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Daniel Defoe: Robinson Crusoe - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobinson Crusoe
authorDaniel Defoe
translatorKarl Altmüller
year1869
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleRobinson Crusoe
pages7-324
created20040614
sendergerd.bouillon
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Ich werde jetzt den Faden meiner Geschichte wieder im Zusammenhang verfolgen. Wie man denken kann, hatte ich nach vierjährigem Aufenthalt in Brasilien und nachdem meine Pflanzung in guten Zug gekommen war, nicht nur die Landessprache gelernt, sondern auch Bekannte und Freunde unter meinen Pflanzerkollegen und den Kaufleuten zu St. Salvador gewonnen. Bei meinen Gesprächen mit ihnen war auch oft von meinen beiden Reisen an die Küste von Guinea, von der Art und Weise des Handels mit den Negern und auch davon die Rede gewesen, wie leicht es sei, dort für Kleinigkeiten, wie Spielwaaren, Glasperlen, Messer, Scheeren, Beile und dergleichen, nicht nur Goldstaub, Guineakorn, Elephantenzähne &c., sondern auch Neger zur Sklavenarbeit in Brasilien zu erhandeln.

Man lauschte auf diese Mittheilungen mit gespannter Aufmerksamkeit, vorzüglich aber auf das, was den Ankauf von Negern anging. Damals wurde der Handel mit diesen noch nicht stark betrieben. Er stand unter der Oberaufsicht der Könige von Spanien und Portugal, und die Einkünfte flossen in die königlichen Kassen, daher wurden nur wenig Neger nach Brasilien gebracht und diese kosteten schweres Geld.

Einmal, nachdem ich mit einigen Pflanzern und Kaufleuten über diese Dinge mich angelegentlich unterhalten hatte, kamen am nächsten Morgen drei von ihnen zu mir und sagten, sie hätten sich jene Angelegenheit reiflich überlegt und wollten mir einen Vorschlag machen. Ich mußte Verschwiegenheit geloben und hierauf theilten sie mir mit, daß sie Lust hätten ein Schiff nach Guinea zu schicken, da es ihnen auf ihren Pflanzungen an Nichts so sehr fehle als an Arbeitern. Weil sie jedoch keinen öffentlichen Handel mit Sklaven treiben dürften, so beabsichtigten sie nur eine einzige Reise zu machen, die erkauften Neger heimlich ans Land zu bringen und dann unter sich zu theilen. Es frage sich nun, ob ich als ihr Supercargo die Expedition zu Schiffe leiten wolle. Als Vergütung sollte ich einen gleichen Antheil wie sie von den Negern bekommen, ohne zu dem Ankaufskapital beizusteuern.

Dies wäre ein lockendes Anerbieten für Einen gewesen, der nicht eine eigne Pflanzung, die auf dem besten Wege sich zu vergrößern war, zu überwachen gehabt hätte. Für mich aber, der ich einen guten Anfang gemacht hatte und nur so fort zu fahren brauchte, um mit Hülfe meiner andern hundert Pfund aus England binnen drei oder vier Jahren sicherlich mir ein Vermögen von drei- bis viertausend Pfund Sterling erworben zu haben, war der bloße Gedanke an eine solche Reise das Unsinnigste, dessen ich mich schuldig machen konnte.

Jedoch ich hatte nun einmal die Bestimmung, mich zu Grunde zu richten, und deshalb konnte ich dem Anerbieten ebensowenig widerstehen, als ich einst dem guten Rath meines Vaters zu folgen vermocht hatte. Kurz, ich sagte jenen Leuten, daß ich von Herzen gern die Reise machen wolle, wenn sie versprächen, während meiner Abwesenheit für meine Pflanzung zu sorgen und sie, wenn ich umkommen sollte, an die von mir bestimmten Personen zu überliefern. Sie gingen hierauf ein und stellten mir ein urkundliches Versprechen darüber aus. Ich faßte dann ein förmliches Testament ab, verfügte darin über meine Pflanzung und über meine sonstige Habe für den Fall meines Todes und ernannte den Kapitän, meinen Lebensretter, zum Universalerben, mit der Bestimmung, daß er die Hälfte meines Besitztums für sich behalten, die andere Hälfte verkaufen und den Ertrag nach England schicken solle.

So traf ich allerdings die besten Maßregeln, um die Zukunft meines Vermögens zu sichern. Hätte ich nur halb so viel Nachdenken auf das verwandt, was mein wahres Interesse forderte und was ich thun und lassen sollte, so würde ich sicherlich nicht meine günstige Lage aufgegeben und eine Seereise angetreten haben, auf der mich die gewöhnlichen Gefahren einer solchen und obendrein noch, wie ich nach meiner Erfahrung Grund hatte anzunehmen, ganz besondere Fährlichkeiten erwarteten.

Ich aber folgte blindlings den Lockungen meiner Einbildungskraft und hörte nicht auf die Stimme der Vernunft. Das Schiff wurde ausgerüstet, die Ladung geliefert und Alles der Verabredung gemäß von meinen Compagnons ins Werk gesetzt. In schlimmer Stunde ging ich an Bord, am 1. September 1659, just an dem Tage, an welchem ich acht Jahre zuvor meinen Eltern zu Hull entflohen war, ihren Geboten trotzend und mein eignes Glück thöricht verscherzend.

Unser Schiff war etwa 120 Tonnen schwer, führte sechs Kanonen und eine Mannschaft von vierzehn Leuten außer dem Kapitän, dem Schiffsjungen und mir. Wir hatten keine schwere Ladung, sondern nur solche Waaren. die sich zum Handel mit den Negern eigneten: Perlen, Muscheln und allerlei Kleinigkeiten, wie kleine Spiegel, Messer, Scheeren, Beile und dergleichen.

