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Abendteuer des Entspekter Bräsig

Fritz Reuter: Abendteuer des Entspekter Bräsig - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAbendteuer des Entspekter Bräsig, bürtig aus Meckelborg-Schwerin, von ihm selbst erzählt
authorFritz Reuter
year1990
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00017-9
titleAbendteuer des Entspekter Bräsig
pages5-14
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Na, hören Sie, wo is das möglich! So 'ne Ähnlichkeit! Grad so als auf die alten preußischen Zweigroschenstücken. Allens ganz richtig! Und das soll ein gewisser Professor gemacht haben und soll sich das all erst aus gewöhnlichen Lehm ausgeknädt haben? Das mag der Deuwel glauben, denn wenn einer das Pferd ansieht, denn denkt er nicht an so einen lateinischen Professor, sondern an einen richtigen Stallmeister. Ne, hören Sie! Das Pferd! – Ja, 's ist wahr, ein bischen hohe Aktion in den Vorderknochen, aber freie Brust. Wo pastetisch geht das Tier in bloßen Schritt in die Welt hinein! Grad als wenn das dumme Kreatur wüßte, daß ein König auf seinen Puckel sitzt. Rechts und links un vorne sünd an das Postament den Ollen Fritzen seine Herren Generals und Feldmarschalls angebracht, alle so'ne olle ehrliche, dickköppige, pommersche Gesichter, und damang steht der olle Ziethen, der mir besonders bekannt is, denn was mein Großvaterbruder gewesen is, hat mit ihm dazumalen achtern Busch gesessen, und in unsrer Familie hat sich noch ein alter inzweiiger Stiefel aufbewahrt, der von ihm stammt und den meine Brudertochter, die Madame Ziehlken in Lübz, unter 'ne Glasklocke in ausgestopften Zustand auf ihre Kommode zu stehn hat.

Das einzigste, was mich bei dieser Bildsäuhle nich gefällt, is, daß die Sivilisten hinten unter dem Pferdeschwanz sitzen, was mich doch zu sehr gegen den Respekt scheint.

Nu war mich aber durstig geworden, und ich sehe mir nach einem Erfrischungszimmer um, deren Anzahl in Berlin in Menge zu finden is. Ich finde denn auch eins und gehe hinein. Da sitzen sie nun alle und lesen aus der Zeitung. Ich nehme mir also auch eine und lasse mir ein Glas Bier kommen. Meine Zeitung war aber nur eine Beilage, was mir lieb war, denn ich lese die gewöhnlichen bürgerlichen Zustände, als verlorene Sachen, Gummikaloschen, Ausverkauf und neusilberne Teekessel, lieber als die königlichen Regierungsverhältnisse. So komme ich denn also auf den Artikel »Verlaufen«. Da is denn nu erst ein Pintscher, dunn ein Hühnerhund und dunn ein Spitz un dunn ich selber. Denken Sie sich, ich selber! Aber, Gott sei Dank, als Jude; mein christlicher Name war nicht darin bekannt. Dieser mir sehr unangenehmer Parragraf der Zeitung lautete folgendermaßen:

»5 Taler Belohnung!

Seit gestern nachmittag ist aus dem Scheibleschen Hotel am Gensdarmen-Markt mein Onkel Levi Josephi aus Prenzlau spurlos verschwunden. Menschenfreunde werden aufgefordert, denselben, wo sie ihn auch finden mögen, aufzugreifen und gegen obige Summe in dem benannten Hotel an mich abzuliefern.

Moses Löwenthal, Wollhändler und betrübter Neveu

Signalement des Herrn Levi Josephi:

                Größe: klein
Stärke: sehr stark
Nase: dick und schnupft
Augen: grau und wohlwollend
Mund: gewöhnlich, aber ausdrucksvoll
Haar: unnatürlich, eigentlich eine fuchsige Perücke, die nicht mit Eiweiß, sondern mit einem schwarzen Bande unter dem Kinne befestigt wird
Religion: mosaisch
Sprache: ein sehr richtiges Hochdeutsch, ohne jede jüdische Beimischung.«

Nun tun Sie mir den Gefallen und machen Sie sich eine Einbildung von meinem Ärger. Läßt mir dieser Judenbengel unter die verlaufenen Hunde in die Vossische Zeitung setzen! So lange hatte ich mir nur vor der geheimen Polizei wegen der ßackermentschen Judenschaft in acht zu nehmen, nun konnte mich jeder, der fünf Taler verdienen wollte, arretieren und abliefern. Ich sehe mich um in dem Lokahle und sehe dort verschiedene Gesichter, die imstande waren, ihren eigenen Vater und Mutter an Moses Löwenthalen abzuliefern. Ich male mir dies vor Augen, und der Angstschwitz bricht mir aus, nicht for den dummerhaften Judenjungen, ne, for den Skandal, der auf mein Renommeh fallen mußte. Ich will mir diesen Schwitz abtrocknen, lange in die Tasche und suche nach dem Schnupptuch. – Ja, prost Mahlzeit! Hätte ich auch einen? Ich hätte keinen, und ich hätte doch heute morgen einen gehabt; als die lateinischen Ökonomiker abreisten, hätte ich ihnen mit meinem rotundgelbseidenen Schnupptuch noch freundschaftlich nachgeweht. Kein Mensch war mir sörredessen zu nahe gekommen – ja doch: der eingeborne Berliner, der mich bei Blücherten abgekloppt hatte; aber wie wäre das möglich? – Der Mann wäre ein gebildeter Mensch, und denn in Gegenwart von den ollen Blüchert! – Aber der Schnupptuch blieb weg.

