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Robert Schweichel: Die Falkner von St. Vigil - Kapitel 3
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pfad/schweich/stvigil/stvigil.xml
typefiction
authorRobert Schweichel
titleDie Falkner von St. Vigil
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firstpub1881
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2. Kapitel

Der Klosterhof bildete den stattlichsten Ansitz im ganzen Vigiltal. Wo sich dies gegen Norden erweitert und ausbuchtet, lag er auf einem Bühel Bühel (Bühl) – Hügel inmitten seiner Wiesen und Felder, die sich sanft gegen den Vigilbach hinabsenkten. Gleich einem Diadem von Smaragden, dessen mittelstes Juwel das Spitzhörndl bildete, erhoben sich hinter dem Klosterhof die waldreichen Berge, und ihm zu Füßen drängten sich die grauen Häuser und Schindeldächer des kleinen Fleckens Monthan eng an dem Bach zusammen. Bei dem Weiler zweigte sich von der Heerstraße, die in einem weiten Bogen weiter nach dem eine gute Viertelstunde entfernten St. Vigil, dem Hauptort des Tales, führte, ein schmaler Weg aufwärts zum Klosterhof ab. Dieser Weg, zwischen den Feldern wie versunken, trennte die Wirtschaftsgebäude, die ein längliches offenes Viereck bildeten, von dem etwas vorgeschobenen Wohnhaus, dessen Eingang sich auf der dem Spitzhörndl zugekehrten Nordseite befand. Der Ansitz hieß Klosterhof, weil hier zu der Zeit, da das Vigiltal noch dem reichen Frauenkloster Sonnenburg im Pustertal gehörte, ein Meier des Klosters gewirtschaftet hatte, dessen besondere Pflicht es gewesen war, für die tägliche Leibesnahrung der Frau Äbtissin von Sonnenburg und ihrer Gefolgschaft zu sorgen, wenn sie zur Sommerfrische in St. Vigil weilte. Das große steinerne Haus an der Kirche des Ortes, in dem sich gegenwärtig das Landgericht und das Steueramt befanden, war die Sommerresidenz der Klosterfrauen gewesen. Und aus jener Zeit stammte die hohe Mauer, die Hofraum und Garten nach außen abschloß. Für die Lebenslust der frommen Frauen hatte die Mauer jedoch kein Hindernis gebildet, und man erzählt, daß sich das Tor stets gastfreundschaftlich aufgetan, sooft die Ritter von Brack, deren Stammburg Asch, unweit der Enneberger Dechanei, mit ihren vier Erkertürmchen in das Tal herunterschaut, oder andere werte Freunde zu Besuch kamen. Ihre Lebenslust soll mitunter selbst dem hochwürdigsten Bischof von Brixen ein Schnippchen geschlagen und seinem Interdikt sogar mit den Spießen und Schwertern ihrer getreuen Vasallen aus dem Vigiler und Gadener Tal getrotzt haben. Von einem Herrn Franz Wilhelm von Brack weiß man zu sagen, daß es für ihn eine besondere Belustigung gewesen sei, von seinem festen Hause aus auf fahrende Mönche zu schießen, als ob es Spatzen oder Meisen gewesen wären. Doch das Geschlecht derer von Brack horstete längst nicht mehr in Asch, und das Kloster Sonnenburg war von Kaiser Joseph II. Joseph II. – (1741-1790), römisch-deutscher Kaiser; verfolgte eine Politik des sogenannten aufgeklärten Absolutismus. Er wollte Österreich durch innere, auf eine Zentralisierung und Stärkung der Staatsgewalt gerichtete Reformen festigen, um dann dessen Besitzungen auszudehnen. Seine mannigfaltigen reformerischen Maßnahmen, deren wichtigste die Aufhebung der Leibeigenschaft war, richteten sich auch gegen die katholische Hierarchie, mit dem Ziel, den Monarchen anstelle des Papstes zum Haupt der katholischen Kirche in Österreich zu machen. Unter Josephs Regierung wurden zahlreiche Klöster aufgehoben, ihr Vermögen eingezogen und aus dem konfiszierten Klostergut staatliche Unterrichtsanstalten errichtet. Nach Josephs Tod wurden die von ihm eingeleiteten Reformen, die besonders bei den feudalen Grundherren stärksten Unwillen hervorgerufen hatten, eingestellt. Die aufstrebenden Schichten des österreichischen Bürgertums, vor allem Unternehmer, die ihre Fabriken erst aufbauten, sowie junge Beamte und Lehrer traten weiterhin für die Durchführung der Reformen ein und wurden zu Trägern des sogenannten Josephinismus, womit man später die Gesamtheit der wirtschafts-, sozial- und kirchenpolitischen Reformgedanken Josephs II. bezeichnete. aufgehoben worden.

Die Scheuern des ehemaligen Küchenhofes und die geräumigen Stallungen für die Rinder, die auf der Alm sommerten, erwiesen sich in gutem Zustand, wie auch das große Wohnhaus, dessen unteres Stockwerk massiv war. Die Kalksteinmauern waren außerordentlich dick, zum Schutz gegen die Strenge des langen Winters; denn das Vigiltal liegt sehr hoch, höher als der Brocken. Die Fenster mit ihren kleinen runden und eckigen Scheiben, die in Blei gefaßt waren, lagen tief in der Mauer, und Goldlack, Reseda und Nelken blühten in den Nischen. Das obere Stockwerk war aus starken Balken gefügt und hatte ein nach allen Seiten weit vorspringendes Dach, unter dem sich auf der nach Süden gekehrten Front des Hauses eine Galerie oder Laube hinzog, deren Geländer und Pfeiler gleich den Dachfirsten auf den Giebelseiten mit Schnitzwerk verziert waren. Die Schnitzerei war zwar roh, aber nach gutem Muster ausgeführt. Den Vorplatz vor der Haustür, zu der man acht bis zehn Stufen hinaufstieg, umgab eine Steineinfassung von durchbrochener Arbeit, und ein Kreuzgewölbe, das auf gemauerten Pfeilern ruhte, überdachte ihn.

