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Michail Alexejewitsch Kusmin: Die hohe Kunst - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorMichail A. Kusmin
booktitleFlorus und der Räuber
titleDie hohe Kunst
publisherAlexander Verlag
illustratorPeter Tiepelmann
year1990
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090210
projectid95f83167
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Michail A. Kusmin

Die hohe Kunst

Ich kannte Konstantin Petrowitsch oder Kostja Schtschetinkin von der Gouvernementsstadt her, als er noch Gymnasiast war. Ich kann nicht behaupten, daß ich mit ihm besonders intim verkehrt hätte, aber der Hof und der langgestreckte Obstgarten meiner Tante grenzten an das Haus der Schtschetinkins, und meine kleinen Vettern und Basen spielten gerne mit dem lustigen und ausgelassenen Nachbarsjungen. Es ging natürlich nicht ohne Streitigkeiten ab, diese wurden aber entweder von der Hausmeistersfrau und Köchin Mawra oder vom Kutscher Luka geschlichtet und kamen nur in ganz außergewöhnlichen Fällen vor meine Tante, die es bei ihrem leichtsinnigen und gleichmütigen Charakter mit freundlicher Nachgiebigkeit verstand, alle Reibungspunkte zu beseitigen, die bei anderen Eltern unvermeidlich zu Familienzwisten geführt hätten. Kostja war wohl ein weder besonders guter noch besonders schlechter Junge; er war lebhaft, gar nicht dumm, rothaarig, stupsnasig und immer zerzaust; da ich in die Stadt nur in den Sommerferien kam, sah ich ihn immer mit Sommersprossen auf dem gebräunten Gesicht und in einer schmierigen Jacke mit durchgewetzten Ellenbogen.

Tantchen siedelte bald nach Moskau über, da die Kinder heranwuchsen und sie an ihre weitere Erziehung und Ausbildung denken mußte; da sie für mich aber das einzige Bindeglied mit der Provinz war, vergaß ich allmählich unsere Stadt und dachte natürlich fast nie mehr an den rothaarigen Kostja.

So vergingen an die acht Jahre; die Sommermonate, die ich einst im sonnendurchglühten Hause an der Wolga zu verbringen pflegte, traten bald in die schöne Vergangenheit zurück und kamen mir beinahe als zu meiner Kindheit gehörend vor; die unruhigen Jahre des neuen russischen ›Zerfalles‹ zogen vorbei, alle erwachten gleichsam aus dem Schlafe, drehten sich aber nur auf die andere Seite um und schnarchten ruhig weiter; viele Personen waren von der Oberfläche verschwunden, an ihrer Stelle waren neue aufgetaucht, und auch ich selbst hatte mich im Zuge der Zeit verändert, als der unerwartet von jemand genannte Name Schtschetinkin mich auffahren ließ und mir vieles aus der Vergangenheit in Erinnerung brachte.

Eine liebe, unwiederbringliche Wärme wehte mich an; ich mußte an meine inzwischen verstorbene Tante denken, an den langgestreckten Obstgarten und an viele andere Dinge, an denen Kostja selbst zwar nicht beteiligt war, mit denen er aber doch irgendwie zusammenhing. Außerdem erregte mein besonderes Interesse der Umstand, daß ich seinen Namen in einem Kreise hörte, wo ich es am wenigsten erwartet hätte, und dazu noch in einem überraschenden Zusammenhang. Ich erinnere mich noch, daß es beim Schriftsteller Adventow war und daß man von Schtschetinkin als von einem jungen hoffnungsvollen Dichter sprach. Die Ansichten teilten sich und prallten hart aneinander, was fast immer ein Beweis für die Bedeutsamkeit einer Erscheinung ist. Nach wenigen Fragen stellte ich fest, daß der vielversprechende Dichter jener selbe Bengel war, den ich bei meiner Tante so oft beim Diebstahl unreifer Äpfel ertappt hatte. Um so mehr interessierte es mich, zu sehen, was aus ihm geworden war. Und als ich einmal im gleichen Hause, in dem ich um jene Zeit häufig verkehrte, hörte, daß unter den Anwesenden sich der junge Schtschetinkin befinde, blickte ich mit doppeltem Interesse auf den rothaarigen, immer noch zerzausten Jüngling mit den blendend weißen Zähnen, die er jeden Augenblick beim Lächeln sehen ließ. Ich erkannte ihn sofort, und als er mir bei der Vorstellung seine kleine, wie eine Gänsepfote rote Hand reichte, sprach ich ihn wie einen alten Bekannten an. Als er seine Schüchternheit abgelegt hatte, erkannte ich in ihm den alten lebhaften, beweglichen und anscheinend gar nicht dummen Jungen. Alle Freunde äußerten sich lobend über seine graziöse, pikante und außerordentlich originelle Begabung; dieses Urteil fand ich auch von den Versen bestätigt, die er bei dieser Gelegenheit rezitierte. Man sagte mir, daß er auch eine Prosa in der gleichen Art schreibe: leicht, ein wenig ironisch, amüsant und in keiner Weise langweilig, was bei unserer russischen Schwerfälligkeit, die sich für verpflichtet hält, in Tschechowsche Neurasthenie zu verfallen oder sie wiederzukäuen und sich höchstens zu einem nicht immer angebrachten juvenalischen Pathos aufschwingen kann, kein geringes Verdienst ist. Mit einem Wort, ich gesellte mich gern zum Kreise derer, die weder grüne Jungen waren, um über alles hochmütig die Nase zu rümpfen, noch ältliche Snobs mit Generalston und Schulmeistermiene, sondern die mit einer gewissen Vorsicht, doch ohne übertriebenes Mißtrauen die sich zusehends entwickelnde Begabung Konstantin Petrowitschs anerkannten. Außerdem interessierte er mich im persönlichen Verkehr auch als Mensch: es schien mir aus irgendeinem Grunde, daß er zu dem neuen Menschentypus gehörte, dem man – ob zum Vorteil oder Nachteil der Menschheit, ist eine andere Frage – immer öfter begegnet. Er war durchaus kein Träumer, aber auch kein stumpfer Positivist und schien sich gar nicht mit den großen Problemen abzugeben, hatte aber für alle zeitlichen und konkreten Lebensfälle fertige, zuweilen widerspruchsvolle, aber immer präzise und bestimmte Antworten auf Lager. Er war äußerst fleißig und gewissenhaft, dabei aber nicht stumpf, sondern temperamentvoll und von viel Geschmack und Appetit für das Leben beseelt. Er verhielt sich allen Dingen gegenüber gleichmäßig, was ihm natürlich manche Beschuldigung der Prinzipienlosigkeit zuzog, die ihm die Vertreter der verschiedensten Ansichten nicht verzeihen konnten. Diese praktische (natürlich nicht auf selbstsüchtigen Motiven beruhende) Auffassung von den Dingen, diese Sachlichkeit und die Fähigkeit, seine Beziehungen zu den Dingen immer nur auf den gegebenen Fall zu beschränken, eine gewisse Herzlosigkeit, die sich mit Herzlichkeit und Beweglichkeit paarte, erschienen mir höchst bedeutungsvoll. Ich wäre bereit, Schtschetinkin für einen starken Charakter zu halten, wenn die weitere Entwicklung seines Schicksals meine Erwartungen nicht aufs grausamste getäuscht hätte. Diese Entwicklung war übrigens weniger seiner Schwäche zuzuschreiben als dem Einfluß einer Person von entgegengesetzten Bestrebungen und Stimmungen, die aber mit ihm eng genug verbunden war, wie es der Leser aus dem Folgenden bald ersehen wird.

