie hoffentlich auch der geneigte Leser; und er wünschte mehreres noch von solchen Stücklein zu hören. Der Bräuwastel gab ihm das Büchlein von den Lalenburgern, gedruckt in diesem Jahr und mit vielen Holzschnitten geziert; und der Spiegelschwab las darin bis spät in die Nacht, und hätte schier Essen und Trinken drob vergessen, wenn ihn der Wirt, der seine Zeche machen wollte, nicht daran gemahnt hätte.

Es wachsen, ohne Dung und Pflug,
Die Toren überall genug.

Von den Weilheimer Stücklein / Drittes und letztes Kapitel

Des andern Tags beim Abschied sagte der Bräuwastel zum Spiegelschwaben: es freue ihn, seine Bekanntschaft gemacht zu haben; denn nun sehe er, daß die Schwaben nicht so dumm seien, als wofür man sie ausgibt. Der Spiegelschwab sagte entgegen: es freue ihn auch, daß er seine Bekanntschaft gemacht habe; denn nun sehe er, daß die Bayern nicht so grob seien, als wofür man sie ausgibt. Und also schieden sie als die besten Freunde. – Wie der Spiegelschwab durch die Stadt ging, fielen ihm sogleich im Vorbeigehen noch einige Stücklein auf die Nase. Einer fuhr mit einem geladenen Mistwagen vorbei; und als ihn einer fragte, warum er wieder umkehre, sagte er, er habe die Mistgabel vergessen, und er müsse sie holen. – Ein Zimmermann saß auf einer hölzernen Dachrinne oben am Haus und sägte sie ab; er saß aber auf dem letzten Teil und fiel damit herab. – An einer Haustür war ein Mann beschäftigt, neben einem größeren Loch, wo die Katze ein- und ausschliefen konnte, zwei kleinere zu machen. Auf die Frage, warum er das täte, sagte er: »Die Katze hat zwei Junge geworfen; ich tu es drum, daß die auch aus- und einkönnen.« – Als er unter das Tor kam, stand ein leerer Heuwagen drunten, auf dem der Wiesbaum quer über lag, so daß also der Wagen nicht zum Tor herein konnte. Der Knecht besann sich nicht lange, sondern holte eine Säge und sägte den Wiesbaum mitten entzwei. – »Herrgott von Buxheim!« rief der Spiegelschwab aus; »welch ein lustiges Leben muß es in einer Stadt sein, wo täglich und stündlich solche Streiche blühen!«

Galt einen Batzen jeder Streich,
Wir wären noch einmal so reich.

Wie der Spiegelschwab in die Hölle kommt, und was er dort erfahrt

Eine Stunde außerhalb Weilheim, auf dem Weg nach dem heiligen Berg Andex, fiel ihm ein, gehört zu haben, daß in Polling extra gutes Bier zu trinken sei. Also scheute er nicht den Umweg und ging wieder zurück und dahin. Und es schmeckte ihm gut. Das hörte der Abt des Klosters, ein leutseliger, niederträchtiger Herr, und es wurde ihm hinterbracht: im Trinkstüble sitze ein Schwab, der könne saufen trotz einem Bayern. Der Abt sagte, man solle ihm genug geben, und umsonst. Und der Spiegelschwab profitierte auch von der gnädigen Erlaubnis, und er trank und sagte eins ums andere Mal: das müsse man sagen, und es sei wahr: im Kloster ist ein Leben wie im Himmel. Und er guckte so oft und so lange in die Bierbütsche, bis sein Himmel, das Kapitolium, sternvoll wurde und er bewußtlos dalag wie ein Schwein. Das wurde dem Abt hinterbracht; und er sagte: »Weil denn der Schwab den Himmel verkostet, so solle er auch die Hölle verkosten.« Und also ließ er ihn in ein tiefes, kuhfinsteres Kellerloch tragen. Des andern Tags, wie der Spiegelschwab erwachte und sich den Rausch aus den Augen rieb, standen zwei kohlschwarze Männer vor ihm mit Fackeln in der Hand; und auf die Frage des Spiegelschwaben: »wo bin ich denn?« sagten sie: »in der Hölle.« Und sie gaben ihm sogleich den Willkomm, wie's im Zuchthaus und in der Hölle herkömmlich ist. Dann ließen sie ihn allein in der schrecklichen Finsternis, und es war allda Zähnklappen; und er hatte nun abermal Zeit, wie unter den Zähnen des Melak, über sich und das menschliche Elend nachzudenken. Um Mittag kamen die beiden Teufel wieder und brachten ihm einen Laib Brot, das schier aussah wie ein Pechkuchen. Der Spiegelschwab sagte: es täte ihn nicht hungern, wohl aber dursten. Und er dachte sich: Ach, hätte ich nur ein Tröpflein Gerstensaft von gestern! Die Teufel aber gingen abermals fort, ohne ein Wort zu sagen; und der Spiegelschwab saß wieder allein da in der Finsternis der Hölle, und es wurde ihm auch Höllenangst. Er fing nun an, an dem Brotlaib mehr zu sutzeln, als zu beißen; aber es schmeckte wie pures Salz, und es durstete ihn noch ärger, also, daß er an dem feuchten Gemäuer umher kroch und die Wassertropfen, die daran hingen, ableckte. Indem er so im Finstern umher tappte, da stieß er an etwas, das sich anfühlte wie ein Faß. Und es war auch eins, und zwar ein volles. Er zapfte es sogleich an – und das Anzapfen verstand er – und er soff wie ein Bürstenbinder, und wurde in dem Maße voll, als das Faß leer wurde. Und so fanden denn abends die beiden Männer wieder das alte Schwein; und sie trugen ihn fort und hinaus in einen Straßengraben, wo sie ihn im Dreck liegen ließen. Des Morgens, wie er erwachte und sich auf das besann, was ihm begegnet, schwor er bei Stein und Bein: er wolle sich vor dem bayerischen Bier in acht nehmen und keinen Tropfen mehr trinken, als höchstens sechs Mäßle auf einem Sitz.

