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Abendteuer des Entspekter Bräsig

Fritz Reuter: Abendteuer des Entspekter Bräsig - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAbendteuer des Entspekter Bräsig, bürtig aus Meckelborg-Schwerin, von ihm selbst erzählt
authorFritz Reuter
year1990
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00017-9
titleAbendteuer des Entspekter Bräsig
pages5-14
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dies Glück gelang mich denn auch bald, indem daß ich einen kleinen, nüdlichen, auferweckten Straßenjungen traf, der mich for einen Silbergroschen nach dem zotologischen Garten brachte, natürlich in bloßem Kopfe, d. h. mit bloßer Perücke. Entreh: vier Groschen. Ich bezahlte und konnte nun reingehen. Hier ist nun eine merkwürdige Einrichtung getroffen, die mir dem bekannten Post- und Reisespiel aus meiner Jugendzeit entnommen zu sein scheint. Es stehen nähmlich an den Wegen lauter Wegweiser, die ümmer von einer Kreatur zur andern zeigen, wobei man sich aber in acht nehmen muß, daß man keine überschlägt, wie mich das passiert ist; denn dann kann es existieren, daß man total in Bisternis kommt und daß man, wie ich z. B., einen Eisbären for eine Löffelgans hält.

Hier in diesem Garten sünd nun sehr verschiedene Markwürdigkeiten, meistens vierfüßige, aber auch Vögel und Ungeziefer. Sie alle zu beschreiben is nich nötig, denn sie stehen schon gedruckt in einer kleinen Naturgeschichte, die man for vier Schilling beim Entreh mitkauft. Außer Affen, Bären, Kameeler, die auch bei uns in Meckelnborg in der Vorzeit auf Jahrmärkte begänge waren, nu aber an der Gränze von der Polizei als Tagediebe abgewiesen werden, habe ich allhier kennen gelernt: den Pepitahirsch, ein Prachtstück von einem Achtzehnender, vorne gut aufgesetzt und mit schöner Aktion in dem Hinterteile, dann zweierlei Schweinerassen aus Amerika, von denen die eine der Markwürdigkeit wegen keinen Schwanz hatte; scheinen mich aber beide keine Mastungsfähigkeit zu haben; ferner die sogenannten reißenden Tiere, wie Hiähnen, Tigers und Löwen, die zum Frühstück und zum Mittag- und Abendessen rohe Biewstücks essen; aber ohne Pfeffer und Zwieweln, wie es jetzund die Reisenden genießen. – (Ahpropoh! Dies soll von mich ein Witz sein!) –

Wie ich man gehört habe, haben sie hier eine kleine Löwenzucht einrichten wollen; es is aber nich gegangen, weil mang die drei Löwen keine Löwen-Sie gewesen is.

Ferner war hier auch eine Art von Vogel Strauß zu sehen, der sich bei sich zu Hause aber »Casimir« nennt; er soll natürliche Eier legen, obgleich er von die schwarzen Mohren zum Spazierenreiten benutzt wird. Ih, ja! Knochen hat er; aber man zwei; von Vorderteil und Hinterteil is gar nicht bei ihm die Rede, und wo soll denn da 'ne richtige Gangart herauskommen? Es is also wohl nur ein Läuschen.

Nachdem ich dies und noch vieles andere gesehen hatte, will ich schon nach Hause, d. h. nach Berlin, gehen, da fällt mir ein Parragraf aus der kleinen Naturgeschichte in die Augen, welcher lautet: »Der Lama. Er trägt Wolle und Lasten, läßt sich auch reiten und ist sehr flüchtig, ist also gleichsam aus einer Vermischung von Schaaf, Kameel und Hirsch entstanden.« Dies war mich denn doch ein bischen zu bunt, darauf konnte ich mir keinen Vers machen; ich denke also, das Beste is, du besiehst ihn dir perßöhnlich. Ich suche ihn und finde ihn. Da steht er: dallohrig, vorne französch und hinten kuhhessig, mit 'ner Farbe, die's gar nicht gibt. Wie er mir bemerkt, kommt er piel auf mich los und steckt den Kopf über die Stacketten, legt seine Dallohren zurück und zeigt mir sein Gebiß.

›Ih‹, denk ich, ›büst du so einer, der von Natur schon falsch is, denn sollst du noch falscher werden.‹ Ich narr ihn also, indem ich ihm mit einem Stock auf die Nase kloppe. Sehn Sie, da wurde dieser Lama doch so boshaft, daß er ordentlich mit die Beine trampelte. Na, ich hau ihm noch eins auf die Schnauze; aber da – Gott soll mich bewahren! – spuckt mich das entfahmte Biest eine stinkerige Salwe über den bloßen Kopp und das Gesicht und die übrigen Kleidungsstücke, daß ich denke, mich sollen die Ohnmachten antreten.