Es verstrich indessen ziemlich viel Zeit, und das Schicksal fügte es so, daß ich Schtschetinkin irgendwie aus dem Gesicht verlor; ich hatte nämlich große persönliche Unannehmlichkeiten und befand mich außerdem in einer eigenen Stimmung, die mich zur Einsamkeit und Arbeit anhielt, so daß ich ganz zurückgezogen lebte und nur einen kranken Freund, der in einem Militärlazarett lag, besuchte und an Abenden zu einer befreundeten Familie hinaufging, die im gleichen Haus wohnte, bei der ich friedliche Unterhaltung und aufrichtige Zuneigung fand, die mir über manchen schwierigen Augenblick hinweghalfen. Aber auch aus meiner Weltabgeschiedenheit heraus verfolgte ich die literarische Entwicklung meines neuen Freundes und sah mit Vergnügen, daß er, zwar ohne Siebenmeilenstiefel zu besitzen, immerhin rüstig und unentwegt seinen eigenen Weg ging. Und als meine seelische Unruhe sich gelegt hatte und ich wieder anfing, aus meiner freiwilligen Klausur unter Menschen zu kommen, erfuhr ich eines Tages, daß Schtschetinkin geheiratet hatte. Wen er geheiratet hatte, vermochte man mir nicht genau zu sagen, da seine Frau nicht unseren Gesellschaftskreisen angehörte; sie hieß aber Soja Nikolajewna, was natürlich noch gar nichts besagte. Die Nachricht nahm ich ziemlich gleichgültig auf, denn ich war wohl überzeugt, daß der junge Mann selbst sehr gut wisse, was er tue, und daß er ein genügend vernünftiger und praktischer Mensch sei, um sich zu keinem unbedachten Schritte hinreißen zu lassen. Er hatte also geheiratet – was kümmerte mich das? Offenbar hat es so kommen müssen.

*

In jenem Jahr (1907/1908) war der Winter außerordentlich kalt und wie aus einem Guß; so wie die Fröste im November eingesetzt hatten, hielten sie, ohne vom normalen Petersburger Tauwetter unterbrochen zu werden, ganze zwei Monate an; an einem solchen Abend, als die Pferde und die in Pelze gehüllten Menschen nur so dampften und aus allen Schornsteinen der bei Mondlicht hellblaue Rauch aufstieg, als an den Straßenecken in eisernen Körben Holzfeuer brannten und jede Menschenwohnung so gemütlich und lustig erschien, als die Newa, der Schnee, der Himmel und die von Puschkin besungene ›Nadel‹ der Admiralität in blauem Lichte lagen, als der Schnee unter den Schlitten knirschte und auf den Biberkragen silberner Rauhreif schimmerte, entschloß ich mich, meine Klause zu verlassen, um ein ziemlich entlegenes Theater aufzusuchen, wo die Premiere des Stückes eines mir bekannten und in unseren Kreisen als vollkommen geltenden, aber dem großen Publikum noch zweifelhaft und riskant erscheinenden Meisters stattfinden sollte. Ich ging ohne besondere Lust hin, da ich in den Schoß der Gesellschaft noch nicht völlig zurückgekehrt war, aber die Aussicht, einige meiner lieben Bekannten aus der Ferne zu sehen, gewährte mir ein gewisses Vergnügen.

Schon im Vestibül, noch ehe ich den Mantel abgelegt hatte, traf ich eine ganze Reihe Bekannter, und als ich mir den Weg zu meinem Platz bahnte, wurde ich von Konstantin Petrowitsch selbst angehalten. Er stellte mich seiner Gattin vor, einer recht hübschen, schlanken Dame mit feinen, etwas trockenen Gesichtszügen, großem Mund und strohblonden Locken. Sie war elegant, wenn auch etwas zu originell gekleidet; auch Schtschetinkin selbst sah ein wenig stutzerhaft aus. Sie sagte mir gleich, daß sie, ohne mich persönlich zu kennen, viel von mir gehört habe; ich dachte mir, daß dies eine der üblichen Phrasen sei, die ich von einer dem Aussehen nach so originellen Person gar nicht erwarten durfte; als sie aber ihren Mädchennamen nannte, überzeugte ich mich, daß sie recht hatte: daß sie mich wirklich kennen konnte, daß ich sie jedenfalls gut kannte und ihr schon einmal begegnet war.

Soja Nikolajewna Gorbunowa, eine der sechs Töchter unseres früheren Vize-Gouverneurs, war in unserer Stadt vor Jahren wegen ihrer Klugheit, Koketterie und ihres freien Benehmens in aller Munde.

Wenn man Geld, eine angesehene Position und auch noch den Willen dazu hat, so ist es gar nicht schwer, in unserer Provinz in aller Munde zu sein: eine flüchtige Bekanntschaft mit vier modernen Literaturen, einige kindliche, durchaus unschuldige, doch oft geschmacklose Streiche zum Entsetzen der friedlichen Bürger, ein gewisser atavistischer George-Sandismus, die Verbindung einer englischen ›wahnsinnigen Jungfrau‹ mit einem ›Gamin‹, ein wenig Blaustrumpf und sehr viel ›Regimentsfräulein‹: das alles macht diesen neuen Typus der Zentauresse zu einem recht unerträglichen. Fräulein Gorbunowa war übrigens wirklich recht gebildet, beherrschte mehrere Sprachen und verstand auch von ihrer Muttersprache ausgiebigen Gebrauch zu machen. Dieser ganze äußere Glanz war zwar durchaus zweiter Güte, schien aber in der Langeweile des Provinzlebens hervorragend und war in der Tat, wenn auch nicht blendend, so doch, in nicht allzu großen Dosen genossen, belustigend. Soja Nikolajewna betrieb alles mit der gleichen Energie: Poesie, Gesang, Sport, Porzellanmalerei und Bühnenkunst; es wollte ihr aber immer nicht gelingen, ›sich selbst zu finden‹.

