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Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Erster Theil - Kapitel 3
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Erster Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
correctorreuters@abc.de
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II.

Die Reisenden.

Zu jener Zeit, in der sich unsere Geschichte ereignet, unterlag Mexiko einer seiner schrecklichen Krisen, deren periodische Wiederkehr dieses unglückliche Land allmählich in die äußerste Noth versetzt hat, aus welcher sich allein wieder zu erheben, es ohnmächtig ist. Hier in wenigen Worten die Thatsachen, welche sich ereignet hatten.

Der General Zulaoga, zum Präsidenten der Republik ernannt, hatte eines Tages, man weiß nicht weshalb, die Last für seine Schultern zu schwer gefunden und zu Gunsten des Generals Don Miguel Miramon abgedankt, der dem zufolge zum interimistischen Präsidenten ernannt worden war. Dieser, ein energischer und überdies sehr ehrgeiziger Mann, hatte seine Herrschaft in Mexiko begonnen, indem er vor Allem Sorge trug, seine Ernennung zur ersten obrigkeitlichen Würde des Landes durch den Congreß, der ihn einstimmig erwählt hatte, bestätigen zu lassen.

Miramon war also nach Recht und Gesetz rechtmäßiger interimistischer Präsident, das heißt für die Zeit, welche noch vor den allgemeinen Wahlen verfließen mußte.

So standen die Sachen eine geraume Zeit, aber Zulaoga, ohne Zweifel durch die Unbedeutendheit, in welcher er lebte, gelangweilt, änderte eines schönen Tages seine Meinung, und in einem Augenblicke, wo man es am Wenigsten erwartete, verbreitete er unter dem Volke eine Proclamation, verständigte sich mit den Parteigängern Juarez', – welche Letzterer bei der Abdankung Zulaoga's in seiner Eigenschaft als Vicepräsident, den eingesetzten Nachfolger nicht anerkannt und sich durch eine sogenannte nationale Junta zum constitutionellen Präsidenten in Vera-Cruz hatte erwählen lassen – und erließ eine Verordnung, nach welcher er seine Abdankung zurücknahm, Miramon seiner ihm anvertrauten Macht enthob und sie von Neuem selbst zu übernehmen erklärte.

Miramon schenkte dieser ungewöhnlichen Erklärung nur geringe Beachtung; stark in seinem Recht, welches er zu haben glaubte und welches der Congreß sanctionirt hatte, begab er sich allein nach dem, von dem General Zulaoga bewohnten Hause, bemächtigte sich seiner Person und zwang ihn, ihm zu folgen, indem er mit spöttischem Lächeln sagte:

»Da Ihr die Macht wieder zu übernehmen wünscht, will ich Euch lehren, wie man Präsident der Republik wird.«

Und ihn als Geißel behaltend, obgleich er ihn mit der größten Rücksicht behandelte, nöthigte er ihn, ihn auf einem Feldzug zu begleiten, welchen er in die Provinzen des Innern, nach Guadalajara zu, gegen die Generäle der entgegengesetzten Partei unternahm, die, wie wir bereits erwähnt haben, den Namen der Constitutionellen angenommen hatten.

Zulaoga leistete keinen Widerstand; er ergab sich anscheinend in sein Schicksal, ja, er ging so weit, sich gegen Miramon zu beklagen, daß er ihn nicht ein Commando in seiner Armee anvertraute. Dieser ließ sich durch seine scheinbare Ergebung täuschen und versprach ihm, daß bei der ersten Schlacht sein Wunsch befriedigt werden sollte. Aber eines schönen Morgens, waren Zulaoga und die Generaladjutanten, die man ihm beigegeben hatte, vielmehr um ihn zu bewachen, als ihm eine Ehre zu erweisen, plötzlich verschwunden und man vernahm einige Tage später, daß sie sich zu Juarez geflüchtet hatten, von wo Zulaoga von Neuem gegen die Gewalt, deren Opfer er gewesen war, zu protestiren und neue Verordnungen gegen Miramon zu erlassen begann.

