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Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen

Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorNikolai Gogol
titleAbende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen
publisherBüchergilde Gutenberg
illustratorGünther Stiller
year1962
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081127
modified20140612
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Die Mainacht oder Die Ertrunkene

I Ganna

Das hellklingende Lied ergoß sich wie ein Strom durch die Straßen des Kirchdorfes ***. Es war um die Stunde, wo die von den Mühen und Sorgen des Tages ermüdeten Burschen und Mädchen sich lärmend im Kreise versammeln, um im heiteren Glanze des Abends ihre Freude in Tönen zu ergießen, die stets auch von Trauer begleitet sind. Der verträumte Abend umfing nachdenklich den blauen Himmel und verwandelte alles in Ungewißheit und Ferne. Schon war die Dämmerung angebrochen, die Lieder wollten aber immer noch nicht verstummen. Mit der Laute in der Hand hat der junge Kosak Lewko, der Sohn des Dorfamtmannes, den Kreis der Sänger verlassen. Die Lammfellmütze auf dem Kopfe, schlendert er tänzelnd durch die Gasse und zupft mit der Hand die Saiten. Da bleibt er vor der Tür eines Häuschens stehen, das von niederen Kirschbäumen umgeben ist. Wessen Haus ist es? Und wessen Tür? Nachdem er eine Weile geschwiegen, griff er in die Saiten und stimmte das Lied an:

»Die Sonne steht niedrig,
Der Abend ist nahe,
O tritt aus dem Hause,
Geliebteste Seele!«

»Nein, sie schläft wohl fest, meine helläugige Schöne!« sagte der Kosak, als er das Lied beendet, sich dem Fenster nähernd. »Galja, Galja! Schläfst du oder willst du nicht zu mir kommen? Du fürchtest wohl, daß uns hier jemand erblickt, oder du hast vielleicht keine Lust, dein weißes Gesichtchen in die kühle Luft hinauszustecken? Fürchte nichts, es ist niemand da. Der Abend ist warm. Und wenn sich jemand zeigt, so hülle ich dich in meinen Kittel, umwickle dich mit meinem Gürtel, bedecke dich mit meinen Händen – und niemand wird uns sehen. Und wenn ein kalter Hauch kommt, so drücke ich dich an mein Herz, wärme dich mit meinen Küssen, ziehe meine Mütze über deine weißen Füßchen, mein Herz, mein Fischchen, mein Schmuck. Blick nur für ein Weilchen heraus! Streck wenigstens dein weißes Händchen durchs Fenster . . . Nein, du schläfst nicht, stolzes Mädchen«, sagte er lauter und mit einer Stimme, mit der einer, der plötzliche Demütigung fürchtet, zu sprechen pflegt. »Dir beliebt es, mich zu höhnen – so lebe wohl!«

Er wandte sich ab, schob die Mütze aufs Ohr und ging stolz vom Fenster weg, leise auf der Laute klimpernd. Die hölzerne Türklinke wurde indessen umgedreht, die Tür ging knarrend auf, und ein Mädchen von siebzehn Lenzen kam, von Abenddämmerung umschleiert, scheu nach allen Seiten spähend, ohne die Klinke aus der Hand zu lassen, über die Schwelle. Im Dämmerlichte glühten so freundlich wie Sterne ihre Augen, leuchtete der rote Korallenhalsschmuck, und den Adleraugen des Burschen entging nicht einmal die Röte, die schamhaft auf ihren Wangen aufleuchtete.

»Wie ungeduldig du bist!« sagte sie ihm leise. »Gleich bist du böse! Warum hast du diese Stunde gewählt? Eine Menge Leute treibt sich auf den Straßen herum . . . Ich zittere am ganzen Leibe . . .«

»Zittere nicht, meine rote Maßholderbeere! Schmieg dich fester an mich!« sagte der Bursche, sie umarmend, die Laute, die er an einem langen Riemen am Halse hängen hatte, von sich werfend und sich neben dem Mädchen vor die Tür setzend. »Du weißt doch, wie bitter es mir ist, dich auch nur eine Stunde nicht zu sehen.«

»Weißt du auch, was ich mir denke?« unterbrach ihn das Mädchen und richtete die Augen nachdenklich auf ihn. »Mir ist's, als ob mir jemand ins Ohr raune, daß wir uns von nun an nicht mehr so oft sehen werden. Schlecht sind die Menschen bei euch: die Mädchen blicken so neidisch, und die Burschen . . . Ich merke sogar, daß meine Mutter seit einiger Zeit strenger auf mich aufpaßt. Ich muß gestehen, daß es mir in der Fremde lustiger zumute war.«

Eine schmerzvolle Bewegung ging bei den letzten Worten durch ihr Gesicht.

»Zwei Monate bist du erst in der Heimat, und schon sehnst du dich von hier fort! Oder bin ich dir vielleicht zuwider?«

»Oh, du bist mir nicht zuwider!« versetzte sie lächelnd. »Ich liebe dich, du schwarzbrauiger Kosak! Ich liebe dich, weil du so schwarze Augen hast, und wenn du mich mit ihnen anblickst, so lächelt es in meiner Seele, und es wird in ihr so lustig und so wohl; ich liebe dich, weil du so freundlich den schwarzen Schnurrbart bewegst, weil du singst und die Laute spielst, wenn du durch die Straße gehst, und es ist eine Freude, dir zuzuhören.«

»Oh, meine Galja!« rief der Bursche, sie küssend und noch fester an seine Brust drückend.

»Warte, Lewko, hör auf! Sag mir zuerst, hast du schon mit deinem Vater gesprochen?«

»Was?« sagte er, wie aus dem Schlafe erwachend. »Daß ich dich heiraten will und du die Meine werden willst? Ja, ich habe mit ihm gesprochen.« Aber das Wort »gesprochen« klang so traurig aus seinem Munde.

»Und was sagte er?«

»Was soll ich mit ihm anfangen? Der alte Kerl stellte sich wie immer taub: er hörte nicht und schimpft noch auf mich, daß ich mich, Gott weiß wo, herumtreibe und mit den Burschen in den Straßen herumtolle. Gräme dich nicht, meine Galja! Ich gebe dir mein Kosakenwort, daß ich ihn noch umstimme.«

»Ja, du brauchst nur ein einziges Wort zu sagen, Lewko, und alles wird nach deinem Willen geschehen. Ich weiß es ja aus eigener Erfahrung: wie oft möchte ich mich dir widersetzen, wenn du aber auch nur ein einziges Wort sagst, so tue ich, ob ich will oder nicht, alles, was du verlangst. Schau nur, schau!« fuhr sie fort, den Kopf an seine Schulter lehnend und die Augen in die Höhe hebend, wo der grenzenlose warme Himmel der Ukraine blaute, unten von den krausen Zweigen der Kirschbäume verhängt. »Schau nur; da blicken in der Ferne die Sternchen: eins, zwei, drei, vier, fünf . . . Nicht wahr, das sind doch die Engel Gottes, die die Fensterchen ihrer lichten Stübchen im Himmel aufmachen und auf uns herabblicken? Ist es nicht so, Lewko? Sie blicken doch auf unsere Erde herab? Ach, hätten doch die Menschen Flügel wie die Vögel und könnten in die Höhe emporfliegen. Es ist schrecklich, daran zu denken! Kein einziger Eichbaum ragt bei uns in den Himmel hinauf. Und doch sagen die Leute, daß irgendwo in einem fernen Lande so ein Baum steht, dessen Gipfel im Himmel rauscht, und daß Gott auf ihm in der Nacht vor dem lichten Osterfeste zur Erde herabsteigt.«

»Nein, Galja, Gott hat eine lange Leiter, die vom Himmel zur Erde reicht. Die heiligen Erzengel stellen sie in der Nacht vor dem Ostersonntag auf, und kaum tritt Gott auf die erste Sprosse, als alle die unreinen Geister kopfüber in die Hölle stürzen, so daß am Festtage Christi kein böser Geist mehr auf Erden bleibt.«

»So leise wiegt sich das Wasser, wie ein Kind in der Wiege«, fuhr Ganna fort, auf den Teich weisend, der von mürrischen dunklen Ahornbäumen umstanden war und von Weiden, die ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hielten, beweint wurde. Wie ein kraftloser Greis hielt er den fernen dunklen Himmel in seinen kalten Armen, überschüttete mit eisigen Küssen die feurigen Sterne, die in der warmen Nachtluft trübe leuchteten, als ahnten sie schon das baldige Erscheinen der strahlenden Königin der Nacht. Am Waldrande auf dem Berge schlummerte ein altes hölzernes Haus mit geschlossenen Fensterläden, Moos und wildes Gras überwucherten sein Dach; lockige Apfelbäume verwilderten vor seinen Fenstern; der Wald umfing es mit seinem Schatten und warf ein unheimliches Dunkel darauf; ein Nußbaumgehölz breitete sich zu seinen Füßen aus und fiel zum Teiche herab.