Ich muß gestehen, ich hatte geglaubt, daß sie fürs Heiraten geschaffen sei; aber ich hätte mir niemals vorstellen können, daß ihre Wahl auf Kostja Schtschetinkin, diesen für sie wohl viel zu unscheinbaren und bescheidenen jungen Mann, fallen würde.

Dies alles dachte ich während der Aufführung des Stückes, das sich als recht langweilig erwies, so daß ich mich wie über die Aufnahme, die es beim Publikum fand, so auch über den Autor selbst ärgern mußte, der mir nicht das Recht gab, mich über die Verständnislosigkeit des Publikums zu empören.

Ich beobachtete die in meiner Nähe sitzenden Schtschetinkins und fand in Soja Nikolajewnas Figur, ihrem Gesicht und ihren Manieren etwas von einer Polin oder genauer gesagt von einer Russin, die sich als Polin gibt.

In den Pausen hatte ich nicht Gelegenheit, mit dem jungen Paar zu sprechen, und wir lächelten uns nur freundlich zu, wenn wir aneinander vorbeigingen. Doch beim Abschied nahm mir Soja Nikolajewna das Versprechen ab, sie in der allernächsten Zeit zu besuchen.

Es zeigte sich, daß ich die neue Dame der Literatur nicht ganz gerecht beurteilt hatte. Nach dem Eintritt in die Ehe hatte sie ihre Passionen nicht nur nicht aufgegeben, sondern ihr ganzes Interesse, unter Verzicht auf alle anderen Künste, der Dichtkunst allein zugewandt; sie tat überhaupt nichts anderes, als sich mit Plänen zu ihren künftigen Werken herumtragen. Von allen Seiten hörte ich Lobhymnen auf ihre Schönheit, auf ihren gar nicht weiblichen Geist, ihre Begabung und vor allen Dingen auf ihre ›Ansteckungskraft‹. Man sagte, sie habe einen so großen Vorrat an Enthusiasmus, daß sie damit ihre ganze Umgebung versorgen und anstecken könne. Alle ihre Theorien, Erörterungen und Schwärmereien galten der Idee der ›hohen Kunst‹, was ich mit der ganz entgegengesetzt ausgeprägten Begabung ihres Gatten gar nicht in Einklang bringen konnte. In der ersten Zeit hielt er sich ganz im Hintergrund und ließ Soja Nikolajewna nach Herzenslust reden; ich sage: ›reden‹, weil niemand ihre Werke selbst kannte; man glaubte ihr sozusagen auf Kredit. Wer hat sich aber noch nie geirrt? Vielleicht war auch ich im Unrecht, als ich sie nur für eine sezessionistisch angehauchte Vizegouverneurstochter hielt, während sie in Wirklichkeit ein strahlender Stern am Firmament war?

*

Damals gab es noch nicht die vielen schreibenden Damen, und wenn auch zuweilen Dichterinnen mit rumänischen oder spanischen Pseudonymen auftauchten, so beruhten diese letzteren auf verlagsbuchhändlerischen oder auch auf ganz anderen Erwägungen. Für Soja interessierte sich jedenfalls jeder, der nicht gar zu faul war und genug freie Zeit hatte, um sich in fremde Angelegenheiten zu mischen. Auch ich entschloß mich, es diesen lieben Menschen gleichzutun, um das Rätsel der so unmöglich scheinenden Verbindung der für die ›hohe Kunst‹ schwärmenden Frau Schtschetinkina mit dem praktischen Kostja zu ergründen.

Nachdem ich durch den Theaterbesuch eine Bresche in meine Einsamkeit geschlagen hatte, konnte ich nicht mehr zurück und hatte keinen Vorwand mehr, den Besuch auf der Wassiljew-Insel, wo sich die jungen Schtschetinkins niedergelassen hatten, hinauszuschieben. Ich wählte mir einen freien Tag und begab mich in der Abenddämmerung, den Mantelkragen bis über die Nase aufgestülpt, aus meiner taurischen Randzone in die andere. Das junge Paar hatte sich sehr gut eingerichtet: die Wohnung war weder zu klein noch in einem zu hohen Stockwerk gelegen und mit Lift, elektrischem Licht und jedem Komfort ausgestattet. Als ich schon im Vorzimmer die Möbel im modernsten Stil, die Zofe im gleichen Stil und mehrere kleine Veilchensträuße gewahrte, sagte ich mir, daß der praktische Kostja wohl gar nicht so leichtsinnig gehandelt hatte und daß, wenn dieser ganze Wohlstand von der Vizegouverneurstochter mit in die Ehe gebracht worden sei, er alle ihre Redensarten von der hohen Kunst mit in Kauf nehmen dürfe, um so mehr, als ihre Verse und Romane vorerst nur eine leere Drohung darstellten, da sie alle diese Werke nicht nur niemals zum besten gab, sondern auch noch nicht in Angriff genommen hatte; die Veilchensträuße, die finnische Zofe mit dem Häubchen und alles andere war aber greifbar und vorhanden. Die Stunde meines Besuches sowie auch meine Pünktlichkeit waren Soja Nikolajewna bekannt; wohl aus diesem Grunde empfing sie mich in einem Negligé (vielleicht war es auch ein Kleid), mit einem englischen Büchlein in der hübschen Hand auf dem Sofa liegend. Sie sprach anfangs etwas müde und verträumt, kam aber allmählich in Feuer und begann Ansichten zum besten zu geben, wie ich sie von ihr auch, nach allem, was ich gehört, erwartet hatte; ich erlag zwar nicht der Ansteckung, gewann aber die Überzeugung, daß sie einen Menschen wohl anstecken, jedenfalls aber halbtot reden könne. Schtschetinkin, der etwas später erschien, war nett, aber schweigsam; erst als er mich ins Vorzimmer begleitete und mir versprach, mich in den nächsten Tagen aufzusuchen, erstrahlte sein Gesicht wieder in einem sorglosen und lebensfrohen Lächeln.

