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Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070806
projectid063f1d97
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Meiningen.

Es kam ein Brief; freudig erkannte Otto Hand der Aufschrift und Siegel. Zwei Freunde aus einer Stadt des südlichen Deutschlands, denen er, als ihm in ihrer lieben Nähe zu verweilen vergönnt war, oft und viel von Thüringen, seiner schönen Heimath, erzählt, waren daran, einen mehrmals zwischen den Dreien besprochenen Plan auszuführen: Otto zu besuchen und in dessen Geleit eine Reise durch Thüringen zu machen, um dieses Land, seine Natur, seine Bewohner und seine Sitten kennen zu lernen. Der noch nicht weit gereiste deutsche Südländer lässt sich nur gar zu oft durch das Prädicat Süd verleiten, sich den deutschen Norden, zu dem er Mitteldeutschland schon rechnet, rauh und unerquicklich zu denken, und stellt sich bisweilen eine Reise nach Italien leichter und ausführbarer vor, als eine nach dem Thüringer-Wald und dem Harz. Die Freunde, davon wir den einen Wagner, den andern Lenz nennen wollen, schrieben: »Rüste Dich zur Pilgerfahrt, denn wir kommen. Uns verlangt das Land zu durchwandern, das Du uns so oft gepriesen. Wir hoffen, dass keine seiner Naturschönheiten unter Deiner Leitung uns ungenossen, mindestens unbetrachtet entgehen soll. Wir sind doch begierig, die Reize kennen zu lernen, welche Dich so sehr umstricken, dass man Dich öffentlich einseitiger Vorliebe für Dein Thüringen zeiht! Diese, Deine Geliebte, zeige uns, als unpartheiischen Richtern und – Kennern. So viel wir wissen, wächst in Thüringen kein Wein, ausser jenen verrufenen Arten, die Kanonen vernageln, wenn man eine Libation auf das Zündloch giesst, und die zerstreute Armeen zusammenziehn. Das ist schon schlimm ! Und wie es am Wein gebricht, soll es auch an Wasser fehlen, Thüringen hat keine Seen. Siehst Du Freund, wir sind Kritiker, und Du bekommst einen schlimmen Stand, doch sei nicht bange; wir geben Dir unser Wort, es Dir nicht entgelten zu lassen, wenn wir nicht mit Deinen Augen sehen. In den ersten Tagen des Mai treffen wir bei Dir ein! Alles noch zu Sagende sei der frohen Stunde aufgespart, in der wir uns umarmen.«

Der Frühling war in das heitere Thal der Werra wie ein flammender Cherub unter Blitzen und Donnerschlägen eingezogen; im Sonnenregen troff er nieder, und jeder Tropfen küsste eine Blüthe wach. Den über der Bergkette des Thüringer-Waldes noch grollenden Donner jubelten Hunderte von Nachtigallen nach, und balsamische Frische hauchte aus allen Berggärten, in denen vom Fuss der Berge bis zum Gipfel die Bäume im vollem Blüthenschmuck prangten. Als Jean Paul das in Form einer Harfe erbaute und deshalb in alten Büchern Harfenstadt genannte Meiningen, wo er eine Zeitlang lebte und manchen guten Trunk that, ironisch scherzend »die Harfe ohne Klang« nannte, mag es wohl ausser ihm nicht Frühling gewesen sein, (in sich trug er Himmel und Frühling stets,) sonst hätte er Klanges genug vernehmen können. –

Der Lenz war da mit Sang und Klang, mit seinen Blüthen und Nachtigallen, die zu hören, selbst Fremde aus nahen und fernern Orten nach Meiningen reisen; die Meininger Frühlingskapelle wetteifert an Ruf im Nachbarland mit der Herzoglichen – und Otto freute sich innig darauf, die Erwarteten in diese Gratisconcerte zum Benefiz aller liebenden, zärtlichen, schmachtenden, sehnsüchtigen und überhaupt fühlenden und empfänglichen Herzen zu führen; wer aber nicht kam, waren seine Freunde.

