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Abendteuer des Entspekter Bräsig

Fritz Reuter: Abendteuer des Entspekter Bräsig - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAbendteuer des Entspekter Bräsig, bürtig aus Meckelborg-Schwerin, von ihm selbst erzählt
authorFritz Reuter
year1990
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00017-9
titleAbendteuer des Entspekter Bräsig
pages5-14
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Was sich in mir entwickelte, als ich mit Mosessen ohne dem Schutzengel die Straßen entlangfuhr, war vorzugsweise eine innere Schamhaftigkeit und eine Angst vor Bekannten, daß sie mir begegnen möchten und mir den ausgetauschten Glaubensstand von's Gesicht lesen. Aber nebenbei kam ein Grimm gegen Mosessen über mir, der mit unschuldig lächelnden Zügen neben mir saß, und vor allem gegen Bexbachern, der mir mit en paar Judasküsse for die Judenschaft eingewechselt hatte. Ich sah nichts von Berlin, ich hörte nichts von Mosessen seinen Drähnschnack und dachte bei mir: ›Sollst auch nichts sagen!‹, denn ich hatte die innere Befürchtung, daß ich an zu mauscheln fangen würde, sowie ich den Mund auftäte.

Endlich hält der Wagen still, und Moses steigt aus und sagt: »Dies ist der Schangdarmenmarkt; Herr Onkel, steigen Sie aus, wir sind ins Quartier.« – »Entfahmter Judenbengel!« rief ich und griff rechts und links nach einem Stock oder Regenschirm oder so was, um ihn damit zu begrüßen, »wart, ich will dir beonkeln!« Aber die Schicklichkeit verbot mich dieses, denn ein sehr feiner Mann, der den Wirt vorstellte, und ein liebenswürdiger junger Mensch mit 'ner grünen Schürze, der Markür war, was sie hier einen Kellnöhr nennen, schoben sich damang, und ich wurde ins Haus reingekompelmentiert und von da immer treppauf und lange Corydons entlang nach Nr. 83.

Knappemang war ich mit Mosessen wieder allein, als auch der Zorn wieder in mir aufbegehrte, ich drehte den Schlüssel ins Schloß um, griff nach einem Stücke Dings und ging auf ihm los. – »Herr Entspekter«, rief er, »ich bitt Ihnen um 'ne gewisse Mäßigung! – Schlagen Sie zu! Sie können mir verschiedene Löcher in den Kopp schlagen, Sie sind in 'ner tigerischen Wut, ich bin ein Lamm gegen Sie. Aber worum?« – »Worum?« ruf ich. »Aus Revansche, du angeborne Hinterlistigkeit!« – »Was heißt Revansche? Was tun Sie mit der Revansche?« schrie Moses. »Nehmen Sie lieber Diäten, nehmen Sie lieber die Tantieme von's Wullgeschäft. Bin ich nicht gewesen ein liberalischer Freund zu Ihnen, hab ich nicht bezahlt for Sie, hab ich nicht gelogen for Sie, hab ich nicht geschwindelt for Sie?« – Dieses letztere war wahr und entwaffnete mir vollständig; ich legte also das Stück Dings weg und schloß die Stube auf. Als Moses dies sah, kam er freundlich auf mich zu und sagte: »Herr Entspekter, was machen Sie sich aus en Juden. Sie sind ja kein religiöser moralischer Jude, Sie sind ja man en polizeilicher Jude, 'ne Art jüdisches Legitemationspappier, auf drei Tage gültig, was Schweinefleisch essen kann und nicht nötig hat, in den Tempel zu gehn.