Juarez ist ein hinterlistiger, schlauer und tiefer Verstellung fähiger Indianer; ein geschickter Staatsmann, ist er der einzige Präsident der Republik, welcher seit der Unabhängigkeitserklärung nicht zur Armee gehört. Hervorgegangen aus den niedrigsten Schichten der mexikanischen Gesellschaft, erhob er sich allmählich kraft seiner Zähigkeit bis zu dem hohen Posten, welchen er heute einnimmt. Da er den Charakter der Nation, welche er zu regieren behauptet, besser als irgend Jemand kennt, so weiß auch keiner den Leidenschaften des Volkes so gut zu schmeicheln und den Enthusiasmus der Massen so zu erregen wie er. Mit einem unmäßigen Ehrgeiz begabt, den er sorgfältig unter dem düsteren Scheine einer tiefen Liebe zum Vaterlande verbirgt, war es ihm gelungen, sich nach und nach eine Partei zu schaffen, welche zu der Zeit, von der wir reden, furchtbar geworden war. Der constitutionelle Präsident hatte seine Stadthalterschaft in Vera-Cruz errichtet und kämpfte aus der Tiefe seines Cabinets durch seine Generäle gegen Miramon.

Obwohl er von keiner Macht als der der vereinigten Staaten anerkannt wurde, so handelte er dennoch, als ob er der wirklich rechtmäßige Bevollmächtigte der Nation gewesen wäre; der Beitritt Zulaoga's, den er im Grunde seines Herzens wegen seiner Feigheit und Nichtigkeit verachtete, lieferte ihm die Waffe in die Hand, deren er benöthigt war, um seine Pläne zu einem guten Ende zu führen. Er machte es gleichsam zu einem Schutz für seine Partei, indem er forderte, daß Zulaoga zuvor in die Macht, aus welcher ihn Miramon verdrängt, wieder eingesetzt und alsdann zu neuen Wahlen geschritten werden sollte. Uebrigens zögerte Zulaoga nicht, ihn als den einzigen, durch die freie Wahl der Bürger rechtmäßigen Präsidenten feierlichst anzuerkennen.

Die Frage war klar ausgesprochen: Miramon repräsentirte die conservative Partei, das heißt die der Geistlichkeit, der großen Grundbesitzer und des Handels; Juarez dagegen die absolut demokratische Partei.

Der Krieg nahm damals furchtbare Dimensionen an. Leider braucht man zum Kriegführen Geld, und Geld war es, was Juarez gänzlich fehlte, und zwar aus folgenden Gründen:

In Mexiko ist das öffentliche Vermögen nicht in den Händen der Regierung concentrirt; jeder Staat, jede Provinz behält das Recht der freien Verfügung und Verwaltung der Privatbesitzungen der Städte, welche einen Theil seines Gebietes ausmachen. Anstatt daß die Provinzen also von der Regierung abhängen, sind diese und die Hauptstadt dem Joche der Provinzen unterworfen, welche, sobald sie sich empören, die Subsidien einbehalten und die Gewalt in eine kritische Lage bringen. Ferner befinden sich zwei Dritttheile des öffentlichen Vermögens in den Händen der Geistlichkeit, die sich wohl hütet, etwas davon wieder herauszugeben, und welche, da sie weder Abgaben noch Verbindlichkeiten irgend welcher Art zahlt, sich begnügt, ihr Geld zu ziemlich hohen Zinsen auszuleihen und erlaubten Wucher damit zu treiben, was sie noch mehr bereichert, ohne daß sie jemals ihr Capital riskirt.

Juarez, obwohl Herr von Vera-Cruz, befand sich also in einer sehr schwierigen Lage; aber er ist vor allen Dingen ein Mann, der sich zu helfen weiß, und um das Geld aufzutreiben, welches ihm fehlte, war er durchaus nicht in Verlegenheit. Er begann damit, auf den Zoll in Vera-Cruz Beschlag zu legen, dann bildete er Cuadrillas oder Guerillas, die sich keinen Scrupel machten, die Haciendas der Anhänger Miramon's, der in dem Lande wohnenden, größtentheils reichen Spanier und Fremden aller Nationen, bei denen sie etwas Gutes zu finden hofften, zu überfallen. Mit diesen Thaten begnügten sich diese Guerillas nicht einmal: sie unternahmen es sogar, die Reisenden zu plündern und die Eisenbahnzüge zu überfallen; man glaube nicht, daß wir die Thatsachen vergrößern, im Gegentheil wir stellen sie geringer dar. Um gerecht zu sein, müssen wir hinzufügen, daß Miramon seinerseits es nicht daran fehlen ließ, dieselben Mittel anzuwenden, sobald sich die Gelegenheit dazu bot, aber sie war selten, seine Lage war nicht so abenteuerlich wie die Juarez', um mit wirklichem Nutzen in trübem Wasser zu fischen.