»Ich erinnere mich wie im Traume«, sagte Ganna, ohne die Augen von ihm zu wenden; »es ist lange, lange her, als ich noch klein war und bei meiner Mutter wohnte, erzählte man sich etwas Schreckliches über dieses Haus. Lewko, du weißt es wohl, erzähl' es mir! . . .«

»Denk nicht daran, meine Schöne! Was doch die Weiber und dummes Volk nicht alles erzählen können. Du kommst nur um deine Ruhe, wirst dich fürchten und nicht gut schlafen können.«

»Erzähle, erzähle, liebster schwarzbrauiger Bursche!« sagte sie, ihr Gesicht an seine Wange schmiegend und ihn umarmend. »Nein, du liebst mich nicht, du hast wohl ein anderes Mädchen! Ich werde mich nicht fürchten, ich werde die Nacht ruhig schlafen. Aber wenn du es mir nicht erzählst, werde ich nicht einschlafen können. Ich werde mich quälen und immerzu denken . . . erzähle, Lewko . . .«

»Die Leute haben wohl recht, wenn sie sagen, daß in den Mädchen ein Teufel sitzt, der ihre Neugier aufstachelt. Hör also zu! Vor langer Zeit, mein Herzchen, lebte in diesem Hause ein Hauptmann. Der Hauptmann hatte ein Töchterlein, ein feines Fräulein, so weiß wie Schnee, wie dein Gesicht. Des Hauptmanns Frau war schon längst tot, und der Hauptmann wollte sich eine andere Frau nehmen. ›Wirst du mich noch so liebkosen wie früher, Vater, wenn du dir eine andere Frau nimmst?‹ – ›Gewiß, Töchterchen, ich werde dich noch fester als früher an mein Herz drücken! Noch herrlichere Ohrringe und Geschmeide werde ich dir schenken!‹ Der Hauptmann brachte die junge Frau in sein neues Haus. Schön war die junge Frau. Rotwangig und weiß war sie; sie blickte aber die Stieftochter so schrecklich an, daß jene aufschrie, als sie sie sah. Den ganzen Tag sprach die strenge Stiefmutter kein Wort. Die Nacht brach an; der Hauptmann ging mit seiner jungen Frau in die Schlafkammer, und auch das weiße Fräulein schloß sich in ihrem Kämmerlein ein. Bitter war es ihr zumute, und sie fing zu weinen an. Plötzlich sieht sie, wie eine schreckliche schwarze Katze zu ihr geschlichen kommt: ihr Fell brennt und die eisernen Krallen klopfen laut auf den Dielenbrettern. In ihrer Angst springt sie auf die Bank – die Katze ihr nach; sie springt von der Bank auf das Bett – die Katze folgt ihr auch aufs Bett, springt ihr an den Hals und fängt sie zu würgen an. Das Mädchen schreit auf, reißt die Katze von sich los und schleudert sie zu Boden – doch die schreckliche Katze schleicht schon wieder auf sie zu. Unheimlich wurde es dem Mädchen zumute. An der Wand hing ihres Vaters Säbel. Sie ergriff ihn und ließ ihn auf den Boden niedersausen – die eine Tatze mit den Eisenkrallen flog zur Seite, und die Katze verschwand winselnd in einer dunklen Ecke. Den ganzen nächsten Tag kam die junge Hauptmannsfrau nicht aus ihrer Kammer; am dritten Tage zeigte sie sich mit verbundener Hand. Da erriet das arme Fräulein, daß ihre Stiefmutter eine Hexe war und daß sie ihr eine Hand abgehauen hatte. Am vierten Tage mußte das Fräulein auf Befehl des Hauptmanns wie eine Bauernmagd Wasser schleppen und die Stube kehren und durfte nicht mehr in die herrschaftlichen Stuben kommen. Schwer war es der Armen ums Herz, sie konnte aber nichts dagegen tun und mußte sich dem Willen des Vaters fügen. Am fünften Tage jagte der Hauptmann seine Tochter barfuß aus dem Hause und gab ihr nicht mal ein Stück Brot auf den Weg. Nun bedeckte das Fräulein ihr weißes Gesicht mit den Händen und begann bitterlich zu weinen: ›Du hast deine leibliche Tochter zugrunde gerichtet, Vater! Die Hexe hat deine sündige Seele ins Verderben gestürzt! Gott verzeihe dir – mich Unselige will Er aber wohl nicht länger auf dieser Welt leben lassen! . . .‹ Und nun, siehst du . . .« Lewko wandte sich zu Ganna und zeigte mit dem Finger auf das Haus. »Siehst du: dort hinter dem Hause ist die steilste Stelle! Von diesem Ufer herab stürzte sich das Fräulein ins Wasser, und von nun an war sie nicht mehr unter den Lebenden . . .«

»Und die Hexe?« unterbrach ihn Ganna ängstlich, die tränenfeuchten Augen auf ihn richtend.

»Die Hexe? Die alten Weiber erzählen sich, daß seit jener Zeit alle Ertrunkenen in mondhellen Nächten aus dem Flusse in den Garten des Hauptmanns kämen, um sich im Mondlichte zu wärmen, und daß des Hauptmanns Tochter ihre Anführerin sei. Eines Nachts sah sie ihre Stiefmutter am Ufer des Teiches stehen; sie fiel über sie her und schleppte sie mit Geschrei ins Wasser. Die Hexe ersann aber auch hier Rettung: sie verwandelte sich unter dem Wasser in eine Ertrunkene und entkam so der Peitsche aus grünem Schilf, mit der die Ertrunkenen sie züchtigen wollten. Wer wird aber den Weibern glauben! Sie erzählen auch noch, daß das Fräulein allnächtlich alle Ertrunkenen um sich versammelt und ihnen einer nach der anderen ins Gesicht blickt, um unter ihnen die Hexe wiederzufinden; bis jetzt hat sie sie aber noch nicht wiedergefunden. Und wenn ihr einer von den lebenden Menschen in die Hände kommt, so zwingt sie auch ihn, die Hexe zu suchen, und droht, ihn zu ertränken, wenn er es nicht tut. So erzählen sich die alten Leute, Galja! . . . Der jetzige Besitzer will an dieser Stelle eine Schnapsbrennerei bauen und hat schon sogar einen Schnapsbrenner hergeschickt . . . Ich höre aber Stimmen. Das sind die Unsrigen, die vom Singen zurückkommen. Leb wohl, Galja! Schlafe ruhig und denke nicht an diese Weibermärchen.«

Mit diesen Worten umarmte er sie noch fester, küßte sie und ging davon.

»Leb wohl, Lewko!« sagte Ganna, den Blick nachdenklich auf den dunklen Wald gerichtet.

Ein riesenhafter feuerroter Mond begann um diese Zeit aus der Erde zu steigen. Die eine Hälfte steckte noch unter der Erde, aber die ganze Welt war schon von einem seltsamen feierlichen Lichte erfüllt. Funken glühten im Teiche auf. Der Schatten der Bäume trennte sich sichtbar vom dunklen Laub.

»Leb wohl, Ganna!« erklang es hinter ihr, und sie fühlte einen Kuß auf der Wange.

»Du bist also zurückgekehrt!« sagte sie, sich umsehend. Sie erblickte aber einen fremden Burschen und wandte sich von ihm weg.

»Leb wohl, Ganna!« ertönte es wieder, und wieder küßte sie jemand auf die Wange.

»Da hat der Teufel schon wieder einen anderen hergebracht!« versetzte sie voller Zorn.

»Leb wohl, liebe Ganna!«

»Da ist ja auch schon der Dritte!«

»Leb wohl, leb wohl, leb wohl, Ganna!«

Und die Küsse regneten von allen Seiten auf sie herab.

»Da ist ja eine ganze Bande!« schrie Ganna, sich von einer ganzen Schar von Burschen losreißend, die sie um die Wette umarmten. »Wie, wird ihnen nur das ewige Küssen nicht zu dumm? Bei Gott, bald wird man sich nicht mehr auf der Straße zeigen dürfen!« Gleich nach diesen Worten fiel die Tür zu, und man hörte noch, wie der eiserne Riegel vorgeschoben wurde.

II Der Amtmann

Kennt ihr die ukrainische Nacht? Oh, ihr kennt die ukrainische Nacht nicht! Betrachtet sie nur recht genau: mitten vom Himmel blickt der Mond herab; das unermeßliche Himmelsgewölbe dehnt sich und wird noch unermeßlicher; es glüht und atmet; die ganze Erde ruht in silbernem Lichte; die wunderbare Luft ist kühl und schwül zugleich, von Wollust erfüllt, von einem Ozean von Wohlgerüchen durchströmt. Göttliche Nacht! Unbeweglich und begeistert stehen die Wälder, von Dunkel erfüllt, ungeheure Schatten vor sich werfend. Still und regungslos ruhen die Teiche; ihre kalten dunklen Gewässer sind von düstern, dunkelgrünen Mauern der Gärten eingefaßt. Das jungfräuliche Dickicht der Faulbeer- und Kirschbäume hat die Wurzeln scheu in die Kühle der Quellen versenkt und raschelt ab und zu gleichsam zürnend mit den Blättern, wenn der herrliche Nachtwind, schnell heranschleichend, sie küßt. Die ganze Landschaft schläft. Doch oben atmet alles, alles ist wunderbar, alles feierlich. Die Menschenseele aber dehnt sich ins Unermeßliche, und Scharen silberner Visionen erstehen schlank in ihrer Tiefe. Göttliche Nacht! Bezaubernde Nacht! Und plötzlich ist alles lebendig geworden: die Wälder, die Teiche, die Steppen. Man hört das majestätische Schmettern der ukrainischen Nachtigall, und selbst der Mond in der Mitte des Himmels scheint ihr zu lauschen . . . Wie verzaubert schlummert auf seiner Anhöhe das Dorf. Noch weißer, noch schöner leuchten im Mondenscheine die Haufen der Häuschen; noch blendender heben sich in der Finsternis ihre niederen Mauern ab. Die Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen Leute schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales Fensterchen. Vor den Schwellen einzelner Häuser sitzt noch eine verspätete Familie beim Nachtmahl.

»Der Hoppak wird aber ganz anders getanzt! Jetzt verstehe ich, warum aus dem Tanz nichts wird. Was erzählt also der Gevatter? . . . Vorwärts: Hopp trala! Hopp trala! Hopp, hopp, hopp!« Dieses Selbstgespräch führte ein etwas angeheiterter Bauer mittleren Alters, durch die Straße tanzend. »Bei Gott, der Hoppak wird ganz anders getanzt. Was soll ich lügen? Bei Gott, ganz anders! Nun: Hopp trala! Hopp trala! Hopp, hopp, hopp!«

»Ganz närrisch ist der Mensch geworden! Wenn's noch ein junger Bursche wäre, aber so ein alter Saubär tanzt den Kindern zum Spott nachts auf der Straße!« rief im Vorübergehen eine ältere Frau mit einem Bündel Stroh in der Hand. »Geh nach Hause! Es ist schon längst Zeit, schlafen zu gehen!«

»Ich geh' schon!« sagte der Bauer, stehenbleibend. »Ich geh' schon. Auf den Amtmann pfeife ich. Was bildet er sich nur ein? Daß ihn der Teufel! Er glaubt wohl, daß er, wenn er Amtmann ist, auch das Recht hat, die Leute bei Frost mit kaltem Wasser zu begießen und hochnäsig zu tun! Und wenn er auch Amtmann ist, so bin ich mein eigener Amtmann. Gott strafe mich, ich bin wahrlich mein eigener Amtmann. So ist es, und nicht anders . . .«, fuhr er fort, auf das erste beste Haus zugehend. Er blieb vor dem Fenster stehen und versuchte, mit den Fingern über die Fensterscheibe gleitend, die hölzerne Klinke zu finden. »Weib, mach auf! Weib, mach schneller auf, wenn man's dir sagt! Der Kosak will zu Bett!«

»Wo willst du hin, Kalennik? Bist an ein fremdes Haus geraten!« schrien lachend hinter ihm die Mädchen, die vom lustigen Sang heimgingen. »Sollen wir dir dein Haus zeigen?«

»Zeigt es mir, meine lieben Fräulein!«

»Fräulein? Habt ihr's gehört?« rief eines der Mädchen aus. »Wie höflich Kalennik heute ist! Dafür müssen wir ihm sein Haus zeigen . . . Aber nein, zuerst mußt du uns etwas vortanzen!«

»Vortanzen? . . . Was doch diese Mädchen für Einfälle haben!« sagte Kalennik gedehnt, lachend und mit dem Finger drohend. Er stolperte, da seine Beine unmöglich auf einem Fleck stehen konnten. »Erlaubt ihr, daß ich euch küsse! Alle will ich küssen, alle der Reihe nach! . . .«

Und er lief ihnen im Zickzack nach. Die Mädchen erhoben ein Geschrei und rannten wild durcheinander; als sie aber sahen, daß Kalennik nicht allzu schnell laufen konnte, faßten sie Mut und liefen auf die andere Seite der Straße hinüber.

