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Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen

Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorNikolai Gogol
titleAbende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen
publisherBüchergilde Gutenberg
illustratorGünther Stiller
year1962
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Iwan Fjodorowitsch Schponjka und sein Tantchen

Mit dieser Geschichte ist eine Geschichte passiert. Wir haben sie von Stepan Iwanowitsch Kurotschka gehört, der aus Gadjatsch kam. Ihr müßt nämlich wissen, daß ich ein furchtbar schlechtes Gedächtnis habe: ob man mir etwas sagt oder nicht, ist ganz gleich; es ist, wie wenn man Wasser in ein Sieb gießt. Da ich diesen meinen Fehler kenne, bat ich ihn, die Geschichte in ein Heftchen zu schreiben. Nun, Gott gebe ihm Gesundheit, er war immer freundlich zu mir, also schrieb er mir die Geschichte wirklich auf. Ich tat das Heftchen in das kleine Tischchen; ich glaube, ihr kennt das Tischchen gut: es steht gleich in der Ecke, wenn man zur Tür hereinkommt . . . Ach, ich hab' ja ganz vergessen, daß ihr noch niemals bei mir wart. Meine Alte, mit der ich schon an die dreißig Jahre zusammenlebe, hat, warum soll ich das verschweigen, zeit ihres Lebens weder schreiben noch lesen gelernt. Einmal bemerke ich, wie sie Pasteten auf Papier bäckt. Die Pasteten bäckt sie aber, meine lieben Leser, ganz wunderbar; bessere Pasteten werdet ihr nirgends bekommen. Als ich mir mal den Boden einer Pastete anschaue, sehe ich da geschriebene Worte. Mein Herz ahnte es gleich: ich laufe zum Tischchen, und vom Heftchen ist nicht mal die Hälfte übriggeblieben! Alle die Blätter hatte sie für ihre Pasteten weggeschleppt! Was war da zu machen? Ich konnte doch nicht auf meine alten Tage mit ihr raufen! Im vorigen Jahre traf es sich nun, daß ich durch Gadjatsch mußte; ehe ich in die Stadt kam, machte ich mir einen Knoten ins Schnupftuch, um nicht zu vergessen, daß ich Stepan Iwanowitsch bitten wollte, mir's noch mal aufzuschreiben. Und noch mehr: ich nahm mir selbst das Versprechen ab, mich dessen zu erinnern, sobald ich in der Stadt niesen würde. Aber alles nützte nichts. Ich kam durch die Stadt, nieste, schneuzte mich in mein Tuch und vergaß es doch; es fiel mir ein, als ich schon sechs Werst hinter der Stadtgrenze war. Nichts zu machen, ich muß die Geschichte ohne Schluß drucken lassen. Übrigens, wenn jemand unbedingt wissen will, wie die Geschichte weitergeht, so braucht er nur eigens nach Gadjatsch zu fahren und Stepan Iwanowitsch darum zu bitten. Der wird ihm mit dem größten Vergnügen die Geschichte erzählen, sogar von Anfang bis zu Ende. Er wohnt nicht weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich ein schmales Gäßchen, und wenn man in dieses Gäßchen kommt, so ist es das zweite oder dritte Tor. Oder noch besser: wenn ihr auf einem Hofe eine lange Stange mit einer Wachtel erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem grünen Rocke entgegenkommt (ich muß bemerken, daß er Junggeselle ist), so ist es sein Hof. Übrigens könnt ihr ihm auch auf dem Markte begegnen, wo er jeden Morgen vor neun Uhr zu treffen ist; er kauft Fische und Gemüse für seinen Tisch ein und unterhält sich mit P. Antip oder mit dem jüdischen Branntweinpächter. Ihr werdet ihn gleich erkennen, weil niemand außer ihm eine Hose aus buntbedruckter Leinwand und einen gelben Nankingrock trägt. Da habt ihr noch ein Merkzeichen: im Gehen fuchtelt er immer mit den Armen. Der verstorbene dortige Assessor Denis Petrowitsch pflegte, wenn er ihn von ferne kommen sah, zu sagen: »Schaut, schaut, da kommt eine Windmühle!«

I Iwan Fjodorowitsch Schponjka

Es sind schon vier Jahre her, daß Iwan Fjodorowitsch Schponjka seinen Dienst quittiert hat und auf seinem Vorwerke Wytrebenki wohnt. Als er noch Wanjuscha hieß, besuchte er die Kreisschule von Gadjatsch, und man muß wohl sagen, daß er ein höchst sittsamer und fleißiger Junge war. Der Lehrer für russische Grammatik, Nikifor Timofejewitsch Dejepritschastije, pflegte zu sagen, daß, wenn alle so fleißig wären wie Schponjka, er das Ahornlineal nicht in die Klasse mitzunehmen brauchte, mit dem er den Faulen und Mutwilligen auf die Finger klopfte, was ihn, wie er selbst eingestand, auf die Dauer ermüdete. Sein Schulheft war stets sauber, schön umrandet und ohne ein Fleckchen. Er saß stets still, mit gefalteten Händen, die Augen auf den Lehrer gerichtet, befestigte nie einem vor ihm sitzenden Schüler einen Zettel auf dem Rücken, ruinierte nie seine Bank mit dem Messer und spielte auch nie vor dem Erscheinen des Lehrers »Drängeln«. Wenn jemand ein Messer brauchte, um eine Feder zu schneiden, so wandte er sich sofort an Iwan Fjodorowitsch, da er wußte, daß dieser stets ein Federmesser bei sich hatte; Iwan Fjodorowitsch, der damals noch einfach Wanjuscha hieß, holte das Messer aus einem kleinen Lederfutteral, das am Knopfloch seines grauen Rockes befestigt war, und bat nur, man möchte die Feder nicht mit der Schneide des Messers schaben, denn er behauptete, daß dazu die stumpfe Seite da sei. Dieses sittsame Benehmen erregte bald sogar die Aufmerksamkeit des Lateinlehrers, dessen bloßer Husten im Flur, noch bevor sein Friesmantel und sein blatternarbiges Gesicht in der Tür erschienen, der ganzen Klasse Angst einjagte. Dieser schreckliche Lehrer, der auf seinem Katheder stets zwei Bündel Ruten liegen hatte und bei dem stets die Hälfte der Schüler knien mußte, ernannte Iwan Fjodorowitsch zum Auditor, obwohl es in der Klasse viele Jungen gab, die viel begabter waren als er. An dieser Stelle darf nicht ein Fall verschwiegen werden, der sein ganzes Leben beeinflußte. Einer der ihm anvertrauten Schüler brachte einmal, um seinen Auditor zu bewegen, ihm ein »seit« auf die Liste zu schreiben, obwohl er keinen Dunst von der Lektion hatte, einen in Papier eingewickelten, mit geschmolzener Butter übergossenen Pfannkuchen in die Klasse. Iwan Fjodorowitsch beobachtete zwar stets die strengste Gerechtigkeit, war aber diesmal hungrig und konnte der Versuchung nicht widerstehen; er nahm den Pfannkuchen, stellte vor sich ein Buch auf und begann zu essen; er war damit so beschäftigt, daß er gar nicht merkte, wie es in der Klasse plötzlich totenstill wurde, und kam erst dann zur Besinnung, als sich eine schreckliche Hand aus einem Friesmantel ausstreckte, ihn beim Ohre packte und in die Mitte der Klasse zerrte. »Gib den Pfannkuchen her! Gib ihn her, sagt man dir, du Taugenichts!« rief der schreckliche Lehrer; er nahm den Pfannkuchen mit den Fingern und warf ihn zum Fenster hinaus, wobei er den im Hofe herumlaufenden Schuljungen aufs strengste untersagte, ihn aufzuheben. Dann schlug er sofort Iwan Fjodorowitsch sehr schmerzhaft auf die Hände; und mit Recht, denn die Hände waren schuld: sie hatten doch den Pfannkuchen genommen und kein anderer Körperteil. Wie dem auch sei, die ihm stets eigene Schüchternheit wurde seitdem noch größer. Vielleicht war dieses Erlebnis auch der Grund davon, daß er niemals Lust verspürte, in den Zivildienst zu treten, da er aus eigener Erfahrung sah, daß es nicht immer gelingt, ein Vergehen zu verheimlichen.

Er war fast volle fünfzehn Jahre alt, als er in die zweite Klasse versetzt wurde und statt des gekürzten Katechismus und der vier Spezies der Arithmetik den ausführlichen Katechismus, das Buch von den Pflichten der Menschen und die Brüche lernen mußte. Als er aber sah, daß die Wissenschaft immer schwieriger wurde und als er die Nachricht erhielt, daß sein Vater das Zeitliche gesegnet habe, blieb er noch zwei Jahre in der Schule und trat dann mit Einverständnis seiner Mutter in das P.sche Infanterieregiment ein.

