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Karl Gutzkow: Eine Phantasieliebe - Kapitel 1
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authorKarl Gutzkow
booktitleDie Kurstauben
titleEine Phantasieliebe
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I

Wer in Italiens gegenwärtigen Kunstzuständen heimisch ist, wird Gelegenheit gehabt haben, dem unbestrittenen Ruhm einer Malerin zu begegnen, der deutschen Gräfin Imagina von Wartenberg.

Sie ist nicht etwa in den Galerien von Mailand, Florenz, Rom und Neapel anzutreffen, wo sie, wie reisende Engländerinnen, durch ihre Staffelei die berühmtesten, von ihnen kopierten Gemälde dem Publikum unzugänglich macht: vielmehr beruht ihr Ruf auf Originalität, auf Ursprünglichkeit und freier, unmittelbarer, nicht nachahmender Eingebung ihres Talents. Ihre Erfindungen sind allgemein gewürdigt. Und wenn sie auch bis zur Stunde noch in der Farbe zu keiner so großen Meisterschaft hat vordringen können, wie sie in der Zeichnung vorzüglich ist, so bewegt sich gerade ihre Stärke in jener Mittelsphäre zwischen Farbe und Kreide, wo man die bunten Reize der erstern nicht mehr vermißt, ja sie für eine Entstellung des Ahnungs- und Beziehungsreichen halten würde. In Blätterwerk, Arabesken, phantastischen Gruppierungen, hat diese zarte weibliche Hand so viel Liebliches hervorgebracht, daß man nur die sonderbare Scheu und Ängstlichkeit beklagen muß, mit welcher die deutsche Künstlerin ihre Arbeiten der Welt verschließt und nur selten, nur vor Personen, die ihr vertraut geworden sind, zu bewegen ist, ihre reichen, künftiger Bewunderung vorbehaltenen Mappen zu öffnen.

Gibt schon dieser Reiz des Geheimnisvollen der jungen schönen Frau einen doppelten Zauber, so steigert er sich vollends zum Märchenhaften, wenn man vertraut wird mit dem Lebensgang einer noch so jungen Existenz. Wenigen nur mag diese Gunst des Zufalls zuteil geworden sein. Daß Imagina von ihrem Gatten, dem Grafen von Wartenberg, geschieden ist, weiß alle Welt. Wegen einer an ihm begangenen Untreue behaupten einige, wegen eines Mißverständnisses andere. Das wahre Sachverhältnis ist in Wahrheit ein völlig anderes, wie die nachfolgenden Blätter beweisen werden. Nur so viel schicken wir voraus, daß die Annahme, beide Ehegatten wären nach einer auffallend kurzen Ehe, da Imagina katholisch und der Graf lutherisch ist, aus religiösem Zwiespalt getrennt worden, ganz in der Luft schwebt.

Imagina ist die Tochter des Freiherrn von Unruh, eines königlich preußischen Landrats in der Provinz Schlesien, Kammerherrn, Kapitäns außer Diensten und Ritters mehrer Orden, nicht verwandt mit jener Hauptlinie der Unruh, die sich mit ihren verschiedenen Verästelungen in Zedlitzens »Preußischem Adelslexikon« verzeichnet findet. Der Kapitän war seit manchen Jahren Witwer und hatte, noch während er in der aktiven Armee stand, sein einziges Kind einem Frauenkloster in der romantischen Grafschaft Glatz zur Erziehung überlassen, dann aber, als er nicht zur Landwehr als Major übergehen mochte, sondern die »Zivilversorgung« einer Landratsstelle vorzog, sein Kind zu sich kommen lassen und sie so gut erzogen, als es nach den Grundsätzen eines alten graubärtigen Säbelknopfes für »Gott, König und Vaterland« in den alten Tagen, wo es dem Militär noch sehr an Bildung mangelte, möglich war.