»Da ist dein Haus;« schrien sie ihm zu und zeigten auf ein Haus, das größer als die anderen war und dem Amtmann gehörte.

Kalennik begab sich gehorsam auf jene Seite, von neuem auf den Amtmann schimpfend.

Wer ist aber der Amtmann, über den so unehrerbietig gesprochen wird? Oh, dieser Amtmann ist die wichtigste Person im Dorfe! Bis Kalennik sein Ziel erreicht hat, werden wir sicher Zeit haben, einiges über ihn zu erzählen. Alle Leute im Dorfe greifen nach den Mützen, wenn sie ihn sehen, und die jüngsten Mädchen sagen ihm guten Tag. Wer von den Burschen hätte nicht Lust, Amtmann zu sein? Der Amtmann hat freien Zutritt zu allen Schnupftabakdosen, und der stärkste Bauer steht respektvoll ohne Mütze da, solange die dicken und groben Finger des Amtmannes in der Tabakdose herumwühlen. In der Bauernversammlung und in der Gemeinde hat der Amtmann immer die Oberhand, obwohl seine Macht sich nur auf einige Stimmen beschränkt; er kann, wenn's ihm paßt, jeden hinausschicken, die Straße zu ebnen und auszubessern oder Gräben anzulegen. Der Amtmann ist mürrisch, blickt immer streng drein und macht nicht viel Worte. Vor vielen Jahren, als die große Zarin Katharina, seligen Angedenkens, in die Krim reiste, war er auserwählt, sie bei dieser Reise zu begleiten; ganze zwei Tage bekleidete er dieses Amt und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem Kutscher der Zarin zu sitzen. Seit jener Zeit hat er die Angewohnheit, den Kopf nachdenklich und würdevoll zu senken, den langen, nach unten gedrehten Schnurrbart zu streichen und strenge Falkenblicke um sich zu werfen. Seit jener Zeit pflegt der Amtmann, ganz gleich, mit welchen Worten man sich an ihn wendet, die Rede immer darauf zu bringen, daß er die Zarin gefahren und auf dem Bocke ihrer Kutsche gesessen habe. Der Amtmann pflegt sich manchmal taub zu stellen, besonders wenn er Dinge zu hören bekommt, die ihm nicht angenehm sind. Der Amtmann hält nicht viel von Staat: immer trägt er einen Kittel aus schwarzem, hausgewebtem Tuch und einen bunten wollenen Gürtel, und niemand hat ihn je in einer anderen Kleidung gesehen, höchstens noch in der Zeit, als die Zarin in die Krim reiste: denn damals trug er einen blauen Kosakenrock. An diese Zeit kann sich aber wohl kaum jemand im ganzen Dorfe erinnern; und den blauen Rock bewahrt er unter Schloß in seinem Kasten. Der Amtmann ist Witwer; in seinem Hause wohnt aber seine Schwägerin, die ihm Mittag- und Abendbrot kocht, die Bänke scheuert, die Wände weißt, Flachs zu seinen Hemden spinnt und die ganze Wirtschaft versieht. Im Dorfe erzählt man sich, sie sei gar keine richtige Schwägerin; wir haben aber schon gesehen, daß der Amtmann viele Feinde hat, die gern üble Gerüchte über ihn verbreiten. Dieses Gerede kam vielleicht auch daher, daß die Schwägerin es nicht gern sah, wenn der Amtmann aufs Feld ging, wo Schnitterinnen arbeiteten, oder einen Kosaken besuchte, der ein junges Töchterchen hatte. Der Amtmann ist einäugig; sein einziges Auge ist aber ein wahrer Schelm und kann schon aus der Ferne ein hübsches Bauernmädel erkennen. Bevor er es aber auf ein hübsches Gesichtchen richtet, sieht er sich erst ordentlich um, ob die Schwägerin nicht aufpaßt. Nun haben wir fast alles Nötige vom Amtmann erzählt; der betrunkene Kosak Kalennik hat aber noch nicht einmal die Hälfte des Weges zurückgelegt und traktiert den Amtmann noch lange mit den ausgesuchtesten Worten, die ihm auf seine träge lallende Zunge kommen.

III Ein unerwarteter Nebenbuhler – Eine Verschwörung

»Nein, nein, Burschen, ich will nicht! Was ist das für eine Bummelei? Wie, wird euch das ewige Herumtollen nicht zu dumm? Man hält uns auch schon ohnehin für Gott weiß was für wilde Kerle. Geht lieber schlafen!« So sprach Lewko zu seinen ausgelassenen Freunden, die ihn zu neuen Streichen ermunterten. »Lebt wohl, Brüder! Gute Nacht!« Und er ging mit schnellen Schritten davon.

»Ob meine helläugige Ganna schläft?« fragte er sich, auf das uns wohlbekannte Haus unter den Kirschbäumen zugehend. In der Stille hörte er ein leises Gespräch. Lewko blieb stehen. Zwischen den Bäumen schimmerte ein weißes Hemd . . . – Was soll das bedeuten? – fragte er sich, näher heranschleichend und sich hinter einem Baume versteckend. Er sah vor sich ein mondlichtübergossenes Mädchengesicht. Es war Ganna! Wer ist aber der große Mann, der mit dem Rücken zu ihm steht? Vergeblich sah er hin: der Schatten hüllte den Fremden vom Kopf bis zu den Füßen ein. Nur von vorn war er etwas beleuchtet; wenn aber Lewko auch nur den kleinsten Schritt wagte, setzte er sich der Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden. Er lehnte sich still an den Baum und entschloß sich, ruhig auf einem Fleck zu stehen. Das Mädchen hatte eben ganz deutlich seinen Namen genannt.

»Lewko? Lewko ist ja noch ein grüner Junge!« sagte mit heiserer gedämpfter Stimme der große Mann. »Wenn ich ihn einmal bei dir treffe, raufe ich ihm den Schopf aus . . .«

»Ich möchte doch gern wissen, welcher Schelm da prahlt, daß er mir den Schopf ausraufen wird!« sagte Lewko leise vor sich hin und reckte den Hals, um ja kein Wort zu verlieren. Doch der Unbekannte sprach weiter so leise, daß man kein Wort verstehen konnte.

»Wie, schämst du dich nicht?« sagte Ganna, als jener mit seiner Rede fertig war. »Du lügst, du betrügst mich; du liebst mich nicht, ich werde dir niemals glauben, daß du mich je geliebt hast!«

»Ich weiß,« fuhr der große Mann fort, »Lewko hat dir viel Unsinn vorgeredet und den Kopf verdreht« (hier kam es dem Burschen vor, als ob die Stimme des Fremden ihm nicht ganz unbekannt wäre und als ob er sie schon einmal gehört hätte); »ich werd' es aber dem Lewko schon zeigen!« fuhr der Unbekannte im gleichen Tonfall fort. »Er glaubt wohl, daß ich seine Streiche nicht sehe. Er wird schon meine Fäuste kennenlernen, der Hundesohn!«

Bei diesem Worte konnte Lewko seinen Zorn nicht länger bemeistern. Er kam drei Schritte näher und holte mit aller Kraft zu einer Ohrfeige aus, die den Unbekannten, trotz seiner offensichtlichen Kraft, umgeworfen hätte; aber in diesem Augenblick fiel das Licht auf das Gesicht des Unbekannten, und Lewko erstarrte, als er seinen Vater vor sich stehen sah. Er äußerte sein Staunen nur durch ein unwillkürliches Kopfschütteln und ein leises Pfeifen durch die Zähne. In der Nähe raschelte etwas; Ganna flog schnell ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

»Leb wohl, Ganna!« rief in diesem Augenblick einer der Burschen, leise heranschleichend und den Kopf des vermeintlichen Mädchens mit den Armen umschlingend; er prallte aber entsetzt zurück, als er auf einen struppigen Schnurrbart stieß.

»Leb wohl, Schöne!« rief ein anderer; dieser flog Hals über Kopf zur Seite, von einem heftigen Stoß mit dem Kopfe getroffen.

»Leb wohl, leb wohl, Ganna!« riefen mehrere Burschen, sich ihm an den Hals hängend.

»Versinkt in die Erde, verdammte Bengel!« schrie der Amtmann, um sich schlagend und mit den Füßen stampfend. »Was bin ich für eine Ganna? Schert euch mitsamt euren Vätern auf den Galgen, ihr Teufelssöhne! Was klebt ihr an mir wie die Fliegen am Honig?! Ich werd' euch die Ganna zeigen! . . .«

»Der Amtmann! Der Amtmann! Es ist der Amtmann!« schrien die Burschen und stoben nach allen Seiten auseinander.

