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Abendteuer des Entspekter Bräsig

Fritz Reuter: Abendteuer des Entspekter Bräsig - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAbendteuer des Entspekter Bräsig, bürtig aus Meckelborg-Schwerin, von ihm selbst erzählt
authorFritz Reuter
year1990
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00017-9
titleAbendteuer des Entspekter Bräsig
pages5-14
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Spielen Sie auch Sechsundsechzig?« fragte er. – »Oh, woll!« sag ich. – »Na«, sagt er, »denn sehn Sie mal. Soll ich decken?« – »Natürlich!« sage ich, denn er hätte eine Marriasche und die beiden öbbersten Trümpfe und eine starke Garrantion in Piek.

»Wenn er deckt, denn verliert er«, ruft mein Mitkollege Bohmöhler über dem Tische herüber, denn er kuckte dem andern Spieler in die Karten. »Er gewinnt en dreifachen!« ruf ich. – »En Taler«, ruft er, »er verliert das Spiel.« – »Einen Taler gegen«, ruf ich, denn ich war hitzig geworden; aber mich wurde bald wieder so zumut, als wenn mich einer ein Eimer kalt Wasser über dem Kopfe stülpte, denn denken Sie sich, das dumme Vieh von noblen Herrn, auf welchen ich mein Parreh hielt, spielte die Garrantion in Piek aus, welche Schläge kriegte; das andere Part riß ihm nu die Marriasche inzwei, und das Spiel lag in den Graben.

»Gewonnen!« rief der Herr Entspekter Bohmöhler. – »Ja«, sag ich, »wenn's so geht!« Aber weil daß es eine von meine angenommenen Prinzips ist, mich nie bei's Spiel zu streiten, so drücke ich mich ganz dicht an den Tisch heran und knöpfe mir heimlich auf, wobei ich mir nicht entsagen konnte, in meinem Herzen zu denken: ›Von einem Ochsen ist nicht mehr als Rindfleisch zu verlangen.‹ Womit ich den noblen Herrn meinte.

Als ich nun meinen Geldbeutel losgebunden hatte, hole ich aus ihm einen harten Taler raus und recke ihm über dem Tische meinem Mitkollegen zu, indem ich den Geldbeutel noch verloren in derselben Hand behalte. Bei dieser Gelegenheit stehe ich auf und werde mit meinen aufgeknöpften Gegenständen sichtbar; der Herr Entspekter Bohmöhler fängt über mir an zu lachen und zeigt auf meine Verlegenheit, und, indem daß ich mich mit meiner linken Hand zu verhüllen suchte, nimmt er mir den Taler aus meiner rechten – aber auch den Geldbeutel.

»Herr«, sage ich kurz und ärgerlich, denn ich war falsch geworden, »geben Sie mich den Geldbeutel wieder her.« – Er steht da und lacht. – »Herr«, sag ich, »Dummheit lacht. Geben Sie mich mein Eigentum.« – Er lacht weiter, geht aber auch weiter nach der Tür zu. – »Da soll doch das Donnerwetter dreinschlagen«, sage ich und will hinter dem Tisch raus, kann aber nicht, denn hinter mir hätte ich die Wand, vor mir den Tisch und zu beiden Seiten den Bundesbruder und den nobeln Herrn.

Und – sehen Sie – dies war die obenbenannte Dämlichkeit, die ich aus Vorsichtigkeit begangen hatte. Was hatte ich mich an die Wand zu setzen?

»Lassen Sie mich raus!« sage ich zu dem Bundesbruder. – »Oh, lassen Sie doch!« sagt er. »Er macht jo bloß Spaß.« Und dabei lacht mich der Halunke von Entspekter grade in das Gesicht, macht die Türe auf, nickt mir noch mit einem Abschiedsgruß zu und geht raus.

Nu aber war's denn auch rein mit mir zu Ende; ich kriege den Bundesbruder links und den nobeln Herrn rechts zu packen und sage: »Karnalljen, entfahmtigte Spitzbuben-Karnalljen, laßt ihr mich nicht raus?« Und somit spring ich auf den Stuhl und will dwas über den Tisch. Da halten sie mir an die Rockschlippen fest, und was mein Karnallje von Bundesbruder war, sagte: »Ich bitt Ihnen um tausend Pfund! Sie können doch in diesem Zustand Ihrer Extremitäten nicht auf die offenbare Straße! – Meine Herrens!« sagt er, »halten Sie ihn fest, ich will ihn erst zuknöpfen«, und dabei fängt dieser Krokodil an, mir hülfreiche Hand zu leisten.

O Judas! Judas! Dieselbe Taschenuhr, die er mich vor einer halben Stunde mit Tränen in den Augen restatuwierte, hat er mich, wie sich das nachher auswies, mit heimlichen Lachen beraubt.

