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Abendgespräche

Ludwig Tieck: Abendgespräche - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Fünfundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1839
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleAbendgespräche
pages50
created20130729
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ludwig Tieck.

Abendgespräche.

1839.

 

Berlin
Druck und Verlag von Georg Reimer.
1853.

 

Der Sohn war von seinen Reisen zurückgekehrt. – Warum nun gerade im Winter? sagte der Vater zu ihm, als sie am lodernden Kaminfeuer saßen. Lieber Vater, antwortete dieser, ich wollte noch das gute Wetter in Italien und der Schweiz genießen, und so meinte ich, es sei gut gethan, in Regen und Schnee durch diese unsere fast immer unfreundlichen Gegenden zurück zu reisen.

Es mag gut seyn, sagte der alte Baron in etwas grämelnder Weise; aber, wenn Du mich nicht mehr getroffen hättest, und war es doch nahe daran, daß die letzte Krankheit mich wegraffte, so hattest Du das Nachsehen und ich lag dort im Gewölbe, wo man keine Visiten mehr annimmt.

Der junge Mann stand auf und umarmte den Alten. Zürnen Sie nicht länger, rief er lebhaft aus. Ihr Verdruß schneidet mir durchs Herz. Ist doch alles so schön geworden, Sie haben das strittige Gut erlangt, um welches der ewige Prozeß geführt wurde, und den Sie schon verloren gaben; meine Schwester ist Braut und einem liebenswürdigen jungen und wohlhabenden Manne verlobt; Ihre Gesundheit ist besser als je, und der Präsident hat mir gleich gestern bei meiner Ankunft die Versicherung gegeben, daß er an mich denken wolle, und Sie wissen, wie sehr er unserm Hause ergeben ist.

178 Alles gut, sagte der Vater, aber es könnte noch besser seyn, wenn Du nur ein halbes Jahr früher gekommen wärst. Du wärest schon befördert, oder hättest eines meiner Güter übernommen, oder wärst schon verheirathet, oder wir hätten noch ein Gut angekauft, drüben Schornheim, was damals zu einem sehr wohlfeilen Preise wegging, und das jetzt unser Landrath mit Verstand bewirthschaftet, oder wir hätten noch hundert andere Dummheiten unternehmen mögen, die uns in vielfachen Verdruß und Händel hätten stürzen können, und nun muß ich darüber verdrüßlich seyn, daß ich hier in aller Ruhe sitzen muß, und ich mich nur über Dich ärgern kann.

Der junge Bräutigam, der Lieutenant von Lehndorf, trat zu ihnen. Ei! wie gerufen! rief der Alte, helfen Sie mir ein bischen zornig seyn, denn Sie haben ein schönes Talent.

Ueber was, sagte der Jüngling lachend, befehlen Sie, daß ich wüthen soll?

Ueber meinen Eduard da –

Und, soll ich ihn fordern und ihn gleich vor Ihren Augen massakriren, den Bösewicht? rief der Lieutenant in scheinbarem Zorn.

Halt! schrie der Alte und riß dem jungen Menschen den Degen aus der Hand, sind Sie denn rasend? Sie Hitzkopf!

Er setzte sich etwas beschämt nieder, als er die beiden sich lachend umarmen sah. Thoren! sagte er dann, – doch das Volk ist freilich jung, und ich bin alt, und in ihren Jahren war ich beinah eben so.

Ist denn meine Braut, fing jetzt der junge Offizier an, noch immer nicht von der alten Tante zurück? Diese fatalen Besuche verderben mir auch meine Laune und mein Leben. Das hat immer kein Ende. Nun ist es schon dunkel, Abend, der Wind stürmt draußen, sie wird sich erkälten.

179 Muß denn das nicht auch seyn? sagte der Alte grämelnd: wovon sollten denn sonst die jungen Weibsen krank werden? Worüber könnten sie klagen? Sie ist sehr ungern hingefahren, die Tante Brigitte findet den Besuch gewiß sehr lästig, weil sie von ihren Gebetbüchern und Katzen aufgestört wird. Meine Pferde müssen nun auch im Nassen stehn und warten, sie erkälten sich ebenfalls, darüber mault mein Kutscher nun mit mir Wochen lang – der Alte kriegt auch den Schnupfen – und doch hat der Besuch gemacht werden müssen. So ist nun einmal unsere verkehrte Welt.

Ja wohl, sagte der Offizier, die Tante würde wüthen, wenn sie von Adelheid nicht wäre gestört worden, und Sie, Schwiegervater, hätten mit der Tochter gezankt, wenn sie die Tante vernachlässiget hätte, und Adelheid, die sich vor Verdruß seufzend in die Kutsche setzte, hätte sich mit mir überworfen, wenn ich sie hätte zurückhalten wollen, und Ihr Kutscher hätte sich aus Eitelkeit und Amtspflicht gar dem Teufel ergeben, wenn das schlanke starke Mädchen mit einem Bedienten die Stunde Wegs durch den Wald zu Fuß hätte machen wollen. – So ist nun einmal unsre verkehrte Welt.

Alle lachten und der alte Mann sagte hierauf: das wäre so ein Thema für unsern zerstreuten Baron, der immer findet, daß alle unsre Sitten und Einrichtungen, Moden und Bequemlichkeiten, Kleider und Möbeln so sind, als wenn sie von lauter Verrückten erfunden und eingerichtet wären.

Ist er selbst nicht aber etwas thöricht oder gestört? fragte der Sohn. Dieser Mann hat mir gestern, als ich ankam, den sonderbarsten Eindruck gemacht. Er scheint immerdar zerstreut, sitzt immer in Gedanken, antwortet auf alles verkehrt, und weiß doch nachher genau, was in den Gesprächen ist verhandelt worden. Wo ist er her? Wie sind 180 Sie an ihn gerathen, so daß er hier im Hause wohnt? Und wie lange ist er schon bei Ihnen?

Das ist viel auf einmal gefragt, antwortete der Baron. – Hast Du nie in Deinem Leben einmal recht tüchtige Langeweile empfunden? Aber jene meine ich, die zentnerschwer, die sich bis auf den tiefsten Grund unsers Wesens einsenkt und dort fest sitzen bleibt. nicht jene, die sich mit einem kurzen Seufzer oder einem willkürlichen Auflachen abschütteln läßt, oder verfliegt, indem man nach einem heitern Buche greift. Jene felseneingerammte trübe Lebens-Saumseligkeit, die nicht einmal ein Gähnen zuläßt, sondern nur über sich selber brütet, ohne etwas auszubrüten, jene Leutseligkeit, so still und öde, wie die meilenweite Leere der Lüneburger Haide, jener Stillstand des Seelen-Perpendikels, gegen den Verdruß, Unruhe, Ungeduld und Widerwärtigkeit noch paradiesische Fühlungen zu nennen sind.

Ich bin wohl noch zu jung, antwortete der Sohn, um so tiefsinnige Erfahrungen des reiferen Alters schon gemacht zu haben: auch will ich nicht zu früh der Weisheit meiner künftigen Jahre mit Fürwitz vorgreifen.

Also, fuhr der Alte fort, Du kamst immer noch im Spätherbst nicht an, obgleich ich Dich schon im Frühjahr erwartet hatte; ausgewettert und ausgedonnert hatte ich mich völlig, und Deine Schwester sagte in ihrer naseweisen Art, meine Flüche fingen an gar zu alltäglich zu werden, und es sei kein Athem von Originalität mehr in ihnen zu entdecken. Ich wollte mich nicht lächerlich machen, und da mir nun auch mein allerletzter Zeitvertreib fehlte, quartierte sich jene furchtbare höllische Langeweile bei mir ein. Die trieb mich durch alle Zimmer bis auf den Boden hinauf: aber ich fand nirgend Zerstreuung. Im abscheulichsten Wetter treibe ich mich 181 denn in meinem Park herum, ich dachte, ich würde doch hier oder da etwas finden, worüber ich mich ärgern könnte, denn mein Gärtner ist, wie Dir noch erinnerlich seyn wird, manchmal betrunken. Nichts! der dumme Mensch ist vernünftig und Alles in der besten Ordnung. Da höre ich von ferne etwas jodeln und schreien. Um näher zu kommen, gehe ich durch meine immergrünen Gebüsche der Anhöhe zu: es war mir eigentlich fatal, zu steigen, da ich schon müde war, aber meine Neugier war doch stärker, denn das Jolen dauerte noch fort, und wurde immer stärker, je näher ich kam. Wie ich um die Ecke biege, und fast oben bin, wo man zwischen den Steinen die schöne Aussicht genießt, sehe ich in einem grauen Kleide einen ältlichen schlanken Mann, der da oben auf der Spitze meines fabrizirten Gebirges herum springt und tanzt, wie besessen, und dazu so laut singt und schreit, wie er es nur aus der Kehle bringen kann. Von unten schreie ich zu ihm hinauf. Mein fremder Herr Solotänzer! Meinen Sie denn hier einen Montblanc etwa zu allererst erklettert zu haben, um in so unziemlichen Hymnen hinaus zu brechen? Das ist mein Terrain hier und ich verbitte mir dergleichen Jubel, weil mein künstlicher Chimborasso darunter leiden könnte, da der eine Stein dort schon seit lange wackelt. Worüber, in des Teufels Namen, sind Sie denn so ausnehmend lustig?

Nichtsweniger als lustig bin ich, rief mir der Tanzende von oben herunter entgegen, indem er immer noch hin und her sprang; Sie sehn im Gegentheil einen höchst trübseligen Menschen in Ihrem Eigenthum, wenn der Kürbis von Hügel, wie Sie mir sagen, Ihr Grund und Boden ist.

Er ist es, schrie ich fast außer Fassung, und stieg vollends zu ihm hinauf, aber donnern, rammen und trampeln Sie mir nicht mein arkadisches Gebirge so unbillig zusammen, es 182 wird so unkenntlich, daß sich kein Geograph künftig wird zurechtfinden können. – Halt! Bester!

Er hielt inne und ich fuhr fort: Da Sie aber nicht ausgelassen lustig sind, warum jolen, schreien und springen Sie denn so ganz nichtsnutzig hier an dieser ernsten, melancholischen Stelle?

Mein lieber Eigenthümer, sagte der graue Mann, Sie scheinen das innerste Wesen der Schwermuth noch niemals begriffen zu haben, die eben, wenn sie extravagant ist, nie a plurali eine Basis sucht, um sich ihrer selbst auf freie Weise bewußt zu werden. So springe ich denn hier auf meinen Beinen herum, um die Stelle auszufinden, wo es sich mit Sicherheit melancholisiren läßt, denn nicht jeder Grund und Boden taugt dazu. Wo Pilze wachsen, oder gar Trüffeln, auch Schlüsselblumen, oder Himmelschlüssel, wie der gemeine Mann sie nennt, Schafgarbe, Thymian, oder wo ein Kalkgebirge unter uns ist, da rathe ich keinem, auf eine gründliche Art melancholisch seyn zu wollen, denn es wird gewiß mißrathen.

Hier stehn Sie auf Sand, sagte ich, mit Granitblöcken verschönert, und durch eine Lage Lehm unten gestützt, den ich habe herauffahren lassen.

So ist es recht, schrie der Phantastische, das ist der wahre Resonanz-Boden der Schwermuth; wo sich dergleichen findet, da können die Talente sich üben. Meilenweit hier herum ist es mir nicht so gut geworden.

Ich verbitte mir hier aber, rief ich wieder, alles Tanzen und Springen, ohne meine Erlaubniß: sobre soll es hier zugehn!

Teufel noch einmal! schrie der Fremde, ich will hier lustig seyn, oder in Verzweiflung fallen, wie es mir gut dünkt, und, wenn Sie mir zu sehr in die Quere kommen, 183 so schieße ich mich auf diesem Flecke hier todt, so müssen Sie mir noch ein Monument setzen lassen, eine Urne mit einer Thränenweide darüber.

