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Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant - Teil 1
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorHermann Grobet, Richard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070710
projectid1c17047d
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Erster Band.

Erstes Capitel. Der Abschied.

»Bis hierher und nicht einen Schritt weiter, lieber Johannes, gestatte ich Dir, mich zu begleiten. Gieb mir daher die Reisetasche und laß uns scheiden, scheiden als das, was wir einander stets gewesen sind und bleiben werden, als unveränderliche, treue Freunde.«

»Eigentlich wollte ich mich erst im Dorf von Dir trennen, nachdem ich mich überzeugte, daß Du in dem Hauderer ein gutes Plätzchen gefunden – und die Tasche, meine gute Anna, sie ist nicht leicht, wirklich, es wäre besser, ich trüge sie bis dahin.«

»Nein nein, Johannes, hier laß uns scheiden, bedenke, im Dorfe wohnen Leute, die ich kenne und denen ich ebenfalls Lebewohl sagen möchte, ständest Du aber dabei und ich könnte Dir meine Zeit nicht ganz allein schenken, so wäre mir das zu schmerzlich. Ferner kann es vier, fünf Uhr werden, bevor der Hauderer eintrifft; was sollte nun Deine arme Mutter glauben, kehrtest Du so spät heim, während Du sie jetzt gerade von ihrem Mittagsschläfchen erwacht findest.«

»Nur noch bis an den Meilenstein,« bat Johannes freundlich, »auf der Bank dort wollen wir ein Weilchen rasten – wer weiß, wo und wann wir uns wiedersehen – und wenn es denn nicht anders sein kann – ja, Anna, so will ich eben umkehren.«

»Gut, lieber Johannes, diese Strecke gebe ich noch zu,« entschied Anna, »jedoch nur unter der Bedingung, daß Du mir die eine Handhabe überläßt und wir die Tasche gemeinschaftlich tragen.«

Mit einem schwermüthigen Lächeln erfüllte Johannes die Bedingung, und dann schritten die beiden jungen Leute längere Zeit schweigend auf dem Sommerwege der Chaussee dahin. Sie schritten dahin ernst und sinnend, wie es wohl gerechtfertigt ist, wenn Jugendgespielen, die stets mit herzlicher Liebe an einander gehangen haben, von dem Geschick getrennt und in Sphären geschleudert werden, welche sie, der nothwendigen Trennung wegen, als ihnen feindlich zu betrachten geneigt sind; sie schritten dahin, nur von dem Gedanken an den bevorstehenden Abschied beseelt: Anna mit anmuthigen, leichten und elastischen Bewegungen, ihr Gefährte dagegen, als ob des Lebens Last ihn unendlich schwer bedrücke und er nur noch mit Mühe sich vorwärts bewege.

Erstere hatte kaum das sechszehnte Jahr erreicht, stand also in dem Alter, in welchem bei ihrer hohen natürlichen Bevorzugung holde Kindheit und schüchtern erwachende Jungfräulichkeit sich zu einem überaus lieblichen Bilde vereinigten. Ihre zarte Gestalt zeigte eben noch kindliche Formen, welchen indessen eine gewisse, das schönste Ebenmaß herstellende Fülle nicht mangelte. Ein einfaches schwarzes Kleid schmiegte sich züchtig an die zierlich abgerundeten Glieder an; ein dunkelfarbiges Tuch verhüllte theilweise den schlanken Hals und bekundete, wie das den runden Strohhut umschlingende schwarze Band, daß sie nicht ohne schwer wiegende Gründe sich in die ernste dunkle Farbe gekleidet habe. Wie um den äußeren Ausdruck der Trauer zu erhöhen, legte sich das starke, sehr sorgfältig gescheitelte Haar glatt und kastanienbraun an die weißen Schläfen an, während auf der klaren Stirne schwarze Brauen sich über ein Paar Augen wölbten, in welche der Himmel sein schönstes und tiefstes Blau ergossen zu haben schien, um dadurch einen andern, mit ihm selbst wetteifernden Himmel zu erzeugen. Ein unbeschreiblicher Liebreiz ruhte auf den von Jugend und Gesundheit mild angehauchten Wangen und um die rosigen Lippen; war aber, indem sie vielleicht des bevorstehenden Abschieds gedachte, verhaltene Wehmuth auf ihrem schönen Antlitz vorherrschend, so entdeckte man auch leicht wieder einen Zug, der auf angeborenen Frohsinn, auf jene bezaubernde Heiterkeit des Gemüthes hindeutete, welche so vielfach gleichsam als Andenken an die sorglos verlebte Kindheit mit in das spätere Alter hinüber genommen wird.