Noch an dem Tage, an dem ich an Bord gegangen, lichteten wir die Anker. Wir hielten uns zunächst nordwärts an der brasilianischen Küste entlang, um dann vom 10. oder 12. Grad nördlicher Breite aus hinüber nach Afrika zu steuern, welches der gewöhnliche Cours dorthin in dieser Jahreszeit war. Wir hatten bis auf die große Hitze bei der Küstenfahrt sehr gutes Wetter. Von der Höhe von St. Augustin aus nahmen wir, das Land aus dem Gesicht verlierend, den Weg seewärts, als ob wir nach der Insel Fernando de Noronha wollten, die wir jedoch östlich liegen ließen. Nach zwölftägiger Fahrt passirten wir die Linie und hatten gerade, nach unserer Berechnung, 7°22' nördlicher Breite erreicht, als ein heftiger Orkan uns gänzlich desorientirte. Er erhob sich von Südost, drehte sich dann nach Nordwest und blieb hierauf in Nordost stehen. Von dort blies er in so furchtbarer Weise zwölf Tage hindurch, daß wir weiter Nichts thun konnten, als uns von der Wuth der Windsbraut forttreiben lassen. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich während dieser ganzen Zeit jeden Tag meinen Untergang erwartete, und daß Niemand im Schiffe hoffte, mit dem Leben davon zu kommen.

Zur Steigerung dieser Noth verloren wir drei unserer Leute. Einer davon starb am hitzigen Fieber, ein Anderer nebst dem Schiffsjungen wurde über Bord gespült. Ungefähr am zwölften Tag legte sich der Sturm ein wenig und der Kapitän begann, so gut es gehen wollte, zu observiren. Er brachte heraus, daß wir etwa unter dem 11. Grad nördlicher Breite, aber 22 Längengrade westwärts vom Kap St. Augustin verschlagen wären. Demnach befanden wir uns in der Nähe der Küste von Guyana oberhalb des Amazonenstroms und nahe beim Orinoko, der gewöhnlich der große Fluß genannt wird. Der Kapitän berieth mit mir, welchen Cours er jetzt nehmen sollte, und war gewillt, da unser Schiff leck und arg zugerichtet war, direkt nach der brasilianischen Küste zurückzukehren; wogegen ich mich jedoch entschieden erklärte. Wir studirten hierauf die Seekarte und fanden, daß wir kein bewohntes Land antreffen würden, bis wir in den Bereich der karaibischen Inseln kämen. Deshalb beschlossen wir nach Barbados hinzusteuern, das wir, wenn wir uns seewärts hielten, um den Golfstrom der Bai von Mexiko zu vermeiden, binnen etwa fünfzehn Tagen zu erreichen hoffen konnten. Denn ohne unser Schiff auszubessern und für uns selbst Lebensmittel einzunehmen, wären wir in keinem Falle im Stande gewesen die afrikanische Küste zu erreichen.

In der erwähnten Absicht änderten wir nun den Cours und steuerten nach Westnordwest, um auf irgend einer der englischen Inseln Station zu machen. Aber es sollte anders kommen. Als wir uns unter 12°18' nördlicher Breite befanden, überfiel uns ein neuer Sturm und trieb uns mit solcher Gewalt nach Westen, daß wir aus dem Bereich aller civilisirten Bevölkerung und in die Gefahr geriethen, selbst wenn uns die See verschonte, wahrscheinlich eher von Wilden gefressen zu werden, als wieder heim zu kommen.

In dieser traurigen Lage, während der Wind noch sehr heftig ging, erscholl eines Morgens von einem unserer Leute der Ruf »Land!« – Kaum aber waren wir aufs Deck geeilt, um zu schauen, wo wir uns befänden, so saß auch schon unser Schiff auf einer Sandbank. Sobald es fest lag, wurde es von den Wogen dergestalt überflutet, daß wir uns sämmtlich verloren glaubten und uns so rasch als möglich in die Kajüten zurückzogen, um vor den schäumenden Wellen Schutz zu suchen.

Niemand, der nicht Aehnliches durchgemacht hat, kann sich die menschliche Rathlosigkeit in solcher Lage vorstellen. Wir wußten nicht, wo wir uns befanden, ob das Land, an das wir getrieben waren, eine Insel oder ein Theil des Festlandes, ob es bewohnt sei oder nicht. Auch mußten wir, da der Wind zwar ein wenig gemäßigt, aber immer noch sehr heftig war, jeden Augenblick fürchten, das Schiff werde in Trümmern gehen, wenn nicht wie durch eine Art Wunder der Wind plötzlich umschlage. Wir schauten Einer den Andern in Todeserwartung an, und Jeder von uns machte sich zum Eintritt in eine andere Welt bereit. Ganz gegen unser Erwarten jedoch zerbarst das Schiff nicht, und, wie der Kapitän versicherte, begann der Wind sich plötzlich zu legen.

Trotzdem aber, da wir auf dem Strande saßen und keine Hoffnung hatten, das Schiff flott zu machen, blieb uns in unserer traurigen Lage Nichts übrig, als darauf zu denken, wie wir das nackte Leben retten könnten. Vor dem Sturm hatten wir am Stern unseres Schiffes ein Boot gehabt, das aber während des Unwetters ans Steuerruder geschleudert, dann los geworden und entweder versunken oder fortgetrieben war. Wir hatten zwar noch ein anderes Boot an Bord, aber es schien unmöglich, dasselbe in See zu bringen. Zu langem Besinnen jedoch fehlte die Zeit, da wir jede Minute das Schiff in Stücken zu sehen meinten, und Einige riefen, es sei bereits geborsten.

Trotz dieser schlimmen Lage gelang es dem Steuermann, mit Hülfe der übrigen Mannschaft jenes Boot über Bord zu lassen. Wir sprangen alle, elf an der Zahl, hinein, uns der Barmherzigkeit Gottes und dem wilden Meere gänzlich überlassend. Denn wiewohl der Sturm sich bedeutend gemindert hatte, gingen die Wogen doch noch furchtbar hoch, und man konnte hier mit den Holländern die stürmische See in Wahrheit » den wild Zee« nennen.