Aber ich schlug um mich wie ein angeschossen Hauptschwein und stürz mich auf die Straße, habe aber noch so viel Besinnung, die Schlippen vorn zusammenzunehmen. Ich laufe die Straße rauf, ich lauf sie wieder runter. Je, ja! Je, ja! Da war kein Bohmöhler und kein Ökonomiker zu sehen; aber alle Leute stehen still und sehn mich an.

Was sollte ich verratenes Wurm nun tun? Da tritt ein Schutzmann an mich heran und sagt: »Sie is gewiß was passiert?« – »Ja«, sag ich, »das kann ein alt' Weib mit dem Stock fühlen.« – »Wenn Sie würklich was passiert is«, sagt er, »dann sagen Sie's nur, denn ich bin dafor angestellt.« Und ich sage ihm denn den betreffenden Umstand.

»Wo is dies gewesen?« fragt er. – »Hier in diesem Keller«, sag ich. – »Na«, sagt er, »denn sünd Sie auf's richtige Flach gekommen.« Damit geht er in den Keller, und ich folge hinter ihm.

Hier aber hatte eine Eule gesessen, der ganze Eiserbahnverein hatte sich aufgelöst und war flöten gegangen; kein Mitglied war vorhanden. Die Polka-Mademoiselle, welche das Bier eingeschenkt hatte, hatte keinen von die anwesenden – jetzt abwesenden Herrn – gekannt, bloß mich erkennete sie wieder, was sehr freundlich von ihr war, und wobei sie auch lachte.

»Haben Sie denn keinen mit Namen nennen hören?« fragte der Schutzmann. – »Ja woll!« sage ich. »Der Hauptspitzbube war der Herr Entspekter Bohmöhler aus der Ukermark und en Mitkollege von mir.« – »Na, ob der einer gewesen ist, wird sich ausweisen«, sagte er, »aber Sie sind also einer?« – »Ja«, sage ich, »en richtigen. Entspekter Bräsig aus Meckelnborg.« – »Haben Sie einen Paß?« fragt er. – »Hier«, sage ich.

Aber – hören Sie – indem daß ich dies sagte, wurde ich mir wieder als Levi Josephi bewußt, was ich in der Hitze meiner Aufregung ganz vergessen hatte. Mit meiner Besinnung war es aber zu spät, er hatte mich den Paß schon abgenommen, und als er meine jüdische Quahlität darin fand, wurde er verdeuwelt hellhörig aussehen. Er zog nun noch ein anderes gedrucktes Pappier heraus und las darin und denn in dem Paß und denn munsterte er mir von oben bis unten, und denn las er wieder, und denn munsterte er wieder. Ich stand da wie Botter an de Sünn.

Endlich sagt er zu mir: »Kommen Sie man mit, es ist dies eine Prüfung, die Ihnen Gott schickt.« – »Wenn das 'ne Prüfung sein soll«, sage ich, »denn is es man eine sehr dumme, denn ich bün ein ehrlicher Mann«, gehe aber mit ihm; aber natürlich in Haaren, d. h. in der bloßen P'rük.

Aber wo bringt mich der Kerl hin? In dem Hohtel an dem Schangdarmen-Markt.

Als ich da vor die Türe zu stehen komme, springt der kleine Kellnöhr aus der Tür und ruft: »Hier is er!« Und der Wirt kommt raus und sagt: »Gottlob, da is er!«, und der Schutzmann fragt: »Nicht wahr? das is er!« Und somit arretieren sie mir da sämtlich und bringen mir nach Moses Löwenthalen seine Nummer rauf, und der kleine Kellnöhr reißt die Stubentür auf und ruft: »Herr Löwenthal, hier is er!«

Moses Löwenthal sprang vom Stuhl in die Höhe und rief: »Onkel, lieber Herr Onkel, was haben Sie mich for ein Elend gemacht, mich zu versetzen in die Unruhigkeit und in die Ungewißheit, und nicht zu wissen, wo Sie sind gestoben und geflogen.« – Nu war mich aber verdeuwelt wenig judenonkelig zu Sinn, und ich sage: »Halten Sie Ihr Maul mit der Judenschaft und der Onkelschaft! Ich will nichts davon wissen. Ich bün nu wieder Entspekter Bräsig.«