Irgend etwas mißfiel mir bei dem jungen Paar. Die Veilchensträuße, das Negligé, das Sofa, das englische Buch und die ›Ansteckung‹ erschienen mir etwas komisch und gemacht, obwohl ich zugeben muß, daß, wenn das Ganze vielleicht auch inszeniert und wohlberechnet war, jeder Mensch doch das Recht hat, in einem seiner Ansicht nach möglichst vorteilhaften Lichte zu erscheinen. Vielleicht war ich auch nur aus dem Grunde mißgestimmt, weil ich mich nach meiner Weltabgeschiedenheit an den Verkehr mit Menschen noch nicht recht gewöhnt hatte. Alles ist möglich; ich vergaß bald diesen Eindruck, um so mehr, als Kostja, wenn er mich allein besuchte, der frühere lebenslustige, sorglose, praktische und energische Junge war. Ihn selbst zu fragen, worauf diese unwahrscheinliche Verbindung beruhe, hielt ich für taktlos; das Schicksal selbst machte mich aber bald aus einem entfernten Beobachter zu einer gewissermaßen handelnden Person in dieser vielleicht nicht besonders interessanten, aber immerhin genügend lehrreichen Geschichte, das heißt weniger zu einer handelnden als zu einer beratenden, ›kundigen‹ Person.

Obwohl es mir bei den jungen Schtschetinkins nicht sonderlich gefiel und ich durchaus nicht die Absicht hatte, einen regen Verkehr mit ihnen anzubahnen, wurden meine äußeren Beziehungen nicht nur zu Kostja, sondern auch zu seiner Gattin dadurch nicht beeinflußt; ich bekam von ihr oft Briefe, denn sie war nebenbei auch eine eifrige Briefschreiberin. Schtschetinkin besuchte mich recht oft und besprach mit mir seine schriftstellerischen und manchmal auch sonstigen Pläne. Einmal wandte er sich an mich mit der Bitte, ihm irgendeine Arbeit zu verschaffen. Obwohl ich mich angesichts des sichtbaren Wohlstands, in dem Kostja lebte, hätte wundern müssen, wozu er die langweilige und nicht sehr dankbare Übersetzungsarbeit (die einzige, die ich ihm verschaffen konnte) brauchte, fragte ich ihn nicht nach seinen Gründen, denn ich sagte mir, daß der Wohlstand vielleicht ausschließlich die Sache seiner Gattin sei und daß es daher natürlich wäre, wenn der junge Mann den Wunsch hätte, auch über eigene, wenn auch bescheidene Mittel zu verfügen. Ich konnte seine Bitte ohne besondere Schwierigkeiten erfüllen, da ich mich für berechtigt hielt, unseren Dichter als einen nicht unbegabten, fleißigen und, was in diesem Falle besonders wichtig war, pünktlichen Menschen zu empfehlen.

Meine neuen Freunde forderten mich mehr als einmal auf, bei ihnen einmal ganz ›sans façons‹ zu Mittag zu essen, und ich hielt es nicht für gut möglich und sogar für unfreundschaftlich, auf dieses Zeichen einer anscheinend aufrichtigen Zuneigung nicht einzugehen. Der Verkehr mit mir versprach ihnen weder praktische Vorteile noch besondere Freuden, also durfte ich annehmen, daß sie mich durchaus selbstlos in ihr Herz geschlossen hatten. Obwohl solche, auf keiner bestimmten Ursache beruhenden Gefühle oft und sogar meistens von kurzer Dauer sind und allerlei unerwarteten Launen des Schicksals unterliegen, so daß ich sogar der Ansicht bin, daß eine wirklich dauerhafte Zuneigung niemals ganz grundlos ist und daß sich hinter der scheinbaren Grundlosigkeit immer irgendein kleiner, dummer und daher unausrottbarer Grund verbirgt – machte ich mir in diesem Falle nicht zuviel Gedanken und begab mich zu der fernen Insel. Die Tage waren indessen länger geworden, und rötliches Abendlicht durchflutete das Speisezimmer der Schtschetinkins, als mich Soja Nikolajewna und Kostja empfingen. Das ›einfache‹ Mittagessen war recht raffiniert und offenbar wohlvorbereitet, was die Gastgeber auch gar nicht bestritten. Wenn in der ganzen Aufmachung, im Menü, in der Grandezza, mit der das Mädchen servierte, ein gewisser Zug ins ›Bürgerliche‹ lag, war die Unterhaltung doch recht ungezwungen, freundschaftlich und hatte einen gewissen philosophischen Anstrich. Wir sprachen über die Lage der jungen Schriftsteller, namentlich der sogenannten Modernisten, wobei Frau Schtschetinkina sehr pessimistische Ansichten äußerte. Sie behauptete, daß kein Mensch sich aus uns etwas mache, daß wir, wie sehr wir uns auch bemühen, nirgends Verständnis finden können und zum Hungertode, wenn nicht zu einer parasitischen Existenz verurteilt seien; daß wir ›Wahnsinnige‹, ›Propheten‹ und weiß Gott was noch wären und aus diesem Grunde das Recht hätten, wenn es uns gefiele, anders als alle Leute zu leben, uns zu kleiden, zu sprechen und zu handeln (was bei dem aufgetragenen Mittagessen recht pikant anzuhören war). Kurz und gut, es waren die mir hinreichend bekannten Redensarten, die aber aus dem Munde einer literarischen Dame unserer Kreise doch etwas eigentümlich klangen. Als ich merkte, daß die Beredsamkeit Soja Nikolajewnas auf Kostja, der gleichsam eingeschrumpft war, einen deprimierenden Eindruck machte, versuchte ich zuerst, ihre Behauptungen, so gut ich es konnte und wie ich es für richtig hielt, zu widerlegen, entschloß mich aber dann, das Gespräch auf erquicklichere Dinge zu bringen, und begann, Konstantin Petrowitsch über seine nächsten literarischen Pläne auszufragen. Er wurde gleich etwas lebhafter und antwortete, daß er erst die Übersetzung, die ich ihm vermittelt hatte, fertig machen wolle und dann dies und jenes vornehmen werde. Soja Nikolajewna schien die Worte ihres Mannes zu überhören, sie unterbrach ihn und begann mit großer Begeisterung von einem neuen Plan des Dichters zu sprechen, den er mir verschwiegen hatte. Das Thema war außerordentlich erhaben, halb theosophisch, abstrakt, und schien viel besser zu der Sprechenden selbst zu passen als zu Schtschetinkin, [Bild] der wie ein Schuljunge rot geworden war. Er tat mir so leid, daß ich mich scheute, ihn um weitere Aufklärungen zu bitten; aber Kostja selbst beeilte sich, die von seiner Frau über seine Arbeit gemachten Mitteilungen zu bestätigen. Natürlich bat ich ihn, mir etwas aus dem neuesten Werk, falls es schon lesbar sei, vorzulesen, worauf er ohne besondere Lust einging und erklärte, daß die Arbeit ihm große Sorge mache und wahrscheinlich nicht gut geraten werde. Aber auf das Drängen Soja Nikolajewnas trug er schließlich doch einige Bruchstücke vor, die mich tatsächlich auf traurige Gedanken brachten. Ich wäre sogar niemals darauf gekommen, daß dieses verschwommene Werk von unserem Freund herrührte; selbstverständlich war es nicht absolut talentlos, denn hie und da kamen unerwartete Bilder, Reime und amüsante Gedanken vor, aber sie paßten in das Ganze wie die Faust aufs Auge und riefen in mir mehr Ärger als Freude hervor. Kostja ›blies‹, wie die Franzosen sagen, sein feines, liebenswürdiges Stimmchen ›auf‹, und das wirkte unglücklich und komisch. Ich sagte es ihm natürlich nicht und gab über das Gedicht ein unbestimmtes und ausweichendes Urteil ab; er verstand mich wohl und schwieg wie schuldbewußt, als Soja Nikolajewna von mir hartnäckig größere Ekstasen forderte. Natürlich warf sie mir Snobismus und Indifferentismus vor und sagte, daß wir alle weder warm noch kalt seien, kein Pathos hätten, und an allem sei zuletzt unser Petersburg schuld.