Als Kaiser Joseph II. zur Regierung gelangt war, hatten die frommen Frauen von Sonnenburg dem drohenden Sturm gegen diejenigen Klöster, die keinem gemeinnützigen Zweck dienten, dadurch vorzubeugen gesucht, daß sie von ihrem mehr als fürstlich großen Grundbesitz unterderhand soviel wie möglich veräußerten. Geld und Wertpapiere waren leicht in Sicherheit zu bringen, aber Grund und Boden konnte man nicht an den Fersen mitnehmen. Damals war denn auch der Klosterhof in erbliches Eigentum des derzeitigen Meiers übergegangen. Er hatte den halben Betrag der Kaufsumme bar erlegt, und die andere Hälfte war hypothekarisch auf den Hof eingetragen worden. Das war unter dem Vater des jetzigen Klosterbauern, Joseph Falkners, zustande gebracht worden. Die Falkner hatten schon seit undenklichen Zeiten als Meier auf dem Klosterhof gesessen und waren auf ihm zu beachtlichem Wohlstand gekommen. Auf Wunsch der Klosterfrauen war der Kaufvertrag bis zur Aufhebung des Klosters Sonnenburg geheimgehalten worden. Als das gefürchtete Ereignis eintrat, war Joseph Falkner bereits seit einigen Jahren seinem Vater als scheinbarer Meier auf dem Klosterhof gefolgt. Der nun ans Licht gezogene Kaufvertrag war unanfechtbar; nur stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß die Sonnenburger Himmelsbräute, wenn auch ohne Falsch wie die Tauben, so doch auch klug wie die Schlangen gewesen waren und die Hypothek längst an einen Kaufmann in dem überaus gottseligen Brixen, namens Wagenbühler, verpfändet hatten. Dem Klosterbauern war es gleichgültig, wessen Schuldner er künftighin sei. Da der Zinsfuß niedrig war, dachte er an keine Ablösung der Hypothek, denn er konnte seine Ersparnisse, wenn er sie nicht in den Strumpf tun wollte, vorteilhafter anlegen – etwa in Darlehen an kleine Bauern, die just in der Klemme steckten.

Joseph Falkner, nach seinem Besitz der Klosterbauer genannt, war seit etwa einem Dutzend Jahre Witwer. Die Ehe war nicht glücklich gewesen, was niemand so schwer empfunden hatte wie Lisei, das erste Kind aus dieser Ehe, das seit dem Tode der Mutter auf dem Klosterhof die Wirtschaft führte. Wenn man Vefa, die unverheiratet gebliebene Schwester des Klosterbauern, die dem greisen Pfarrer von St. Vigil wirtschaftete, über die Ehe urteilen hörte, so traf alle Schuld an dem Unglück die Frau ihres Bruders. Natürlich, denn sie hatte ihr das Regiment auf dem Klosterhof übergeben müssen, und außerdem war Kathi Straßer nicht nur ein blutarmes Mädchen gewesen, sondern hatte auch alle Versuche Vefas und deren Mutter – die ihren Mann überlebt hatte – sich in ihre häuslichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten einzumischen und sie zu hofmeistern, mit Energie zurückgewiesen. Vefa versicherte, daß sie noch heute nicht die Verblendung ihres Bruders begreifen könne, ein solches Geschöpf zur Klosterbäuerin erhoben zu haben. Sie vergaß eben eine Kleinigkeit: Kathis Schönheit.

Andere erinnerten sich dieses hübschen Mädchens noch mit Wohlgefallen, so Herr Moltenbecher, der Pfarrer von St. Vigil. Wie viele halbe Spezial hatte ihm die schöne Kathi kredenzt! Denn sie war vor ihrer Verheiratung Herrenkellnerin im »Stern« von St. Vigil gewesen, und der alte Herr, der trotz seines Polterns lieber lachte als weinte, hatte oft seine Freude an der »spritzigen« Gitsche gehabt. Ja, sie war bildschön gewesen, und Ambros sah ihr ähnlich.

Allerdings hätte der Klosterbauer schwerlich im Ernst daran gedacht, sie zu heiraten – wie sehr ihre Schönheit ihm auch in die Augen gestochen – wenn seine Eitelkeit sich nicht in das Spiel gemischt hätte. Denn Kathi hatte nichts als ihre Schönheit besessen. Ihre Eltern waren arme Häusler in dem Dörflein Pleiken, das hoch über dem Kreuz der Straße liegt, die aus dem Gadertal in das von St. Vigil führt. Frau Straßer stammte aus dem Venetianischen, von wo die armen Mädchen und Frauen Jahr für Jahr zu den Erntearbeiten in das Pustertal und dessen Nebentäler heraufkamen.