Vergeblich hätte man dagegen in dem bleichen Gesicht ihres Gefährten nach einer Spur dieser unschätzbaren Kleinode geforscht.

Erst zweiundzwanzig Sommer hatte derselbe gesehen, und dennoch prägte sich in den jugendlichen Zügen ein so schmerzlicher Ernst aus, daß man nicht auf dieselben blicken konnte, ohne von herzlicher Theilnahme ergriffen zu werden. Wie wenige Stunden kräftigender körperlicher Bewegung ließen sich aus der weißen, mädchenhaft zarten Hautfarbe des etwas länglichen, durchaus edel gebildeten Antlitzes herausrechnen! Wie viele, viele Stunden nächtlicher Arbeit bei unzureichender Beleuchtung waren dagegen in den großen, träumerischen, mit einem dunkeln Schatten umgebenen blauen Augen aufgezeichnet! Auf den Wangen, welche nach unten in einem hellblonden Vollbart endigten, ruhte zwar eine tiefe Röthe, allein diese Röthe war scharf abgegrenzt, wie bei Giftblumen, hinter deren verlockendsten Farben unheimlich der Tod lauert. Ein leiser, trockner Husten, der sich gelegentlich der etwas eingeengten Brust entwand, bildete die Erläuterung zu der gleißnerischen Röthe und der bitteren Entsagung, welche so verständlich aus den schönen blauen Augen sprach.

Eine freundliche Milde, eine unendliche Herzensgüte thronte auf den bleichen Zügen; wenn sich aber hierzu der Ausdruck eines tiefen Schmerzes gesellte, so entsprang derselbe weniger dem Bewußtsein eines gefährlichen körperlichen Krankheitszustandes, als dem Gedanken an die bevorstehende Trennung von der Jugendgespielin.

Auch er war einst von dem heimatlichen Städtchen fortgewandert, um in der Residenz seine Studien zu beendigen; er war fortgewandert mit trüben Aussichten. Es lag ihm ob, durch Ertheilen von Unterricht nicht nur für sich selbst zu sorgen, sondern auch eine kränkliche Mutter zu unterstützen; dagegen begleitete ihn die tröstliche Gewißheit, bei seinen Ferienbesuchen alle Diejenigen wieder zu begrüßen, an denen sein Herz mit ganzer Liebe hing. Jetzt aber, da auch seine holde Freundin dem Städtchen Lebewohl sagte, beschlich ihn das niederdrückende Gefühl, als ob er nunmehr gänzlich verwaist sei: war doch die Hoffnung, nach Ablauf der Ferien mit ihr in der Residenz zusammenzutreffen, eine zu trügerische; und sahen sie einander wieder, dann geschah es vielleicht in solchen Verhältnissen, in welchen sie höchstens ein flüchtiges Wort, einen flüchtigen Gruß wechseln durften, um sogleich wieder andern Leuten zu Diensten zu stehen.

Der arme Johannes, er wußte zu genau, was es bedeutet, von fremden Menschen abhängig zu sein, und nur um seiner lieblichen Gefährtin Zuversicht nicht zu erschüttern, ihr hoffnungsvolles Hineinschauen in die Zukunft nicht zu trüben, vermied er, mit ihr darüber zu sprechen. Die Erfahrungen, welchen sie entgegenging, kamen ja noch immer mehr als zu früh, und wer konnte wissen, ob sie seine eigenen nicht sogar an Bitterkeit übertrafen? –

Er war noch Student, hoffte aber, innerhalb zweier Jahre seine Studien zu beendigen. Weiter mochte er nicht hinausdenken; denn eine friedliche Dorfpfarre, nach welcher er sich seit seiner frühesten Kindheit sehnte – er hustete leise – wie weit, wie unerreichbar weit lag für ihn ein solches Glück!