Schließlich wandte ich ein:

»Soja Nikolajewna, vielleicht ist alles, was Sie da sagen, wahr, aber ich bin ein so gefühlloser Petersburger, daß ich mich für dieses Gedicht nicht recht erwärmen kann. Es ärgert mich sogar, weil ich Konstantin Petrowitsch und seine Begabung sonst sehr liebe und hocheinschätze.«

Die Dame lächelte spöttisch und fragte:

»Warum mißfällt es Ihnen eigentlich?«

»Weil alle diese Dinge Konstantin Petrowitsch gar nicht stehen.«

»Sie können sich aber auch irren.«

»Gewiß. Das wäre aber noch ärgerlicher.«

»Warum denn?«

»Weil ich Konstantin Petrowitschs Begabung nicht nur für bedeutend, sondern auch für außerordentlich originell halte.«

»Eine Begabung kann sich aber auch vertiefen und ausdehnen.«

»Gewiß. Wenn man aber ein Stück Gummi immer ausdehnt, so wird es entweder reißen oder seine Elastizität verlieren, also aufhören, Gummi zu sein.«

Frau Schtschetinkina gab darauf keine Antwort und schlug vor, mit dem Rauchen zu beginnen. Wir alle schwiegen einige Minuten, und die Situation wurde sogar ein wenig peinlich. Ich trank schnell meinen Likör aus und begann mich zu verabschieden, wobei ich sagte, daß Kostja doch wieder an seine Übersetzung gehen müsse, daß wir uns während des Mittagessens – einer für die Arbeit sowieso verlorenen Zeit – recht angenehm unterhalten hätten, aber doch nicht solche Faulenzer seien, um den ganzen Nachmittag in Gesprächen totzuschlagen. Die Dame verzog das Gesicht und sagte:

»Ach ja, diese Übersetzung! Nicht jede Arbeit ist nutzbringend; es gibt Gespräche, die wichtiger und wirksamer sind als jede Arbeit.«

In diesen Worten glaubte ich einen Nebengedanken und eine Herausforderung zu hören. Da ich aber wenig Lust hatte, auf die letztere einzugehen, beschränkte ich mich auf die Frage:

»Was haben Sie eigentlich gegen die Übersetzung einzuwenden?«

»Konstantin müßte sich eben mit ganz anderen Dingen befassen; diese Übersetzung bestätigt aber meine Ansicht, daß für uns, so wie wir sind, kein Mensch Interesse hat und daß wir uns daher alle auf Nebenerwerb verlegen müssen: Kostja übersetzt, Sie machen Musik zu Theaterstücken, andere schreiben Aufsätze für Zeitschriften – alles nur, um irgendwie durchzuhalten. Es wird uns aber nichts nützen, wir werden uns niemals durchsetzen!«

Sie hatte recht: da ich einiges von Musik verstehe, machte ich zuweilen auf Wunsch einiger Freunde die Musikbegleitung zu ihren Stücken, ohne dabei zu ahnen, daß ich mir dadurch einmal so schwere Anklagen zuziehen würde. Ich begann ihr zu widersprechen, und die Debatten hätten sich wohl sehr in die Länge gezogen, wenn nicht zu Soja Nikolajewna zwei junge Mädchen gekommen wären, um sich von ihr ›anstecken‹ zu lassen. Im Vorzimmer fragte ich Kostja:

»Warum haben Sie diese Übersetzungsarbeit angenommen, wenn es Soja Nikolajewna so unangenehm ist?«

Er erwiderte, daß er es des Geldes wegen getan habe.

»Sie leben doch in einem gewissen Wohlstand!« wandte ich ein, auf die Veilchensträuße und die ganze Einrichtung zeigend.

»Dieser Wohlstand kostet eben Geld.«

Nun begriff ich, daß meine Annahme von der schwiegerväterlichen Herkunft verschiedener angenehmer Dinge auf Irrtum beruhte. Zum Abschied wünschte ich Kostja Erfolg in seiner Arbeit, worauf er bemerkte, daß Soja Nikolajewna ihn wegen einer so geringfügigen Sache wie dieser Arbeit, mit deren Erlös die Veilchensträuße und das stilisierte finnische Dienstmädchen bestritten werden sollten, wohl kaum von der Anwesenheit beim Ansteckungsprozeß entbinden werde.