Das wäre mir gerade recht! rief ich von neuem erzürnt. Jetzt stand ich ihm ganz nahe, gerade gegenüber, und sahe ihm Auge in Auge. Er hatte nur kleine, graue und matte Augen. Nein, Grauslieschen, fing ich nun an, nichts von Thränenweiden auf dieser Gebirgshöhe, auf diesem poetischen Zuckerhut der Landschaft; hängen Sie sich, so soll zum Andenken eine Pinie oder ordinaire Kiefer die denkwürdige Stelle bezeichnen.

Sie beleidigen mich, rief jener wieder, ich bin kein Freund vom Hängen. Ist solche Aufforderung überhaupt wohl gastfreundlich zu nennen, wenn Sie nicht gesonnen sind, dem berüchtigten Timon eins seiner menschenfeindlichen Epigramme abzuborgen? Doch so dürftig, armselig, impotent werden Sie ja nicht seyn, so deutlich Ihr Elend zu manifestiren.

Ich wußte jetzt nicht, ob der fremde Alpentänzler mir eine grobe Sottise oder freundliche Schmeichelei sagte, in dieser Verlegenheit warf ich mich wieder in meinen Verdruß und rief: Kurz und gut, sei's wie's sei, aber ich bin zornig!

Ich auch! schrie jener.

Ich wüthe! tobte ich heraus und stampfte mit den Füßen.

Mordelement! rief der Fremde, da zerstampft der untersetzte dicke Mensch den schönen Rasen! Schämen Sie sich, Allerweltsbrummbär.

Schämen Sie sich! zürnte ich ihm entgegen. Sie Flausenmacher! Und wenn Sie denn einmal wüthen wollen, so kommen Sie zu mir da unten in meine warme Stube; da können wir uns bei einem Glase Wein die prächtigsten 184 Grobheiten ins Gesicht sagen, denn hier bläst der Wind, und es fängt wieder an zu regnen, nichts nimmt sich hier aus, keine von unsern attischen Feinheiten oder urbanen Redensarten kann hier gedeihen.

Wein! sagte der: – nur keinen französischen! Es ist doch ein guter kräftiger Rheinwein, bei dem wir uns zanken wollen?

Topp! rief ich, so sei's, unbekannter Zankender! Und Arm in Arm gingen wir den Hügel hinunter, hier in dieses Zimmer hinein, wo wir uns an das Kaminfeuer setzten. Und lange war mir nicht so behaglich und wohl gewesen, als im Gespräch mit diesem grauen, schlanken, wunderlichen Baron Geiersberg, denn das ist sein Name. Seitdem, das werden jetzt vier Wochen seyn, wohnt er bei mir, und er hilft mir recht angenehm die Zeit vertreiben. Wir zanken uns fast immer, aber auf eine erfreuliche Art, bald behalte ich Recht, bald er. Er hat Ursache, mit seinen Verwandten sehr unzufrieden zu seyn, so daß er ihnen sogar mit einem Prozeß droht, nach seiner Erzählung haben sie sich sehr undankbar gegen ihn betragen, und dies, und daß er vor Jahren Frau und Kinder schnell hinter einander verloren, hat ihn so mißmüthig gemacht, daß er im schlechtesten Wetter zu Fuß im Lande umher streifte, in meinen Garten, der von allen Seiten offen ist, gerieth, und auf der Spitze meines Riesengebirges da oben in Verzweiflung einen Tanz aufführte, der, wie es mir schien, aus den künstlichsten Ballet-Sprüngen bestand. Seitdem haben wir uns recht gut mit einander vertragen, er erzählt viel und gut, ist ein Freund meiner Tochter und wird mitunter ganz aufgeräumt. Auch hat er eine hübsche Stimme zum Gesang und so musiziren die drei Leute oft recht angenehm und zu meiner Ergötzung.

Jetzt fuhr ein Wagen vor, der Bräutigam eilte hinaus 185 und hob seine Geliebte aus der Kutsche. Sie setzte sich auch an das Feuer, und als die Bedienten den Thee brachten, erheiterten sich unter Gesprächen alle Gesichter. Es fiel ihnen nicht ein, durchaus nur geistreiche Sachen, Epigramme, oder witzige Verleumdungen vorzutragen, und darum war ihnen diese Abendstunde in der Regel so behaglich, weil jeder sich in seinem Wesen gehen lassen durfte, und doch wußte, daß er von keinem der Anwesenden der Langeweile angeklagt werden würde. Auch der grämelnde Wirth vergaß alles Verdrusses, und als jetzt der grau gekleidete Fremde hereintrat, erhöhte sich die stille Lust der Gesellschaft noch mehr.

Wir sollten jetzt einige Geschichten erzählen, fing der alte Baron an, denn es ist heut beim garstigen Wetter draußen hier im Zimmer so heimlich. Indem trat ein zierlicher Jokei herein, welcher dem Sohne des Hauses ein Billet überreichte. Der Knabe entfernte sich gleich wieder und der Vater fragte: Giebt es etwas Neues, mein Sohn? – Von drüben, vom jungen Grafen, erwiederte dieser: ich soll mich zu einer Jagd einstellen, zu der er viele Freunde geladen hat. Ich habe aber gar keine Lust, mich diesem Wetter auszusetzen, um vielleicht einen Hasen an mir vorbeilaufen zu sehn. Wären die Jagdgeschichten nicht, in welchen die unglücklichen Jäger vorzüglich so freie Poesie entwickeln, so wäre das Geschäft für denjenigen, der nicht fanatisirt ist, völlig trostlos.

Es ist mir lieb, sagte der Vater, wenn Du bei uns bleibst, und Deine Schwester und den künftigen Schwager, mich und den Baron Geiersberg mehr kennen lernst, da Du die Familienglieder auf Deiner zweijährigen Reise fast vergessen hast.

Wo hast Du nur den hübschen Jokei her? fragte jetzt die Schwester. Ich möchte sagen, mir sei noch niemals ein 186 so anmuthiger junger Bursche vorgekommen. Nur kleidet es ihn schlecht, daß er so dicke schwarze Haare, sogar ohne Locken, von allen Seiten dicht in sein Gesichtchen hineinträgt. Man kann so das hübsche Köpfchen kaum recht erkennen.

Mache nur Deinen Bräutigam nicht eifersüchtig, antwortete der Sohn, der hitzige Offizier scheint mir nicht wenige Anlage dazu zu haben. Der junge Mensch ist mir von einer ehrwürdigen Person sehr dringend empfohlen worden, von meiner mütterlichen Tante, die schon seit lange oben in jener Seestadt wohnt. Das gab ein langes Hin- und Herreden, ein Ermahnen, den Menschen gut zu halten, so daß ich sie am Ende lachend fragte, ob die junge Brut sie etwa näher angehe. Darüber wurde sie so böse, daß nur wenig fehlte, sie hätte mir ins Gesicht geschlagen.

Der Vater lachte und sagte dann: So recht! Die jungen übermüthigen Herren sollten nur oft so ankommen, daß sie sich wieder in den Respekt für das Alter einlernten. Aber diesen langen Besuch bei dieser Tante, die uns seit Jahren ganz aus den Augen gekommen ist, Deine Umwege auf den Reisen, Deine seltenen unbestimmten Briefe, alles das ist mir noch jetzt so unklar, hat mich damals so böse gemacht, daß ich mir wohl über diese Dunkelheiten eine Aufklärung ausbitten möchte.

Ach! liebster Vater, sagte der Sohn mit einem komischen Seufzer. Nicht wahr? In der Jugend ist man eigentlich jung, die Ausnahmen abgerechnet, die sich als frühe Greise herumtreiben? Die dummen Streiche, die Uebereilungen und Thorheiten laufen einem ordentlich nach, und wenn man sich retten will, und in die Arme der Vernunft werfen, so ist diese oft, beim Licht besehn, eine noch schlimmere Albernheit. Soll ich denn im vertrauten Kreise hier 187 meine Bekenntnisse ablegen, so waren es hauptsächlich zwei Liebschaften, die mich auf meiner Reise so lange aufgehalten und meine Zurückkunft unbillig verzögert haben.

So? sagte der unwillige Vater, und die Schwester lachte, indem der Bräutigam ausrief: Dergleichen ist die beste Entschuldigung und Rechtfertigung. Aber zwei, Freund! Das ist bedenklich. – Ja wohl, setzte der fremde alte Baron hinzu: unschuldiger wäre es, wenn es fünf, sechs, sieben wären, aber gerade zwei! Da muß es schon ernster hergegangen seyn, und eine wahre Untreue ist gegen die eine oder die andere verübt worden.

Nicht so ganz, oder nur uneigentlich, erwiederte Eduard. Sie wissen, lieber Vater, daß Sie mir Empfehlungen nach der nächsten großen Stadt mitgaben. Der Bankier, der mir die nöthigen Summen, nebst Creditbriefen einhändigte, hatte eine sehr schöne Tochter, der Sie mich zwar nicht empfohlen, um deren Gunst ich mich aber dennoch mehr, als um die ihres Vaters bewarb. Sie war auch freundlich gegen mich, und so gingen ergötzliche Stunden und anmuthige Tage hin, ohne daß ich die Zeit berechnete, oder meinen Aufenthalt zu lang gefunden hätte, so sehr ich mir auch früher einbildete, mein Genius dränge mich unaufhaltsam nach Italien und dessen Alterthümern hin. Wir lachten, sangen und philosophirten mit einander, ich und die Tochter nehmlich, so daß wir uns einbilden konnten, wie große Fortschritte wir in der ächten Bildung machten. Wenn wir neue französische oder deutsche Autoren rezensirten, merkte ich wohl, daß sie mir oft gegen ihre Ueberzeugung Recht gab, und es war eine ganz natürliche Gefälligkeit, da sie sehn mußte, wie oft ich ihrer Meinung beifiel, wenn ich auch oft ganz anders dachte. So logen wir uns hin und her vielerlei vor, auch über Menschen, Tugenden, Zeitgeist, Bedürfnisse der Welt, 188 Fortschritte der Menschheit, und ich sorgte nur dafür, daß in allen großen Ideen meine Liebe durchgriff und sich geltend machte. Die Familie besaß ein elegantes Gartenhaus vor dem Thore, und sie wußte es so einzurichten, daß wir auf einem Spaziergang, auf welchem wir eine Freundin abholen wollten, diese vergaßen und uns so aus dem Thor und nach diesem Garten hinstahlen. Keins machte das andre aufmerksam darauf, daß etwas ganz anderes geschah, als wir uns in Gegenwart der übrigen Familie vorgesetzt hatten. Wir setzten uns in eine Laube, und so angenehm verging uns die Zeit, so abwechselnd und doch in Harmonie waren unsere Gespräche, daß wir auf die Stunden und den Untergang der Sonne nicht achteten. Ich wüßte nicht zu sagen, wenn ich ganz nach meinem Gewissen sprechen sollte, wer von uns den andern zuerst mit ausdrücklichen Worten und nach den hergebrachten Geständnissen seine Liebe, Verbindung und Herzens-Entzündung erklärte. Und als es geschehen war, wußte ich selbst nicht, ob mein Herz erleichtert oder beschwert war. Die Küsse, die wir wechselten, waren für mich mehr betäubend als berauschend. So gingen wir in der Dämmerung nach Hause, und, das kann ich von mir betheuern, unschuldiger, als wie ich das Haus verlassen hatte.

Ein hitziger Bruder war in der Familie, der meinem Umgange mit seiner Schwester schon immer etwas in den Weg hatte legen wollen: denn bald störte er am Klavier unsre zärtlichen Duette, bald kramte er über Literatur Ansichten aus, die den unsrigen völlig entgegengesetzt waren, und zwar bloß in der Absicht, um mir zu widersprechen; bald führte er plötzlich einen jungen Mann in die Gesellschaft, welchen er beschützte, und der sich ebenfalls um die Gunst der reizenden Antonie bewarb. An diesem Abend war der junge Bertram so ungezogen, daß ich unmöglich schweigen 189 konnte, ich entfernte mich, nachdem ich ihm heimlich Platz und Stunde bestimmt hatte, wo wir uns am folgenden Tage treffen konnten. Ein sehr solider junger Mann, der mit mir denselben Gasthof bewohnte, und dessen Freundschaft ich gewonnen hatte, schlug es mir nicht ab, mein Sekundant zu seyn. Warum aber, fügte er nachher hinzu, verlieren Sie Ihre Zeit mit dieser herzlosen Kokette, die Sie aus Eitelkeit an ihrem Siegeswagen fortführen will, die keines Gefühls fähig ist, die die Achtung vor Menschen nicht kennt? Jetzt wagen Sie Ihr Leben für sie und erfüllen dadurch endlich den heftigsten Wunsch ihrer gemeinen Eitelkeit. Mag der Streit ausgehn, wie er will, so spricht die Stadt von ihr, ihre Schönheit hat die Veranlassung gegeben, und bei allen übrigen Verehrern steigt sie im Preise. Ob Sie fallen, oder der Bruder, ist ihr völlig gleichgültig.