Eitelkeit aber ist Ehrgeiz in der Narrenkappe, und die des jungen Klosterbauern war mit vielen Schellen besetzt. Da er der reichste Bursche im Tal war, hielt er sich in jeder Beziehung für den ersten, und leider wurde er darin von seinen Schmeichlern eifrigst bestärkt. Der Hafer stach ihn um so mehr, als ihn sein Vater bei Lebzeiten scharf im Zügel gehalten hatte und er sich nur außer Seh- und Hörweite des Alten durch Großtun und noch einiges Schlimmere hatte schadlos halten können. Und solch einen verflixten Burschen, wie er es in seiner Vorstellung war, wagte Kathi mit Gleichgültigkeit zu behandeln! Ja, sie wagte noch mehr und gab ihm, so deutlich es ihre geläufige Zunge vermochte, zu verstehen, daß er nach ihrer Schätzung dem jungen Kaspar Larseit, der nur einen kleinen Ansitz in St. Vigil sein eigen nannte, nicht das Wasser reiche. Auch kümmerte es die schmucke Kathi gar nicht, ob die Honoratioren im Herrenstübl des »Sterns« zuhörten, wie sie den geldprotzigen Burschen abkanzelte. Kathis Herz mochte ein bestochener Richter sein, aber das Urteil, daß sich der junge Klosterbauer mit seinem bevorzugten Nebenbuhler weder an Wohlgestalt noch an Findigkeit messen könne, galt ziemlich allgemein; und daß er dem Kaspar Larseit auch an Körperkraft nicht gewachsen war, mußte er eines Nachts, als beide aus dem »Stern« kamen, mit Schmerzen erfahren. Er gab vor, in der Dunkelheit gefallen zu sein, aber nicht einmal Vefa glaubte ihm.

Um den Spöttereien seiner Kameraden ein Ende zu machen, mußte er nun wohl den Beweis führen, daß ihm kein Ding unmöglich sei. Statt seine erfolglosen Bemühungen um die Gunst der schönen Kathi einzustellen und sich für besiegt zu erklären, hielt er nach Herkommen und Brauch um ihre Hand an.

Der Klosterhof wog schwer, und seine Geschenke zeugten für seine Freigebigkeit. Kathi ließ sich verblenden, noch mehr ihre Eltern. Über den Widerstand seiner Schwester und seiner Mutter gegen eine solche Verbindung schritt er rücksichtslos hinweg – war er doch seit dem Tode des Vaters das Oberhaupt der Familie und somit sein Wille Gesetz.

Die Eitelkeit des Klosterbauern feierte einen glänzenden Triumph. Kaspar Larseit konnte den Wankelmut Kathis lange nicht verschmerzen, und als er sich nach mehreren Jahren ebenfalls verheiratete, geschah es lediglich, weil er in seiner Wirtschaft einer Frau bedurfte. Für Kathi aber kam bald die Erkenntnis, daß die Kirche sie zum Elend eingesegnet hatte, denn wo der Segen nicht in den Herzen ruht, da betet ihn auch kein Geistlicher vom Himmel herab.

Der Klosterbauer, dessen Eitelkeit durch den Besitz der schönen Kathi befriedigt war, entpuppte sich als eine halsstarrige, herrschsüchtige Natur, die keinen Widerspruch vertrug. Auch ein freigebiger Mann war er nicht, und die Hoffnungen auf bessere Tage, die Kathis Eltern auf seine Versprechungen gegründet hatten, lösten sich in Rauch auf. Er sah nur dann nicht aufs Geld, wenn er sich aufspielen konnte oder wollte. Der erste Akt seiner ehelichen Souveränität bestand darin, daß er seinen Schwiegereltern den Hof verbot. Die armen Straßers waren für den herrischen Bauern kein passender Umgang. Damit war der eheliche Krieg erklärt, und Vefa und deren Mutter, die auf dem Altenteil saß – eine Frau, die für gutmütig galt, weil sie einfältig war – bliesen die Fackel nach Kräften an. Dennoch wäre es Kathi vielleicht gelungen, mit ihrem Mann auszukommen, wenn sie sich bereit gefunden hätte, seinen Schwächen zu schmeicheln oder sie wenigstens zu schonen. Allein, dazu war sie zu ehrlich und zu heißblütig, und mehr noch stand dem der Vergleich mit Kaspar Larseit im Wege. Der Vergleich mußte sich ihr aufdrängen, und das schlimmste war, daß Joseph Falkner ihn argwöhnte. Der Klosterbauer mochte sich selbst so hoch schätzen, wie er wollte – darüber, daß er den Sieg über Kaspar nur durch sein Geld davongetragen hatte, konnte er sich nicht hinwegtäuschen. Diese widerwillige Erkenntnis ließ seinen Haß gegen Kaspar Larseit nicht absterben, und sein Mißtrauen, daß Kathi fortfahre, ihn zu seinem Nachteil mit jenem zu vergleichen, machte es für ihn fast zur Wollust, seine Frau zu demütigen, wo er konnte.

Die Geburt Liseis gestaltete das Verhältnis noch übler. Der Klosterbauer war so fest überzeugt gewesen, daß sein erstes Kind ein Knabe sein müsse, daß er anfangs an die Geburt eines Mädchens nicht glauben wollte. Noch nie hatte in dem Geschlecht der Falkner ein Mädchen zuerst die Wände beschrien! Was ihm widerfuhr, war daher so ungeheuerlich, daß er der Tatsache fassungslos gegenüberstand. Voller Verachtung drehte er Mutter und Kind den Rücken. Die alte Falkner und Vefa samt ihrem Anhang teilten seine Ansichten und Gefühle und ließen es Kath gleichfalls mit fortwährenden Nadelstichen spüren, daß eine Großbauerntochter an ihrer Stelle ihre Pflicht getan haben würde.