Das P.sche Infanterieregiment war durchaus nicht von der Sorte, zu der die meisten Infanterieregimenter gehören; obwohl es meistens nur in Dörfern lag, lebte es auf solchem Fuße, daß es selbst manchem Kavallerieregiment nichts nachgab. Die Mehrzahl der Offiziere trank den stärksten Branntwein und verstand es nicht schlechter als die Husaren, die Juden an den Schläfenlocken herumzuzerren; einige Mann konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst des P.schen Regiments erwähnte dies besonders, sooft er mit jemand in der Gesellschaft sprach. »Bei mir«, pflegte er zu sagen, indem er sich bei jedem Wort den Bauch tätschelte, »bei mir im Regiment tanzen viele Mazurka, jawohl, sehr viele, sehr viele.« Um dem Leser zu zeigen, wie hochgebildet das P.sche Infanterieregiment war, wollen wir noch hinzufügen, daß zwei der Offiziere leidenschaftliche Spieler waren und oft ihre Uniformen, Mützen, Mäntel, Degenkoppeln und selbst ihre Unterkleider verspielten, was man selbst unter Kavalleristen nicht immer antrifft.

Der Umgang mit solchen Kameraden verminderte jedoch die Schüchternheit Iwan Fjodorowitschs nicht im geringsten; da er aber niemals den stärksten Schnaps trank und ihm ein Gläschen einfachen Branntweins vor dem Mittag- und Abendessen vorzog, keine Mazurka tanzte und keine Karten spielte, so mußte er natürlich immer allein sein. So kam es, daß, wenn die anderen auf Bürgerpferden zu den kleineren Gutsbesitzern zu Besuch ritten, er allein in seiner Wohnung saß und Beschäftigungen nachging, die seiner milden und gütigen Seele entsprachen: entweder putzte er seine Knöpfe, oder las im Wahrsagebuch, oder stellte in allen Ecken seines Zimmers Mausefallen auf; oder er zog schließlich die Uniform aus und legte sich aufs Bett.

Dafür gab es auch im ganzen Regiment keinen gewissenhafteren Offizier, und er führte seinen Zug so gut, daß der Kompaniechef ihn stets den anderen als Vorbild hinstellte. Dafür wurde er auch elf Jahre nach seiner Ernennung zum Fähnrich zum Leutnant befördert.

Während dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine Mutter sei gestorben, und die leibliche Schwester seiner Mutter, sein Tantchen, das er nur daher kannte, weil sie ihm einmal in seiner Kindheit getrocknete Birnen und selbstgebackene, sehr schmackhafte Pfefferkuchen gebracht hatte und später sogar nach Gadjatsch schickte (mit seiner Mutter war sie verzankt, und darum sah sie Iwan Fjodorowitsch später nicht mehr) – dieses selbe Tantchen habe aus Gutmütigkeit die Verwaltung seines kleinen Gutes übernommen, was sie ihm rechtzeitig in einem Briefe mitteilte.

Da Iwan Fjodorowitsch vollkommen vom praktischen Sinn seines Tantchens überzeugt war, fuhr er fort, seinen Dienst zu versehen. Ein anderer an seiner Stelle wäre, wenn er einen solchen Rang bekommen hätte, stolz geworden, aber der Stolz war ihm ein unbekannter Begriff, und auch als Leutnant blieb er noch derselbe Iwan Fjodorowitsch, der er als Fähnrich gewesen war. Nachdem er noch weitere vier Jahre nach diesem für ihn so denkwürdigen Ereignisse im Dienste geblieben war und gerade im Begriff stand, mit seinem Regiment aus dem Gouvernement Mohilew nach Großrußland zu ziehen, erhielt er einen Brief folgenden Inhalts:

»Liebster Neffe,
        Iwan Fjodorowitsch!

Ich schicke Dir Wäsche: fünf Paar Zwirnsocken und vier Hemden aus feinster Leinwand; auch möchte ich mit Dir von Geschäften sprechen: da Du einen nicht geringen Rang bekleidest, was, wie ich glaube, auch Dir bekannt ist, und außerdem in einem Alter stehst, wo es Zeit ist, sich der Landwirtschaft zu widmen, so hat es für Dich keinen Sinn mehr, im Militärdienst zu bleiben. Ich bin schon alt und kann die Verwaltung Deines Gutes nicht in allen Dingen übersehen; außerdem habe ich Dir auch vieles persönlich zu eröffnen. Komm doch her, Wanjuscha! In Erwartung des aufrichtigen Vergnügens, Dich zu sehen, verbleibe ich Deine Dich liebende Tante

Wassilissa Zupczewska.

Bei uns im Gemüsegarten sind merkwürdige Zaunrüben gewachsen: sie gleichen mehr Kartoffeln als Zaunrüben.«

Acht Tage nach Empfang dieses Briefes schrieb Iwan Fjodorowitsch seiner Tante folgende Antwort:

»Gnädige Frau Tantchen,
        Wassilissa Kaschparowna!

Ich danke Ihnen bestens für die Zusendung der Wäsche. Besonders meine Socken sind schon sehr alt, mein Bursche hat sie bereits viermal gestopft, und sie sind dadurch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht über meinen Dienst betrifft, so bin ich mit Ihnen vollkommen einverstanden und habe schon vorgestern mein Abschiedsgesuch eingereicht. Sobald ich den Abschied habe, miete ich mir einen Fuhrmann. Ihren früheren Auftrag, sibirische Weizensamen zu beschaffen, konnte ich nicht ausführen: im ganzen Gouvernement Mohilew gibt es keine solchen. Die Schweine werden hier aber meistens mit Maische, der man etwas gegorenes Bier hinzufügt, gefüttert.

Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich, gnädige Frau Tante, Ihr Neffe

Iwan Schponjka«

Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied mit dem Range eines Oberleutnants, mietete sich für vierzig Rubel einen jüdischen Fuhrmann von Mohilew nach Gadjatsch und setzte sich in den Wagen gerade zu der Zeit, als die Bäume sich mit den ersten jungen, noch spärlichen Blättern kleideten, die Erde in frischem Grün leuchtete und die ganze freie Natur nach Frühling duftete.

II Die Reise

Unterwegs ereignete sich nichts besonders Bemerkenswertes. Sie fuhren etwas über zwei Wochen. Iwan Fjodorowitsch wäre vielleicht noch schneller angekommen, aber der fromme Jude hielt jeden Sabbat und betete, in seine Decke gehüllt, den ganzen Tag. Iwan Fjodorowitsch war aber, wie ich schon früher bemerkt habe, ein Mensch, der keine Langweile zu sich heranließ. Während dieser Zeit schnallte er seinen Koffer auf, holte die Wäsche heraus und untersuchte sie sorgfältig, ob sie gut gewaschen und richtig zusammengelegt sei; er entfernte behutsam ein Federchen von seiner neuen Uniform, die schon keine Achselstücke hatte, und packte alles wieder in schönster Weise ein. Das Bücherlesen liebte er im allgemeinen nicht; und wenn er auch zuweilen ins Wahrsagebuch hineinblickte, so tat er es nur, weil er es liebte, darin auf etwas zu stoßen, was er schon mehreremal gelesen hatte. So begibt sich auch ein Städter täglich in den Klub, gar nicht, um dort etwas Neues zu hören, sondern nur um Freunde zu treffen, mit denen er seit ewigen Zeiten im Klub zu plaudern gewohnt ist. So liest auch ein Beamter einigemal am Tage mit großem Genuß das Adreßbuch, nicht irgendwelcher diplomatischer Einfälle wegen, sondern weil ihn die gedruckte Aufzählung der Namen außerordentlich interessiert. »Ah! Iwan Gawrilowitsch Soundso . . .« sagt er dumpf vor sich hin. »Ah! Da bin auch ich! Hm! . . .« Und am nächsten Tage liest er alles wieder und macht dabei die gleichen Bemerkungen. Nach einer Reise von zwei Wochen erreichte Iwan Fjodorowitsch ein Dörfchen, das hundert Werst von Gadjatsch entfernt war. Es war ein Freitag. Die Sonne war schon längst untergegangen, als er mit seinem Wagen und dem Juden in ein Gasthaus einkehrte.

Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von den anderen, die sich in kleinen Dörfern befinden. Man bewirtet hier den Reisenden meistens so eifrig mit Heu und Hafer, als ob er selbst ein Postpferd wäre. Wenn ihm aber der Wunsch käme, so zu frühstücken, wie anständige Menschen zu frühstücken pflegen, so bliebe sein Appetit unversehrt bis zur anderen Gelegenheit erhalten. Da Iwan Fjodorowitsch all das wußte, versorgte er sich rechtzeitig mit zwei Kränzen Brezeln und mit einer Wurst, ließ sich hier nur ein Glas Schnaps geben, an dem es in keinem Gasthaus mangelt, setzte sich auf die Bank vor dem Eichentisch, der fest in den Lehmboden eingegraben war, und machte sich an sein Abendessen.