Ich war im Begriff, auch gleich wieder diesen Sekundanten zu fordern, doch bezwang ich meine jähe Hitze, weil mein eignes Herz mir im Stillen schon ähnliche Worte zugeraunt hatte. Ich machte im Gegentheil Anstalt, nach dem Duell, wenn es für mich glücklich ausfiel, die Stadt sogleich verlassen zu können.

Himmel und Erde! rief der Vater jetzt aus: was macht ein junger Bengel für unnütze Streiche, wenn sein Vater den Rücken gewendet hat! Duelliren, morden, um Dummheiten! – Nun, wie fiel es denn aus?

Leidlich genug, antwortete der Sohn; ich kam mit einer unbedeutenden Blessur davon, aber mein Gegner wurde schwer verwundet zwischen Achsel und Brust, und vom Platze reisete ich gleich fort und habe nur nachher erfahren, daß der Händelmacher nach einiger Zeit wieder hergestellt ist. Als ich in der Seestadt angekommen war, schickte mir mein voriger Hauswirth Briefe nach. Unter diesen war eine zweite 190 Aufforderung von einem jungen Offizier, welcher sich für meinen Nebenbuhler ausgab. Diesem antwortete ich, daß ich ihm zu Diensten stehn würde, sobald ich von meiner Reise zurückgekehrt wäre; hätte er aber zu große Eile, so möchte er die Güte haben, mich dort, am Ende von Deutschland, aufzusuchen. Hierauf aber erhielt ich keine Antwort, was mir eben so lieb war, denn ich fing an, jene Liebschaft zu vergessen. Und zwar nur deswegen, weil hier mein Herz auf eine ganz andere Art in Anspruch genommen wurde, denn ich lernte jetzt erst die eigentliche Liebe kennen.

So sagen sie immer, die jungen Leute, murmelte der Vater für sich.

Ich sah Cäcilien, fuhr der Sohn fort, im Hause meiner Tante. Hier lernte ich einen edlen einfachen Charakter, ein stilles, züchtiges Wesen kennen, ganz jener Koketterie und dem Reiz, der jedermann gefallen will, entgegen gesetzt. Wie sehr ich im Recht war, dies schöne junge Wesen zu verehren, beweist, daß meine tugendhafte Tante diese Neigung billigte und meiner Leidenschaft auf keine Weise Hindernisse in den Weg legte.

Indem war der hübsche Jokei schon einigemal durch das Zimmer gegangen. Er erregte die Aufmerksamkeit der Gesellschaft, indem es fast schien, als mache er sich selbst unnöthige Geschäfte, um vielleicht vom Gespräche etwas zu erhorchen. Der Offizier bemerkte: Lieber Freund, wenn Du Dir einmal einen Jokei halten willst, so kann ich es gar nicht billigen, daß Du ihn in solchen unscheinbaren Ueberrock kleidest. Ein solcher Bursche muß wie ein kleiner Husar aussehen, oder komödiantisch in Tricots gekleidet seyn.

Ich bekümmerte mich nie um die Ausstaffirung meiner Domestiken, antwortete Eduard, sie mögen darin ihrem eignen Geschmacke folgen. Sonst ist das Kind so folgsam und 191 gehorsam, daß es nur eines Winkes von mir bedürfte, um ihn als Harlekin oder Pierrot erscheinen zu lassen. Ich habe mich nie von ihm bedienen lassen, sondern ihn nur der Tante zu Gefallen mit genommen. Ich sehe ihn wenig, in der letzten Stadt war er fast immer im Hause des Bankiers, denn Antonie und die kleineren Kinder spielten mit dem Burschen den ganzen Tag. Ich will ihn nun, da ich ihn gar nicht brauchen kann, zurück schicken.

Fahre in Deiner albernen Geschichts-Erzählung fort, rief der mürrische Vater.

Was ist viel zu erzählen, antwortete der Sohn, als daß ich unglücklich bin? Ich wurde dort in jener Stadt sehr verdrüßlich, da ich zu bemerken glaubte, daß Cäcilie nicht gestimmt sei, meine Leidenschaft auf irgend eine Weise zu erwiedern. Die Tante, welche als eine kluge Frau meine Gefühle und Absichten längst errathen hatte, gab mir nur schlechten Trost, sie sagte mir nehmlich, daß mich Cäcilie für einen ganz leichtsinnigen Menschen halte; mein Verhältniß zu der Tochter des Bankiers, ja sogar mein einfältiges Duell sei ihr nicht unbekannt geblieben, sie meine also, ich sei ein Mensch ohne Charakter, auf dessen Freundschaft und noch viel weniger auf dessen vorgebliche Liebe man nicht im mindesten trauen könne.

Sie hat Dich aber in der kurzen Zeit der Bekanntschaft sehr richtig bezeichnet, warf der Vater ein.

So war nun, fuhr der Sohn fort, in diesen beiden Städten schon viel von der Zeit verlaufen, welche ich für diese italienische Reise bestimmt hatte, so daß ich mit Sicherheit berechnen konnte, die Monden würden mir in jenem südlichen Lande, so wie die Gelder ausgehen, und ich in jedem Fall mit meinem Vater in verdrüßliche Verlegenheiten und Streit gerathen.

192 Wie es denn auch eingetroffen ist, sagte der alte Baron.

Sie lassen ihn aber gar nicht in Ruhe erzählen, fiel hier der Fremde ein, der bis jetzt immer nur schweigend zugehört hatte. Die Geschichte kann unmöglich einen Eindruck machen, wenn sie immer auf diese Weise unterbrochen wird.

Auf meinen Beutel und meine Launen, antwortete der Hausherr, hat dies unnütze Herumlungern meines Sohnes Eindruck genug gemacht. Da es aber der alte Herr zu wünschen scheint, so magst Du jetzt ohne Unterbrechung Deine klägliche Liebeshistorie zu Ende führen.

Der junge Mann seufzte und nach einer Pause fuhr er fort: Gewiß ist die Geschichte kläglich. Ich mußte schreiben und erhielt verdrüßliche Antworten, Vorwürfe, Anmahnungen, mit Drohungen und empfindlichen Redensarten gemischt. Ich mußte Anstalten zur Abreise treffen, und mein Schmerz war um so größer, als es mir schien, daß Cäcilie meiner Neigung etwas mehr entgegen kam, wenigstens wurde sie zutraulicher und offener, erzählte mir von ihrer Jugend, von den Verwandten und machte mich mit einem alten kranken Onkel bekannt, den sie einst, wie ich wußte, beerben würde, und gegen den sie also viele Rücksicht zu nehmen hatte. Sie pflegte ihn und endlich versprach sie ihm sogar, ihn nach Nizza zu begleiten, wohin die Aerzte den alten Podagristen schicken wollten, sobald es sein Zustand nur erlaubte. In der Hoffnung also, die Geliebte bald wieder zu sehn, reisete ich endlich ab und richtete meinen Weg gerade nach Nizza, wo ich viele Wochen hindurch die Theure vergebens erwartete. Wenn ich zusammen rechnete, wie selten ich sie in der ganzen Zeit gesehn hatte, wie gestört diese Minuten oder Viertelstunden gewesen waren, so daß mir 193 selbst ihr Bild oft wie verdunkelt war, so hätte ich verzweifeln mögen.

Endlich kam sie an, spät, nachdem ich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, sie wieder zu sehn. Mein Entzücken war um so größer, als die Trennung so viel länger gedauert, als ich erwartet hatte. Aber hier konnte ich ihres Umgangs viel weniger als dort in der finstern Stadt genießen, denn der alte verdrüßliche Mann nahm ihre ganze Zeit in Anspruch und ich mußte die Geduld des Engels bewundern, die sich unermüdet um den alten Griesgram bemühte, denn diese Cäcilie war niemals von den ganz unerträglichen Launen des Alten auch nur aufgereizt oder empfindlich. Ich aber desto mehr, denn er machte gar kein Hehl daraus, wie ihm meine Gegenwart unangenehm war, und es fehlte nur wenig, so hätte er mir geradezu die Thür gewiesen.

So recht, rief der alte Vater aus; der alte Mann geht seiner Gesundheit wegen in das wärmere Land und muß seine Pflege immer von einem Naseweis gestört sehn, der mit unnützen Liebesgeschichten in seine Krankheits-Anstalt hinein bricht.

Baron! rief der graue Mann sehr lebhaft aus, Sie brechen den Contract mit Ihren unnützen episodischen Parenthesen. Sie sind für das Verdrüßliche zu parteiisch, Ihre zänkische Welt-Ansicht ist eine sehr beschränkte.

Wir hatten also wenig Freude an einander, fuhr der Sohn fort, und Cäcilie wurde mir auch recht im Ernste böse, weil ich sie nach ihrer Meinung mit Unrecht beschuldigte und ihr unverdiente Vorwürfe machte. So sehr mich dieses schmerzte, so tröstete ich mich doch dadurch, daß dieses Zanken ein Beweis schien, wie wir uns näher gekommen waren. Oft wünschte ich, daß der Alte nur sein Elend erst 194 möchte überstanden haben, damit ich als Cäciliens Begleiter sie durch das schöne Italien nach ihrer Heimath zurückführen könne.

Hier stand der Vater höchst unmuthig auf, und wandelte im Saale auf und ab, auch der graue Baron erhob sich und rannte schnell aus einer Ecke in die andere, indem die beiden Alten, so oft sie sich begegneten, wunderliche Grimassen machten. Zu toll! rief der Vater! – Gottlos! sagte der Baron: den Alten wollen sie lieber gar aus der Welt schaffen, um nur amoureuse Diskurse führen zu können! – Dafür, rief der Baron dazwischen, habe ich, auch ein alter kranker Mann, mein schweres Geld hergeben müssen! – Das soll nun Bildung vorstellen! rief der Baron noch lauter: Bildung! der alte Mann ist ja im vollständigsten Recht!

Donnerwetter! schrie jetzt der Vater, Sie sind ein scharmanter Mann, Baron, daß Sie mir so beistehn; die junge Brut taugt nichts!

Die jungen Leute lachten, der Offizier führte den Fremden, und die Tochter den Vater wieder auf ihre Lehnstühle zurück und der Bediente ward gerufen, um mehr Holz für den Kamin herbeizuschaffen. Nach einer Weile fuhr Eduard fort: Es währte nicht gar lange, so kam dem alten Herrn die Grille, nach Neapel zu gehn, und zwar zu Schiffe, um Zeit und Unbequemlichkeit zu sparen. Er schiffte sich wirklich mit Cäcilien ein, und ich, um die Sache nicht zu auffallend zu machen, trieb mich eine Zeitlang in der Lombardei umher, und begab mich dann auch in der größten Eile nach Neapel. Hier war die Noth aber noch viel größer. In der Zwischenzeit und schon auf der Reise hatte sich der Alte ganz bestimmt gegen meinen Umgang erklärt, als wenn er ihm durchaus nicht zusage, sein Leben verbittre, die Krankheit 195 und deren Schmerzen vermehre und Cäcilien in ihrer Pflicht störe. Ich war außer mir. So quälte ich mich denn hin, in einzelnen flüchtigen Momenten die Geliebte zu sehn, wenn er schlief, oder der Arzt bei ihm war, oder Cäcilie irgend einen Vorwand ersinnen konnte. Aber auch dieses trübselige Verhältniß dauerte nicht lange. Plötzlich waren sie verschwunden, die Gesunde mit dem Kranken. Von einer alten Dienerin brachte ich nach vielem Bitten und Gelde nur so viel heraus: daß der alte Murrkopf immerdar auf mich gescholten habe, daß er mich hasse, daß er behauptete, ich werde noch seinen Tod veranlassen, und daß er es künstlich eingerichtet, plötzlich mit Cäcilien in irgend eine einsame Gegend hinzureisen, um dort ungestört seiner Heilung zu pflegen. Der Kranke habe es so verschmitzt angefangen, daß die Pflegetochter selbst von der Reise nichts vorher erfahren habe.