Freilich ergaben sich dadurch schroffe Gegensätze, was die Gesinnung anbelangt. Aber die Äußerungen dieser Gesinnung selbst betreffend, so war der Landrat damit einverstanden, daß Imagina auch ihrem Namen, Freiin von Unruh, durch die Tat Ehre machte. Was das Kind Wildes und von der Ordnung des Herkömmlichen Abweichendes trieb, war ihm in dem Falle, daß es nur mit seinen Gendarmen, den berittenen und unberittenen, in keine kriminelle Berührung führte, immer willkommen, wenn er auch selten den Sinn und die Absicht des wunderlichen Wesens, dessen Natur ausschließlich zum Träumerischen und Schwärmerischen hinneigte, erkannte. Der Landrat fühlte die Ironie nicht, daß er bei seinen Conduiten-, Personal- und Qualifikationsberichte über Offiziere und Beamte. Mortalitäts- und Moralitätslisten, bei seinen Viehseuchen- und Markttagevorschriften, seinen Paßreglements und Schubtransporten ein Kind erzog, das durch seine polizeiliche Ordnung wie ein Komet fuhr und die Poesie selbst war. Was ihm an jedem andern Bewohner seines Landratsbezirks würde verbrecherisch erschienen sein, als Störung mindestens der öffentlichen Ruhe und des Staatsgeleises, das lockte ihm bei seinem Kinde Tränen des heftigsten Gelächters hervor, Tränen, die ihm um so teurer zu stehen kamen, als er ihnen das größte, schmerzlichste Opfer seines Daseins bringen mußte, das des dampfenden Meerschaumkopfes, den er so lange, als er lachte, aus dem Munde nehmen mußte, welches letztere er kaum vor dem Oberpräsidenten tat, wenn dieser auf Inspektionsreisen von Breslau bei ihm vorsprach.

Aus dem reichen, träumerischen Jugendleben dieses Kindes wollen wir nur wenig Ereignisse hervorheben. Imagina sollte im dreizehnten Jahre zur Vollendung ihrer Erziehung, oder richtiger gesagt zum Beginn derselben und zur endlichen Zähmung ihrer Verwilderung, nach Breslau in eine Pension kommen. Da sie vor dieser Reise aber Furcht hatte, so machte es den Bedienten und Gendarmen ihres Vaters schon vor dem Tage der Abreise nicht wenig Mühe, das täglich flüchtig gewordene Mädchen aufzusuchen. Da man die Allgekannte in Wald und Feld immer wieder entdeckt hatte und mit militärischer Begleitung, natürlich immer im Scherz und mit heiterstem Anstand und einem tausendfachen: »Aber Frölen, aber Frölen!« wieder heimführte, so flüchtete sie sich zuletzt in eines ihrer Lieblingsverstecke, in die Gruben der Bergleute. Die Gegend im schönsten Teil des schlesischen Gebirges war reich an ergiebigen Schachten. Der Bergbau stand unter des Landrats besonderer Aufsicht. Die Grubenleute, die Unter- und Obersteiger waren in Bischofswalde, seinem Wohnort, heimisch, und jeder kannte Imagina, die dann wie ein Bergmannsknabe in weißen Pumphöschen, mit einem saubern kleinen Mützchen über die blonden Locken, kräftigem Fausthandschuh an der Rechten der zierlichen Hände, eine Laterne in der Linken, zu Schachte fuhr und stundenlang in den größten Kammern verweilen konnte, bis sie einige hundert Klafter tiefer auf einem kleinen Rollwagen wieder ans Tageslicht kam. Aus einer dieser Kammern, wo sie unter glitzernden darin aufgehäuften Metallseltenheiten, hinter einer Marmortafel, die zu Ehren des ersten Bebauers dieser ergiebigen Erzschichten dort aufgestellt war, einschlummerte, mußte sie erst hervorgeholt werden, um endlich den Wagen zu besteigen, der sie in die Pension führte.