Währenddessen ertönte das Rasseln eines Wagens. Das Tor knarrte; aber der Wagen fuhr noch lange nicht in den Hof ein. Eine laute Stimme schimpfte auf die Alte, der das Gasthaus gehörte. »Ich werde einkehren«, hörte Iwan Fjodorowitsch, »aber wenn mich auch nur eine Wanze in deinem Hause beißt, so werde ich dich verprügeln, bei Gott, ich werde dich verprügeln, alte Hexe, und nichts für das Heu bezahlen!«

Eine Weile später ging die Tür auf, und herein trat oder vielmehr kroch ein dicker Mann in einem grünen Rock. Sein Kopf ruhte unbeweglich auf dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns noch dicker erschien. Seinem Aussehen nach schien er zu den Menschen zu gehören, die sich nie den Kopf über Bagatellen zerbrechen und deren ganzes Leben wie geschmiert geht.

»Ich begrüße Sie, mein sehr verehrter Herr!« sagte er, als er Iwan Fjodorowitsch erblickte.

Iwan Fjodorowitsch verbeugte sich stumm.

»Gestatten Sie die Frage: mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?« fuhr der dicke Mann fort.

Bei diesem Verhör erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwillkürlich von seinem Platz und stand stramm, was er sonst immer tat, wenn der Oberst ihn etwas fragte.

»Oberleutnant a. D. Iwan Fjodorowitsch Schponjka«, antwortete er.

»Darf ich fragen, in welche Gegend Sie Ihre Reise führt?«

»Auf mein eigenes Vorwerk Wytrebenki.«

»Wytrebenki!« rief der strenge Frager. »Gestatten Sie, verehrter Herr, gestatten Sie!« sagte er, indem er auf ihn zuging und so mit den Armen fuchtelte, als ob er sich gegen jemand wehren müßte oder sich durch eine Menge hindurchdrängen wollte; als er herangetreten war, schloß er Iwan Fjodorowitsch in seine Arme und küßte ihn erst auf die rechte, dann auf die linke und dann wieder auf die rechte Wange. Iwan Fjodorowitsch gefiel dieses Küssen sehr gut, denn die dicken Wangen des Fremden erschienen seinen Lippen wie zwei weiche Polster.

»Gestatten Sie, verehrter Herr, daß ich mich vorstelle!« fuhr der Dicke fort. »Ich bin Gutsbesitzer im gleichen Gadjatscher Kreise und Ihr Nachbar; ich wohne nicht weiter als fünf Werst von Ihrem Vorwerke Wytrebenki, im Dorfe Chortyschtsche; mein Name ist aber Grigorij Grigorjewitsch Stortschenko. Sie müssen mich ganz unbedingt, unbedingt im Dorf Chortyschtsche besuchen, sonst will ich von Ihnen nichts wissen, verehrter Herr. Jetzt eile ich in Geschäften . . . Was ist das?« wandte er sich mit milder Stimme an seinen Jockei, einen Jungen im Kosakenkittel mit geflickten Ellenbogen und verwunderter Miene, der Pakete und Schachteln auf den Tisch stellte. »Was ist das, was ist das?« Die Stimme Grigorij Grigorjewitschs klang immer drohender. »Habe ich dir denn befohlen, die Sachen hierherzustellen, mein Lieber? Habe ich dir denn gesagt, daß du sie herstellen sollst, Schuft? Habe ich dir nicht gesagt, daß du erst das Huhn aufwärmen sollst, Spitzbube? Geh!« schrie er und stampfte mit dem Fuße, »Wart, du Fratze! Wo ist das Kästchen mit den Fläschchen? Iwan Fjodorowitsch!« sagte er, indem er ein Gläschen Schnaps einschenkte: »Bitte ergebenst: es ist ein Schnaps aus Heilkräutern!«

»Bei Gott, ich kann nicht. . . ich hatte schon Gelegenheit . . .«, erwiderte Iwan Fjodorowitsch stotternd.

»Ich will davon nichts hören, sehr verehrter Herr!« sagte der Gutsbesitzer, die Stimme erhebend, »ich will davon nichts hören! Ich gehe nicht von der Stelle, ehe Sie getrunken haben . . .«

Als Iwan Fjodorowitsch sah, daß er sich nicht gut weigern konnte, leerte er nicht ohne Vergnügen ein Gläschen.

»Das ist ein Huhn, sehr verehrter Herr«, fuhr der dicke Grigorij Grigorjewitsch fort, indem er das Huhn mit dem Messer in einem Holzkästchen zerlegte. »Ich muß Ihnen sagen, meine Köchin Jawdocha trinkt manchmal einen Schluck Branntwein, und darum sind die Speisen oft ausgetrocknet. He, Junge!« wandte er sich an den Jungen in dem Kosakenkittel, der mit einem Federbett und Kissen hereinkam, »decke mir das Bett auf den Fußboden mitten in der Stube! Aber paß auf, leg recht viel Heu unter die Kissen! Zupfe der Wirtin etwas Hanf aus dem Bündel, damit ich es mir zur Nacht in die Ohren stopfe! Sie müssen nämlich wissen, sehr verehrter Herr, daß ich die Gewohnheit habe, mir auf die Nacht die Ohren zuzustopfen, seit jenem verfluchten Fall, wo mir einmal in einer großrussischen Herberge eine Schabe ins linke Ohr gekrochen ist. Die verdammten Großrussen essen, wie ich später erfuhr, auch die Kohlsuppe mit Schaben. Es läßt sich gar nicht beschreiben, was mit mir damals vorging: im Ohre kitzelte es so, daß ich auf die Wände klettern konnte! Geholfen hat mir später ein einfaches altes Weib in unserer Gegend, und womit glauben Sie? Einfach mit Besprechen. Was halten Sie, verehrter Herr, von den Ärzten? Ich denke, sie foppen und narren uns nur: manche Alte weiß zwanzigmal mehr als alle diese Ärzte.«

»In der Tat, Sie belieben die reinste Wahrheit zu sagen. Manches alte Weib ist wirklich . . .« Hier hielt er inne, als könnte er kein passendes Wort finden. Ich muß an dieser Stelle sagen, daß er überhaupt wortkarg war. Vielleicht beruhte das auf seiner Schüchternheit, vielleicht auch auf seinem Bestreben, sich möglichst schön auszudrücken.

»Schüttle das Heu ordentlich durch!« sagte Grigorij Grigorjewitsch zu seinem Diener. »Das Heu ist hier so abscheulich, daß man leicht auf ein Ästchen stoßen kann. Gestatten Sie, verehrter Herr, Ihnen gute Nacht zu wünschen! Morgen werden wir uns nicht mehr sehen: ich fahre noch vor Sonnenaufgang weg. Ihr Jude wird seinen Sabbat halten, denn morgen ist Sonnabend; darum brauchen Sie nicht früh aufzustehen. Vergessen Sie meine Bitte nicht: ich will von Ihnen nichts wissen, wenn Sie mich nicht in Chortyschtsche besuchen.«

Der Kammerdiener half Grigorij Grigorjewitsch aus dem Rock und den Stiefeln, zog ihm statt dessen einen Schlafrock an, und Grigorij Grigorjewitsch ließ sich auf sein Bett fallen, was genau so aussah, als hätte sich ein riesengroßes Federbett auf ein anderes gelegt.

»He, Junge! Wo willst du denn hin, Schuft? Komm her, zupf mir die Decke zurecht! He, Junge, stopfe mir noch Heu unter den Kopf! Ja, hat man die Pferde schon getränkt? Noch mehr Heu! Hierher, unter diese Seite! Aber zieh mir die Decke ordentlich zurecht, du Schuft! Ja so, noch! Ach! . . .«

Grigorij Grigorjewitsch seufzte noch an die zweimal und fing dann an, so fürchterlich durch die Nase zu pfeifen und zwischendurch zu schnarchen, daß man es im ganzen Zimmer hörte und die auf der Ofenbank schlummernde Alte einigemal auffuhr, sich mit blöden Augen umsah und, als sie nichts bemerkte, sich wieder beruhigte und einschlief.

Als Iwan Fjodorowitsch am anderen Morgen erwachte, war der dicke Gutsbesitzer schon weg. Das war auch das einzige bemerkenswerte Erlebnis, das er unterwegs hatte. Am dritten Tage darauf näherte er sich seinem Vorwerk.

