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Xenophon: Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwürdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleSokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates
pages1-114
sendergerd.bouillon
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An den Leser.

Ich berge nicht, daß ein Seitenblick auf die Wolken des Aristofanes mich bestimmt hat, einige der interessantesten Gespräche des Sokrates aus Xenofons Sokratischen Denkwürdigkeiten auszuheben und in diesem IIIten B. des Attisch. Mus. auf meine Uebersetzung der Wolken folgen zu lassen. Ich setze voraus, was unter den Gelehrten ziemlich ausgemacht scheint, daß man die dem Sokrates eigene Manier zu filosofieren und zu konvergieren aus Xenofons Apomnemoneumen zuverläßiger als aus Platons Dialogen kennen lerne; wiewohl ich nicht zweifle, daß auch Xenofon uns öfters mehr den Geist als die Worte seines Meisters gegeben, und nicht selten, theils unvorsetzlich theils wissentlich, von dem Seinigen dazu gethan habe.

Meine Art zu übersetzen ist bekannt. Sie hat ihr Gutes und Böses, wie alle menschlichen Dinge, und zwar so, daß jenes ohne dieses nicht zu erhalten ist. Ich bleibe aber bey ihr, weil ich überzeugt bin, daß sie, für mich wenigstens, die beste ist; auch wünsche ich von meinen Uebersetzern nicht anders behandelt zu werden, als wie ich den Horaz, Lucian und Aristofanes behandelt habe, und nun auch den Xenofon behandeln werde. Ich umschreibe zuweilen, wo andere sich knapper ans Original halten, und wo andere umschreiben, übersetze ich oft so wörtlich als es die Sprache nur immer erlauben will; beydes weder aus Eigensinn oder Laune, noch der Bequemlichkeit wegen, sondern weil ich es so für recht halte. Ich könnte für jede Periode, jede Zeile, jedes gewählte Wort meine Gründe angeben, und es würde, schon bey einem einzigen der folgenden Gespräche, ein dickes Buch daraus werden, das mir niemand zu schreiben zumuthen wird, wie ich Niemandem zumuthen möchte es zu lesen, – wiewohl es am Ende doch für Anfänger, und selbst für manche Beurtheiler, nicht ganz ohne Nutzen sein dürfte. Die zwey Hauptregeln, die ich immer zu beobachten suche, sind: 1) Mich nie von den Worten, und Redensarten, den Stellungen und Wendungen, dem Periodenbau und dem Rhythmus meines Autors καδδυναμιν zu entfernen, als wo und so weit es mir entweder die Verschiedenheit der Sprachen, oder mein letzter Zweck, – von dem Sinn und Geist einer Stelle nichts, oder doch so wenig als möglich, bey meinen Lesern verlohren gehen zu lassen – zur unumgänglichen Pflicht macht; aber auch 2) so oft dies letztere der Fall ist, oder mir zu seyn scheint, (denn wer ist in seinem Urtheil, zumahl wo es oft aufs bloße Gefühl ankommt, unfehlbar?) mir nicht das geringste Bedenken daraus zu machen, wenn ich auch eine oder zwey Zeilen nöthig haben sollte um das zu sagen, was der Grieche oder Römer mit zwey oder drey Worten gesagt hat. Warum ich übrigens weder deutschgriechisch noch griechischdeutsch schreibe, bedarf hoffentlich keiner Rechtfertigung.

Soviel von der Uebersetzung. Ueber die folgenden Dialogen selbst, (besonders in Rücksicht auf die geistige Hebammenkunst, auf welche Sokrates sich soviel zu Gute that) halte ich meine Gedanken noch zurück; theils weil ich gewöhnlich gern zuletzt votiere, theils weil ich es für recht und billig halte, daß dem Leser sein Urtheil frey gelassen werde. Nur möchte ich denen, die mit Sokrates und Xenofon nicht schon von langem her in genauer Bekanntschaft stehen, rathen, mit ihrem Endurtheil so lang' als möglich zurückzuhalten.

W.

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