Verhinderungen, diese so oft in des Lebens Freudenwege geworfenen Fussangeln und Sperrketten hatten auch hier unwillkommen gehemmt, und es währte bis zum Sommer, ehe alle fernere Hindernisse beseitigt, und aus dem Reisewege geräumt waren, für dessen Unterhaltung eine fleissige Correspondenz eifrig sorgte. Endlich kündete ein letzter Brief gewisse Ankunft, und Otto eilte den Nahenden eine Meile weit entgegen, um sie noch auf fränkischem Boden zu begrüssen. Im Dorfe Henneberg trafen die Freunde zusammen; das Wiedersehen nach jahrelanger Trennung war das Herzlichste, und Otto führte die Lieben sogleich hinauf zur Ruine des alten Grafenschlosses, wo die Drei auf die glückliche Fahrt bis hierher, und auf die fernere glückliche Fahrt durch Thüringen manchen Becher leerten. Den eifrigen Landschafter Wagner aber liess es nicht lange auf dem sonnigen Rasen des alten Burghofes, auf den sie sich gelagert, rasten, kaum waren über die Reise zu Otto und über das beiderseitige bisherige Ergehen Bericht erstattet, so sprang er schon auf, zog sein Skizzenbuch und eilte bewundernd an den runden Thurmkoloss dieser schönen Burgruine; »Welch ein Bau!« rief er den Freunden zu. Ganz verschieden von den Wartthürmen andrer Burgen, eher römisch, als deutsch, und für die Dauer von Jahrtausenden gefügt. Lenz und Otto traten nun ebenfalls näher, und der Letztere führte die Freunde in das Innere dieses sehenswerthen Verliesses, das früher keinen andern Eingang hatte, als oben an der gewölbten Kuppel eine runde Oeffnung, durch welche man die Gefangenen niederliess. »Dieser Eingang durch die zwei Mannslängen dicke Mauer wurde erst in spätrer Zeit gebrochen,« berichtete Otto, als sie das kühle hallende Rund des Innern betraten; »auch war der Thurm ursprünglich viel höher, denn jetzt zeichnet seine Höhe ihn nicht aus. Seine Bauart deutet allerdings auf ein hohes Alter hin, und Deine vorhin ausgesprochene Ansicht, Wagner, findet mindestens in der Sage eine Bestätigung. Diese lässt aus Italien einen edlen Römer nach Deutschland kommen, in der Absicht, sich darin niederzulassen. Als derselbe nun in lachender Gegend den isolirten Bergkegel hier gewahrte und bestieg, einen Burgplatz zu erspähen, da flog aus dem Gebüsch mit Geschrei eine Berghenne mit ihren Jungen vom Nest. Dem Römer, den der Berg gefiel, schien diess ein glückliches Omen, er erbaute die Burg, nannte sie Henneberg und wurde der Ahnherr eines reichen und angesehenen Grafen- und Fürstengeschlechtes im deutschen Mittelalter.«

Alle verliessen den Thurm, Wagner zeichnete ihn, und Otto wandelte indess mit Lenz nach einer Oeffnung der alten Ringmauer, durch welche, wie in einem Rahmen, ein herrliches Landschaftbild sich aufthat. »Wirf noch einen Abschiedblick auf Franken,« sprach er zu dem Freunde: »Sieh, wie majestätisch dort die Kette der hohen Rhön sich hinzieht, ein kahles und rauhes Gebirge, wildschön, voll öder Berghaiden und einsamer Rauhthäler. Durch dieses Fernrohr, das uns auf der Reise begleiten soll, wirst Du das riesige Kreuz, den Signalthurm und etwas vom Kloster sehen können.« – Sie wanderten wieder nach vorn, wo ausser dem Thurm noch sehr malerische Ruinen, die muthmasslichen Reste einer Kapelle, hohe Mauern mit weiten Bogen und der fast ganz verschüttete Brunnen besehen wurden, den einst mehre auf den Tod Gefangene graben mussten. Wagner zeichnete noch Einiges, und fröhlich plaudernd schritten die Wanderer aus dem Burgthor, in dem grünen schattigen Laubwald bergab. Als sie das am Fuss des Berges liegende Dorf erblickten, stand Otto still und sprach: »Seht jenes graue Bauerhaus dort unten; in diesem ist der letzte Fürstgraf von Henneberg, Georg, als er noch einmal sein von den Bauern zerstörtes Stammhaus besehen, gestorben. Und nun rechts um, der Wagen erwartet uns anderswo, wir machen eine Fusswanderung, und ich will sehen, wie ihr euch dazu anlasst, und ob ihr mit mir, euerm treuen und redseligen Cicerone, zufrieden seid!«

Als die Wanderer am Saum eines Waldes hinschritten, lag unten zur Rechten ein freundlicher grüner Thalgrund, in dessen Mitte ein stattliches Dorf sich ausbreitete, vor ihnen aber hob sich in blauer Ferne ein Theil des Thüringer-Waldes. Thal und Berge, Nähe und Ferne waren von der Nachmittagssonne herrlich beleuchtet, und auf dem Bergrücken wehte erfrischend stärkender Lufthauch.