Hier fühlte er, wie sein Herz heftig zu pochen begann, als eine Windmühle, mit ihren Flügeln winkend, zum Vorschein kam und als in dem Maße, wie der Jude seine Klepper den Berg hinauftrieb, unten eine Reihe von Weiden sichtbar wurde. Lebhaft und grell leuchtete zwischen ihnen der Teich auf, der Kühle atmete. Hier pflegte er einst zu baden; in diesem selben Teiche watete er einst mit den Dorfjungen bis zum Halse im Wasser, um Krebse zu fangen. Der Wagen fuhr über den Damm, und Iwan Fjodorowitsch erblickte das alte, mit Schilf gedeckte Häuschen und die alten Apfel- und Kirschbäume, auf die er einst heimlich zu klettern pflegte. Kaum war er in den Hof eingefahren, als von allen Seiten Hunde aller möglichen Sorten zusammenliefen: braune, schwarze, graue und gescheckte. Einige von ihnen rannten bellend den Pferden vor die Füße, andere liefen hinterdrein, da sie gemerkt hatten, daß die Wagenachse mit Fett eingeschmiert war; der eine stand vor der Küche, deckte mit einer Pfote einen Knochen zu und heulte aus vollem Halse; ein anderer bellte von ferne, lief hin und her und wedelte mit dem Schwanze, als wolle er sagen: – Schaut nur, ihr Christenmenschen, was ich für ein junger Mann bin! – Die Dorfjungen in schmutzigen Hemden liefen herbei, um alles zu sehen. Das Schwein, das mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumspazierte, hob seine Schnauze mit prüfender Miene in die Höhe und grunzte lauter als gewöhnlich. Im Hofe lag auf der Erde Leinwand, auf der viele Haufen von Weizen, Hirse und Gerste in der Sonne trockneten. Auch auf dem Dache trockneten allerlei Kräuter: Zichorie, Habichtskraut und anderes mehr.

Iwan Fjodorowitsch war dermaßen mit der Betrachtung dieser Dinge beschäftigt, daß er erst dann zu sich kam, als ein gescheckter Hund den vom Bocke kletternden Juden in die Wade biß. Das herbeigelaufene Gesinde, das aus der Köchin, einer Frau und zwei Mädchen in wollenen Unterröcken bestand, erklärte nach dem ersten Ausrufe: »Das ist ja unser junger Herr!«, daß die Tante im Garten mit Hilfe der Magd Palaschka und des Kutschers Omeljko, der oft auch das Amt eines Gärtners und Wächters versah, türkischen Weizen säe. Aber Tantchen, das den mit Bastgeflecht gedeckten Wagen aus der Ferne gesehen hatte, stand schon da. Und Iwan Fjodorowitsch staunte, als sie ihn mit den Armen fast hob, als zweifele er, daß es dasselbe Tantchen sei, das ihm von ihrer Gebrechlichkeit und Krankheit geschrieben hatte.

III Das Tantchen

Tantchen Wassilissa Kaschparowna war damals gegen fünfzig Jahre alt. Sie war niemals verheiratet gewesen und pflegte zu sagen, daß das Mädchenleben ihr teurer sei als alles auf der Welt. Übrigens hat auch, soviel ich mich erinnere, niemand um sie gefreit. Das kam daher, daß die Männer ihr gegenüber eine gewisse Scheu empfanden und nicht den Mut hatten, ihr ein Geständnis zu machen. »Wassilissa Kaschparowna hat Charakter!« pflegten die Freier zu sagen, und hatten auch recht, denn Wassilissa Kaschparowna verstand es, jeden Menschen samtweich zu machen. Den versoffenen Müller, der absolut zu nichts taugte, zerrte sie jeden Tag mit ihrer eigenen tapferen Hand am Schopfe und erreichte damit, ohne Anwendung anderer Mittel, daß aus ihm ein wahrhaft goldener Mensch wurde. Sie war von riesenhaftem Wuchse und verfügte auch über eine entsprechende Körperfülle und Kraft. Man hatte den Eindruck, daß die Natur einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, als sie ihr bestimmte, an Wochentagen einen dunkelbraunen Morgenrock mit kleinen Falbeln und am Ostersonntag und an ihrem Namenstage einen roten Kaschmirschal zu tragen, während ihr ein Dragonerschnurrbart und hohe Reiterstiefel viel besser zu Gesicht stünden. Dafür entsprach ihre Beschäftigung vollkommen ihrem Äußeren: sie fuhr allein Boot und ruderte besser als jeder Fischer; schoß Wild; stand den ganzen Tag bei den Schnittern; kannte ganz genau die Zahl der Melonen und Wassermelonen auf ihrem Felde; erhob einen Zoll von fünf Kopeken von jedem Wagen, der über ihren Damm fuhr; kletterte selbst auf die Bäume und schüttelte die Birnen herunter; züchtigte die faulen Vasallen mit eigener Hand und kredenzte mit derselben strengen Hand den Würdigen einen Schnaps. Sie konnte fast zur gleichen Zeit schimpfen, Garn färben, in die Küche laufen, Kwaß zubereiten und Beeren mit Honig einmachen; sie arbeitete den ganzen Tag und kam überall zurecht. Die Folge davon war, daß das kleine Gut Iwan Fjodorowitschs, das nach der letzten Revisionsliste achtzehn leibeigene Seelen zählte, im vollen Sinne des Wortes blühte. Außerdem liebte sie ihren Neffen über alles und legte für ihn jede Kopeke auf die Seite.

Das Leben Iwan Fjodorowitschs erfuhr, sobald er wieder in seiner Heimat war, manche Veränderung und schlug ganz neue Bahnen ein. Die Natur selbst schien ihn dazu geschaffen zu haben, ein Gut mit achtzehn Leibeigenen zu verwalten. Auch Tantchen selbst merkte, daß aus ihm ein guter Landwirt werden würde, obwohl sie ihm noch nicht gestattete, sich in alle Zweige der Wirtschaft einzumischen. »Er ist ja noch ein junges Kind«, pflegte sie zu sagen, obwohl Iwan Fjodorowitsch schon fast vierzig Jahre alt war, »wie sollte er alles wissen!«

Und doch befand er sich fortwährend auf dem Felde bei den Schnittern und Mähern, und dies verschaffte seiner sanften Seele einen unsagbaren Genuß. Das einmütige Schwingen von zehn und mehr glänzenden Sensen; das Rauschen des reihenweise zur Erde fallenden Grases; die hie und da erklingenden Lieder der Schnitterinnen, bald lustig, wie der Empfang von Gästen, bald traurig wie die Trennung; ein ruhiger, heiterer Abend – und was für ein Abend! Wie frei und frisch ist die Luft! Wie ist alles belebt: die Steppe glüht in roten und blauen Blumen; Wachteln, Wildgänse, Möwen, Grillen, Tausende von Insekten pfeifen, summen, knarren, schreien, und plötzlich erklingt ein harmonischer Chor; und dies alles verstummt für keinen Augenblick; aber die Sonne sinkt und versteckt sich. Ach, wie frisch, wie schön! Auf dem Felde werden hie und da Feuer angezündet und Kessel aufgestellt, um die Kessel herum setzen sich die Schnitter mit den mächtigen Schnurrbärten; von den Klößen erhebt sich ein Dampf; die Dämmerung senkt sich herab . . . Es ist schwer, zu sagen, was in solchen Augenblicken in Iwan Fjodorowitsch vorging. Er vergaß sogar, sich zu den Schnittern zu setzen und von ihren Klößen zu kosten, die er so gern mochte, und stand unbeweglich auf einem Fleck, mit den Augen eine hoch im Himmel verschwindende Möwe verfolgend oder die Garben des abgemähten Getreides zählend, die das ganze Feld bedeckten.

In kurzer Zeit fing man an, von Iwan Fjodorowitsch als von einem großen Landwirt zu sprechen. Tantchen konnte sich über ihren Neffen gar nicht genug freuen und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu prahlen. Eines Tages – es war schon nach Beendigung der Ernte, nämlich Ende Juli – nahm Wassilissa Kaschparowna ihren Neffen bei der Hand und sagte ihm mit geheimnisvoller Miene, sie wolle mit ihm über eine Sache sprechen, die sie schon seit langem beschäftige.

»Es ist dir, liebster Iwan Fjodorowitsch, bekannt«, fing sie an, »daß du auf deinem Vorwerke achtzehn leibeigene Seelen hast; so viel sind es nach der Revisionsliste, in Wirklichkeit werden es vielleicht vierundzwanzig sein. Es handelt sich aber nicht darum. Du kennst doch das Wäldchen hinter unserem Obstgarten und weißt wohl, daß hinter jenem Walde eine große Wiese liegt, vielleicht zwanzig Deßjatinen groß; es wächst so viel Gras da, daß man davon jedes Jahr für mehr als hundert Rubel verkaufen kann, besonders wenn nach Gadjatsch, wie man sich erzählt, ein Reiterregiment kommt.«

