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Abendteuer des Entspekter Bräsig

Fritz Reuter: Abendteuer des Entspekter Bräsig - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAbendteuer des Entspekter Bräsig, bürtig aus Meckelborg-Schwerin, von ihm selbst erzählt
authorFritz Reuter
year1990
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00017-9
titleAbendteuer des Entspekter Bräsig
pages5-14
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fritz Reuter

Abendteuer des Entspekter Bräsig,
bürtig aus Meckelborg-Schwerin,
von ihm selbst erzählt

Hochgeehrtester Gönner und Freund!

Besinnen Sie sich wohl noch auf mir und auf dem Anfange unserer edelmütigen Freundschaft? – Es war auf dem Sommermark zu Wahren vor ein Jahrener zwanzig. – Ich habe meinen mir zugeschworenen Anteil unserer Freundschaft redlich gehalten, indem ich Ihnen Beweise davon in Worten und auch in Substanzen zukommen ließ. Ich tat dies ohne Eigennützlichkeit, und dabei hätt's denn auch sein Bewenden gehabt; aber die Schlechtigkeit und die Hinterlistigkeit und die Heimtückschichkeit miserabler Mitmenschen zwingen mir dazu, Ihnen um Hülfe in meinen Nöten anzurufen. Und worüm? – Steffanen von Mederitz un mir haben sie in unserer Gegend höllischen auf den Zug gekriegt mit allerlei spitzfindige Redensarten und Foppereien; Steffanen mit seine Rambulljetts aus die Lüneburger Heide un mir wegen eine dämliche Judengeschicht, wo ich so unschüllig an bin wie eine Neugeburt. Dies mir betreffende letztere soll sich von einen dummen Schnack von einem Gewissen herstammen, der mit gedruckte Lügen die Leute unter die Augen geht und der auf der offenbaren Kegelbahn erzählt haben soll, sie hätten mir in Berlin grün angemalt und mir danach in den großen Affenkasten in dem zotologischen Garten gesetzt. Dieses will ich nicht für mein Voll haben, und wenn ich auch kein Fomilienvater und gekränkter Ehemann bin, so gereichen mir solche ausgestunkene Historien doch zum großen Treff-Coer, indem daß ich, obschonst ein alter Junggesell, doch noch lange nicht for einen Affen passieren will. Erst wollte ich die Spötter puncto cichuriarum verklagen; es ist mir aber dabei eingefallen, daß dann die Kosten auf jeden repariert werden möchten, was mich sehr störend wäre, vermöge meiner übrigen vielen Ausgaben diesen Herbst. Und so bin ich denn auf Ihnen verfallen, daß Sie die Geschichte – und was daran herumbammeln tut – zu meiner Ehrenrettung drucken werden lassen möchten, wie sie wirklich passiert ist.

Die Sache ist nämlich so:

Ich bün von meine hochgräfliche Herrschaften aus meinem Verhältnis als praktiver Ökonomiker entlassen, nicht etwa wegen unbestimmter Geld- oder Kornrechnung, sondern wegen der Gicht oder, wie sie auf Hochdeutsch sagen, wegen dem Podagra. Ich habe mir in meinem langjährigen Verhältnis eine Kleinigkeit verdient, auch mit Pferdehandel, und dazu kriege ich eine kleine Pangsionierung und zwölftausend Torf, den ich aber nie kriege; denn worum? Mein Nachfolger als Entspekter wirtschaftet nach einem ökonomischen Kalender, und dies dumme Kreatur besagt for den November: »Schöne Zeit, Brennmaterial einzufahren.« Nu frag ich jeden gebildeten Menschen, ob Torf im November noch for Brennmaterial gelten kann? – Sie haben's auch mal versucht und wollten ihn einfahren, sie mußten ihn aber mit Worpschüppen aufladen von wegen der Nassigkeit. Ich bin also unschuldigerweise aus dem Dienst gekommen, denn for die Gicht kann ich nicht, die hätte ich mir nämlich schon in der Jugend zugelegt, als ich noch Schaaf hütete, denn dazumalen wurden die alten Schnucken schon des Frühjahrs in den ersten Andäu ausgetrieben, was meines Wissens die schönste und paßlichste Witterung for die Gicht ist. Nun is das anders; nu hüten die Schäfer blos ins Trockene un in der Warmnis, un die alten Schnucken werden wie Prinzessinnen aufgewartet; sie sagen ja, Steffan will for seine Rambulljetts Regenröck und Unterhosen machen lassen. Es ist möglich, daß sich das lohnt; aber ich muß die Geschichte erzählen; also:

Ich steht eins 's Morgens vor der Tür und rauch Toback und kuck ins Wetter, denn was soll ein alter, immeritierter Entspekter anders anfangen, da kommt ein Wagen angefahren mit einem Bläßten vor. Ich seh den Bläßten nachdenklich an und sag endlich zu mir: »Dieser Bläßte muß aus deiner Bekanntschaft sein. – Das ist am Ende Moses Löwenthalen seiner.« Und richtig, die Sache hatte einen Grund, denn Moses Löwenthal saß auf dem Wagen.

Als er rankommt, sagt er: »Gun Morgen, Herr Entspekter Bräsig«, sagt er. – »Gun Morgen, Moses Löwenthal«, sag ich. – »Herr Entspekter«, sagt er, »'s ist mir 'ne große Ehre, Ihnen schon so zeitig zu treffen, ich hab' ne Bitt an Ihnen.« – »Wo so?« frag ich. – »Es wird Ihnen nicht unbewußt sein«, sagt er, »daß heut in Bramborg Wullmarkt is, und wir haben von's große Haus Meier und Co. in Hamborg große Pöste in Kummischon übernommen, und mein Bruder, was sonst in Perdukten macht und en Wullkenner is, hat 's kalte Fieber, und heute is sein schlimmer Tag.« – »Schön«, sag ich. – »Den Deuwel schön!« sagt er, »denn ich versteh nichts von der Boniteh von der Wull, ich bin for gewöhnlich for die Bücher; und wir sind in der größten Verlegenheit, und wir haben an Ihre Menschenfreundlichkeit gedacht, daß Sie als kenntnisreicher Mann in Wullsachen kommen würden, uns zu helfen bei's Geschäft.« – »So?« sag ich und kuck ihm an. »Natürlich«, sagt er, »gegen Diäten.« – »So?« sag ich und kuck ihm noch mal ernstlich an. – »Natürlich«, sagt er, »gegen 'ne Provision; und heut abend sind wir wieder hier.«

Und, sehn Sie, so perschwadierte mir dieser drehbeinigte Judenbengel zu en Stück ausgesuchte Dummheit; ich geh in meine Stube, zieh mich Stiebel an – denn for gewöhnlich geh ich zu Haus' auf Toffeln –, steck Stahl und Stein in die Tasche und setz mich bei das hinterlistige Kreatur auf den Wagen und sag noch zu ihm: »Heute abend sind wir also doch wieder zu Hause?« – »Ja woll«, sagt er und sieht mir frech dabei an; und ich Unschuldslamm muß den Karnalljen trauen.

Wir fahren also nach Bramborg. Als wir da ankommen, sagt Moses Löwenthal: »Herr Entspekter, wo is es mit Ihnen? Ich for mein Part kehr bei Bäcker Zwippelmannen ein, denn ich bün ümmer da angekehrt.« – »Moses«, sag ich, »tun Sie das. Die Gewohnheit is das halbe Leben; ich habe hier in Bramborg immer im goldenen Knop meine Niederkunft gehalten; ich geh in den goldenen Knop.« – »Schön«, sagt er, »denn treff ich Ihnen da, wenn ich mich ins Geschäft einlasse.« Und ich geh.