Unsere Noth war immer noch groß genug. Wir sahen klar voraus, daß das Boot sich in den hohen Wellen nicht halten könne, sondern untergehen müsse. Segel hatten wir nicht, hätten auch Nichts damit anfangen können. Daher arbeiteten wir uns mit den Rudern nach dem Lande hin, aber schweren Herzens, wie Leute, an denen ein Todesurtheil vollzogen werden soll. Denn es war uns bewußt, daß das Boot, näher zur Küste gelangt, von der Brandung in tausend Stücke zerschmettert werden müsse. Gleichwohl, indem wir unsere Seelen Gott befahlen, ruderten wir mit allen Kräften nach dem Land hin, mit eigenen Händen unserem Verderben entgegen.

Ob die Küste aus Fels oder Sand bestehe, ob sie flach oder steil sei, wußten wir nicht. Der einzige Hoffnungsschimmer, der uns noch geblieben, bestand in der Aussicht, daß wir vielleicht das Boot in irgend eine Bai oder Flußmündung einlaufen lassen oder uns unter einem Vorsprung der Küste bis zum Eintritt der Ebbe bergen könnten. Von diesen Dingen ließ sich aber Nichts sehen, vielmehr bot das Land, als wir dem Ufer näher kamen, einen noch schrecklicheren Anblick als das Meer selbst.

Wir waren nach unserer Berechnung ungefähr anderthalb Meilen gerudert oder vielmehr vom Wasser getrieben, als eine berghohe wüthende Welle gerade auf uns gerollt kam und uns den Gnadenstoß erwarten ließ. Sie traf das Boot mit solcher Gewalt, daß sie es alsbald umwarf und uns nicht nur aus demselben schleuderte, sondern auch von einander trennte. Ehe wir nur ein Stoßgebet hatten thun können, waren wir sämmtlich von den Wogen verschlungen.

Die Verwirrung meiner Gedanken beim Untersinken ins Wasser ist unbeschreiblich. Obwohl ich sehr gut schwamm, hatte mich die Welle, noch ehe ich Athem zu schöpfen vermochte, eine ungeheure Strecke nach der Küste hingetragen, und als sie dann erschöpft zurückkehrte, sah ich mich halbtodt in Folge des verschluckten Wassers auf dem fast trockenen Lande zurückgeblieben.

Ich besaß noch so viel Geistesgegenwart, daß ich, da ich mich unerwartet so nahe dem Festland sah, mich aufrichtete und versuchte, so weit als möglich nach dem Ufer hin zu gelangen, ehe eine andere Welle kommen und mich mitnehmen würde. Dieser Versuch mißlang jedoch. Eine Woge wie ein großer Hügel, gleich einem wüthenden Feinde, mit dem zu kämpfen ich mir nicht einfallen lassen konnte, stürzte hinter mir her. Es blieb mir Nichts übrig, als den Athem einzuhalten und mich, so gut es ging, über dem Wasser zu halten. Dabei war mein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, daß die See mich nicht, wie sie mich eine gute Strecke landeinwärts getrieben, auch ebenso weit wieder zurücktrage.

Die neue Woge begrub mich sofort wieder zwanzig bis dreißig Fuß in die Tiefe. Ich konnte fühlen, wie sie mich mit großer Gewalt und Schnelligkeit eine geraume Strecke nach der Küste hintrug. Wiederum hielt ich den Athem an und bemühete mich, mit aller Kraft vorwärts zu schwimmen. Fast wäre mir der Athem ausgegangen, als ich plötzlich auftauchte und Hand und Kopf über dem Wasser sah. Obwohl dies nur zwei Sekunden dauerte, reichte es doch aus, mir neue Luft und neuen Muth zu verschaffen. Abermals war ich eine gute Weile mit Wasser bedeckt, dann aber, als sich die Woge erschöpft hatte und zurückkehrte, fühlte ich Grund unter den Füßen. Ich stand einige Augenblicke still, schöpfte Luft und eilte sofort mit allen Kräften dem Ufer zu. Aber auch diesmal entrann ich nicht der wüthenden See, die mich aufs Neue überflutete. Zweimal noch erfaßten mich die Wellen und trieben mich, da die Küste sehr flach war, vorwärts wie vorher.

Das letzte dieser beiden Male hätte leicht verhängnißvoll für mich werden können. Das Meer warf mich nämlich dabei gegen ein Felsstück, und zwar mit solcher Gewalt, daß ich die Besinnung verlor und ganz hülflos dalag. Der Schlag traf mich in die Seite und gegen die Brust und benahm mir dadurch den Athem, so daß ich, wäre alsbald wieder eine Welle gekommen, ertrunken sein würde. Jedoch kam ich kurz vor der Rückkehr der Wogen wieder zu mir und beschloß diesmal, mich fest an dem Fels zu fassen und wenn möglich den Athem bis zur Rückkehr der Welle einzuhalten. Dies gelang denn auch, da die Wogen nicht mehr so hoch wie vorher gingen. Ein weiterer Lauf brachte mich dann so nahe dem Strand, daß die nächste Welle, obwohl sie mich übergoß, mich nicht mehr fortzutragen vermochte. Abermals rannte ich weiter und diesmal gelangte ich zum festen Lande, wo ich in großer Freude die Anhöhe der Küste erkletterte und mich da frei von Gefahr und außerhalb des Bereichs der See ins Gras niedersetzte.

Jetzt, da ich mich gerettet sah, hob ich meine Augen empor und dankte Gott für das Leben, auf dessen Erhaltung ich vor einigen Minuten noch nicht hatte hoffen können. Ich glaube, es ist unmöglich, das Entzücken und die Wonne eines Menschen, der sozusagen unmittelbar dem Grabe entronnen ist, zu schildern. Ich begreife jetzt, daß, wenn man einem armen Schächer, der schon den Strick um den Hals hat, Begnadigung schenkt, man zu gleicher Zeit einen Wundarzt schickt, der ihm zur Ader läßt, damit die Ueberraschung ihm nicht das Herz abdrücke:

»Denn rasche Freud' gleicht jähem Leid«.

