Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Nikolai Wassiljewitsch Gogol >

Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen

Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorNikolai Gogol
titleAbende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen
publisherBüchergilde Gutenberg
illustratorGünther Stiller
year1962
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081127
modified20140612
projectid0c022737
Schließen

Navigation:

Der verlorene Brief

Eine wahre Begebenheit, erzählt vom Küster der X-schen Kirche

Ihr wollt also, daß ich euch noch mehr von meinem Großvater erzähle? Gern, warum soll ich euch nicht mit einer Geschichte erfreuen? Ach, ihr alten Zeiten! Welch eine Freude, welch eine Lust dringt ins Herz, wenn man hört, was vor langer, langer Zeit, deren Jahr und Monat niemand angeben kann, in der Welt geschah! Wenn aber irgendein Verwandter, ein Großvater oder Urgroßvater in die Geschichte verwickelt ist, so ist es aus: mag mir der Lobgesang auf die heilige Märtyrerin Warwara in der Kehle steckenbleiben, wenn es mir nicht so vorkommt, als handle die Geschichte von mir, als wäre ich in die Seele des Urgroßvaters hineingekrochen, oder als ob die Seele des Urgroßvaters in mir spukte . . . Das Ärgste sind aber für mich unsere Mädels und jungen Weiber; kaum komme ich ihnen vor die Augen, als sie schon gleich anfangen: »Foma Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Bitte, ein recht gruseliges Märchen! Bitte, bitte! . . .«

Taratata, taratata, und es geht los . . . Ich erzähle ihnen gern so ein Märchen, aber man sehe mal, was nachher mit ihnen im Bette los ist. Ich weiß ja, daß eine jede unter ihrer Decke zittert, wie wenn sie den Schüttelfrost hätte, und sich mit dem Kopf unter den Pelz verkriechen möchte. Wenn nur eine Ratte an einem Topf scharrt oder sie selbst mit dem Fuße einen Schürhaken streift – gleich fällt ihr, Gott bewahre, das Herz in die Fersen. Am anderen Tage aber bestürmt sie einen wieder, als ob nichts geschehen wäre: man soll ihr ein gruseliges Märchen erzählen, und basta. Was soll ich euch nun erzählen? Manchmal fällt mir auch nichts ein . . . Gut, ich erzähle euch, wie die Hexen mit meinem seligen Großvater Schafskopf gespielt haben. Aber ich bitte euch im voraus, meine Herrschaften, bringt mich nicht aus dem Konzept, sonst gibt es einen Brei, daß man sich schämen muß, ihn in den Mund zu nehmen. Mein seliger Großvater, muß ich sagen, gehörte seinerzeit durchaus nicht zu den gewöhnlichen Kosaken. Er verstand zu lesen, verstand auch kunstgerecht zu schreiben. An Feiertagen konnte er den Apostel so herunterleiern, daß sich jetzt auch mancher Popensohn vor ihm verstecken könnte. Nun, ihr wißt ja selbst, wie es damals war, wenn man die Schriftkundigen von ganz Baturin versammeln wollte, so brauchte man nicht mal die Mützen hinzuhalten, man könnte sie alle in die hohle Hand einsammeln. Darum ist es auch kein Wunder, daß jeder, der dem Großvater begegnete, sich vor ihm tief verneigte.