Mir wurde doch ganz ängstlich bei dieser offenbaren Taschendieberei, ich denke also an meinem Gelde und fasse mich unter die kurzen Rippen, wo ich es verfestigt hatte. Gottlob, das Geld war noch da; aber nun fiel mir ein, daß ich mein Bier bezahlen mußte. Aber wie? Ich konnte mich hier im Beisein der ganzen Gesellschaft doch nicht entkleiden, einesteils wegen der Schicklichkeit, andernteils wegen des Verrats meines geheimen Aufbewahrungsplatzes.

Ich denke also: ›Sollst vor die Tür gehen, denn wird sich das woll finden.‹ Aber sowie ich den Drücker anfieß, sprang mit einem Male ein sogenannter Kellnöhr vor mich zu und sagte: »Um Vergebung! Sie haben vergessen, Ihr Bier zu bezahlen.« »Dieses nicht, junger Mann«, sage ich. »Lassen Sie mich bloß heraus; ich komme gleich wieder rein und bezahl Sie allens.« »Wer ein Narr wär!« sagt dieser Bengel, »ich habe schon viele gesehn, die rausgegangen sünd, aber wenige, die wieder reingekommen sünd.«

Na, nu begehre ich denn auf, und es wird ein sehr lauter Spektakel, und die verschiedenen Leser kucken aus ihren Zeitungen in die Höhe.

Mit einem Male springt einer auf und ruft: »Wo ist die Beilage zu der Vossischen? Das is er, das muß er sein!« Und die andern springen auch auf, und dauert nicht lange, kommt die ganze Gesellschaft um mich rum zu stehen und kuckt mir neubegierig an. Und der eine fragt: »Um Vergebung zu fragen«, sagt er, »sind Sie nicht Herr Levi Josephi aus Prenzlau, auf den seinen Kopp fünf Taler Belohnung stehen?« – »Hol Sie der Deuwel!« sag ich. »Aber«, sag ich, »Not kennt kein Gebot«, und damit drehe ich mir halb gegen die Wand zu und knöpfe mir die Weste ekzetera und so weiter auf.

Nun wird es denn um mich herum ein großes Gelächter, welches sich augenscheinlich auf meine Aufknöpfung bezog. Aber ich war nun über die Schanierlichkeit weg und sage ganz ruhig zu dem Kellnöhr: »Hir is 'ne Luggerdohr. Geben Sie mich Kleingeld wieder raus.« Und stell mich mit dem Rücken gegen die Wand in Erwartung, daß mich nu einer arretieren wird; aber sie lachen bloß, und ich sehe ihnen stramm in das Gesicht.

Der Kellnöhr bringt mich das kleine Geld, ich stecke die harten Dahlers in meinen vermeintlichen seidenen Geldbeutel, binde ihn an Ort und Stelle fest, steck die Viergroschenstücke for zukünftige Fälle in die Westentasche, knöpfe mir wieder zu und gehe in ruhiger Gelassenheit an die Türe.

Da kömmt einer, der vorzüglich »Hanns vor allen Hägen« war, an mich ran und sagte: »Herr Levi Josephi aus Prenzlau, ich werde mir die fünf Taler verdienen und werde Ihnen an Ihren betrübten Neveu ausliefern.«

»Schön«, sag ich, »kommen Sie man ran! Ich werde Ihnen auch was ausliefern.«

Zu diesen Austausch von gegenseitigem Liebesdiensten schien er keine Lust weiter zu haben, und ich ging aus der Tür; abersten in derselben blieb ich bestehen und drehete mich um und sagte mit eindringlicher Nachdrücklichkeit: »Schämen Sie sich, Herrens, wegen der Spitzbubenzustände von Berlin, was 'ne Haupt- und Residenzstadt sein will, in welcher aber ein ehrlicher Mann sein bischen Vermögen auf nackigtem Leibe tragen muß, stats in der Hosentasche. Nein! Malchin und Wohren« – denn nun rührte sich mein vaterländisches Gefühl auf – »sünd viel kleiner als Berlin; abersten da können Sie von einem Tor zum andern gehn, mit einem Geldbeutel hinten und einem Geldbeutel vorn, und wenn er auch 'ne halbe Elle aus der Tasche raushängt, aber kein Schilling wird Sie da entfernigt.«

Und damit schmiß ich die Tür zu und stürzte mich aus der Restauresteratschon auf die Straße.