Mit emporgehobenen Händen, ganz versunken in das Gefühl meiner Errettung, ging ich am Strande auf und ab. Ich dachte an meine ertrunkenen Gefährten und daß ich die einzige gerettete Seele unter Allen sei; denn ich sah Keinen wieder, habe auch kein Zeichen von ihnen mehr wahrgenommen, außer drei Hüten, einer Mütze und zwei nicht zusammengehörigen Schuhen.

Als ich nach dem gestrandeten Fahrzeug, das durch die Stärke der Brandung meinem Anblick fast entzogen worden war, blickte, rief ich unwillkürlich aus: »Gott, wie ist es möglich gewesen, daß ich das Land erreichen konnte!«

Nachdem ich nun meine Seele in solcher Weise an der tröstlichen Seite meiner Lage erhoben hatte, begann ich umherzublicken und auszuschauen, auf was für einem Lande ich mich eigentlich befinde und was zunächst zu thun sei. Da sank nun bald wieder mein Muth und ich erkannte, daß meine Errettung eine furchtbare Begünstigung sei. Ich war durchnäßt und konnte die Kleider nicht wechseln; hatte weder etwas zu essen, noch etwas zu meiner Stärkung zu trinken; keine andere Aussicht bot sich mir, als Hungers zu sterben oder von den wilden Thieren gefressen zu werden; und, was mich besonders bekümmerte, ich besaß keine Waffen, um irgend ein Thier zu meiner Nahrung zu tödten, oder mich gegen andere, die mich zu der ihrigen zu verwenden Lust hätten, zu wehren. Nichts trug ich bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und ein wenig Tabak in einem Beutel. Dies war meine ganze Habe, und ich gerieth darob in solche Verzweiflung, daß ich wie wahnsinnig hin und her lief. Die Nacht kam, und ich begann schweren Herzens zu überlegen, was mein Loos sein würde, wenn es hier wilde Thiere gäbe, von denen ich wußte, daß sie stets des Nachts auf Beute auszugehen pflegen.

Die einzige Auskunft, die mir einfiel, war, einen dicken buschigen Baum, eine Art dorniger Fichte, die in meiner Nähe stand, zu erklettern. Ich beschloß, dort die ganze Nacht sitzen zu bleiben und am nächsten Tag die Art, wie ich meinen Tod finden wolle, zu wählen, denn auf das Leben selbst hoffte ich nicht mehr. Ich ging einige Schritte am Strande her, um nach frischem Wasser zu suchen: das fand ich denn auch zu meiner großen Freude. Nachdem ich getrunken und etwas Tabak in den Mund gesteckt hatte, um den Hunger abzuwehren, erstieg ich den Baum und versuchte mich in demselben so zu lagern, daß ich im Schlafe nicht herunter fallen könnte. Vorher hatte ich mir einen kurzen Stock, eine Art von Prügel zu meiner Vertheidigung abgeschnitten, und dann verfiel ich in Folge meiner großen Müdigkeit auf dem Baum in einen tiefen Schlaf und schlief so erquickend, wie es wohl Wenige in meiner Lage vermocht hätten. Nie im Leben hat mir, glaube ich, der Schlummer so wohl gethan wie damals.

Als ich erwachte, war es heller Tag. Das Wetter hatte sich aufgeklärt und der Sturm sich gelegt, so daß die See ruhig ging. Am meisten überraschte mich, daß das Schiff in der Nacht durch die Flut von der Sandbank, auf der es gestrandet, fast bis zu dem früher erwähnten Felsen, an welchen mich die Woge so heftig geschleudert hatte, getrieben war. Es befand sich etwa eine Meile von der Küste, und da es noch aufrecht stand, wünschte ich sehr an Bord zu sein, um wenigstens einige nöthige Gegenstände für mich retten zu können.

Als ich von meiner Schlafstätte auf dem Baum heruntergestiegen, schaute ich umher, und das Erste, worauf meine Augen fielen, war das Boot. Der Wind und die Wellen hatten es etwa zwei Meilen zu meiner Rechten entfernt auf den Strand geschleudert. Ich ging die Küste entlang danach hin, aber ein kleiner, etwa eine halbe Meile breiter Meeresarm hinderte mich zu ihm zu gelangen. Da ich nun für den Augenblick mein Augenmerk mehr auf das Schiff gerichtet hatte, wo ich Etwas zu meiner nächsten Lebensfristung zu finden hoffte, kehrte ich für diesmal wieder um.

Kurz nach Mittag ward die See sehr ruhig und die Ebbe so stark, daß ich bis auf eine Viertelmeile dem Schiffe nahe kommen konnte. Hier wurde mir ein neuer Schmerz bereitet. Ich sah nämlich klar, daß wir, wären wir Alle an Bord geblieben, sämmtlich gerettet sein würden. Wir würden dann Alle ans Land gelangt und ich nicht so jammervoll von allem Trost und aller menschlichen Gesellschaft verlassen gewesen sein wie jetzt. Die Thränen traten mir bei diesem Gedanken in die Augen. Da ich aber wenigstens einige Erleichterung meines Aufenthalts auf dem Schiffe zu finden hoffte, beschloß ich den Versuch zu machen, ob ich es erreichen könne. Ich zog wegen der großen Hitze die Kleider aus und begab mich ins Wasser. Als ich zu dem Schiff gelangt war, zeigte sich eine neue besonders große Schwierigkeit, in der Frage nämlich, wie ich an Bord gelangen sollte. Das auf dem Grunde aufliegende Fahrzeug ragte hoch aus dem Wasser, und ich konnte nirgends eine Handhabe finden, um mich daran in die Höhe zu heben. Erst nachdem ich es zweimal umschwommen, erspähete ich beim letzten Male ein kleines Tauende, das an dem Vordertheil so tief herunter hing, daß ich, wenn auch nur mit großer Mühe, es fassen und mit Hülfe desselben in den Vordertheil des Schiffes gelangen konnte.