»Gewiß, Tantchen, ich weiß es: das Gras ist sehr gut.«

»Das weiß ich auch selbst, daß es sehr gut ist; weißt du aber auch, daß dieses Land eigentlich dir gehört? Was sperrst du so die Augen auf? Hör mal, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an Stepan Kusmitsch? Wie kann ich nur fragen, ob du dich seiner erinnerst! Du warst damals so klein, daß du nicht mal seinen Namen aussprechen konntest. Wie wäre es auch möglich. Ich erinnere mich, als ich gerade auf Philippi zu euch kam und dich auf die Arme nahm, da hättest du mir um ein Haar mein neues Kleid verdorben; zum Glück hatte ich dich noch rechtzeitig deiner Amme Matrjona übergeben; so garstig warst du damals! . . . Es handelt sich aber nicht darum. Das ganze Land hinter unserem Vorwerk und auch das Dorf Chortyschtsche selbst hatte Stepan Kusmitsch gehört. Du mußt nämlich wissen, daß er, als du noch nicht auf der Welt warst, deine Mutter manchmal besuchte, freilich zu einer Zeit, wo dein Vater nicht zu Hause war. Ich sage es aber nicht, um sie anzuklagen – der Herr schenke ihrer Seele ewige Ruhe! – obwohl die Selige mir gegenüber immer im Unrecht war. Es handelt sich aber nicht darum. Wie dem auch sei, Stepan Kusmitsch hat eine Schenkungsurkunde hinterlassen, nach der dir das Gut, von dem ich eben sprach, gehört. Aber deine selige Mutter hatte, unter uns gesagt, einen merkwürdigen Charakter: der Teufel selbst (Gott verzeihe mir dieses garstige Wort!) hätte sie nicht verstehen können. Wo sie diese Schenkungsurkunde hingetan hat, weiß Gott allein. Ich denke, sie befindet sich einfach in Händen des alten Junggesellen Grigorij Grigorjewitsch Stortschenko. Diesem dickbäuchigen Spitzbuben ist das ganze Gut zugefallen. Ich möchte Gott weiß was wetten, daß er die Urkunde unterschlagen hat.«

»Darf ich fragen, Tantchen, ist es nicht derselbe Stortschenko, den ich auf einer Station kennengelernt habe?« Und Iwan Fjodorowitsch erzählte von seiner Begegnung mit ihm.

»Wer kann das wissen!« antwortete Tantchen nach kurzem Besinnen. »Vielleicht ist er auch kein Schuft. Allerdings ist er erst vor einem halben Jahr in diese Gegend gezogen; in so kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht richtig kennenlernen. Seine alte Mutter soll, wie ich gehört habe, eine sehr kluge Person sein und sich meisterhaft auf das Einsalzen von Gurken verstehen; ihre Mädchen sollen wunderbare Teppiche weben können. Da er dich aber, wie du selbst sagst, sehr gut empfangen hat, so fahre nur zu ihm hin: vielleicht wird der alte Sünder auf die Stimme seines Gewissens hören und zurückgeben, was ihm nicht gehört. Du kannst vielleicht mit der Kutsche hinfahren, aber die verdammten Jungen haben hinten alle Nägel herausgezogen; man muß dem Kutscher Omeljko sagen, er solle das Leder gut annageln.«

»Warum denn, Tantchen? Ich nehme lieber den Wagen, in dem Sie manchmal auf die Jagd fahren.«

IV Das Mittagessen

Iwan Fjodorowitsch fuhr um die Mittagszeit nach Chortyschtsche und wurde etwas ängstlich, als er sich dem Herrenhause näherte. Das Haus war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, wie die Häuser vieler Gutsbesitzer dieser Gegend, sondern hatte ein Holzdach. Auch zwei Schuppen im Hofe hatten Holzdächer; das Tor war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich jenem Stutzer, der auf einen Ball kommt und sieht, daß alle, wohin er auch blickt, eleganter gekleidet sind als er. Aus Respekt ließ er sein Wägelchen neben einem Schuppen stehen und ging zu Fuß auf das Haus zu.

»Ach, Iwan Fjodorowitsch!« schrie der dicke Grigorij Grigorjewitsch, der auf dem Hofe im Rock, aber ohne Halsbinde, Weste und Hosenträger herumspazierte. Aber selbst diese Kleidung schien seinen dicken Körper zu beengen, denn der Schweiß rann ihm in Strömen vom Gesicht.

»Warum hatten Sie mir gesagt, daß Sie gleich, nachdem Sie Ihr Tantchen gesehen hätten, zu mir kommen würden, sind dann aber nicht gekommen?« Nach diesen Worten begegneten die Lippen Iwan Fjodorowitschs wieder den bekannten Polstern.

»Es sind hauptsächlich meine Arbeiten in der Wirtschaft . . . Ich bin zu Ihnen nur auf einen Augenblick gekommen, eigentlich in Geschäften . . .«

»Auf einen Augenblick? Na, das soll nicht sein. He, Junge!« schrie der dicke Hausherr, und derselbe Junge im Kosakenkittel kam aus der Küche gelaufen. »Sag dem Kaßjan, er solle sofort das Tor absperren – hörst du! – fest absperren! Und die Pferde dieses Herrn soll er sofort ausspannen. Kommen Sie, bitte, ins Haus. Hier ist es so heiß, daß mir das ganze Hemd trieft.«

Iwan Fjodorowitsch entschloß sich, sobald er das Zimmer betreten, keine Zeit zu verlieren und energisch vorzugehen.

»Tantchen hatte die Ehre . . . sagte mir, daß die Schenkungsurkunde des seligen Stepan Kusmitsch . . .«

Es läßt sich schwer beschreiben, welche unangenehme Miene in diesem Augenblick das breite Gesicht Grigorij Grigorjewitschs annahm. »Bei Gott, ich höre nichts!« antwortete er. »Ich muß Ihnen sagen, daß ich in meinem linken Ohr eine Schabe sitzen hatte (die verfluchten Großrussen züchten in ihren Häusern Schaben); es läßt sich mit keiner Feder beschreiben, was es für eine Qual war – es kitzelte und kitzelte. Geholfen hat mir später eine alte Frau mit einem ganz einfachen Mittel . . .«

»Ich wollte sagen . . .«, wagte Iwan Fjodorowitsch ihn zu unterbrechen, da er sah, daß Grigorij Grigorjewitsch die Rede absichtlich auf andere Dinge bringen wollte, »daß im Testament des seligen Stepan Kusmitsch sozusagen eine Schenkungsurkunde erwähnt ist . . . nach der ich . . .«

»Ich weiß, Ihr Tantchen hat es Ihnen schon eingeredet. Das ist eine Lüge, bei Gott, eine Lüge! Onkelchen hat gar keine Schenkungsurkunde aufgesetzt. Im Testament ist allerdings eine Urkunde erwähnt, aber wo ist sie? Niemand hat sie vorgewiesen. Ich sage das Ihnen, weil ich Ihnen aufrichtig wohl will. Bei Gott, es ist eine Lüge!«

Iwan Fjodorowitsch verstummte, da er sich sagte, daß es dem Tantchen vielleicht in der Tat nur so vorgekommen sei.

»Da kommt Mamachen mit meinen Schwestern!« sagte Grigorij Grigorjewitsch. »Folglich ist das Mittagessen fertig. Kommen Sie!«

Und er schleppte Iwan Fjodorowitsch an der Hand ins Zimmer, wo bereits Schnaps und die Vorspeisen auf dem Tische standen.

In diesem Augenblick erschien eine alte Frau, klein gewachsen, ganz wie eine Kaffeekanne in einem Häubchen, in Begleitung zweier junger Mädchen, eines blonden und eines brünetten. Iwan Fjodorowitsch küßte als wohlerzogener Kavalier erst der Alten und dann den beiden jungen Mädchen die Hand.

»Mütterchen, das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch Schponjka!« sagte Grigorij Grigorjewitsch.

Die alte Dame sah Iwan Fjodorowitsch aufmerksam an; vielleicht hatte es auch nur den Anschein, als sähe sie ihn an. Übrigens war sie die Güte selbst; es schien, als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich fragen würde: Wieviel Gurken salzen Sie zum Winter ein?

»Haben Sie schon Schnaps getrunken?« fragte die Alte.

»Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mütterchen«, sagte Grigorij Grigorjewitsch. »Wer wird einen Gast fragen, ob er schon getrunken hat? Bieten Sie ihm nur an; ob wir schon getrunken haben oder nicht, das ist unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch, ich bitte, wollen Sie vom Tausendgüldenkrautschnaps oder von diesem gewöhnlichen Fusel? Welchen ziehen Sie vor? Iwan Iwanowitsch, was stehst du so da?« sagte Grigorij Grigorjewitsch sich umwendend, und Iwan Fjodorowitsch erblickte Iwan Iwanowitsch, der auf den Schnaps zuging; er trug einen langschößigen Rock mit einem riesigen Stehkragen, der seinen ganzen Nacken zudeckte, so daß sein Kopf im Kragen wie in einer Kutsche zu sitzen schien.

Iwan Iwanowitsch ging auf den Schnaps zu, rieb sich die Hände, sah sich das Glas aufmerksam an, schenkte ein, hielt es gegen das Licht, goß den ganzen Schnaps aus dem Glase in den Mund, schluckte ihn aber nicht gleich herunter, sondern spülte sich mit ihm erst ordentlich den Mund; dann erst trank er ihn, aß ein Stück Brot mit gesalzenen Birkenschwämmen dazu und wandte sich nun an Iwan Fjodorowitsch:

»Habe ich nicht die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch Schponjka zu sprechen?« – »Gewiß«, antwortete Iwan Fjodorowitsch.