Zusagen und halten
Steht wohl bei Jungen und Alten.

Von einem Abenteuer, das der Spiegelschwab mit einem Pfaffen gehabt

Wenn die Höllenqualen bekehren würden, so wäre der Teufel schon längst ein Heiliger. Bei dem Spiegelschwaben hat die Hölle nichts verfangen. Davon gibt folgendes Stücklein ein Zeugnis. Vor Pähl, auf der Straße, begegnete ihm ein Pfaffe; der trug auf seinen Schultern eine Geldkaße voll Opferpfennige, und er schmunzelte unter der liebwerten Last wie einer, der sein Schätzle heimführt. Der Schwab dachte sich: Dem will ich tapfer einheizen, daß er ein paar Güldele schwitzen muß. Und er ging auf ihn zu und sagte: »Mit Verlaub! ich will Euch die Last da abnehmen.« Der Fachsenmacher wollte nur einen Possen spielen, wie er zu tun pflegte; aber der Herr nahm's für baren Ernst, und er stellte sich und sagte: »Hebe dich hinweg, Swabe!« Donner und Wetter! wie schwoll da dem Spiegelschwaben der Kamm! Hätte er ihn einen Stockböhmen, einen Kalmucken geschimpft, oder noch was Ärgeres, es hätte ihn wahrlich nicht so sehr verschmacht. »Was, Schwabe?« sagte der Schwabe, und ging dem Schwarzrock näher an den Leib, und hielt ihm die Faust unter das Kinn, und fipperte vor Zorn. In der Angst nahm der dicke Herr seine Hilfe zur geistlichen Waffe, und er rief mit aufgehobener Hand, zum Schwur, wie St. Niklas, die Bannformel über ihn aus: Si quis – und so weiter. Der Spiegelschwab verstand zwar kein Latein; aber er gneißte doch, es sei dies so eine von den Zauberformeln; und wie er denn von Haus aus ein Hasenfuß war in solchen Dingen, so zog er andere Saiten auf und sagte: Leids wolle er ihm just nicht antun; aber den Schimpf könne er auch nicht so auf sich sitzen lassen; er möchte ihm daher ein paar Güldele geben, zum Beweis, daß er's nicht übel gemeint. Dies tat denn auch der geistliche Herr, zwar ungern, aber doch froh, daß er den schwäbischen Landstürzer um so wohlfeilen Preis sich vom Leib geschafft.

Das wird erfahren oft und dick,
Je ärger Schalk, je besser Glück.