Hier sah ich, daß das Schiff leck und schon eine große Masse Wasser eingedrungen war. Es lag auf der Seite einer Sandbank und das Hintertheil ragte hoch in die Luft. Das Vordertheil lag gänzlich im Wasser. Dennoch war das Deck frei und was sich auf diesem befand trocken. Wie man denken kann, untersuchte ich vor allen Dingen, was verdorben sei und was nicht. Zunächst fand ich, daß der sämmtliche Schiffsproviant trocken und vom Wasser verschont geblieben war. Da ich starken Appetit verspürte, eilte ich sofort nach dem Brodkasten, füllte mir die Taschen mit Zwieback und aß davon, während ich zugleich noch die andern Sachen durchmusterte, da ich keine Zeit zu verlieren hatte. Auch etwas Rum fand ich in der großen Kajüte und trank davon einen gehörigen Schluck, was zur Ermunterung meiner Lebensgeister nöthig genug war. Jetzt hätte ich vor allen Dingen ein Boot brauchen können, um mich mit mancherlei Dingen zu versehen, die mir voraussichtlich sehr nöthig sein würden. Aber was hätte es geholfen, die Hände in den Schooß zu legen und Unerreichbares zu wünschen. Meine große Noth spornte meinen Eifer an. Wir hatten an Bord einige Raaen und zwei oder drei dicke hölzerne Sparren, auch einige große Masten. Ich beschloß, dies Alles zu benutzen und warf davon so viel über Bord, als ich, der Schwere halber, bewältigen konnte, indem ich jeden Balken mit einem Seil befestigte, daß er nicht fortschwimmen konnte. Hierauf verließ ich das Schiff und zog die Hölzer an mich heran, band vier davon an beiden Enden, floßartig, möglichst fest zusammen und legte zwei bis drei Stücke quer darüber. Da ich bemerkte, daß ich zwar ganz gut auf den so verbundenen Hölzern herumgehen konnte, daß sie aber kein großes Gewicht zu tragen vermochten, machte ich mich an eine neue Arbeit. Ich sägte mit der Zimmermannssäge einen langen Topmast der Länge nach in drei Theile und brachte diese mit großer Mühe und Arbeit an meinem Floß an. Die Hoffnung, mich mit dem Notwendigsten zu versehen, feuerte mich an, so daß ich vollbrachte, was mir wohl bei keiner andern Gelegenheit möglich gewesen wäre.

Das Floß war nun stark genug, um ein ansehnliches Gewicht aushalten zu können. Es fragte sich zunächst, womit ich es belasten und wie ich die Ladung vor dem Seewasser schützen solle. Zuerst beschloß ich alle Planken und Dielen, deren ich habhaft werden konnte, darauf zu legen. Nachdem dies geschehen, nahm ich, in richtiger Erwägung dessen, was ich am nöthigsten brauchte, drei den Matrosen gehörige Kisten, brach sie auf und ließ sie, nachdem ich sie leer gemacht, auf das Floß herunter. In die erste that ich Lebensmittel, nämlich Brod, Reis, drei holländische Käse, fünf Stücke Ziegenfleisch (das auf dem Schiff unsere Hauptkost ausgemacht hatte) und einen kleinen Rest europäischen Getreides, welches wir für Geflügel mitgenommen hatten, das unterwegs geschlachtet worden war. Es bestand aus Gerste mit Weizen untermischt, was aber, wie ich später mit großem Bedauern bemerkte, theils von den Ratten angefressen, theils durch die Länge der Zeit verdorben war. Auch einige Flaschen Liqueur entdeckte ich, die der Kapitän für sich bestimmt hatte, sowie fünf bis sechs Gallonen Arrak. Die letzteren Gegenstände stellte ich frei auf das Floß, da in den Kisten kein Raum mehr für sie war.

Inzwischen begann die Flut sehr allmählich zu steigen. Mit Betrübniß sah ich sie meinen Rock, mein Hemd und die Weste wegschwemmen, die ich am Ufer auf dem Sand zurückgelassen hatte, während ich meine leinenen, nur bis ans Knie reichenden Hosen, sowie die Strümpfe beim Schwimmen anbehalten hatte. Der Verlust jener Sachen veranlaßte mich, nach Kleidern umherzustöberu und ich fand deren auch in Menge. Doch nahm ich nur das für den Augenblick Nöthigste, denn ich hatte mein Augenmerk noch mehr auf andere Dinge gerichtet, und zwar vor Allem auf Handwerkszeug, mit dem ich auf dem Lande hantieren könnte. Nach langem Suchen fand ich denn auch den Zimmermannskasten, der mir eine sehr kostbare Beute und in diesem Augenblick mehr werth war als eine ganze Schiffsladung von Goldbarren. Ich brachte ihn, wie er war, aufs Floß, ohne seinen Inhalt vorher zu untersuchen, da mir dieser ungefähr bekannt war.

Meine nächste Sorge ging nun auf Munition und auf Waffen. Es befanden sich zwei sehr gute Vogelflinten und zwei Pistolen in der großen Kajüte, und dieser sowie einiger Pulverhörner, eines kleinen Schrotbeutels und zweier alter verrosteter Säbel bemächtigte ich mich zuerst. Wie ich wußte, waren auch drei Fäßchen mit Pulver im Schiff, doch hatte ich keine Ahnung davon, wo sie der Stückmeister aufgehoben hatte. Erst nach langem Suchen fand ich sie, zwei davon waren noch gut und trocken, das dritte aber hatte Wasser gezogen. Die beiden ersteren schaffte ich nebst den Waffen aufs Floß und dachte nun darüber nach, wie ich dieses aus Ufer bringen solle. Ich hatte nämlich weder Segel, noch Steuer, noch Ruder. Eine Hand voll Windes aber würde ausgereicht haben, mein ganzes Fahrzeug umzuwerfen.