»Sie geruhten sich sehr zu verändern seit der Zeit, wo ich Sie kenne. Gewiß«, fuhr Iwan Iwanowitsch fort, »ich erinnere mich, wie Sie erst so groß waren!« Bei diesen Worten hielt er die Hand einen Arschin über den Boden. »Ihr seliger Herr Vater, Gott schenke ihm das Himmelreich, war ein seltener Mensch. Er hatte solche Wassermelonen und Melonen, wie Sie sie jetzt nirgends finden. Auch hier im Hause«, fuhr er fort, indem er den Gast zur Seite führte, »wird man Ihnen Melonen vorsetzen – aber was sind das für Melonen? Man möchte sie gar nicht ansehen! Glauben Sie mir, sehr verehrter Herr, er hatte Wassermelonen«, sagte er mit geheimnisvoller Miene und spreizte die Arme, als wolle er einen dicken Baum umfassen, »bei Gott, die waren so groß!«

»Gehen wir zu Tisch!« sagte Grigorij Grigorjewitsch, indem er Iwan Fjodorowitsch bei der Hand nahm.

Grigorij Grigorjewitsch setzte sich auf seinen gewohnten Platz am Ende des Tisches und band sich eine riesengroße Serviette vor, die ihm eine Ähnlichkeit mit den Helden verlieh, die die Barbiere auf ihren Schildern darstellen. Iwan Fjodorowitsch setzte sich errötend auf den ihm angewiesenen Platz, den beiden jungen Mädchen gegenüber; und Iwan Iwanowitsch unterließ es nicht, sich neben ihn zu setzen, herzlich erfreut, daß er nun jemanden habe, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte.

»Sie hätten nicht das Steißbein nehmen sollen, Iwan Fjodorowitsch! Das ist ja eine Truthenne!« sagte die Alte, sich zu Iwan Fjodorowitsch wendend, dem der ländliche Diener im grauen Frack mit einem schwarzen Flick die Platte reichte. »Nehmen Sie lieber vom Rücken!«

»Mütterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten, sich einzumischen!« sagte Grigorij Grigorjewitsch. »Sie können überzeugt sein, daß der Gast selbst weiß, was er nehmen soll! Iwan Fjodorowitsch! Nehmen Sie doch ein Flügelchen, hier, das andere mit dem Magen! Warum haben Sie aber so wenig genommen? Nehmen Sie doch ein Beinchen! Was stehst du so mit der Platte und reißt das Maul auf? Bitte ihn! Knie nieder, du Schuft! Sag sofort: ›Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie ein Beinchen!‹«

»Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie ein Beinchen!« brüllte der Diener, mit der Platte niederkniend.

»Hm! Was sind das für Truthühner?« sagte Iwan Iwanowitsch halblaut mit verächtlicher Miene, sich zu seinem Nachbarn wendend. »Dürfen denn die Truthühner so sein? Wenn Sie mal meine Truthühner gesehen hätten! Ich versichere Ihnen, jedes einzelne hat bei mir mehr Fett als zehn solche wie diese. Glauben Sie mir, mein Herr, es ist sogar ekelhaft, anzuschauen, wie sie bei mir auf dem Hofe herumgehen – so fett sind sie! . . .«

»Iwan Iwanowitsch, du lügst!« sagte Grigorij Grigorjewitsch, der dies gehört hatte.

»Ich will Ihnen sagen«, fuhr Iwan Iwanowitsch zu seinem Nachbarn gewandt fort und tat so, als hätte er die Worte Grigorij Grigorjewitschs gar nicht gehört, »als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch schickte, bot man mir fünfzig Kopeken für das Stück, und das war mir noch zu wenig.«

»Iwan Iwanowitsch! Ich sage dir, daß du lügst!« rief Grigorij Grigorjewitsch noch lauter und betonte der Deutlichkeit wegen jede Silbe.

Iwan Iwanowitsch tat aber so, als ginge ihn dies gar nichts an, und fuhr fort, aber viel leiser als früher: »Jawohl, mein Herr, das war mir noch zu wenig. In Gadjatsch hat kein einziger Gutsbesitzer . . .«

»Iwan Iwanowitsch! Du bist dumm und weiter nichts«, sagte Grigorij Grigorjewitsch laut. »Iwan Fjodorowitsch weiß ja das alles besser als du und wird dir sicher nicht glauben.«

Iwan Iwanowitsch fühlte sich jetzt verletzt, verstummte und begann die Truthenne zu verzehren, obwohl sie lange nicht so fett war wie die, die »ekelhaft anzuschauen« waren.

Das Klappern der Messer, Löffel und Teller unterbrach für einige Zeit das Gespräch; aber am lautesten hörte man, wie Grigorij Grigorjewitsch das Mark aus einem Hammelknochen sog.

»Haben Sie«, fragte Iwan Iwanowitsch nach einigem Schweigen, indem er den Kopf aus seiner Kutsche Iwan Fjodorowitsch zuwandte, »das Buch ›Korobejnikows Reise ins Heilige Land‹ gelesen? Eine wahre Erquickung für Herz und Seele! Solche Bücher werden heute nicht mehr gedruckt. Schade, daß ich nicht nachgesehen habe, in welchem Jahre es erschienen ist.«

Als Iwan Fjodorowitsch hörte, daß die Rede von einem Buche war, nahm er sich mit großem Eifer Sauce auf den Teller.

»Es ist wirklich erstaunlich, mein Herr, wenn man bedenkt, daß ein einfacher Kleinbürger alle diese Stätten durchwandert hat, es sind über dreitausend Werst, mein Herr! Über dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihm diese Gnade erwiesen, daß er nach Palästina und Jerusalem kam.«

»Sie sagen also«, versetzte Iwan Fjodorowitsch, der von seinem Burschen viel über Jerusalem gehört hatte, »daß er auch nach Jerusalem kam?«

»Worüber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch?« fragte Grigorij Grigorjewitsch vom anderen Tischende.

»Ich habe, das heißt, gelegentlich bemerkt, daß es in der Welt so ferne Länder gibt!« sagte Iwan Fjodorowitsch, herzlich erfreut darüber, daß es ihm gelungen war, einen so langen und so schwierigen Satz auszusprechen.

»Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch!« sagte Grigorij Grigorjewitsch, der es nicht genau gehört hatte. »Es sind lauter Lügen!«

Das Mittagessen war zu Ende. Grigorij Grigorjewitsch begab sich auf sein Zimmer, um nach seiner Gewohnheit ein Schläfchen zu machen; die Gäste aber folgten der alten Hausfrau und den jungen Mädchen ins Wohnzimmer, wo der gleiche Tisch, auf dem sie vor dem Mittagessen den Schnaps zurückgelassen hatten, sich wie durch einen Zauber verwandelt hatte: jetzt bedeckten ihn Schälchen mit eingemachtem Obst verschiedener Sorten und Platten mit Wassermelonen, Weichseln und Melonen.

Die Abwesenheit Grigorij Grigorjewitschs machte sich an allem bemerkbar: die Hausfrau wurde gesprächiger und enthüllte ganz von selbst, ohne daß man sie erst bitten mußte, eine Menge von Geheimnissen über die Zubereitung von Fruchtpasten und das Trocknen von Birnen. Sogar die jungen Mädchen fingen zu sprechen an; die Blonde, die sechs Jahre jünger als ihre Schwester aussah und der man etwa fünfundzwanzig Jahre geben konnte, war übrigens schweigsamer.

Aber am meisten redete und betätigte sich Iwan Iwanowitsch. Da er die Sicherheit hatte, daß ihn nun niemand aus dem Konzept bringen würde, redete er von Gurken, von der Kartoffelsaat, davon, wie klug die Menschen in früheren Zeiten waren – mit den heutigen kann man sie doch gar nicht vergleichen! und davon, daß jetzt die ganze Welt klüger würde und die gescheitesten Dinge ersinne. Mit einem Worte, er war einer von den Menschen, die sich mit dem größten Vergnügen einem die Seele erquickenden Gespräch hingeben und über alles mögliche reden, worüber man überhaupt reden kann. Wenn das Gespräch auf wichtige oder fromme Dinge kam, so seufzte Iwan Iwanowitsch nach jedem Wort und nickte leise mit dem Kopfe; wenn man von Wirtschaftsangelegenheiten sprach, so steckte er den Kopf aus seiner Kutsche hervor und machte Mienen, denen man ablesen zu können glaubte, wie man den Birnenkwaß zubereiten soll, wie groß die Melonen seien, von denen er sprach, und wie fett die Gänse, die bei ihm auf dem Hofe herumliefen. – Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch nach langer Mühe, erst gegen Abend sich zu verabschieden; wie leicht er sonst zu überreden war und wie sehr man ihm auch zuredete, über Nacht dazubleiben, bestand er doch auf seinem Entschluß, heimzufahren, und fuhr auch wirklich heim.

V Tantchens neuer Plan

»Nun? Hast du vom alten Schurken die Urkunde herausgelockt?« Mit dieser Frage wurde Iwan Fjodorowitsch von seinem Tantchen empfangen, welches ihn schon seit einigen Stunden voll Ungeduld an der Freitreppe erwartet hatte und schließlich auch vors Tor gelaufen war.