Wie der Spiegelschwab der Hexe von Kriegshaber begegnet, und wie er ihr Zauberwerk vernichtet

Als darauf der Spiegelschwab den Berg hinan gen Andex ging, durch den Wald, bei einbrechender Nacht, da sah er zu seinem Erstaunen mitten auf dem Weg die Hex von Kriegshaber, die kochte. Der Spiegelschwab ging auf sie zu und sagte: »Was machst, alte Hexe?« Diese antwortete grinsend: »Ein Tränkle für Kirchweihgurgeln, wie du bist.« Und sie schöpfte, und es floß gischend wie ein Strom in den Kessel zurück. Dem Spiegelschwaben gefiel das Zauberstücklein, und er fragte weiter: »Was macht dein Leibbaule, der schwarze Kater?« »Er spinnt Fäden,« sagte die Hex, »um Galgenvögel zu fangen, wie du bist.« Und sie schöpfte wieder und goß die glühende Brüh auf den Boden; und es floß fort und zog sich wie ein feuriger Faden um den Spiegelschwaben, und es wurde immer enger der Kreis und immer breiter der Strom. Der Spiegelschwab dachte sich: Das ist Hexerei, die einem Christenmenschen nicht schaden kann; und er foppte die Hex weiter: »Was macht der Teufel, der Kesselflicker?« Die Hex antwortete: »Kessel, um liederliche Strolchen und Diebe drin zu sieden und zu braten, wie du bist.« Und die Hex rührte immer stärker, und der Kessel floß über, und der Feuerstrom brannte ihm schon an die Sohlen. Da faßte der Spiegelschwab Mut, und er machte einen Kreuzsprung über den Kessel und die Hexe, und im Augenblick war alles verschwunden und verstoben. Nachdem der Spiegelschwab also der Gefahr entkommen, dachte er sich: Die alte Runkunkel hat mir sicherlich den Weg zum heiligen Berg versperren wollen. Aber hinauf muß ich, trotz allen Hexen und Teufeln.

Heuchelei und Schelmerei
Ist des Teufels Liverei.

Wie der Spiegelschwab in sich geht und sich bekehrt; woraus ersichtlich, daß die Geschichte zu Ende geht

Nachdem der Spiegelschwab auf dem heiligen Berg die Heiligtümer in der Kirche angesehen, wobei er sich viele fromme Gedanken gemacht: da, wie er wieder zur Kirche hinaus wollte, sah er im Beichtstuhl einen Pater sitzen. Und er dachte bei sich: Hat der nichts zu tun und hab ich nichts zu tun, so versäumen wir beide nichts, und ich kann gelegentlich beichten. Also ging er in den Beichtstuhl und beichtete. – Wir wüßten aber natürlich kein Wörtle von dem, was er gebeichtet und wie's ihm ergangen, wenn nicht der Spiegelschwab selbst es erzählt hätte dem Blitzschwaben, seinem Freund, der es seinen Kindeskindern, und deren Kindeskinder mir es erzählt haben, wie folgt: Anfangs sei noch alles passierlich gegangen, da er in allem das Beste versprochen habe, namentlich wegen Wiederersatz dessen, um was er die Leute betrogen – bis es auf den Hauptpunkt gekommen: daß er nämlich uneins sei mit seinem Weib und seit einem Jahr nicht mehr zusammen wohne mit ihr. Er hasse sie eben nicht, habe er gesagt, vielmehr er wolle fleißig für sie beten um ein seliges End; aber leiden könne er sie nicht, und er möchte lieber mit einem Drachen unter einem Dach sein, als mit ihr. Der fromme Pater aber verlangte und blieb dabei, daß er zu seinem Weib heimgehen und wieder bei ihr wohnen sollte; sonst könne er ihn nicht absolvieren. Der Spiegelschwab war halsstarrig und ging aus dem Beichtstuhl ohne Absolution. Draußen vor dem Beichtstuhl rührte ihn aber doch sein Gewissen, und er dachte an die Freythofblümlein auf seinem Kopfe, und es wurde ihm ganz kurios ums Herz. Da stand er nun, den Hut drehend zwischen den beiden Händen, oft seitwärts blickend auf den Pater, ob er ihn etwa nicht zurückrufen möchte. Der saß aber ruhig und schien still zu beten. Der Spiegelschwab dachte sich: da muß ick wohl den Gescheitern machen. Und er redete den Pater an und sagte: »Probieren will ich's – auf einen Monat, aber länger nicht.« Der Pater schüttelte den Kopf. »Nun,« sagte der Spiegelschwab, »damit ihr seht, daß ich mit mir markten lasse: auf ein Vierteljahr!« Der Pater schüttelte den Kopf. »Auf ein halbes Jahr!« handelte der Spiegelschwab weiter und hielt ihm die Hand hin und sagte: »Wenn's Euch so recht ist, so schlagt ein!« Der Pater schüttelte den Kopf. Jetzt verlor der Spiegelschwab schier alle Hoffnung und Geduld; er nahm sich aber als ein ganzer Kerl zusammen und sagte: »Wenn ihr doch nicht anders wollt, so sei's – in Gottes Namen! – auf ein Jahr!« Der Pater, der seine Zerknirschung bemerkte und ihn nicht bis zur Verzweiflung bringen wollte, winkte ihn zu sich in den Beichtstuhl, und er redete ihm noch einmal ernstlich zu, und der Spiegelschwab versprach alles mögliche. Und das war recht. – Von Andex aus wandte sich der Spiegelschwab vorerst nach Grafrat. Dort liegt der Leichnam des heiligen Rasso, der, wie er hörte, ein großer Held gewesen ist. Der Spiegelschwab meinte: er müsse wohl ein böses Weib oder sonst ein Untier gebändigt haben. Und also verlobte er sich zu ihm.