»Seht dort hinab!« rief jetzt Otto, die Freunde in ihrem raschen Schritt anhaltend: »Was seht ihr?«– »Nun, ein Dorf!« war die Antwort. »Seht euch das bescheidene gelbe Herrenhaus, dort wo die beiden Tannen emporragen, nur recht an,« fuhr Otto fort: »Es ist Bauerbach!« – »Bauerbach, Schillers Asyl!« riefen die Freunde enthusiasmirt aus. »Ja, hier in diesem Thalfrieden, fern vom städtischen Geräusch, fern vom Wagen und Karossenlärm der Heerstrassen, war der edle Dichter wohlgeborgen, gab dem schon in Stuttgart vollendeten Fiesko die letzte Feile, schrieb Kabale und Liebe, und entwarf den Plan zum Don Carlos. Die Einsamkeit des Ortes und die Winterstille, die ihn umgaben, waren so recht geeignet, dem unter dem Namen Schmidt sich hier bergenden Flüchtlinge die innere Ruhe zu gewähren, welche ihm nach den trüben Erfahrungen, die er in Mannheim gemacht, so nöthig war, um ein Genie zu immer grösserer Reife zu führen, das die Welt mit unsterblichen Werken beschenkte. Er selbst schrieb damals von sich: »Ich bin an Ort und Stelle, wie ein Schiffbrüchiger, der sich mühsam aus den Wellen gekämpft hat.«

Ernst und still sahen die Freunde auf den Ort hernieder, den der Name des grossen Dichters für alle Zeiten merkwürdig machte, und brachten im Geist den Manen des Unsterblichen ein Todtenopfer. –

Durch die grüne Nacht eines herrlichen Buchenwaldes, durch dessen Laub hin und wieder goldene Sonnenstrahlen brachen, stiegen die Wanderer jetzt bergab, und wurden, als sie aus dem Gehölz traten, von einem herrlichen Landschaftbilde überrascht, dessen Hintergrund ein majestätischer Berg, die Geba, bildete. Dann erreichten sie das tief in die Thalbucht versteckte herzogliche Lustschlösschen Amalienruh, das auf alten Landkarten Sophienlust bezeichnet ist, und besahen in diesem ehemals fürstlichen Wittwensitz manches interessante allfränkische Geräth, manch hübsches Bild, zu welchem allen der ortskundige Otto Schlüssel und Kommentar gab. Dort erwartete der Wagen die Reisenden, sie fuhren nun rasch im fröhlichen Gespräch von dannen, bogen aber da, wo die Hochstrasse sich theilte, nicht zur Linken nach Meiningen ein, sondern fuhren thalaufwärts und über eine Anhöhe, wo sich in der Beleuchtung der späten Nachmittagssonne eine reizende Aussicht in das Werrathal aufthat; fünf Dörfer und das, wie ein Schlösschen prangende Hospital Grimmenthal lagen malerisch in den Gründen zerstreut, und über Ellingshausen grüsste ein Stück blauer Bergwald herüber, ein Theil der Thüringer-Waldkette in der Gegend von Suhl und Mehlis. »Wir fahren dorthin nach Grimmenthal, der Stätte einer einst berühmten Wallfahrt,« begann Otto, indem er auf den genannten Ort hinwiess: Jetzt ist dort ein reich dotirtes Hospilal für zwölf Pfründner, aus dem Aerar der Wallfahrtskirche fundirt.«