»Nein, Tantchen«, antwortete Iwan Fjodorowitsch, aus dem Wagen steigend, »Grigorij Grigorjewitsch hat gar keine Urkunde!«

»Und du hast es ihm geglaubt? Er lügt, der Verfluchte! Einmal komme ich zu ihm und verprügle ihn mit eigenen Händen. Oh, ich werde ihm sein Fett schon auslassen! Übrigens muß man zunächst mit unserem Gerichtsschreiber reden, ob man es von ihm nicht auf gerichtlichem Wege fordern kann . . . Aber es handelt sich jetzt nicht darum. War das Mittagessen gut?«

»Sehr gut . . . ganz ausgezeichnet, Tantchen!«

»Nun, was gab es für Speisen? Erzähle. Ich weiß, die Alte versteht sich auf die Küche.«

»Es gab Käsekuchen mit Sahne, Tantchen; Sauce mit gefüllten Tauben . . .«

»Und gab es auch eine Truthenne mit Pflaumen?« fragte Tantchen, denn sie verstand selbst meisterhaft, dieses Gericht zuzubereiten.

»Es gab auch eine Truthenne! . . ;. Es sind recht hübsche Fräuleins, die Schwestern Grigorij Grigorjewitschs, besonders die Blonde!«

»Aha!« versetzte Tantchen und blickte Iwan Fjodorowitsch durchdringend an, welcher errötete und die Augen niederschlug. Ein neuer Gedanke durchzuckte sie.

»Nun«, fragte sie neugierig und lebhaft, »was hat sie für Augenbrauen?« Es ist nicht überflüssig, an dieser Stelle zu bemerken, daß Tantchen die Augenbrauen für das wichtigste Element der weiblichen Schönheit hielt.

»Die Augenbrauen, Tantchen, sind genauso, wie Sie sie nach Ihren Erzählungen in Ihrer Jugend gehabt haben. Und über das ganze Gesicht sind kleine Sommersprossen verstreut.«

»Aha!« versetzte Tantchen, erfreut über die Bemerkung Iwan Fjodorowitschs, der übrigens gar nicht gedacht hatte, ihr damit ein Kompliment zu machen. »Was für ein Kleid hatte sie an? Obwohl man heutzutage solche dauerhafte Stoffe, wie zum Beispiel der, aus dem mein Morgenrock gemacht ist, nicht mehr findet. Es handelt sich aber nicht darum. Nun, hast du dich mit ihr unterhalten?«

»Das heißt, wie . . . ich, Tantchen . . . Sie glauben vielleicht schon . . .«

»Was denn? Was wäre Wunderbares dabei? Das ist Gottes Wille! Vielleicht ist es euch beiden beschieden, als ein Pärchen zu leben.«

»Ich weiß wirklich nicht, Tantchen, wie Sie so was sagen können . . . Das beweist, daß Sie mich gar nicht kennen . . .«

»Nun fühlt er sich gar beleidigt!« sagte Tantchen. – Er ist noch ein junges Kind! – dachte sie bei sich. – Er weiß noch nichts! Man muß sie zusammenführen: sollen sie sich nur näher kennenlernen! –

Tantchen ging nach der Küche und ließ Iwan Fjodorowitsch allein. Von dieser Zeit an dachte sie aber an nichts anderes als daran, ihren Neffen möglichst bald zu verheiraten und die kleinen Enkelkinder zu bemuttern. In ihrem Kopfe drängten sich nur noch Gedanken an die Vorbereitungen zur Hochzeit, und man konnte sehen, daß sie sich in allen Dingen viel geschäftiger zeigte als sonst, obwohl die Wirtschaft eher schlimmer als besser ging. Wenn sie irgendeinen Kuchen buk, dessen Zubereitung sie niemals der Köchin anvertraute, gab sie sich oft ihren Gedanken hin; sie stellte sich vor, daß neben ihr ein kleines Enkelkind stehe, das um ein Stück Kuchen bettle, und sie streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stück aus; der Hofhund benutzte die Gelegenheit, schnappte nach dem leckeren Stück und weckte sie durch sein lautes Kauen aus ihrer Nachdenklichkeit, wofür er jedesmal mit dem Schürhaken geschlagen wurde. Sie vernachlässigte sogar ihre Lieblingsbeschäftigungen und fuhr nicht mehr auf die Jagd, besonders seitdem sie einmal statt eines Rebhuhns eine Krähe geschossen hatte, was ihr früher niemals passiert war.

Endlich, vier Tage später, sahen alle, wie die Kutsche aus dem Schuppen in den Hof gerollt wurde. Der Kutscher Omeljko, der zugleich auch Gärtner und Wächter war, klopfte schon seit dem frühen Morgen mit dem Hammer und nagelte das Leder an, wobei er fortwährend die Hunde wegjagte, die an den Rädern leckten. Ich halte es für meine Pflicht, dem Leser mitzuteilen, daß es dieselbe Kutsche war, in der einst Adam zu fahren pflegte; wenn nun jemand eine andere Kutsche für die Adams ausgibt, so ist es eine glatte Lüge, und die Kutsche ist zweifellos gefälscht. Es ist absolut unbekannt, auf welche Weise sie der Sintflut entronnen ist; es ist anzunehmen, daß in der Arche Noah sich für sie ein eigener Schuppen befand. Schade, daß ich den Lesern ihr Aussehen nicht lebendig genug beschreiben kann. Es genügt wohl, wenn ich sage, daß Wassilissa Kaschparowna mit ihrer Architektur überaus zufrieden war und stets das Bedauern äußerte, daß solche alten Equipagen aus der Mode gekommen seien. Die etwas schiefe Konstruktion der Kutsche, nämlich daß die rechte Seite viel höher war als die linke, gefiel ihr gut, denn an der einen Seite, sagte sie, könne ein großgewachsener und an der anderen ein kleingewachsener Mensch einsteigen. Im Innern des Wagens konnten übrigens an die fünf Stück kleingewachsener und an die drei Stück solcher Personen wie die Tante Platz finden.

Um die Mittagsstunde führte Omeljko, der mit der Kutsche fertig war, aus dem Stalle drei Pferde, die nur wenig jünger waren als die Kutsche selbst, und begann sie mit einem Strick an die majestätische Equipage festzubinden. Iwan Fjodorowitsch und das Tantchen stiegen, er von links und sie von rechts, in die Kutsche, und diese rollte davon. Die Bauern, die ihnen begegneten, blieben beim Anblick einer so prunkvollen Equipage (Tantchen fuhr in ihr nur selten aus) respektvoll stehen, zogen die Mützen und verbeugten sich tief.

Nach etwa zwei Stunden hielt der Wagen vor dem Hause; ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, daß es das Haus Stortschenkos war. Grigorij Grigorjewitsch war nicht zu Hause. Die Alte und die beiden jungen Mädchen empfingen die Gäste im Speisezimmer. Tantchen trat mit majestätischen Schritten ein, stellte einen Fuß mit großer Grazie vor und sagte laut:

»Es freut mich sehr, gnädige Frau, daß ich die Ehre habe, Ihnen persönlich meine Hochachtung auszusprechen; zugleich gestatten Sie mir, Ihnen für die meinem Neffen Iwan Fjodorowitsch erwiesene Gastfreundschaft zu danken, welche dieser außerordentlich gerühmt hat. Sie haben herrlichen Buchweizen, gnädige Frau, ich sah ihn im Vorbeifahren vor Ihrem Dorfe. Darf ich fragen, wieviel Haufen Sie von einer Deßjatine ernten?«

Nach diesen Worten erfolgte ein allgemeines Küssen. Als alle im Wohnzimmer Platz genommen hatten, begann die alte Hausfrau:

»Wegen des Buchweizens kann ich Ihnen nichts sagen: das ist Grigorij Grigorjewitschs Angelegenheit; ich befasse mich schon längst nicht mehr damit, ich kann auch nicht mehr: ich bin zu alt! In alten Zeiten hatten wir, wie ich mich erinnere, einen Buchweizen, der einem bis an den Gürtel reichte; jetzt ist er aber Gott weiß was, obwohl die Leute sagen, es werde jetzt alles besser.« Bei diesen Worten seufzte die Alte, und ein Beobachter hätte aus diesem Seufzer das Seufzen des alten achtzehnten Jahrhunderts heraushören können.

»Ich hörte, gnädige Frau, daß Ihre Mägde wunderbare Teppiche zu weben verstehen«, sagte Wassilissa Kaschparowna und berührte damit ihre empfindlichste Seite: die Alte wurde bei diesen Worten lebendig und erzählte unermüdlich, wie man das Garn färben und wie man den Faden zubereiten müsse.

Von den Teppichen ging das Gespräch bald auf das Einsalzen von Gurken und auf das Trocknen von Birnen über. Mit einem Worte, es war noch keine Stunde vergangen, als die beiden Damen sich schon so lebhaft unterhielten, als wären sie seit einer Ewigkeit bekannt. Wassilissa Kaschparowna sprach mit ihr über viele Dinge schon so leise, daß Iwan Fjodorowitsch nichts mehr hören konnte.