Während ich nu so meinen Grimm auslasse, geht der Schutzmann mit vorgehaltene offene Hand auf Mosessen los und sagt: »Ich bitte mir das versprochene Dußöhr von fünf Talern aus for die Beibringung des Herrn da.« Nun verschrak sich Moses, nu wollte er nich; aber er hätte es einmal ausgepriesen, und nu müßte er. Der tiefbetrübter Newöh bequemte sich endlich mit Hängen und Würgen, und als er nu glaubte, nu wäre allens glatt und schier, da kehrte dieser Schutzmann seine rauhe Seite zum Vorschein und erklärte, uns wegen gefälschte Paßverhältnisse arretieren zu müssen, und als Moses mit Hand und Fuß dagegen renommierte, sagte der Schutzmann ganz ruhig, er solle sich man ein bischen gedulden, es würde sich allens finden. Mir hielte er bloß for einen ollen, einfältigen Vogelbunten, der sich dummerweise mit die Berliner Schwindler eingelassen hätte, aber Mosessen hielte er for eine abgefeimte Karnallje, denn er hätte es wohl mit angesehen, wie fein er gestern dem Rewerendarius den Judenpaß abgeschwindelt habe.

Was half das all? Wir mußten in die Droschke steigen; der Wirt – ein braver Mann, der mir ordentlich lieb gewonnen hatte – lieh mich einen Hut, der mich natürlich viel zu groß war, weil wir mit Köpfen nicht stimmten, und so ging's denn hin nach Nummer Sicher.

Mit der Weile war es aber dunkel geworden, und zu einer Vornahme zum Verhör konnte es nicht mehr kommen, sondern wir wurden einfach in ein Behältnis eingespunnt, worin sich außer zwei Strohsäcken nur wir allein befanden.

Moses resaunte und posaunte die halbe Nacht, er schimpfte auf die Berliner Polizei, auf mir und auf die Flöhe; denn es war in der heißen Sommerzeit. Ich war still, ich hatte mich dreingefunden, denn ich hatte mir selber wiedergefunden, und Flöhe tun mir nichts,- was ich dem frühzeitigen und mannigfaltigen Umgang mit Pferden zuschreibe; ich schlief ruhig ein, denn ich war müde und hatte die vorige Nacht wenig geschlafen.

Den andern Morgen wird die Tür aufgeschlossen, und herein kommt ein Mensch mit ein großes Bund Schlüssel und sagt weiter nichts als: »Guten Morgen! Zum Rasieren!« Und hinter ihm her kommt en langer Mensch mit aufgekrämpte Ärmel und en Scherbeutel. Nu hatte ich allerdings natürlich schon einen dreitägschen Bart; aber noch meintage nich hatte ich mir eine frömde Hand in das Gesicht kommen lassen. Ich sage also: »Bitte, geben Sie mich das Geschirr her, ich will mich selbst rasieren.« – »Daß Sie sich hier vor unsern sichtlichen Augen den Hals abschneiden!« sagt der Kerl mit die Schlüssel. »Ne«, sagt er, »so dumm sünd wir hier nicht.« – Gott soll mich bewahren! Wo schlecht mußt' meine Sache stehen, daß sie eine Handanlegung bei mir vermuteten! Na, ich sage aber nichts und setze mich wie ein Lamm auf die Schlachtbank; aber was ich geduldet, kann sich jeder denken; denn ich habe überall einen starken Bart und diesmal einen dreitägschen, und dazu bün ich noch in meine jungen Jahren hellschen mit die Pocken behaft gewesen, weswegen Knüppel – der ümmer voll schlechte Witzen steckt – mein Gesicht ümmer das Waffelkucheneisen nennt. Denken Sie sich nun bei diesen Voraussetzungen dazu, daß dieser Balbier nur ein einzigstes Messer besaß, was for alle passen mußte, und Sie können sich meine Tortur einbilden. Er schund mir also auch gehörig und mußte mir wegen der Blutung Feuerschwamm auflegen, wodurch es sich auch stoppte. Mit Mosessen gung es besser, weil er bloß einen eintägschen hatte, obschonst er auch nüdliche Gesichter zog, als er unter dem Messer befindlich war.

Sie gingen, und wir waren wieder eine Zeitlang allein, da wird wieder aufgeschlossen, und der Kerl mit das Schlüsselbund kuckt in die Tür und ruft: »Mitkommen!« Das ist nämlich hier die eingeführte Manier, womit sie einen eine Einladung anzeigen. Na, wir gungen nu auch mit und kamen endlich auf einem Hofe, allwo ein einfacher Stuhl stand und hinter dem eine Art Bettschirm. »Sitzen gehn!« rief der Kerl und winkte mir.

»Wie Sie sehen«, sagte ich, »bün ich schon balbiert, und zu's zweitemal habe ich keine Lust.« – »Maul halten!« sagt er. »Sitzen gehn!« – Na, was sollte ich dazu sagen? Die Gewalt hätten sie, und ich könnte mich jo auch hinsetzen, das täte mir jo doch nichts. Ich setze mir also.

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