Einmal fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn Hetman ein, in irgendeiner Sache einen Brief an die Zarin zu schicken. Der damalige Heeresschreiber – hol' ihn der Teufel, ich kann mich auf seinen Namen nicht besinnen . . . Wiskrjak? Nein, nicht Wiskrjak; Motusotschka? Nein, nicht Motusotschka; Golopuzek? Nein, nicht Golopuzek . . . ich weiß nur, daß es ein schwieriger Name war, der so komisch anfing – er ließ also den Großvater zu sich kommen und sagte ihm, daß der Hetman selbst ihn als einen Boten mit dem Brief zur Zarin schicken wolle. Mein Großvater machte keine großen Vorbereitungen: er nähte den Brief in seine Mütze ein, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkel, wie er sie selbst nannte, ab, von denen der eine vielleicht mein Vater war, und wirbelte solchen Staub auf, als ob fünfzehn Burschen mitten auf der Straße Fangball spielten. Am anderen Tage, als der Hahn noch nicht zum vierten Male gekräht hatte, war mein Großvater schon in Konotop. Dort war gerade Jahrmarkt: auf den Straßen trieb sich so viel Volk herum, daß es vor den Augen flimmerte. Da es aber noch sehr früh war, schlief noch alles auf der Erde hingestreckt. Neben einer Kuh lag ein besoffener Bursche mit einer Nase so rot wie ein Gimpel; etwas weiter schnarchte sitzend eine Händlerin mit Feuersteinen, Waschblau, Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag ein Zigeuner; auf einem Wagen mit Fischen – ein Fuhrmann; mitten auf der Straße lag mit gespreizten Beinen ein bärtiger Moskowiter mit Gürteln und Fausthandschuhen . . . mit einem Worte, jegliches Gesindel, wie man es auf jedem Jahrmarkt trifft. Der Großvater machte halt, um sich alles genau anzusehen. In den Buden wurde es indes allmählich lebendig: die Jüdinnen klapperten mit ihren Flaschen, hie und da stieg Rauch in Ringen empor, und der Geruch von heißen Puffern zog über das ganze Lager. Dem Großvater fiel es plötzlich ein, daß er weder ein Feuerzeug noch Tabak vorrätig hatte; so fing er an, sich auf dem Jahrmarkte herumzutreiben. Er war noch keine zwanzig Schritte weit gegangen, als ihm ein Saporoger entgegenkam. Ein Bummler, das sieht man ihm schon am Gesicht an! Feuerrote Pluderhosen, ein blauer Rock, ein grellfarbiger Gürtel, ein Säbel an der Hüfte und eine Pfeife an einer Messingkette, die bis zu den Fersen herunterhängt – mit einem Worte ein richtiger Saporoger! Ach, ist das ein Völkchen! Der richtet sich auf, streicht sich den kühnen Schnurrbart, läßt die Hufeisen erklirren, und es geht los! Und wie: die Füße tanzen wie die Spindel in Weiberhänden; wie ein Wirbelwind saust seine Hand durch alle Saiten der Leier, und gleich stemmt er sie in die Hüften, kauert nieder und richtet sich wieder auf, und wirbelt im Tanze, und sein Lied fließt dahin – seine Seele frohlockt! . . . Nein, diese Zeit ist vorbei, man bekommt keinen Saporoger mehr zu sehen! Ja. So trafen sie sich, ein Wort gab das andere, und die Bekanntschaft war schnell gemacht. Sie redeten und redeten, und mein Großvater hatte seine Reise schon ganz vergessen. Es ging ein Saufen los wie auf einer Hochzeit vor den großen Fasten. Aber sie bekamen es schließlich satt, Töpfe entzweizuschlagen und Geld unter das Volk zu werfen, auch kann man doch nicht ewig auf dem Jahrmarkte bleiben! So verabredeten die neuen Freunde, sich nicht mehr zu trennen und die Reise gemeinsam fortzusetzen. Es war schon längst gegen Abend, als sie in die freie Steppe hinausritten. Die Sonne hatte sich schon zur Ruhe begeben; hie und da glühten noch statt ihrer rötliche Streifen; die Wiesen leuchteten bunt wie die Feiertagsröcke schwarzbrauiger junger Weiber. Unser Saporoger kam furchtbar ins Schwatzen. Mein Großvater und noch ein lustiger Patron, der sich zu ihnen gesellt hatte, glaubten schon, daß er vom Teufel besessen sei. Wo nahm er bloß all das Zeug her, alle die wunderlichen Geschichten und Schnurren, daß mein Großvater sich die Seiten halten mußte und ihm vor Lachen beinahe der Bauch zersprang?! Aber in der Steppe wurde es immer finsterer, und auch die Rede des Burschen wurde immer unzusammenhängender. Endlich verstummte unser Erzähler ganz und begann beim geringsten Geräusch zu zittern.