Auch das zweite Kind war ein Mädchen, das jedoch zu seinem Glück bald nach der Geburt starb. Kathi war nach Heiligkreuz im Gadertal gewallfahrtet, und nun doch ein Mädchen! Sie kam sich unter den Weibern wie geschlagen vor, und der Fluch, der auf ihr zu lasten schien, zerbrach und zerrieb ihre moralische Widerstandskraft gegen den Klosterbauern und die Seinigen. Die endliche Niederkunft mit einem Sohn kam für sie zu spät. Der Klosterbauer aber feierte Ambros' Geburt mit einem Tauffest, wie es das Vigiltal an Großartigkeit noch nicht erlebt hatte. Neun Monate danach erhob ein zweiter Knabe, der dann den Namen Hannes erhielt, ein nur zu berechtigtes Wehgeschrei über die Freude, der er sein Dasein verdankte.

Für den Vater existierte nur Ambros auf der Welt, und er sprach auch immer nur von seinem Kind, seinem Sohn, nie von seinen Kindern oder Söhnen. Ambros allein war sein Erbe, und auf ihn sollte eines Tages der Klosterhof ungeteilt übergehen, während Lisei mit einem kleinen Heiratsgut abgefunden werden sollte. Hannes aber ward schon in der Wiege zum Geistlichen bestimmt Das theologische Studium verursachte nur geringe Kosten, weil es auf den Schulen, Universitäten und Seminarien nicht an Freitischen und Stipendien für angehende Apostel fehlte, und der Klosterbauer war überzeugt, daß er an Hannes nicht väterlicher handeln könne, als daß er der Kirche die weitere Sorge für ihn überließ. Die Kirche war ja die große Versorgungsanstalt der jüngeren Bauern- und Adelssöhne. Hierin wurzelte ihre Lebenskraft und Macht.

Auf dem Klosterhof drehte sich fortan alles nur um Ambros. Es gab dort für alle nur noch die einzige Aufgabe, den Majoratserben zu warten und zu pflegen, und seine Mutter war nur noch die erste Magd ihres Mannes. Verbitterten Gemüts, von Reue verzehrt, von ihrem Manne mißachtet und von Ambros tyrannisiert, führte sie mit Lisei und Hannes, gegen den sie eine tiefe Abneigung empfand, ein trostloses, mühseliges Dasein, bis sich ihrer endlich, nachdem ihr die Schwiegermutter vorausgegangen, der Tod erbarmte.

Der Klosterbauer mochte nicht wieder heiraten, obgleich es an Spekulationen auf die Hand des reichen Witwers natürlich nicht fehlte. Das Los Kathis schreckte niemand ab. Außerdem war sie auch zu stolz gewesen, um das Elend, das sie sich selbst bereitet hatte, zur Schau zu tragen. Der Klosterbauer war kaum als Junggeselle von den Weibern so umschmeichelt worden wie als Witwer, und er ließ sich bereitwillig von ihnen schöntun. Warum sollte er jedoch noch einmal heiraten? Lisei, die beim Tode der Mutter vierzehn Jahre alt gewesen und schon während deren langwieriger Krankheit mit Hilfe der Großmagd dem Haushalt hatte vorstehen müssen, war eine tüchtige Wirtin, und einen Erben hatte er auch. Und was für einen! Ein Edelmann hätte auf einen solchen Erben wie Ambros stolz sein müssen, meinte der Vater. Wild und unbändig war er? Bah! Solche werden später die gesetztesten Leute! Und er dankte seinem Schöpfer, daß sein Ambros kein Duckmäuser war. Nein, ein Duckmäuser war Ambros wahrlich nicht, und er wuchs wie ein Füllen in völliger Freiheit heran, während sein Bruder Hannes, von dem Pfarrer auf das Gymnasium vorbereitet, die lateinische Schule in Brixen durchlief. Ob Hannes Berufung zum Geistlichen fühlte oder nicht, danach ward nicht gefragt. Wann wäre auch dem Klosterbauern eingefallen, bei seinen Entschlüssen, seinem Tun und Lassen auf andere Rücksicht zu nehmen?

Daß er mit den Jahren nicht nachgiebiger geworden war, erkannte man sogleich, wenn man ihn ansah, wie er jetzt in Hemdärmeln, die Mütze von Iltisfell auf dem Kopf, in seiner Wohnstube stand und mit den Fingern ungeduldig auf die Tischplatte trommelte. Es war ein hartes, hochmütiges Gesicht mit vorgewölbten Brauen, von denen einzelne Haare über die stahlgrauen, stechenden Augen herabhingen. Der Kopf saß mit einem kurzen, dicken Hals auf den breiten Schultern.

Seine Ungeduld galt seiner Schwester Vefa, die an der Kante des Tisches auf der Fensterbank saß und mit süßlich gefaltetem Mund auf ihn einredete. Sie war eine kleine, rundliche Person mit lebhaften Farben, glatt und sauber, wie es einer ordentlichen Pfarrwirtin geziemte. Hübsch war sie schwerlich je gewesen; ein milder Nachsommer entschädigte sie jedoch für den reizlosen Frühling und verbarg die Altjungferlichkeit unter matronlicher Fülle. Die übergroße Sorgfalt ihres Äußeren gab übrigens dem Verdacht Raum, daß sie nicht abgeneigt war, das Nordlicht auf ihren Wangen für die Röte des Frühlingsabends auszugeben. Nach ihrer Überzeugung war es ihr nur darum nicht möglich gewesen, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, weil ihr Heiratsgut allzu karg bemessen gewesen. Um so eifriger suchte sie nun anderen die Ehepforten zu erschließen, und im Augenblick war sie eifrig dabei, diesen Pförtnerdienst ihrer Nichte zu leisten, wobei sie großmütig die Abneigung vergaß, die sie bisher von Kathi auf deren Tochter übertragen hatte.