»Du fährst uns in den Spittel?« fragte Lenz mit leisem Spott. »Nicht hinein,« entgegnete Otto: »ihr sollt nur dort im Hofe des Hospitals etwas sehen, dessen Gleichen wir auf unsrer Fahrt durch ganz Thüringen nicht wohl zum zweitenmale erblicken werden.« Als das heitre Haus Grimmenthal erreicht war, über dessen Thor ein wohlerhaltnes Hennebergisches Grafenwappen sich zeigte, wie neben an eine alte eingemauerte Inschrift, beide aus den Trümmern der einst so berühmten und schönen Wallfahrtskirche gerettet, bedurfte das zu Schauende keines besondern Hinweises. Die Fremden staunten. Ein kolossaler Lindenbaum, um welchen einige Gartenkanapees standen, hob seine Blälter und Blüthenfülle empor. »Welch herrlicher Baum!« riefen Wagner und Lenz aus, indem der erste ihn mit dem Blick des Malers, der andere ihn mit dem Auge des Naturkundigen beschaute. Zwei riesige Aeste stiegen von dem nicht hohen, aber umfangreichen Stamm hoch empor, jugeudlich kräftig grünend und blühend, oben aber gesichert durch Balken verbunden, denn der uralte Stamm, welcher schon einen, und zwar den grössten seiner riesigen Aeste verlor, ist hohl und marklos. Während Wagner eine Skizze von der ehrwürdigen Wahlfahrtlinde nahm, umklafterte sie Lenz, und brachte nach sorgfältiger Messung ein Umfangresultat von sechsunddreissig Fuss heraus. »Wie alt hältst Du den Baum?« fragte Otto, »Achthundert Jahre und darüber zählt er gewiss,« gab Lenz zur Antwort. Unter dem grünen, duftenden, bienendurchsummlen Laubdach des uralten Baumgiganten sassen bei einem frugalen Abendbrod, das der Speiser des Hospitals auftrug, die drei Freunde. Die Sonne küssle noch den Wipfel und die Berghöhen, von den nahen Dörfern klang Abendglockengeläute herüber. Ein freundlicher Greis, der älteste Pfründner, lustwandelte im Hof, und Otto erzählte den Freunden die Geschichte des Wahlfahrtortes. »Jener alte Mann, und dieser Baumgreis,« begann er: »wecken in mir stets die gleiche Empfindung einer gewissen Wehmuth, die ihren Duftschleier über den Ort breitet. Dieser liegt mitten in der Gegenwart, wie ein Stück alte Zeit, wie ein Chronikblatt, darauf viel von Meteoren, Wundern und Abenteuern zu lesen ist. Die Wallfahrt entstand, als ein erkrankter Ritter vor einem alten Muttergottesbilde unter dieser Linde kniete, um Genesung flehte, und wie durch ein Wunder genas. Das Wunder »des Glaubens liebstes Kind« flog von Mund zu Mund, erst kamen Hunderte, dann Tausende, gleichen Glückes theilhaftig zu werden; Glaube half, Dankbarkeit opferte, bald hob sich ein prächtiger Tempel hier, und es wuchs noch der Ruf des wundertätigen Gnadenbildes, während schon hoch am Himmel die Sonne Luthers stand. Das Land Henneberg war hinter dem Schritt der Zeit zurück geblieben, da warf diese einen Blick zurück in das grüne Thal, und hauchte den Nebelschleier, der es noch deckte an, dass er zerrann. Luthers Zorn donnerte gegen Grimmenthal, sein Wort flog wie ein siegreicher Königsaar über das Gebirge herüber, die Henne erschrak, die Madonna stand einsam.« – »Und die Kirche?« fragte Wagner. »Die schöne Kirche ward Ruine; diese wäre eine Zier der Gegend geblieben, aber sie ward, wie so manche andere im lieben deutschen Vaterland, ökonomischen Zwecken geopfert, nur die Linde hier, die uns mit fallenden Blüthen überträufelt, steht als Zeugin jener romantischen Vergangenheit noch da.«

»Almae naturae!« rief Lenz den Becher emporhebend gegen das duftige Gelaub. »Leben und Gegenwart! Lange noch schirme den Baum die Hamadryade! Mit diesem Wunsche lasst uns vom Grimmenthal scheiden!« – Die Freunde brachen auf, rasch trug sie der leichte Wagen durch die Thalebene, und die im letzten Abendschein friedlich liegenden Dörfer. Grau und ernst lag die ehemalige Veste Massfeld mit ihren starken Mauerthürmen da, und Otto erzählte noch von diesem alten Grafenschloss, von der Belagerung, die es im dreissigjährigen Krieg erlitten, von der reichen Waffensammluug, die es in seinem Zeughaus einst bewahrt, wie von dem jetzigen Gebrauch des alten Baues, als Zucht- und Besserungsanstalt – als die Freunde bereits in der schönen, eine Stunde langen Allee fuhren, die sie bis an das Thor von Meiningen brachte. Aus öffentlichen Berggärten schimmerte Lichtglanz sternenhell durch die beginnende Sommernacht, um die lebendigen Zäune flogen Leuchtkäfer, und lustwandelnde Gestalten belebten alle Wege. Der Wagen hielt an Ottos Haus, noch einmal rief er den Freunden zu, sie umarmend: »Willkommen!« –