»He, he, Landsmann! Du scheinst mir wirklich die Eulen zu zählen. Sehnst du dich gar nicht nach deinem Hause und nach dem Ofen?«

»Vor euch will ich nichts verheimlichen«, sagte er, plötzlich stehenbleibend und sie unverwandt anstarrend. »Wißt ihr denn auch, daß ich meine Seele schon längst dem Bösen verschrieben habe?«

»Als ob es ein Wunder wäre! Wer hat nicht schon mit dem Bösen zu tun gehabt? In solchen Fällen muß man auch bummeln, daß es nur so kracht!«

»Ach, Burschen, ich möchte schon bummeln, aber heute nacht läuft der Termin ab! Brüder«, sagte er und packte ihre Hände, »gebt mich nicht preis! Durchwacht diese eine Nacht! Mein Lebtag werde ich euch den Freundschaftsdienst nicht vergessen!«

Warum soll man einem Menschen in solcher Not nicht helfen? Mein Großvater sagte ihm geradeheraus, er würde sich eher seinen Kosakenschopf abscheren lassen, als dulden, daß der Teufel mit seiner Hundeschnauze eine Christenseele beschnüffelt.

Unsere Kosaken wären vielleicht noch weiter geritten, aber der Himmel verdunkelte sich plötzlich so, als wäre er mit einem schwarzen Tuche bedeckt, und auf der Steppe wurde es ebenso finster wie unter einem Schafspelze. In der Ferne blinkte ein Lichtschein, und die Pferde, die die nahe Krippe witterten, eilten vorwärts, die Ohren spitzend und die Augen in die Finsternis bohrend. Der Lichtschein schien ihnen entgegenzueilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schenke auf, die so schief stand wie ein Weib auf dem Heimwege von einer lustigen Taufe. Um jene Zeit waren die Schenken ganz anders als jetzt. Man hatte nicht nur keinen Platz, um seine Glieder im Tanze zu recken, man konnte sich nicht mal hinlegen, wenn man einen Rausch hatte und die Füße wunderliche Kringel auf dem Boden beschrieben. Der ganze Hof war mit Frachtwagen vollgepfropft, unter den Dachvorsprüngen, in den Krippen, im Flur schnarchten die Menschen wie die Kater, die einen zusammengekrümmt, die anderen ausgestreckt. Der Schenkwirt saß allein vor einem Lichte und schnitt Kerben in einen Stock, welche besagten, wieviel Quart und halbe Quart die Fuhrleute gesoffen hatten. Mein Großvater ließ sich ein Drittel Eimer Schnaps für alle drei geben und ging in die Scheune. Alle drei legten sich nebeneinander hin. Er hatte sich noch nicht mal umgedreht, als er sah, daß seine Landsleute schon schliefen. Mein Großvater weckte den dritten Kosaken, der sich zu ihnen gesellt hatte, und erinnerte ihn an das Versprechen, das sie dem Kameraden gegeben hatten. Jener richtete sich halb auf, rieb sich die Augen und schlief wieder ein. Es war nichts zu machen, mein Großvater mußte nun allein wachen. Um den Schlaf irgendwie zu verscheuchen, sah er sich alle Wagen an, ging zu den Pferden, steckte sich seine Pfeife an, kam zurück und setzte sich neben die Seinen. Alles war still, nicht mal eine Fliege hörte man summen. Plötzlich war es ihm, als wenn hinter dem nächsten Wagen etwas Graues die Hörner zeige . . . Da begannen aber seine Augen zuzufallen, so daß er sie mit den Fäusten reiben und mit dem noch übriggebliebenen Schnaps waschen mußte. Sobald sie etwas klarer wurden, verschwand alles wieder. Schließlich zeigte sich nach einer Weile das Ungeheuer wieder hinter dem Wagen . . . Mein Großvater riß die Augen auf, so weit er konnte; aber die verdammte Schläfrigkeit hüllte alles vor ihm in einen Nebel; seine Arme erstarrten, der Kopf sank auf die Brust, und ihn übermannte ein so fester Schlaf, daß er wie tot umfiel. Lange schlief der Großvater; erst als die Sonne ihm ordentlich auf den rasierten Scheitel brannte, sprang er auf die Beine. Nachdem er sich zweimal gestreckt und sich den Rücken gekratzt hatte, merkte er, daß schon nicht mehr so viele Wagen dastanden wie gestern. Die Fuhrleute waren wohl vor Tagesanbruch weggefahren. Er schaut nach den Seinen: der Kosak schläft, der Saporoger ist aber weg. Er fängt zu fragen an, aber niemand weiß was; nur sein Kittel liegt noch auf dem Platz. Meinen Großvater packte die Angst, und er wurde nachdenklich. Er sah nach den Pferden – keines war mehr da, weder das seine noch das des Saporogers! Was mochte das bedeuten? Wenn den Saporoger der Teufel geholt hat, wer hat dann die Pferde genommen? Nachdem er sich das alles überlegt hatte, kam er zum Schluß, daß der Teufel wohl zu Fuß gekommen sei, da es aber zur Hölle gar nicht so nahe wäre, so hätte er auch sein Pferd gestohlen. Es tat ihm sehr weh, daß er sein Kosakenwort nicht gehalten hatte.