Dreierlei jedoch ermuthigte mich: erstens die ruhige See, zweitens das Steigen der Flut, die landwärts ging, und drittens der Umstand, daß das Bischen Wind, das wehte, nach der Küste hin blies. So nun, nachdem ich noch mehre zerbrochene Ruder, die zum Boot des Schiffs gehört hatten, sowie außer dem Werkzeug im Kasten zwei Sägen, eine Axt und einen Hammer aufgefunden, begab ich mich auf die Fahrt.

Etwa eine Meile weit ging es ganz gut mit meinem Floß, nur bemerkte ich, daß es ein wenig von meinem früheren Landungsplatz abgetrieben wurde. Darauf hin vermuthete ich, es möge da wohl eine Wasserströmung und dem zufolge vielleicht eine Bucht oder eine Flußmündung sein, die ich als Hafen für meine Landung benutzen könnte.

Wie ich gedacht, so war's in der That. Vor mir zeigte sich eine kleine Landöffnung, und die Flut strömte, wie ich merkte, stark nach derselben hin. In dieser Strömung suchte ich denn mein Floß so gut als möglich zu halten.

Jetzt aber hätte ich fast zum zweiten Mal Schiffbruch gelitten, und diesmal würde ich schwerlich den Kummer überstanden haben. Weil ich nämlich die Beschaffenheit der Küste nicht kannte, gerieth mein Floß mit dem einen Ende auf eine Untiefe, und da das andere Ende nicht auch auf den Grund stieß, fehlte nicht viel, daß meine ganze Ladung abgerutscht und ins Wasser gefallen wäre.

Ich that mein Möglichstes, um dies zu verhüten, indem ich mich hinten auf die Kisten setzte, um sie an ihrem Platz festzuhalten. Leider aber konnte ich nun das Floß mit aller Gewalt nicht los bringen, besonders deshalb, weil ich meinen Posten bei den Kisten nicht verlassen durfte. In dieser Situation verharrte ich beinahe eine halbe Stunde, dann aber brachte mich das steigende Wasser ein wenig mehr ins Gleichgewicht, kurz darauf wurde mein Floß wieder flott, ich stieß mit dem Ruder ab und gelangte endlich in die Mündung eines kleinen Flusses, zwischen dessen engen Ufern die Flut sich in heftigem Strome bewegte. Jetzt sah ich mich nach einem geeigneten Landungsplatze um, indem ich besonders wünschte, einen solchen nicht allzu weit flußaufwärts zu finden. Denn in der Hoffnung, bald ein Schiff auf dem Meere zu erspähen, hatte ich beschlossen, dem Ufer so nahe als möglich zu bleiben.

Endlich ersah ich denn auch zur rechten Seite der Bucht eine kleine Einbiegung; nach dieser trieb ich mit großer Mühe das Floß, bis ich ihr so nahe kam, daß ich mit meinem Ruder Grund fand und gerades Weges einlaufen konnte. Hier aber wäre beinahe abermals meine ganze Ladung zu Grunde gegangen. Die Küste fiel nämlich dort ziemlich steil ab, und wenn ich landen wollte, mußte das eine Ende meines Fahrzeugs, sobald es auf den Strand stieß, wieder hoch, das andere wieder so tief zu liegen kommen, daß meine Beute dadurch gefährdet wurde. Da blieb mir denn Nichts weiter zu thun, als den höchsten Grad der Flut abzuwarten, indem ich mit meinem Ruder wie mit einem Anker das Floß fest hielt und das letztere möglichst dicht an eine flache Uferstelle drängte, welche voraussichtlich vom Wasser überflutet werden mußte. Sobald dies geschehen war (meine Flöße ging etwa einen Fuß tief im Wasser) trieb ich sie auf jene flache Stelle und befestigte sie da, indem ich an jedem Ende eines meiner zerbrochenen Ruder in den Grund stieß. So blieb ich liegen, bis die Ebbe das Floß und meine ganze Beute unversehrt auf dem Lande zurückließ.

Meine nächste Aufgabe war jetzt, die Gegend auszukundschaften, einen geeigneten Platz für meine Niederlassung auszusuchen und mich umzusehen, wo ich meine Güter am sichersten unterbringen könnte. Ich wußte nämlich nicht, ob ich mich auf dem Festlande oder auf einer Insel befinde; ob die Gegend unbewohnt sei oder nicht; ob es hier wilde Thiere gebe oder keine.

Etwa eine Meile von mir entfernt stieg ein Hügel steil empor, welcher den sich ihm nach Norden hin anreihenden Höhenzug überragte. Ich nahm eine von den Vogelflinten, eine Pistole und ein Pulverhorn zu mir, und so bewaffnet trat ich meine Entdeckungsreise nach jenem Punkte an. Von dort erkannte ich zu meiner großen Betrübniß, daß ich mich auf einer rings vom Meer umgebenen Insel befand. Kein Land war zu sehen, ausgenommen einige Felsen in ziemlicher Entfernung und zwei kleinere Inseln, die etwa drei Meilen westwärts ablagen.

Ich bemerkte ferner, daß meine Insel unangebaut und, wie deshalb mit gutem Grunde anzunehmen, unbewohnt war, wenn es nicht etwa wilde Bestien dort gab, deren ich jedoch bis dahin keine wahrnahm. Nur eine große Menge mir unbekannter Vögel sah ich, von denen ich jedoch, auch nachdem ich einige getödtet, nicht zu sagen vermochte, ob sie eßbar seien. Bei meiner Rückkehr schoß ich einen großen Vogel, der neben einem ansehnlichen Gehölz auf einem Baum saß. Das mochte wohl der erste Schuß sein, der hier seit Erschaffung der Welt vernommen wurde. Kaum war er gefallen, so erhob sich aus allen Gegenden des Waldes eine Unzahl von Vögeln verschiedenster Art, die alle durcheinander krächzten und schrieen. Keine mir bekannte Art war darunter. Der von mir erlegte schien, nach der Farbe und dem Schnabel zu schließen, dem Habichtgeschlecht anzugehören, doch waren seine Klauen nicht wie die bei dieser Vogelgattung gewöhnlichen beschaffen. Mit dem Fleische ließ sich Nichts anfangen.