Nun war ich beschäftigt genug. Den Arzt, den Bankier des Alten, den Hauswirth, einige Diener, alles setzte ich in Bewegung und fragte, forschte, bat, flehte, zankte und drohte, erfuhr aber nichts. Ich nannte sie treulose, grausame Bösewichter, Hinterlistige, Diebe und Mörder, und was mir des Unsinns mehr in den Mund kam; denn als ich etwas ruhiger wurde, mußte ich den Glauben fassen, daß sie wirklich nichts von der eiligen Flucht gewußt, und auch den Ort nicht kannten, wohin sich der tückische Alte begeben hatte.

Stündlich fast ging ich jetzt zur Post, weil ich hoffte, Cäcilie würde mir wenigstens schreiben; Alles vergeblich. Ich war der Verzweiflung nahe. Als ich so Wochen verloren hatte, begab ich mich endlich auf die Reise und durchstreifte die Nachbarschaft von Neapel.

Erst in der Nähe. Oft erschien ich den Leuten, das merkte ich wohl, wie ein Wahnsinniger. Denn hundert 196 Gärtner, alte Castellane, Postboten, Vetturinen und Reisende frug ich aus, beschrieb die Personen und erfuhr oft halbe Nachrichten, täuschende, scheinbare, und rannte nun nach den Gärten, Villen, Gasthäusern oder einsamen Gehöften, in denen ich niemals fand, was ich suchte. An manchen Tagen glaubte ich, daß mich eine tödtliche Krankheit erfassen würde, weil ich oft bis zum Tode ermattet war, wenn ich ohne Rast und Erquickung im Sonnenbrande, nicht selten durch öde Steppen oder zwischen hohen Mauern umhergewandert war und mir keine Ruhe, keine Erfrischung gönnte, weil ich fest überzeugt war, durch unablässige Bemühung müsse ich die Verlorene wieder auffinden. Die seltsamsten Häuser entdeckte ich auf diesen meinen Wanderschaften, die wunderlichsten Menschen, da ich aber so verstimmt war, konnte ich die Reize nicht genießen, die mir Heiterkeit und ruhige Freiheit vielleicht würden verschafft haben. Als ich nun die Umgebungen der Stadt durchforscht hatte, begab ich mich in die schöne Landschaft. Die Inseln Capri, Ischia, dann Sorrent, Pästum, alles umher wurde durchsucht, und weil mein Gemüth so aufgeregt war, konnte mir die schöne Natur kaum flüchtige Blicke abgewinnen. Verworrene Berichte trieben mich dann in das einsame Calabrien hinein. Klöster, Meierhöfe, Hütten, Einsiedeleien, allenthalben fragte ich, suchte ich und nirgend erhielt ich deutliche und bestimmte Nachricht. Nun erkrankte ich wirklich in einem kleinen abgelegenen Nest, wo mich, der ich ohne Arzt und Pflege war, nur meine starke Natur und Jugend retten konnten. Krankheiten haben das Eigne, daß sie die Leidenschaft dämpfen, und dadurch gewissermaßen mit der Vernunft verschwägert sind, denn allerdings erschienen mir auf meinem einsamen Lager und nachher, als ich mich der Genesung näherte, meine Verhältnisse und Bestrebungen in einem ganz andern Licht. Ich kam 197 ernüchtert nach Neapel zurück. Eine Summe von Wochen und Monaten war vergangen. Ich erschrak, als ich berechnete, wie viele Zeit, wie viel Geld, ja wie viel ich von meiner Gesundheit verloren hatte. Jetzt wollte man bei meinem Bankier wissen, mein alter Feind sei längst nach seinem Vaterlande zurückgekehrt. Ohne Anstand setzte ich mich zu Schiffe, denn die Briefe meines Vaters drangen auf meine Rückkehr. Ich kam in jener nördlichen Seestadt nach vielen Beschwerden an, suchte meine Tante auf, und erfuhr, daß mein alter Feind im Sterben sei, konnte aber nicht von ihr erlangen, mir seinen oder Cäciliens Aufenthalt zu nennen.

Jetzt stand der Vater wieder auf und rannte mit noch größeren Schritten eiliger durch das Zimmer. Der graugekleidete Baron ging ihm eben so schnell nach und fing einen seiner Arme, die sich heftig schlenkernd bewegten. Nun? sagte der Fremde, schon wieder unwirsch? – O, schrie der Hausherr, auf meinem großen Hengst, auf dem Rappen möchte ich sitzen, und so hier über die Theemaschine in einem kühnen Satze wegspringen, und, wenn es seyn müßte, Hals und Beine dabei brechen! – Nun stellte er sich mit untergeschlagenen Armen vor den Sohn hin, sah ihn lange mit starren Augen an und sagte dann mit leiser, fast bebender Stimme: So ist ja also erlogen, was Du mir noch heut Abend sagtest; Du hast Dich in der Schweiz nicht verweilt? Bist nicht einmal dort gewesen? – Nein, sagte der Sohn zögernd; ich wollte nur bei Ihnen mein langes Verweilen entschuldigen.

Und in Rom warst Du auch gar nicht?

Nein.

Hast auch Florenz nicht gesehn?

Nein.

Genua, Venedig mit keinem Auge erblickt?

Eben so wenig.

198 Nicht einmal Bologna, Verona, Mantua?

Auch nicht.

Der Stab ist über Dich gebrochen! schrie der Vater, Du verdienst nicht mein Sohn zu seyn! Du verdienst nicht ein Mensch zu seyn! Nicht einmal Scylla und Charybdis hat der Bengel für mein schweres Geld gesehn! Nicht einmal unter die Banditen ist er gerathen! Himmel-Tausend-Element! das heißt reisen! das soll Bildung vorstellen!

Mit feierlicher Geberde führte der Fremde den Hausherrn in seinen Sessel zurück, drückte ihn in diesen nieder und sagte dann: Freund! Verehrungswürdiger! dasjenige, was mir in dieser Begebenheit so ausnehmend gefällt, wollen Sie so bitter tadeln? Sie erzürnen sich über das, was Sie erfreuen sollte? Wie alltäglich und abgenutzt sind alle jene Beschreibungen von Italien, den Städten und Alterthümern, wo in allen mehr oder minder dasselbe verzeichnet ist, und ein herkömmlicher Enthusiasmus sich in hundert abgeblaßten und durchlöcherten Phrasen bemüht, irgend nur eine nagelbreite Neuigkeit vorzutragen. Der junge eifrige Forscher da ist nun allen den weltberühmten Allerwelts-Sachen vielmehr aus dem Wege gegangen, um nicht in die Trivialität zu gerathen, und er hat ganz neue Dinge gesehn und entdeckt, auf welchen bis jetzt noch kein Auge hat verweilen können. – In Paris, London, Berlin, Dresden, ja was sage ich, gewiß in Treuenbrietzen, Coswig oder Zerbst giebt es Stellen, an welche der rüstige, bewegliche Einwohner selbst die zufälligen Nachbarn ausgenommen, niemals hingekommen ist; da hört man denn den Ausruf: Nein, wahrlich, obgleich ich hier in dieser Stadt geboren und erzogen bin, an diesem kuriosen Platz bin ich noch niemals gewesen! Das sieht ja hier so schnurrig, so ganz einzig aus, so unbeschreiblich, und mir wird so zu Muth, wie ich es gar nicht aussprechen, oder 199 deutlich machen kann. Dergleichen alte Gehöfte, wüste Mauerplätze, stinkende Schutthaufen, wo Staub und Geröll von Jahrhunderten liegt, Schmutz-Parthieen, eingefallene Wände, mit tausend Spinnweben überzogen, verfallene Höfe, wo sich Sümpfe gebildet haben, Teiche ohne Abfluß, mit drei Fuß dickem Entengrün, jene bröckligen kleinen Hügel, an denen vor funfzig Jahren ein Fußsteig hinlief, so allerliebste Pavillons, wo, wenn man hinein tritt, der morsche Fußboden zusammenbricht, jene Grotten, die in altem Mauerwerk der Regen ausgehöhlt hat, – alles dieses, und mehr der Art, auf welchem das Auge des gewöhnlichen Menschen niemals weilt, hat der Sohn, dieser originelle Reisende, in genaue Betrachtung genommen, und wenn seine geübte Feder uns nur von diesen Entdeckungen einmal eine Beschreibung geben wollte, so würden wir alle über die wundersame Mannigfaltigkeit unsers Erdballs erstaunen. So Viele reisen, große und berühmte Männer zu sehn: wie weit würden die frommen Juden wandern, wenn sie wo ihren Messias anzutreffen glaubten; viele Naturforscher haben in unsern Zeiten in allen Winkeln das freie Weib gesucht, – nun gut, dieser hoffnungsvolle Sohn suchte die ächte wahre Geliebte und durchstöberte alles Kehricht nach ihr. Der unsterbliche Amor nahm ihn unter seine Fittige und stieß ihn über manche Haufen alter Kohlstrünke, Rüben-Abfall und führte ihn leise und behutsam durch so manchen schmutzigen Winkel, so daß der Scholar nur froh seyn mußte, so ziemlich ohne Flecke und mit heiler Haut davon zu kommen. Wer reiset, der muß auch wissen, daß er Zeug und Kleider zerreißt; wer die Welt sehn will, muß auch Geld sehn lassen und ausgeben; Erfahrung wird nicht immer durch ein Kutschen-Fahren gewonnen, oft muß man sie sich erlaufen und erkriechen, da man sie ächt selbst nicht einmal im Luftball erfliegen kann. Sein Sie 200 uns daher, erster ächter Winkelforscher, hier in unserm gemüthlichen Vaterlande begrüßt, und inniger ungeheuchelter Dank Ihnen, daß Sie alle die fatalen nicht klassischen Stellen geflissentlich vermieden haben, die unser deutsches aufwallendes Herz doch eigentlich immer kalt lassen. – So lautet meine Meinung.

Es entstand eine lange Pause und endlich sagte der Vater: Und ohne Bildung bekommen, ohne die sogenannte Geliebte nur wieder gesehn zu haben, ohne Geld und beinah auch ohne Gesundheit kamst Du nun so von der alten verdrüßlichen Tante in meine liebevollen väterlichen Arme zurück?

Höchst verdrüßlich antwortete der Sohn: Indem ich so im schnellen Auszuge den Bericht von diesen zwanzig oder vier und zwanzig Monaten meines Lebens erstatte, sehe ich freilich, wie ich so ganz meine Zeit verloren habe. Aber die Leidenschaft, die bis zum Wahnsinn stieg, mag mich einigermaßen entschuldigen. Meine verdrüßliche Tante, wie Sie sie nennen, fand ich bei meiner Ankunft in sehr guter Laune, außer daß sie mir über Cäcilien keine Auskunft geben konnte oder wollte. Sie redete mir zu, ich möchte sie lieber gar vergessen oder mir aus dem Sinne schlagen. Immer sprach sie mir von der Tochter jenes Bankiers vor, die ich längst vergessen hatte. Sie erzählte mir von dieser, wie sie an Schönheit zugenommen und völlig jener Koketterie entsagt habe, wie vortheilhaft mir und der Familie diese reiche Parthie seyn könne; sie machte mir es zur Pflicht, wenigstens einige Zeit in dieser Stadt wieder zu verweilen, das Haus wieder zu besuchen, und ihr Nachricht von meiner Gesinnung zu geben.

Nun, fuhr der Vater auf, Du hast ja auch der alten 201 Frau ihr närrisches Begehren erfüllt, und bist länger als zwei Wochen dort gewesen.