Imagina glaubte alles, was die Bergleute von Schauerlichkeiten aus dem unterirdischen Reiche der Gnomen erzählten. Das aber, was sie an diesem wichtigen Tage, der einen Abschnitt ihres Lebens bildete, selbst gesehen haben wollte, übertraf noch die Geschichten selbst des ältesten der Steiger, der so vieles schon da unten gesehen hatte, so vieles unten vorauserlebte, was oben später erst zutraf. Imagina hatte deutlich gesehen, daß sich vor ihr eine weiche Tonschieferlage öffnete. Deutlich wußte sie, daß sie sich in der spärlich von ihrem Flämmchen erleuchteten unterirdischen Friedrich-Wilhelmskammer von ihrem Sitz, einem großen Basaltsteine, erhoben hatte und in diese Öffnung eingetreten war. Da war sie eine Weile gewandelt, langsam, heimlich. Die Wände zur Rechten und Linken wurden immer weiter und höher, blendender die Metalle, reicher die Adern, die quer über die Träumende hinwegliefen. Dann ward es heller und immer heller, und plötzlich fiel ein bläuliches Licht von oben hernieder, das bei weitem magischer, viel reiner schimmerte als oben der blaue Glanz des Himmels. Sie befand sich in einer Halle von wunderbarer Schönheit, wie es schien, in der Hauptsilberkammer des ganzen Gebirges. Die edelsten Erze hingen wie in Tropfsteingebilden von der hohen Decke, und von den schimmernden Metallblumen kam gerade, wie ihr schien, dieser blaue Glanz, der so tief ins Herz wie ins Auge stach. Sie zitterte vor wonnigem Weh. Diese Pracht hatte ihr sonst nur – im Traume möglich geschienen. Wie erstaunte sie erst, als ihre Augen immer heller und heller sahen und sich die Nebel weghoben wie von einem goldenen Throne, auf welchen sich ein Greis setzte mit silberflutendem Barte, diamantener Krone und flimmernd rieselndem Gewande. Das wußte sie gleich: das war der König Kobalt, von welchem sie schon so vieles erfahren hatte, dessen ganze Lebensgeschichte, Leiden, Freuden, Kämpfe und Siege sie kannte, mehr als man von Rübezahl weiß, dem Geist des Riesengebirges, der von dem Innern des Berges ausgeschlossen ist. Hier unten herrschte König Kobalt mit seinem Minister Nickel, den sie ebenfalls an dem Throne sah. Es war ein ganz klein Männchen, rötlichweiß, die Feder hinterm Ohre und mit vielen glänzenden Orden auf der Brust. Aber der blaue Glanz, der alles erhellte, der kam nicht von oben, nicht von unten, sondern der strahlte geradezu vom König Kobalt selbst aus, am meisten aber aus seinen himmlischblauen, ganz azurklaren Augen. Die Freude, die Lust, das bebende Entzücken dieses Anschauens dauerte leider nur zu kurz für Imagina. Denn bald ertönte ein dumpfes Rollen von fernher, wie ein anziehendes Gewitter nach langen, schwülen Sommertagen. Die Schläferin hielt sich an der Wand der sich verdunkelnden Halle fest, Blitze zuckten aus Öffnungen, die man nicht sah, aber hinterdrein rissen furchtbare Donner die Wände auf, und ganz düstere Abgründe, dunkelrote und gelbe Schlünde öffneten sich, und der Hof des Königs Kobalt mit seinem Minister Nickel und allen Geheimschreibern und Untertanen erglänzte nun ebenso feuerrot wie vorhin im lieblichsten Blau. Jetzt erst im grellroten Lichte konnte sie noch die Tausende von Zwergen und Geistern, die dem König Kobalt dienten, unterscheiden. Alle schwiegen feierlich gespannt. Denn im Hintergrund des gewaltigen Saales sah man ein Grauenbild eben aus der Tiefe auftauchen. Imagina wußte, wer dieser finstere Riesengeist mit einem Dreizack statt des Szepters und einer Rubinenkrone auf dem gelben Haupte war. Die qualmenden Dämpfe, die aus der Tiefe stiegen, hinderten sie nicht, den Fürsten der Hölle zu erkennen, der mit höhnischer Wut den König Kobalt und seinen Minister Nickel begrüßte. Doch blickten diese mit ruhiger Würde auf den fletschenden Fürsten der Hölle, der wie auf einer Muschel inmitten schäumender Gewässer saß. Diese Gewässer waren siedendheiß und spritzten dampfend empor wie aus einem tiefverborgenen Kessel. König Kobalt griff mit stillem Ernst in ein goldenes Kästchen, das ihm die Zwerge kniend darboten, und nahm kleine Pülverchen aus diesem Kästchen und schüttete sie in die glühenden Gewässer. Davon zischten sie auf, verbreiteten stärkende Dämpfe und brachen sich plötzlich sanft wallend Bahn durch die Öffnungen jener Schlucht, wo noch immer der Fürst der Hölle thronte. Nickel murmelte bei jedem Pulver, das König Kobalt aus dem goldenen Kästchen in die heißen Höllenwogen schüttete, den Namen von Städten, die Imagina bei ihrem bißchen Geographie dennoch schon gehört hatte. Als das hineingeworfene Pulver einen Schwefeldunst verbreitete und die davon geschwängerte Woge nach Westen durchbrach, murmelte Nickel den Namen der Stadt Aachen. Beim Geruch von salzsaurer Talkerde murmelte er: Baden-Baden. Als es nach einem neuen Pulver siedend aufzischte und Blasen warf, die den Geruch von Magnesia verbreiteten, vernahm Imagina deutlich den Namen Wiesbaden. So nacheinander hörte das wunderliche Mädchen in seinem Traum Karlsbad, Teplitz, Pfäffers und, als die Wogen sich abkühlten, Kissingen, Homburg, Pyrmont und viele andere, die ihr Gelegenheit gaben, durch König Kobalt und seinen Minister Nickel nützliche geographische Kenntnisse zu sammeln. Als sich die wilden Wasser verlaufen hatten, schickte sich auch der Höllenfürst an, sich mit rollendem Donner zu entfernen. Schon hatte er seine auffallend schöne und weiße Hand an seine Krone gelegt, um sich dem König Kobalt mit einem ironischen Lachen, das weit mit unzähligen Echos in den Bergen widerhallte, zu empfehlen, als der blaue Fürst sich von seinem Throne erhob und mit leiser Stimme »Halt!« rief. Dies »Halt!« eines guten Wesens wirkte soviel als alles schreckliche Gepolter eines bösen. Der Fürst der Hölle antwortete ehrerbietig und verwundert, was dem Könige Kobalt heute noch gefällig wäre. Dieser antwortete mit leidender, aber ruhiger Stimme (Imagina behauptete später, es ganz so gehört zu haben) folgendes:

»Fürst der Hölle, seit Jahrtausenden habe ich nun dein böses Treiben leidlich gesegnet und den Menschen auf der Erde einen schwachen Ersatz für deine Umtriebe gegeben, die ich leider befördern mußte. Du sendest die Gewässer der Hölle aus tiefen Bergkesseln in die Höhen und lockest den Abschaum der Menschheit an jene Stellen, wo deine Höllenarme auf den Erdenrand hervorbrechen, um durch die bösen Menschen die guten zu verführen. In den Badeörtern (bains oder bagni, ergänzte der diplomatisch gewandte Nickel) hausest du mit allen deinen bösen Kräften und lockest die Seelen in das Garn des ewigen Verderbens. Spieltische baust du auf, um die sich versammeln von Ost und West und Nord und Süd alle die, welche nur zu geneigt sind, das Schicksal für eine blinde Eingebung und kokette Laune des Zufalls zu halten. Mit unseren Metallen, mit den edelsten, verwirrst du die Menschenseelen, daß sie nur noch auf den Klang von Gold und Silber, nicht auf den Wohllaut ihres Gemütes hören. Geld ist leider der Ausdruck des Geltenden im Menschen, wie einmal die Erde oben geworden ist. Ist erst dieser moralische Halt schwankend, dann lassen auch alle anderen Bänder nach, welche die Sterblichgeborenen an Sitte und Tugend binden. Ehre wird weggeworfen oder auf eine lächerliche Spitze getrieben. Nach Schwertern wird gegriffen und gemordet. Die eheliche Treue ist nirgend gefährlicheren Proben ausgesetzt als in den Bädern, nirgend werden Verbindungen, die für das Leben dauern sollen, leichtsinniger geschlossen, nirgend gewissenloser wieder gelöst. Ein Sehnen und Schmachten nach diesen Tummelplätzen deiner Künste hat sich des ganzen jetzt oben an der Zeitenuhr aufgezogenen Jahrhunderts bemächtigt. Was nur Verderbliches ins Menschenleben eingreift (Nickel, der gemäßigt freisinnig war, bemerkte auch etwas von den Kongressen), geht von deinen hier heißen, dort abgekühlten Höllenarmen aus, die ich in meiner schwierigen Stellung als Herrscher des Zwischenreiches, ich, König Kobalt, dessen Dasein nur von höheren Schutzmächten garantiert ist, befördern muß durch meine segenbringenden Metalle. Oh, wie schmerzen mich diese Gesundheitspulver, die nur zur Anlockung der leidenden Menschheit in deine Kreise dienen müssen! Oh, wie fluche ich dir, daß diese guten und heilenden Kräfte nur den Zauber deiner glühenden Fangarme vermehren müssen!«

Imaginen – die ihren Vater oft von polizeiwidrigen Spielhöllen hatte reden hören und durch den Obersteiger die Natur der Heilquellen kannte – war es, als wenn der Fürst der Hölle darauf mit einer französischen gleichgültigen Phrase erwidert hätte, die sie auch nur wenig, trotz ihrer häuslichen Meidingerschen Selbstunterrichtsübungen, verstand.