Indem ich mit diesen Ergebnissen meiner Entdeckungswanderung mich vorläufig begnügte, ging ich nach meinem Floß zurück und beschäftigte mich den Rest des Tages über damit, die Ladung aus Land zu bringen. Da ich mich fürchtete, auf bloßer Erde zu schlafen, wegen der etwa vorhandenen wilden Thiere (später zeigte sich, daß diese Furcht ungegründet gewesen), verbarrikadirte ich mich, so gut es ging, mit den Kisten und Brettern, die ich ans Ufer gebracht hatte, und baute mir daraus für mein nächstes Nachtlager eine Art von Hütte. In Bezug auf meine Nahrung hatte ich vorläufig nichts Brauchbares bemerkt außer einigen hasenähnlichen Thieren, die aus dem Walde gelaufen kamen, in welchem ich den Vogel geschossen hatte.

Ich bedachte nun, daß ich noch sehr mannigfache nützliche Gegenstände und vor Allem das Tau- und Segelwerk aus dem Schiffe holen konnte. Daher beschloß ich eine weitere Reise an Bord des gestrandeten Fahrzeugs zu unternehmen, und da ich einsah, daß der nächsterfolgende Sturm dieses nothwendig zertrümmern mußte, nahm ich mir vor, mit Beiseitesetzung alles andern, sofort zu retten, was möglich sei. Meine Flöße wiederum zu der Fahrt zu benutzen, erschien mir nach reiflicher Erwägung nicht gerathen, und so entschloß ich mich, den Weg zum Schiffe wieder ganz in der früheren Weise zu machen.

Sobald die Flut vorüber war, entkleidete ich mich in meiner Hütte und behielt Nichts an als mein leinenes Hemd, meine leinenen Hosen und die Strümpfe, schwamm an das Wrack heran und begann, an Bord gelangt, sogleich mir ein zweites Floß herzurichten. Diesmal baute ich es, durch die Erfahrung genöthigt, weniger schwerfällig und belud es auch nicht so sehr als das erste Mal. Unter den nützlichen Dingen, die ich diesmal mitnahm, befanden sich zunächst einige Beutel mit Nägeln, ein großer Bohrer, etliche Dutzend Handbeile und ein mir ganz besonders dienlich erscheinender Schleifstein. Außer diesen Gegenständen versicherte ich mich einiger dem Stückmeister anvertraut gewesenen Sachen, nämlich mehrer Stücke Eisen, zweier Fäßchen mit Musketenkugeln, sieben Musketen, noch einer Vogelflinte und einer weiteren kleineren Quantität von Pulver; ferner fand ich einen großen Sack mit kleinem Schrot und eine dicke Rolle Blei. Die letztere war jedoch so schwer, daß ich nicht wagte sie über Bord zu bringen. Weiterhin eignete ich mir zu, was ich an Kleidungsstücken finden konnte, sodann ein Bramsegel, eine Hängematte und etwas Bettwerk. Auch diese zweite Ladung brachte ich zu meiner großen Freude auf dem Floß unversehrt und vollständig ans Ufer.

Mit einiger Furcht hatte ich daran gedacht, während meiner Abwesenheit vom Lande könnten meine dort befindlichen Lebensmittel geraubt sein, doch fand ich bei meiner Rückkehr keinerlei Spuren eines Gastes. Nur sah ich ein Thier, ähnlich einer wilden Katze, auf einer der Kisten sitzen, das, als ich näher kam, eine Strecke fortlief und dann stehen blieb. Es saß ganz ruhig da und sah mir ins Gesicht, als ob es Lust habe, meine Bekanntschaft zu machen. Ich zielte mit dem Gewehr nach ihm, aber das verstand es nicht, wenigstens machte es keine Miene wegzulaufen. Hierauf warf ich ihm ein Stück Zwieback zu, wiewohl ich nicht sehr freigebig mit diesem Artikel sein durfte, da mein Vorrath nicht weit reichte. Das Thier lief darauf zu, beschnüffelte es, fraß es auf und sah mich dann vergnügt an, als ob es noch mehr verlange. Ich dankte jedoch für Weiteres, und da es sah, daß Nichts mehr zu erwarten sei, lief es fort.

Nachdem ich meine zweite Ladung ans Land gebracht, hätte ich am liebsten vor allen Dingen die Pulverfässer geöffnet, um den Inhalt nach und nach (denn es waren große, schwere Behälter) fortzuschaffen. Doch hielt ich es für gerathener, mir zunächst aus Segeltuch und einigen Pfählen, die ich zu diesem Zwecke gefällt hatte, ein Zelt zu errichten. Sobald dies fertig war, brachte ich Alles hinein, was durch Regen oder Sonne beschädigt werden konnte. Rund um das Zelt thürmte ich sämmtliche leere Kisten und Fässer auf, um mich gegen plötzliche Angriffe von Menschen oder Thieren zu sichern. Sodann verschloß ich den Eingang mit einigen Brettern von Innen und mit einem leeren Kasten von Außen, breitete ein Bett auf den Boden, legte meine zwei Pistolen mir zu Häupten und meine Flinte neben mich, ging dann zum ersten Male wieder zu Bett und schlief die ganze Nacht sehr ruhig. Meine Müdigkeit war begreiflich genug, da ich die vorige Nacht nur wenig geschlafen und den letzten Tag über tüchtig gearbeitet hatte.