»So, so, Vater!« sagte Lewko, als er von seinem Erstaunen wieder zur Besinnung gekommen war, dem sich schimpfend zurückziehenden Amtmann nachblickend. »Solche Streiche machst du also? Das ist gut! Und ich habe immer gestaunt und mich gefragt, was das zu bedeuten hat, daß du dich immer taub stellst, wenn ich mit dir von der Sache zu sprechen anfange. Warte nur, du alter Knasterbart, ich will dir schon zeigen, was das heißt, sich vor den Fenstern junger Mädchen herumzutreiben und den anderen die Bräute abspenstig zu machen! Heda, Burschen, hierher!« schrie er und winkte den Burschen, die sich wieder versammelten, mit der Hand. »Kommt her! Ich riet euch eben, schlafen zu gehen; jetzt habe ich mich eines anderen besonnen und bin bereit, die ganze Nacht mit euch zu bummeln.«

»Das ist vernünftig!« sagte ein breitschultriger und stämmiger Bursche, der als erster Bummler und Herumtreiber im Dorfe galt. »Es ist mir so öde zumute, wenn ich nicht Gelegenheit habe, ordentlich zu bummeln und Streiche anzustellen. Dann ist es mir, als ob mir etwas fehle. Als ob ich meine Mütze oder Pfeife verloren hätte; mit einem Worte, als ob ich gar kein richtiger Kosak wäre.«

»Seid ihr bereit, den Amtmann heute ordentlich rasend zu machen?«

»Den Amtmann?«

»Ja, den Amtmann. Was bildet er sich ein?! Er kommandiert hier so, als ob er ein Hetman wäre. Es genügt ihm wohl nicht, daß er uns wie seine Knechte behandelt, er macht sich auch noch an unsere Mädchen heran. Ich glaube, daß es im ganzen Dorfe nicht ein hübsches Mädchen gibt, dem der Amtmann nicht nachstellte.«

»Ja, so ist es, so ist es!« riefen die Burschen wie aus einem Munde.

»Was sind wir denn für Knechte, Kinder? Sind wir nicht vom gleichen Stamme wie er? Wir sind ja, Gott sei Dank, freie Kosaken! Burschen, zeigen wir ihm, daß wir freie Kosaken sind!«

»Ja, wollen wir es ihm zeigen!« schrien die Burschen. »Und wenn wir schon einmal den Amtmann vornehmen, so dürfen wir den Schreiber nicht vergessen!«

»Gewiß, wir vergessen auch den Schreiber nicht! Gerade habe ich mir ein hübsches Liedchen auf den Amtmann erdacht. Kommt, ich will es euch beibringen«, fuhr Lewko fort, mit der Hand auf die Saiten der Laute schlagend. »Und dann noch etwas: ihr müßt euch alle umkleiden, was für Gewänder ihr gerade erwischt!«

»Auf, ihr Kosakenseelen!« rief der stämmige Bursche, die Beine zusammenschlagend und in die Hände klatschend. »Ist das herrlich! Schön ist die Freiheit! Wenn ich zu tollen anfange, so ist es mir, als ob die alten Tage wiederkehrten. So schön und frei ist mir ums Herz, und die Seele ist wie im Paradiese . . . Hallo, Burschen, auf! . . .«

Die Schar raste lärmend durch die Straßen. Die frommen alten Frauen erwachten, schlugen die Fenster auf, bekreuzigten sich mit schläfrigen Händen und sprachen: »So, jetzt beginnen die Burschen zu tollen!«

IV Die Burschen tollen

Nur in einem Hause am Ende der Straße brannte noch Licht. Das war die Behausung des Amtmannes. Der Amtmann war mit seinem Nachtmahl schon längst fertig und wäre zweifellos auch schon schlafen gegangen, aber er hatte den Schnapsbrenner zu Gast. Diesen hatte der Gutsbesitzer, der im freien Kosakenlande ein kleines Grundstück besaß, hergeschickt, um eine Brennerei einzurichten. Der Gast saß auf dem Ehrenplatze unter den Heiligenbildern. Es war ein kleines, dickes Männchen mit kleinen, immer lachenden Äuglein, in denen die ganze Freude zu lesen war, mit der er seine kurze Pfeife rauchte, wobei er jeden Augenblick ausspuckte und den sich zu Asche verwandelnden Tabak mit dem Finger niederdrückte. Die Rauchwolken breiteten sich schnell über ihn aus und hüllten ihn in blaugrauen Nebel. Man hatte den Eindruck, als ob der dicke Schornstein irgendeiner Schnapsbrennerei, dem es zu dumm geworden, ewig auf dem Dache zu stehen, sich einmal entschlossen hätte, einen Spaziergang zu machen, und nun manierlich am Tische des Amtmannes sitze. Unter seiner Nase sträubte sich ein kurzer, dichter Schnurrbart; durch die vom Tabakrauch geschwängerte Atmosphäre war er so undeutlich zu sehen, daß man ihn für eine Maus halten könnte, die der Schnapsbrenner, das Monopol des Speicherkaters verletzend, gefangen habe und im Munde halte. Der Amtmann saß als Hausherr im bloßen Hemd und in einer weiten Leinwandhose. Sein Adlerauge blinzelte und erlosch allmählich wie die Abendsonne. Am Ende des Tisches saß, die Pfeife im Munde, einer der Dorfpolizisten, der zum Kommando des Amtmanns gehörte; aus Respekt vor dem Hausherrn hatte er seinen Kittel an.

»Habt Ihr die Absicht«, wandte sich der Amtmann an den Schnapsbrenner, gähnend und seinen Mund bekreuzigend, »Eure Brennerei bald aufzubauen?«

»Wenn Gott uns hilft, so werden wir vielleicht schon diesen Herbst zu brennen anfangen. Ich möchte wetten, daß der Herr Amtmann schon zum Feste Maria Geburt mit seinen Füßen deutsche Brezeln schreiben wird.«

Als der Schnapsbrenner diese Worte gesprochen hatte, verschwanden seine Äuglein ganz; an ihrer Stelle zogen sich Strahlen bis zu den Ohren hin; der ganze Körper erbebte vor Lachen, und die lustigen Lippen ließen für einen Augenblick die rauchende Pfeife los.

»Das gebe Gott!« sagte der Amtmann, indem sein Gesicht etwas wie ein Lächeln ausdrückte. »Es gibt jetzt, Gott sei Dank, schon einige Schnapsbrennereien. Aber in der guten alten Zeit, als ich die Zarin auf der Perejeslawschen Landstraße begleitete und der selige Besborodko . . .«

»Von was für Zeiten sprichst du, Gevatter! Von Krementschug bis Romny gab es damals kaum zwei Brennereien. Heute aber . . . Hast du gehört, was die verdammten Deutschen erfunden haben? Man sagt, sie werden den Schnaps bald nicht mehr mit Holz, wie alle ordentlichen Christen, sondern mit irgendeinem teuflischen Dampf brennen.« Bei diesen Worten blickte der Schnapsbrenner nachdenklich auf seine Hände, die er auf dem Tische gespreizt hielt. »Wie sie das mit Dampf machen wollen, das weiß ich bei Gott nicht!«

»Was für Dummköpfe sind doch die Deutschen, Gott verzeih' es mir!« sagte der Amtmann. »Ich würde diese Hundesöhne mit Stöcken verprügeln! Wer hat es je gehört, daß man mit Dampf irgend etwas kochen kann? Wenn es so wäre, könnte man ja keinen Löffel Kohlsuppe an den Mund führen, ohne sich die Lippen zu versengen, wie man ein Ferkel anzusengen pflegt . . .«

»Wirst du nun die ganze Zeit hier bei uns ohne deine Frau leben, Gevatter?« mischte sich die Schwägerin ins Gespräch ein, die mit gekreuzten Beinen auf der Ofenbank hockte.

»Was brauche ich sie? Wenn es noch was Rechtes wäre . . .«

»Ist sie denn nicht hübsch?« fragte der Amtmann, sein Auge auf ihn richtend.

»Ach was, hübsch! Sie ist so alt wie der Teufel, und ihre Fratze ist voller Runzeln wie ein leerer Beutel.« Die gedrungene Gestalt des Schnapsbrenners erbebte vor lautem Lachen.

In diesem Augenblick begann jemand draußen hinter der Tür zu scharren; die Tür ging auf, und ein Bauer trat, ohne die Mütze abzunehmen, über die Schwelle. Mitten in der Stube blieb er nachdenklich stehen, riß den Mund auf und starrte auf die Decke. Es war unser Freund Kalennik.

»Nun bin ich nach Hause gekommen!« sagte er, sich auf eine Bank neben der Tür setzend und den Anwesenden nicht die geringste Beachtung schenkend. »Wie der Satan doch diesen Weg in die Länge gezogen hat! Man geht und geht und sieht gar kein Ende! Mir ist's, als ob mir jemand die Beine wund geschlagen hätte. Weib, gib einmal den Schafspelz her, damit ich ihn mir unter die Beine lege! Zu dir auf den Ofen komm' ich nicht, bei Gott nicht, meine Beine tun mir zu sehr weh! Gib doch den Schafspelz her, er liegt dort neben dem Heiligenbilde. Paß nur auf, daß du dabei den Topf mit dem geriebenen Tabak nicht umwirfst. Oder nein, rühr ihn lieber gar nicht an! Vielleicht bist du heute betrunken . . . Laß, ich hol' ihn mir selbst.« Kalennik wollte aufstehen, aber eine unwiderstehliche Kraft hielt ihn auf der Bank fest.

»Das seh' ich gern«, sagte der Amtmann, »wenn einer in eine fremde Stube kommt und wie bei sich zu Hause kommandiert! Schmeißt den Kerl hinaus! . . .«

»Laß ihn doch ausruhen, Gevatter!« sagte der Schnapsbrenner, die Hand des Amtmanns ergreifend. »Er ist ein nützlicher Mensch: wenn es mehr solche Leute gäbe, würde unsere Brennerei blühen . . .«

Es war aber nicht Gutmütigkeit, die ihn zu diesen Worten bewegte. Der Schnapsbrenner war abergläubisch und meinte, daß es genüge, einen Menschen, der sich eben auf eine Bank gesetzt hat, zu verjagen, um allerlei Unglück heraufzubeschwören.