Wer recht beichtet
Das Herz erleichtet.

Ein Kapitel, worin nichts von Streichen vorkommt, was also überschlagen werden kann

Der Mensch ist nie langweiliger, als wenn er über sich selbst nachdenkt. Und also ist nichts von weitern Streichen des Spiegelschwaben zu erzählen, wie er jetzt seines Weges geht nach Meitingen zu seinem Freund, dem Blitzschwaben. Um jedoch den günstigen Leser von ihm zu unterhalten, will ich von seinen Sprüchen reden, die er im Brauch hatte: woraus neuerdings erhellet, daß er ein sinnreicher Kopf gewesen; wie es denn die Schwaben alle sind, die dummen ausgenommen. – Wenn von Weibern und Heiraten die Rede war, so pflegte er zu sagen: Weib und Geld ängstigen manchen, wie sieben Hund einen Hasen im Feld. Und: Der Ehestand ist kein Geschleck, sondern ein Joch. Und: Gilt die Bosheit etwas, so ist ein Weib teurer, als hundert Männer. – Wenn von seinem Weib Meldung geschah, sagte er: Böse Hunde sind gute Wächter, sang ein Bauer von seinem bösen Weib. – Von den Weibern überhaupt: Sie hätten einen vielfältigen Rock, und einen einfältigen Kopf. – Gefragt, wie es ihm ergehe, antwortete er: Vortrefflich; ich lebe stattlich; trinke viel, eß nicht wenig, und bin niemand schuldig als den Leuten. – Sonst hatte er auch im Spruch: Was den Leuten zuwider ist, das treib ich; wo man mich nicht gern hat, da bleib ich. – Vom Essen und Trinken pflegte er zu sagen: Das Trinken geht alle Tag; und gegessen muß sein, und wären alle Bäum Galgen. Und: Guter Wein verdirbt den Beutel, der schlechte den Magen; doch besser der Beutel, als der Magen verdorben. – Zu einem Nachtlichtle und Saufbruder sagte er einmal: Nicht wahr, Nachbaur, die ganze Nacht gesoffen ist auch gewacht? – Wenn sich einer über schwere Arbeit beklagte, pflegte er zu sagen: Wenn's so lustig und so leicht wäre, so tät's der Bürgermeister selbst. – Warf man ihm vor, daß er sich seine Arbeit zu teuer bezahlen lasse, so sagte er: das braune Bier muß seine Ursach haben. – Von einem faulen Menschen sagte er: Er hat Lust zum Arbeiten, wie der Hund zum Hechellecken; und: Es steht ihm die Arbeit so gut an, wie einer Geiß der Klagmantel. – Von einem Lump und nichtsnutzigen Menschen sagte er: Der gilt nichts, wo die Menschen teuer sind. Oder: Er ist einer, wo 13 auf ein Dutzend gehen. Auch: Wenn man ihn verschenken wollt, man müßte einen Batzen drauf legen. – Wenn er einen unwilligen Menschen sah, sagte er: Du bist so lieblich wie ein Essigkrug; wenn du nur in die Milch siehst, so wird sie sauer. Oder: du wärest ein rechtes Muster auf den Essigkrug. Auch: Wenn dein Gesicht am Himmel stünde, die Bauern würden zum Wetter läuten. – Von einem hoffärtigen Menschen pflegte er zu sagen: Er hält viel auf sich, aber andere Leute halten auf ihn desto weniger. – Von einem Neidischen: Er sieht auf die Seite, wie eine Gans, die Apfel sucht. – Von einem Groben: Er ihrzt niemanden, als sich und den Herrn Pfarrer. – Von einem Zornigen: Er tut sich auf, als wenn er zehn Teufel gefressen und hätte den elften im Maul. – Von einem Lügner: Er bleibt bei den Worten wie der Has bei der Trommel. Sonst pflegte er auch vom Lügen zu sagen: Lügen sei eine Hauptsache, denn sie gehe durch das ganze Land.