Aber die Geduld des Klosterbauern schien erschöpft, und rücksichtslos warf er in den Redefluß Vefas den Stein: »Aus euch Weibsbildern werde der Teixel klug! Zweimal hat dich der alte Arigaya sitzenlassen, und jetzt redst du seinem Buben das Wort, als ob er dein eigener Sohn wär!«

»O lieber Bruder!« faltete Vefa bittend die fetten Hände. Er aber rief grob: »Ach was, es soll wohl nit wahr sein, daß du dir auf den Sägemüller Hoffnung gemacht hast, zuletzt wieder, als seine erste Frau gestorben war? Meinetwegen, was geht's mich an! Aber in dem, was du da redet, ist kein Verstand. Himmlischer Herrgott, du weißt ja, daß die Lisei mit dem Schmied in St. Vigil einig geworden ist, und meinetwegen mag sie heiraten, wen sie will.«

»Mit dem Wolf Lechner!« zischte Vefa und dehnte den Namen, als könnte sie nicht genug Verachtung hineinlegen. »Und er ist obendrein aus Bayern zugewandert!«

»Mir ist's gleich, wo er her ist, ich heirat ihn nit«, versetzte der Klosterbauer. »Er versteht übrigens seine Sach ordentlich und ist zufrieden mit dem, was die Lisei mitbringt. Mit dem Jerg Arigaya laß mich aus. Er ist für die Lisei viel zu jung. Bevor der Ambros mir nit eine Söhnerin Söhnerin – Schwiegertochter zuführt, lass' ich die Lisei nit aus dem Haus, das weißt du, und bis dahin könnt sie leicht eine alte Jungfer werden wie du. Die Jüngste ist sie sowieso nit mehr.«

Vefa ließ den Stich des Bruders auf ihren Taufschein aus diplomatischen Gründen unbeachtet. »Der Jerg ist höchstens ein bis zwei Jahr jünger als die Lisei!« rief sie. »Das macht nix aus, und er wartet schon. Er mag die Lisei gar so gut leiden«

»Möcht wohl wissen, was dem Spaßvogel an der Lisei gefallen könnt! Hübsch ist sie doch nit.«

»Es ist aber so«, versicherte Vefa. »Weshalb wär er sonst gestern mit ihr und seiner Stiefmutter nach St. Lorenzen gefahren?«

»Schau, wie du wieder gescheit bist!« spottete der Klosterbauer. »Ich hab halt gemeint, daß die Sach auf was anderes gespitzt gewesen ist. Ist doch ein Teufelsbub, der Ambros!«

»Um so mehr wär's an der Zeit, daß unser Ambros sich nach einer Frau umtut«, bohrte die Schwester eifrig weiter. »Er braucht nur die Hand auszustrecken, und zehn Gitschen griffen nach jedem Finger. Mit dem Warten wär's daher für die Lisei so schlimm nit. Zudem ist der alte Arigaya ein reicher Mann und der Jerg sein einzig's Kind. Daß von der Stiefmutter noch Kinder kommen, glaub ich nit, und von solcher Verwandtschaft hat man doch seine Ehr.«

Der Bruder warf ihr einen bösen Blick zu; denn mißtrauisch, wie er war, hörte er aus ihrer letzten Äußerung eine Anspielung auf die Verwandtschaft, in die er selbst hineingeheiratet hatte.

Vefa erkannte ihren Mißgriff und suchte den ungünstigen Eindruck rasch zu verwischen, indem sie schmeichelte: »Es gibt im ganzen Vigiltal keinen angeseheneren Mann als den Klosterbauer, und einen klügeren gibt's auch nit. Um unsern Ambros brauchen wir nit zu sorgen, und wann sich daher eine gute Partie für die Lisei bietet, kannst du sie ruhig ziehn lassen. Eine gute Partie wär's doch, wann der Alte dem Jerg die Sägemühl abträt.«

»Aber das tut der Alte nimmer!« lenkte der Klosterbauer ein und schien den Schmied ganz vergessen zu haben. »Seine Frau gibt's nit zu, und ich kann's ihr nit verübeln, daß sie ihr junges Leben genießen will. Geht's auf der Mühl nit zu, als ob nix wie Feiertag im Kalender stünden? Damit würd's nachher aus sein. Denn woher soll's Geld zum lustigen Leben kommen, wann der Müller auf dem Altenteil sitzt? Red nit weiter von der Sach! Es fallt kein Kuppelpelz dabei für dich ab.«

Diese Gründe waren nicht leicht zu widerlegen, und daher schwieg Vefa. Sie netzte mit den Lippen die Spitze ihres Zeigefingers und strich nachdenklich ihre Brauen glatt, während ihr Bruder sich anschickte, zu den Heumachern auf die Wiese zu gehen.

»Nix zerbrochen?« rief es durch die offene Stubentür. Der Klosterbauer verneinte.

»Aber kommt herein, Meister Hartwanger«, fügte er hinzu, »und verschnauft Euch.«

»Das schlag ich nit aus«, antwortete der Rufer, ein schon bejahrter Mann, der ein Gestell mit Glasscheiben auf dem Rücken trug. Grüßend trat er über die Schwelle und stellte seinen Stock, auf den er seine Schirmmütze stülpte, in die nächste Ecke, worauf er sich vorsichtig seines Glaskastens entledigte.

»Uff, das macht warm! Aber gesegnetes Wetter fürs Heuen«, sagte er, während er ein blaugewürfeltes Tuch hervorzog, mit dem er sich die schweißtriefende Stirn trocknete.