»Ich glaube, ich werde alt!« brummte Kalennik und streckte sich auf der Bank aus. »Wenn ich wenigstens betrunken wäre; aber ich bin gar nicht betrunken, bei Gott, ich bin nicht betrunken! Was soll ich lügen? Ich bin bereit, es auch dem Amtmann selbst zu sagen. Was ist mir der Amtmann? Verrecken soll er, der Hundesohn! Ich spucke auf ihn! Mag ihn, den einäugigen Teufel, ein Wagen überfahren! Bei solchem Frost begießt er Menschen mit Wasser . . .«

»Da schau! Ein Schwein kommt in die Stube und legt die Pfoten gleich auf den Tisch«, sagte der Amtmann, sich zornig von seinem Platze erhebend; in diesem Augenblick flog aber ein gewichtiger Stein durchs Fenster, zertrümmerte die Scheibe und fiel ihm vor die Füße. Der Amtmann blieb stehen . . . »Wenn ich nur wüßte«, sagte er, den Stein aufhebend, »welcher Galgenstrick den Stein hereingeworfen hat, so würde ich ihn schon lehren, Steine zu werfen! Was sind das für Streiche!« fuhr er fort, den Stein, den er noch immer in der Hand hielt, mit brennenden Blicken betrachtend. »Ersticken soll er an diesem Stein . . .«

»Halt, halt! Behüt dich Gott, Gevatter!« fiel ihm der Schnapsbrenner ganz bleich in die Rede. »Gott behüte dich in dieser und in jener Welt davor, einen Menschen mit solchen Flüchen zu segnen!«

»Was bist du für ein Fürsprech? Soll er nur verrecken!«

»Schweig, Gevatter! Du weißt wohl nicht, was meiner seligen Schwiegermutter zugestoßen ist?«

»Deiner Schwiegermutter?«

»Ja, meiner Schwiegermutter. Eines Abends, es mag eine Weile früher gewesen sein als heute, setzten sie sich zum Abendessen: die selige Schwiegermutter, der selige Schwiegervater, außerdem der Knecht, die Magd und an die fünf Stück Kinder. Die Schwiegermutter tat einige Knödel aus dem großen Kessel in die Schüssel, damit sie etwas abkühlten. Nach der Arbeit waren nämlich alle hungrig und wollten nicht warten, bis die Knödel kalt werden. Sie spießten sie auf lange Holzstäbchen auf und begannen zu essen. Plötzlich erscheint irgendein Mann in der Stube, Gott allein weiß, wer er ist, und bittet, an der Mahlzeit teilnehmen zu dürfen. Wie soll man einem hungrigen Mann nicht zu essen geben? Man gab auch ihm einen Holzstab. Der Gast begann aber die Knödel so schnell zu vertilgen wie eine Kuh Heu. Ehe jeder andere einen Knödel gegessen und das Stäbchen wieder in die Schüssel gesteckt hatte, um sich einen zweiten zu holen, war ihr Boden schon so glatt wie der Dreschboden im Herrenhause. Die Schwiegermutter tat neue Knödel in die Schüssel: sie glaubte, der Gast hätte sich satt gegessen und werde etwas genügsamer sein. Fällt ihm aber gar nicht ein: er greift noch eifriger zu und leert auch die zweite Schüssel! – Krepieren sollst du an den Knödeln! – sagte sich die hungrige Schwiegermutter. In diesem Augenblick blieb ihm aber ein Knödel im Halse stecken, und er fiel um. Alle stürzten zu ihm hin – seine Seele hatte aber schon den Leib verlassen, er war erstickt!«

»Ganz recht ist's ihm geschehen, dem verfluchten Fresser!« sagte der Amtmann.

»Ja, das sollte man meinen, es kam aber ganz anders: seit jener Zeit ließ er der Schwiegermutter keine Ruhe. Sobald die Nacht anbricht, schleppt sich auch schon der Tote herbei. Der Verdammte setzt sich rittlings auf den Schornstein und hält einen Knödel zwischen den Zähnen. Bei Tage ist alles ruhig und von ihm nichts zu hören und zu sehen; kaum fängt es aber zu dämmern an, so sieht man den Hundesohn schon oben auf dem Schornstein sitzen . . .«

»Mit einem Knödel zwischen den Zähnen?«

»Mit einem Knödel zwischen den Zähnen!«

»Es ist wunderlich, Gevatter! Auch ich habe etwas Ähnliches von meiner Seligen gehört . . .«

Der Amtmann kam nicht weiter. Vor dem Fenster ertönte ein Lärm und das Stampfen von Tanzenden. Zuerst klirrten leise die Saiten einer Laute, und dann gesellte sich eine Stimme dazu. Die Saiten tönten immer lauter; mehrere Stimmen fielen ein, und wie ein Sturmwind brauste das Lied:

»Burschen, habt ihr's schon gehört?
Sind wir dumme grüne Jungen?
Unsres Amtmanns Schädel ist
Wie ein trocknes Faß gesprungen.
Böttcher, mußt ihm auf den Kopf
Einen Eisenreifen jagen;
Daß der Reifen fester sitzt,
Mußt du ihn mit Stöcken schlagen.
Ist einäugig, alt und grau,
Aber lüstern wie ein Affe:
Jedem Mädchen steigt er nach
Wie ein dummer junger Laffe.
Amtmann, laß die Mädchen sein:
Stehst mit einem Fuß im Grabe!
Sonst rauft man dir aus den Schopf
Und verhaut dich, alter Knabe!«

»Es ist ein hübsches Lied, Gevatter!« sagte der Schnapsbrenner, den Kopf etwas auf die Seite geneigt und sich an den Amtmann wendend, der vor Erstaunen über diese Frechheit ganz starr geworden war. »Ein hübsches Lied! Es ist nur schade, daß darin so respektwidrig vom Amtmann gesprochen wird . . .«

Er spreizte seine Hände wieder auf dem Tische aus und machte sich bereit, mit süßer Rührung in den Augen, noch weiter zuzuhören; vor dem Fenster tönte Lachen und der Ruf: »Noch einmal! Noch einmal!« Ein scharfblickendes Auge hätte aber sofort bemerkt, daß es nicht Erstaunen war, was den Amtmann erstarren machte. So läßt ein alter geübter Kater eine unerfahrene Maus manchmal um seinen Schwanz herumlaufen und legt sich dabei schnell einen Plan zurecht, wie ihr der Weg abzuschneiden sei. Das einzige Auge des Amtmanns war noch auf das Fenster gerichtet, aber seine Hand hatte schon dem Polizisten ein Zeichen gegeben und die Holzklinke der Tür ergriffen, als sich plötzlich auf der Straße lautes Geschrei erhob. Der Schnapsbrenner, der sich, neben seinen anderen Vorzügen, auch durch Neugierde auszeichnete, stopfte sich schnell etwas Tabak in die Pfeife und lief auf die Straße hinaus; die mutwilligen Burschen waren aber schon nach allen Seiten auseinandergestoben.

»Nein, du entwischst mir nicht!« schrie der Amtmann, der einen Menschen in einem schwarzen, mit dem Fell nach außen gewendeten Schafspelz gepackt hatte. Der Schnapsbrenner benutzte den Augenblick und lief herbei, um dem Unfugstifter ins Gesicht zu blicken; voller Angst taumelte er aber zurück, als er einen langen Bart und eine schrecklich angemalte Fratze sah. »Nein, du entwischst mir nicht!« schrie der Amtmann, seinen Gefangenen in den Hausflur schleppend; dieser leistete aber nicht den geringsten Widerstand und folgte so ruhig dem Amtmann, als ginge er in seine eigene Stube. »Karpo, schließ die Kammer auf!« wandte sich der Amtmann zum Polizisten. »Wir wollen ihn in die dunkle Kammer sperren! Dann wollen wir den Schreiber wecken, die anderen Polizisten versammeln, alle diese Taugenichtse einfangen und heute noch das Urteil fällen!«

Der Polizist ließ das kleine Vorhängeschloß in dem Flur erklirren und sperrte die Kammer auf. In diesem Augenblick machte sich der Gefangene die Dunkelheit zunutze und riß sich plötzlich mit unerwarteter Kraft aus den Händen des Polizisten los.

»Wo willst du hin?« brüllte der Amtmann, ihn noch fester am Kragen packend. – »Laß los, das bin ich!«ertönte eine hohe Stimme.

»Das wird dir nichts nützen! Das wird dir nichts nützen, Bruder! Du kannst von mir aus wie ein Teufel und nicht nur wie ein Weib winseln – mich führst du nicht an!« Und mit diesen Worten stieß er ihn in die dunkle Kammer mit solcher Kraft, daß der arme Gefangene stöhnend zu Boden fiel. Der Amtmann selbst begab sich aber in Begleitung des Polizisten ins Haus des Schreibers; ihnen folgte, wie ein Dampfschiff qualmend, der Schnapsbrenner.

Nachdenklich gingen alle drei mit gesenkten Köpfen; als sie aber in eine dunkle Nebengasse einbogen, schrien sie entsetzt auf, da jeder von ihnen einen heftigen Schlag auf die Stirn bekommen hatte; der gleiche Schrei tönte ihnen als Antwort entgegen. Der Amtmann kniff sein Auge zusammen und sah vor sich zu seinem Erstaunen den Schreiber mit zwei Polizisten.

»Ich geh' eben zu dir, Herr Schreiber!«

»Und ich geh' zu deiner Gnaden, Herr Amtmann!«

»Seltsame Dinge geschehen hier, Herr Schreiber!«

»Ja, seltsame Dinge, Herr Amtmann!«

»Was ist denn los?«

»Die Burschen toben, treiben sich in Haufen auf den Straßen herum und machen Unfug! Deine Gnaden benennen sie mit solchen Worten, daß ich mich schäme, sie wiederzugeben. Selbst ein betrunkener Moskowiter würde sich scheuen, solche Worte mit seiner gotteslästerlichen Zunge nachzusprechen.«

(Der hagere Schreiber, der eine Pluderhose aus hausgewebter Leinwand und eine hefefarbige Weste trug, reckte bei jedem dieser Worte den Hals und brachte ihn dann schnell wieder in die gewöhnliche Stellung.) »Kaum war ich ein wenig eingeschlummert, als die verfluchten Taugenichtse mich mit ihrem Geklapper und ihren schamlosen Liedern weckten! Ich wollte ihnen einen ordentlichen Denkzettel geben; bis ich mir aber meine Weste anzog, liefen sie schon nach allen Seiten auseinander. Der Haupträdelsführer entging uns jedoch nicht. Jetzt singt er seine Lieder in der Stube, wo man bei uns die Zuchthäusler zu halten pflegt. Meine Seele brennt darauf, zu erfahren, wer dieser Vogel sei, aber seine Fratze ist mit Ruß geschwärzt wie bei einem Teufel, der für die Sünder Nägel schmiedet.«

»Wie ist er gekleidet, Herr Schreiber?« »Einen schwarzen Schafspelz hat der Hundesohn an, Herr Amtmann, mit dem Fell nach außen gekehrt!«

»Lügst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn dieser Taugenichts jetzt bei mir in meiner Kammer sitzt?« »Nein, Herr Amtmann! Du selbst, nimm es mir nicht übel, sündigst gegen die Wahrheit.«

»Gebt Licht her! Wollen wir ihn uns anschauen.«

Man brachte Licht, machte die Tür auf, und der Amtmann schrie vor Verwunderung auf, als er seine Schwägerin vor sich erblickte.