– Nichts zu machen –, sagte er sich, – ich geh' zu Fuß weiter: vielleicht treffe ich unterwegs einen Pferdehändler, der vom Jahrmarkt fährt, dann kaufe ich mir ein Pferd. – Wie er aber nach seiner Mütze greift, so ist auch die Mütze weg. Der selige Großvater schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, denn es fiel ihm ein, daß er gestern mit dem Saporoger die Mütze vertauscht hatte. Wer kann sie gestohlen haben, wenn nicht der Teufel! Einen schönen Lohn kriegt er vom Hetman! Schön hat er den Brief an die Zarin besorgt! Nun fing mein Großvater an, den Teufel mit solchen Namen zu traktieren, daß der in seiner Hölle wohl mehr als einmal niesen mußte. Aber das Schimpfen nützt wenig; und soviel sich der Großvater auch den Nacken kratzte, er konnte sich nichts ausdenken. Was war da zu machen? Nun wandte er sich an fremden Verstand: er versammelte alle guten Leute, alle Fuhrleute und Durchreisenden, die in der Schenke waren, und erzählte ihnen, was für ein Unglück ihm zugestoßen sei. Die Fuhrleute dachten lange nach, das Kinn auf die Peitschenstiele gestützt, schüttelten die Köpfe und sagten, sie hätten noch nie in der Christenwelt von so einem Wunder gehört, daß ein Brief des Hetmans vom Teufel gestohlen worden sei. Andere fügten noch hinzu, daß wenn der Teufel oder ein Moskowiter etwas gestohlen habe, man jede Hoffnung aufgeben müsse. Nur der Schenkwirt allein saß schweigend in seiner Ecke. Mein Großvater machte sich an ihn heran. Wenn ein Mensch schweigt, so weiß er wohl viel. Der Schenkwirt war aber gar nicht gesprächig, und hätte der Großvater nicht fünf Gulden aus der Tasche geholt, so hätte er von ihm nichts herausbekommen.

»Ich will dich lehren, wie du deinen Brief finden kannst«, sagte er, indem er meinen Großvater auf die Seite führte. Dem Großvater fiel ein Stein vom Herzen. »Ich sehe es dir an den Augen an, daß du ein Kosak bist und kein Weib. Also paß auf! Nicht weit von der Schenke führt ein Weg nach rechts in den Wald. Sobald es im Felde dämmert, mache dich bereit. Im Walde leben Zigeuner, und sie kommen in solchen finsteren Nächten, wo nur die Hexen auf ihren Schürhaken herumreiten, aus ihren Löchern gekrochen, um Eisen zu schmieden. Was sie aber in Wirklichkeit treiben, brauchst du nicht zu wissen. Du wirst im Walde hämmern hören, du sollst aber nicht dahin gehen, wo gehämmert wird; du wirst vor dir einen schmalen Pfad sehen, der an einem angebrannten Baumstamm vorbeiführt: diesen Pfad sollst du einschlagen und immer weitergehen . . . Dornen werden dich stechen, dichtes Haselgebüsch wird dir den Weg versperren, du aber geh immer weiter. Erst wenn du an einen Bach gekommen bist, darfst du stehenbleiben. Dort wirst du das erblicken, was du brauchst. Vergiß auch nicht, dir das in die Taschen zu stopfen, wofür die Taschen gemacht sind . . . Du verstehst wohl: es ist etwas, was die Teufel und die Menschen gern mögen.« Nach diesen Worten ging der Schenkwirt in seine Kammer und wollte kein Wort mehr sagen.