Jetzt stand der fremde Baron auf, suchte im Saale umher und rief dann nach einem Bedienten in das Vorzimmer hinein. Der niedliche Jokei trat herbei und der Alte schien ihm allerhand Aufträge zu geben, indessen Eduard seinem Vater auf folgende Art antwortete: Ja, wohl habe ich in der Stadt verweilt und war auch viel im Hause des reichen Handelsherrn. Man nahm mich so freundschaftlich auf, als wenn gar nichts vorgefallen wäre, um so mehr, da der cholerische Sohn sich im Auslande befand. Die Tochter hatte jetzt den besten Ruf, sie war noch schöner, als damals, ich sah es deutlich, daß sie sowohl wie die Familie eine Verbindung mit mir wünschten, denn ich ward bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet, und die reizende Antonie war so zuvorkommend und freundlich, als es nur Sitte und Anstand erlaubten. Jener Offizier, der mir damals als Nebenbuhler schrieb, war schon vermählt und also friedlich gesinnt. Ich war so in meinen Träumen und Erinnerungen versunken, immer stand mir Cäcilie vor Augen, und dadurch war ich so verstimmt und zerstreut, daß mir endlich, wie ich es wohl bemerken konnte, die Familie ihre Gunst wieder entzog. So reisete ich denn hieher, um mich mit meinem lieben Vater zu zanken, und ihm eine aufrichtige Abbitte wegen aller meiner Vergehungen zu thun.

Verzeihung, sagte der alte Geiersberg jetzt, der kleine Jokei hatte mir wieder meine Brieftasche verpackt. Geh jetzt, mein Sohn, ich habe sie hier in der Tasche, und sei versichert, ich werde sie nicht wieder so liegen lassen, daß Du sie mir verstecken kannst. Der junge Bursche ging fort, indem er laut lachte. Er will sich umziehn, der dumme Mensch, 202 sagte der Baron, sie haben ihn drüben in Krummfeld, glaube ich, zu einem Domestiken-Ball gebeten.

Ball! rief der Hausherr aus: da fällt mir eine Schnurre aus meinen Jugendjahren ein, und es ist vielleicht nicht uneben, die Thorheit vorzutragen, um mir meine bisherige fatale Unterhaltung nur aus dem Halse zu spülen. Ich war denn, als ich noch Lieutenant war, auch verliebt. Es war, so zu sagen, meine erste Liebe, aber nicht zu meiner theuren Frau und Deiner lieben Mutter, denn die erste Liebe, weil sie eben zu früh und unflügge ist, führt selten oder nie zur Ehe. Ich hielt mich damals für den schönsten aller Jünglinge, auch meine Kameraden waren fast alle der Meinung, und nur ein junger unreifer Bursche, ein Fähndrich Arnstein trat meiner Anmaßung entgegen, indem er sich klüger und schöner zu seyn rühmte, als alle seine Kameraden. Auf den Bällen waren wir beide die Tonangeber und waren beide so trunken in unsrer Eitelkeit, daß wir es gar nicht bemerkten, wenn unser sogenannter freier Ton sich bis zur Ungezogenheit steigerte. So war es denn auch nicht unnatürlich, daß wir beide einem und demselben Mädchen den Hof machten. Das muthwillige Kind ließ es sich auch recht gut gefallen, und sah es nicht ungern, wenn wir eifersüchtig auf einander waren. In der kleinen Garnison fehlte es nun nicht an Neckereien; alles, was geschah, projektirt oder gehofft wurde, war ein öffentliches Geheimniß. Wir Offiziere hatten nicht Ruhe, bis wir einen Ball zu Stande gebracht hatten, und zwar sollte dieser, so war die Bedingung, ein maskirter seyn, auf welchem Niemand ohne einen bestimmten charakteristischen Anzug erscheinen dürfe. Alle kleinen Intriguen, Spionkünste, Bestechungen und so weiter wurden nun in Thätigkeit gesetzt, um zu erfahren, wer und wie jeder dort erscheinen würde. So glaubte ich denn meiner Sache gewiß zu seyn, denn die 203 Kammerjungfer hatte mir Alles verrathen, die Maske, das Kleid, die Abzeichen bis auf die kleinste Nebensache; auch vertraute ich meinem Herzen so viel, daß es die Geliebte auch ohne allen diesen Verrath erkennen würde, indem ich mir zugleich damit schmeichelte, daß unsre gegenseitige Sympathie uns nothwendig zu einander führen müßte. So war es denn auch. Schon beim Eintreten hatte ich sie ausgefunden und sie kam mir ohne alle Ziererei freundlich entgegen. Ich sah mich nach meinem Nebenbuhler um, konnte ihn aber nirgend entdecken, und ich war nun um so glücklicher, weil ich hoffte, von ihm in meinen Bewerbungen nicht gestört zu werden. Wir tanzten, sprachen, scherzten, und sie schien mir eben so begeistert, wie ich es war. Jeder Händedruck, jedes freundliche Wort entzückte mich, und sie lachte nur, als ich sie fragte, woran sie mich denn gleich bei meiner ersten Anrede erkannt habe. So unter Schwatzen, vom Jagen erhitzt, begaben wir uns in eins der Nebenzimmer, die unmittelbar an den Tanzsaal stießen. Hier ward mein Bestreben, da wir ungestört waren, noch ungestümer und meine Zärtlichkeit dreister. Ich redete ihr mit allen Kräften meine Rhetorik zu, mir doch endlich jenen widerwärtigen Nebenbuhler aufzuopfern, und sich von dem nüchternen Fant auf immer los zu machen. Was können Sie nur, fuhr ich im Eifer fort, an diesem kleinen zierlichen Affen Liebenswürdiges finden, der kaum etwas von einem Manne hat? Mögen Sie ihn nur mit seinem faden Geschwätz um sich dulden? Sie sehn ja auch, geliebtestes Wesen, daß er Ihren hohen Werth nicht zu schätzen versteht, da er so unermüdlich nur an den Blumen flattert, die gegen Ihre Herrlichkeit doch nur wie wilde Feldgewächse erscheinen. Glauben Sie mir, er ist eigentlich dumm, und sucht seine geblümten Redensarten aus den schlechtesten Romanen zusammen. Wenn Sie ihn als Narren in Ihrem 204 Gefolge behalten wollen, so kann ich Sie darum nicht tadeln, denn er ist in seiner Art komisch genug: nur als Nebenbuhler, als einen Menschen, der Ihnen den Hof machen darf, der mir und meiner glühenden Leidenschaft entgegen treten will, sollten Sie ihn nicht um sich dulden. – Ich wurde immer beredter, denn sie drückte immer inniger und herzlicher meine Hand. Und nun, fuhr ich begeistert fort, soll denn nicht endlich diese lästige Maske fallen? Soll denn nicht endlich, nach meinem langen Werben, der erste beseligende Kuß mich unter die Götter des Olymps versetzen? – Ich kann Ihnen, edelster Geliebter, nichts abschlagen, sagte sie mit zitternder Stimme. Die Maske fiel, ich drückte meine heißen Lippen auf ihren Mund, sie erwiederte mit demselben Eifer meinen herzlichen Kuß, aber – indem sie noch mit lautem Lachen mich ansah – empfing die Geliebte die kräftigste Maulschelle, die ich ihr nur in meiner dermaligen Stimmung zu verabreichen vermochte, denn Niemand anders als jener verhaßte Fähndrich lag an meiner Brust. Nun Getöse, alles lief herbei, natürlich Duell am folgenden Tage, Blessuren, Arrest, Unwille meiner Vorgesetzten und von der Stadt verspottet, denn ohngeachtet jener empfangenen Ohrfeige hatte er die Lacher auf seiner Seite. Er war nun, als er seines Arrestes los war, der erklärte Günstling meiner vorigen Geliebten. Ich ward, wie ich es wünschte, versetzt, hatte aber immer, bis ich quittirte, Neckerei und Verdruß von dieser dummen Geschichte.

Die Tochter, die sich bis jetzt noch gar nicht in das Gespräch gemischt hatte, sagte: Papa, das ist beinah wie eine Gespenstergeschichte. Solche Ueberraschung muß wahrhaft fürchterlich seyn. Wenn es vorbei ist, und man betrachtet nach Monaten die Begebenheit, so ist sie freilich auch komisch.

Immer, fing der Lieutenant jetzt an, war es mein 205 herzlicher Wunsch, einmal ein Gespenst oder eine Erscheinung zu sehn. Ich beneidete die Menschen, die so etwas von sich erzählen konnten, und ich trieb mich oft um Mitternacht auf einsamen Kirchhöfen, oder verrufenen Orten umher, und mehr wie einmal rief ich die bösen Geister, oder die Verstorbenen, mit allen Kräften meines Gemüthes auf, daß sie sich mir darstellen sollten, aber immer vergeblich. Wenn ich auf meinem Zimmer in der Nacht schauerliche Geschichten las, so daß sich mir die Haare aufrichteten, so lauschte ich gespannt und überzeugt, nun müsse ein Spuk oder irgend ein Teufel, wenigstens ein Kobold oder eine halb gräßliche, halb komische, Fratze sich herbei machen, um mich zu ängstigen und meinen Glauben zu bestärken. Ich war auf alles gefaßt, aber mir begegnete nichts, was auch nur den fernsten Anschein eines Wunderbaren oder Uebernatürlichen angenommen hätte. Ein älterer Mann, dem ich mein Leiden klagte, wollte mir es so erklären: Meine Spannung, meine Sucht nach dem Gespenstigen, meine Fähigkeit, mich in Schauer und Bangigkeit aufzulösen, alles dies beweise ihm, daß mir das Talent völlig abgehe, Geister zu sehen, oder daß ich es durch das Gelüst nach dem Grausen in mir zerstört habe. Eine gewisse naive Unbefangenheit, eine gleichgültige Unwissenheit oder Nichtbeachten sei wahrscheinlich die Grundlage, auf welcher jenes sonderbare Organ ruhe, oder welches jene Sympathie errege, durch welche Gespenster in unsere Nähe gezogen würden. In den meisten Geschichten kommen darum auch die Geister ganz unerwartet; der, den sie plagen, denkt an alles andere, nur nicht an sie, und jene Angst, Grausen, Schauer, die man so gern aufsuche, errege den Gespenstern, wenn sie sogar unsichtbar neben uns seien, ein solches Entsetzen, daß sie in Furcht und Beben selber nicht wagten, sichtbar zu werden. Denn einem ächten Gespenst sei gewiß die Gegenwart eines 206 gewöhnlichen Menschen eben so furchtbar, als die Erscheinung dem Sterblichen, und darum fassen sie nur Muth hervorzutreten, wenn sie fühlen, daß ihr Ueberraschen alle Kräfte des Menschen erlahme, oder daß dieser den sichtbar gewordenen Geist gar nicht für ein Gespenst ansprechen würde. So lautete ohngefähr die Theorie des Mannes über diesen Gegenstand.