»Sag einmal, bitte«, sagte sie, auf ihn zugehend, »hast du nicht den letzten Rest deines Verstandes verloren? War in deinem einäugigen Schädel auch nur ein Tröpfchen Hirn, als du mich in die dunkle Kammer stießest? Es ist noch ein Glück, daß ich mir nicht den Kopf am eisernen Haken zerschlug. Hab' ich dir denn nicht zugeschrien, daß ich es bin? Hast mich, verfluchter Bär, mit deinen eisernen Tatzen gepackt und hineingestoßen! Mögen dich auf jener Welt ebenso die Teufel stoßen! . . .«

Die letzten Worte sprach sie schon auf der Straße, wohin sie sich in irgendeiner persönlichen Angelegenheit begeben hatte.

»Ja, jetzt sehe ich, daß du es bist!« sagte der Amtmann, der nun wieder zu sich gekommen war.

»Was sagst du nun, Herr Schreiber, ist dieser verdammte Tunichtgut kein Schelm?«

»Er ist wohl ein Schelm, Herr Amtmann!« »Ist es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal vorzunehmen und zu zwingen, etwas Vernünftiges zu tun?«

»Es ist längst Zeit, Herr Amtmann!«

»Diese Narren haben sich . . . Der Teufel! Eben kam es mir vor, als hörte ich meine Schwägerin auf der Straße schreien . . . Diese Narren haben sich eingebildet, daß ich ihresgleichen sei! Sie denken sich, ich sei wie sie ein einfacher Kosak!« Der Amtmann hüstelte, zog seine Stirn kraus und blickte auf, woraus man schließen konnte, daß er die Rede auf sehr wichtige Dinge bringen wollte. »Im Jahre eintausend . . . in diesen verdammten Jahreszahlen kenne ich mich nie aus! Also im Jahre soundsoviel erging an den damaligen Kommissär Ljedastschij der Befehl, unter allen Kosaken den gescheitesten auszuwählen . . . Oh!« (Der Amtmann sprach dieses ›Oh‹ mit erhobenem Finger.) »Den allergescheitesten, um die Zarin zu begleiten. Damals war ich . . .«

»Was soll man darüber noch viel reden! Jedermann weiß es schon, Herr Amtmann! Alle wissen, wie du dir die zarische Gnade verdient hast. Gestehe aber jetzt, daß ich recht habe: du hast ein wenig gelogen, als du sagtest, daß du den Taugenichts in dem mit dem Fell nach außen gewendeten Schafspelz erwischt hast!«

»Was aber jenen Teufel in dem nach außen gewendeten Schafspelz betrifft, so soll man ihn als warnendes Beispiel für die anderen in Ketten schlagen und exemplarisch bestrafen! Damit die Leute wissen, was die Obrigkeit bedeutet! Von wem ist denn der Amtmann eingesetzt, wenn nicht vom Zaren? Nachher kommen auch die anderen Burschen dran: ich habe noch nicht vergessen, wie diese Lausejungen in meinen Gemüsegarten eine Herde Schweine getrieben haben, die mir den ganzen Kohl und alle Gurken auffraßen! Ich habe noch nicht vergessen, wie diese Teufelssöhne sich weigerten, mein Korn zu dreschen! Ich habe noch nicht vergessen . . . Sie können aber von mir aus in die Erde versinken, ich muß vorerst erfahren, wer dieser Schelm im schwarzen Schafspelz ist.«

»Der wird wohl ein flinker Vogel sein!« versetzte der Schnapsbrenner, dessen Backen während des ganzen Gesprächs sich ununterbrochen wie ein Belagerungsgeschütz mit Rauch luden, und dessen Lippen, nachdem sie die kurze Pfeife losgelassen, eine ganze Rauchfontäne von sich gaben. »Es wäre gut, einen solchen Menschen für jeden Fall in der Brennerei zu haben; noch besser wäre es, ihn wie einen Kronleuchter auf den höchsten Wipfel einer Eiche aufzuhängen.«

Dieser Witz kam dem Schnapsbrenner selbst gar nicht übel vor, und er belohnte sich selbst, ohne erst den Beifall der anderen abzuwarten, mit einem heiseren Lachen.

Indessen näherten sie sich einem niederen, halb in die Erde eingesunkenen Häuschen. Die Neugierde unserer Freunde hatte sich gesteigert, und sie drängten sich vor die Tür. Der Schreiber holte einen Schlüssel aus der Tasche, und das Vorhängeschloß erklirrte; der Schlüssel war aber von seinem Kasten. Die Ungeduld war noch größer geworden. Er steckte die Hand in die Tasche, wühlte lange herum, fand aber zuerst nichts als allerlei Überreste.

»Hier!« sagte er endlich, sich vorbeugend und den Schlüssel aus der Tiefe der geräumigen Tasche hervorholend, mit der seine Pluderhose ausgestattet war.

Bei diesem Worte verschmolzen die Herzen unserer Helden gleichsam zu einem einzigen Herzen, und dieses Riesenherz klopfte so laut, daß selbst das Klirren des Schlosses dieses Pochen nicht zu übertönen vermochte. Die Tür ging auf und . . . und der Amtmann wurde blaß wie Leinwand; den Schnapsbrenner überlief es kalt, und seine Haare standen zu Berge, als wollten sie in den Himmel fliegen; das Gesicht des Schreibers zeigte höchstes Entsetzen; die Polizisten wuchsen an die Erde fest und waren nicht imstande, ihre Mäuler, die sie wie auf Verabredung aufgerissen hatten, zu schließen: vor ihnen stand die Schwägerin.

Obwohl sie nicht weniger erstaunt war, kam sie doch einigermaßen zu sich und machte Anstalten, sich ihnen zu nähern.

»Halt!« schrie der Amtmann mit wilder Stimme auf und schlug die Tür sofort wieder zu. »Meine Herren, es ist der Satan!« fuhr er fort. »Feuer! Schafft schnell Feuer her! Ich will das ärarische Gebäude nicht schonen! Zündet an, zündet an, damit vom Teufel nicht einmal die Knochen auf der Erde zurückbleiben!«

Die Schwägerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der Tür das schreckliche Urteil hörte.

»Was fällt euch ein, Brüder!« sagte der Schnapsbrenner. »Ihr habt doch Gott sei Dank schon graues Haar auf den Köpfen, seid aber immer noch nicht vernünftig geworden: mit einfachem Feuer ist so eine Hexe nicht umzubringen! Einem Werwolf kann man nur mit dem Feuer aus einer Pfeife beikommen. Wartet, ich will es gleich machen!«

Nachdem er das gesagt hatte, schüttete er die glühende Asche aus der Pfeife auf eine Handvoll Stroh und begann zu blasen. Die arme Schwägerin hatte vor Verzweiflung Mut bekommen und fing an, die Leute anzuflehen und ihnen ihren Vorsatz auszureden.

»Wartet, Brüder! Warum wollt ihr so mir nichts dir nichts eine Sünde auf eure Seele laden? Vielleicht ist es auch nicht der Satan!« sagte der Schreiber. »Wenn es, ich meine das Wesen, das dort sitzt, sich entschließt, das Zeichen des Kreuzes zu machen, so ist es ein sicherer Beweis dafür, daß es nicht der Teufel ist.«

Dieser Vorschlag wurde von allen Seiten gebilligt.

»Paß auf, Satan!« fuhr der Schreiber fort, die Lippen an eine Ritze der Tür drückend. »Wenn du dich nicht vom Fleck rührst, machen wir die Tür auf.«

Die Tür wurde aufgemacht.

»Bekreuzige dich!« sagte der Amtmann, nach allen Seiten blickend, wie wenn er für den Fall eines Rückzuges einen möglichst gefahrlosen Platz suche.

Die Schwägerin bekreuzigte sich.

»Der Teufel! Das ist ja wirklich die Schwägerin!«

»Welche höllische Macht hat dich in dieses Loch gestoßen, Gevatterin?«

Die Schwägerin berichtete schluchzend, wie die Burschen sie auf der Straße gepackt und trotz ihres Widerstandes durch das breite Fenster der Stube hineingeworfen und das Fenster mit dem Laden verschlossen hatten. Der Schreiber warf einen Blick auf das Fenster; die Angeln des breiten Ladens waren heruntergerissen, und er war oben nur von einem Holzbalken festgehalten.

»Gut so, einäugiger Satan!« schrie sie auf, auf den Amtmann zugehend, der vor ihr zurückwich und sie noch immer mit seinem Auge anstarrte. »Ich kenne deine Absicht: du freutest dich schon über die Gelegenheit, mich aufzufressen, damit du dann ungehindert den Mädchen nachstellen kannst und damit niemand mehr sieht, wie sich so ein Greis zum Narren macht. Du glaubst wohl, ich weiß nicht, worüber du heute abend mit der Ganna gesprochen hast? Oh, ich weiß alles! Mich kann man nicht so leicht anführen, am allerwenigsten ein so blöder Kopf wie du. Ich war langmütig genug, aber wenn meine Geduld einmal reißt, sollst du es mir nicht übelnehmen . . .«

Nachdem sie das gesagt hatte, zeigte sie ihm die Faust und entfernte sich schnell, den Amtmann in seiner Erstarrung zurücklassend.

– Nein, da hat sich wirklich der Satan hineingemischt! – dachte sich jener, sich kräftig den Kopf kratzend.

»Erwischt!« riefen die Polizisten, die in diesem Augenblick herbeikamen.

»Wen habt ihr erwischt?« fragte der Amtmann.