»Wischen Sie ab! Wischen Sie rasch ab!« ruft mich eine Stimme zu, die ich aber nicht sehen kann, weil mich die Augen verkleistert sind, »wischen Sie rasch ab! Der Gift frißt Ihnen sonst die Kleider entzwei.«

Aber womit? Mit dem Schnupptuch? Ja, hätte ich auch einen? – Ich hätte keinen. – Ich fühle aber, wie mich der bis jetzt noch ganz unbekannter Freund zu krigt und mir wischt, und als ich die Augen aufmachen kann, sagt er: »Aber warum holen Sie nicht Ihren Schnupptuch raus?« – »Weil sie mich den gestohlen haben.« – »Wo haben Sie denn Ihren Hut?« – »Weil sie mich den auch gestohlen haben.« – »Haha«, sagt er und lacht, »Sie sind also woll noch ein Grüner?«

Sehen Sie, das is das Ganze, woher sich der obige dumme Schnack auf der Kegelbahn stammt, mir hat keiner grün angemalt, sondern dieser Mann hat mir bloß grün benannt, und das is nich in den Affenkasten gewesen, das passierte mir bei der Lamabucht.

Wie er mich nun so abwischt, kömmt er auch unterhalb die Magengegend und fragt: »Was haben Sie denn hier for einen Knudel?« – »Das ist mein Geldbeutel«, sag ich, »den ich da wegen der Taschendiebe verfestigt habe.« – »Das is recht«, sagt er. »Sie scheinen mich ein vorsichtiger Mann zu sein. Aber wo in aller Welt kommen Sie zu diesem Lama?« – »Je«, sag ich, »ich wollt ihn bloß en bischen brüden«, und dabei seh ich mir meinen neuen Freund genauer an.

Er hätte Stulpenstiewel und einen Mäckintosch an, obschonst die Witterung trocken wie ein Spohn war, und in der Hand hätte er eine Reitpfeitsche. Ich sage also zu ihm: »Auch woll ein Ökonomiker?« – »En richtigen!« sagt er. – »En Meckelbürger?« frag ich. – »Beinah«, sagt er. »En Ukermärker.« – »Kennen Sie woll einen gewissen Trebonius, Colonius, Pistorius, Prätorius und Livonius?« – »Sehr gut«, sagt er. »Sind meine besten Freunde.« – Na, nu wußte ich denn, daß ich mit einem ordentlichen Menschen zu tun hatte, und wir gehen zusammen aus dem wilden Tiergarten.

Mein neuer Freund und Mitkollege erzählte mich denn vielerlei, denn er hatte es hellischen mit's Maul. »Herr Entspekter Bräsig«, sagte er – denn ich hatte mir mit meinem christlichen Namen namkünnig gemacht, und er auch, und hieß »Bohmöhler« –, »Herr Entspekter«, sagte er also, »Sie is es akkerat mit dem Lama so gegangen wie die Zehlendorfer Bauern mit dem großen französischen Filosofen Wolltähr. Kennen Sie ihm?« – »Ne«, sage ich, »einen gewissen Wolter kenne ich wohl, aber das ist ein Zuckerkanditer in Stemhagen.« – »Den meine ich nicht«, sagte er, »ich meine Wolltähren, welcher ein Zeitgeist von den Ollen Fritz war. Na, diesen hatte sich der Olle Fritz aus Frankreich verschrieben, indem daß er bei ihm noch in die französischen Provatstunden gehen wollte. Na, er kam auch, war aber schauderlich häßlich anzusehen und dabei war er ein nichtswürdiger falscher Karnallje. Nun begab es sich aber, daß dieser Wolltähr einmal bei 'ner Gelegenheit einen von den Ollen Fritzen seine Kammerjunkers häßlich auf die Leichdörner trat. Na, die Kammerjunkers – haben Sie die Art auch bei sich zu Hause?« – »Natürlich«, sage ich, »denn wir leben in Meckelnborg auch in einem nützlichen Staate.« – »Na, also die Kammerjunkers sünd überall hellisch pfiffige, junge Menschen, und dieser war einer von der richtigen Sorte. Er wollte Wolltähren einen Sticken stechen, und weil er wußte, daß dieser in einer Kutsche zu dem Alten Fritz nach Potsdamm in die Provatstunden fahren mußte, jagte er zu Pferde vorauf nach Zehlendorf und sagte zu die Bauern im Kruge, sie sollten aufpassen, es würde eine Kutsche kommen, da säß den Ollen Fritzen sein Leibaffe in, und sollten ihn jo nicht rauslassen, denn das Biest wär falsch und rackerig und biß auch. Na, als die Kutsch' nu anhielt, stellten sich die Bauern um den Wagen, und als Wolltähr nu raus wollte, klopften sie ihn immer auf die Finger und tahrten ihn: ›Trrr Ap! Bittst ok?‹ Und wenn er die Nase raussteckte, denn krigte er eins auf den Schnabel: ›Trrr, Ap! Bittst ok?‹«