Auch ich war ziemlich deprimiert, und so unternahmen wir beide an diesem Abend keinerlei Schritte zum ›Durchhalten ‹; wie Schtschetinkin diesen Abend verbrachte, ist mir unbekannt, aber ich begab mich zu einem alten Freund, einem bekannten Maler, bei dem sich einige den verschiedensten Berufen angehörende, aber miteinander gut befreundete Herren versammelt hatten: noch ein Schriftsteller, zwei Maler, ein Musiker, ein Beamter vom Hofministerium und drei junge Offiziere; bei lustigen Gesprächen, ohne die Pflicht, ›Prophet‹, ›Wahnsinniger‹ oder sonst irgendein Ungeheuer sein zu müssen, beruhigte ich mich unter Gesang und leichten Scherzen so weit, daß ich, nach Hause zurückgekehrt, wieder Kraft und Lust hatte, mich dem schimpflichen ›Durchhalten‹ zu widmen, das heißt irgendeine eilige Sache in einem nicht sehr hohen Stil zu schreiben. Ich muß gestehen, daß ich im stillen auf die Menschen schimpfte, die solche Sorgfalt dem Menü eines Mittagessens widmen, sich aber nicht im geringsten um das Programm der Unterhaltung kümmern und, ohne auf die normale geistige Verdauung Rücksicht zu nehmen, ihre unvorsichtigen Gäste mit erhabenen, doch unverdaulichen Stoffen traktieren. Dies ist ebenso unsozial wie unhöflich und außerdem unhygienisch, da es doch längst anerkannt ist, daß ein Tischgespräch leicht und amüsant zu sein hat. Der Umstand, daß man in den Klöstern bei den Mahlzeiten aus dem ›Prologos‹ vorliest, bestätigt nur diesen Satz, da von allen Büchern, die den Mönchen zugänglich sind, der ›Prologos‹ zweifellos die leichteste, wenn Sie wollen sogar eine pikante Lektüre, ich möchte sagen ein geistliches ›Dekameron‹ darstellt. So schimpfte ich auf die von der ›hohen Kunst‹ besessene Soja und bemitleidete den lustigen Kostja, den sie an den Ohren in die Regionen der Erhabenheit hinaufzog, wo ihm bereits der Atem stockte. Alle diese Gedanken gingen mir natürlich bald wieder aus dem Kopfe. Auch Soja war mit mir wohl nicht sonderlich zufrieden, obwohl sie mir bei jeder Begegnung nach wie vor ihre Gewogenheit zeigte und sich bitter beklagte, daß ich mich bei ihnen niemals sehen lasse und so weiter, was man sonst noch intimen Freunden des Hauses zu sagen pflegt; als intimer Freund der Schtschetinkins wurde ich aber von allen gemeinsamen Bekannten angesehen.

So vergingen wieder mehrere Wochen; mit den Schtschetinkins kam ich weder zu oft noch zu selten zusammen, ging allen Streitigkeiten aus dem Wege und hielt es überhaupt für das taktvollste, viel weniger Interesse für Kostjas Schicksal und für die Entwicklung seiner poetischen Begabung, als ich tatsächlich hatte, zu zeigen. Schtschetinkin hatte seine Übersetzung inzwischen fertig gemacht und abgeliefert; weitere Arbeit verlangte er, von mir wenigstens, nicht; in kurzer Zeit hatte sich zufällig sehr vieles ereignet, so daß diese ganze Geschichte, die ^mir nicht besonders naheging, in den Hintergrund getreten war; mein Freund, der so lange im Militärlazarett gelegen hatte, verließ Petersburg; auch mein Neffe Sergej Ausländer reiste nach Florenz. Als ich ihm, einer üblen Sitte huldigend, auf dem Bahnhofe das Geleit gab, fühlte ich mich doppelt bedrückt: einerseits durch den Abschied von einem mir wirklich nahestehenden Menschen und andererseits durch die Erinnerungen an meinen Aufenthalt in Italien und speziell in Florenz, wo ich mehrere Monate bei einem lustigen und strengen Kanonikus, der auch heute noch am Leben ist, verbracht hatte. Ich fühlte eine ausgesprochen frühlingsmäßige Trauer und Unruhe (nach dem Kalender war der Frühling übrigens schon angebrochen) und hatte keine Lust, nach Hause zu gehen; ich entschloß mich vielmehr, ein wenig durch die Straßen zu schlendern und mich dann erst in meine vier Wände zurückzuziehen. So schlenderte ich durch die Schpalernaja und dachte nicht mehr an Italien, sondern daran, was ich unternehmen würde, wenn ich eine halbe Million monatliches Einkommen hätte und um fünfzehn Jahre jünger wäre und so weiter; ich befand mich überhaupt in einer so dummen und schwärmerischen Stimmung, daß ich mich gar nicht freute, als ich plötzlich auf Kuskow stieß, der sich mir sofort anschloß und den ich zuletzt auf mein Zimmer mitnehmen mußte. Kuskow war ein geschäftiger und herzlicher Mensch, das heißt, er kümmerte sich um fremde Angelegenheiten mehr als es manchem lieb war, und zwar weniger praktisch (was er gar nicht gerne tat) als mit Ratschlägen und Beileidsäußerungen; er zeigte dabei eine außerordentliche Energie, aus der eine ganz ungewöhnliche Orientiertheit in allen Dingen, die ihn nichts angingen, resultierte. Als er mich an diesem Abend traf, geriet er sofort in größte Aufregung und begann mich auszufragen, woher ich komme, und mir zugleich etwas über die Schtschetinkins, als deren Freund er mich kannte, zu berichten. Beides gipfelte in einer recht seltsamen Schlußfolgerung, nämlich, daß auch Soja Nikolajewna nach Rom reisen müsse. Offen gesagt, interessierte mich das alles herzlich wenig, und ich sagte darauf in einem nicht sehr freundlichen Tone, daß Soja Nikolajewna wirklich verreisen müsse, womöglich sogar noch weiter als nach Rom. Kuskow bemerkte meinen Ton nicht, oder wollte ihn einfach nicht bemerken, und begann von den finanziellen Vorbedingungen zu einer solchen Reise zu sprechen, was mich schon bedeutend mehr interessierte. Ins größte Erstaunen versetzte mich seine genaue und detaillierte Kenntnis der finanziellen Lage der ehemaligen Vize-Gouverneurstochter und weniger diese Kenntnis als der Schluß, den er daraus zog und der unerwarteterweise auch mich berührte. Wenn ich alles, was Kuskow sagte, resümiere, erhalte ich folgendes Bild: Die Schtschetinkins hatten gar keine anderen Einkünfte als das, was Konstantin Petrowitsch mit seiner literarischen Tätigkeit verdiente; Soja Nikolajewna besaß zwar einen nicht unbeträchtlichen Anteil am gemeinsamen Vermögen ihrer Geschwister, ließ sich aber diesen nicht nur nicht auszahlen, sondern verzichtete sogar auf die Zinsen, die sie, angesichts der sonst gar nicht schlechten Beziehungen zu ihren Verwandten, ohne Schwierigkeiten hätte bekommen können. Warum sie sich in dieser Sache so verhielt, konnte kein Mensch begreifen; mein Gewährsmann sah darin die Äußerung eines hochentwickelten Feingefühls, ich dagegen war eher geneigt, darin einen gewissen Stolz zu erblicken, der übrigens gleichfalls ziemlich unerklärlich war. Dies alles hatte Kuskow natürlich ganz anders formuliert und ohne jedes System vorgetragen; mir hatte er aber die Aufgabe zugedacht, mit der betreffenden Person zu sprechen und sie sozusagen zur Vernunft zu bringen. Als ich mich dagegen sträubte, fing Kuskow an, seine aschblonden üppigen Haare zu raufen und darauf zu pochen, daß ich der beste Freund der Schtschetinkins sei und es daher am leichtesten machen könne; Konstantin Petrowitsch befinde sich jedenfalls in einer schwierigen Lage. Das Ganze kam mir recht unverständlich vor: die Veilchensträuße und die bedrängte Lage, die Toiletten und die Unzufriedenheit mit der Übersetzungsarbeit; von allen ihren Theorien rede ich schon gar nicht, weil solche sich in den meisten Fällen mit der Praxis nicht decken; da ich aber gewohnt bin, bei allen Erscheinungen nach vernünftigen oder wenigstens für die Vernunft faßbaren Gründen zu suchen, sagte ich mir, daß die Schtschetinkins anfangs wohl einen gewissen Betrag gehabt, diesen aber für die Einrichtung und Garderobe ausgegeben hätten und darum nun auf dem trocknen säßen, was zwar nicht vernünftig, aber begreiflich gewesen wäre. Ich beharrte auf meiner Weigerung, mit Soja wegen des Arrangements mit ihren Geschwistern zu sprechen, und erklärte mich nur bereit, ihr irgendwelche Verdienstmöglichkeiten unter Berücksichtigung ihrer Sprachkenntnisse zu vermitteln. Ich unternahm zwar in dieser Beziehung keine speziellen Schritte, dachte aber, wenn ich mit Menschen zusammenkam, stets an Kostjas Frau. So fand ich schließlich etwas, das mir als geeignet erschien. Meine väterlichen Bekannten hatten zwei Töchter, erwachsene, gar nicht dumme Komtessen, für die man weniger eine Erzieherin als eine ältere Freundin brauchte, die ihre geistige Entwicklung zu fördern hätte. Die Familie war zwar feudal, aber von einfachen russischen Sitten und reich. Diese Stelle wollte ich nun Soja Nikolajewna vermitteln und schrieb ihr einen Brief, in dem ich die Sache so hinstellte, als ob ich mehr das Interesse der Komtessen als das der Adressatin im Auge hätte. Nach einigen Tagen bekam ich von ihr eine kurze Aufforderung, sie am Nachmittag zu besuchen; im Postskript hieß es: ›Wir werden ganz ungestört sein.‹ Warum sie mich unbedingt unter vier Augen sprechen wollte, war mir nicht recht klar, aber ich versäumte nicht, der Einladung Folge zu leisten. Soja hatte diesmal eine tuchene Straßentoilette an, lag aber auf dem gleichen Sofa und hielt in der Hand statt des englischen Buches irgendein Papier (eine Rechnung oder einen Scheck), das sie bei meinem Erscheinen schnell in einen angerissenen grauen Umschlag steckte.