»Den Teufel im umgewendeten Schafspelz.«

»Gebt ihn her!« schrie der Amtmann, den Gefangenen an den Händen packend. »Ihr seid von Sinnen: das ist ja der besoffene Kalennik!«

»Der Teufel! Wir hatten ihn ja schon fest in der Hand, Herr Amtmann!« antworteten die Polizisten. »In der Gasse umringten uns die verdammten Burschen, fingen zu tanzen an, uns zu zupfen, die Zungen auszustrecken und ihn uns aus den Händen zu reißen . . . Daß euch der Teufel! . . . Gott allein weiß, wie wir statt seiner diesen Vogel da erwischt haben!«

»Kraft meiner Gewalt und der Gewalt der ganzen Dorfgemeinde erlasse ich den Befehl«, sagte der Amtmann, »jenen Räuber augenblicklich einzufangen! In gleicher Weise alle diejenigen, die ihr auf den Straßen ergreift, zu mir zu bringen, damit ich sie aburteile! . . .«

»Erbarme dich, Herr Amtmann!« riefen einige von den Polizisten, sich vor ihm bis zur Erde verneigend. »Hättest du doch diese Fratzen selbst gesehen! Gott strafe uns, aber solange wir auf der Welt und getauft sind, haben wir solche abscheuliche Fratzen noch nicht gesehen! Wie leicht kann da ein Unglück passieren, Herr Amtmann! Sie können ja einen anständigen Menschen so erschrecken, daß einen hinterher keine weise Frau mehr kurieren kann.«

»Ich will euch den Schreck zeigen! Ihr wollt mir nicht gehorchen? Ihr steckt wohl mit den anderen unter einer Decke, Rebellen! Was fällt euch ein? Ihr begünstigt den ganzen Unfug! . . . Ihr . . . Ich werde es dem Kommissär melden! Sofort, hört ihr? – Augenblicklich! Lauft schnell hin, fliegt wie die Vögel! Ich will euch . . . Ihr sollt mir . . .«

Alle liefen auseinander.

V Die Ertrunkene

Ohne sich irgendwelche Sorgen zu machen, ohne sich um die abgesandten Verfolger zu kümmern, näherte sich indessen der Urheber dieses ganzen Wirrwarrs dem alten Hause und dem Teiche. Ich glaube, ich brauche nicht zu sagen, daß es Lewko war. Sein schwarzer Schafspelz stand vorn offen; er hielt die Mütze in der Hand; der Schweiß rann von seiner Stirn in Strömen. Majestätisch und düster hob sich das Ahorngehölz vom mondhellen Himmel ab. Der regungslose Teich wehte den müden Wanderer mit Kühle an und lockte ihn, an seinen Ufern auszuruhen. Alles war still; nur im tiefen Waldesdickicht schallte das Schmettern einer Nachtigall. Unüberwindliche Schläfrigkeit drückte dem Burschen die Augenlider zu; die müden Glieder wollten erstarren und Vergessen finden; der Kopf sank auf die Brust herab . . . »Nein, so schlafe ich hier noch ein!« sagte er, aufstehend und sich die Augen reibend. Er sah sich um: die Nacht vor ihm schien noch leuchtender. Ein seltsames, bezauberndes Leuchten gesellte sich zu dem Glanz des Mondes. Noch nie hatte er dergleichen gesehen. Ein silberner Nebel senkte sich auf das ganze Land. Der Duft der blühenden Apfelbäume und Nachtblumen ergoß sich über die ganze Erde. Erstaunt blickte er auf den unbeweglichen Wasserspiegel des Teiches: das alte Herrenhaus zeichnete sich darin gestürzt, aber klar und seltsam majestätisch ab. Statt der düsteren Fensterläden sah er lustig erleuchtete Glasfenster und Glastüren. Durch die Scheiben schimmerte Vergoldung. Und da kam es ihm vor, als ginge eines der Fenster auf. Mit angehaltenem Atem, ohne mit einem Muskel zu zucken und ohne den Blick vom Teiche zu wenden, glaubte er in die Tiefe des Wassers versetzt zu sein und seltsame Dinge zu sehen: zuerst erscheint im Fenster ein weißer Ellenbogen, dann stützt sich ein liebliches Köpfchen mit glänzenden Augen, die durch die dunkelblonden Haarfluten hindurch leuchten, auf diesen Ellenbogen; und er sieht, wie das Köpfchen leise nickt und lächelt . . . Sein Herz fing plötzlich zu klopfen an . . . Das Wasser kräuselte sich, und das Fenster wurde wieder geschlossen. Still ging er vom Teiche fort und sah das Haus an: die düsteren Fensterläden standen offen, die Scheiben glänzten im Mondlichte. – So wenig ist dem Gerede der Menschen zu trauen – dachte er sich. – Das Haus ist ja nagelneu, die Farben sind frisch, als ob man sie heute erst hingeschmiert hätte. Hier wohnt ja jemand! – Schweigend kam er näher, im Hause blieb aber alles still. Laut und wohltönend klangen die herrlichen Lieder der Nachtigallen, und wenn sie in Ermattung und Wonne zu ersterben schienen, hörte man das Rascheln und Zirpen der Grillen und das Schnarren eines Sumpfvogels, der mit seinem nassen Schnabel auf den grenzenlosen Wasserspiegel hieb. Lewko spürte in seinem Herzen eine süße Stille und Weite. Er stimmte die Laute, schlug die Saiten und sang:

»O du heitrer Mond,
Rote Abendglut
Leuchtet in das Haus,
Wo mein Mädchen ruht!«

Das Fenster ging leise auf, und dasselbe Köpfchen, dessen Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, blickte heraus und lauschte andächtig dem Gesang. Die langen Wimpern beschatteten die Augen. Das Gesicht war ganz bleich wie Leinwand, wie Mondschein; doch wie herrlich, wie wunderschön! Sie lachte auf . . . Lewko fuhr zusammen.

»Sing mir irgendein Lied, junger Kosak!« sagte sie leise, den Kopf auf die Seite neigend und die dichten Wimpern herablassend.

»Welches Lied soll ich dir singen, mein schönes Fräulein?«

Stille Tränen rollten über ihr blasses Gesicht.

»Bursche«, sagte sie, und etwas unsagbar Rührendes klang aus ihren Worten, »Bursche, finde mir meine Stiefmutter! Ich werde nicht geizen. Ich will dich belohnen. Ich werde dich reich und prächtig beschenken! Ich habe seidengestickte Gewänder, Korallen und Geschmeide. Ich werde dir einen mit Perlen bestickten Gürtel schenken. Ich habe auch Gold . . . Bursche, finde mir meine Stiefmutter! Sie ist eine furchtbare Hexe: ich hatte vor ihr keine Ruhe auf dieser Welt. Sie peinigte mich und ließ mich arbeiten wie eine gemeine Bauernmagd. Blick mir nur ins Gesicht: sie hat mit ihren unsauberen Zauberkünsten jedes Rot von meinen Wangen vertrieben. Blick nur meinen weißen Hals an: sie lassen sich nicht abwaschen, sie lassen sich niemals abwaschen, diese blauen Flecke, die von ihren eisernen Krallen kommen! Blicke meine weißen Füße an: sie sind viel gegangen, doch nicht auf Teppichen, sondern über glühenden Sand, über feuchte Erde und stechende Dornen! Und meine Augen, sieh nur meine Augen an, sie sind vor Tränen erblindet . . . Finde sie mir, finde sie mir, Bursche, finde mir meine Stiefmutter! . . .«

Ihre Stimme, die immer lauter klang, stockte plötzlich. Tränenströme rollten über ihr blasses Gesicht. Ein seltsam schweres Gefühl, voller Mitleid und Trauer, preßte dem Burschen das Herz zusammen.

»Ich bin für dich zu allem bereit, mein Fräulein«, sagte er in höchster Erregung, »aber wie und wo soll ich sie finden?«

»Sieh nur, sieh!« sagte sie schnell. »Sie ist hier. Sie spielt und tanzt auf dem Ufer mit meinen Mädchen den Reigen und wärmt sich im Mondlichte. Sie ist aber listig und schlau. Sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; ich weiß aber, ich fühle es, daß sie hier ist. Schwer und schwül ist es mir in ihrer Nähe. Weil sie hier ist, kann ich nicht mehr so leicht und frei wie ein Fisch schwimmen. Ich ertrinke und sinke zu Boden wie ein Stein. Finde sie mir, Bursche!«

Lewko blickte aufs Ufer: im feinen silbernen Nebel schimmerten Mädchen, so leicht wie Schatten, in weißen Hemden, so weiß wie die maiblumengeschmückte Wiese; goldene Ketten und Dukaten funkelten an ihren Hälsen; sie waren aber bleich; ihre Leiber waren wie aus durchscheinenden Wolken gewoben und leuchteten durchsichtig im silbernen Mondlichte. Der Reigen kam immer näher, und er konnte schon die Stimmen erkennen.

»Laßt uns das Rabenspiel spielen, laßt uns das Rabenspiel spielen!« Die Stimmen klangen wie das Rauschen des Schilfes am Ufer, wenn es in der stillen Dämmerstunde von den lustigen Lippen des Windes berührt wird.

»Wer soll aber der Rabe sein?«

Ein Los wurde geworfen, und eines der Mädchen trat aus dem Reigen hervor. Lewko betrachtete sie, ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz wie bei den anderen, man sah aber, daß sie ungern diese Rolle spielte. Die übrigen Mädchen stellten sich in einer langen Reihe auf und flohen vor den Angriffen des bösen Feindes.

»Nein, ich will nicht Rabe sein!« sagte das Mädchen mit ermatteter Stimme. »Ich bringe es nicht übers Herz, der armen Mutter die Küchlein zu nehmen!«

– Du bist nicht die Hexe! – sagte sich Lewko.

»Wer wird nun der Rabe sein?«

Die Mädchen wollten schon wieder losen.

»Ich werde Rabe sein!« meldete sich eine aus ihrer Mitte.

Lewko betrachtete aufmerksam ihr Gesicht. Schnell und kühn setzte sie den übrigen nach und wandte sich nach allen Seiten, um ihr Opfer zu erjagen. Da merkte Lewko, daß ihr Leib nicht so leuchtend war wie bei den anderen: ein schwarzer Kern war in der Helle zu sehen. Plötzlich erklang ein Schrei: der Rabe stürzte sich auf eines der Mädchen und packte es, und Lewko glaubte an ihren Händen Krallen und auf ihrem Gesicht eine boshafte Freude zu sehen.