»Herr Entspekter Bohmöhler«, sage ich, »Ihre Geschichte paßt auf meinem Lama ganz genau, bloß daß mich zuletzt dieser seinen Gift in die Augen verabfolgte.«

»Oh«, sagte der Herr Entspekter, »wenn's weiter nichts ist! Das hat Wolltähr auch getan, der hat seinen Gift nicht bloß über die dummen Zehlendorfer Bauern, nein, über den König und das ganze preußische Land ausgespien.«

In dieser Art unterhalten wir uns denn nu miteinander und kommen in die Stadt und gehen hierhin und dahin, und endlich sagte mein Mitkollege zu mir: »Wollen ein Glas Bier trinken.« Und ich sage: »Man zu!«

Wir gehen denn also in einen Keller; aber – hören Sie mal! – wie ich darin meinen Eintritt nehme, da is mir denn doch auch grade, als wenn mir einer mit der Äxt vor den Kopp schlägt, so verschrak ich mich, denn – sehen Sie – vor mir an den Tisch saß der offenbare Halunke von Bundesbruder, der Meister vom Postwagen im Osten und Westen und Ritter von der Eiserbahn dritter Klasse, und trank sein Bier wie die unschuldigste Seele.

Na, ich fahr denn nu natürlich auf ihm los und sage: »Entfahmtigter Karnallje –« – »Ach so«, fiel mir hier mit ein ziemlich langes Gesicht der Herr Entspekter Bohmöhler in die Rede, »die Herren kennen sich?« – »Ei was!« sag ich. »Was hier von Kennen? Dieser abgefeimte Halunke hat mich schön in die Tinte gebracht!«, und ich erzähle die ganze Geschichte, wobei alle die Umstehenden um mich herumstanden und lachten; bloß dieser heimtückische Attentäter sagte kein Wort und trank ruhig sein Bier.

Als ich nun von meiner langen Verzählung und vor Bosheit aus der Pust war, sagte er ganz ruhig: »Sünd Sie nu fertig?« – »Ja«, ruf ich. – »Na«, sagt er, »denn zeigen Sie mich mal, woans Sie's gemacht haben, als Sie wieder nach Berlin retuhr wollten?« – »So hab ich's gemacht«, sag ich und pfeiff dreimal und kloppe mir mit dem Zeigefinger der rechten Hand dreimal auf die Nase. – »Ja«, sagt er, »denn bedaure ich sehr, denn haben Sie's falsch gemacht; wenn Sie wieder retuhr wollten, denn hätten Sie mit der linken Hand sich in der Zeichensprache ausdrücken müssen.« – »Ja«, sagt der Herr Entspekter Bohmöhler, »denn haben Sie's falsch gemacht.« – »Ja«, sagt ein sehr nobel aussehender Herr, »denn haben Sie's falsch gemacht, denn – sehen Sie – wir alle hören zu diesem wohltätigen Verein, und hier werden unsere Sitzungen gehalten, und wir müssen's doch woll wissen.«

Was sollte ich dazu sagen? – Ich schwieg, gruns'te mir aber inwendig, und endlich sagte ich giftig zu diesen nobeln Herrn: »Wenn Sie denn doch allens so genau wissen, denn werden Sie auch woll wissen, wo meine Taschenuhr geblieben ist.«

Sehen Sie – da stand mein erster Bundesbruder in der Höhe, drückte mir mit ernsthafter Zutraulichkeit die Hand und sagte: »Ich weiß es, und hier is sie«, und damit überreichte er mir herzlich meine langjährige Taschenuhr.

»Herr«, sage ich, »wo kommen Sie zu meine Taschenuhr?«

»Das ist ein Geheimnis«, sagt er, »und wenn Sie noch länger mit unserm wohltätigen Verein verkehren, denn werden Sie noch die verschiedensten Geheimnisse kennenlernen. Fragen Sie jetzt nicht darnach. Vorläufig gereicht es mich zu 'ner besonderen Ehre, daß ich einem Ehrenmann sein ehrenwertes Eigentum restatuwieren kann«, und dabei wischte sich dieser Krokodil eine feuchte Träne aus seinem Auge.

Na, nu wäre es gegen alle christliche Besinnung gewesen, wenn ich nun noch an meine Bundesbrüder Zweifel hätte hegen wollen; aber bei die vielen Geschichten, die mir passiert waren, war ich doch etwas koppscheu geworden, und ich setze mir also vorsichtig hinter einen langen Tisch mit dem Rücken gegen die Wand, wodurch ich ihn mir klugerweise zu decken dachte, was sich aber nachher als eine ausgesuchte Dämlichkeit auswies. Neben mir saß mein Bundesbruder, und auf der anderen Seite setzte sich der benannte noble Herr, und mir gegenüber mein Mitkollege, der Herr Entspekter Bohmöhler. Wir tranken also unser Bier und sprachen von dies und das, und darauf ließ sich mein nobler Herr Nachbar Karten geben und spielte mit seinem Fisawih Sechsundsechzig. Ich kuckte zu.

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