Einen Tag nur hatten die Gefährten zur Rast bestimmt; Otto, selbst schon zur Weiterfahrt gerüstet, suchte diesen so gut als möglich dazu zu benutzen, jenen das wenige Sehenswerthe in rascher Uebersicht vorüberzuführen, das eine kleine Residenz von nur 570 Häusern und 5600 Einwohnern darbieten kann, selbst wenn sie, wie Meiningen, unter der Aegide eines kunstsinnigen und alles Schöne und Gute eifrig fördernden Fürsten immer wachsender Verschönerung entgegenblüht.

Ueber den regelmässigen und sehr geräumigen Marktplatz, auf welchem die oft erneute, aber schon im Jahr 1003 erbaute Stadtkircbe mit ihren zwei Thürmen steht, führte Otto seine Freunde durch die untere Marktstrasse, zeigte ihnen im Vorübergehen das Haus, in welchem Jean Paul gewohnt und liess dabei nicht unbemerkt, dass das gestern von ihnen besehene Grimmenthal dessen Lieblingsspaziergang und Aufenthalt gewesen; bezeichnete dann ein anderes Haus als Wohnung von Schillers Schwester, und ein drittes als das, welches einst der fruchtbare Romanschriftsteller Carl Gottlob Cramer besessen, bevor er als Lehrer an der nahen Forstakademie, dreissig Acker andern Wohnsitz und endlich dort auch ein Grab gefunden. »Meiningen sah« sprach Otto im Weitergehen erzählend zu den Freunden: »zu Ende des vorigen und im Anfang des jetzigen Jahrhunderts unter Herzog Georg manche erfreuliche Bestrebung in literarischer und artistischer Beziehung. Der Herzog selbst voll Geist und überall anregend, hätte gern nach dem Beispiel Weimars einen Kreis von ruhmvoll genannten Literaten und Künstlern an seinem Hofe versammelt, allein es lag nicht in den Verhältnissen, diesen Wunsch in würdigster Ausdehnung erfüllt zu sehen, und manchen schönen Plan zerriss des edlen Herzogs allzufrüher Tod. Als ausgezeichneter geistlicher Liederdichter lebte damals Pfranger hier, bekannt durch sein Gegenstück zu Lessings Nathan: Der Mönch von Libanon; der Bibliothekar Reinwald, Schillers Freund und Schwager, zeichnete sich durch witzige Epigramme aus; auf dem herzoglichen Liebhabertheater wurden, mit Verdrängung des damals noch herrschenden französischen Geschmacks, gediegene Stücke aufgeführt, wie Lady Johanna Gray, von Wieland; Julius von Tarent, von Leisewilz und Andern. Leisewitz schrieb damals selbst an Reinwald und sprach sich über die Idee des Stücks gegen diesen aus. So lebte auch der berühmte Maler Reinhard in Rom eine Zeillang als Gast bei dem Herzog, und hinterliess hier manches Bild, manche Zeichnung und Skizze. Später während Cramers überfruchtbare Muse den Romanenheishunger der gewöhnlichen Lesewelt lange Zeit hindurch befriedigen half, streute hier Ernst Wagner die edleren Blüthen seines am Guten und Schönen erwärmten und durchbildeten Geistes aus, welche die wohlverdiente Anerkennung fanden.«