Allerdings handelten die Guerillas anscheinend aus eigenem Antrieb, was die beiden Regierungen höchlichst mißbilligten, die sogar bei gewissen Gelegenheiten mit Strenge gegen sie einzuschreiten schienen, indessen war der Schleier so durchsichtig, daß diese Comödie Niemand täuschte.

Mexiko war demnach in der That in eine unendliche Räuberhöhle umgestaltet, in welcher die Hälfte der Bevölkerung die andere beraubte und mordete.

Dies war die politische Lage des unglücklichen Landes zu der Zeit, von der wir sprechen; zweifelhaft ist es, ob sie sich seitdem sehr geändert hat, wofern sie nicht noch schlimmer geworden ist.

An demselben Tage, wo unsere Geschichte ihren Anfang nimmt, zur Zeit, als die noch unter dem Horizonte befindliche Sonne das tiefe Blau des Himmels mit ihren goldigen und purpurnen Strahlen zu färben begann, bot ein aus Schilfrohr errichteter Rancho, der, trotzdem er ziemlich geräumig war, einem Hühnerkorbe glich, in einer so frühen Morgenstunde einen seltsam belebten Anblick dar.

Dieser mitten in einer köstlichen Gegend, kaum einige Schritte von dem Rincon-Grande erbaute Rancho war seit Kurzem in eine Venta oder Herberge verwandelt worden für solche Reisende, die durch die Nacht überrascht oder welche aus irgend einem andern Grunde es vorzogen, daselbst Halt zu machen, anstatt bis zur Stadt ihren Weg fortzusetzen.

Auf einem ziemlich großen vor der Venta freigelassenen Raum waren im Halbkreis die Ballen mehrer Frachtfuhren mit einer gewissen Symmetrie übereinander aufgeschichtet, in der Mitte dieses Kreises kauerten die Arrieros neben dem Feuer und dörrten Tasajo zu ihrem Frühstück oder reparirten die Saumsättel ihrer Pferde, die, gruppenweiß vertheilt, ihren auf die Erde geschütteten Vorrath von Mais verzehrten. Eine mit Koffern und Schachteln beladene Berline war etwas seitwärts in einem Schuppen untergebracht und stand neben einem Postwagen, der durch einen Unfall an einem seiner Räder gezwungen gewesen, an diesem Orte Halt zu machen. Mehrere Reisende, welche die Nacht, in ihre Zarape gehüllt, unter freiem Himmel zugebracht hatten, erwachten aus ihrem Schlummer, andere gingen, ihre Papelitos rauchend, auf und ab, während einige Lebhaftere bereits ihre Pferde gesattelt hatten und nach verschiedenen Richtungen im Galopp davon sprengten.

Bald darauf kam der Kutscher der Post unter seinem Wagen hervor, wo er, tief im Grase vergraben, geschlafen hatte, gab seinen Thieren zu fressen, verband ihre durch das Geschirr geriebenen Wunden, spannte sie ein und begann daraus seine Passagiere zusammenzurufen. Diese, durch sein Geschrei erweckt, kamen schlaftrunken aus der Venta hervor und schickten sich an, ihre Plätze im Wagen einzunehmen. Es waren neun Personen; außer zwei europäisch gekleideten und leicht für Franzosen zu erkennenden Individuen, trugen alle Andern die mexikanische Tracht und schienen wirkliche hijos de pays, das heißt Kinder des Landes zu sein.

In dem Augenblick, wo der Kutscher oder Mayoral, ein Amerikaner reinen nordischen Blutes, – nachdem es ihm vermittelst einiger mit schlechtem Spanisch untermischten Yankéeflüche, gelungen war, seine Reisenden, so gut es ging, in seinen durch die Stöße des Weges halb verstauchten Wagen unterzubringen, die Zügel ergriff, um aufzubrechen, ließ sich der Galopp von Pferden mit Säbelgeklirr vermischt, vernehmen und eine Reitertruppe, in fast militairischer, aber sehr defecter Tracht, machte vor dem Rancho Halt.

Diese aus einigen zwanzig Männern mit wahren Galgengesichtern bestehende Truppe war von einem Alferez oder Unterlieutenant commandirt, der ebenso armselig wie seine Soldaten gekleidet war, dessen Waffen jedoch nichts zu wünschen übrig ließen.

Dieser Officier war ein langer, magerer und nerviger Mann, mit tückischer Physiognomie, schielendem Blick und rußiger Hautfarbe.