Sie begann ohne Umschweife: »Ich bin Ihnen sehr dankbar, Michail Alexejewitsch, aber die Stelle bei Ihren Bekannten kann ich nicht annehmen.«

»Darf ich fragen, warum?«

»Ich habe keine Zeit.«

Ich muß gestehen, daß ich eine solche Antwort am allerwenigsten erwartet hätte. Ich neigte mit stummer Ergebenheit den Kopf; da ich aber einen wirklichen Dienst erweisen und nicht nur formell die übernommene Pflicht erfüllen wollte, begann ich von neuem:

»Soja Nikolajewna, darf ich mit Ihnen ganz aufrichtig und freundschaftlich sprechen?«

»Ich bitte darum«, sagte sie nicht sehr einladend.

»Ich möchte Ihnen gerne nützlich sein, da ich Ihnen und Konstantin Petrowitsch von Herzen gut bin. Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit: sind Sie aber wirklich so sehr beschäftigt, wie Sie es behaupten, oder brauchen Sie den Nebenverdienst nicht?«

Soja Nikolajewna erhob sich, ging einmal durchs Zimmer, setzte sich wieder hin und preßte die Schläfen mit den Händen zusammen, als ob sie fröstele. Noch niemals hatte ich sie in solcher. Aufregung gesehen. Schließlich sagte sie:

»Auch ich will zu Ihnen aufrichtig sein, Michail Alexejewitsch. Sie haben es erraten: unsere Lage ist sehr schlimm; Sie erinnern sich doch, wie heftig Sie mir widersprachen, als ich sagte, daß die modernen Schriftsteller, wenn sie nicht zufällig den Geschmack des Pöbels getroffen haben, zu einer elenden Existenz verdammt sind. Nun sehen Sie meine Worte bestätigt. Sie denken an unsere Einrichtung? Gewiß, wir leben in keinem Kellerloch und tragen keine Lumpen – das könnte ich auch gar nicht –, aber es ist doch Armut, ganz gewöhnliche Armut! Ich danke Ihnen, daß Sie uns behilflich sein wollen, aber ich kann Ihren Vorschlag unmöglich annehmen. Ich darf auf die Tätigkeit, der ich mich gewidmet habe, nicht verzichten und würde es auch für Sünde halten, selbst wenn mein Wohl und das Wohl meiner Nächsten diesen Verzicht erheischte.«

»Was wollen Sie nun tun?« fragte ich nachdenklich.

»Ja, ›was tun‹?« sagte sie, ihre frierenden Schläfen zusammenpressend. »Natürlich könnte ich mich an meine Verwandten wenden und sogar meinen Anteil verlangen, aber ich kann und will es nicht tun.«

Da sie das sagte, entband sie mich aller Rücksichten, und ich fragte sie, was ich mir sonst niemals erlaubt hätte:

»Warum verlangen Sie Ihren Anteil nicht, wenn Sie darauf ein Anrecht haben, um sich dann frei Ihrem Beruf widmen zu können?«

Sie schwieg, und ich fuhr etwas sanfter fort:

»Warum tun Sie es nicht? Stolz wäre hier, wie Sie es selbst zugeben müssen, nicht am Platze. Wenn es aber Großmut ist, so hat dafür, nehmen Sie es mir nicht übel, nur Ihr Mann aufzukommen, und es ist wohl gar nicht schön, auf fremde Kosten großmütig zu sein.«

»Gewiß, Sie haben recht, ich kann mich aber dazu doch nicht entschließen, es geht über meine Kraft.«

Ich sah, daß alles vergebens war, und sagte:

»Ich will bis zum Schluß offen sein und gestatte mir daher die Frage, warum Sie darauf bestanden, daß dieses Gespräch unter vier Augen geführt werde? Vielleicht haben Sie mir noch etwas zu sagen?«

»Sie haben es erraten ...«, antwortete sie und verstummte.