Unter dieser Erzählung waren die Freunde zur Esplanade vor dem Residenzschloss der Elisabethenburg gekommen, das von da aus gesehen sich auf keine Weise vortheilhaft darstellt; ein Rundbau deckt und versteckt das Hauptgebäude, und nur der eine Flügel, das sogenannte alte Schloss, tritt mit alterthümlichem Giebeldach hervor. In diesen Theil des Schlosses führte Otto zunächst seine Freunde; es ist darin die 30,000 Bände starke Bibliothek befindlich, zu welcher Herzog Bernhard I. schon durch eine bändereiche Büchersammlung den Grund legte, die durch bedeutende Ankäufe Herzog Anton Ulrichs beträchtlich vermehrt, und durch die Liberalität Herzog Georgs 1782 zuerst dem grossen Publikum an bestimmten Tagen zugänglich gemacht wurde. Die Bibliothek, an Geschichtswerken älterer Zeit am besten ausgestattet, hat auch eine schöne Atlanten- und Bibelsammlung, eine jedoch kleine Anzahl Manuscripte, und unter ihren Druckseltenheiten eine Armenbibel, einen höchst seltenen Pergamentdruck der Institutionen von Peter Schöffer von Gernsheim, wie eine prachtvolle erste Ausgabe des Theuerdank auf Pergament, mit gleichzeitig kolorirten Holzschnitten aufzuzeigen. Den letztern widmete Wagner besondere Aufmerksamkeit, und bemerkte nicht unpassend, dass die eigenthümliche von den Neuern als unkünstlerisch verbannte und vermiedene Manier der Alten, die Lichtstellen und manche Konturen der Bilder mit Gold zu höhen, diesen Letztern einen ganz besondern Reiz gäbe, und die Lebhaftigkeit des Bildes hervortreten lasse, ja diese erst recht eigentlich hervorhebe. Otto nahm das Wort: »Wie die fromme Gluth der Alten in den Glorien um Heiligenköpfe gleichsam eine sinnliche Verkörperung suchte und fand, so scheint mir in dieser Weise die Lebenswärme und Lebensfrische des deutschen Mittelalters abgespiegelt, ein farbiges, fröhliches, bewegtes Getriebe, dessen Bild vom Gold der Freude gehöht erschien, wo sich die Gestalten ungezwungen und harmlos bewegten, während wir lieben, uns in schwarzen und oft schwermuthvollen Ernst zu kleiden, den freilich manches drückende Weh der Zeit und Gegenwart entschuldigt und rechtfertiget; dennoch barg sich auch hinter ihrem Goldschimmer gar manches Trübe, das wir ja nicht zurückwünschen wollen.«

Die Zeit war zu kurz um für diessmal der Bücherei mehr als flüchtigen Einblick in ihre Schätze zu widmen, und bald standen die Freunde in der kleinen Gemäldesammlung, die ebenfalls in einem Saale des Schlosses aufbewahrt wird. Dem Prachtstück derselben, einer Kreuzabnahme von Hannibal Caracci ward vor Allem gebührende Aufmerksamkeit und Bewunderung geschenkt. Dabei wurde von Otto bemerkt, dass eine grosse Anzahl der besten Gemälde noch in den herzoglichen Zimmern hängt, durch welche vermehrt, die Gallerie allerdings bedeutender erscheinen würde, in der sich noch eine schöne dem Lenardo da Vinci zugeschriebene Madonna mit dem Kinde und sehenswerthe Stücke aus der deutschen und niederländischen Schule von berühmten Meistern befinden.

Die Fremden besahen hierauf im Geleit des einheimischen Freundes, der sie auf alles nur irgend Sehenswerthe mit patriotischem Eifer aufmerksam machte, noch das ebenfalls nicht grosse, aber an Mineralien, Korallen und ähnlichen Seeprodukten und geschliffenen Steinarten ziemlich reiche Naturalienkabinet, wo Lenz mit besonderer Freude den Forscherblick auf einer grossen Steinplatte mit den Relieftazzenabdrücken des antediluvianischen problematischen Chiroterium weilen liess, die aus den Hessberger Steinbrüchen hierher kamen. Otto legte Sicklers Heft: Die Plastik der Urwelt zur Ansicht und zum Vergleich darüber vor, und bat, Urtheil und Besprechung bis zur Autopsie am Fundort dieser räthselhaften Thierfärthen zu verschieben, welche die Aufmerksamkeit der Forscher Europas zwar auf sich gezogen haben, aber nicht von allen die gleiche Würdigung fanden.