Knappemang daß ich in den goldnen Knop meinen Eintritt nehme, seh ich Christian Knollen und Jochen Knusten und Johann Knüppeln, die sitzen da und trinken Panchamber, und Knoll, was ein zuvorkommender und höflicher Mann is, ruft, als er mir ansichtig wird: »Unkel Bräsig«, ruft er, »wo karrt Ihnen der Deuwel hier her? – Markür, ein rein Glas for Unkel Bräsigen!« – Na, der bringt denn auch ein Glas und setzt mir en Stuhl hin und sagt höflich: »Prenneh Platz!« – Ich nehme also Anteil an der Sitzung, und Knust sagt: »Bräsig«, sagt er, »seid Ihr hier auf Vergnügung?« – »Ne«, sag ich, »ich bin hier auf Diäten«, und erzähl ihnen mein Verhältnis mit Moses Löwenthalen. »Markür!« ruft Johann Knüppel, der immer voll plaisierliche Witzen steckt, »noch zwei Potteljen auf Bräsigen seine Diäten.« – Na, der bringt sie, und wir geben unsern Affen Zucker und werden fidel wie die Meikäwer um Pfingsten, und Knoll fängt schon an: »So leben wir, so leben wir«, da kommt Moses Löwenthal rein: »Herr Entspekter Bräsig – Diener, meine Herrn! –, 'ne Partie von zweihundert Zentnern...«, aber mit seine Anrede konnte er hier natürlich nicht zustande kommen, denn Johann Knüppel, der steckte voll allerhand verfluchte Witzen und ging mit ein volles Glas auf ihm los und sagte: »Moses Löwenthal, hol mich dieser und jener! Ihr seid der nobelste mosaische Glaubensgenosse, der mir aufgestoßen is, und das nächste Jahr kriegt Ihr meine Wolle, nu kommt aber her und trinkt ein Glas Jubb.« Moses Löwenthal is keiner von den Juden mit Kalbfellen und Kuhhörnern und Hammelbeinen, sein Geschäft is Wolle und Rapps und Kleesamen, kauft auch Erbsen, wenn sie gut sind; er wird der »raiche« beigenannt und kriegt alle Augenblick Briefe aus Hamborg und London, er hat Bildung und weiß sich in 'ner gebildeten ökonomischen Gesellschaft zu benehmen. Sehn Sie, nimmt also richtig das Glas und macht en Diener: »Sangteh, meine Herren!« und trinkt. Christian Knoll versteht kein Französisch, aber er versteht Spaß und sagt: »Was hier Tee? Moses, dies ist das richtige Rappswasser! Hier ein Glas auf Eure Blümchen!« – Und Knust trinkt mit ihm auf seine kleine israelitische Nachkommenschaft, und so trinken sie ihm alle auf dem Leibe.

Moses Löwenthal hat en guten Kopp for die Bücher, aber man en swachen for geistreiche Getränke; er wird also lustig und noch lustiger und entschlägt sich ganz das Geschäft. »Moses«, sag ich endlich, »ich bin zwarsten nicht als Vormund von Sie angkaschiert, aber dennoch, wenn wir noch wollen, denn wollen wir jetzt, denn nachher wird's dunkel in dem Magazin, oder wenigstens wird's dunkel vor unseren Augen.« – »Wahrhaftig, Sie haben recht«, sagt Moses und steht auf und stellt seine an sich schon falsch eingeschrobenen Beine so kreuzweis, daß der größte Kunststückmacher da nicht hätte aufstehen können, verliert natürlich die Blansierung und setzt sich mit einer Nachdrücklichkeit auf sein System, daß ich denke, dies muß vor die Hunde gehn oder auch der Rohrstuhl. Ich spring also zu: »Moses«, sag ich, »haben Sie sich was verstaucht?« Er lächelt mir aber mit 'ner großen Zutraulichkeit an und sagt mit freundlicher Wehmütigkeit: »Noch en bißchen warten.« – Na, die andern lachen, und Knüppel macht wieder ein paar kapitale Witze, und Moses wunkt den Markür und faßt ihn um und sagt: »Bocherleben, noch ein paar Potteljen von das.« – Die werden denn nun auch gebracht und werden konsumtiert, da kommt Moses sein Kutscher in die Stube hinein zu stehn und sagt: »Herr Löwenthal, wir müssen nach Haus', denn 's is Schawwesabend, und die Stern werden bald am Himmel stehn.« – Moses stellt sich wieder auf seine kreuzweisen Beine und fällt wieder retour: »Jochen, noch en bißchen warten.« Und ich geh raus mit Jochen und sag: »Jochen«, sag ich, »in Ermangelung dessen wär's wohl am besten, du fährst nach Hause und sagst, wir säßen hier zu stark in der Wolle und ins Geschäft, und wenn wir kämen, kämen wir morgen mit der Post, und von das andere wird nichts nich gesagt.«