« – Aber ich war noch zu sehr in Zornigkeit, als daß ich ihm Gehör gab; und Moses fuhr weiter fort: »Und dafür, daß Sie den israelitischen Schein auf sich laden, was haben Sie nicht? Sie können das majestätische Schloß besehen von außen und das Moseum von innen; Sie können die nackigte, streitbare Jugend auf die Schloßbrück besehen, ganz for umsonst; Sie können den alten Fritz reiten und den alten Blücherten fechten sehn, kost't Sie nichts; Sie können des Mittags auf der Parade die lebendigen Generals ansehen und die grausame militärische Musik anhören, Sie können frei alle Schildwachen von ganz Berlin besehn – allens for umsonst; Sie können kommen zu gehn spazieren unter die Linden, Sie können kommen zu gehn spazieren in den Lustgarten, in den Tiergarten, kein Mensch fordert Sie was ab. Sie können auch ins Medizinische gehn, Sie können sich die Monstrums besehn und die verschiedenen menschlichen Krankheiten in Spiritus – kost't Sie en Trinkgeld; Sie können auch in die Naturgeschichte gehn, in den zotologischen Garten, was enthält Affen und Bären und Kamele in ihrer natürlichen Wildheit – kost't vier Groschen; Sie können auch in die Kunst gehn – kost't auch vier Groschen –, ins Ägyptische, wo allens eingebalsemiert ist, Schafböcke und Götzen, und allens beschrieben ist mit ägyptische Hämorrhoiden; Sie können auch gehen ins Griechische und können sich besehn die Wandgemälde, die an die Wand sind gemalt von en großen Künstler, alles aus freier Hand mit en bloßen Pinsel, da können Sie die Auswanderer sehn von den Babylonischen Turm, wie sie reiten auf die Pferde und wie sie reiten auf die Ochsen, und die Blumen aus Griechenland, wie sie schwimmen in den Kahn und singen auf der Zither, und die grausame Schlacht, was gefochten haben die Römers in die freie Luft; und denn können Sie sehn Kaiser Karl den Großen, wie er die Welt regiert, in der einen Hand die Weltkugel, in der andern den blanken Degen. – Sehn Sie, so sitzt er!« – Und nun, denken Sie sich, setzt sich dieser vermisquemte Schmachtlappen von Judenjungen in einen vorhandenen Lehnstuhl, nimmt in die eine Hand eine runde Wasserpottelje und in die andere einen aufgewickelten Regenschirm, gibt sich 'ne vornehme Ehre und will mich so Kaiser Karl den Großen vormachen. Na, ich muß laut auflachen, und wie er sieht, daß mich lächerlich ist, springt er auf und sagt: »Es freut mich, Herr Entspekter, daß Sie wieder sind in 'ner Stimmung, und ich muß ins Geschäft; aber einen Gefallen tun Sie mir, es kann sonst ein Unglück geben, ziehn Sie die Vatermörder länger raus, denn solange Sie sind in Berlin, müssen Sie passieren for einen von unsre Leut, und passen Sie Achtung, die geheime Polizei wird hinter ihnen her sein, ob's auch stimmt mit Levi Josephi aus Prenzlau.« Und damit gung er.