Unvermerkt war der Mittag herbeigekommen, doch wurde, um den Nachmittag und Abend zu Ausflügen ins Freie benutzen zu können, dem Antiquarium des hennebergischen Alterthumsvereins noch vor Tische ein Besuch vergönnt, und in Augenschein genommen, was dieses noch junge Institut während seines Bestehens bereits an Harnisch und Waffenwerk, mittelalterlichem Geräth, Münzen und Anticaglien acquirirte. Hier nahmen einige alterthümliche Taufbecken mit wunderlicher Schrift und eine Trompetengeige oder Marinetrompete ob ihrer seltsamen Form und Bauart neben andern Gegenständen, die Aufmerksamkeit besonders in Anspruch. Von der ersten, der Beckenschrift, berichtete Otto, dass sie immer noch nicht entschieden gelesen und gedeutet sei, obgleich sich die gewiegtesten Forscher daran versucht, und, dass durch immer neue Entdeckungen solcher und ähnlicher, oft merklich abweichender Schriften auf allen Becken und blos auf Becken, die Entzifferung nur erschwert, die Deutung verwirrt werde. Als Lenz die Frage aufwarf, was eigentlich Haupttendenz dieses und ähnlicher Vereine sei, und ob man sie überhaupt zeitgemäss nennen dürfe, da sie mehr ein Stehenbleiben, als ein Weiterschreiten, ein Zurückblicken statt ein Vorwärtsschauen zu bezeichnen schienen, legte Otto die den Verein betreffenden und von diesem veröffentlichten Literalien vor und äusserte sich nebenbei folgendermassen: »Die zahlreichen historischen Vereine Deutschlands, welchen partiellen Namen, ob sächsisch, thüringisch, wetterauisch, hessisch, voigtländisch, bennebergisch u. s. w. sie immer führen mögen, haben alle den gleichen löblichen Doppelzweck: Erforschung und Aufhellung der vaterländischen Geschichte, und Erhaltung der Geschichtsdenkmäler. Den wahren wissenschaftlichen Nutzen der ersten Beziehung können nur die verneinen, welche aus gewissen Motiven das Kind mit dem Bade ausschütten und gar keine Geschichte mehr gelten lassen wollen; und die zweite Beziehung tadeln kann nur rohe Barbarei, denn in ihren weiten Bereich gehören alle Schätze des Kunstfleisses der Vorfahren und viele von ihnen werden da zur Geschichtsquelle, wo Schrift und Urkunde schweigen oder ganz fehlen. Nicht um zu sammeln, sammeln die Vereine, sondern um an und von dem Gesammelten zu lernen, und hier gewinnt oft selbst ein anscheinend geringfügiger Gegenstand Werth und Bedeutung. So seht ihr z. B. hier einige längliche an beiden Seiten geschärfte Feuersteine; wer sie nicht kennt, wird sie kaum des Aufbewahrens werth erachten, erfährt er aber, dass die alten Germanen sich derselben als Pfeilspitzen und Messer bedienten, dann wird er sie wohl eines aufmerksamem Blickes würdigen.« »Friede sei mit euch!« warf Wagner lächelnd ein, um Otto den Faden einer Rede abzuschneiden, die länger zu werden drohte, als eben nöthig, und man trat heiter aus der Atmosphäre des Alterthumstaubes in das helle Mittagssonnenlieht, um sich an dem zu erfreuen, was in der Gegenwart Gott beschert.

Nach Tische führte Otto seine Gäste, bevor sie ihre Promenade antraten, erst noch zu dem mit Recht ruhmvoll genannten Hofkunstdrechsler Schulz, der mit seinem Bruder, Zwillingssöhnen unermüdet thätig, schon mehr als ein deutsches Kunstkabinet mit gelungenen Elfenbeinarbeiten zieren half. Diese Künstler-Familie, schlicht und bürgerlich einfach, zeigte mit der freundlichsten Bereitwilligkeit eine Anzahl herrlicher Becher, mit zahlreichen Hautrelieffiguren, theils biblische Gegenstände nach Albrecht Dürer, theils Jagdstücke nach Bidinger den bewundernden Freunden vor.