Man kann von meinem seligen Großvater nicht behaupten, daß er zu den Ängstlichen gehörte; wenn er einem Wolf begegnete, so packte er ihn einfach am Schwanz; wenn er mit den Fäusten durch einen Haufen Kosaken ging, so fielen diese wie die Birnen zu Boden. Und doch überlief es ihn kalt, als er in der finsteren Nacht in den Wald kam. Kein Sternchen am Himmel. Finster und dumpf wie in einem Weinkeller; er hörte nur, wie hoch oben über seinem Kopfe ein kalter Wind durch die Baumwipfel fuhr und wie die Bäume gleich berauschten Kosakenköpfen wackelten und ihre Blätter trunkene Worte flüsterten. Plötzlich wehte es ihm so kalt entgegen, daß er schon an seinen Schafspelz dachte, und da war es ihm auch, als fingen hundert Hämmer zu klopfen an, so daß es ihm im Kopfe widerhallte. Der ganze Wald wurde für einen Augenblick wie von einem Wetterleuchten erhellt. Mein Großvater erblickte gleich einen Pfad, der sich zwischen niedrigem Gebüsch schlängelte. Da ist auch schon der angebrannte Baumstamm, da sind die Dornenbüsche! Alles war genau so, wie man es ihm gesagt hatte; nein, der Schenkwirt hatte ihn nicht betrogen. Es war aber doch kein Vergnügen, sich durch die stechenden Sträucher durchzuarbeiten; noch nie im Leben hatte er gesehen, daß die verfluchten Dornen und Äste so schmerzhaft stechen können. Allmählich kam er auf einen freien Platz heraus und merkte, daß die Bäume immer weiter voneinander abstanden und so dick waren, wie er sie auch jenseits Polens nicht gesehen hatte. Zwischen den Bäumen schimmerte auch ein Bach, schwarz wie brünierter Stahl. Lange stand der Großvater am Ufer und blickte nach allen Seiten. Am anderen Ufer brennt ein Feuer; bald scheint es verlöschen zu wollen und bald spiegelt es sich wider im Bache, der so aufzuckt wie ein polnischer Schlachtschitz in Kosakentatzen. Da ist auch eine Brücke. »Nun über diese Brücke kann höchstens ein Teufelswagen fahren.« Der Großvater trat aber tapfer auf die Brücke und war schneller, als mancher braucht, um die Schnupftabakdose aus der Tasche zu holen und eine Prise zu nehmen, schon am anderen Ufer. Jetzt erst sah er hier Leute am Feuer sitzen, und diese hatten solche Fratzen, daß er zu einer anderen Zeit Gott weiß was gegeben hätte, um der Bekanntschaft mit ihnen zu entgehen. Aber jetzt mußte er wohl oder übel ihre Bekanntschaft machen. Mein Großvater verbeugte sich tief und sagte: »Gott helfe euch, ihr guten Leute!« Aber auch nicht einer nickte mit dem Kopfe: sie sitzen da und schweigen und werfen etwas ins Feuer. Er sah einen freien Platz und setzte sich ohne Förmlichkeiten zu ihnen. Die Fratzen sagen kein Wort, auch der Großvater sagt kein Wort. Lange saßen sie schweigend da. Das wurde dem Großvater langweilig; er holte aus der Tasche seine Pfeife und sah sich um, aber keiner blickte ihn an. »Euer Gnaden, seid so gut, wie sage ich es Euch . . .« (mein Großvater hatte viel unter Menschen gelebt und verstand es, höflich zu sprechen, so daß er sich vielleicht auch vor dem Zaren nicht blamiert hätte), »so daß ich beispielsweise weder mich selbst vergesse noch Euch zu nahe trete: eine Pfeife habe ich wohl, aber nichts, um sie anzustecken.