Drei Meilen etwa von der Residenz liegt in einem schönen Walde, auf einem grünen frischen Wiesenfleck, die sogenannte Waldschenke, ein unbedeutendes schlichtes Wirthshaus, in welchem nur Kärrner, Fußgänger und Handwerksburschen einkehren. Der Wirth, ein starker, behaglicher und jovialer Mann erinnerte mich immer an jenen Bekannten Fallstaffs in den lustigen Weibern, und ich ritt gern zuweilen nach dieser Schenke, um im Walde dort der schönen frischen Luft zu genießen, mit dem Dicken zu schwatzen und mich am einfachsten Mahl zu stärken. Es ist für den Städter eine ganz eigne Lust, einmal die Gesellschaften, Theater, Theegespräche, Wachtparaden und das Geschwätz der Kameraden zu vergessen, um sich dem einfachsten Verhältniß auf einige Stunden hinzugeben. Kömmt man von der Residenz aus durch Fichtenwälder und mehrere angesehene Dörfer, so liegt dann links vom Wege, eine ziemliche Strecke entfernt, am Walde gelehnt, die Schenke mit ihrer Scheuer und dem Viehstall, rund umher ein Wald von Buchen und Eichen. Ich war lange nicht dort gewesen und in diesem Frühjahr nahm ich mir vor, mich wieder da umzusehn, aber diesmal wollte ich zu Fuß beim schönen Wetter hinaus wandeln, um mir einmal einen ganzen Tag selbst zu leben, vielleicht sogar in dem einfachen Hause zu übernachten. Meine Sehnsucht nach der Natur war um so stärker, weil ich eben von einem Nervenfieber genesen war, das mich einige Wochen an Bett 207 und Zimmer gefesselt hatte. Es war der schönste Maimorgen, als ich schon um fünf Uhr meine Wanderung antrat. Alle Kraft, zu genießen, zu denken und zu fühlen, ist nach der Krankheit gestärkt und erfrischt, und ich sog die Frühlingsluft, den Duft der Bäume, das Säuseln leichter sanfter Winde mit unendlichem Behagen in alle meine Sinne ein. Von meiner geliebten Braut hatte ich auch vor wenigen Tagen den ersten Brief erhalten, aus welchem mir tausend Lust und Freundlichkeit entgegen gequollen war. An diese und ihre Schönheit dachte ich und trällerte frischweg ein Lied, zu welchem mich die aufsteigende Lerche ermunterte. Ich überlegte, ob ich die Nacht in der Schenke bleiben, was ich dort zu Mittag finden würde und ob ich nicht vorher irgendwo einkehren und mich erquicken solle, da ich schon, bei der höher steigenden Sonne, anfing müde zu werden. Nach meiner Rechnung hatte ich noch ohngefähr zwei Stunden zu wandern, bevor ich den anmuthigen Waldplatz erreichte, und meine Gedanken wieder auf die Geliebte lenkend, ein Gedicht an sie hersagend, dessen Verse mir ganz von selbst in den Mund fielen, sah ich auf und erstaunte, und ganz mit Recht, denn ich war schon nahe an der Schenke, der Wirth stand in der Thür und pfiff, wie er zu thun pflegte; auf einer Latte des Daches saß der Hahn und bewegte seine Flügel; Hühner trippelten vor der Schwelle des Hauses, alles dies war wie immer – das Außerordentliche war aber, daß das Haus dicht an der Landstraße lag, und zwar an der rechten Seite, statt links, kein Wiesenplatz daran, kein Wald dahinter. Wie es uns geht, wenn alle unsere Vorstellungen sich unerwartet und plötzlich verwirren, daß man am Ausgemachtesten zweifelt, so dachte ich für den Augenblick, daß ich doch eine falsche Vorstellung von der Lage des Hauses gehabt. Wie der Wirth mir winkte, sprang ich über den Graben der Landstraße zu 208 ihm, und wieder wurde ich irre, denn so konnte ja ohne Sprung oder Umweg Niemand zu ihm. Ich lag im Graben, denn ich war zu kurz gesprungen, und indem ich mit dem Argwohn, wie der Schadenfrohe mich auslachen würde, aufblickte, war Wirth und Haus, sammt Hahn und allen Hennen verschwunden, und ich hatte wirklich noch zwei volle Stunden, bevor ich die wirkliche Schenke mit ihrem korpulenten Wirthe erreichte. – Das ist die einzige Gespenstergeschichte, die ich erlebt habe.

Der fremde Baron Geiersberg nahm das Wort. Ich glaube Ihnen, junger Herr, daß Sie ganz die Wahrheit geredet und erzählt haben, denn nur als wirkliche Begebenheit kann dergleichen einiges Interesse haben. Ich mag nicht sagen, daß Ihr überstandenes Nervenfieber die wunderliche Erscheinung einigermaßen erklärt, denn eine Veranlassung kann nicht Erklärung heißen. Das Bild der Gegend und des Hauses schwebte Ihnen vor, war auch unbewußt in Ihrer Phantasie und begleitete Sie als Hintergrund aller Ihrer Gedanken und Vorstellungen. Mit welchem Zauber und welcher überzeugenden Wirklichkeit ein Bild, welches vielleicht im tiefsten Winkel unserer Phantasie, uns selbst unbewußt, schläft, sich urplötzlich äußerlich, als wahrhaftes Gebilde vor uns hinstellen kann, ist noch von keinem Forscher und Beobachter erörtert, und kann auch wohl niemals deutlich gemacht werden. Aber nur diese Annahme, die noch bei weitem keine Erklärung ist, kann uns einigermaßen diesem wunderbaren Zauber unsrer Imagination näher bringen. Denn freilich möchte darüber das Kriterium der Wahrheit und ächten Wirklichkeit auch etwas in die Dämmerung gerathen.

Nun erzählen Sie uns aber auch etwas, sagte der Offizier, wenn auch keine Gespenster-Geschichte oder Wirthshaus-Erscheinung. Es wäre schrecklich, wenn alle jene 209 eingegangenen niederträchtigen Schenken, in welchen nur saures Bier zu haben war, als Revenants noch einmal wieder auftauchen sollten, weil sie keine Ruhe im Grabe hätten, aus Angst der Erinnerung, wie viele arme Wandersleute sich in ihren schmutzigen Stuben vormals den Magen verdorben hatten.

Ich wohnte lange, fing der fremde Mann an, in der Seestadt, und da mein Gut in der Nähe liegt, war ich oft dort bei Freunden und Bekannten. Da alle wußten, wie sehr ich an Zerstreuung leide, so hatten sie viele Geduld mit mir, wenn ich die Zeit der Mittagstafel nicht beobachtete, oder auch manchmal die Bestellung ganz und gar vergaß. Mein Rechtsfreund, noch von der Universität her mir vertraut, verhütete, daß mir aus meiner Krankheit, oder diesem Laster (wie soll ich es nennen?) kein bedeutender Schaden erwüchse. Dieser treffliche Mann, der Rath Bauer, ist der, dem ich die Erhaltung meines Vermögens, meiner Gesundheit, ja mein Leben zu danken habe, denn meine Verwandten waren mehr wie einmal auf dem Wege, mich in Obhut nehmen zu lassen, als wenn ich unfähig wäre, das Meinige zu verwalten. Seit ich nun ganz einsam stand, ohne Frau und Kinder, und sie die Aussicht hatten, daß ich ihnen nichts vermachen würde, da ich über mein Vermögen schon disponirt habe, so machte sie dies noch zorniger. Doch, dies gehört eigentlich nicht hieher. Vergessen wir dergleichen Verdrüßlichkeiten lieber.

Am liebsten bin ich von Jugend auf ganz allein und ohne alle Begleitung spazieren gegangen. Ich mag nicht gern sprechen, wenn ich im Freien bin.

Aber wohl singen und tanzen, warf der Hausherr ein.

Nur in einer gewissen Aufregung, fuhr der Alte ruhig fort, denn es ist dem Menschen nicht vergönnt, alltäglich so viele Lebenskräfte auszuspielen. Also, wie gesagt, in der 210 Natur vermeide ich gern die Gesellschaft, um in meinen traumartigen Beobachtungen nicht gestört zu werden. So sind mir Baum, Strauch, Feld, Luft und Sonnenschein die lehrreichsten Gesellschaften. Am liebsten ging ich am Gestade des Meeres auf und ab. Hier hat man den Zug der Wolken, die Frische des Wassers, den Strom der Luft, mit einem Wort das, was man Wetter nennt, recht im Großen. Aber auch wieder im Einzelnen erzählt und bildet eine jede Woge eine besondere Geschichte. Wie sie sich wälzt, näher schwebt, überstürzt wird, sich wieder hebt und zuletzt am Ufer zerbricht, und eine andere und wieder eine folgt, die eine ruhig, jene schäumend, eine dritte hoch aufbauschend, wieder die andere früh zerplatzend. Und dann dieses Murmeln, Plaudern, Schwatzen, Schreien und Toben, je nachdem sie der spielende oder zürnende Wind erregt. Und auch die hellen Lichter, oder die schwarzen Schatten. Das dumpfe Brausen, das Schelten in der Nacht. Der wundersame Mondglanz über die bewegte Fläche hin, und das zauberhaft erfrischende Morgenroth. Ich hatte oft die Absicht, mir ein Haus dort nahe am Ufer zu bauen, und nur der Verdruß mit meinen Verwandten, alle die Störungen, der Zank mit ihnen, – doch, das gehört nicht hieher, und wir wollen es lieber mit Stillschweigen übergehn.

An einem Nachmittage überraschte mich am Seegestade ein schlimmes Unwetter. Ich hatte schon immer einen alten verwitterten Thurm etwas landeinwärts bemerkt, der schon aus ältern Zeiten dastehn mochte, und vielleicht die letzte Ruine einer verschwundenen Befestigung war. Ein alter Landmann, den ich einmal fragte, berichtete mir, er sei noch, als er ein Kind war, bewohnt gewesen, und habe wohl zum Sommer-Vergnügen dienen sollen; so viel ihm bewußt, stehe das Ding aber nun seit sehr lange schon ganz wüst. Der 211 schneidende Strichregen, die empfindliche Kälte des Windes, das Rauschen der Wogen, die einen Sturm ankündigten, brachten mir in dem weiten leeren Gefilde den Thurm in das Gedächtniß und ich eilte dem alten Mauerwerke zu. Was ich nicht erwartet hatte, die alte eichne, mit Eisen beschlagene Thür stand offen, und ich duckte in dem schmalen Eingang unter. Nur wer sich viel und in allem Wetter stundenlang im Freien umtreibt, weiß die Wohlthat auch des geringsten Obdachs zu schätzen. So war mir hier im feuchten kellerartigen Raume unendlich wohl, indem der Sturm draußen alle seine Kräfte losließ, so daß das gepeitschte Meer laut brüllte, und das Zwiegespräch der streitenden See und des Sturmes sich in meinem Verstecke behaglich anhörte. So wie ich mich noch tiefer hinein vor dem Regen schützen wollte, stieß ich an die Wendeltreppe. Die ersten Stufen waren noch erhalten, und ich klimmte in der Finsterniß hinauf. Hier war ich vor dem Unwetter ganz gesichert, aber in der Dunkelheit erwachte meine Neugier und ich stieg höher empor. Die Treppe war, was ich nicht erwartet hatte, ganz gut erhalten. Durch eine Scharte, in welche der Luftzug hineinstürmte, gewann ich einen Ausblick auf den finstern Schrecken der empörten See. Um dem ziehenden Winde auszuweichen, klimmte ich weiter hinauf und fand mich nach ungefähr zwanzig Schritten vor einer Thür. Da ich nun einmal so weit gekommen war, klinkte ich das verrostete Schloß der braunen Thür auf, in der Ueberzeugung, in der Stube, oder was ich finden würde, einsam auszuruhen, um den Sturm abwarten zu können. Aber wie erstaunte ich, als ich in dem runden, dämmernden und ziemlich niedrigen Zimmer einen alten Mann antraf, der an einem wurmzerfreßnen Tische saß, und in einigen geschriebenen Bogen las. Sein Gesicht war aschfarb, die Augen erloschen, er trug einen 212 ganz grauen Anzug, und hatte weißes Haar. – Sie sehn mich alle so an, meine werthen Freunde, weil diese nehmliche Schilderung so ziemlich auf mich selber paßt: ich versichre Sie aber, daß ich meine kurze Erzählung nicht mit der Ueberraschung schließen werde, daß ich selber, bei Licht besehn, jenes graue Männchen gewesen sei. Auch gebe ich Ihnen mein Wort, daß der fremde Mann mir nicht etwa so übermäßig gefiel, daß ich mich seitdem in Kleidung und Gesichtszügen nach ihm gebildet hätte. Nein, meine Freunde, schon früh habe ich, lange vor dieser Zeit, diesen grauen Anzug gewählt; mein Gesicht, wie es nun auch seyn mag, habe ich gleichsam von Natur, und diese grauen Kamaschen und diesen unscheinbaren Rock habe ich vor Jahren meinen Verwandten zum Possen angelegt, die mich damit ärgerten, daß ich in Staatskleidern an den Hof gehen sollte. Doch das gehört eigentlich nicht hieher. Uebergehn wir dergleichen.