Der gute König seufzte und fuhr fort: »Mag dies zwischen mir und dir ein Höherer entscheiden! Heute aber, Fürst der Hölle, verlang ich für die jahrhundertjährigen Dienste, die ich dir leistete, eine Gegengefälligkeit. Denn wisse, mein jüngster Sohn, Prinz Wismut, ist so weit herangereift, daß ich gesonnen bin, ihn auf die Oberwelt zu seiner ferneren Entwicklung zu schicken. (Imagina zuckte bei dieser Stelle, weil sie an ihre Pension dachte.) Menschlich wird er fühlen, menschlich leiden, wie dir bekannt ist, der du selbst so oft irdische Gestalt angenommen hast, um große Menschen, die, wie zum Beispiel Doktor Faust, durch die Umstände nicht zu bezwingen waren, persönlich zu verführen. Prinz Wismut wird, wie ich ahne und wie es seine metallische Natur mit sich bringt, nirgend lieber weilen als in den ewig verdammten Badeörtern, wo mein graues Haupt in Sorgen lebt, ihn von dir und deinen höllischen Geistern bedroht zu wissen. Wenn ich meinen teuern Sohn von mir gebe und ihn entartet wieder hier unten begrüßen müßte! Gib mir ein Zeichen deiner Dankbarkeit! Was willst du tun, um meinen Sohn zu retten?« – Der Fürst der Hölle verlangte das Signalement des jungen Prinzen. – »Nicht eher zeig ich ihn dir, bis du mir ein Unterpfand seiner sichern Erdenbahn gibst!« lautete des blauen Königs Antwort. Da räusperte sich der finstere Dämon in der immer dunkler werdenden Höhle und sagte: »Laß ihn ziehen! Weil du meine Bäder beschirmst und mir zu meinen verführerischen Taten daselbst durch chemische Bestandteile dienst, so will ich dir Bürgen geben für das Wohl deines Sohnes. Welche von meinen Geistern begehrst du als Unterpfand?« – »Gib mir zu Bürgen für meinen Sohn die sieben Todsünden!« sagte der für Imagina gut katholische König.

Ein fürchterlicher Schlag begleitete die Erwähnung dieser vorzüglichsten Gruppe aller Engel des Höllenreichs. Satan nickte: »Es sei!« Und in demselben Augenblick sah Imagina die Wand sich öffnen, und mitten aus einem Glanze, wie von durchsichtigen Topasen, mitten aus dem Schlinggewächs silberner Wurzeln und Ranken trat ein Jüngling von bleicher Farbe, in schwarzem altdeutschem Kleide, mit offenem Halse, eine Studentenmütze von rotem Sammet und mit silbernen Troddeln auf den langen braunen Locken, ein Jüngling, so sanft, so lächelnd, so hoheitsvoll.

Mehr hatte Imagina nicht mehr sehen, mehr nicht vernehmen können; denn gerade als Minister Nickel die Feder eintauchte, um mit der Hölle den Kartell Vertrag einer Auswechselung des Prinzen Wismut, der ganz einem jungen Grafen Henckel von Donnersmark, einem Prinzen Carolath glich, gegen die sieben Todsünden niederzuschreiben, da fand sich unsere Erlauscherin der Berggeheimnisse wieder auf dem etwas verlegenen Sofa ihres Vaters, der sie mit einigen Schock Donnerwettern aus ihrer elementarischen Welt aufschreckte und behauptete, man hätte sie schlafend aus dem Friedrich-Wilhelmsschacht ans Tageslicht gebracht. Der Wagen, der sie nach Breslau führen sollte, war schon gepackt. Der Kutscher Andres schwang die Peitsche, und der Gendarm Fritze, der in Breslau eine Meldung beim Polizeipräsidium zu machen hatte und sich ein neues Pferd kaufen wollte, weil er sein altes mit Vorteil an einen Gutsbesitzer verhandelt hatte, strich sich schon seit einer Stunde ungeduldig den Knebelbart, denn er sollte die Tochter seines Landrats als Sauvegarde Schutzwache in die Erziehungsanstalt einer Madam Milde begleiten. Als sie von der alten Haushälterin, von allen männlichen und weiblichen Dienstboten und besonders den guten Bergleuten mit Tränen entlassen, von ihrem Vater (der seine Rührung dadurch verbarg, daß er immer nur rief: »Na, ich seh dich bald in Breslau – na, ich seh dich bald in Breslau!«) mit einem einzigen Kuß gesegnet, neben dem Gendarmen Fritze saß, konnte sie nicht begreifen, wie sie so plötzlich aus dem Reiche des Königs Kobalt in die preußische Wirklichkeit versetzt war. Nur die heiligen Bilder und Kapellen am Weg, vor denen das fromm katholische Mädchen nie den andächtig verneigenden Gruß unterließ, machten ihr möglich, sich von dem, was sie erlebt hatte, endlich zu sammeln.

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