Wohl war er noch Student; das halblange, seidenweiche blonde Haar und der jugendliche Vollbart verriethen nothdürftig seinen Stand; doch der kurze Rock, die dreifarbige Mütze, das gestreifte Corpsband und vor Allem der sorglose, herausfordernde Blick, welche im Allgemeinen das Aeußere eines feurigen, jungen Musensohnes kennzeichnen, wo waren sie? Fadenscheinige, vielfach ausgebesserte Kleidungsstücke umhüllten wenig anmuthig seine hohe, etwas geneigte Gestalt, und statt der heiteren Corpsmütze beschattete ein abgegriffener schwarzer Hut die blonden Locken, während die sinnenden, schwermüthigen Augen bald auf die staubige Straße, bald seitwärts mit innigem Ausdruck auf seine Gefährtin gerichtet waren. Hätten ihn aber geschmückt alle phantastischen Zierrathen, die nur immer von einem toll ins Leben hineinstürmenden Jugendmuthe erdacht und ersonnen werden können; hätte in ihm gewohnt die muntere Lebenskraft, die mit gleicher Bereitwilligkeit zugespitzte Worte, wie den blanken Schläger handhabt, so wäre dadurch gewiß am wenigsten die rührende Besorgniß gesteigert worden, mit welcher Anna die Schweißtropfen auf seiner Stirn beobachtete und ihn bat, die Reisetasche ein Weilchen niederzustellen und zu rasten.

»Es hat nichts zu bedeuten,« sagte Johannes freundlich, indem er mit dem Taschentuch leicht über sein Gesicht hinfächelte, »wenn ich etwas kürzer athme, so ist das keine Folge der Erschöpfung, sondern der Wärme; die Sonne meint es in der That redlich heute – übrigens liegt der Meilenstein auch dicht vor uns.«

Einige Minuten später erreichten sie den bezeichneten Punkt, wo sie auf der Rasenbank dicht neben einander Platz nahmen.

»Dies ist also die äußerste Grenze, bis zu welcher ich Dich begleiten darf?« fragte Johannes, der Freundin Hand ergreifend, und seine Augen ruhten mit Wohlgefallen auf dem geliebten Haupt an seiner Seite.

»Die äußerste Grenze,« bestätigte Anna, wie zerstreut; »dort, gleich hinter der nächsten Biegung liegt das Dorf, und da wir doch einmal von einander scheiden müssen, so ist es besser, es geschieht hier, wo wir nicht von fremden, neugierigen Menschen beobachtet werden.«

»Du hast wohl recht, Anna, wie immer, wenn Du Dein Herz sprechen läßt, allein ich hörte nie davon, daß im Dorfe Bekannte von Dir wohnen?«

»Biedere Bauersleute, von welchen ich zuweilen kaufte,« erwiderte Anna sich abwendend, um zu verbergen, daß Verlegenheit ihr jugendfrisches Antlitz tiefer färbte.

»So wirst Du jedenfalls eine recht herzliche Aufnahme bei ihnen finden und mit erneuten Kräften den vorbeifahrenden Hauderer besteigen.«

Anna antwortete nicht, sondern spähte schärfer die Chaussee abwärts, als ob sie daselbst etwas gesucht hätte.

Johannes kämpfte einen leisen Hustenanfall nieder; dann legte er plötzlich seine Hand auf die der Gefährtin.

»Blicke mir einmal recht gerade in die Augen,« hob er an, wobei die unheimliche Gluth auf seinen Wangen ihre gewöhnliche Grenze weit überschritt, »blicke mir in die Augen, damit mir der Muth nicht fehle zu Dem, was ich Dir, bevor wir scheiden, noch mittheilen muß.«

Anna folgte mit einer leichten Verwirrung dem Gebot ihres geliebten Jugendgefährten und fragte wehmüthig lächelnd :

»Ich soll Dir Muth verleihen? Ich, die ich gewissermaßen unter Deiner Obhut aufgewachsen bin?«

Auch Johannes lächelte jetzt, aber aus seinem Lächeln sprach eine so tiefe Beschämung, daß Anna ihn kaum wiedererkannte und mit ängstlicher Spannung seinen weiteren Enthüllungen entgegensah.

»Du bist heute in den Vormittagsstunden bei meiner Mutter gewesen?« fragte er endlich zögernd.