Wiewohl ich jetzt das größte Magazin von Gegenständen besaß, das wohl jemals ein einzelner Mensch um sich her aufgehäuft hat, gab ich mich dennoch nicht damit zufrieden. Denn da das zertrümmerte Schiff noch in seiner früheren Stellung verharrte, glaubte ich mich verpflichtet daraus zu holen, was ich nur bekommen konnte. So ging ich denn jeden Tag bei niedrigem Wasser an Bord und schaffte diesen und jenen Gegenstand herüber. Das dritte Mal holte ich mir, so viel ich vermochte, vom Takelwerk, alle dünnen Seile und Stricke, ein Stück Leinwand, das zum Ausbessern der Segel bestimmt war, und das Faß mit dem nassen Pulver. In der Folge bemächtigte ich mich nach und nach des sämmtlichen Segeltuchs, ließ es jedoch nicht ganz, sondern schnitt es kurzer Hand in Stücke, da es nur noch als bloße Leinwand zu verwenden war.

Wie groß aber war meine Freude, als ich nach fünf oder sechs solcher Fahrten, während ich schon glaubte, das Schiff enthalte nichts Brauchbares mehr für mich, noch eine große Tonne mit Brod, drei ansehnliche Behälter mit Rum und Spiritus, eine Schachtel mit Zucker und ein Fäßchen mit feinem Mehl entdeckte. Ich leerte die Brodtonne aus, wickelte die Brode einzeln in Segelstücke und brachte Alles wohlbehalten aus Ufer.

Am nächsten Tag unternahm ich eine weitere Fahrt. Da jetzt das Schiff alles Beweglichen entledigt war, machte ich mich an die Taue, schnitt das große Kabel in Stücke, um es fortschaffen zu können, und nahm auch noch zwei andere Taue und eine Helse, sowie alles Eisenwerk mit ans Land. Dann fällte ich den Fock- und den Brammast, verfertigte aus diesen und allen anderen dazu brauchbaren Dingen wiederum ein großes Floß, belud es mit jenen schweren Gütern und trat dann die Rückfahrt an. Jetzt aber begann mein gutes Glück mich zu verlassen. Die Flöße war nämlich so schwerfällig, daß ich sie, nachdem ich in die kleine Bucht, wo ich sonst immer gelandet war, gebracht hatte, nicht so gut zu dirigiren vermochte wie die früheren. Sie schlug um, und ich fiel mit meiner ganzen Beute ins Wasser. In Bezug auf meine Person hatte das Nichts zu sagen, da das Ufer nahe war. Jedoch von meiner Ladung ging der größte Theil, besonders des Eisens, von dem ich große Dienste erwartet hatte, verloren. Indeß bekam ich während der Ebbe die meisten Taustücke und auch ein wenig von dem Eisen wieder, das letztere aber nur mit unendlicher Mühe, da ich es durch Tauchen aus dem Wasser holen mußte, und das war eine ungemein anstrengende Arbeit.

Von jetzt an begab ich mich täglich nach dem Wrack, um was nur möglich war zu holen. Am dreizehnten Tage meines Aufenthalts auf der Insel war ich bereits elfmal auf dem Schiffe gewesen und hatte in dieser Zeit alles, was zwei Menschenhände fortzuschleppen vermochten, herübergeschafft. Wäre das Wetter ruhig geblieben, so würde ich mich nach und nach des ganzen Schiffes bemächtigt haben, aber schon als ich mich anschickte, zum zwölften Mal an Bord zu gehen, fühlte ich, daß sich der Wind erhob. Dennoch trat ich während der Ebbe die Fahrt an. Ich entdeckte denn auch, wiewohl ich geglaubt hatte, die Kajüte schon völlig ausgeräumt zu haben, darin noch eine Kommode, in der sich mehre Rasirmesser, ein paar große Scheeren und zehn bis zwölf gute Messer und Gabeln befanden; in einem anderen Behälter aber lag ein Häuflein Geld, etwa sechsunddreißig Pfund werth, in europäischen und brasilianischen Gold- und Silbermünzen.

Bei diesem letzteren Anblick konnte ich mich eines ironischen Lächelns nicht erwehren. »O elender Plunder«, rief ich, »wozu taugst du mir nun? Du bist hier nicht werth der Mühe, dich im Wege aufzulesen. Eines jener Messer nützt mehr als dein ganzer Haufe! Bleib wo du bist und ertrinke wie ein Thier, um das es sich nicht verlohnt, ihm das Leben zu retten.«

Nach besserer Ueberlegung nahm ich jedoch trotzdem das Geld mit. Ich wickelte meine sämmtliche Beute in ein Stück Leinwand und schickte mich an, eine neue Flöße herzustellen. Während ich eben daran gehen wollte, sah ich, daß der Himmel sich umzog. Zugleich steigerte sich der Wind, und nach einer Viertelstunde wehete eine ganz frische Brise vom Lande her. Sofort überlegte ich, daß ich mit einem Floß nicht dem Wind entgegen landen könne, und daß ich vor Beginn der Flut hinüber sein müsse, wenn ich überhaupt ans Ufer gelangen wolle. Da sprang ich denn ohne Weiteres ins Wasser und schwamm nach der Küste, allerdings nicht ohne erhebliche Anstrengung, theils wegen des Gewichts, das ich zutragen hatte, theils wegen der Strömung des Wassers. Denn der Wind war heftig geworden, und bis die volle Flut eintrat, hatte sich ein förmlicher Sturm erhoben. Da aber war ich schon wohlbehalten zu meinem kleinen Zelt gelangt, wo ich, meinen ganzen Reichthum um mich her gebreitet, sicher lag. Es stürmte die ganze Nacht hindurch, und als ich am Morgen mich umsah, war das Schiff verschwunden. Nun gereichte es mir zum großen Trost, daß ich keine Zeit und Mühe versäumt hatte, was mir nützlich sein konnte, aus demselben herüber zu schaffen. Ich konnte jetzt von dem Fahrzeug und dem, was es etwa noch enthielt, Nichts mehr hoffen und höchstens darauf bedacht sein zu retten, was von dem Winde an den Strand getrieben werden würde. In der That geschah das später mit mehren Stücken, die ich jedoch wenig zu nützen vermochte.

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