»Die Hexe!« sagte er, auf sie mit dem Finger zeigend und sich nach dem Hause umwendend.

Das Fräulein lachte auf, und die Mädchen führten ihre Genossin, die den Raben gespielt hatte, schreiend fort.

»Womit soll ich dich belohnen, Bursche? Ich weiß, daß du kein Gold brauchst. Du liebst die Ganna; aber dein strenger Vater will es nicht haben, daß du sie heiratest. Nun wird er dich nicht mehr hindern können: nimm diesen Zettel und bring ihn ihm . . .«

Das Fräulein streckte ihm ihr weißes Händchen hin, und ihr Gesicht erstrahlte in wunderbarem Lichte . . . Mit unsagbarem Zittern und Herzklopfen griff er nach dem Zettel und . . . erwachte.

VI Das Erwachen

»War es denn nur ein Traum?« fragte sich Lewko, sich von dem Hügel erhebend. »Es war ja so lebendig wie im Wachen! . . . Seltsam, seltsam!« wiederholte er, sich umsehend. Der Mond, der gerade über seinem Kopfe stand, wies auf Mitternacht; rings war es still; vom Teiche kam ein kühler Hauch gezogen; über ihm erhob sich das alte traurige Haus mit den geschlossenen Fensterläden; Moos und Unkraut bezeugten, daß die Menschen es längst verlassen hatten. Er öffnete seine Hand, die er im Schlafe geballt hatte, und schrie vor Bestürzung auf, als er in ihr den Zettel gewahrte. »Ach, wenn ich doch lesen könnte!« sagte er sich, den Zettel hin und her wendend. In diesem Augenblick ertönte hinter seinem Rücken Lärm.

»Fürchtet euch nicht, greift zu! Was habt ihr Angst? Wir sind ja unser zehn! Ich möchte wetten, daß es ein Mensch und kein Teufel ist!« So rief der Amtmann seinen Begleitern zu, und Lewko fühlte sich plötzlich von mehreren Händen gepackt, von denen einige vor Angst zitterten. »Wirf mal endlich deine schreckliche Larve ab, Freund! Es ist genug, die Leute zu foppen!« sagte der Amtmann, ihn am Kragen packend. Plötzlich erstarrte er und glotzte mit seinem einzigen Auge. »Lewko! mein Sohn!« schrie er zurückweichend und die Hände sinken lassend. »Du bist es also, du Hundesohn! Du Teufelsbrut! Ich aber zerbreche mir den Kopf, welch ein Schelm, welch ein Teufel diesen Unfug treibt. Und nun stellt es sich heraus, daß du es bist, der wie ein Räuber die Straßen unsicher macht und Spottlieder verfaßt, ungekochter Haferbrei soll deinem Vater in der Kehle steckenbleiben! . . . So, so, Lewko! Was soll das heißen? Dir juckt wohl der Rücken? Bindet ihn!«

»Wart einmal, Vater, ich muß dir diesen Zettel übergeben«, sagte Lewko.

»Ich hab' jetzt keine Zeit für Zettel, mein Liebster! Bindet ihn!«

»Wart einmal, Herr Amtmann!« sagte der Schreiber, den Zettel entfaltend. »Es ist die Handschrift des Kommissärs.«

»Des Kommissärs?« wiederholten die Polizisten mechanisch.

– Des Kommissärs? Merkwürdig! Das ist noch unverständlicher! – dachte sich Lewko.

»Lies doch, lies«, sagte der Amtmann. »Was schreibt denn der Kommissär?«

»Laßt uns hören, was der Kommissär schreibt!« sagte der Schnapsbrenner, Feuer anschlagend, um seine Pfeife in Brand zu stecken.

Der Schreiber räusperte sich und begann zu lesen:

»›Befehl an den Amtmann Jewtuch Makogonenko. Es ist uns zu Ohren gekommen, daß du, alter Narr, statt die Steuerrückstände einzutreiben und Ordnung im Dorfe zu schaffen, ganz närrisch geworden bist und allerlei üble Dinge anstellst . . .‹«

»Bei Gott«, unterbrach der Amtmann den Schreiber, »kein Wort kann ich davon verstehen!«

Der Schreiber begann von neuem:

»›Befehl an den Amtmann Jewtuch Makogonenko. Es ist uns zu Ohren gekommen, daß du, alter Narr . . .‹«

»Halt, halt, es ist nicht nötig!« schrie der Amtmann. »Ich höre zwar kein Wort, aber ich weiß, daß es noch nicht die Hauptsache ist. Lies weiter!«

»›Aus diesem Grunde befehle ich dir, deinen Sohn Lewko Makogonenko unverzüglich mit der Kosakentochter Ganna Petrytschenko aus dem gleichen Dorfe zu verheiraten; ferner die Brücken auf der Landstraße auszubessern und ohne mein Wissen keine Gutspferde den jungen Herren vom Gericht zu geben, und wenn sie auch direkt aus dem Amte kommen. Wenn ich aber bei meiner Ankunft vorliegenden Befehl nicht ausgeführt finde, so wirst du dich dafür zu verantworten haben. Kommissär und Oberleutnant a. D. Kosjma Derkatsch-Drischpanowskij.‹«

»So!« versetzte der Amtmann, der mit offenem Munde dastand. »Hört ihr es, habt ihr es gehört? Der Amtmann ist für alles verantwortlich, und darum müßt ihr ihm gehorchen! Unbedingt gehorchen! Sonst dürft ihr es mir nicht übelnehmen . . . Und dich«, fuhr er fort, sich an Lewko wendend, »dich muß ich laut Befehl des Kommissärs verheiraten – obwohl es mich wundernimmt, wie er dies erfahren hat; zuvor wirst du aber meine Peitsche kosten! Kennst du die Peitsche, die bei mir an der Wand neben dem Heiligenbilde hängt? Ich will sie morgen instand setzen . . . Wo hast du den Zettel her?«

Lewko war trotz des Erstaunens über die unerwartete Wendung seiner Affäre vernünftig genug, sich eine Antwort zurechtzulegen und die Wahrheit über die Herkunft des Zettels zu verschweigen. »Gestern abend«, sagte er, »ging ich in die Stadt und begegnete dem Kommissär, der gerade in seinen Wagen stieg. Als er hörte, daß ich aus diesem Dorfe bin, gab er mir den Zettel und beauftragte mich, dir mündlich auszurichten, Vater, daß er auf dem Rückwege uns besuchen und bei uns zu Mittag essen wird.«

»Hat er das gesagt?«

»Ja, das hat er gesagt.«

»Habt ihr's gehört?« sagte der Amtmann, sich mit wichtiger Gebärde an sein Gefolge wendend. »Der Kommissär wird in eigener Person zu uns, das heißt zu mir, zum Mittagessen kommen. Ja!« Der Amtmann hob bei diesem Worte einen Finger in die Höhe und neigte den Kopf zur Seite, als lausche er auf etwas. »Der Kommissär, hört ihr es, der Kommissär wird bei mir zu Mittag essen! Wie glaubst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter, ist das nicht eine große Ehre? Wie?«

»Soweit ich mich erinnere«, sagte der Schreiber, »hat noch kein einziger Amtmann einen Kommissär bei sich zum Mittagessen gehabt.«

»Es gibt eben Amtmänner und Amtmänner!« sagte der Amtmann mit selbstzufriedener Miene. Sein Mund verzog sich, und aus seinen Lippen ertönte etwas wie ein schweres heiseres Lachen, das eher an das Dröhnen eines fernen Donners erinnerte. »Wie glaubst du, Herr Schreiber, sollte man nicht dem vornehmen Gast zu Ehren den Befehl geben, daß jedes Haus wenigstens ein Küken, meinetwegen auch noch etwas Leinwand und sonst noch was beistellt? . . . Wie?«

»Gewiß sollte man es, Herr Amtmann!«

»Und wann machen wir Hochzeit, Vater?« fragte Lewko.

»Hochzeit? Ich will dir die Hochzeit zeigen! . . . Aber dem hohen Gast zuliebe . . . soll euch der Pope morgen trauen. Hol' euch der Teufel: Soll nur der Kommissär sehen, wie prompt seine Befehle ausgeführt werden. Aber jetzt, Kinder, geht zu Bett! Marsch nach Hause! . . . Der heutige Fall erinnerte mich an die Zeit, wo ich . . .« Der Amtmann nahm bei diesen Worten die bekannte wichtige Miene an.

»Jetzt fängt der Amtmann gleich wieder zu erzählen an, wie er die Zarin begleitet hat!« sagte Lewko und eilte freudig mit raschen Schritten dem bekannten Hause unter den niedrigen Kirschbäumen zu. – Gott schenke dir ewige Seligkeit, gutes, schönes Fräulein! – dachte er bei sich. – Möge es dir vergönnt sein, in jener Welt ewig unter den heiligen Engeln zu lächeln! Keinem Menschen erzähle ich von dem Wunder, das mir in dieser Nacht geschehen ist; nur dir allein, Ganna, werd' ich es anvertrauen: du allein wirst mir glauben und mit mir für die Seele der unglücklichen Ertrunkenen beten! – Mit diesen Worten näherte er sich dem Hause. Das Fenster stand offen. Die Mondstrahlen fielen auf Ganna, die vor dem Fenster schlief. Ihr Kopf ruhte auf dem Arm. Die Wangen glühten sanft. Die Lippen bewegten sich und nannten kaum hörbar seinen Namen.

»Schlaf, meine Schöne! Träume vom Schönsten, was es auf der Erde gibt; aber auch der schönste Traum wird nicht schöner als unser Erwachen sein!« Er bekreuzigte sie, schloß das Fenster und ging leise fort. Nach einer Weile schlief schon das ganze Dorf. Nur der Mond allein schwebte strahlend und wunderbar durch die unermeßlichen Räume des herrlichen ukrainischen Himmels. Ebenso majestätisch atmete die Höhe, und die Nacht, die göttliche Nacht, verglühte in feierlicher Pracht. Ebenso herrlich lag die Erde in wunderbarem Silberglanze; aber niemand berauschte sich an diesem Anblick. Alles lag im Schlafe. Das Schweigen wurde nur ab und zu durch das Gebell der Hunde unterbrochen, und lange noch trieb sich der betrunkene Kalennik durch die schlafenden Straßen herum, immer noch auf der Suche nach seinem Hause.

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