»Ich war dort, um Deiner guten Mutter Lebewohl zu sagen; denn es kann recht lange dauern, bevor ich sie wiedersehe.«

»Du hast ihr etwas – Du hast ihr Geld gegeben?«

»Wenn Du es dennoch erfahren hast, so darf ich es nicht leugnen, ja, ich gab ihr Geld – ich konnte nicht von dannen ziehen, ohne meine letzten Verbindlichkeiten gelöst zu haben.«

»Aber Kind, Du empfingst ja nie einen Pfennig von ihr!« fiel Johannes mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit ein.

»Ich nicht, aber meine verstorbene Mutter, und da wäre es doch gewiß recht sündhaft gewesen, hätte ich diese auf mich übergegangene Verpflichtung nicht als ein heiliges Erbtheil betrachten wollen.«

»Deine Handlungsweise entspricht wohl den edlen Regungen Deines Herzens, Du gute Anna, allein Du hast nicht berücksichtigt, daß Dir selbst nur sehr geringe Mittel zu Gebote stehen. Erwäge, Du gehst einer ungewissen Zukunft entgegen und kannst in Lagen gerathen, in welchen etwas Geld Dir sehr zu Statten käme, weit mehr, als meiner Mutter, die ausreichend zu unterstützen mir gar nicht schwer wird. Ich bitte Dich daher dringend, und meine Mutter bittet Dich mit mir: das Geld zurück zu nehmen. Ich verlange es sogar als einen Beweis Deiner Freundschaft und Anhänglichkeit von Dir. – Ja – liebe Anna – hier, nimm es zurück und laß uns nicht weiter darüber sprechen.«

Er wollte das Geld hervorziehen, als Anna ihn schnell hinderte.

»Nein, Johannes,« sagte sie mit einer Entschiedenheit, die in wunderbarem Contrast zu dem holden, kindlichen Antlitz stand, »das Geld kann und darf ich nicht zurücknehmen; es gehört Deiner Mutter, und wenn es zu Deiner Beruhigung gereicht, so gestehe ich offen ein, daß es mir nicht schwer wurde, die alte Schuld abzutragen. Das Geld rührt nämlich von dem Erlös der Sachen meiner verstorbenen Mutter her, welche mir noch geblieben waren und die ich ohnehin hätte verkaufen müssen. Es hat mir also gar keine Mühe verursacht, während Du – verzeihe mir, lieber Johannes – unendlich lange arbeitest und sparst, um eine kleine Summe zu erübrigen. Dringe daher nicht weiter in mich, sondern gönne mir das Bewußtsein, meine Pflicht erfüllt zu haben –«

»So nimm wenigstens die Hälfte,« unterbrach der junge Mann mit einem schmerzlichen Seufzer die in Eifer gerathene Gefährtin, »sechs Thaler reichen für meine Mutter schon sehr weit, Du aber weißt nicht, ob die andern sechs nicht einen unglaublich hohen Werth für Dich erhalten.«

»Sollten Sie wohl einen höheren Werth für mich erhalten können, als für Deine Mutter, der es kein Geheimniß, daß Du Gesundheit und Leben opferst, um sowohl für Deine Studien, als auch für ihren Unterhalt die Mittel herbeizuschaffen?« fragte Anna vorwurfsvoll. »Nein, nein, Johannes, alle Deine Einwendungen sind vergeblich, nicht einen Pfennig nehme ich zurück; aber eine Bitte richte ich an Dich, eine Bitte, welche Du mir nicht abschlagen darfst, lieber, guter Johannes, ich meine, daß Du, nachdem Du jetzt meinen unerschütterlichen Willen erfahren hast, die Sache auf sich beruhen läßt. Erwähne keine Silbe mehr davon, verbittere mir nicht die letzten Minuten, welche mir nur noch vergönnt sind, in der lieben alten Weise mit Dir zu verleben.«

Johannes seufzte wieder, als hätte er vor tief empfundenem Weh sterben mögen; dann neigte er sich vornüber, das Haupt schwer auf seine Hände und Kniee stützend.