« Auf diese Rede sagte niemand ein Wort; nur eine von den Fratzen hielt dem Großvater ein brennendes Scheit gerade vors Gesicht, so daß, hätte er sich nicht gebückt, er wohl dem einen Auge für immer hätte Ade sagen müssen. Als er schließlich sah, daß die Zeit unnütz verging, entschloß er sich, ganz gleich, ob die unsaubere Brut ihm zuhören würde oder nicht die ganze Geschichte zu erzählen. Sie sperrten die Mäuler auf, spitzten die Ohren und streckten die Pfoten aus. Der Großvater merkte, was sie wollten, nahm das ganze Geld, das er bei sich hatte, zusammen und warf es ihnen wie Hunden vor. Kaum hatte er das Geld hingeworfen, als alles vor ihm durcheinandergeriet; die Erde erzitterte, und er – er konnte selbst nicht erklären, wie – in die Hölle geraten war. »Du meine Güte!« schrie der Großvater auf, als er sich ordentlich umsah. Was für Ungeheuer! Was für Fratzen! Eine solche Menge von Hexen wie Schnee vor Weihnachten; aufgeputzt und angemalt wie die Fräulein auf dem Jahrmarkte. Und alle, so viel ihrer da waren, tanzten irgendeinen teuflischen Tanz. Was für ein Staub wirbelte da empor, mein Gott! Jeder Christenmensch müßte beim bloßen Anblick zittern, wie hoch diese Teufelsbrut hopste. Großvater mußte aber trotz seiner Angst lachen, als er sah, wie die Teufel mit Hundeschnauzen auf dünnen Beinchen schweifwedelnd um die Hexen herumscharwenzelten wie die Burschen um hübsche junge Mädchen, und die Musikanten auf ihren eigenen Backen wie auf Pauken mit den Fäusten trommelten und mit den Nasen wie auf Waldhörnern trompeteten. Als sie den Großvater erblickten, stürzte sich die ganze Horde über ihn: Schweineschnauzen, Hundeschnauzen, Bockschnauzen, Gänseschnauzen, Pferdeschnauzen – alle reckten sich, als wollten sie ihn küssen. Der Großvater spuckte vor Ekel aus! Schließlich packten sie ihn und setzten ihn an einen Tisch, der vielleicht so lang war wie die Straße von Konotop nach Baturin. »Nun, das ist nicht so schlimm«, sagte sich der Großvater, als er auf dem Tische Schweinefleisch, Würste, Kraut mit kleingeschnittenen Zwiebeln und viele andere Leckerbissen sah. »Das Teufelsgesindel scheint die Fasten nicht zu halten!« Mein Großvater, müßt ihr wissen, ließ sich nie eine Gelegenheit entgehen, einen guten Bissen zu sich zu nehmen. Der Selige hatte stets guten Appetit, und darum rückte er, ohne viel zu reden, eine Schüssel mit kleingeschnittenem Speck und einen Schinken zu sich heran, ergriff eine Gabel, nicht viel kleiner als die Gabel, mit der der Bauer Heu auflädt, nahm mit ihr ein ordentliches Stück, hielt eine Scheibe Brot darunter und beförderte es . . . in ein fremdes Maul, das dicht neben seinen eigenen Ohren auftauchte, und er hörte sogar, wie das Maul kaute und mit den Zähnen klapperte, so daß man es am ganzen Tisch hörte. Der Großvater sagte nichts, nahm ein anderes Stück und glaubte es schon mit den Lippen zu berühren, es kam aber wieder in eine fremde Kehle. Auch das dritte Mal erwischte er nichts. Der Großvater wurde wütend; er vergaß seine Angst und in wessen Händen er sich befand, und fiel über die Hexen her: »Ihr wollt euch vielleicht über mich lustig machen, ihr Herodesbrut! Wenn ihr mir nicht sofort meine Kosakenmütze herausgebt, so will ich katholisch sein, wenn ich euch nicht eure Schweineschnauzen in den Nacken drehe!« Noch hatte er die letzten Worte nicht gesprochen, als alle die Ungeheuer die Zähne fletschten und ein solches Gelächter anstimmten, daß es dem Großvater ganz kalt ums Herz wurde.