»Man muß's halt nehmen, wie's ist«, meinte der Klosterbauer resigniert.

»Freilich«, bemerkte Hartwanger und setzte sich Vefa gegenüber an die andere Ecke des Tisches auf die Fensterbank. Er hatte kluge, ehrliche Augen, und als klug und rechtschaffen galt er überall, wohin er kam – und das war weit und breit in den Dörfern und Hütten der Gebirgstäler. Sein Geschäft beschränkte sich aber nicht auf das Flicken und Erneuern zerbrochener Fensterscheiben. Er war der Ratgeber, Vermittler und Kommissionär für alle Welt. Wenn den Leuten im Gebirge irgendeine Angelegenheit zuviel Kopfzerbrechen machte oder sie aus Not und Sorge keinen Ausweg wußten, dann setzten sie ihre letzte Hoffnung auf Hartwanger. Bei seiner Verständigkeit und Erfahrung wußte er dann auch in den meisten Fällen Rat und Hilfe, und dabei war er verschwiegen wie ein Beichtiger. Obgleich er gesprächig war – denn es gehörte zum Geschäft, den Leuten Neuigkeiten aufzutischen und somit die Zeitung zu ersetzen – glitten ihm anvertraute Geheimnisse dennoch nie über die Lippen.

Der Klosterbauer hatte inzwischen aus einem altmodischen Eckschrank eine halbvolle Flasche mit Kirschwasser und ein Gläschen genommen.

»Wie schaut's denn aus in der Welt?« fragte er, nachdem er dem Gast zugetrunken und dieser ihm Bescheid getan hatte.

»Ja, wie soll's ausschaun?« entgegnete Hartwanger. »Übel schaut's aus, wann ich auch nit verreden verreden – verkennen, bestreiten will, daß manches besser geworden ist, seitdem der Bayer Herr im Land ist.«

»Oho!« rief der Klosterbauer, der sich unterdessen einen Stuhl an den Tisch geschoben hatte.

»Nein, alles was wahr ist!« versicherte ruhig der Glaser. »Es geschieht jetzt bei uns doch was für die Schulen, und die Kinder werden zum Lernen angehalten. Auch mit unsern Gerichten ist's besser geworden. Es geht damit ordentlicher und schneller, und wann jetzt einer einen Handel hat, so braucht er nit mehr bis zum Jüngsten Tag auf einen Spruch zu warten.«

»So, so, das mag wohl richtig sein«, sagte der Wirt und fügte mit Selbstgefälligkeit hinzu: »Ich hab mein Lebtag keinen Prozeß noch einen Anstand mit den Gerichten gehabt.«

»Dazu kann einer gelangen, eh er's sich versieht«, meinte der Glaser. »Aber dann noch eins, Bauer, das müßt auch ihr merken! Seitdem der bayrische Schlagbaum nit mehr da ist, kommt von drüben vieles billiger ins Land, was wir vordem mit dem teuersten Groschen haben bezahlen müssen.«

»Ja, und auch das schlechte Geld und die hohen Steuern, die einer kaum noch aufbringen kann!« grollte der Klosterbauer.

»Dennoch hab ich mir sagen lassen, daß wir nit mehr zahlen als die im Bayerland drüben«, entgegnete Hartwanger. »Wir sind freilich ein armes Volk, und das macht einen Unterschied.«

»Und die Aufhebung der Klöster?« bemerkte Vefa. »Und daß wir nit mehr in Prozession zu den Heils- und Gnadenörtern betfahren betfahren – wallfahrten dürfen?«

»Das ist freilich die Kehrseite von der Sach, und die schaut schwarz genug aus«, gab Hartwanger zu.

»Und ist es denn wahr, daß der Bayer die Bildstöck an den Straßen verunehrt hat?« fragte Vefa. »Leute, die gestern in St. Lorenzen waren, haben's erzählt.«

»Ja, man hört's wohl von vielen Orten«, seufzte Hartwanger. »Heut morgen hat der Kreishauptmann in Bruneck die Kapelle auf der Fronwiesen zu St. Lorenzen zuschließen lassen.«

»Heilige Mutter Gottes, weshalb denn?« rief Vefa.

»Es soll gestern auf der Wiesen Händel gegeben haben, und dabei ist den Soldaten übel mitgespielt worden«, berichtete der Glaser.

»Davon hat der Ambros nix zu vermelden gewußt«, bemerkte der Klosterbauer mit einem Kopfschütteln, und der Gast fragte:

»Ist der auch dort gewesen?«

Als das bejaht wurde, machte er ein eigentümliches Gesicht; es schien anzudeuten, daß er sich's jetzt erklären könne, wenn es Streit auf der Fronwiese gegeben hatte. Von Vefa gedrängt, weitere Mitteilungen über den Hergang zu machen, antwortete er aber, daß er wegen der Sache nicht weiter nachgefragt habe. Reibungen zwischen Bayern und Tirolern seien ja etwas Alltägliches.

Vefa warf ihrem Bruder einen Blick zu, der ihn an den Schmied Wolfgang Lechner erinnern sollte. Die Miene des Klosterbauern blieb jedoch undurchdringlich. Er verstand es, hinter kalten, starren Augen zu verbergen, was er nicht sehen lassen wollte.

»Ich hab bloß noch gehört, daß der Kreishauptmann die heiligen Gefäße aus der Kapell hat wegnehmen lassen, damit ja keine Messe mehr dort gelesen werden kann«, fügte der Glaser seinen Mitteilungen noch hinzu. »Aber das ist ja schrecklich!« stöhnte Vefa.