Ich war aber gar nicht in 'ner Stimmung, und die letzte Bemerkung ärgerte mich. Nun hatte ich mir aber heute schon so viel geägert, daß ich einen bedeutenden appetitlichen Hunger verspürte, denn ich kriege immer Hunger nach einem Ärger, und als Moses weg war, denke ich: ›Sollst runtergehn und sollst en bißchen was essen.‹ Zudem war's Vesperbrotzeit, was meine Hauptnahrungszeit ist.

Ich geh also runter und sage zu dem jungen, liebenswürdigen Menschen mit der grünen Schürze: »Haben Sie die Güte und bringen Sie mir ein bißchen was zu essen.« – »Was befehlen Sie?« fragt er. – »Oh«, sag ich, »sö'n bißchen allerhand.« – Na, er bringt auch en Schnibbelken von dies und en Schnibbelken von das, und ich setze mir hin und sage: »Bringen Sie mich auch eine Pottelje Wein.« – »Was for 'ne Art befehlen Sie? fragt er und gibt mich einen Zettel in die Hand. – »Langkork«, sag ich. – »Langkork?« fragt er und sieht aus, als wären ihm seine Schafe in den Weizen gelaufen. – »Ja«, sag ich. – »Den haben wir nicht«, sagt er. – Nun bitte ich Ihnen, dies war nun mit das erste Gasthaus in Berlin und hatten keinen Langkork. – »Na, denn man feinen Medoc«, sag ich. – Ich krieg ihm, und wie ich grade anfangen will, was zu mir zu nehmen, und auf ein paar Stücke schönen Schinken eingehen will, setzt sich ein Herr meiner grade gegenüber und kuckt mir immer an. »Halt!« sage ich zu mir, »das könnte einer von das geheime Observationschor sein, von dem Moses gesagt hat«, und laß den Schinken liegen und begnüge mir mit kalten Kalbsbraten. Aber er kuckt mir immerzu an. Na, ich ärgere mir und will ihm schon mit ausgezeichnete Höflichkeit bedienen, da fängt er an: »Um Vergebung zu fragen, Sie gehören gewiß unserm geheimen Post- und Eiserbahnverein an?« – »Was for en Ding?« frag ich. – »Geheimer Post- und Eiserbahnverein«, sagt er. »Ich sah's an der Art, wie Sie Messer und Gabel zusammenlegten und wie Sie das Glas anfießen.« – »Was for eine Bewandtnis hat es mit diesem Verein?« frage ich. – »Es ist«, sagt er, »wie alle Vereine, 'ne edle Anstalt zur Erleichterung der menschlichen Beschwerden. Dieser z. B. erlaubt sich das Vergnügen, den Publikum von Post- und Eiserbahngeld frei zu machen.« – »Und kann da jeder als praktives Mitglied eintreten?« fragte ich, indem mir das durch den Kopp schoß, daß ich vermöge dieses Vereins for umsonst aus Mosessen seine Hände und aus dem Judenonkelschwindel herauskommen könnte. – »Jawohl«, sagt er, »wenn er in die geheime Zeichensprache eingeweiht ist.« – »Und Sie können das?« frage ich. – »Aufzuwarten«, sagt er. »Es ist meine Pflicht, jeden achtbaren Herrn über fünfundzwanzig Jahre aufzunehmen, denn ich bin Meister vom Postwagen im Osten und Westen und bin Ritter mit der roten Feder von der Eiserbahn dritter Klasse.« – »Kellnöhr«, rufe ich also auf Berlinisch, »en Teller und en Glas for diesen Herrn!« und nötige ihn mit Höflichkeit, was er denn auch mit freimütigem Zulangen erwidert. ›Na‹, denke ich so bei mir, ›dies trifft sich noch glücklich, und wenn du nun nach Kräften dich satt issest, denn kannst du bis Bramborg aushalten und brauchst bei freie Passage keinen Schilling.‹ Ich esse also demgemäß in dieser Voraussetzung; er war mich aber über. Wie eine lebendige Verheerungsmaschine hausete er mang die Viktualitäten, und auch den Rotspon, obgleich for feinen Medoc höllschen sauer, sprach er so zu, daß ich in beiden Artikeln immer nachbestellen mußte. Endlich hatte es sich bei ihm gestoppt, und er fragt mich: »Um Vergebung, Sie sind wohl ein Mecklenbürger?« – »Ja«, sag ich, »en rechten Nationalen.« – »Na«, sagt er, »das paßt sich schön, die Stettiner Eiserbahn geht in 'ne Viertelstunde ab, und da können Sie Probe fahren.« Wir gehn also, und ich sage noch zu dem Markür: »Wenn Herr Moses Löwenthal kommt, denn grüßen Sie ihm, und ob er auch was zu Hause zu bestellen hat«, und lache dabei von Herzen.

Als wir auf den Bahnhof kommen, sagt er: »Hier, kommen Sie, steigen Sie ein«, und nötigte mir in die dritte Klasse, wovon er Ritter mit der roten Feder war. Er steht nun noch draußen und redte mit einen Eiserbahnmenschen. Endlich soll's abgehen, und er steigt auch ein und sagt: »Nun passen Sie auf und machen's ebenso wie ich.« – Na, ich paß also auf, und wie nun der Eiserbahnmensch kommt und die Billetter einfordern will, steht er so halb auf und pfeift dreimal, und bei jeden Pfiff schlägt er sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die Nase. Der Mensch lacht und nickt ihm zu, as wollt' er sagen: »Haha! 's ist all gut, dir kenne ich.« Und als er bei mir kommt, mache ich allens ebenso, und er lacht auch, als wollt er sagen: »Dir kenne ich auch.«