»Gut!« kreischte eine der Hexen, die der Großvater für die Oberhexe hielt, weil ihre Fratze noch hübscher war als die der anderen. »Wir wollen dir die Mütze herausgeben, aber nicht eher, als bis du mit uns dreimal Schafskopf gespielt hast.«

Was war da zu machen? Ein Kosak soll sich mit Weibern hinsetzen, um Schafskopf zu spielen! Der Großvater weigerte sich lange, setzte sich aber schließlich doch hin. Man brachte Karten, so fettig wie die Karten, die bei uns die Popentöchter schlagen, um aus ihnen etwas über ihre künftigen Bräutigame zu erfahren.

»Hör also!« bellte die Hexe wieder: »Wenn du auch nur einmal gewinnst, so ist die Mütze dein; wenn du aber alle dreimal Schafskopf bleibst, so nimm es nicht übel: dann wirst du nicht nur deine Mütze, sondern vielleicht auch die Welt nicht mehr wiedersehen!«

»Gib die Karten, Hexe! Komme, was kommen mag.«

Die Karten werden verteilt. Der Großvater nimmt die seinen in die Hand: so ein Schund, daß er sie gar nicht anschauen möchte; wenn auch nur zum Spaß ein einziger Trumpf dabei wäre! Eine Zehn ist die höchste Karte, und kein einziges Paar dabei; die Hexe spielt aber immer Fünfer aus. So mußte der Großvater Schafskopf bleiben! Kaum war der Großvater Schafskopf geworden, als die Schnauzen von allen Seiten zu wiehern, zu bellen und zu grunzen anfingen: »Schafskopf, Schafskopf, Schafskopf!«

»Platzen sollt ihr, ihr Teufelsbrut!« schrie der Großvater, indem er sich die Ohren mit den Fingern zustopfte. – Na, – denkt er sich –, die Hexe wird wohl beim Mischen geschwindelt haben, diesmal will ich selbst die Karten geben. – Er verteilte die Karten, gab den Trumpf an und blickte in sein Spiel: die Karten sind gut, auch Trümpfe sind dabei. Anfangs ging die Sache nicht schlecht; aber die Hexe spielte eine Fünf mit allen vier Königen aus! Der Großvater hatte aber lauter Trümpfe. Ohne lange zu überlegen, stach er alle Könige mit den Trümpfen!

»He, he, das ist nicht Kosakenart! Womit stichst du, Landsmann?«

»Was heißt, womit? Mit den Trümpfen!«

»Bei euch sind es vielleicht Trümpfe, bei uns sind es keine.«

Er schaut hin: es ist in der Tat nur eine einfache Farbe. Was für Zauber! So mußte er auch zum zweitenmal Schafskopf bleiben, und die Teufelsbrut schrie wieder aus vollem Halse: »Schafskopf! Schafskopf!« daß der ganze Tisch wackelte und die Karten sprangen. Der Großvater kam ins Feuer und verteilte die Karten zum letztenmal. Alles geht wieder gut. Die Hexe spielt wieder einen Fünfer aus; der Großvater deckt ihn und kauft sich eine ganze Handvoll Trümpfe dazu.

»Trumpf!« schrie er und haute die Karte so auf den Tisch, daß sie sich bog; die Hexe deckte ihn aber, ohne ein Wort zu sagen, mit einer gewöhnlichen Acht. »Womit stichst du denn, alter Teufel?« Die Hexe hob die Karte auf, und unter ihr lag eine einfache Sechs. »Ist das ein Teufelsschwindel!« sagt der Großvater und schlägt aus Leibeskraft mit der Faust auf den Tisch. Zum Glück hat die Hexe schlechte Karten, der Großvater hat aber wie zum Fleiß Paare. Er fängt an, zuzukaufen, aber er bekommt solchen Schund, daß er die Hände sinken läßt. Es gibt nichts mehr zu kaufen. Nun spielt er, ohne zu schauen, eine einfache Sechs aus; die Hexe deckt sie. »Da schau! Was ist das? Da scheint etwas nicht zu stimmen!« Nun tat der Großvater die Karten heimlich unter den Tisch und schlug ein Kreuz über sie; auf einmal hat er ein Trumpfas, einen Trumpfkönig und einen Trumpfbuben, und statt der Sechs hat er eine Dame ausgespielt. »Was war ich doch für ein Narr! Trumpfkönig! Was, kannst du ihn stechen? Was, du Katzenbrut? Willst du vielleicht ein As? As! Bube! . . .« Ein Donner dröhnte durch die ganze Hölle; die Hexe bekam Krämpfe, und plötzlich flog die Mütze dem Großvater gerade ins Gesicht. »Nein, das ist mir zu wenig!« schrie der Großvater, nachdem er sich die Mütze aufgesetzt hatte, neuen Mut fassend: »Wenn mein tapferes Pferd nicht auf der Stelle vor mir erscheint, so soll mich hier an diesem unreinen Ort der Donner treffen, wenn ich nicht über euch alle das heilige Kreuz schlage!« Schon hob er die Hand, als vor ihm plötzlich Pferdegebeine klapperten.