Wie ich also in das Stübchen trat, und gegen mein Erwarten einen alten Herrn dort fand, zog ich höflich meinen Hut ab und entschuldigte mich mit dem Sturmwetter, welches mich in den Thurm getrieben, daß ich aber nie gewagt hätte, ihn zu stören, wenn ich irgend jemand in der alten Ruine hätte vermuthen können. Der Alte sah freundlich auf, nickte mir zu und wies auf einen Stuhl am Fenster hin, in welchen in mich niederlassen sollte. Ich sah, er wollte nicht gestört seyn, und gehorchte seinem Wink. Er sah mich noch einmal von der Seite an, und machte sich wieder über seine Schriften her. Das kleine Fenster, an welchem ich saß, gab mir die Aussicht auf die See, und mich erfreute der Anblick, da ich hier beobachten konnte, wie sich die Sturmwolken nach und nach verzogen, und das Licht erst blaß und wie furchtsam, nach und nach aber sich stärker ausbreitete, bis endlich der volle Sonnenglanz blendend auf dem Meere lag.

213 Als ich mich wieder im Zimmer umschaute, sah ich, wie mein Alter seine Akten, oder was es seyn mochte, in einen Wandschrank packte, und aus diesem wieder andre Papiere herausnahm, diese mit Aemsigkeit ordnete, wieder las und oft bedenklich das Haupt schüttelte. Nach einiger Zeit, als ich mein Auge von der Landschaft abwendete, war mein Alter nicht mehr zugegen und ich vermuthete, er sei durch eine andere Thür gegangen, die in der Nähe des kleinen Wandschrankes sich befand. Ich erwartete ihn eine Weile, um Abschied zu nehmen, da er aber nicht wieder kam, ging ich langsam und vorsichtig die Treppe wieder hinunter und von da nach meinem Hause.

Als ich nach einigen Wochen wieder am Seegestade spazieren ging, hatte ich diese kleine Begebenheit eigentlich ganz vergessen. Indem ich die Augen aufhebe, steht der Thurm im Sonnenglanz, wie in einer Glorie da. Das zog mich hin. Ich glaubte nun schon bekannt zu seyn, und stieg schneller und mit mehr Bestimmtheit die Wendeltreppe hinauf. Oben klopfte ich an die alte Thür, da aber keine Antwort erfolgte, klinkte ich behutsam auf, und trat langsam hinein. Es war Niemand zugegen. Ich setzte mich in das Fenster, ergötzte mich, so trübe auch die Scheiben waren, an der weiten Aussicht, und als ich mich wieder umsehe, sitzt mein graues Männchen wieder am Tisch bei seinen Schriften. Ich stand auf und entschuldigte meine Dreistigkeit, freundlich und lächelnd begrüßte er mich mit abwehrender Geberde, als wenn er sagen wolle, ich sollte mit ihm keine Umstände machen, ich könne die Stube, so oft es mir beliebte, besuchen. Ich war es nun schon gleichsam gewohnt, daß der Graue nicht sprach, sondern sich nur durch Zeichen verständlich machte. So war ich denn auch ganz ungenirt, und fühlte mich in dem engen Raum, im Genuß der schönen 214 Aussicht, vor Wind und Wetter geschützt, ganz behaglich Der Alte kam und ging, ich entfernte mich, wenn es mir gefiel, und da er kein Freund von Complimenten zu seyn schien, so trat ich oft ein, ohne ihn eigentlich zu begrüßen, wenn er schon zugegen war. So vertrugen wir uns eine Zeitlang ganz gut mit einander. An einem Nachmittage, als im Herbst die Sonne schon dem Untergehn nahe war, wollte ich mich entfernen, ohne den Alten zu begrüßen, der diesmal noch eifriger über seinen Dokumenten studirte, als sonst. Da ich schon die Thür in der Hand hatte, stand er von seinem Tische auf, wies auf die Papiere, und erklärte mir mit Zeichen, daß ich, wenn ich sie angesehn, sie in den Wandschrank legen möchte. Hierauf ging er durch jene zweite Thür, die neben dem Wandschrank befindlich war. Ich las in den Schriften, welche Familien-Angelegenheiten betrafen, ohne den Inhalt ganz zu fassen, und wollte sie in jenen kleinen Schrank packen, als mir einfiel, daß mir der Eigenthümer wohl etwas mehr und warum er mich zum Vertrauten mache, sagen könne. Ich ging also nach jener Thür, die er hinter sich zugemacht, – öffne sie, – und wäre fast vom hohen Thurm heruntergestürzt, denn sie ging in das leere Freie. Ich erschrak. Wahrscheinlich hatte dieser Thurm von hier ehemals mit einem andern Gebäude zusammen gehangen. Mir war unheimlich zu Muthe und ich entfernte mich schnell aus der verdächtigen Wohnung. Ich konnte mit mir selber nicht einig werden, wie ich mir das erklären sollte, was ich erlebt hatte. –

Ich schämte mich, die Sache meinen Freunden und Bekannten mitzutheilen, denn einem Zerstreuten, wie mir, verschwindet in kritischen Momenten, wo er seine Ueberzeugung in Frage stellt, immerdar die Wirklichkeit und der Glaube an alles wahrhaft Erlebte. Der fremdeste Mensch kann mich 215 irre machen, wenn er bezweifelt oder abstreitet, was ich erst gestern mit eignen Augen gesehn, oder schon als Knabe in der Schule erlernt habe. So oft ich an die Begebenheit dachte, überlief mich ein leichter Schauer, und nach einiger Zeit suchte ich sie ganz aus meinem Gedächtniß zu entfernen. Den Thurm selbst besuchte ich aber nicht wieder und richtete meinen Gang jetzt immer nach der entgegengesetzten Seite, um nicht in Versuchung zu gerathen und ein Gelüste in mir zu erwecken. Kann seyn, daß ich den Vorfall völlig vergessen hätte, wenn mir nicht eine Nachricht, die mir zu Ohren kam, plötzlich wieder das Andenken erneuerte. Der Magistrat nehmlich, der schon seit lange Besitzer der Strecke war, auf welcher die Ruine stand, hatte die Absicht, den Thurm abtragen zu lassen, um irgend ein öffentliches Gebäude, ich weiß nicht zu welchem Gebrauch, dort zu errichten.

Da fielen mir die Schriften ein, in welchen ich den Grauen hatte blättern und lesen sehn, die ich ihm hatte verpacken müssen. Mir schienen es wichtige Dokumente und Briefe zu seyn, doch konnte ich mich des Inhalts nicht mehr deutlich erinnern, weil ich sie nur kurze Zeit in Händen gehabt hatte. Ich ging nun zu Bauer, meinem rechtsgelehrten Freunde, und, ohne ihm von dem Gespenst etwas zu sagen, erzählte ich ihm, wie ich in jenem Thurm einmal Schutz vor dem Wetter gesucht, und oben in einem Schranke Schriften entdeckt hätte, die vielleicht von Bedeutung wären, und die man wohl beim Abbrechen nicht verderben und untergehn lassen müsse. Mein Freund, der mich genau kannte, sah mich erst mit bedenklicher Miene an, weil ihm diese Sache sehr unwahrscheinlich vorkommen mochte, indessen da ich in ihn drang, ihm einiges mittheilte, was ich gelesen zu haben glaubte, so beschied er nach einigem Besinnen noch einige Herren vom Rathe zu sich, und es ward beschlossen, am 216 folgenden Tage in der Frühe hinauszugehn und gerichtlich diese Papiere zu übernehmen und zu untersuchen. So geschah es. Unter meiner Führung wanderten die Rathsherren hinaus, der Notarius war unser Begleiter. Alles sollte förmlich aufgenommen, verzeichnet und versiegelt werden. Mit einigem Herzklopfen stieg ich die schmale Wendeltreppe hinauf, weil ich nicht wußte, ob ich den verdächtigen alten Mann nicht oben finden würde. Die Herren stiegen mir nach, und als ich ihnen, oben angelangt, die Thür öffnete, wunderten sich alle, ein noch so ziemlich wohl erhaltenes Zimmer zu finden, denn kein Mensch hatte sich je um diesen Thurm bekümmert. Der Alte, um den ich mich doch geängstigt hatte, obgleich ich diesmal in stattlicher Begleitung erschien, war nicht zugegen. Das trübe Fenster, welches nicht groß war, hatte noch alle seine Scheiben unversehrt, die beiden Stühle, und noch mehr der Tisch, waren von Würmern durchlöchert und drohten bald in Staub zu zerfallen, die Wände des runden Gemaches waren schwarz von Staub und Rauch und nachdem man alles gehörig examinirt hatte, fragte man mich nach jenem Wandschrank, von welchem ich so viel gesprochen hatte. Ich stand stumm und höchst beschämt da, denn er war nirgend zu sehen, ja keine Spur einer solchen Einrichtung zu entdecken. In der höchsten Verlegenheit, indem die Herren schon heimlich über mich zu lachen anfingen, riß ich die Schubladen des Tisches auf. Aber nur Motten flogen mir entgegen, und die in ihrer Arbeit gestörten Holzwürmer rannten zwischen dem gelben Staub hin und her. Meine Verlegenheit war unbeschreiblich, denn ich mußte den Gerichtsmännern als ein Thor oder Lügner erscheinen. Ich tappte an den Wänden umher, und erinnerte mich deutlich, wie kenntlich der Wandschrank mir erschienen war, und jetzt wollte er sich nirgend zeigen. Indem wir im engen Gemach 217 umher gingen, öffnete einer der Herren die zweite Thür und erschrak, so wie ich damals, als er nur freie Luft und den Absturz vor seinen Füßen sah. Ich zog ihn zurück und indem ich mich, um fest zu stehn, an die Mauer lehnte, berührte meine Hand ein fast unsichtbares kleines Knöpfchen, welches an der farbigen Mauer ganz unsichtbar war, und eine kleine Thür that sich plötzlich dem Druck der Feder auf und alle Augen sahen nun in der Mauer die tiefe Höhlung. Alle erstaunten und ich las jetzt in allen Mienen. daß mir Abbitte geschah.

Man nahm alle Papiere, zählte und registrirte sie in Gegenwart aller Zeugen, es waren Dokumente und verschiedene Briefe, und ich bemerkte, daß mein Freund Bauer, indem er sie nur flüchtig angesehn hatte, bedenkliche Mienen machte, als wenn ihm die Sachen bedeutend erschienen. Ich ging wieder die Treppe abwärts voran, weil ich durchaus nicht die Bekanntschaft mit meinem grauen Männchen erneuern wollte, der mich vielleicht noch aufgehalten hätte, wenn ich allein oben zurück geblieben wäre.

So vergingen nun einige Wochen. Man fing an, den Thurm abzutragen, und die sonst so einsame Gegend ward jetzt von mannigfaltigen Arbeitern belebt. Ich sah das Treiben nur aus der Ferne, denn mir war jener Punkt, konnte ich doch selber nicht sagen, weshalb, fatal geworden. Als ich nun wieder meinen guten Bauer besuchte, sagte mir dieser, einige Familien würden mir großen Dank schuldig werden, denn etliche alte Prozesse würden nun zum Vortheil der Beschädigten entschieden werden können. Ein ehemaliger reicher Gutsbesitzer, der in hiesiger Gegend gestorben sei, habe widerrechtlich durch Bestechung und schlechte Mittel Dokumente an sich gebracht, wodurch er einige Güter erworben, die ihm nicht zukamen, dies gehe auch aus einigen Briefen 218 hervor, die sich neben diesen unterschlagenen Dokumenten gefunden hätten.

In seinem Hause war eben eine Versammlung von Rechtsgelehrten, die diese Entdeckung verhandelten und im Begriff standen, den Advokaten jener Edelleute zu schreiben, deren Vermögen durch jenen Mann beschädigt worden. Er ging in jenes Zimmer zu den berathenden Herren zurück und ich betrachtete eben die Kupferstiche an den Wänden, als mir war, als wenn jemand hinter mir stehe. Ich drehe mich schnell um, und gewahre zu meinem Entsetzen mein graues Männchen, welches mich freundlich anlächelt, und mit der Hand die Geberde macht, als wenn er mir für meine Bemühung herzlich danken wolle. Er stand ganz klar und bestimmt im Strahl der untergehenden Abendsonne: noch niemals hatte ich ihn so genau sehen können, aber auch noch niemals hatte ich einen so gewaltigen Schreck empfunden, ein Entsetzen, welches mein ganzes Wesen durchbebte.