Ich ging nu eine Alleh lang, die aus Linden besteht – weshalb sie auch »die Linden« genannt wird – und komme so an einem Tore, welches das Bramborgsche genannt wird, weil es da nach Scharlottenburg zugeht.

Grade so, wie bei alle andern mir bekannten Tore, fährt man hier durch, bloß eine eiserne Bildsäule fährt mit vieren – breitgespannt – über dem Tore weg.

Als ich draußen nun so steh und mir das obige Fuhrwerk anseh, kommt ein Herr, und ich wende mich an ihm und frage: »Um Vergebung! Wer is die Persohn da oben? Wen stellt sie dar?« – »Das ist die Viktoria«, sagt er und geht weiter. »Also die is das!« sage ich zu mir. »Das streit ich gar nicht. Und zum Zeichen, daß sie Königin von Engelland is, haben sie ihr mit Flüchten abgebildet.«

Sie is aber wohl schon in ihrer Jugend abgenommen, denn nach meiner Rechnung und nach dem meckelnburgschen Staatskalenner muß sie auf Stun'ns auch schon in die Jahren sein. Sie kutschiert sich selbst, wie das die Engelländerinnen auch taten, die bei meinem früheren gnädigen Herrn Grafen zum Besuch kamen; auch fährt sie langengelsch, aber mit vier Pferde breit – zwei auf der Wildbahn –, wie ich das männigmal im früheren Zeitalter bei pohlnische Juden gesehen habe. Was den Pferden betrifft, so waren sie mir zu entfernt; auch konnte ich sie nicht von allen Seiten munstern, indem mir nahmentlich ihre Hinterknochen verborgen blieben. Sie schienen mir aber eine gute Art Kutschschlag zu sein; auch kulören sie. Ich hätte aber Geld darum gegeben, die Anspannung zu besehen; denn wo is es möglich, daß einer – und noch dazu eine Dame – mit vier Pferden breit fahren kann ohne Distel (Deichsel)!

Indem daß ich mir hierüber noch den Kopf zerbreche, gehe ich weiter und befinde mich bald darauf nach Aussage eines angetroffenen Schutzmanns in dem Tiergarten. »Um Vergebung!« sage ich zu ihm, »in diesem Garten sollen jo woll noch würkliche wilde Biester sein, wie Affen, Bären und Kameeler!«

»O ja«, sagt er, »es sünd noch welche; aber nicht in der Freiheit hier herum, das wäre polizeiwidrig; nee, sie sitzen alle in Prisong in einem eingerichteten Garten, und wenn Sie dahin wollen, dann müssen Sie erst hier links und dann rechts und dann so und dann so und dann ümmer gradaus gehen.«

Na, ich bedanke mir denn natürlich und geh natürlich nun auch rechts und links un so un so un zuletzt auch gradaus und verbiester mir denn nu auch natürlich, indem daß ich grade auf einem Stackettengeländer loskam. – Weilendessen ich nun hier noch stand und ruminierte, wo ich mich hinschlagen sollte, kommt ein Mensch, den ich so for einen Maurergesellen außer Dienst taxiere, auf der andern Seite von das Stackett zu stehen. »Lieber Freund, wo komme ich woll von hier in den wilden Tiergarten?«

»Kommen Sie mal en bischen besser ranner«, sagte er; und ich komme auch dicht an das Stackett heran! – »Sehen Sie woll da das Hesternest in jener Pappel?« sagt er und zeigt über meiner Schulter rüber. – Ich dreh mich also um und seh auch das Hesternest und sag: »Ja«, sag ich, »ich seh's.« – »Na«, sagt er und legt mir die Hand vertrauensvoll auf die Schulter, »denn sehen Sie nicht rechts noch links, sondern sehen Sie sich ümmer das Hesternest an.« – »Schön«, sag ich, denn ich denke, er will mir 'ne Art von Kontenanzpunkt geben, wonach ich mir richten kann. – »Und denn leben Sie wohl!« sagt er und nimmt mir meinen Hut ab, macht mir mit meinen eigenen Hut 'ne Verbeugung, schmeißt mir über das Geländer das seinigte schauderhafte Etablissemang von einem Maurerhut vor die Füße und verliert sich ohne Wiedersehen in die nebenbei befindliche grüne Buschkasche. – Und zwischen uns das vierfüßige Stackettengeländer!

Da stand ich nu und sah mir abwechselnd den Maurerhut und das Hesternest an, wobei sich mir eine große Ähnlichkeit zwischen beiden aufdrang.

Aber was tun? – Über das Geländer könnte ich nicht herüber, und den Hut könnte ich doch nicht aufsetzen; ich resolvierte mich also rasch und ging denselben Weg wieder zurück, daß ich doch erst bloß wieder in bewohnte Gegenden käme.

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