Na, wir fahren also ruhig bis zur nächsten Station, da steigen wir aus, und er umarmt mir sehr gerührt: »Kommen Sie«, sagt er, »legen Sie mir die Hand aufs Herz, ich lege Sie wieder die Hand aufs Herz; Sie sind nun einer von uns. Und nun reisen Sie, so weit Sie können, Sie wissen nun Bescheid«, und damit nahm er Abschied von mir, und ich steh da, ganz in das selige Gefühl versunken, Mitglied von dem freien, geheimen Post- und Eiserbahnverein und Mitkollege von edeldenkenden Bundesbrüdern zu sein. Leider hatte ich zu lange mich dies Gefühl hingegeben; es pfiff, die Eiserbahn sauste ab, und ich blieb als einsamer Rest stehen. Dies war mich sehr verdrießlich, ich tröste mir aber und frage einen Menschen, der auch so einen fliegenden Markurius an der Mütze hatte: »Wann geht die Eiserbahn wieder nach Stettin?« – »Heute nicht mehr«, sagt er, »aber morgen; heute um sieben Uhr geht nur noch ein Zug nach Berlin.« – Dies war mich wieder sehr verdrießlich; aber was hilft's? Ich kannte das Sprichwort: »Geduld, Vernunft und Hafergrütz, die sind zu allen Dingen nütz«, und beruhigte mich. ›Sollst wieder nach Berlin zurückfahren‹, dachte ich, ›morgen willst du's nicht verpassen!‹ Und um's heute nicht zu vergessen, will ich nach meiner Uhr sehn – und nun denken Sie sich meine Überraschung: meine Uhr war weg. – Mein erster Gedanke war: ›Himmel Donnerwetter!‹, mein zweiter: ›Die haben sie dir gestohlen!‹ und mein dritter: ›Nun flöt ihr nach!‹ Aber auch wenn die Eiserbahn ihr nachgepfiffen hätte, sie wäre nicht wieder gekommen. Höchst verdrießlich setze ich mich auf den Parron und bammle mit die Beine, bis der Zug kommt. Endlich kommt das schnaubende Biest angebrummt, und ich steige in dritter Klasse. Mitderweile kommt denn auch der Mensch, der die Billetter einfordert, und ruft mich zu: »Sie da!« – Ich erhebe mir denn halb, pfeife dreimal und schlage mir bei jedem Pfiff mit dem Zeigefinger der rechten Hand dreimal auf die Nase. – »Ihr Billett, mein Herr!« ruft der Mensch. – Ich sage also: »Verstehen Sie denn nicht?« und mache ihm die geheime Zeichensprache noch mal. – »Herr«, ruft der Mensch, »wollen Sie mich zum besten haben? Ich bin Eiserbahnbeamter.« – »Und ich«, rufe ich, »bin Mitglied des freien geheimen Post- und Eiserbahnvereins.« – »Ein Narr sind Sie! Und raus mit Ihnen, wenn Sie nicht bezahlt haben!« ruft der Kerl. – Ich stieg denn nu würklich aus, bloß um ihn zu zeigen, was 'ne Harke ist. »Herr«, sag ich... – Swabb! schlägt der Kerl die Türe zu. – »Herr«, sag ich noch mal... – Wupp! ist der Kerl auf die Maschinerie hinauf, und heidi! geht die Eiserbahn.

Nun denken Sie sich bloß mal dies Stück an! Da steh ich nun einsam und unbekannt in 'ner wüsten Gegend ohne Geld- und Versatzmittel zwei Meilen von Berlin und zwanzig von Bramborg. »Bräsig«, sage ich also sehr ärgerlich zu mir, denn Levi Josephi war mir noch nicht geläufig, »Bräsig, was nun? Du hast dir hier schön in den Nessel gesetzt, denn nach Bramborg, das halten deine Knochen und dein Magen nicht aus. Also wohin? – Nach Berlin, und tritt wieder als Judenonkel bei Moses Löwenthalen ins Geschäft.« – In verlegenen Verhältnissen bin ich immer kurz resolviert, ich geh also immer die Eiserbahn nach; ich geh, bis es stickdunkel is, komme aber endlich in eine brilljante Erleuchtung, denn sie hatten an diesen Abend die ganze Gasbeleuchtung angesteckt. Ich überlaß mich also dem erhebenden Eindruck dieses glänzenden Lichtschimmers und geh förfötsch weiter, ich geh aus das eine Tor raus, kehr um und geh aus das andere, ich geh rechts und links und geh gradaus und wieder zurück und kann wohl sagen, ich habe mir an diesem Abend die ganze Gasbeleuchtung besehn, mit Ausnahme von die Laternen auf den Schangdarmen-Markt, wo ich hin wollte. Ich frage einen späten Nachtwandler: »Wo ist der Schangdarmen-Markt?« – »Oh, der ist noch weit.« – Ich frage einen andern. – »Oh, der ist noch sehr weit.« Und je mehr ich fragte, je mehr wurde er »sehr weit«, endlich sagte einer: »Oh, der ist dicht dabei.« – Dieser Balsam in meine Ohren versetzte mir in Freude, aber machte mir nicht unbesonnen; statt wieder in die Ungewißheit umherzulaufen, wo er wieder »sehr weit« werden konnte, setzte ich mich rittlings auf ein befindliches Treppengeländer mit dem Bewußtsein: ›Du bist doch nun in der Nähe von deinem Gasthofe.‹

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