»Holla! Gevatter,« rief er dem Mayoral zu, »Ihr brecht sehr früh auf, scheint mir.«

Der einen Augenblick vorher so grobe Yankee war plötzlich wie umgewandelt; er verbeugte sich demüthig mit verstelltem Lächeln und antwortete mit einer schleppenden, einfältigen Stimme, indem er eine große Freude, – die er wahrscheinlich nicht empfand, – zur Schau trug.

»Ah! Valga me dios! das ist ja der Sennor Don Jesus Dominguez! Welch' glückliches Zusammentreffen! Eine so große Freude hätte ich mir diesen Morgen nicht träumen lassen; kommt Eure Herrlichkeit, um die Post zu escortiren?«

»Nein, heute nicht; eine andere Pflicht führt mich her.«

»Oh! Eure Herrlichkeit hat ganz recht, meine Passagiere verdienen keineswegs eine so ehrenvolle Begleitung; es sind Costenos, die mir nicht sehr reich zu sein scheinen, überdies werde ich gezwungen sein, wenigstens auf einige Stunden in Orizaba zu verweilen, um meinen Wagen zu repariren.«

»Dann lebt wohl und geht zum Henker!« antwortete der Officier.

Der Mayoral zögerte einen Augenblick, worauf er, anstatt dem Befehl zum Aufbruch Folge zu leisten, schnell von dem Bock stieg und sich dem Officier näherte.

»Ihr habt mir irgend eine Nachricht zu geben, nicht wahr, Gevatter« sagte dieser.

»Ja, Sennor« antwortete der Mayoral, verstellt lachend.

»Ah! ah!« meinte der Andere, »und was ist das für eine? Ist sie gut oder schlecht?«

»Der Rayo ist auf dem Wege nach Mexiko voran.«

Der Officier schauderte unmerklich bei dieser Eröffnung, aber sich sogleich wieder beherrschend, sagte er:

»Ihr seid im Irrthum.«

»Ah! doch nicht; ich habe ihn gesehen, wie ich Euch sehe.«

Der Officier schien einige Minuten zu überlegen.

»Es ist gut, Gevatter, ich danke Euch; ich werde meine Vorsichtsmaßregeln treffen. Und Eure Passagiere?«

»Es sind arme Tröpfe, außer den beiden Dienern eines französischen Grafen, dessen Koffer und Kisten allein den ganzen Wagen ausfüllen, die Andern sind nicht der Mühe werth, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Habt Ihr die Absicht, sie zu visitiren?«

»Ich bin noch nicht dazu entschlossen, werde es mir jedoch überlegen.«

»Nun, Ihr werdet schon handeln, wie Ihr es für gut findet. Verzeiht, wenn ich Euch jetzt verlasse, Sennor Don Jesus; meine Passagiere werden unruhig, ich muß aufbrechen.«

»Auf Wiedersehen denn!«

Der Mayoral bestieg seinen Sitz; peitschte auf die Maulesel und der Wagen rollte mit einer Schnelligkeit dahin, die wenig beruhigend für Diejenigen war, welche er umschloß und die bei jeder Wendung des Weges Gefahr liefen, ihre Knochen zu zerbrechen.

Sobald der Officier sich allein sah, näherte er sich dem mit dem Messen des Mais beschäftigten Venturo und fragte in hochmüthiger Weise:

»Habt Ihr nicht einen spanischen Caballero und eine Dame hier?«

»Ja,« antwortete der Venturo, indem er den Kopf mit einer mit Furcht gemischten Ehrerbietung entblößte, »ja, Herr Officier, ein ziemlich bejahrter Caballero ist gestern in Begleitung einer ganz jungen Dame etwas nach Sonnenuntergang in jener Berline, die Ihr dort vor der Thür des Rancho erblickt, angekommen; sie hatten eine Eskorte bei sich. Nach Dem, was die Soldaten gesagt haben, kommen sie von Vera-Cruz und begeben sich nach Mexiko.«

»Es ist so, ich bin gesandt, um ihnen bis Puebla-de-Los-Angelos als Eskorte zu dienen; aber sie scheinen es nicht eilig zu haben; dennoch wird der Tag lang werden und sie würden nicht übel daran thun, sich zu beeilen.«

In diesem Augenblick öffnete sich eine innere Thür, ein reich gekleideter Mann trat in den gemeinschaftlichen Raum und nachdem er leicht seinen Hut gelüftet und dabei sein Ave Maria purissima ausgesprochen hatte, schritt er auf den Officier zu, der ihm, sobald er ihn erblickte, einige Schritte entgegen ging.