Als ich mich etwas gefaßt hatte, war das Gespenst verschwunden. Mein Freund fand mich halb ohnmächtig und in einem fieberhaften Zustande. Jetzt erzählte ich ihm Alles. Er war weniger erstaunt, als ich es von dem verständigen Manne erwartet hätte. Ich mochte es Ihnen damals nicht sagen, so ließ er sich gegen mich aus, daß von jenem Thurm seit lange schon unter den gemeinen Leuten seltsame Sagen umgehn. Er galt schon immer für gespenstisch, und vor vielen Jahren wollte man jenen grauen Mann dort gesehn haben, weshalb die Landleute auch das Gebäude und die Gegend umher vermieden. Man erzählt sich, daß ungerecht erworbenes Gut ihm im Grabe keine Ruhe lasse. Sonderbar bleibt es immer, wie sich von Zeit zu Zeit dieser Aberglaube zu bestätigen scheint, und, sollen einmal unter gewissen Umständen die Geister Abgeschiedener wieder sichtlich auf 219 Erden erscheinen können und dürfen, so ist es, wenn man diesen Glauben einmal fassen kann, nicht so ganz thöricht anzunehmen, daß manche dieser Geister auf ihrem Wege zur Besserung durchaus das Unrecht, das sie begangen, so viel als möglich wieder gut machen wollen. – So äußerte sich mein Freund, und, um sich und mich noch gewisser über die Erscheinung zu machen, führte er mich in das Haus eines Nachkommen, in welchem dieser Großoheim sich im Bilde befand. Es war genau dieselbe Gestalt, in welcher sich die Erscheinung gekleidet hatte, und mir schauderte vor dem Portrait fast eben so sehr, als vor dem Gespenste selbst. Dieser alte Freiherr von Rupertsheim – –

Still! still! unterbrach hier der Hausherr mit der größten Lebhaftigkeit den Alten – dieser Name und der Rath Bauer, und mein Prozeß, den ich so unerwartet seitdem gewonnen – und – aber die Lampe ist ausgegangen, die Lichter brennen schwach, das Feuer im Kamin erlischt, – ich werde den Bedienten klingeln, denn wir sitzen ja hier in einer ängstlichen Dunkelheit.

Er wollte nach der Klingelschnur fassen, ward aber aus Schreck daran verhindert, denn der Offizier, sein junger Schwiegersohn, sprang wüthend auf, stampfte mit dem Fuß und schrie: Lügen! Verleumdung! Dieser Rupertsheim ist von mütterlicher Seite auch mein Großoheim! Er war immer ein unbescholtener Mann und ich werde nicht dulden, daß von ihm, dem braven längst verstorbnen Mann so gesprochen werde! Daß man solche Mährchen von ihm unter die Leute bringe! Das ist frech!

Der Schwiegervater wollte ihn begütigen und ihm erzählen, daß sich allerdings jene Documente vorgefunden, daß ihm Rath Bauer von dem seltsamen Ereigniß geschrieben, daß sein Vermögen dadurch bedeutend vergrößert, daß der 220 eigne Vater ihm oft von dieser Sache und dem ungerechten Verlust des Vermögens klagend gesprochen habe, – alles umsonst. Stampfend und in Wuth ging der Offizier im Saale auf und ab, weinend folgte ihm die Braut, deren Warnungen und Bitten er von sich wies; der Hausherr ging ihm nach, nun auch zornig werdend, und Eduard, der mit lauter Stimme alle zufrieden stellen und versöhnen wollte, wurde gar nicht gehört. Der Baron Geiersberg fing im Zorn, da man ihm so unhöflich widersprach, seine sonderbaren Sprünge der Verzweiflung zu tanzen an, – als Alle plötzlich verstummten, und jeder, wie durch Zauber, in seiner Stellung festgehalten wurde. So standen sie, steinernen Bildern gleich, stumm und bewegungslos, indeß ein kleines graues Männchen unter den Gruppen langsam hinging. Er blieb einen Augenblick vor dem Offizier stehn, sah ihn ernsthaft an und erhob drohend den Finger: dann wandte er sich mit grüßender Geberde zum Hausherrn, beschaute einen Augenblick die Tochter und den Sohn und ging dann zum alten Baron, der etwas rückwärts stand, neigte lächelnd die Hand zu ihm und war verschwunden.

Man blieb noch stille und schweigend stehn und nach einer Pause ging der Hausherr zur Klingel und ließ von den Bedienten einige Kerzen herein bringen, um das Gemach wieder zu erhellen. Nun sahen sich alle mit dem Ausdruck der Verwunderung an, der Offizier aber nahm die Hand des Fremden und sagte: Verzeihung, alter Herr, ich that Ihnen Unrecht, diese Heftigkeit liegt einmal in meiner Natur.

In meiner auch, sagte der Fremde, auch hat dergleichen nichts weiter zu bedeuten. Unser Incognito-Rezensent hat uns so eben zurecht gewiesen, und ich denke, Ihr jahrelanges Gelüst, einmal was Unerklärliches zu sehn und zu erleben, ist nun in Erfüllung gegangen. Ich hoffe aber, es ist die 221 letzte Visite, die mir der Graue abgestattet hat, denn alles in Ansehung der Güter und des Prozesses ist ja nun in Ordnung.

Der Offizier ging zu seiner Braut, um sie zu beruhigen, Eduard aber sagte zum Vater: Papa, Sie legen sich auf Ihre alten Tage sonderbare Bekanntschaften zu. Der Vater aber schüttelte nachdenklich und tiefbewegt mit dem Kopfe und sagte: Zwinge Dich nicht, mein Sohn, jetzt Spaß zu machen, denn Dir ist doch nicht so um das Herz. Ich hoffe, es soll uns allen kein Unglück bedeuten. Ich bin noch so betäubt, daß ich eigentlich nicht weiß, was uns begegnet ist.

Alle verloren sich in tiefes Sinnen, waren aber beruhigt, da die Tochter sich von dem Eindruck des Entsetzens bald wieder erholt hatte. Man sah sich wie mißtrauend einander an, jeder fühlte, es sei Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. da keine Unterhaltung wieder aufkommen würde, und doch scheute sich jeder, die Gesellschaft zu verlassen, weil er seinem Muth in der Einsamkeit nicht vertraute.

Alle fuhren daher mit einem freudigen Erschrecken auf, als noch so spät in der Nacht ein Wagen durch das Thor fuhr und vor dem Hause still hielt. Die Bedienten gingen mit Lichtern hinaus und alle waren in gespannter Erwartung. Die Thüre öffnete sich und zwischen den Lichtern trat eine alte Dame herein, die höflich auf den Hausherrn zuging, um ihn zu begrüßen, indem der Sohn überrascht heftig ausrief: Wie? die theure Tante Philippine?

Der Vater umarmte sie, und sie sagte: Lieber Vetter, Vergebung, daß ich Sie so in der Nacht überfalle; ein Unfall verzögerte mich auf der letzten Station, und da hier weit und breit kein Unterkommen zu finden ist, so mußte ich wohl so unhöflich seyn, noch so spät bei Ihnen einzusprechen.

222 Man verständigte sich und die Tochter eilte hinaus, um die Küche zu bestellen, ein Zimmer und Bett herrichten zu lassen, und eilig, da die Neugier sie spornte, kam sie zur Gesellschaft zurück. Alle saßen schon um den neu genährten und freundlich flammenden Kamin, die Tante sagte aber: Nun, Neffe Eduard, wo hat Er denn den lieben Jokei, den ich Ihm damals so sehr empfohlen habe, ich habe den Burschen ja noch nirgend gesehen.

Er ist heut auswärts, und hat sich diese Nacht frei erbeten, um einem Balle beizuwohnen.

Hat er denn Ballkleider? fragte die Tante; bist Du denn gar nicht neugierig, ihn in seinem Tanz-Anzuge einmal zu betrachten?

Ich weiß nicht – antwortete Eduard etwas verlegen – – ich habe mich nie so sehr um ihn bekümmert.

Unrecht genug! fiel die Tante mit großer Lebhaftigkeit ein. Nun wart! Ich will ihn Dir selber zeigen, da Du so gleichgültig und unbekümmert bist.

Sie ging in ihrer raschen Weise aus dem Saal, um des jungen Menschen Kammer aufzusuchen; Eduard wollte sie begleiten und ihr den Weg zeigen, aber sie wies ihn, schon über die Schwelle geschritten, mit sonderbarem Ernst zurück. Alle, den fremden Baron abgerechnet, welcher wie in tiefer Zerstreuung auf seinem Stuhle saß, sahen sich verlegen an, nicht wissend, ob dies Betragen der alten Frau als Scherz oder Ernst zu nehmen sei. Als sich die Thür wieder öffnete, stand der fremde Zerstreute auf, um der Alten entgegen zu gehn, welche eine junge schöne blonde Dame an ihrer Hand führte, deren Schönheit so auffallend war, daß die Tochter des Hauses so wie der Vater erstaunte. Aber die Verwunderung stieg noch höher, als Eduard sich mit dem Ausruf: Meine Cäcilie! zu ihren Füßen stürzte.

223 Der Vater betrachtete die Gruppe, Cäcilie hob den Knieenden auf und die Tante ergab sich einem lange anhaltenden Lachen. Er ist angeführt! Neffe! sagte sie dann, – Seine Geliebte ist einige Wochen um Ihn, in Seinem Zimmer und Er kennt sie nicht, Er sieht sie kaum an? Dieselbe, um welche Er Himmel und Erde bewegte, der er nachreisete, Italien und dessen Herrlichkeiten über sie versäumte. Ja, ja, diese Probe mußte Er überstehn, Cäcilie mußte sich selber überzeugen, ob Du ihr, der ehemaligen Liebschaft gegenüber, treu bleiben würdest. So hatte ich es mit dem kranken Onkel eingerichtet.

Wie? rief Eduard: Cäcilie war so lange in meiner Nähe und ich ahndete es nicht?

Nun, Baron Wächter! rief die Tante dem Fremden zu: haben wir nun nicht unser Projekt zu Ende gebracht?

Baron Wächter! rief der erstaunte Vater aus – Sie heißen ja Geiersberg. – Sie sind doch nimmermehr –

Doch, doch, nahm der Fremde das Wort, der Onkel dieser hübschen Cäcilie, der alte Wächter, den sie so redlich gepflegt hat, um den sie sogar ihren Liebsten aufgeben konnte, dessen wunderlichen Launen und jäher Hitze sie niemals widersprochen hat, die nun aber auch dafür seine einzige rechtmäßige Erbin und hoffentlich bald mit ihrem entzückten und durchaus verwirrten Liebhaber vereinigt wird.

Ein neues allgemeines Erstaunen. Eduard rannte von Cäcilien weg und stellte sich vor den Baron Wächter hin. Sie also, rief er aus, Sie, alter Mann, sind also der, den ich so hundertmal verwünscht habe, dessen Tod ich vom Himmel erflehte? Und ich habe Sie nicht wieder erkannt? Nun freilich sah ich Sie nicht oft, und immer waren Sie Ihrer Leiden wegen so eingehüllt und vermummt, daß ich kaum Ihre Nasenspitze entdecken konnte.

224 Seh' einer die Spitzbübereien und Intriguen! rief der Hausherr lachend im frohen Muthe aus, – und in einer Nacht tragen sich zu Verlöbnisse, Zank, fast Duell, Versöhnung, Besuch, unerwarteter von alten und jungen Damen, Gespenster und Geister, alte und junge, Confusion und Auflösung.

Man blieb bis zum Morgen beisammen, in der übermüthigen Laune wurde gleich die Verlobung Cäciliens und Eduards gefeiert und der Vater sagte, nachdem er das Paar gesegnet hatte: Ich vermuthe schon, daß Du nun, mein Sohn, mit dem Frühjahr in der Gesellschaft der jungen Frau nach Italien reisen wirst, um das Versäumte nachzuholen.

 


 








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