»Wir haben alleweil zwei Päpst«, fuhr der Glasermeister fort, »aber der in Rom soll bei uns nix mehr zu sagen haben. Die Bischöf von Trient und von Chur oder Meran hat die Regierung aus dem Land gewiesen, weil sie die Gebote des heiligen Vaters höher geachtet haben als die des Königs von Bayern, und wer von den geistlichen Herrn fest zum Papst steht, der fahrt übel. Mancher Pfarrer bat darum schon vom Amt ins Gefängnis wandern müssen, wann er nit hat flüchten können. Sehr sanft wird dabei mit ihnen nit umgesprungen.«

»Wann so was meinem geistlichen Herrn geschäh – bei seinen Jahren hätt er den Tod davon«, rief Vefa beunruhigt.

»Ja, der Bayer ist gar herb und gewalttätig«, nickte Hartwanger. »Da hat mancher, der bei sich daheim zu nix gut war, bei uns einen Posten erwischt und spielt sich jetzt auf – je gröber, je besser. Sie schmeißen mit den Schimpfwörtern mir so um sich. Nix als dumme Bauernlümmel sind wir in ihren Augen. Sie meinen, es ging uns noch viel zu gut. Gleich sind sie mit dem Stock bei der Hand. Und ein Rentmeister im Mühltal, der hat sich gar zu sagen vermessen, es müßt noch dahin mit uns kommen, daß wir Gras fressen.«

»Daß dich ...!« schmetterte der Klosterbauer zornig die Faust auf den Tisch.

»Es wird ihm wohl nit vergessen werden«, meinte der Glaser. »Ja, ja, sie wissen sich halt nit zu lassen vor Hochmut und Übermut, und gnade Gott dem, der sich nur ein uneben Wort über das fremde Regiment verlauten laßt! Für den gibt's nit Recht noch Urteil.«

»Wo aber soll das nur hinaus?« fragte der Klosterbauer mit finster zusammengezogenen Brauen.

»Der Topf geht so lang zum Brunnen, bis er bricht«, versetzte Hartwanger mit gedämpfter Stimme. »Aber an alledem ist nur der Napolium schuld. Seitdem der Meister in der Welt ist, geht alles drunter und drüber. Wie's ihm gefallt und paßt, so müssen die Völker ihre Herrn wechseln, als ob sie schwarze Sklaven wie in dem Amerika wärn. Und die Herrn sind auch nit besser dran. Sie müssen tanzen, wie der Franzosenkaiser pfeift. Keiner kennt sich mehr in seinem eignen Land aus. Heut ist der Schlagbaum rot und weiß angestrichen, morgen blau und weiß. Es weiß keiner mehr, wann er sich zu Bett tz legt, als was er morgen aufstehn wird. An den grünen Tischen, da schneidern sie und schneidern sie.«

»Da könnt einer ja des Teixels werden!« murrte der Klosterbauer und schenkte sich ein Schnäpschen ein. Dem Gast bot er keinen an. Vefa machte jedoch seine Unhöflichkeit gut und, übernahm mit süßlichem Mundspitzen die Rolle der Hebe. Hebe – in der griechischen Mythologie Tochter des Zeus und der Hera; die Mundschenkin der Götter im Olymp. Ihr Bruder fuhr unterdessen fort:

»Die Steuern werden immer größer und die Bankozettel Bankozettel – die in den von Napoleon besetzten süddeutschen Ländern als Ersatz für die Gold- und Silberwährung herausgegebenen Valutenscheine, die im Laufe der Kriegs- bzw. Besatzungsjahre im Wert immer mehr sanken. und Kupfermünzen immer kleiner im Wert. Dazu stecken sie unsre jungen Burschen unters Militär und können nit genug Soldaten kriegen«

»Um dem Napolium die Kastanien aus dem Feuer zu holen!« warf der Glaser ein.

»So daß einer nur noch um schwern Lohn Leut für die Feldarbeit finden kann«, fuhr der Klosterbauer fort. »Grundschlecht sind die Zeiten.« Er schob seine Pelzmütze verdrießlich hin und her, und Hartwanger nickte zustimmend.

»Wenn nur einmal rechtschaffen Frieden in der Welt würd, so könnt noch alles gut werden«, meinte er. »Jetzt liegt der Preuß auch am Boden, wie alle anderen. Und sein Freund, der Russ, soll just von dem Napolium Schläg gekriegt haben, wie sie in Bruneck erzählen. Aber was hilft's, wann sie auch Frieden schließen – morgen gibt's wieder neue Händel irgendwo anders.«

Vefa warf ihrem Bruder einen bedeutungsvollen Blick zu und sagte:

»Ihr habt recht, Meister, und da denk ich: es ist nit gut in solchen Zeiten, wann der Mensch allein ist. Zu zweien tragt sich's leichter.«

»Ja, will die Jungfer denn noch heiraten?« fragte Hartwanger mit einem für Vefa nicht eben schmeichelhaften Erstaunen.

»Wann Ihr einen wüßtet, der mir ansteht, warum denn nit?« zierte sie sich halb im Scherz, halb im Ernst.

»Sie hat ja auch erst ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel«, höhnte ihr Bruder.

Vefa protestierte mit einem zornigen Gesicht, obgleich ihr Bruder den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.

»Weiß der Teixel, ihr Weibsleut habt alle dasselbe Unglück«, fiel er ihr ins Wort. »Euern Taufschein hat immer die Katz gefressen, so daß ihr nie wißt, wie alt ihr seid.«

»Wen wollt Ihr denn unter die Haub bringen?« lenkte der Glaser ab. »Der Sepp muß mich auch immer foppen; er ist solch ein Spaßvogl«, beruhigte sich Vefa.