Jochen verstand mir denn auch gleich, nickköppte mir zu und gung, und mitderweil fuhren auch Knoll und Knust und Knüppel ab, alle in einem fröhlichen Zustand, und Knüppel machte zum Schlußtermin noch den köstlichen Witz, daß er Mosessen mit en Proppen schwarz anmalte, was eigentlich en dummer Witz war, denn Moses war in stillen Schlummer gefallen. Als sie alle weg sind, steh ich mit den Knopwirt vor das Unglücksworm, und wir judizieren miteinander. »Es ist 'ne christliche Barmherzigkeit«, sagt er, »wenn wir ihn zu Bett bringen.« – »Ganz diese Meinung«, sag ich, und wir protokollieren ihn rauf und kriegen ihn richtig zu Bett, aber mit Umständen.

Den andern Morgen komme ich zu Mosessen und sag: »Na, Moses?« – »Herr Entspekter«, sagt er, »Ihnen schickt mir der gnädige Gott; sagen Sie mir um Moses willen, habe ich gestern zweihundert Zentner Wull gekauft?« – »Ne«, sag ich, »Woll nicht; aber en Affen habt Ihr Euch gekauft.« – »Waih geschrien!« sagt er, »was tu ich mit en Affen? Aber de ganze Nacht ist mir gewesen zu Sinn, als hab ich zweihundert Zentner Wull gekauft und hab den Zentner mit fünf Taler zu teuer bezahlt, und im Leibe is mir zu Sinn, als wenn mir alle Knochen inzwei sind.« – »Moses«, sag ich, »das kommt von der heftigen Sitzung auf dem Rohrstuhle. Wo kann ein billig denkender Mensch einen bestimmten Teil seines Körpers so abstrappzieren! Das hält auch die gemütlichste und unschülligste Seel auf die Länge nicht aus. Aber hier ist unsere Rechnung, meine Diäten stehen da mit auf; und Jochen hab ich nach Hause fahren lassen.« – »Schön«, sagt er, »Herr Entspekter«, und bezahlt die Rechnung, denn er gehört zu die liberalen Juden und ist neugläubig, »schön! Aber ohne Wull kann ich nicht nach Hause. Wissen Sie was Neues? Wir fahren nach Prenzlau; ich hab gestern Brief gekriegt von Moses Freudenthal, der schreibt mir, daß Moses Lilienthal von Moses Braunthal hat Brief gekriegt, daß Moses Hirschthal 'ne Partie Kammwull hat gekriegt von Moses Rosenthal, und sie lagert in Prenzlau bei Moses Mosenthal.« – »Moses Löwenthal«, sag ich, »das ist alles recht schön; aber auf 'ne Reise ins Preußische bün ich nicht präkawiert, denn ich bün mitgefahren, wie ich ging und stand.« – »Haben Sie Gebräuche an Wäsche«, sagt er, »ich habe Wäschartikel genug bei mich. Hier«, und – denken Sie sich! – perswadiert mir richtig ein reines Kollorett an den Hals und ein paar steife jüdische Vatermörder an die Kinnbacken, und ich fahr mit ihm nach Prenzlau.

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