»Wollen Sie es sich nicht ansehen?« fragte die alte Hausfrau und stand auf. Mit ihr erhoben sich die jungen Mädchen und Wassilissa Kaschparowna, und alle begaben sich in die Mädchenkammer. Tantchen machte jedoch Iwan Fjodorowitsch ein Zeichen, daß er bleiben solle, und raunte der alten Dame leise etwas zu.

»Maschenjka!« sagte die Alte zum blonden Fräulein, »bleib mit dem Gast und unterhalte dich mit ihm, damit er sich nicht langweilt!«

Das blonde Fräulein blieb zurück und setzte sich aufs Sofa. Iwan Fjodorowitsch saß auf seinem Stuhl wie auf Nadeln, errötete und schlug die Augen nieder; aber das Fräulein schien das gar nicht zu bemerken und saß gleichgültig auf dem Sofa, aufmerksam die Fenster und die Wände betrachtend oder mit den Blicken die Katze verfolgend, die scheu unter den Stühlen umherlief.

Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und wollte ein Gespräch beginnen; aber es schien ihm, daß er alle Worte unterwegs verloren habe. Kein einziger Gedanke wollte ihm in den Sinn.

Das Schweigen dauerte etwa eine Viertelstunde. Das Fräulein saß noch immer so da wie früher.

Endlich faßte Iwan Fjodorowitsch Mut. »Es gibt im Sommer sehr viel Fliegen, gnädiges Fräulein!« sagte er mit zitternder Stimme.

»Ja, außerordentlich viel!« antwortete das Fräulein. »Mein Bruder hat aus Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe gemacht, – aber es sind immer noch sehr viele Fliegen da.«

Hier stockte das Gespräch, und Iwan Fjodorowitsch konnte unmöglich etwas Weiteres sagen.

Endlich kamen die Hausfrau, Tantchen und das brünette Fräulein zurück. Nachdem sie noch eine Weile gesprochen hatten, verabschiedete sich Wassilissa Kaschparowna von der Alten und den jungen Mädchen, obwohl man sie eifrig aufforderte, über Nacht dazubleiben. Die Alte und die jungen Mädchen begleiteten die Gäste auf die Freitreppe und nickten noch lange dem Tantchen und ihrem Neffen zu, die aus der Kutsche herausguckten.

»Nun, Iwan Fjodorowitsch, worüber hast du dich mit dem Fräulein allein unterhalten?« fragte Tantchen unterwegs.

»Marja Grigorjewna ist ein höchst bescheidenes und sittsames junges Mädchen!« sagte Iwan Fjodorowitsch.

»Hör mal, Iwan Fjodorowitsch, ich will mit dir ernst reden. Du bist ja, Gott sei Dank, schon fast achtunddreißig Jahre alt und hast auch einen schönen Rang: es ist Zeit, an Kinder zu denken! Du brauchst unbedingt eine Frau . . .«

»Was, Tantchen!« rief Iwan Fjodorowitsch erschrocken. »Was, Frau! Nein, Tantchen, tun Sie mir den Gefallen . . . Sie beschämen mich . . . Ich bin noch nie verheiratet gewesen . . . Ich weiß gar nicht, was ich mit ihr anfangen soll!«

»Das wirst du schon erfahren, Iwan Fjodorowitsch, das wirst du schon erfahren«, sagte Tante lächelnd und dachte bei sich: – Er ist ja noch ein junges Kind: er weiß nichts! – »Ja, Iwan Fjodorowitsch!« fuhr sie laut fort, »eine bessere Frau als Marja Grigorjewna findest du gar nicht. Sie hat dir auch selbst gut gefallen. Ich habe mit der Alten schon manches besprochen: sie wäre froh, dich als ihren Schwiegersohn zu sehen. Es ist freilich noch unbekannt, was dieser Sünder Grigorij Grigorjewitsch sagen wird; wir wollen aber auf ihn nicht hören, und wenn es ihm nur einfällt, ihr keine Mitgift zu geben, so verklagen wir ihn . . .«

In diesem Augenblick fuhr die Kutsche in den Hof, und die alten Klepper wurden lebendig, als sie die Nähe des Stalles witterten.

»Hör mal, Omeljko! Laß die Pferde zuerst gut ausruhen und führe sie nicht gleich, nachdem du sie ausgespannt hast, zur Tränke: es sind hitzige Pferde. – Nun, Iwan Fjodorowitsch«, fuhr Tantchen fort, indem sie ausstieg, »ich rate dir, es dir ordentlich zu überlegen. Jetzt muß ich schnell in die Küche: ich hatte vergessen, Ssolocha das Abendessen zu bestellen, und die Nichtsnutzige hat wohl nicht selbst daran gedacht.«

Aber Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerührt. Marja Grigorjewna war zwar ein gar nicht übles junges Mädchen, aber heiraten?! . . . Dies kam ihm so sonderbar, so wunderlich vor, daß er daran ohne Entsetzen gar nicht denken konnte. Mit einer Frau leben! . . . Unverständlich! Er wird nicht mehr allein in seinem Zimmer sein, es werden ihrer überall zwei sein müssen! . . . Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, je mehr er sich in solche Betrachtungen vertiefte.

Er legte sich früher als gewöhnlich zu Bett, konnte aber trotz aller Bemühungen nicht einschlafen. Endlich umfing ihn der ersehnte Schlaf, dieser Ruhebringer aller Menschen; aber was war das für ein Schlaf! Sinnlosere Träume hatte er noch niemals gehabt. Bald träumte ihm, daß alles rings um ihn rausche und sich drehe, er selbst aber laufe und fühle unter sich keinen Boden . . . Schon verlassen ihn die Kräfte . . . Plötzlich packt ihn jemand am Ohr. »Ach, wer ist das?« – »Das bin ich, deine Frau!« antwortet ihm eine laute Stimme, und plötzlich erwacht er. Bald kam ihm vor, daß er schon verheiratet sei und in seinem Häuschen alles so wunderlich und merkwürdig aussehe: in seinem Zimmer steht statt eines Einzelbettes ein Doppelbett; auf dem Stuhle sitzt die Frau. Es ist ihm seltsam zumute: er weiß nicht, wie an sie heranzutreten, worüber mit ihr zu sprechen, und plötzlich sieht er, daß sie das Gesicht einer Gans hat. Zufällig wendet er sich um und sieht eine zweite Frau, die ebenfalls das Gesicht einer Gans hat. Er wendet sich nach der anderen Seite – da steht eine dritte Frau; er wendet sich nach hinten – noch eine Frau. Es wird ihm unheimlich zumute, und er rennt in den Garten; aber im Garten ist es heiß, er nimmt den Hut ab und sieht: auch im Hut sitzt eine Frau. Der Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Er will sein Tuch aus der Tasche ziehen – auch in der Tasche ist eine Frau; er nimmt die Watte aus dem Ohre heraus – auch da ist eine Frau . . . Bald hüpfte er auf einem Bein, und Tantchen sah ihm zu und sagte mit wichtiger Miene: »Ja, du mußt hüpfen, denn du bist jetzt ein verheirateter Mann.« Er eilt auf sie zu, aber Tantchen ist nicht mehr das Tantchen, sondern ein Glockenturm. Und er fühlt, wie ihn jemand an einem Strick auf den Glockenturm hinaufzieht. »Wer zieht mich da?« fragt Iwan Fjodorowitsch klagend. »Ich, deine Frau, ziehe dich, denn du bist eine Glocke.« – »Nein, ich bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!« schreit er. »Nein, du bist eine Glocke«, sagt im Vorbeigehen der Oberst des P.schen Infanterieregiments. Bald träumte ihm, die Frau sei gar kein Mensch, sondern ein Wollstoff. Er tritt in Mohilew in einen Kaufladen. »Welchen Stoff befehlen Sie?« fragt der Kaufmann. »Nehmen Sie doch Frau, das ist der modernste Stoff! Sehr dauerhaft! Alle lassen sich jetzt daraus die Röcke machen.« Der Kaufmann mißt und schneidet ein Stück von der Frau ab. Iwan Fjodorowitsch nimmt sie unter den Arm und geht zum jüdischen Schneider. »Nein«, sagt der Schneider, »es ist ein schlechter Stoff! Niemand läßt sich daraus einen Rock machen . . .«

Voller Angst und halb bewußtlos erwachte Iwan Fjodorowitsch; der kalte Schweiß rann ihm in Strömen vom Gesicht.

Sobald er am Morgen aufstand, wandte er sich an sein Wahrsagebuch, dem ein gewisser tugendsamer Buchhändler in seiner seltenen Güte und Uneigennützigkeit auch eine kurze Erklärung von Träumen angehängt hatte. Aber darin stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch nur entfernt ähnlich sähe.

Indessen reifte im Kopfe des Tantchens ein ganz neuer Plan, von dem ihr im nächsten Kapitel erfahren werdet.

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