Und: Wenn Lügen so schwer wäre, wie Holztragen, so würde jeder die Wahrheit sagen.

Weise Sprüche, gute Lehren
Muß man tun, und nicht nur hören.

Wie der Spiegelschwab nach Meitingen kommt zum Blitzschwaben

Als er nach Meitingen kam, auf dem Lechfeld, traf er seinen Freund, den Blitzschwaben, im Wirtshaus bei einem Mäßle weißen Biers sitzen. Der war auf, wie Bätz, und sang soeben das Liedlein:

Ich bin halt so:
Ich achte nit das Schmeicheln,
Und achte nit das Heuchlen,
Trutz allen falschen Zungen,
Denk ich an Goldschmieds Jungen;
Ich bin halt so.
Ich bin halt so:
So lang ich leb auf Erden,
Werd ich nit anders werden.
So so so werd ich bleiben,
Aufs Grab mir lassen schreiben I
ch bin halt so.

»Potz Blitz!« sagte der Blitzschwab, als er den Spiegelschwaben erblickte, »bist's oder bist's nit? Ja, wägerle, du bist's. Grüß dich Gott, Lump! Aber jetzt setz dich, Brüderle; wir trinken noch ein paar Mäßle zusammen, wenn's langt. Dann brechen wir auf, heut noch nach Türk heim zum Kätherle, und morgen ist Hochzeit.« Der Spiegelschwab sagte: »Also willst du wirklich Ernst machen mit dem Kätherle?« »Potz Blitz!« sagte der Blitzschwab, »lieber heut noch als morgen. Und ich sag dir's, und du darfst mir's glauben: 's Kätherle ist ein schön's Mädle, 's Kätherle ist ein brav's Mädle, 's Kätherlt ist ein Mädle, wie man keins mehr findet in der Welt.« Der Spiegelschwab sagte: »Es gibt nur zwei gute Weiber auf dieser Welt; die eine ist verloren, und die andre kann man nicht finden.« »Daß dich die Katzen kratzen!« sagte der Blitzschwab unwillig, »jetzt sauf und laß mich ung'heyt

Wen einmal der Gammel sticht.
Höret auf die Wahrheit nicht.

Wie der Spiegelschwab dem Blitzschwaben ein Kapitel vom Ehestand lieset

Unterwegs, als sie dies und jenes sprachen, kam der Spiegelschwab wieder auf das Kapitel vom Ehestand und den Weibern. »Der Mann ist allzeit angeführt mit dem Weib« – sagte er – »und die beste ist nichts nutz. Ist sie schön, so hat er viel Wartens; ist sie häßlich, so hört er viel Eiferns; ist sie häuslich, so ist sie auch bös; versperrst du sie, so klaget sie; lassest du sie gehen, so ist sie in der Leute Mäulern; zürnest du mit ihr, so hängt sie das Maul; sagst du nichts, so kann niemand mit ihr zurecht kommen. Hat sie die Ausgaben in Händen, so weh dem Gelde; führst du die Ausgaben, so verkauft sie den Hausrat. Bleibst du zu Haus, bist du ein Einsiedler; kommst du zu spät heim: »Wo hat denn dich der Teufel gehabt?« Gibst du ihr schöne Kleider, so will sie sich sehen lassen; kleidest du sie schlecht, so flucht sie dir den Tod. Hast du sie gar zu lieb, so achtet sie deiner wenig; gibst du dich aber wenig mit ihr ab, so schert sie sich um dich gar nicht. Willst du nicht sagen, warum sie dich fraget, so laßt sie nicht ab, bis du es sagest; kurzum: der Ehstand ist ein Wehstand.« – – Der Blitzschwab hatte indessen, da der Spiegelschwab also sprach, die Geige zur Hand genommen, und er fing an, zu stimmen und zu klimpern, immer stärker, stärker, je mehr der andere sprach. »Aber du hörst nicht?« – fuhr der Spiegelschwab fort – »nun, so magst du denn fühlen. Als guter Freund will ich dir jedoch zum Ehrengeschenk noch einen weisen Spruch mitgeben, den die bayerischen Bauern im Brauch haben, und der unter Brüdern einen Taler wert ist. Der lautet also:

Hast ein böses Weib am Montag,
Traktiere sie freundlich am Erchtag,
Will's nicht helfen am Mittwoch,
Gib ihr gut Stoß am Pfinztag,
Tut's nicht gut am Freitag,
Hol's der Teufel am Samstag,
So hast du einen guten Sonntag.

»Daß dich der Gicker kratz, du Schukeler, du Schampedasche, du Schurimuri!« – sagte der Blitzschwab zornig. – »Jetzt schweig,« sagte er, »Trallewatsch! und laß dich heimgeigen.« Und er geigte und sang dazu: »Ich bin halt so!«

Während dem brummelte der Spiegelschwab wie ein Dudelsack:

Einem jeden Lappen Gefallt sein Kappen;
Ist sie auch arm. Macht sie doch warm.

Des fahrenden Schülers Adolf Bericht, wie es aus der Hochzeit des Blitzschwaben zugegangen

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –Lücke in der Handschrift.

Wie der Spiegelschwab zu seinem Weibe heimkehrt, und was zu Hause geschehen. Das letzte und schönste Kapitel

Jetzt gehst aber zu deinem Weibe heim,« sagte der Blitzschwab zum Spiegelschwaben acht Tage nach der Hochzeit. »Ich geh schon,« sagte der, »so gern, wie eine arme Seel ins Fegfeuer.« »Und bleibst fein bei ihr, wie du's dem Pater versprochen« – fuhr jener fort – »und mach's nimmer so, wie das Turn-Michle von Augsburg, der sich des Jahres nur einmal sehen läßt. Und ich sag dir's nochmal,« sagte er, »sie ist wie ausgewechselt, seit der Zeit, daß sie dem Bären entkommen. Selbst die Nachbarin sagt alles Gute von ihr. Und auf das Präsent, wie ich dir sag, darfst du dich freuen.« Also redete der Blitzschwab dem Spiegelschwaben zu, als dieser von ihm Abschied nahm. – »Schwabenland ist ein schönes Land (pflegt der Schwab zu sagen); aber heim mag ich nicht.« Der Spiegelschwab hatte mehr als eine Ursache, so zu sagen. Und doch ging er, zwar mit wenig Hoffnung, aber voller guter Vorsätze Memmingen zu. In den Hofgärten dünkte es ihm doch allebot, als höre er die wohlbekannte Rätschstimme: »Bist du endlich wieder da, du Schlingel!« Und als er unters Tor kam, wollte ihm fast der Teufel ins Ohr raunen, er sollte wieder umkehren. Und als er sein Haus von der Ferne sah, sank ihm schier das Herz, und die Füße wollten ihn nicht mehr tragen. Da faßte er Mut als ein ganzer Mann und sagte: Sei's in Gottes Namen! Und er ging und kam heim. Und, sieh da! wie er vor die Tür kam, trat ihm seine liebe Ehehälfte entgegen und trug ein Kind auf den Armen. »Grüß dich Gott, Herzensmännle!« sagte die Frau, »da sieh, lug einmal dein Büble an.« Der Spiegelschwab sah drein wie einer, der ein schweres Rechen-Exempel im Kopf auflöset; und er konnte es doch nicht herausbringen. Das Kindlein aber lächelte ihm entgegen, und da konnte er nicht mehr anders, er mußte es nehmen, und er gab ihm ein Eile, und er nannte es sein liebs Büble. Dann gingen sie ins Haus, und die Frau machte ihm gleich ein warmes Süpple und fragte: »Männle, was magst noch?« Und von der Zeit an war Fried und Einigkeit im Haus; und die Nachbarin selbst hatte ihre Freude daran, so wie hoffentlich alle, die dies lesen.

Wer da will haben gut Gemach,
Der bleib unter seinem Dach.
Wer will haben ein Ruh,
Der bleib bei seiner Kuh.

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