»Da hast du dein Pferd!«

Der Ärmste weinte wie ein törichtes Kind, als er die Gebeine sah. »Gebt mir doch irgendein Pferd, damit ich aus eurem Nest herauskomme!« Der Teufel knallte mit der Peitsche, ein Pferd fuhr wie eine Flamme vor ihm auf, und der Großvater flog wie ein Vogel empor.

Aber es wurde ihm unheimlich zumute, als das Pferd, ohne auf seine Schreie und auf die Zügel zu achten, über Gräben und Abgründe dahinsprengte. Er kam bei diesem Ritt an solche Orte, daß einen das Zittern überkam, wenn er davon erzählte. Er blickt vor sich hinab und erschrickt noch mehr: ein Abgrund mit steilem Rand! Das Teufelsvieh macht sich aber nichts draus und springt einfach über den Abgrund. Der Großvater versucht sich festzuhalten, aber es gelingt ihm nicht. Über Baumstrünke und Erdbuckel flog er Hals über Kopf in den Abgrund und schlug sich unten am Boden so fest an, daß es ihm vorkam, als gebe er den Geist auf. Jedenfalls wußte er nicht mehr, was mit ihm in dieser Zeit geschah; und als er ein wenig zu sich kam und sich umsah, da war es schon ganz hell geworden. Er unterschied eine ihm bekannte Gegend, und er lag auf dem Dache seines eigenen Hauses.

Der Großvater bekreuzigte sich, als er heruntergeklettert war. So ein Teufelsspuk! Was für Wunder ein Mensch erleben kann! Er sieht seine Hände an, die Hände sind voll Blut; er blickt in das Wasserfaß – auch sein Gesicht ist voll Blut. Er wäscht sich ordentlich, um die Kinder nicht zu erschrecken, und tritt leise in die Stube; die Kinder kommen ihm rücklings entgegen und sagen: »Schau, schau, die Mutter springt wie verrückt!« Und in der Tat: sein Weib schläft vor dem Flachskamm, hält die Spindel in der Hand und springt im Schlafe auf der Bank auf und nieder. Der Großvater nahm sie still bei der Hand und weckte sie. »Guten Tag, Frau! Bist du ganz wohl?« Jene glotzte ihn lange an; endlich erkannte sie den Großvater und erzählte ihm, es hätte ihr geträumt, der Ofen sei in der Stube herumgefahren und habe mit der Schaufel alle Töpfe und Schüsseln hinausgejagt . . . und weiß der Teufel was noch alles. »Nun«, sagte der Großvater, »du hast es geträumt, ich aber sah den Teufelsspuk im Wachen. Ich sehe, wir müssen unser Haus mit Weihwasser besprengen. Jetzt darf ich aber nicht länger säumen.« Nachdem er dies gesagt und ein wenig ausgeruht hatte, holte er das Pferd aus dem Stall und machte nicht eher halt, weder bei Tag noch bei Nacht, als bis er sein Ziel erreicht und den Brief der Zarin selbst eingehändigt hatte. Dort sah der Großvater solche Wunderdinge, daß er noch lange davon erzählen konnte: wie man ihn in einen Palast führte, der so hoch war, daß man zehn Häuser übereinanderstellen könnte, und das hätte noch nicht gereicht; wie er erst in ein Zimmer hineinblickte – niemand drin; in ein anderes – niemand drin; in ein drittes – niemand drin; selbst im vierten war niemand drin; erst im fünften Zimmer sitzt sie selbst mit goldener Krone, in einem nagelneuen grauen Kittel und roten Stiefeln und ißt goldene Klöße; wie sie ihm die ganze Mütze mit blauen Scheinen vollstopfen ließ; wie . . . er konnte sich an alles gar nicht mehr erinnern! An seine Plage mit den Teufeln dachte der Großvater nicht mehr, und wenn ihn manchmal jemand daran erinnerte, so schwieg er, als ginge es ihn nichts an, und es kostete große Mühe, ihn zu bewegen, alles zu erzählen. Und wohl zur Strafe dafür, daß er sich damals nicht beeilt hatte, das Haus mit Weihwasser zu besprengen, geschah mit seiner Frau jedes Jahr um dieselbe Zeit das Wunder, daß sie immerzu tanzen mußte. Was sie auch anfangen mochte, die Füße zuckten ganz von selbst, und etwas stieß sie, einen richtigen Tanz aufzuführen.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.