Diese neue Persönlichkeit war ein noch rüstiger Mann von ungefähr fünf und fünfzig Jahren; seine Gestalt war hoch und elegant, seine Gesichtszüge schön und edel, ein Ausdruck von Offenheit und Güte lag über seiner Physiognomie verbreitet.

»Ich bin Don Antonio de Carrera,« sagte er, den Officier anredend, »ich habe die Worte, die Ihr mit unserem Wirth austauschtet, gehört und glaube, die Person zu sein, welche Ihr zu eskortiren, den Auftrag habt, Herr.«

»In der That, Sennor Caballero,« erwiderte höflich der Unterlieutenant, »der von Euch ausgesprochene Name ist allerdings der in meiner Ordre befindliche; ich erwarte daher Eure Befehle.«

»Ich danke Euch, Sennor, meine Tochter ist etwas leidend, ich müßte fürchten, wenn wir so früh aufbrechen, daß ihre zarte Gesundheit einer Krankheit unterliegen würde; wenn es Euch daher nicht ungelegen kommt, so werden wir noch einige Stunden hier bleiben und erst nach unserem Frühstück, welches Ihr mit uns zu theilen mir die Ehre erweisen werdet, abreisen.«

»Ich danke Euch vielmals, Caballero,« versetzte der Officier, indem er sich höflich verbeugte, »aber ich bin nur ein einfacher Soldat, dessen Gesellschaft einer Dame nicht angenehm sein würde; Ihr wollt mich daher gütigst entschuldigen, wenn ich Eure freundliche Einladung ablehne, für welche ich indessen eben so dankbar bin, als wenn ich sie annähme.«

»Ich bestehe nicht darauf, Herr, obwohl es mir schmeichelhaft gewesen wäre, Euch als Gast zu haben; so ist es also abgemacht; nicht wahr, daß wir noch hier bleiben werden.«

»So lange es Euch beliebt, Sennor, ich wiederhole, ich bin ganz zu Eurem Befehl.«

Nach diesem wechselseitigen Austausch freundlicher Redensarten trennten sich die Beiden; der Greis trat wieder in das Innere des Rancho und der Officier ging hinaus, um das Bivouac seiner Truppe einzurichten.

Die Soldaten sprangen von ihren Pferden, befestigten dieselben an einen Pfahl und begannen, ihre Cigarre rauchend, auf und ab zu gehen, indem sie Alles mit jener den Mexikanern eigenthümlichen unruhigen Neugier betrachteten.

Indessen hatte der Officier leise einem Soldat einige Worte zugeflüstert, und dieser, anstatt dem Beispiel seiner Gefährten zu folgen, war wieder zu Pferde gestiegen und im Galopp davon geritten.

Gegen zehn Uhr Morgens spannten die Diener des Don Antonio de Carrera die Pferde vor die Berline, worauf einige Minuten später der Greis erschien.

Er führte eine Dame am Arme, die dergestalt in ihren Schleier und Mantel eingehüllt war, daß man buchstäblich nichts von ihrem Gesicht erkennen, noch die Eleganz ihrer Gestalt errathen konnte.

Sobald die junge Dame bequem in der Berline untergebracht war, wendete sich Don Antonio zu dem Officier, der sich ihm rasch genähert hatte.

»Wir wollen aufbrechen, wenn es Euch recht ist, Herr Lieutenant,« sagte er.

Don Jesus verneigte sich zustimmend.

Die Eskorte schwang sich in den Sattel, der Greis stieg in die Berline, deren Schlag von einem Diener geschlossen wurde, welcher sich darauf an die Seite des Kutschers setzte; vier andere wohl bewaffnete Diener nahmen ihren Platz hinter dem Wagen ein.

»Vorwärts,« rief der Officier.

Die Hälfte der Eskorte bildete die Vorhut, die andere Hälfte die Nachhut; der Kutscher trieb durch Peitschenhiebe seine Pferde an und Wagen und Reiter, in rasendem Galopp davongetragen, verschwanden in einer Staubwolke.

»Gott schütze ihn!« murmelte der Venturo, indem er sich bekreuzte und in seiner Hand zwei Goldunzen klingen ließ, die ihm Don Antonio gegeben hatte; »dieser Greis ist ein würdiger Edelmann; unglücklicher Weise ist Don Jesus bei ihm und ich fürchte sehr, daß seine Begleitung ihm Unheil bringt.«

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