»O, die Armuth,« flüsterte er, »man könnte zweifeln an der Gerechtigkeit des Himmels –«

Wie erschrocken über seinen Ideengang richtete er sich empor, und Anna's Hand wieder ergreifend, sagte er mit seltsam gepreßter Stimme:

»Nein, Kind, die letzten Minuten unseres Beisammenseins sollen wenigstens Dir nicht vergällt werden; nur eine einzige Frage erlaube mir noch, deren Beantwortung dann das letzte in dieser Angelegenheit gesprochene Wort sein soll: Sage mir frei und offen, sind durch Dein Verfahren Deine Mittel nicht in einer Weise erschöpft worden, daß Dir Verlegenheiten daraus erwachsen?«

Anna's gutes Gesicht zeigte wieder einen eigenthümlichen Anflug von Verwirrung, als sie die großen blauen Augen so treuherzig, so besorgnißvoll auf sich gerichtet sah; es kostete sie offenbar große Mühe, mit erzwungener Heiterkeit zu antworten.

»Beunruhige Dich nicht,« begann sie, den Staub nachlässig aus den Säumen ihres Kleides klopfend, »ich besitze weit mehr, als ich in nächster Zeit gebrauche – doch gedenken wir lieber der Zukunft und des Tages, an welchem wir uns zum erstenmal wiedersehen. Du wirst mich nach Ablauf Deiner Ferien jedenfalls aufsuchen?«

»Ohne Zweifel, wogegen ich von Dir die betreffenden Angaben erwarte, um Dich finden zu können.«

»Sie sollen Dir werden; ist Deine Adresse in der Residenz noch immer die alte?«

»Ich weiß es nicht; um die Miethe zu sparen, gab ich meine Wohnung auf; ist nach Ablauf der Ferien mein Stübchen frei, so beziehe ich es selbstverständlich wieder. Auf alle Fälle ist es am rathsamsten, Du läßt Deinen ersten Brief durch die Hände meiner Mutter gehen, und wo Du auch weilst, ich komme zu Dir.

»Erwarte nur nicht zu bald Nachricht von mir, lieber Johannes, ich möchte wenigstens nicht gern schreiben, bevor sich über meine Zukunft irgend etwas entschieden hat. Wie lange dauern Deine Ferien noch?«

»Drei Wochen; wenn das Glück uns begünstigt, können wir uns in der vierten Woche, von heut gerechnet, wiedersehen.«

»Eigentlich eine kurze Zeit,« bemerkte Anna sinnend, »zu kurz, um so traurig auseinander zu gehen. Aber siehe, mein Schatten ist in der Zeit, welche wir hier verbrachten beinahe eine viertel Elle weiter herumgeglitten. Er mahnt mich an die Fortsetzung meiner Reise, und Dich an Deine arme Mutter. Laß uns daher aufbrechen, mein lieber Johannes, und wenn ich jetzt von Dir gehe, dann sieh nicht so traurig und niedergeschlagen aus – der Abschied wird mir sonst noch viel schwerer.«

Sie hatte sich erhoben, und die Reisetasche ergreifend, wog sie dieselbe prüfend.

»Eine Strecke werde ich sie schon mit Leichtigkeit tragen können,« bemerkte sie lächelnd, dann reichte sie Johannes, der ebenfalls aufgestanden war, die Hand.

»So lebe denn wohl,« fuhr sie mit bebenden Lippen fort, während ihre redlichen Augen einen feuchten Glanz erhielten; »lebe wohl, Du einziger Freund, welchen ich besitze. Mit schwerem Herzen gehe ich von Dir, denn so, wie es bisher zwischen uns gewesen ist, wird es wohl nicht mehr sein, wenn wir uns wiedersehen. Doch mag mir beschieden sein, was da wolle, meine treue Anhänglichkeit kann sich nie ändern, Du bist und bleibst mein lieber, guter Johannes, wie ich selbst – ich weiß es ja – Deine gelehrige, kleine Anna bis in die Ewigkeit hinein bleiben werde.«

Stumm sah Johannes auf die geliebte Gefährtin nieder; er schien kaum zu verstehen, was sie sagte. Wie um ihr jugendlich holdes Bild tiefer und unauslöschlicher seiner Seele einzuprägen, blickte er fort und fort in das unschuldige, dunkelblaue Augenpaar. Vor seine eigenen Augen aber legte es sich wie ein trüber Schleier; nur mit Aufbietung seiner ganzen Kraft vermochte er die Thränen zurückzudrängen; ihm war so namenlos wehe um's Herz, und vergeblich bemühte er sich, die traurigen Ahnungen zu besiegen, die mit erstickender Wucht seine wunde Brust beengten.