Der Glasermeister machte verwunderte Augen zu der Behauptung, daß der Klosterbauer ein Spaßvogel sei. Dieser Mann, der immer in breitspuriger Würde einherging, als wolle er den Leuten zurufen:

Aufgeschaut, hier kommt der reiche Klosterbauer!, der sollte Späße treiben?

»Ich hab unsern Ambros gemeint«, fügte Vefa hinzu.

»Mit dem hat's schon noch Zeit«, wehrte ihr Bruder ab. »Ich war älter als er, wann ich geheiratet hab.«

»Jung gefreit, hat niemand gereut! Und reden kann man ja davon«, meinte die Schwester.

»Reden kann man freilich alleweil davon«, gab der Klosterbauer zu. »Ja, das kann man schon«, meinte auch der Glaser.

»Aber eine recht Feine muß's sein, Meister«, rief Vefa.

»Weibertratsch!« brummte ihr Bruder. »Schönheit ohne Geld tut's nit. Die Schönheit vergeht, das Geld bleibt. Ich hab's Gott sei Dank nit nötig, aufs Geld zu schaun; aber die Zeiten sind schwer, und Geld, das gibt allewege eine feine Musik.«

»Ihr kommt ja weit im Land umher, Meister Hartwanger«, nahm Vefa wieder das Wort. »Wann Ihr also eine Junge, Schöne und Reiche wißt, dann denkt an unsern Ambros.«

»Das ist ein seltener Vogel, den Ihr fangen wollt!« lachte der Glaser. »Mit dem Geld zumal will in diesen unruhigen Zeitläuften keiner rausrücken.«

»Gelt, Ihr könnt aber auch durch die Täler weit und breit mit der Latern suchen, eh Ihr einen Buben find't, der unserm Ambros das Wasser reicht!« rief Vefa lebhaft, und ihr Bruder bestätigte gelassen:

»Der Bub ist freilich mein eigen Fleisch und Blut; aber was wahr ist, das muß wahr bleiben.«

»Ein Prachtbub ist's«, nickte Vefa stolz ihrem Bruder zu.

Hartwanger hüstelte. »Die Gitsche, die den Ambros freien soll«, äußerte er, »wird noch was mehr nötig haben, als was die Jungfer vorher aufgezählt hat. Sie muß eine starke Hand haben, um den Ambros bei den Hörnern zu nehmen.«

»Die wird er sich schon ablaufen«, bemerkte der Klosterbauer, indem er sich mit einer Miene in die Brust warf, die andeuten sollte, daß auch er seinen wilden Hafer gesät habe und daß es dennoch jetzt in St. Vigil keinen respektableren Mann als ihn gebe.

»Freilich, du warst auch ein Wilder«, schmeichelte die Schwester, und die Hochmutswinkel seines Mundes verzogen sich wohlgefällig.

»Einen wilden Stier zu bändigen ist nit jeder Dirne ihr Geschmack«, sagte Hartwanger trocken. »Soll's denn im Ernst gelten?«

Vefa bejahte eifrig, während der Klosterbauer ein gedehntes »Meinetwegen« vernehmen ließ.

»Also der Ambros will heiraten? Hätt's nimmer gedacht«, schüttelte der Glaser den Kopf und sah die Geschwister tragend an.

»Tut Euch nur um, Meister, und schiebt's nit auf die lange Bank!« mahnte Vefa, einer Antwort ausweichend.

»Das wird nix nutzen, wenn der Ambros nit mit Euch einverstanden ist«, warf Hartwanger ein. »Denn Ihr wißt ja, wann der Ambros nit will, so will er halt nit.«

Der Klosterbauer zog die Brauen in die Höhe, erstaunt und befremdet, daß man seinem Willen gegenüber von dem eines andern sprach, und vollends von dem seines Sohnes. Darauf etwas zu erwidern, hielt er nicht der Mühe wert. Vefa aber sagte: »Darüber laßt Euch kein graues Haar wachsen. Er wird schon wollen, wann Ihr ihm eine recht Feine aussucht. Das ist die Hauptsach! Und ihre Verwandtschaft muß was vorstellen in der Welt. Er und sein Vater sind noch immer ein Herz und eine Seel gewesen.«

Darin hatte sie recht; denn Ambros hatte bisher noch immer seinen Willen durchgesetzt. Die Schwäche des Klosterbauern gegen ihn war die Eitelkeit, mit der er sich in dem Sohn spiegelte.

»Abgemacht also«, sagte Hartwanger, und die beiden Männer reichten sich zur Bekräftigung über den Tisch die Hände.

Vefa war sehr zufrieden mit sich. Endlich würde wieder eine standesgemäße Bäuerin auf dem Klosterhof residieren, und das war ihr Werk! Sie ließ ihre Augen über das vom Alter tief gebräunte Hausgerät gleiten und dachte sich in dieser etwas düsteren Umgebung, zu der das Holzgetäfel gut paßte, eine junge, schöne Klosterbäuerin aus reichbegüterter Sippe.

Hartwanger störte sie aus diesen Zukunftsträumen auf, indem er sich zum Aufbruch rüstete.

»Da es solche Eil hat«, scherzte er, »will ich mich nur gleich auf die Brautschau machen.«

Vefa begleitete ihn bis St. Vigil, während sich der Klosterbauer auf die Wiese begab, wo. sämtliches Gesinde, auch Ambros und Lisei, damit beschäftigt war, das frische Heu um Pfähle, durch die Querstäbe gezogen waren, in Raufen zu stellen.

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