»Was ist es denn?«

Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen und sagte einfach und bestimmt:

»Verschaffen Sie mir irgendwo zehntausend Rubel für drei Jahre, natürlich gegen mäßige Zinsen.«

Ich hatte alles erwartet, nur nicht das. Und ich erwiderte mit ungekünsteltem Erstaunen:

»Was denken Sie, Soja Nikolajewna, wie komme ich zu einer solchen Summe?«

»Und Sie können sie auch nirgends auftreiben?« fragte sie, die Augen zusammenkneifend.

Ich nahm in Gedanken schnell alle Möglichkeiten durch und antwortete verneinend.

»Was ist da zu machen? Wenn es nicht geht, so geht es eben nicht. Mir kann sowieso niemand helfen!« sagte sie und läutete dem Mädchen, daß es den Tee bringe.

Das gleiche Dienstmädchen mit dem Häubchen brachte uns englisches Gebäck, eingemachte Melonenschnitten und dampfende Tassen, während Soja Nikolajewna, noch, immer die Schläfen zusammenpressend, auf französisch lamentierte:

»Wir sind ja Bettler, buchstäblich Bettler!«

Beim Abschied ermahnte ich sie noch einmal, an ihren Vermögensanteil zu denken, der nach meinen Berechnungen etwa fünfzigtausend Rubel ausmachen würde. Soja sagte kein Wort und schüttelte nur den Kopf. So ging ich, ohne meinen Auftrag ausgeführt zu haben und voller Ärger über den seltsamen Hochmut dieser wenn auch Vize-, so doch immerhin Gouverneurstochter.

Nach diesem Besuch kam ich mit den Schtschetinkins nicht mehr zusammen: Ende Juni reiste ich ins Nowgoroder Gouvernement, wo ich bis zum Spätherbst blieb und sogar den Winter zu verbringen beabsichtigte. Hier, im Umkreis der durchsichtigen Seen, unter dem herbstlich klaren, durchsichtigen Himmel, in der Buntheit der herbstlichen Wälder, in der gläsernen Unbewegtheit der Luft, wurde ich durch einen Brief Kuskows aufgeschreckt, der mir ohne weitere Erklärungen mitteilte, daß Kostja Schtschetinkin sich erschossen habe.

»Wie? Was? Wozu? Warum?«

Ich reiste am gleichen Abend ab und zerbrach mir während der ganzen siebenstündigen Fahrt den Kopf, wie dieses Unglück wohl gekommen sei. Soviel man aber auch nachdenkt, kann man auch bei lebenden Menschen niemals hinter die wahren Ursachen ihrer Handlungen kommen, um so weniger bei einem Toten; alle Hypothesen der Außenstehenden sind aber nur Hypothesen und verdienen ein Interesse nur im Hinblick auf diejenigen, die sie aufstellen, aber nicht auf ihr Objekt. So grübelte ich die ganzen sieben Stunden, mich im nächtlichen Eisenbahnwagen [Bild] schlaflos hin und her wälzend, und kam natürlich zu keinen anderen Ergebnissen als zu solchen, die mir auch ohne jedes Grübeln bekannt waren.

Kostja und seine Kunst kannte ich gut; Soja Nikolajewna hatte ich gleichfalls durchschaut; daß sie zueinander nicht paßten, war offenbar; die Armut unterlag keinem Zweifel; das Schwanken und Fallen Kostjas, das aus dem Zusammenprall der beiden Anschauungen statt der zu erwartenden Wahrheit resultierte, war gleichfalls jedem unvoreingenommenen Menschen klar; alle diese Übel hätten sich aber auch auf eine andere Weise als durch Selbstmord korrigieren lassen.

Jedenfalls trat ich nicht ohne Bitternis und tiefe Aufregung über die Schwelle der Kirche, in der Kostjas Leiche eingesegnet wurde. Kuskow tat sehr geschäftig und erwies auf diese Weise seinem entschlafenen Freunde die letzte Ehre; wie es immer zu sein pflegt, wenn der Einsegnung außer den nächsten Verwandten und Freunden auch wildfremde Menschen beiwohnen, beobachtete das Publikum nur in unmittelbarer Nähe des Sarges den erforderlichen Anstand; in den hinteren Reihen, wo auch ich mich befand, ging es dagegen ziemlich laut und unruhig zu.

Kuskow verteidigte Soja gegen die Vorwürfe eines anderen Bekannten, welcher behauptete, daß Kostja an ihrer ›Ansteckungskraft‹ zugrunde gegangen sei.

Eine schwerhörige Alte, die sich zum Sarge vordrängen wollte, blieb bestürzt stehen:

»Ich dachte, es sei eine gewöhnliche Leiche, und Sie sagen, daß es eine ansteckende ist ...?«

Ich beruhigte sie, und sie setzte ihren Weg fort. Ich aber verließ die Kirche, warf einen Blick auf die gelben Bäume und den an diesem Tag besonders blauen Himmel, legte meine Blumen an dem schon fertigen Grabe nieder und fuhr heim, ohne Soja Nikolajewna gesehen zu haben.

Vor kurzem hörte ich wieder, daß sie ihre ›Ansteckungskraft‹ in etwas anderen Kreisen betätige, daß das Gerede über die von ihr geplanten, aber noch keinem Menschen bekannten Werke anwachse und daß sie Kostja hauptsächlich darum beweine, weil er das bewußte Poem, aus dem er mir damals beim Mittagessen einige Bruchstücke vorlas, nicht vollendet habe.

Ich will nichts verallgemeinern, ich berichte nur, wie sich alles zugetragen hat, und stelle es dem Leser frei, falls er Lust hat, beliebige Schlüsse zu ziehen.

Alles vergeht, und der Mensch gewöhnt sich an alles. Aber erst jetzt verstehe ich den tieferen Sinn der Worte des heiligen Ephräms des Syrers: ›Laß den Geist der Müßigkeit, den Geist der Trübsal, den Geist der Herrschsucht nicht über mich kommen –‹, denn diesen Geistern entspringt jedes hochtrabende und geisttötende Geschwätz und die Abkehr vom Leben mit seinen Mühen und Freuden.