Meiningen hat, obgleich durch seine Lage in einem Thal etwas beschränkt, sehr freundliche Umgebungen und den Promenirenden hemmen in den herrschaftlichen Anlagen weder abweisende Wachtposten, noch drängen sich auf jedem Tritt Warnungstafeln in den Weg, noch auch wandeln spähende Aufseher mit müssiger Behaglichkeit umher. Das kleinliche und peinliche pedantische Zopfwesen, das sonst kleinere und grössere Residenzen namentlich auch in dieser Beziehung charakterisirte, ist verschwunden. Otto führte seine Freunde durch die Schattenallee des Bleichgrabens, machte sie im Vorübergehen auf das schöngebaute und zweckmässig eingerichtete Georgenkrankenhaus, wie auf das stattliche Gebäude der Bernhardschen Erziehungsanstalt für junge Engländer aufmerksam, welches Letztere sich eines höchst vortheilhaften Rufes erfreut und zahlreich besucht ist, und gelangte so mit ihnen zu dem Thore, durch das sie gestern einpassirten. Von dieser Seite nimmt sich die Stadt nicht eben vortheilhaft aus. Die Brücke überwandelnd sahen die Fremden auf einem Berge in halbstündiger Entfernung ein hohes Haus emporragen und fragten den Geleiter danach. »Es ist die Forstakademie Dreissigacker« antwortete Otto: »die berühmte Schöpfung Herzog Georgs, zu deren Gründer und Lenker der Naturforscher Bechstein berufen ward. In einer Zeit, wo die Forst- und Jagdkunde als Wissenschaft noch in der Wiege lag, erhob sich dort auf jenem Berge ein Institut, das bald in ganz Deutschland, ja im fernsten Ausland mit Ruhm genannt wurde, und wesentlichen Antheil an den Fortschritten hatte, die seitdem die Forstwissenschaft machte. Das wetteifernde Aufblühen anderer Akademien, und das in einigen Ländern erfolgte Verbot des Besuchs ausländischer Anstalten hemmte erst später einigermassen die Frequenz; der empfindlichste Schlag traf aber die Forstakademie durch den Tod Bechsteins, obgleich dort immer noch Tüchtiges geleistet und gelernt wird. Des Naturforschers Name war die Aegide von Dreissigacker. Immer noch kann man ältere und jüngere Forstmänner mit Enthusiasmus von ihm reden hören, er war allgeschätzt als Gelehrter, eifrig als Lehrer, thätig als Staatsdiener, hülfreich als Menschenfreund, und der heiterste Gesellschafter, ein Mann im vollen Sinne des Wortes. Vielen hat er wohlgethan, vielen mit Rath und That geholfen, leicht sei ihm die Erde des stillen Friedhofs dort oben!«

Otto schwieg gerührt und unterdrückte, um sich nicht wehmüthig zu stimmen, das Beste, was er noch hätte sagen können.

Durch die schönen Anlagen des Herrnbergs schritten die Lustwandler und übersahen von dessen massiger Höhe die Stadt und das heitre Thal. Otto machte die Freunde darauf aufmerksam, wie von hier aus die alte Harfenform der Stadt noch am besten bemerkbar sei, die freilich durch die neue Vorstadt merklich verändert wurde. Das Residenzschloss zeigt sich hier in seiner ganzen Grösse, die imponiren könnte, läge es nicht ungünstig und versteckt, und fehlte ihm nicht äusserlich alle architectonische Zier. Freundlich blickt, dicht neben der unten am Fuss des Bilsteins vorbei fliessenden Werra, welche der Landschaft hier wahrhaft malerischen Reiz verleiht, das Naturalienkabinet aus dem schattigen Laubdach der hohen Ulmen und Kastanien des Schlossgartens. An mehren öffentlichen Gesellschaftsgärten vorüber gelangten die Spaziergänger, nachdem sie den lachenden Thalgrund nach Süden hinauf, nach Norden hinab überschaut, der heitern Villa Jerusalem und den ruinengekrönten Landsberg, auf welchem ein fürstlicher Neubau im gothischen Styl sich jetzt erheben soll, verweilenden Blick gegönnt, auf den Schützenhof, wo die gesellige Freude ihren Festsitz aufgeschlagen hatte, und die vortreffliche Blechmusik des herzoglichen Jägerkorps für eine bunte Menge willkommenen Ohrenschmaus bereitete. – Der Abend sank nieder, als Otto seine Gäste am schönen Theater und dem geräumigen Bazar vorbei und durch die sanftgewundenen Wege des Parks führte, in dessen Nähe sich eine neue gothische Kirchhofkapelle erhebt. Hinter dieser stieg voll und gross der Mond über die nahen Berge, und milder Abendfriede sank mit seinem magischen Licht auf die Welt.

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