»Segne Dich Gott, meine geliebte Anna,« sprach er endlich tief bewegt, indem er seine Hand auf das theure Haupt legte, »segne Dich Gott, Du meine ganze Herzensfreude, mein Trost; der einzige Lichtpunkt in meinem armen Leben ist Dein trautes Bild, die einzigen freundlichen Strahlen, welche meinen einsamen, dornenvollen Lebenspfad erhellten, sind von Dir ausgegangen, von Dir mit Deinem edlen Herzen und Deiner unerschütterlichen Anhänglichkeit.«

Heiße Thränen rollten über Anna's Wangen; von ihren Gefühlen überwältigt, schlang sie die Arme um des geliebten Freundes Nacken. Ihre Lippen suchten wie unbewußt die seinigen, er dagegen wich dieser innigen Berührung aus, und während er einen entsetzlichen Blick des bittersten Vorwurfs und unsäglichen Schmerzes zum Himmel emporsandte, drückte er einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirne.

»Geh' jetzt, Kind,« sagte er leise, und wie die eisige Hand des Todes legte es sich auf seine gemarterte Brust, »geh' mit Gott Deiner Wege – meine Gebete begleiten Dich. Ich werde noch ein Weilchen hier sitzen bleiben – so lange, bis Du hinter jener Biegung zwischen den Bäumen verschwunden bist. Vorher aber, Kind, schaue noch einmal zurück, winke mit der Hand, wie ich es thun werde, und sprich dabei: Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen,« wiederholte Anna schluchzend; dann nahm sie ihre Reisetasche, und sich hastig abwendend, schritt sie davon.

Johannes war auf die Bank zurückgesunken; die Todesrosen auf seinen Wangen glühten und hatten schärfere Umrisse angenommen. Thräne auf Thräne entquoll den schwermüthigen Augen, und unheimlich kurz entwand sich der gepreßte Athem seiner Brust.

»Ich hätte sie mit meinem Hauch vergiftet,« flüsterten die bleichen Lippen.

Wie schrecklicher Hohn klang es aus den leisen Worten hervor. In der nächsten Minute lagerte wieder inniges Wohlwollen und männliche Ergebung auf den gramgezeichneten, jugendlichen Zügen.

Anna hatte unterdessen die Biegung der Chaussee erreicht. Der verabredete Scheidegruß wurde ausgetauscht, und dichte Baumgruppen entzogen dem Zurückbleibenden die Aussicht auf die eilfertig dahinschreitende, schlanke Gestalt. Aber als hätten die großen traurigen Augen die sich ihnen entgegenstellenden Hindernisse zu durchdringen vermocht, blieben sie noch lange auf dem Punkte haften, wo sie zum letzten Male zwischen dem grünen Laub hindurch das Wehen der schwarzen Bänder auf dem hellfarbigen Strohhut wahrgenommen hatten. –

Fünf Minuten später trat Anna in das Dorf ein. Vor den ersten Häusern blieb sie stehen und ängstlich spähte sie rückwärts. Erst nachdem sie sich überzeugt hatte, daß Johannes, in seiner Besorgniß um sie, ihr nicht nachgefolgt war, setzte sie sich wieder in Bewegung. Mit eiligen Schritten begab sie sich in das Dorf hinein, und mit eiligen Schritten wanderte sie aus dem andern Ende desselben wieder hinaus. Kaum daß die den Leuten zu danken wagte, welche ihr einen freundlichen Gruß zuriefen. Erst als das Dorf weit hinter ihr lag, athmete sie freier auf und vorsichtig mäßigte sie ihre Hast, um nicht zu früh zu ermüden, denn vor ihr erstreckte sich ein langer, langer Weg. –

Johannes befand sich um diese Zeit auf dem Heimwege. Langsam und gesenkten Hauptes schritt er einher; anfänglich beabsichtigte er, auf den Hauderer zu warten und dem Kutscher die junge Reisende recht warm anzuempfehlen; dann aber trat das Bild seiner kranken Mutter ihm vor die Seele, schnell eine andere Entscheidung herbeiführend. –

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